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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Philaletes - Die Göttliche Komödie - Hölle

DER ZWEITE KREIS.
Hier, in der eigentlichen Hölle, tritt das Heulen an die Stelle des Seufzens. Minos, der Totenrichter, ist nach der Auffassung des Mittelalters in einen Teufel verwandelt. Sein Schweif kündet durch die Zahl der Ringe den Kreis. Ruhelos, wie es die Wollust mit sich bringt, treibt ein Wirbelwind die Sünder umher. Von den Genannten soll Semiramis die sündige Liebe zu ihrem Sohn durch ein Gesetz sanktioniert haben. Die Liebe Francesca da Riminis und Paul Malatestas ist erst durch Dantes wunderbare Verse berühmt geworden. Boccaccios Kommentar erzählt die Geschichte, die damals tiefen Einruck machte: von der Tochter Guido von Polents, der Dante während der letzten Jahre seines Lebens bei sich aufnahm. Sie war ohne Liebe mit Pauls Bruder Johann vom Vater vermählt worden. Johann überraschte die beiden und erschlug sie. Das Buch ist ein Ritterroman aus den Zyklus der Tafelrunde. Lanzelots Tapferkeit half König Artur, den König Gallehaut (Galeotto) mehrfach zu besiegen, seine Vermittlung führte zur Versöhnung. Zum Dank vermittelt Gallehaut die Zusammenkunft des Ritters mi der verehrten Königin und bestimmt sie, den schüchternen Jüngling zu küssen. Dantes Ergriffenheit braucht nicht durch Erinnerung an sündige Liebesregungen erklärt zu werden: auch der Kontrast dieses endlosen Jammers zu so zarten Gefühlen genügt, um seine Erschütterung zu begrünen.

So stiegen von dem ersten Grund wir nieder
Zum zweiten, welcher mindern Raum umgürtet,
Doch größern Schmerz, der bis zum Heulen peinigt.

Hier stehet Minos grauenvoll und knirschend;
Er untersucht die Schuld beim Eintritt, richtet,
Und weist hinab nach Zahl der Schweifeschwingen.

Ich sage, daß, wenn die verruchte Seele
Vor ihm erscheint, sie alles ihm gestehet,
Und jener Kenner der Vergehen, schauend,

Was für ein Ort der Hölle für sie tauget,
Umschlingt so oft sich mit dem Schweif, als Stufen
Er sie hinunter will gesendet wissen.

In Scharen stehn sie stets vor ihm, sie treten
Der Reih' nach zum Gericht, bekennen, hören
Den Spruch und werden dann hinabgeschleudert.

„Der du der schmerzenreichen Wohnung nahest,”
Sprach zu mir Minos, als er mich erblickte,
So hohen Amtes Übung unterbrechend,

„Wahr' deinen Eintritt, schaue, wem du trauest,
Laß dich des Eingangs Breite nicht betrügen!”
Und drauf zu ihm mein Führer: „Was doch schreist du?

Verhindre nicht sein vorbestimmtes Wandern,
Man will es so an jenem Ort, wo man
Vermag das, was man will - und frag' nicht weiter.”

Anjetzt beginnen schmerzenvolle Töne
Hörbar zu werden; dorthin nun gelangt' ich,
Wo vieles Jammern mich erschüttern sollte.

Ich kam zu einer lichtberaubten Stätte,
Wo's gleich dem Meer beim Ungewitter brüllet,
Wenn es zum Kampf erregte Stürme peitschen.

Der Wirbelwind der Hölle, nimmer ruhend,
Führt jähen Zuges mit sich fort die Geister,
Zur Qual umher sie schwingend und sie schüttelnd.

Wenn in des Abgrunds Nähe sie gelangen,
Da geht es an ein Klagen, Schrein und Jammern,
Da schallet Lästrung gegen Gottes Allmacht.

Und ich vernahm, daß zu dergleichen Qualen
Verdammt sei'n die fleischlichen Verbrecher,
So die Vernunft den Lüsten unterwürfen.

Gleichwie beim Reif' die Star' auf ihren Schwingen
In breiten, dichten Scharen sich entfernen,
So führt die Windsbraut hier die schlimmen Geister

Hierhin und dorthin, aufwärts und hernieder,
Und keine Hoffnung kann sie jemals trösten,
Auf Ruhe nicht, ja nicht auf mindres Leiden.

Und wie die Kranich' kläglich kreischend ziehen
In Lüften, eine lange Reihe bildend,
So sah ich, laut Geheul erhebend, Schatten,

Von jenem Sturm getragen, sich uns nahen.
Da sprach ich: ‚Meister, wer sind jene Seelen,
Die von der düstern Luft gepeitscht so werden?’

„Die erste derer, über die du Nachricht
Zu haben wünschest.” sprach zu mir nun jener,
„Ist vieler Zungen Kaiserin gewesen.

Der Unzucht Laster war sie so ergeben,
Daß ihr Gelüst sie durch Gesetz erlaubte,
Die Schande, die sie traf, von sich zu wälzen.

Sie ist Semiramis, von der wir lesen,
Daß sie auf Ninus folgt', und sein Gemahl war.
Das Land besaß sie, das der Sultan dränget.

Die andr' ist die, die liebend sich getötet
Und Treue brach der Asche des Sichäus.
Kleopatra, die Wollüstige, folgt ihr.”

Ich sah auch Helena, ob der im argen
So viele Zeit verstrich; Achill, den Großen,
Der bis zuletzt gerungen noch mit Liebe.

Paris und Tristan sah ich, mehr als tausend
Der Schatten nannt' und zeigt' er mit Finger,
Die unsrerm Leben Liebe einst entführte.

Nachdem von meinem Meister ich vernommen
Der alten Ritter all' und Frauen Namen,
Ergriff mich Mitleid, daß ich wie verwirrt stand.

‚O Sänger!’sprach ich, ‚mich verlangt zu reden
Mit jenen beiden, die vereint dort wallen
Und von dem Wind so leicht getragen scheinen,’

Und er zu mir: „Sieh zu, wenn sie uns nahen,
Und dann beschwöre sie bei jener Liebe,
Die sie umhertreibt, und sie werden kommen.”

Sobald der Wind sie gegen uns gelenket,
Erhob die Stimm' ich: ‚O gequälte Seelen,
Steht Red' uns, so es euch kein andrer wehret.’

Wie Tauben stracks die Luft mit offnen Schwingen,
Wenn Sehnsucht sie zum süßen Neste hinlockt,
Durchfliegen, von dem eignen Trieb getragen,

So kamen aus der Schar, wo Dido weilte,
Auf uns heran sie durch die argen Lüfte;
Denn mächtig war das liebevolle Rufen.

„O du mitleidiges und holdes Wesen,
Das durch die purpurdunkle Luft uns aufsucht,
Die wir mit blut'gem Kot die Welt gefärbet;

Wenn gnädig uns des Weltalls König wäre,
So würden wir für deinen Frieden bitten,
Weil du dich unsers grausen Weh's erbarmest.

Was willst du wissen, sprich, und was uns sagen?
Wir hören zu, und werden mit dir sprechen,
So lange noch, wie jetzt, die Winde schweigen.

Es liegt die Stadt, wo ich geboren wurde,
Am Meeresstrand, wo sich der Po hinabsenkt,
Mit den Begleitern Ruhe dort zu finden;

Liebe, die schnell an zarten Herzen haftet,
Erfaßte diesen, durch das schöne Äußre,
Das mir geraubt ward - noch betrübt die Art mich.

Liebe, die Lieben nie erläßt Geliebten,
Ließ mich an ihm so groß Gefallen finden,
Daß, wie du siehst, es noch nicht von mir weichet:

Es führte Liebe uns zu einem Tode;
Caina harrt des, der uns schlug im Leben.”
Das war's, was uns von ihnen her ertönte.

Als ich vernommen die gekränkten Seelen,
Senkt' ich den Blick und hielt so lang ihn nieder,
Bis mich der Dichter fragte: „Nun, was sinnst du?”

Antwortend drauf begann ich: ‚Weh, wie führte
So vieles Sehnen, so viel süßes Träumen
Doch diese hier zum schmerzenreichen Hintritt!’

Dann mich zu ihnen wieder wendend, sprach ich,
Und hob so an: ‚Franziska, deine Marter
Entlockt mir fromme, schwermutsvolle Tränen;

Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,
Wie und woran gewährte euch die Liebe,
Daß ihr den unbestimmten Wunsch erkanntet?’

Und sie zu mir: „Es gibt kein größres Leiden,
Als sich der frohen Zeiten zu erinnern
Im Elend - wohl hat dies gewußt dein Lehrer.

Doch wenn die ersten Wurzeln unsrer Liebe
Zu kennen du so große Sehnsucht hegest,
Mach' ich's wie der, so Worte mischt und Tränen.

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
Von Lanzelot, wie Liebe ihn umstricket,
Wir waren ganz allein und ohne Arges.

Zum öftern trafen schon sich unsre Blicke
Beim Lesen, und entfärbte sich das Antlitz;
Doch was uns ganz besiegt, war eine Stelle,

Als wir gehört, wie das ersehnte Lächeln
Von so erhabnen Liebenden geküßt ward;
Da küßte mich, der nie sich von mir trennet,

Ganz bebend auf den Mund. Zum Gallehaut ward
Uns jenes Buch und wer's geschrieben hatte -
An diesem Tage lasen wir nicht weiter.” -

Indem der Schatten einer dieses sagte,
Weinte der andre so, daß ich vom Mitleid
Ohnmächtig wurde, gleich als ob ich stürbe,

Und niederfiel, wie tote Körper fallen.

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