02
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Otto Gildemeister - Die Göttliche Komödie - Hölle

Dem ersten Entschlusse des Dichters folgt zaghaftes Bedenken. Er zweifelt an seiner Kraft und Würdigkeit, den Weg durch die Geisterwelt zu gehen. Zwar habe Äneas und das „Gefäß der Wahl” (vas electionis, wie Paulus in der Apostelgeschichte 9, 15. genannt wird), vor dem Tode Elysium und Paradies geschaut, aber Dante kann sich ihnen nicht gleichstellen. Dem Äneas vergönnte Gott („der Feind des Bösen”) diesen Gang, weil er durch die Verkündigungen des Anchises befähigt werden sollte, der „Vater Roms”, der Vorbereiter der auf Kaisertum und Papsttum ruhenden Weltordnung zu werden. Und Paulus ward in den Himmel entrückt, um den christlichen Glauben kräftiger lehren zu können. So hohe Rücksichten stehen dem Unterfangen Virgils nicht zur Seite.
Virgil beruhigt den Furchtsamen mit dem Hinweise auf den himmlischen Auftrag, dem er folgt. Virgil war „bei jenen, die in Zweifel schweben”, das heißt bei den tugendhaften Heiden, die in der Vorhölle, in einem Zweifelzustande, weder unselig noch selig, weilen, als Beatrix, vom höchsten Himmel herabsteigend, ihm den Befehl brachte, Dantes sich anzunehmen. Verschleiert wird angedeutet, daß die Mutter Gottes selbst die Hilfesendende war. Als Vermittlerinnen gebraucht sie die heilige Lucia, eine syrakusanische Märtyrin, zu der Dante, welcher „ihr Getreuer” genannt wird, in einem besonderen Andachtsverhältnis gestanden haben mag, und vor allem des Dichters verklärte Jugendliebe, Beatrix, „wahres Lob des Herrn” genannt, wohl deshalb, weil, wie Dante in der Vita nuova erzählt, die Leute, wenn sie auf der Straße ging, Gott priesen, der ein solches Wunder schuf.
Es ist gewiß nicht unrichtig, in den drei heiligen Frauen, die sich Dantes erbarmen, die drei Arten der Gnade, wie die scholastische Theologie sie definiert hat, symbolisiert zu sehen, in Maria die gratia praeveniens, die den ersten unverdienten Anstoß zur Besserung gibt, in Lucia die gratia operans oder nach anderen die erleuchtende Gnade, und in Beatrix die gratia perficiens, die das Streben des Bußfertigen mit Vollendung krönt. Unverkennbar ist aber die Beatrix des Gedichts außerdem als Spenderin der göttlichen, dem Menschen nur auf dem Wege der Offenbarung zugänglichen Wahrheit in einen Gegensatz zu Virgil, dem Vertreter der höchsten menschlichen Intelligenz und Weisheit gebracht, wie sie denn am Schlusse des Fegefeuers geradezu mit der heiligen Kirche identifizeirt erscheint. Die gelehrte Auslegung mag genötigt sein, die geheimnisvollen Beziehungen von der Gestalt, wie der Dichter sie hinstellt, abzuscheiden und mit harten Strichen tabellarisch zu ordnen; der Leser sollte sich hüten, diesen Prozeß mitzumachen, vielmehr die Gestalt so nehmen, wie Dante sie geschaffen hat, als Einheit und Realität, aus der man wohl vieles abstrahieren kann, die aber selbst sich nie einfach in eine Abstraktion verwandeln läßt.

A) Dantes Verzagen (1-42).
B) Virgil tröstet ihn durch die Eröffnung, daß er von der verklärten Beatrix gesendet sei (43-127).
C) Antritt der Höllenfahrt (128-142)

Der Tag entschwand, und alle Kreatur
Erlöste Dämmerung von Müh' und Treiben
Des Tagewerks, und ich, der eine, nur

Mußte für jenen Kampf gerüstet bleiben
So mit dem Weg wie mit dem Herzeleid,
Den mein Gedächtnis treulich wird beschreiben.

O Musen, hoher Geist, seid hilfsbereit!
Gedächtnis, das aufschrieb, was ich gesehen,
Hier wird sich zeigen deine Trefflichkeit.

So hob ich an: „Poet, vernimm mein Flehen
Und sieh, ob meine Kraft auch wohlbestellt,
Eh du mir zutraust solchen Weg zu gehen.

„Du hast erzählt, daß dein gerechter Held,
Noch eh er seinen Zoll dem Tode zollte,
Im Fleische ging zur wandellosen Welt;

„Doch wenn des Bösen Feind so wohl ihm wollte,
Weil er die hohe künft'ge Wirkung sah,
Und wer und was von ihm entpsirgnen sollte,

„So sagt Vernunft mir, daß dem recht geschah,
Den Gott in empyreischen Regionen
Zum Vater Roms und seines Reichs ersah,

„Der beiden, die gegründet sind zu thronen
An heil'ger Stätte, (denn so ist es wahr,)
Allwo des größren Petrus Erben wohnen.

„Auf jenem Gang, der ihm beschieden war,
Vernahm er Dinge ja, daraus entsprangen
Sein Sieg und auch der päpstliche Talar.

„Auch das Gefäß der Wahl ist hingegangen
Zur Stärkung jenes Glaubens, der uns lehrt,
Den Weg zum Heile richtig anzufangen.

„Doch ich? wie käm' ich hin? wie wär' ich's wert?
Ich bin nicht Paulus noch der Sohn Anchises;
Nicht ich noch jemand hält mich so geehrt.

„Drum, wenn ich ginge, fürcht' ich, so erwies' es
Als töricht sich und mehr als ich gesollt.
Doch du bist weis' und siehest klar auch dieses.”

Wie einer, der nicht will, was er gewollt,
Und wechselt seine Vorsätz' und Gedanken
Und nun verwirft, wo erst er Lob gezollt,

So fing ich an im finstren Tal zu schwanken,
Weil im Bedenken die Entschließung schwand,
Die anfangs hurtig war und sonder Wanken.

„Wofern ich deine Wort recht verstand,
(Versetzte des erlauchten Römers Schemen,)
So wird dein Herz von Feigheit übermannt,

„Die oft den Menschen pflegt ganz einzunehmen,
Daß, wie vor Truggebild ein scheues Tier,
Er absteht von ruhmvollem Unternehmen.

„Damit nun diese Furcht sich lös' in dir,
Vernimm, was ich vernommen hab', als eben
Der Schmerz um dich zuerst sich regt' in mir.

„Ich war bei jenen, die in Zweifel schweben;
Da rief ein selig Weib mich, schön und licht,
So daß ich bat, Befehle mir zu geben.

„Ihr Auge glänzte mehr denn Sternenlicht,
Und sie begann zu reden mit so schlichter
Und sanfter Stimme, wie ein Engel spricht:

„- O feine Seele, Mantuas holder Dichter,
Des Nam' auf Erden lebt und leben wird,
Solange droben stehn die Himmelslichter,

„Mein Freund, nicht Freund des Glückes, ist verirrt
Im öden Tal und so gehemmt im Wege,
Daß er urück sich kehrt von Furcht verwirrt.

„Schon fürcht' ich, daß er fern vom rechten Stege,
Nach dem, was ich vernahm an meinem Ort,
Und daß zu helfen ich zu spät mich rege.

„Nun geh, gebrauche dein geschmücktes Wort
Und alles, was not tut, ihm beizustehen,
Und mir zum Trost sei du sein Schirm und Hort.

„Ich bin Beatrix, die dich mahnt zu gehen;
Ich komm' aus Höh'n, wohin mich's wieder zieht.
Liebe bewog mich, hier dich anzuflehen.

„Wann meinen Herrn mein Auge wiedersieht,
Will ich vor ihm gedenken dein mit Loben. -
Da schwieg sie, und ich sprach, bevor sie schied:

„O Weib voll Tugend, heil'ge Kraft von oben,
Die über alles, was der Mond umkreist,
Das menschliche Geschlecht emporgehoben,

„So sehr gefällt mir, was dein Wort mich heißt,
Daß, wär's getan, es mir zu langsam wäre,
Und ich versteh', wohin dein Wunsch mich weist.

„Die Ursach' aber sag mir und erkläre,
Weshalb du in dies Zentrum dich getraust,
Da du doch heim verlangst zur weiten Sphäre? -

- „Weil du so gern ins Innre weiter schaust,
(Versetzte sie,) so will ich kurz dir sagen,
Weshalb hierher zu kommen mich nicht graust.

„Furcht soll man nur vor dem im Herzen tragen,
Was Schaden uns zufügen kann und Leid,
Vor andrem nicht; denn da ist nichts zu sagen.

„Ich bin von Gott in Gnaden so gefeit,
Daß Flamme dieser Brunst mich nie erreiche,
Mich nie berühre eure Traurigkeit.

„Ein holdes Weib erbarmt im Himmelreiche
Sich jenes Irrenden; drum bin ich hier,
Damit sich droben hart Gericht erweiche.

„Sie rief Lucia her und sprach zu ihr:
Daß nicht vom Weg ab dein Getreuer schreite,
Bedarf er dein und ich empfehl' ihn dir. -

„Lucia, die zu retten stets Bereite,
Ging stracks und kam zu meinem Sitze gern,
Wo Rahel sitzt, die alte, mir zur Seite.

„Sie sprach: Beatrix, wahres Lob des Herrn,
Soll, der so sehr dich liebt, zu Grunde gehen,
Der deinethalb sich hielt vom Pöbel fern?

„Hörst du sein Klagen nicht? kannst du nicht sehen,
Wie ihm der Tod zusetzt auf jenem Fluß,
Vor dem des Meeres Stolz nicht kann bestehen?

„Nie war ein Mensch so hurtig von Entschluß,
Gewinn zu suchen, Schaden zu beschwören,
Wie ich, als diese Rede kam zum Schluß.

„Ich kam herab von jenen sel'gen Chören,
Vertrauend deiner Rede, deren Zier
Dich selber ehr und alle, die sie hören. -

„So redete die Himmlische mit mir,
Die weinend dann die Strahlenaugen wandte,
Und rasch zu kommen wuchs mir die Begier.

„Und also kam ich her, wie sie mich sandte,
Und schirmte dich vor jener schlimmen Brut,
Die dir zum Berg den kurzen Weg verrannte.

„Nun denn, warum, warum sinkt dir der Mut?
Warum ins Herz lockst du so feiges Grauen?
Warum gebricht Kühnheit und tapfre Glut,

„Da drei so hochgebenedeite Frauen
Am Hof des Himmels sorgend dein gedacht
Und auch mein Wort auf Heil dich läßt vertrauen?" -

Wie zarte Blumen, die der Frost der Nacht
Verschloß und beugte, sich auf ihrem Schafte
Heben und öffnen, wann die Sonne lacht,

So meine Stärke, die vorher erschlaffte.
Ins Herz war wackre Kühnheit eingekehrt,
Daß ich das Wort nahm wie der Heldenhafte:

„O gütig sie, die Hilfe mir beschert!
Und freundlich du, so schleunig nachzuleben
Den wahren Worten, die sie dich gelehrt!

„Du hast mir solche Sehnsucht eingegeben
Mit deinen Worten, dein Genoß zu sein,
Daß sich erneuert hat mein erstes Streben.

„Nun geh; ein einz'ger Will' ist in uns zwein,
Du Führer, du Gebieter, du der Meister.” -
So sprach ich, und ihm folgend trat ich ein

Auf tiefem Waldesweg ins Reich der Geister.

list operone