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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Sophie Hasenclever - Die Göttliche Komödie - Hölle

Der erste Tag, so nimmt der Dichter an, ist in den Gesprächen mit Virgil verflossen. Alle Wesen werden durch die herannahende Nacht von ihren Mühen befreit, nur Dante nicht, welcher jetzt die schwere Reise antreten soll. Um von dieser genau Bericht geben zu können, ruft er nach Dichterart die Musen, nach Art des Christgläubigen die höchste, himmlische Intelligenz, Gott, an, ein neuer Beweis wie die renaissance Heidenthum und Christenthum vermischte. Zugleich ermahnt er auch sich selbst, d. h. seinen Geist, sein Gedächtniß, zwei Begriffe, die durch ein Wort im Italienischen ausgedrückt werden, sich edler Art, sich treu, zu bezeigen, damit seine Schilderung der Wahrheit entspreche. Trotzdem er poetische und theologische Mächte zu seinem Schutz heraufbeschworen, kann er doch der Zweifel, ob er zu so hohem Werk berufen sei, nicht Herr werden. Wenn auch der Vater des Silvio, also Aeneas, die Geisterwelt betrat, um die Prophezeihung des Anchises zu vernehmen, wenn Paulus das Gefäß der Gnade, bis in den Himmel entzückt wurde, so sind das andere Männer als er, und werden höhere Zwecke damit erreicht, denn Aeneas erfocht durch des Vaters, durch Anchises Wort begeistert, große Siege, gründete Alba, und so auch mittelbar Rom, den Sitz des Papstthums und Ausgangspunkt des mittelalterlichen römischen Kaiserthums, und Gott entzog ihm seine Gnade nicht, obgleich er vermessen das Geisterreich betrat, um des „Wer” und „Was” willen, d. h. um des römischen Volkes und um des Papst- und Kaiserthums willen, die von ihm ausgingen. Was aber den Apostel Paulus betrifft, so brachte dieser aus den himmlischen Regionen große Stärkung für das junge Christenthum mit. Virgil ermuthigt seinen Schützling durch die Mittheilung, daß er ihm von Beatricen zum Führer gesandt sei. Eine gütige Frau, unter der die himmlische Barmherzigkeit, Andere sagen die Jungfrau Maria, verstanden werden soll, rief ein anderes seeliges Weib, so erzählt Virgil, rief Lucia, die erweckende Gnade, auf, damit sie die Freundin des Dante, die Beatrice, von der Gefahr, in welcher dieser schwebt, benachrichtige. Lucia, also die erweckende Gnade, findet Beatricen bei der Rahel des alten Testaments. Rahel ist die Personification des betrachtenten Lebens. Also aus frommer Beschaulichkeit aufgerufen, eilt Beatrice, den Virgil zu ihrem Freunde hinabzusenden. Bei diesem Verkehr der drei himmlischen Frauen untereinander und mit dem heidnischen Dichter, ist es nöthig sich zu vergegenwärtigen, daß Virgil dies Alles dem Dante als etwas schon Vergangenes erzählt.

Der Tag verging, und von den Müh'n auf Erden
Ward jedes Wesen durch die Nacht befreit.
Nur ich, im Hinblick auf des Weg's Beschwerden,
Die treu mein Geist behielt, stand kampfbereit,
Bedacht wie gegen Mitgefühl ich stähle
Mein Herz, das blutet bei der Andern Leid.
O Musen helft, erleucht' mich Weltenseele,
Und du Gedächtniß zeig dich edler Art,
Schreib' was ich schaute nieder ohne Fehle.
„O Dichter”, sprach ich, „der mir Führer ward,
„Prüf' ob zum Werk, zu dem du mich erlesen,
„Nicht Kraft mir fehlt, prüf's, eh' beginnt die Fahrt;
„Du sagst, von Fleisch und Bein, ein menschlich Wesen
„Ging Silvio's Vater in die Geisterwelt;
„Blieb hold trotzdem der Gegner ihm des Bösen,
„Dem „Wer” und „Was” zu Liebe, das der Held
„Einst gründen sollte, o dann scheint der Ehren
„So werth kein Andrer unterm Himmelszelt.
„Ja würdig ist er in den höchsten Sphären
„Erwählt zu sein zum Vater und zum Hort
„Des großen Rom's, der Kaisermacht, der hehren.
„Das „Wer” und „Was”, gegründet war's am Ort,
„Der kühne Mann hört' ein prophetisch Wort
„Wo der jetzt weilt, der Petrus folgt im Amte,
„Im Geisterreich, das ihn zum Kampf entflammte,
„Und Sieg war dieses schweren Gangs Gewinn,
„Sieg, dem zuletzt des Papstes Würd' entstammte.
„So ging auch das Gefäß der Gnade hin,
„Um Stärkung mitzubringen aus der Höhe
„Für jenen Glauben, der des Heils Beginn.
„Doch ich, was soll ich hier in Geisternähe?
„Nicht Paulus, nicht Aeneas bin ich Thor,
„Nicht werth erschein' ich mir, noch Andern, wehe,
„Zu solchem Thu'n! wer war's, der mich erkor,
„Der mir erlaubt den Abgrund zu durchschreiten?
„Entscheide, denn an Weisheit gehst Du vor!”
So redend, schwankte ich nach allen Seiten,
Wie der, der rechts bald sucht, bald links den Pfad,
Den ersten Plan schnell aufgiebt für den zweiten,
Der will und nicht will, hörend jeden Rath.
Rasch ließ ich fall'n, was rasch ich unternommen,
Da Zweifel mir verzehrt die Kraft zur That.
„Versteh' ich recht, macht Feigheit Dich beklommen”,
So hob der große Schatten wied'rum an,
„Die Manchem Ruhm und Würde schon genommen
„Und Hemmniß wirft auf Hemmniß in die Bahn.
„Sie zeigt uns Ungethüme, malt Gefahren,
„Und doch sind jene Schatten, diese Wahn.
„Merk' auf, warum ich kam, was ich erfahren,
„Als Mitleid ich zuerst für Dich empfand,
„Dann schweigt die Furcht! ich war bei jenen Schaaren,
„Die schweben zwischen Luft und Leid gebannt,
„Als mich ein seelig' Weib aus Himmelsferne
„Zum Dienst entbot, und gleich mich willig fand;
„Ihr Auge glänzte heller, als die Sterne
Und süß klang ihrer Engelstimme Ton;
Den holden Lauten folgt ich rasch und gerne.
Sie sprach: O gütig Wesen, Mantuas Sohn,
Deß Ruhm erschallt und wird erschall'n so lange
Die Welt besteht, sieh wie mein Freund sich schon,
(Doch nicht des Glückes Freund) auf seinem Gange
Verirrt am düstern Strand, voll Noth und Gram.
Schon wandt' er sich zur Flucht, und ach ich bange
Nach dem, was droben ich von ihm vernahm,
Er sei jetzt so verwirrt schon und verblendet,
Daß ich zu spät zu seiner Rettung kam.
O geh, o hilf, damit mein Sorgen endet,
O rath' ihm, Du so voll Beredsamkeit!
Sieh, ich bin Beatrice, die Dich sendet.
Und komm vom Ort, der solche Wonnen beut,
Daß Sehnsucht schon zurück mich treibt nach Oben.
Die Liebe führt mich her, und Liebe leiht
Die Worte mir. Steh' bald ich wieder droben
Vor meinem Herrn, der alle Sehnsucht stillt,
Will ich Dich oft vor ihm, Du Guter loben.”
Sie schwieg, da hob ich an: „O Frauenbild,
Den Inhalt aller untern Himmelskreise,
Den Geisterchor, der jene Sphären füllt,
Den übertrifft durch Dich in jeder Weise
Das menschliche Geschlecht, dem du entsprangst.
Schon drängt's mich, daß ich Dienste dir erweise,
O wär schon ausgeführt, was du verlangst.
Doch sag mir Eins, wie stiegst zu diesen Schlünden
Vom seel'gen Ort Du nieder ohne Angst?”
„Da nach Du forschst,” sprach sie, „den tiefsten Gründen,
„So wisse denn, warum so groß mein Muth.
„Wir soll'n vor keinem Dinge Furcht empfinden,
„Als nur vor dem, was Andern Schaden thut,
„Ich aber bin verwandelt in dem Grade,
„Daß mich Eu'r Schmerz nicht faßt, des Brandes Gluth
„Mich nicht verletzt. Gott will, daß nichts mir schade,
„Drum fürcht' kein Schreckbild ich, wie sehr es droht.
„Im Himmel wohnt ein Weib, ganz Lieb' und Gnade.
„Die solches Mirleid fühlt mit jener Noth,
„Aus der zu retten Du versprachst den Armen,
„Daß sie durchbrach des Richters hart Gebot.
„Sie rief Lucia, mit dem Fleh'n, dem warmen,
„Zur Hülfe. Es bedarf, sprach sie, im Leid
„Ach Dein Getreuer himmlisches Erbarmen!
„Lucia, Feindin jeder Grausamkeit,
„Kam schnell zum Ort, wo oft ich sinnend weile
„Mit Rahel, jenem Weib aus alter Zeit.
„O Beatrice, Ruhm des Schöpfers, eile
Zur Rettung Dem herbei, so hob sie an,
Der also liebt, daß er Dir folgt zum Heile,
Und aus der Menge sich hervorgethan;
Hörst Du sein Klagen, siehst Du an der Küste,
Die nie Tribut gezollt dem Ocean.
Den Tod ihm nah'n, mit mörd'rischem Gelüste?
Lucia's Botschaft trieb vom seel'gen Thron
So rasch mich fort in diese dunkle Wüste,
Als seinen Schaden je ein Mensch geflohn,
Und seinem Vortheil nachgejagt! ich dachte
An Deiner Rede Kraft, die Ruhm zum Lohn
Dir selbst, und Deinen Hörern Wonne brachte,
Und daß auch ihm jetzt Noth thut guter Rath.”
Die Holde schwieg, doch mehr den Eifer fachte
Ihr stummer Blick noch an, der weinend bat.
„So kam ich, daß der Wölfin Du entrinnest,
Die Dich gehemmt, als Du dem Berg genaht.
Doch nun, was zauderst Du, und stehst und sinnest,
Warum ziehst Feigheit Du im Herzen groß?
Ach, daß auch jetzt Du Muth noch nicht gewinnest,
Da über Dir, drei Frau'n im Himmelsschooß,
Wie Du vernahmst, mit zarter Sorge walten,
Und dir mein Wort verheißt ein glücklich Loos?"
Wie Blumen, die sich vor dem Frost, dem kalten,
Geschlossen, mit gesenktem Haupt zur Nacht,
Beim Sonnenlicht die Kelche neu entfalten,
Und auf dem Stengel stehn in voller Pracht,
So hob mein Geist sich auf, jüngst matt und trübe,
Und muthig sprach ich: „Ew'ger Dank gebracht
Sei Mitleidvollste Dir für alle Liebe,
Und Dir, der ihrem Wort so schnell willfahrt!
Jetzt eile vorwärts ich mit heißem Triebe,
Mich spornt die Kunde, die du offenbart!
Den ersten Vorsatz laß mich froh erneuen,
Dem ach, gelähmt vom Schreck, ich untreu ward;
Ein einz'ger Wille lebt jetzt in uns Zweien,
Du Führer, Herr und Meister zeig' den Weg!”
Da schritt er vor, und von dem Strand, dem freien,
Trat in den Wald ich ein auf jähem Steg.

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