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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Bernd von Guseck - Die Göttliche Komödie - Hölle

Die Höllenpforte.

„Durch mich gelangt man in die Stadt der Klagen,
Durch mich gelangt man in den ew'gen Schmerz,
Durch mich gelangt man, wo Verlor'ne zagen.

Gerechtigkeit bewog des Schöpfers Herz,
Der Allmacht selbst gefiel es, mich zu gründen,
Allweisheit und Allgüte schuf dies Erz!

Vor mir war kein erschaffnes Ding zu finden:
Nur ewige und ewig bin auch ich!
Laßt jede Hoffnung, die ihr eingeht, schwinden!” -

In dunkler Farbe sah ich schauerlich
Hoch über einem Thor dies Wort geschrieben.
Ich sprach: „Der Sinn ist, Meister, schwer für mich!”

Und er, wie Einer, dem nichts fremd geblieben:
„Hier ziemt es sich zu lassen jedes Bangen,
Ertödtet jede Feigheit sei hier drüben,

Da wir zum Ort, von dem ich sprach, gelangen,
Wo du die Völker seh'n wirst in der Pein,
Die von dem Heil der Seele abgegangen.” -

Da legt' er seine Hand in meine ein,
Mit heiterm Antlitz, das mir Trost gespendet
Und ließ mich in's Geheimnißreich hinein.

Hier tönten Seufzer, Klagen nie geendet,
Und laut Geheul durch sternenleere Oeden,
Daß ich zuerst mit Thränen mich gewendet.

Verschied'ne Sprachen, grausenhafte Reden,
Der Laut des Zornes, und des Schmerzes Wort
Und Stimmen, rauh und stark, zu blut'gen Schäden

Such eig'ne Hand, bewirkten Aufruhr dort,
Der stets die zeitenlose Luft durchkreist,
Wie Sand im Wirbelwind von Ort zu Ort.

Und ich, von Grau'n umfangen Haupt und Geist,
Sprach: „Meister, was ist das? Ich hör's mit Beben!
Welch Volk, das so der wilde Schmerz zerreißt?” -

Und er zu mir: „In diesem Elend schweben
Die trauervollen Seelen, die zuvor
Nicht Lob, noch Schande sich verdient im Leben.

Sie sind gemischt zu jenem schlimmen Chor
Der Engel, die nicht grade sich empörten,
Doch auch nicht treu zu Gott gestrebt empor.

Der Himmel stieß sie aus, weil sie ihn störten,
Noch mag die tiefe Hölle sie ertragen,
Weil sich die Bösen doch durch sie nicht ehrten.” -

Und ich: „O Meister, haben sie zu Klagen
So schweren Grund? Was ist denn ihr Verderben?” -
Er sprach: „Das will ich Dir in Kurzem sagen.

Die haben keine Hoffnung je zu sterben,
Ihr blindes Dasein ist so tief gestellt,
Daß sie mit Neid um jedes and're werben.

Kein Nachruhm blieb von ihnen in der Welt,
Gerechtigkeit verachtet sie, wie Gnade!
Nichts mehr! Sieh hin und weiter, wenn's gefällt!” -

Und recht hinschauend, sah ich auf dem Pfade
Ein Banner, das so schnell im Kreise rannte,
Als sei es unwerth, still zu steh'n und g'rade.

Und hinter ihm, da kamen Bundesverwandte
So langen Zuges, als ich für erschlagen
Vom Tode nie geglaubt und ich erkannte

Hierauf so Manchen aus vergang'nen Tagen.
Da sah ich auch von Ihm den Schatten wallen
Der niedrig einst so Großem konnt' entsagen.

Und mir ward klar bei diesen Zeichen allen,
Das sei die Schaar der Bösen, welche eben
So Gott, als seinen Feinden nicht gefallen.

Die Unglücksel'gen, welche wahres Leben
Nie hatten, waren nackt und sehr gestochen,
Von Bremsen und von Wespen rings umgeben.

Aus ihrem Antlitz war das Blut gebrochen,
Vermischt mit Thränen ward's zu ihren Füßen
Geschluckt von ekeln Würmern, die dort krochen.

Und eh' ich wegzuschau'n mich konnt' entschließen,
Sah ich an einem mächt'gen Strom viel Drang,
Daher ich sagte: „Laß dich nicht verdrießen,

Zu deuten, wer die sind und welcher Zwang
Sie treibt zur Ueberfahrt, um die sie streiten,
Wie mir beim schwachen Licht zu seh'n gelang.” -

Und er zu mir: „Das wird dir kund bei Zeiten,
Wenn uns der Weg, der noch kein Ende nahm,
Zum düstern Ufer Acheron's läßt schreiten.” -

Da senkt ich meine Augen voller Scham;
Besorgend, daß mein Reden ihn verdrossen,
Schwieg ich, bis an des Flusses Rand. Hier kam,

Sieh da! in einem Schiff zu uns geschossen
Ein Greis mit altersgrau gebleichten Haaren,
Der schrie: „Weh euch, ihr sündigen Genossen!

Hofft nie des Himmels Auen zu gewahren!
Ich komm', an's and're Ufer euch in Glut
Und Frost zur ew'gen Finsterniß zu fahren!

Und du dort, der wie ein Lebend'ger thut,
Hinweg! du kannst dich nicht zu Todten setzen!” -
Doch als er sah, daß ich nicht ging, voll Muth,

Sprach er: „Auf anderm Weg, an andern Plätzen
Kannst du die Ueberfahrt, nicht hier, gewinnen,
Dich muß ein leichter Fahrzeug übersetzen!” -

Da sprach mein Führer: „Charon, kein Besinnen!
Dort will man's, wo man jeglichem Befehle
Gehorsam schafft! Nichts mehr! Nur schnell von hinnen!” -

Da wurde still die langbehaarte Kehle
Dem Steuermann der mißgefärbten Flut,
Mit Flammenrädern um die Augenhöhle.

Doch jene Seelen, nackt und ohne Muth
Verfärbten sich und klapperten mit Zähnen,
Als sie gehört der harten Rede Wuth.

Sie fluchten Gott, den Eltern und den Söhnen,
Dem menschlichen Geschlecht, dem Ort, der Zeit
Und ihrem Samen der Geburt mit Thränen.

Dann waren alle dichtgedrängt bereit,
Gar heftig weinend an dem bösen Strande,
Der jedes Menschen harrt, der Gott nicht scheut.

Da winkte Charon mit der Augen Brande
Und wies im Kahn die rechten Plätze Allen,
Schlug mit dem Ruder Zögernde am Lande.

Wie spät im Herbst die Blätter niederfallen,
Eins nach dem andern, bis vom Zweige wieder
Sein ganzer Schmuck der Erde zugefallen,

So Adams böser Same flog hernieder
Vom Ufesrand, wie Vögel, die betrogen
Durch der Lockpfeife nachgeahmte Lieder.

Sie ziehen nun dahin durch düst're Wogen
Und eh' sie drüben noch an's Land gesetzt,
Sind eure Schaaren schon herangezogen.

„Mein Sohn, so sprach der güt'ge Meister jetzt,
Sie alle, die im Zorne Gottes sterben,
Sind hier aus jedem Lande abgesetzt,

Wo sie um Ueberfahrt sich so bewerben,
Weil Gottes Richterspruch sie spornt zur Pein,
Daß Furcht zur Sehnsucht wird nach dem Verderben.

Hier geht nie eine gute Seele ein -
Und führte Charon über dich Beschwerde,
So weißt du jetzt den Grund von seinem Schrei'n.” -

Als er geendigt, fing die düstre Erde
So stark zu schüttern an, daß ich vor Grauen,
Im Geist, noch jetzt mit Schweiß gebadet werde.

Es klafften breit die thränenreichen Auen,
Da blitzt' ein rothes Licht hervor und traf
Vernichtend jeden Sinn, es anzuschauen -

Und ich sank nieder, wie erfaßt vom Schlaf.

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