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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Philaletes - Die Göttliche Komödie - Hölle

DER DRITTE KREIS.
Unter den Schlemmern findet sich Ciacco, der nach Boccaccio in Florenz eine gewisse öffentliche Rolle als lustiger Genießer gespielt zu haben scheint. Seine Prophezeiung betrifft die Florentiner Ereignisse in den Jahren 1301 und 1302. Der Schluß des Gesanges besagt, daß die Leiden größer sind, wenn der irdische Leib jenen Schatten wieder zu teil würde, die Menschwesen wieder vollständig macht. Die "Lehre" ist aristotelisch. Man vergleiche damit die umgekehrte Anwendung im "Paradies".

Als heimgekehrt der Sinn, der aus Erbarmen
Mit jenem Schwagerpaare sich verschlossen,
Das durch Betrübnis gänzlich mich verstöret,

Sah neue Martern ich um mich und neue
Gemarterte, wie ich nun mich bewegte
Und wie ich wandte mich und wie ich schaute.

Ich bin im dritten Kreise nun des Regens,
Des ew'gen, kalten, läst'gen, flucherfüllten,
Dem nie Gesetz, noch Eigenschaft sich wandelt.

Unreines Wasser, Schnee und schwerer Hagel
Ergießt sich durch der Lüfte Finsternisse,
Und stank entsteigt der Erde, die es aufnimmt.

Das Untier Zerberus, seltsam und wütig,
Bellt aus drei Kehlen nach der Art der Hunde
Die Menge an, die überschwemmt hier lieget.

Rot sind die Augen, schwarz der Bart und triefend,
Der Bauch geräumig und beklaut die Pfoten,
Womit's die Geister krallt, zerfleischt und vierteilt.

Sie heulen Hunden gleich ob solchen Regens.
Mit einer Seite schirmen sie die andre,
Oft wenden sich die armen Gottvergessnen.

Als Cerberus uns wahrt', der große Lindwurm,
Riß er die Mäuler auf und wies die Hauer,
Kein Glied hatt' er am Leibe, das er still hielt.

Doch seine Spannen streckte aus mein Führer,
Erfaßte Erde, und mit vollen Fäusten
Warf er hinein sie in die gier'gen Schlünde.

Gleich einem Hunde, welcher bellend fordert,
Und sich beruhigt, da den Fraß er beißet
Und jetzt bloß aufs Verzehren sinnt und strebet,

Dem ähnlich machten's die unflät'gen Schnauzen
Des Dämons Cerberus, der so die Geister
Durchdröhnet, daß sie taub zu werden wünschten.

Wir schritten, ob den Schatten, die des Regens
Gewicht herabdrückt, unsre Sohlen setzend
Auf ihre Nichtigkeit, die Menschen gleichet.

Sie lagen all' am Boden, bis auf einen,
Der sich bebend aufrichtete zum Sitzen,
Als er uns sah bei sich vorüberwandeln.

„O du, der durch dies Höllenloch geführt wird,
Erkenne mich, wenn du's vermagst,” sprach jener,
„Du tratest in die Welt, eh' ich heraustrat.”

Und ich zu ihm: ‚Die Qualen, die du leidest,
Entziehn vielleicht dich mir aus dem Gedächtnis
So, daß es scheint, nie hab' ich dich gesehen.

Doch sage mir, wer bist du, der an solchen
Schmerzvollen Ort zu solcher Pein gesandt ward?
Wenn andre größer, ist mißfäll'ger keine.’

Und er zu mir drauf: „Deine Stadt, die voll ist
Von Neid, so daß der Topf schon überfließet,
Umschloß mich dort in jenem heitern Leben.

Ihr Bürger gabt mir einst den Namen Ciacco.
Ob der verderbenreichen Schuld der Kehle
Schlägt, wie du siehst, mich nieder hier der Regen.

Nicht bin ich hier die einz'ge Sünderseele;
denn alle diese leiden gleiche Strafe
Ob gleicher Schuld.” Mit diesem Wort vertummt' er.

Und ich versetzte: ‚Ciacco, dies dein Leiden
Drückt mich so sehr, daß drob ich weinen möchte;
Doch sprich, weißt du es anders: wohin kommt es

Wohl mit den Bürgern der entzweiten Stadt noch,
Ist einer drin gerecht, und sag' die Ursach',
Warum so große Zwietracht sie befallen?’

Und jener drauf zu mir: „Nach langem Streite
Kommt es zum Blut, und die Partei der Neuern
Vertreibt die anderen mit vielem Schimpfe;

Doch kurz darauf, noch innerhalb drei Sonnen
Muß jene fallen und die andre siegen,
Durch dessen Übermacht, der fern schon lauert.

Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen,
Die andre schwerbelastet niederhaltend,
Wie sie darob auch wein' und sich erbose.

Zwei sind gerecht, doch will man sie nicht hören,
Stolz, Neid und Habsucht, das sind die drei Funken,
Woran der Bürger Herzen sich entzündet.”

Hier endet' er die trauerreichen Töne,
Und ich zu ihm: ‚Wohl möcht' ich, daß du weiter
Belehrtest mich, mir mehr der Worte gönnend.

Tegghiajo, Farinata, die so würdig,
Auch Jacob Rusticucci, Heinrich, Mosca
Und andre, die den Sinn aufs Rechttun wandten,

Sag', wo sie sind, und laß mich sie erkennen;
Denn großer Wunsch ergreift mich, zu erfahren,
Ob Himmelswonn', ob Höllengift ihr Teil ist.’

Und jener drauf: „Die sind bei schwärzern Seelen;
Verschiedne Schuld drückt nieder sie zu Boden,
Du schaust sie, wenn so weit hinab du steigest.

Eins bitt' ich, wenn zur süßen Welt du kehrest,
So rufe mich den Freunden ins Gedächtnis.
Mehr sag' ich nicht, und mehr geb' ich nicht Antwort.”

Die graden Augen wandt' er drauf zum Schielen,
Blickt' mich ein wenig an, beugte das Haupt dann,
Häuptlings hinsinkend, gleich den andern Blinden.

Und zu mir sprach der Führer: „Der erwacht nicht,
Eh' der Drommetenruf des Engels schallet
Bei ihres Widersachers Machterscheinung.

Sein traurig Grab wird jeder wiederfinden,
Sein Fleisch dann und sein Äußres wiedernehmen
Und hören, was in Ewigkeit ihm nachhallt.”

So gingen, langsam schreitend, durch das schnöde
Gemisch der Schatten hin wir und des Regens,
Vom künft'gen Leben einiges berührend.

Drum sprach ich: ‚Meister, jene Martern, werden
Sie nach dem großen Urteilsspruch wohl wachsen,
Abnehmen oder gleich an Schärfe bleiben?’

Und er zu mir: „Kehr' heim zu deiner Lehre,
Die will, daß, je vollkommener ein Wesen,
Es Freud' und Schmerzen um so mehr empfinde.

Wiewohl nun dies verfluchte Volk zu wahrer
Vollkommenheit nie reift, ist es bestimmt doch,
Mehr, als vorher es war, nachher zu werden.”

Wir wandten uns im Kreis, auf diesem Wege
Weit mehr besprechend, als ich wiedersage,
Und kamen zu dem Punkt, wo man herabsteigt,

Hier trafen Plutus wir, den großen Feind, an.

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