Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 02
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 02

1   Der Tag verging, das Dunkel brach herein,
2   Und Nacht entzog die Wesen auf der Erden
3   All ihren Müh'n; da rüstet' ich allein

4   Mich zu dem harten Krieg und den Beschwerden
5   Des Wegs und Mitleids, und jetzt soll ihr Bild
6   Gemalt aus sicherer Erinn'rung werden.

7   O Mus', o hoher Geist, jetzt helft mir mild!
8   Erinn'rung, die du schriebst, was ich gesehen,
9   Hier wird sich's zeigen, ob dein Adel gilt!

10   "Jetzt, Dichter," fing ich an, "bevor wir gehen,
11   Erwäge meine Kraft und Tüchtigkeit,
12   Kann sie die große Reise wohl bestehen?

13   Du sagst, daß Silvius' Vater in der Zeit,
14   im Körper noch und noch ein sterblich Wesen,
15   Sei eingedrungen zur Unsterblichkeit.

16   Doch da der ew'ge Gegner alles Bösen
17   in seinen Empire'n zum Stifter ihn
18   Der Mutter Roma und des Reichs erlesen,

19   Kann jeder, dem Vernunft ihr Licht verlieh'n,
20   Beim hocherhabnen Zweck es wohl ergründen,
21   Daß er nicht unwert solcher Huld erschien.

22   Denn Rom und Reich, um Wahres zu verkünden,
23   Gestiftet wurden sie, die heil'ge Stadt
24   Zum Sitz für Petri Folger zu begründen.

25   Durch diesen Gang, den du ihm nachrühmst, hat
26   Er Kunde des, wodurch er siegt', empfangen
27   Und Grund gelegt zur heil'gen Herrscherstatt.

28   Ist das erwählte Rüstzeug hingegangen,
29   So stärkt' es in dem Glauben dann die Welt,
30   In dem der Weg des Heiles angefangen.

31   Doch ich? Warum? Wer hat mir's freigestellt?
32   Äneas nicht noch Paul, ich, dessen Schwäche
33   Nicht ich, noch jemand dessen würdig hält,

34   Wenn ich dorthin zu kommen mich erfreche,
35   So fürcht' ich, daß mein Kommen töricht sei.
36   Du, Weiser, weißt es besser, als ich spreche."

37   Und wie wer will und nicht will, mancherlei
38   Erwägt und prüft und fühlt im bangen Schwanken,
39   Mit dem, was er begonnen, sei's vorbei;

40   So ich - das, was ich leicht und ohne Wanken
41   Begonnen hatte, gab ich wieder auf,
42   Entmutigt von den wechselnden Gedanken.

43   "Verstand ich dich," so sprach der Schatten drauf,
44   "So fühlst du Angst und Schrecken sich erneuen,
45   Und Feigheit nur hemmt deinen weitern Lauf.

46   Das Beste macht sie oft den Mann bereuen,
47   Daß er zurückespringt von hoher Tat,
48   Gleich Rossen, die vor Truggebilden scheuen.

49   Doch hindre sie dich nicht am weitern Pfad,
50   Drum höre jetzt, was ich zuerst vernommen,
51   Da mir's um dich im Herzen wehe tat.

52   Mich, nicht in Höll' und Himmel aufgenommen,
53   Rief eine Frau, so selig und so schön,
54   Daß ihr Geheiß mir wert war und willkommen.

55   Mit Augen, gleich dem Licht an Himmelshöhn
56   Begann sie gegen mich gelind und Ieise,
57   Und jeder Laut war englisches Getön:

58   O Geist, geboren einst zu Mantuas Preise,
59   Des Ruhm gedauert hat und dauern wird,
60   Solang die Sterne zieh'n in ihrem Kreise,

61   Mein Freund, doch nicht der Freund des Glückes, irrt
62   In Wildnis dort, weil Wahn im Weg' ihn störte,
63   So daß er sich gewandt, von Furcht verwirrt.

64   Schon irrte, fürcht' ich, also der Betörte,
65   Daß ich zu spät zum Schutz mich aufgerafft,
66   Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte.

67   Du geh; es sei durch deiner Rede Kraft,
68   Durch das, was sonst ihm Not, sein Leid geendet,
69   So sei ihm Hilf und Ruhe mir verschafft.

70   Beatrix; bin ich, die ich dich gesendet;
71   Mich trieb die Lieb' und spricht aus meinem Wort.
72   Vom Ort komm' ich, wohin mein Wunsch sich wendet.

73   Und steh' ich erst vor meinem König dort,
74   So werd ich oft dich loben und ihm preisen -
75   Sie sprach's und schwieg, und ich begann sofort:

76   O Weib voll Kraft, du Lehrerin der Weisen,
77   Durch das die Menschheit alles überragt,
78   Was lebt in jenes Himmels kleinern Kreisen!

79   Spät dächt' ich, wie mir dein Befehl behagt,
80   Zu tun, tat' ich sogleich, was du gebietest.
81   Wohl deutlich haft du deinen Wunsch gesagt,

82   Doch sage mir, warum du dich nicht hütest
83   Herabzugeh'n zum Mittelpunkt vom Licht,
84   Wohin du schon zurückzukehren glühtest.

85   Willst du es denn so tief ergründen, spricht
86   Die Hohe darauf, so will ich's kürzlich sagen.
87   Ich fürchte mich vor diesem Dunkel nicht.

88   Vor solchem Übel ziemt sich wohl zu zagen,
89   Das mächtig ist und leicht uns Schaden tut,
90   Vor solchem nicht, bei welchem nichts zu wagen.

91   Gott schuf mich so, daß ich in seiner Hut
92   Frei von den Nöten bin, die euch durchschauern,
93   Und nicht ergreift mich dieses Brandes Glut.

94   Ein edles Weib im Himmel sieht mit Trauern
95   Das Hindernis, zu dem ich dich gesandt,
96   Drum kann der harte Spruch nicht länger dauern.

97   Sie flehte, zu Lucien hingewandt:
98   Dein Treuer braucht dich jetzt im harten Streite,
99   Darum empfehl' ich ihn in deine Hand.

100   Lucia, die sich ganz dem Mitleid weihte,
101   Bewegte sich zum Orte, wo ich war,
102   In Ruhe sitzend an der Rahel Seite.

103   Sie sprach: Beatrix, Gottes Preis fürwahr!
104   Hilfst du ihm nicht, ihm, der aus großer Liebe
105   Für dich entrann aus der gemeinen Schar,

106   Als ob dein Ohr taub seinen Klagen bliebe,
107   Als sähest du ihn nicht im Wirbel dort,
108   Bedroht, mehr als ob Meeressturm ihn triebe?

109   Nicht eilt so schnell auf Erden einer fort,
110   Den Gier nach Glück und Furcht vor Leid betören,
111   Wie ich herabgeeilt bei solchem Wort,

112   Von meinem Sitz in jenen sel'gen Chören,
113   Vertrau'nd auf deiner würd'gen Rede Macht,
114   Die Ruhm dir bringt und allen, die sie hören -

115   Als nun Beatrix solches vorgebracht,
116   Da wandte sie die Augenstern' in Zähren,
117   Und dies hat mich nur schneller hergebracht.

118   So komm' ich denn daher auf ihr Begehren,
119   Das Untier von dir scheuchend, dem's gelang,
120   Den kurzen Weg des schönen Bergs zu wehren.

121   Was also ist dir? Warum weilst du bang?
122   Was herbergst du die Feigheit im Gemüte?
123   Was weicht dein Mut, dein kühner Tatendrang,

124   Da sich drei heil'ge Himmelsfrau'n voll Güte
125   Für dich bemüh'n und dir mein Mund verspricht,
126   Daß ihre treue Sorge dich behüte?"

127   Gleichwie die Blum' im ersten Sonnenlicht,
128   Beim nächt'gen Reif gesunken und verschlossen,
129   Den Stiel erhebt und ihren Kelch entflicht;

130   So hob die Kraft, erst schmachtend und verdrossen,
131   In meinem Herzen sich zu gutem Mut,
132   Und ich begann, frohsinnig und entschlossen:

133   "O wie ist sie, die für mich sorgte, gut!
134   Wie freundlich bist auch du, der den Befehlen
135   Der Herrlichen so schnell Genüge tut l

136   Schon fühl' ich mich zu heißer Sehnsucht stählen
137   Von deinem Wort, schon fühl' ich, nicht mehr bang,
138   Vom ersten Vorsatz wieder mich beseelen.

139   Drum auf, in beiden ist ein gleicher Drang,
140   Herr, Führer, Meister, auf zum großen Wege!"
141   Ich sprach's zu ihm, und, folgend seinem Gang,

142   Schritt ich daher auf waldig rauhem Stege.

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