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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Georg van Poppel - Die Göttliche Komödie - Hölle

„DURCH MICH GEHT'S EIN ZUR STADT DER JAMMERKLAGEN,
DURCH MICH GEHT'S EIN ZU QUALEN EWIGER DAUER,
DURCH MICH GEHT'S EIN ZU DER VERDAMMNIS PLAGEN.

GERECHTEN SINNES SCHUF MICH MEIN ERBAUER,
DIE ALLMACHT, DER SICH HÖCHSTE WEISHEIT PAAREN
UND ERSTE LIEBE, TÜRMTE DIESE MAUER.

GESCHÖPFE GIBT ES NICHT, DIE VOR MIR WAREN,
ALS EWIGE; AUCH ICH SOLL EWIG WÄHREN:
LASST, DIE IHR EINGEHT, ALLE HOFFNUNG FAHREN!” 9

Die Inschrift fand ich eingehaun in schweren
Und dunkeln Lettern über einer Pforte
Und sprach: „Den Sinn kann ich mir nicht erklären.„

Und er, als Wohlerfahrner, sprach die Worte:
„Hier heißt es, jedem Bangen abgeschworen
Und alle Feigheit sterb an diesem Orte!

Wir sind gekommen zu der Trübsal Toren,
Zum Volk, zu dem ich dich versprach zu bringen,
Das der Erkenntnis höchstes Gut verloren.” 18

Und heitern Blicks, mit Mut mich zu durchdringen,
Hat er die Hand in meine dann geschlagen
Und ließ mich ein zu den geheimen Dingen.

Hier hallte Wimmern, lautes Weheklagen
Durch sternenlose Lüfte und Gestöhne,
Daß ich beim Anfang weinen mußt vor Zagen.

Gemisch von Sprachen, fürchterliche Töne,
In Zorn ausbrechend und in Qualen flehend,
Geächze und Gekreisch und Handgedröhne 27

Verführten ein Getöse, endlos drehend
Im Kreis durch nie erhellte Luft geschwungen,
Wie Tromben Sand im Wirbelwinde wehend.

Da fragte ich, von Schreck das Haupt umschlungen:
„Was hör ich, Meister, hier in diesem Lande?
Was ist's für Volk, das so von Schmerz bezwungen?”

Er sprach: „Das ist das Jammerlied der Bande
Erbärmlicher, die in den obern Welten
Einst lebten ohne Lob und ohne Schande. 36

Die, denen sich die Feigen zugesellten
Des Engelchors, die, ohne Rebellieren
Und Gott nicht treu, sich auf sich selber stellten.

Der Himmel bannt sie, um nicht zu verlieren;
Die Hölle will sie nicht in tieferm Schlunde,
Daß nicht die Sünder damit renommieren.”

Ich fragte: „Doch aus welchem schweren Grunde
Erheben sie so schreckliches Gewimmer?”
Und er: „Ich gebe kurz dir davon Kunde. 45

Nie gibt's für sie des Todes Hoffnungsschimmer.
Weil ihr umnachtet Leben dadurch trüber,
Beneiden sie welch andres Schicksal immer.

Die Welt läßt ihren Nachruhm nicht herüber,
Und Gnad und Recht verschmäht sie gleicherweise;
Nichts mehr von ihnen! Schau und geh vorüber!”

Hinschauend sah ich ein Panier im Kreise
So schnell vorüberfliehn an unsrer Stätte,
Daß es der Rast nicht wert schien auf der Reise. 54

Und hinterdrein solch eine lange Kette
Von Volk - bis dahin glaubte ich mitnichten,
Daß solche Zahl der Tod erschlagen hätte.

Ich sah Bekannte unter diesen Wichten,
Zuletzt den Schatten dessen, den Verzagen
Auf seine hohe Würde ließ verzichten.

Da war sofort mir klar, auch ohne Fragen,
Daß hier die Rotte jener Memmen lärmte,
Die Gott wie Gottes Feinden mißbehagen. 63

Dies Jammervolk, das Leben nie erwärmte,
Ward nackt vom stechenden Geschmeiß umflogen
Der Bremsen und der Wespen, das hier schwärmte.

Indem sie Streifen durch ihr Antlitz zogen,
Troff Blut, gemischt mit Tränen, aus den Rissen,
Von ekeln Würmern unten aufgesogen.

Und als ich weiter mich zu schaun beflissen,
Sah ich an einem Strom viel Volk sich scharen
Und sprach darum: „Laß, Meister, mich nun wissen: 72

Wer sind sie, die sich zum Hinüberfahren
Zu drängen scheinen, nach mir fremder Sitte,
Soviel beim trüben Licht ich mag gewahren?”

Drauf sagte er: „Erfüllt wird deine Bitte,
Wenn wir zum düstern Acheron hernieder
Gekommen sind und hemmen unsre Schritte.”

Und voller Scham senkt ich die Augenlider
Aus Furcht, mein Fragen sei ihm ungelegen,
Und bis zum Strome redet ich nicht wieder. 81

Und sieh, in einem Schiff fuhr uns entgegen
Ein Alter, weiß durch jahrelang Ergrauen.
„Weh euch, verruchtes Volk!” schrie er verwegen,

„Hofft nimmermehr den Himmel zu erschauen!
In ewige Finsternis, in Frost und in Geschwele
Werd ich zum andern Ufer euch verstauen.

Doch du, was machst du hier, lebendige Seele?
Hinweg da! Du gehörst nicht unter Tote.”
Doch als er sah, ich trotze dem Befehle, 90

Sprach er: „Dir wird ein anderer Pilote
Zum Ufer einen andern Weg verfügen,
Nicht hier; dich tragen ziemt weit leichteren Boote.”

Mein Führer sagt' ihm: „Charon, laß dein Rügen!
So will man's, wo man kann das was man wollte;
Laß ohne weitre Frage dir 's genügen!”

Da wurde glatt das zottelig vergrollte
Gesicht des Steuermanns auf fahler Fläche,
Um dessen Augen je ein Blitzrad rollte. 99

Da ließen denn, entblößt und voller Schwäche,
Die Seelen ihr Gebiß zusammenschlagen,
Erbleichend, als das Wort erklang, das freche.

Und Gott und Menschheit galt ihr lästernd Klagen;
Sie fluchten Eltern, Ort und Zeit und Samen
Der Zeugung und dem Schoß, der sie getragen.

Und samt und sonders ihren Weg sie nahmen
Zum schlimmen Strand, mit lauter Stimme klagend,
Wohin stets alle Gottverächter kamen. 108

Der Dämon Charon, sie zusammenjagend,
Winkt sprühnden Auges allen, sich zu heben,
Die säumen wollen mit dem Ruder schlagend.

Gleichwie im Herbst die Blätter niederschweben,
Eins nach dem andern, bis zuletzt die Äste
Den ganzen Schmuck der Erde wiedergeben,

So kommt die böse Brut aus Adams Neste
Der Reihe nach vom Riff ins Schiff geflogen
Auf Wink, wie Vögel, die der Lockruf preßte. 117

Nun gleiten sie dahin auf dunkeln Wogen,
Und eh sie Charon drüben an den Strand schafft,
Ist hier schon neues Volk zuhauf gezogen.

„Mein Sohn̶a;, sprach da in zärtlicher Verwandtschaft
Der Meister, „was verschied in Gottes Zorne,
Vereint sich hier aus jeder Erdenlandschaft.

Gestachelt von des Allgerechten Sporne,
Sind sie bereit zur Überfahrt der Fluten:
So wird gar ihre Furcht zum Sehnsuchtsborne. 126

Nie schiffte hier die Seele eines Guten;
Darum: führt Charon wider dich Beschwerde,
So kannst du, was das heißt, nun leicht vermuten.”

Sobald er schwieg, erbebt' die dunkle Erde
Mit solcher Wucht, daß ich im Geist vor Schrecken
Bis heute noch in Schweiß gebadet werde.

Das Tränenland wußt einen Sturm zu wecken,
Es blitzte scharlach durch die Welt des Schummers,
Ich fühlte alle Sinne niederstrecken 135

Und taumelnd fiel ich in den Arm des Schlummers.

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