Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 04
B. Carneri - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 04

Erster Kreis. Aus der Betäubung zu sich kommend, sieht sich Dante jenseits des Acheron in der Vorhölle (Limbus), dem weitesten der Höllenkreise, in dem es nur tiefe Seufzer und kein Wehgeheul, weil keine Martern gibt. Hier befinden sich die ungetauft gestorbenen Kinder mit den Heiden und Juden, die tugendhaft gelebt haben und von denen einige durch Christus bei seiner Höllenfahrt erlöst worden sind. Es sitzen da beisammen die großen Dichter des Altertums, zu deren Kreis Virgil gehört, der Dante mit ihnen bekannt macht und ihm hierauf eine gr0e Anzahl ausgezeichneter Männer und Frauen der Vorzeit weist.

Es brach durch meines Kopfes schweren Schlaf
Ein Donnerschlag, daß ich davon erbebte
Gleich einem, der gewaltsam wird geweckt.

Kaum ausgeruht, lenkt' ich das Aug' umher,
Emporgerichtet und mit festem Blick,
Forschend, an welchen Ort ich war geraten,

Wahrhaftig, ich befand noch immer mich
Am Außenrand des schmerzenvollen Abgrunds,
Daraus wie Donner dröhnt das ew'ge Leid.

Da gab's nur Tiefe, nebelhaftes Dunkel;
Vergebens strebte nach dem Grund das Auge,
Nicht unterscheiden konnt' ich mehr die Dinge.

„Laß uns betreten diese blinde Welt,”
Begann der Dichter, plötzlich ganz entfärbt;
„Ich werde sein der Erste, du der Zweite”. -

Doch ich, durch sein Erblassen tief erschrocken;
„Wie könnt' ich”, frug ich, „wenn selbst du verzagst,
Mein einz'ger Trost in allen meinen Zweifeln?” -

Und er zu mir: „Die Seelenangst der armen
Hierher Verwiesnen malt aufs Angesicht
Das Mitleid mir, das dir als Furcht erscheint;

Gehn wir, der lange Weg will kein Verweilen”. -
so führt er in den ersten Kreis mich ein,
Der den gesamten Höllenschlund umgürtet.

Jedoch soweit zu hören ich vermochte,
Kein stärkres Weinen gab es hier als Seufzer
Doch Seuzer, daß davon die Luft erbebte.

Das kam von Martern nicht und nur vom Gram,
Dem hingegeben waren ganze Scharen
Von Männern, Weibern und von Neugebornen.

Da sprach der gute Meister: „Fragst du nicht,
Von welcher Art die Geister, die du siehst?
Will, daß du wissest, eh' du weiterschreitest,

Daß diese nicht gesündigt. Ohne Wert
Ist ihr Verdienst, weil ihnen fehlt die Taufe,
Das Thor zum wahren Glauben, dem du huldigst.

Und lebten sie noch vor dem Christentum,
So haben Gott nicht würdig sie verehrt;
Und ihresgleichen einer bin ich selbst.

Durch solche Mängel, sonst durch kein Verbrechen
Sind wir verloren, nur soweit gekränkt,
Daß wir in hoffnungsloser Sehnsucht leben”. -

Mich faßte tiefes Weh' bei diesen Worten,
Denn Menschen wußt' ich von gar hohem Wert
So trostlos hangend zwischen Höll' und Himmel.

„Sag' an, o mein Gebieter”, rief ich aus,
Verlangend nach Gewißheit in betreff
Des Glaubens, der den Irrtum überwindet:

„Ist einer je durch eignes oder fremdes
Verdienst von hier gestiegen zu den Sel'gen?” -
Und jener, meiner Frage Sinn erfassend.

Antwortete: „Noch war ich hier ein Neuling,
Als einen Mächtigen ich kommen sah,
Gekrönt mit all den Zeichen eines Siegers.

Er hat befreit den allerersten Vater,
Dann Abel, dessen Sohn, und Noah, Moses,
Der die Gesetze gab und folgsam war;

Den Patriarchen Abraham und David
den König, Israel samt Vater, Kindern
und Rahel, der zulieb' er that so viel;

Viel' andre noch, und alle macht' er selig.
Auch sollst du wissen, daß vor diesen kein
Menschlicher Geist errettet worden war”. -

Wir schritten vorwärts, auch dieweil er sprach,
Den dichten Wald durchschreitend fort und fort,
Den Wald, sag' ich, den dichten Geisterwald.

Wir waren wenig von der Höh' des Thals
Entfernt, als ich ein Feuer sah, das hell
Aufleuchtete, das Dunkel überwindend.

Wir waren zwar noch ziemlich weit, doch nicht
So weit, daß ich teilweise nicht gesehn,
Welch würdige Gesellschaft hier der Herr war.

„O Zierde jeder Wissenschaft und Kunst”,
Begann ich, „sag' mir, wer sind jene dort,
Vor allen ausgezeichnet und verehrt?” -

Und er zu mir: „Ihr ehrenvoller Name,
Der weithin hallt auf Erden, hat im Himmel
Gnade gefunden, die nun hier sie fördert”. -

Da hört' ich eine Stimme rufen: „Ehrt,
Ehrt den erhabnen Dichter, dessen Schatten
Uns jüngst verließ und jetzo wiederkehrt”.

Und als die Stimme schwieg, gewahrt' ich vier
Riesige Schatten schreiten auf uns zu,
Nicht traurig noch vergnügt im Angesicht.

Der güt'ge Meister allsogleich begann:
„Sieh' jenen dort, der, in der Faust ein Schwert,
Vorangeht mit der Miene des Gebieters.

Es ist Homer, der edle Dichterfürst;
Der zweite Horaz, der Satyriker,
Ovid der Dritte, dem Lucanus folgt.

Da die Bezeichnung, die von jener Stimme
Hervorgehoben ward, uns allen zukommt,
Ehren sie mich und thun auch gut daran”. -

So sah versammelt ich die schöne Schule
Des Sängers des erhabensten Gesanges,
Der einem Aar gleich über allen schwebt.

Nachdem sie mit einander sich besprochen,
Wandten mit Grußeswink sie sich an mich,
Und freundlich lächelte dazu der Meister.

Noch mehr der Ehre wurde mir erwiesen:
Sie nahmen ganz mich auf in ihre Schar,
Sodaß ich Sechster war bei diesen Großen.

Und bis zu jenem Feuer schritten wir,
Von Dingen redend, die hier zu verschweigen,
Geziemend ist, wie dort davon zu sprechen.

Da standen wir vor einem edlen Schloß,
Von hohen Mauern siebenfach umgeben,
Und rings geschützt von einem schönen Flüßchen,

Das sich beschreiten ließ wie festes Land.
Durch sieben Thore sind wir eingetreten,
Gelangend zu gar frischem Wiesengrün.

Da gab es Leute strengen, ernsten Blicks,
Von großer Macht in ihrem ganzen Wesen;
Sie sprachen selten und mit sanften Stimmen.

Wir zogen derart uns nach einer Seite,
Daß wir von einem hohen hellen Platz
Sie leicht betrachten konnten allesamt.

Mir gegenüber auf dem grünen Schmelz
Konnt' ich betrachten jene großen Geister,
Die nur zu sehn, mich über mich erhebt,

Elektra sah begleitet ich von vielen,
Darunter Hektor und Äneas; Cäsar
In voller Rüstung mit den Falkenaugen.

Ich sah Camilla, sah Penthesilea
Zur andern Hand und auch Latin den König,
Bei dem Lavinia, seine Tochter, saß.

Sah jenen Brutus, der Tarquin verjagt,
Lucretia, Julia, Martia mit Cornelia,
Dann abseits unsern Sultan Saladin.

Um Wen'ges nur den Blick erhebend, sah
Den Meister ich der Wissenden, umgeben
Von allen großen Denkern, und von allen

Bewundert und mit Ehren überhäuft.
Hier sah mit Sokrates ich Platon, beide
Jenem am nächsten; dann Demokritos,

Für den die Welt aus Zufall ist entstanden;
Diogenes und Anaxagoras,
Thales, Empedokles
und Heraklit,

Und Zenon mit Dioskorides, von denen,
Die je gesammelt, wohl der kundigste;
Dann Orpheus, Tullius, Lino, Seneca,

Dann Euklid, den Geometer, Ptolomäus,
Hippokrates, Galen
und Avicenna,
Dem sich Averroes, der Kommentator,

Anschloß. Ich kann nicht alle wiedergeben,
Weil mich der überreiche Stoff so drängt,
Daß oft das Wort fehlt für den Gegenstand.

Als sich die Schar der Sechs auf Zwei vermindert,
Lenkte der weise Führer mich hinweg
Aus jener stellen Luft in wildbewegte,

Wo nichts, das leuchtete, zu finden war.

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