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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Dante, vermöge eines Wunders (vergl. Hölle 1,11 und Fegef. 9,10-63) im Schlaf über den Acheron entrückt, findet sich am Rande des Höllenschlundes, geweckt vom Donner der Klagen, die aus dem finstern Abgrunde so heraufhallen, daß selbst Virgil vor Mitleid erbleicht. Hinabsteigend gelangen sie in den Aufenthalt der ungetauften unschuldigen Kinder und tugendhaften Heiden (also auch Virgils), in die Vorhölle. Zuerst, im weitesten dunkleren Umkreise derselben, begegnen sie unzähligen Seelen unberühmter Heiden jedes Alters und Geschlechtes, deren Menge Dante, gewiß nicht ohne Bezug auf den Wald im ersten Gesange, einen Wald von Geistern nennt. Keine Klage hallt dort, nur Seufzen, und Virgil sagt, daß unerfülltes Sehnen ihre einzige Qual sei. - Dante läßt sich Christi Höllenfahrt und die Erlösung der Erzväter von ihm Erzählen und so, zu Stärkung seines Glaubens, in der Hölle selbst bestätigen. In dem Kreise, weiter nach innen schreitend, sieht er eine Lichtglorie die Heroen von den Unberühmten scheiden, eine Begnadigung Gottes um ihres edlen Ruhmes willen. Der innere Rand ihres Kreises erhebt sich um den tieferen Höllenabgrund als ein grünendes Gebirge, wie von dem Lichtglanz, so auch von sieben Mauern und einem schönen Bächlein umzogen und beschirmt, Alles überwölbt von den Finsternissen, die rings auf den Seelen der Unberühmten ruhen. Nun erschallt eine Stimme aus der Glorie, welche gebeut den wiederkehrenden, erhabnen Dichter (Virgil) ehrenvoll zu empfangen. Homer, Horaz, Ovid und Lucan kommen dahergewandelt, begrüßen den Nahenden und nehmen Dante in ihre Schaar auf, welche vereint, die Dichtkunst selbst vorbildend, über den Bach, der nur die geringeren bang seufzenden Geister abhält, wie festen Boden schreitet, durch die Pforten der sieben aristotelischen Tugenden, denn diese bedeuten jene Mauern, zu den ewig begrünten Höhen der Heroen. Von den Heroen nennt Dante vor allen solche, die auf Aeneas Vaterstadt Troja und das von ihm begründete römische Reich Bezug haben. Besonders tritt Cäsar als Vorbild des Kaiserthums glänzend hervor, gerüstet und mit Falkenaugen. Ueber allen Heroen gewahrt unser Dichter endlich, als er das Haupt noch mehr erhebt, den von den edelsten Weltweisen und Gelehrten umgebnen Meister Aller die da wissen, den Aristoteles. Er ehrt ihn, sicher, daß man ihn dennoch ewig erkennen werde, damit - daß er ihn nicht mit Namen nennt, zugleich in ihm aller Wissenschaft Summe vorbildend, welche die Menscheit zu erreichen vermocht, ohne christichen Glauben. Nachdem er so die Heroen und Weltweisn in ihrer unterirdischen Glorie geschaut, trennt sich Dante von den andern Dichtern und geht mit Virgil über das grünende Gebirge hinab in den dunkeln Abgrund.

Es brach den hehren Schlummer mir im Haupte
Ein schwerer Donner, daß ich fuhr zusammen,
Wie einer, welcher mit Gewalt geweckt wird.

Und das geruhte Auge wandt' ich ringsum,
Grad' aufgerichtet, und aufmerksam späht' ich:
Die Stätte zu erforschen wo ich wäre?

Wahr ist es, daß ich mich befand am Rande
Der Senkung, jenes wehevollen Abgrunds,
Der Donnern einschließt endeloser Klagen.

So dunkel war er und so tief und neblig,
Daß, meinen Blick bis in den Grund einsenkend,
Ich nicht ein einzig Ding erkennen mochte.

- „Jetzt steigen wir zur blinden Welt hinunter,
Begann nunmehr der Dichter ganz erblasset:
ich will vorangehn und du, folge nach mir.

Und ich, der seiner Farbe wahrgenommen,
Sprach: „„Wie denn werd' ich gehn, wenn du verzagest,
Der sonst du Tröstung bist bei meinem Bangen?””

Und er zu mir: „Die schwere Pein der Schaaren,
Die hier hinunter sind, malt mir ins Antlitz
Das Mitleid, welches du für Bangen ansiehst.

Gehn wir, dieweil der lange Weg uns forttreibt.” -
So stieg er drein und so führt er hinab mich
Zum ersten Kreise, der den Abgrund einringt

Daselbst, so viel es dem Gehör sich kundthat,
Gab es kein Weinen, nein, es gab nur Seufzen,
Das dort die ew'ge Luft erzittern machte.

Und solches kam von Leiden ohne Martern
Der Schaaren, welcher viel' und große waren,
Von Kindern und von Frauen und von Männern.

Der gute Meister sprach zu mir: „Nicht fragst du,
Was dies für Geister sind, die du erblickest?
Ich will daß, eh du weiter gehst, du wissest

Daß sie nicht fehlten und haben sie Verdienste
Genügt es nicht; denn ihnen fehlt die Taufe,
Die Pforte ist dem Glauben, den du glaubest.

Und da sie vor dem Christenthume waren,
Verehrten sie Gott nicht wie sich's gebühret,
Und in der Reihe dieser bin ich selber.

Durch solche Mängel, nicht durch andre Sünden,
Sind wir verloren und damit gequält nur,
Daß ohne Hoffnung wir in Sehnsucht leben.” -

Groß' Leid ergriff mein Herz, als das ich hörte:
Dieweil ich Leute vielen Werthes kannte,
Die in dem Vorort aufbehalten waren.

„„O rede Meister, mein Gebieter, sag mir,
047 Begann ich um gewisser noch zu werden
048 Des Glaubens, welcher allen Irrthum tilget:

Ging einer aus hier, - sei's durch eigne Tugend,
Sei es durch Andrer, - der dann selig worden?”” -
Und er, der mein verhülltes Wort verstanden,

Sprach nun: „Noch war ich neu in diesem Zustand
Als ich hereingehn sahe einen Mächtgen,
Gekröneten mit des Triumphes Zeichen:

Der zog den Schatten vor des ersten Vaters
Und Abels seines Sohns und den von Noë,
Von Moses, der Gesetz gab und ihm nachkam,

Abrams des Patriarchen, König Davids'
Israels mit dem Vater und den Kindern,
Zusamt Rahel, um die so viel gethan er,

Und viele Andere und schuf sie selig.
Ich will, daß du erfahrest: daß vor Jenen
Menschliche Geister nicht erlöset waren.” -

Weil er so sprach, nicht ließen wir das Wandern,
Nein immer wanderten wir durch den Wald hin,
Ich sage durch den Wald der vielen Geister.

Noch aber war der Weg nicht lang geworden,
Bis hier von oben, als ich Feuerglanz sah,
Den eine halbe Kugel Dunkels einschloß.

Noch waren wir davon etwas entfernet;
Doch so nicht, daß ich nicht zum Theil erkannte,
Daß würd'ge Leute diesen Platz einnahmen.

„„O du, der jedes Wissen, jede Kunst ehrt;
Wer sind sie, die so viel Ansehns genießen,
Das sie abscheidet von den andern Weise?”” -

Und er zu mir: „Der ehrenvolle Name,
Der von denselben in Dein Leben auftönt,
Find't Gnad' im Himmel, daß er so sie vorzieht.” -

Nun ward von mir vernommen eine Stimme:
„Erweiset Ehre dem erhabnen Dichter!
Sein Schatten kehret wieder, der entfernt war!” -

Sobald das Rufen aufgehört und still war:
Sah ich vier hohe Schatten zu uns kommen,
In ihrem Aussehn weder trüb noch fröhlich.

Der gute Meister hub nun an zu sprechen:
„Betrachte den, der in der Hand ein Schwerdt hat,
Der vor den Andern wie ein Fürst dahergeht:

Das ist Homerus der erhabne Dichter,
Der andere, der folgt, Horaz der Spötter,
Ovid der dritte und Lukan der letzte.

Dieweil derselben Jeder mit mir theilet
Den Namen, den ausrief die eine Stimme,
Thun sie mir Ehre an und thun wohl dran.” -

So sah ich einen sich die schöne Schule
Des Königes im hocherhabnen Sange,
Der ob den Andern wie ein Adler flieget.

Als etwas mit einander sie gesprochen,
Herwandten alle sich zu mir mit Grüßen;
Mein Meister lächelte davon erfreuet.

Und mehr erwiesen sie mir noch der Ehren,
Da sie mich so in ihre Schaar aufnahmen,
Daß ich der sechste war, bei so viel Weisheit.

So schritten wir dahin bis zu dem Lichtglanz,
Besprechend Dinge, wovon Schweigen schön ist,
Wie dort es Sprechen war, wo es geschahe.

Wir kamen zum Fuß einer edlen Veste,
Umkreiset siebenmal von hoher Mauer,
Umfriedet rings von einem schönen Bächlein:

Das überschritten wir wie festen Boden.
Eintrat durch sieben Thore ich mit den Weisen.
Wir kamen zu einer Au die frisch ergrünte:

Hier waren Schaaren mit Augen ernst und düster,
Erhabne Würde lag in ihren Zügen.
Sie sprachen selten, mit anmuth'gen Stimmen.

Wir zogen uns nunmehr nach einer Seite,
Auf einen freien Platz, der licht und hoch war:
So daß sie allzumal zu schauen waren.

Allda, gerade auf dem grünen Teppich,
Wurden gezeigt mir die erhabnen Geister,
Daß ob der Schau ich mich heb' in mir selber.

Ich sah Elektra da mit vielen Andern,
Davon ich Hektor und Aeneas kannte,
Caesar gerüstet, mit den Falkenaugen.

Camilla schaut' ich und Penthesilea
Zur andern Seit' und sah König Latinus
Dort sitzen bei Lavinia seiner Tochter.

Den Brutus schaut' ich, der Tarquinen austrieb,
Lucretia, Julia, Martia und Cornelia
Und schaut' einsam gesondert Saladinen.

Drauf, als ich etwas mehr erhub die Brauen,
Sah ich den Meister derer, die da wissen,
In philosophischer Gesellschaft sitzen:

All' schaun sie an ihn, All' erweisen Ehr' ihm.
Daselbst erblickt' ich Sokrates und Plato,
Die vor den Andern ihm viel näher stehen:

Demokritus, der die Welt auf Zufall stellet,
Diogenes, Anaxagoras und Thales,
Empedokles, Heraklitus und Zeno;

Und sah der Eigenschaften guten Sammler,
Dioskorides meint' ich, dann sah ich Orpheus.
Tullius und Livius, Seneka den sitt'gen;

Euclid den Geometer, Ptolemäus,
Hippokrates, Avicenna und Galenus,
Averroes, den großen Kommentator.

Von Allen kann ich hier nicht Schildrung machen,
Indem der lange Stoff mich also fortdrängt,
Daß oft zur That das Wort geringer ausfällt.

Der Sechs Gesellschaft mindert sich um Zweie:
Auf andrem Weg führt mich der weise Führer
Aus jener Ruhe in die Luft, die zittert,

Und hin gelang' ich, wo nichts ist, das leuchtet.

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