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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Konrad zu Putlitz - Die Göttliche Komödie - Hölle

Durch mich geht's ein zur klagereichen Stätte,
Durch mich geht's ein zum ewiglichen Leid,
Durch mich zu der Verlornen langen Kette.

Den höchsten Schöpfer trieb Gerechtigkeit,
In erster Liebe sich zu offenbaren
In seiner Allmacht und Allwissenheit.

Vor mir war nichts Geschaffnes zu gewahren
Wie Ewiges, so wie ich ewig bin.
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren. -

Mein Auge starrt' nach diesen Worten hin,
Die dunkel stehn am Firste einer Pforte;
Da sprach ich: „Meister, hart deucht mich ihr Sinn.”

Drauf sagte der Erfahr'ne diese Worte:
„Jedweder Zweifel sei von hier verbannt,
Und jedes Zagen sterb' an diesem Orte.

Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt.
Daß sie dem Schmerz verfallnes Volk umfinge,
Sie, denen der Erkenntnis Gut entschwand.”

Mit heit'rem Blick, daß ich dess' Trost empfinge,
Hat seine Hand er meiner Hand vereint
Und führt' mich ein in die geheimsten Dinge.

Hier ward geseufzt, gewimmert und gegreint,
Die sternenlose Luft hört' ich's durchtönen,
Daß ich erschüttert erst darob geweint.

Verschied'ne Sprachen, schauerliches Stöhnen,
Geschrei voll Schmerzen, Flüche wutentbrannt,
Dazu der Händeschlagen dumpfes Dröhnen.

Draus ward ein Brausen, das nie Ruhe fand,
Es kreiste in den ew'gen Dämmerungen
Wie von dem Wirbelwind erfaßter Sand.

Und ich, das Haupt von Furcht und Grau'n umschlungen,
Sprach: „Meister, sage mir, was trifft mein Ohr?
Welch Volk ist dies, das so vom Schmerz bezwungen?”

Und er zu mir: „Der Jammerseelen Chor
Lebt ohne Ruhm dahin und ohne Schande;
Bei jenen bösen Engeln, die zuvor

Von Gott nicht offen lösten ihre Bande,
Noch ihm gehorsam sich als treu bewährt
In ihrem eigennütz'gen Widerstande.

Verjagt vom Himmel, den ihr Sinn versehrt,
Versagen ihnen sich der Hölle Schlünde,
Daß auch den Sündern es nicht Ruhm gewährt.”

Und ich zu ihm: „Sag, Meister, welche Sünde
Sie mit so wildem Schmerze niederdrückt?”
Und er zu mir: „Hör', daß ich's kurz dir künde:

Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt,
Trüb ist ihr blindes Dasein, nichts ist trüber,
Und Andrer Los scheint ihrem Neid beglückt.

Von ihrem Namen ließ die Welt nichts über,
Gerechtigkeit und Mitleid sie verschmäh'n.
Nichts mehr von ihnen, schau' und geh vorüber.”

Drauf sah ich vor mir eine Fahne wehn,
Die wurde wild im Kreise herumgetrieben,
Als könne niemals sie in Ruhe stehn,

Dahinter sah ich einen Zug sich schieben
Schier endlos, daß ich nimmermehr geglaubt,
Es sei'n dem Tod so viele schon verblieben.

nachdem ich dann erkannt' so manches Haupt,
Sah ich den Schatten dess', der durch Verneinen
Sich feig' einst eines hohen Amts beraubt.

Und da begriff ich und ward fest im Meinen,
Daß dies die Schatten der nichtswürd'gen Schar,
Die Gott und Teufel gleich verächtlich scheinen.

Dies Unglücksvolk, stets wahren Lebens bar,
War nackt, von Wespen arg gequält die Glieder
Und Bremsgeschmeiß, das dort in Fülle war,

Darob das Blut von ihrem Antlitz nieder,
Gemischt mit Tränen, zu den Füßen rann.
Aufsogen hier es ekle Würmer wieder.

Als ich dann weiter umzuschau'n begann,
Sah ich viel Volks zu einem Strome kommen,
Weshalb ich fragte: „Meister, sag' mir an,

Wess' sind die Schatten, und zu wessen Frommen
Erscheinen sie zur Überfahrt entbrannt,
Wie ich beim schwachen Lichte wahrgenommen?”

Und er zu mir: „Der Grund sei dir bekannt,
Wenn wir hinab zum Acheron gelangen
Und steh'n an jenem trauervollen Strand.”

Da senkte ich die Blicke, voller Bangen,
Daß meine Rede ihm beschwerlich sei,
Und schwieg, bis wir hinab zum Fluß gegangen.

Auf uns gerichtet, kam ein Schiff herbei,
Darin ein Greis mit altersbleichen Haaren.
„Weh Euch, verruchte Seelen!” klang sein Schrei.

„Erhoffet nie, den Himmel zu gewahren,
Mit mir in ew'ge Dunkelheit sollt Ihr
Zu Frost und Hitze heute überfahren.

Was willst, lebend'ge Seele, du denn hier?
Der Toten Nähe mußt du dich entschlagen.”
Doch als er sah, ich blieb, sprach er zu mir:

„Hier muß ich dir die Überfahrt versagen;
Zu andrer Fahrt, zu andren Häfen fort
Wird dich ein leicht'res Boot zum Ufer tragen.”

Da sprach Virgil: „Charon, man will es dort,
Wo Wollen Macht, wo Tat wird das Verlangen,
Entsag' dem Zorn und frag' kein weitres Wort.”

Da wurden ruhig die beharrten Wangen
Des Fergen in dem bläulich fahlen Sumpf,
Dem Feuerräder sich ums Auge schlangen.

Kaum hörten dies die Seelen nackt und stumpf,
Da sah ich zähneklappern sie erblassen,
Ein heft'ges Zittern ging durch Haupt und Rumpf.

Gott und den Eltern galt ihr Fluch und Hassen,
Der Menschheit, Heimat, der Geburt und Zeit,
Sie schmähten sich und ihre ganzen Rassen.

Dann zogen schluchzend sie, mitsamt gereiht,
Zum Strande, der die Sünder muß verdammen,
Die Gott nicht fürchten - bis zur Ewigkeit.

Charon, der Dämon, treibt sie dort zusammen,
Mit seinem Ruder schlagend Glied für Glied,
Mit Blicken, die wie Kohlengluten flammen. -

So wie im Herbst das Blatt im Winde flieht,
Eins nach dem andern, bis, beraubt, am Ende
Der Ast den Rest am Boden liegen sieht,

So trieb's den faulen Stamm aus Adams Lende.
Landwärts, den Vögeln gleich, zieh'n sie daher,
Dem Lockruf folgend, flüchtig und behende.

Doch eh' sie noch durchkreuzt das düst're Meer,
Und eh' ans andre Ufer sie geschwommen,
Hat sich gesammelt schon ein neues Heer.

Jetzt ward des Meisters freundlich Wort vernommen:
„Mein Sohn, wer stirbt in Gottes Zorn, der muß,
Aus welchem Land er sei, einst hierher kommen,

Bereit, um zu durchqueren diesen Fluß.
Höchste Gerechtigkeit spornt gleich Befehlen,
So daß aus Furcht Begierde wird zum Schluß.

Nie wird der Strom durchschifft von guten Seelen,
Beklagt sich Charon über dich, der's weiß,
So wirst du auch verstehen jetzt sein Schmälen.”

Da hub ein Beben an, der dunkle Kreis
Erzitterte, daß sich das Haar mir sträubte,
Des Bebens denken, trieft mir noch der Schweiß.

Aus tränenfeuchtem Grund ein Windsturm stäubte,
Von dem helleuchtend rote Blitze sprangen,
So daß es alle Sinne mir betäubte.

Ich fiel, wie einer fällt, vom Schlaf umfangen.

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