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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Der kunstvolle Dichter verschweigt, wie er sich aus seinem Schmerz erhoben, wie er sinnend weiter geschritten und stellt sich sogleich, mit wieder aufgethanem Sinne umherschauend, im dritten Höllenkreise dar. Hier stürzt beständig Hagel, Schnee und Gußregen herab, die Erde zu stinkendem Wust umwandelnd, worin die Schlemmer ewig liegen, wie sie im Leben oft genug gelegen. Sie können sich (s. V. 94) aus dem Wust nicht mehr erheben und wenden sich nur hin und her, mit einer Seite die andre schirmend: ein wahres Bild von der Schlemmer Streben nach nur augenblicklicher Abhülfe, die ihnen doch keinen Frieden und kein dauerndes Behagen schafft. In dem Dämon Cerberus ist ihre irdische Gier verkörpert, die sich nun hier gegen die körperlosen, leeren Seelen wendet und sie schüttelt und zerreißt. Wüthend springt Cerberus gegen die Dichter an; aber Virgil wirft ihm mit vollen Händen in die drei Rachen Erdschlamm, womit er sich sättigt und beruhigt. Nun schreiten sie über die Nichtigkeit der am Boden liegenden Schatten hin, deren einer, ein Florentiner und guter Politiker, Namens Ciacco, sich noch einmal halb erhebt, und, auf Dantes Befragen, einiges vom künftigen Schicksal der Stadt Florenz, prophezeit. Dante frägt ihn nach andern berühmten Florentinern und erfährt, daß er sie in tieferen Höllenkreisen antreffen werde. Ciacco bittet ihn hierauf, seiner in der Welt zu gedenken, und sinkt auf immer in den Schlamm zurück. Die Dichter aber gehn weiter, einiges vom zukünftigen Leben nach der leiblichen Auferstehung besprechend, und gelangen endlich zur innern Gränze des dritten Kreises, wo sie in den tieferen, vierten hinabsteigen und den Dämon der Schätze, Plutus, den großen Feind der Menschheit antreffen.

Als wiederkam der Sinn, der sich verschlossen,
Vor jener zween Verschwägerten Bedrängniß,
Das durch Betrübniß gänzlich mich verwirret:

Andere Qualen, andere Gequälte
Erseh' ich rings um mich, wie ich mich rege,
Wie ich mich wend' und wie ich um mich blicke.

Ich bin im dritten Kreis', in dem des Regnens,
Des ewigen, verfluchten, kalten, schweren,
Deß Art und Weise niemals Wechsel kennet.

Gewalt'ger Hagel, trübe Fluth und Schnee wird
Da durch die dunkle Luft herabgeschüttet:
Es stinkt die Erde dort, die solches aufnimmt.

Und Cerberus, ein Thier grausam und greulich,
Mit dreien Schlünden, nach Art der Hunde, bellt er
Auf jene Schaar, die tief versenkt ist.

Die Augen hat er roth, den Bart besudelt
Und schwarz, den Bauch dick und beklaut die Tatzen:
Er krallt die Geister, rüttelt und zerreißt sie,

Der Regen macht sie heulen gleichwie Hunde,
Mit einer Seite schirmen sie die andre,
Oft wenden dort sich die elenden Sünder.

Wie Cerberus, der ries'ge Wurm, uns merkte,
That er den Rachen auf, wies seine Hauer:
Nicht ein Glied hatt' er, das er still gehalten!

Nun reckete mein Führer beide Spannen,
Ergriff des Erdreichs und mit vollen Fäusten
Warf er's hinein ihm in die gier'gen Schlünde.

Und, wie ein Hund ist, der im Bellen geifert,
Und sich beruhigt, wenn den Fraß er knirschet,
Den er allein zu schlingen strebt und kämpfet:

Dem ähnlich wurden jene trif'gen Lefzen
Des Dämon Cerberus, der dort andonnert
Die Seelen, so, daß gern sie taub sein möchten.

Wir schritten über die Schatten, die Gußregen
Zusammen schwemmt, und setzten unsre Sohlen
Auf ihre Nichtigkeit, die Wesen scheinet.

Sie lagen an der Erd' all' mit einander;
Nur Einer war, der schnell sich hub zum Sitzen,
Sobald er uns an ihm vorübergehn sah.

„O du, der durch die Hölle hier geführt wird,
Sprach er zu mir: erkenne mich, vermagst du's!
Du wardst geboren, ehe ich zerstört war.”

Und ich zu ihm: „„Vielleicht entrückt die Pein'gung,
Die du erleidest, so dich meinen Sinnen,
Daß mir's nicht scheint, daß ich dich je gesehen.

Doch sag' mir, wer du bist, der zu so traur'ger
Wohnstatt verdammt und so beschaffner Pein'gung,
Daß, giebt es größ're, keine doch so widrig.””

Und zu mir sprach er: „Deine Stadt, die Neides
So voll ist, daß der Sack schon überschüttet,
Umfing auch mich in jenem heitern Leben.

Ihr Bürger pflegtet Ciacco mich zu nennen,
Und wegen der fluchwürd'gen Schuld der Kehle,
Wie du ersiehst, vergeh' ich hier am Regen.

Doch ich unsel'ge Seele bin nicht einsam;
Denn alle Diese sind in gleicher Strafe,
Um gleiche Schuld.” - Mehr sagt' er da nicht weiter.

Ich aber sprach zu ihm: „„Ciacco dein Leiden
Drückt so mich, daß es Thränen mir entlocket,
Doch, weist du's, sage mir, was wird noch werden

Aus jenen Bürgern der entzweiten Stadt dort,
Ob Einer drin gerecht, auch sag' die Ursach,
Warum so großer Zwiespalt sie befallen?””

Und er zu mir: „Nach langem Zwiste kommen
Zu Blut sie; aber die Parthei vom Walde
Verjagt die andere mit viel Beleid'gung.

Doch fügt sich's dann, daß diese fällt und, ehe
Noch drei der Sonnen schwinden, sinkt die Andre,
Kraft Eines, welcher dicht am Ufer kreuzet.

Hoch tragen wird sie lange Zeit die Stirnen,
Mit schweren Lasten die Andre nieder haltend,
Wie sie auch drüber wein' und deß sich schäme.

Zwei sind gerecht, allein nicht angehöret.
Hochmuth und Neid und Geiz sind die drei Funken,
Die Aller Herzen dort entzündet haben.”

Hier macht' er seinem Klagelaut' ein Ende.
Und ich zu ihm: „„Noch will ich, daß du mehr mich
Belehrst und mir noch mehr der Rede schenkest.

Farinata und Tegghiajo, die so würdig,
Jacopo Rusticucci, Arrigo und Mosca
Und die Andern, die den Sinn gewandt auf Rechtthun:

Sag mir, wo sind sie? Lehr' auch die mich kennen:
Sehr drängt es mich zu wissen: ob der Himmel
Sie sänftigt, ob die Hölle sie erbittert?””

Und er: „Dieselben sind bei schwärzern Seelen:
Verschiedne Sünden ziehn sie tief zum Grund hin;
Steigst du so weit hinab, magst du sie schauen.

Doch, wenn du wieder in der süßen Welt bist,
Bitt' ich dich: bring mich Andern ins Gedächtniß!
Mehr sag ich nicht, antworte dir nichts weiter.”

Drauf kehret' er den graden Blick in's Schielen,
Sah mich ein wenig an, das Haupt dann neigt' er -
Und sank mit ihm hin wie die andern Blinden.

Mein Führer aber sprach: „Der hebt sich nimmer,
Bis einst vom Schall der himmlischen Posaune
Wenn ihre feindliche Gewalt erscheinet,

Ein Jeder schaut das traur'ge Grab dann wieder,
Nimmt wiederum sein Fleisch und seine Bildung
Und hört, was in die Ewigkeit fortdröhnet.”

So gingen wir durch wustiges Gemenge
Von Schatten und von Regen, langsam schreitend,
Berührend Ein'ges vom zukünft'gen Leben.

Weshalb ich sagte: „„Meister, diese Martern,
Ob sie wohl wachsen nach dem großen Richtspruch,
Ob sie sich lindern, ob so brennend bleiben?””

Und er zu mir: „Kehr' um zu deiner Lehre,
Die will, daß, je vollkommner ist ein Wesen,
Je mehr soll Lust es fühlen und auch Schmerzen.

Obwohl nun diese Schaaren der Verdammten
Zu wirklicher Vollendung nie gelangen;
Doch hoffen sie dann mehr zu sein, als jetzo.”

Wir wandelten so rundum jene Straße,
Viel mehr besprechend, als ich wiedersage,
Gelangten wir zum Ort, wo man hinabsteigt:

Hier trafen Plutus wir, den großen Feind, an.

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