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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Philaletes - Die Göttliche Komödie - Hölle

EINLEITUNG.
In enger Verwebung des dichterischen und persönlichen Erlebens nennt Dante als den Zeitpunkt, da er diesen Pfad der Einkehr beschritt, die Mitte des menschlichen Lebensweges. Das wäre nach biblischer Berechnung sein 35. Jahr, also 1300, das zugleich ein kirchliches Jubeljahr war. Die weiteren Angaben: Frühlingsanfang, Sonnenstand wie am Schöpfungsmorgen, das heißt im Sternbild des Widders, und Todestag Christi (21. Gesang) deuten an der Hand der Überlieferung auf den 25. März. Pochhammer gelangt zu einem anderen Ergebnis in dieser Berechnung und scheint darin ebenfalls Anhänger zu gewinnen. Von sehr großer Tragweite scheinen die Schwankungen deshalb nicht zu sein, da die Zeitangabe in bezug auf den Dichter nur biographische Bedeutung haben kann: es handelt sich um die Epoche, da er, Dante, zu innerer Einsicht und Vertiefung gelangte. Das war also in jedem Falle um sein 35. Lebensjahr herum. Auch für den allgemeineren Sinn ist es bedeutungslos, da die mystische Tradition als Reifezeit für höhere Erkenntnis das 33. Lebensjahr zur untersten Grenze nimmt. Das Datum endlich steht in keiner Weise fest, und deshalb kann man auch die Frage unberührt lassen, ob der Dichter, falls er den 8. April gemeint hatte, Charfreitagsgedanken schildern wollte. -
Der finstre Wald, in dem er sich erwachend findet, bedeutet die Wirrnis des gottentfremdeten weltlichen Lebens, die wilden Tiere darin die Laster seiner Zeit: der Pardel die Wollust, der Löwe Stolz und Herrschsucht, die Wölfin Geiz oder Habgier. Doch wollten schon ältere Erklärer den Wald im engeren Sinne als die Sinnlichkeit überhaupt oder ganz speziell als Florenz gedeutet wissen. Das würde noch nicht über Dantes eigene Angaben hinausgehen, der im „Gastmahl” auf die Mehrdeutigkeit seines Gedichtes ja ausführlich aufmerksam macht: „Der erste Sinn heißt der buchstäbliche, der nicht über den eigentlichen Buchstaben hinausgeht, der zweite der allegorische und ist derjenige, der unter der Hülle der Fabeln verborgen liegt und eine unter schöner Lüge versteckte Wahrheit ist. Der dritte Sinn heißt der moralische, der vierte der anagogische, das heißt der Übersinn.” Im Hinblick auf den stark politischen Unterton der Dichtung ist es nicht wunderbar, daß (1826-27) in Rosetti auch ein Erklärer auftrat, der das Ganze politisch verstanden wollte: Der Wald seien Dantes rohere, durch den Guelismus verwilderte Zeitgenossen, die Bäume die unwissenden Menschen, die Tiere die schädlichen Grausamkeiten voller Bosheit. Im besonderen bedeute der Pardel Florenz, da ja das weiß-schwarzgescheckte Fell auf die beiden Parteien hinweise; die Wölfin die Kurie, Rom und Bonifaz VIII.; der Löwe, im Hinweis auf das französische Wappen, Philipp den Schönen; der Hügel die Tugend, das Tal das Laster und die Sonne die Vernunft in der Politik; Virgil endlich, der ja neben den schon weiter oben gebrachten Deutungen auch als Repräsentant des Kaisertums, im Gegensatz zu Beatrix als der Kirche, aufgefaßt wurde, die politische Weisheit der Ghibellinen. Diese Erklärung wird von fast allen Seiten abgelehnt und hat vor allem das Bedenken, daß sie, entgegen allem allegorischen Brauche, anderen Deutungen ins Gehege käme, die nicht abzuweisen sind. Andererseits verlangt gerade die Deutung größte Vorsicht bei der Übersetzung. - Jedenfalls ist der Hügel das Heil, das der Strebende vor sich sieht, bestrahlt von der Sonne (dem Planeten) - dem Lichte der Wahrheit. Anfangs scheint die Sinnenlust mehr ermunternd, aber als sich auch Hochmut und Habgier dazu gesellen, verzweifelt Dante, dem Wirrsal zu entkommen. Da erscheint Virgil und belehrt ihn, daß keiner die Tiere selbst überwinden kann, und er ihn einen anderen Weg aus der Wildnis hinausführen muß. Ob mit dem Windhund Dantes Beschützer, der Herr von Verona, Can grande (großer Hund) della Scala, ein Hort der kaiserlichen Partei gemeint ist, oder, wenn man Feltro nicht als Ortsnamen, sondern als Filz auffaßt, einen in anspruchsloser Schlichtheit Erwachsenden, bleibe dahingestellt. Virgil stand als Sänger der Äneïs und angeblicher Verkünder des Sieges des Christentums im Mittelalter hoch in Ehren. Durch seine Beschreibung der Fahrt durch den Hades ist er um so mehr als Leiter dieser Höllenfahrt geeignet.

Als ich auf halbem Weg stand unsers Lebens,
Fand ich mich einst in einem dunklen Walde,
Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte; 03

Gar hart zu sagen ist's, wie er gewesen,
Der wilde Wald, so rauh und dicht verwachsen,
Daß beim Gedanken sich die Furcht erneuet; 06

So herb, daß herber kaum der Tod mir schiene:
Doch eh' vom Heil, das drin mir ward, ich handle,
Meld' ich erst andres, was ich dort gewahrte. 09

Wie ich hineinkam, weiß ich nicht zu sagen,
So schlafbefangen war ich zu der Stunde,
Als von dem rechten Weg ich abgewichen. 12

Doch da ich zu dem Fuß nun eines Hügels
Gekommen war an jenes Tales Ende,
Das mir mit Furcht das Herz durchschauert hatte, 15

Blickt' ich empor und sah der Berge Schultern
Bekleidet schon mit des Planeten Strahlen,
Der andre allerwegen recht geleitet; 18

Nun ward die Furcht ein wenig mir gestillet,
Die in des Herzens tiefstem Grund verweilet,
In jener Nacht, durchlebt bei so viel Leiden. 21

Wie einer, der mit angstgepreßtem Odem,
Dem Meere kaum entronnen, nun vom Strande
Auf die gefahrvoll wilde Flut zurückstarrt; 24

So wandte sich mein Geist, noch immer fliehend
Zurück, den engen Durchgang zu betrachten,
Den nie ein Wesen lebend noch verlassen. 27

Nachdem ich ruhend neu gestärkt die Glieder,
Stieg weiter ich empor am wüsten Hange,
So daß der feste Fuß stets war der tiefre. 30

Doch sieh! fast schon beim Anbeginn des Steigens
Erblickt' ein Pardel ich, gar leicht und flüchtig,
Bedeckt mit einem buntgefleckten Felle; 33

Es wollte nie vor meinem Antlitz weichen,
Ja, schien den Weg mir also zu versperren,
Daß ich mich öfter schon zur Rückkehr wandte. 36

Die Stunde war es, da der Morgen anbricht,
Und aufwärts stieg die Sonne mit den Sternen,
Die bei ihr standen, als die ew'ge Liebe 39

Zuerst Bewegung gab dem schönen Weltall,
So daß ich guter Hoffnung voll mich freute
Am Fell des Wildes, lustig buntgesprenkelt, 42

Am Morgenlicht und an des Lenzes Milde,
Doch so nicht, daß mich Schrecken nicht ergriffen,
Als die Gestalt ich eines Leu'n gewahrte. 45

Es war, als käm' er auf mich losgegangen,
Erhabnen Haupts, gereizt von wildem Hunger,
So, daß die Luft selbst vor ihm her erbebte. 48

Und eine Wölfin, deren magres Äußre
Voll wilder Gier schien und es deutlich zeigte,
Daß vielen schon das Leben sie verbittert, 51

Ließ durch das Graun, das ihrem Blick entströmte,
Des Wegs Beschwerde mich so drückend finden,
Daß ich die Hoffnung des Ersteigens aufgab. 54

Und so wie jener, welcher gern gewönne,
Wenn nun die Zeit kommt, die Verlust ihm bringet,
Bei jeglichem Gedanken weint und trauert; 57

So ward ich ob des friedlosen Untiers,
Das, mir entgegenkommend, mehr und mehr mich
Dorthin zurücktrieb, wo die Sonne schwindet. 60

Indes ich wieder zu dem tiefern Grunde
Mich stürzte, trat mir einer vor die Augen,
Der heiser schien durch langgewohntes Schweigen. 63

Als in der großen Wüst' ich den erblickte,
Rief ich ihm zu: „O hab' miz mir Erbarmen,
Wer du auch seist, ob wirklich Mensch, ob Schatten.” 66

„Nicht Mensch,” antwortet' er, „gewesen bin ich's;
Lombarden waren meine beiden Eltern,
Und ihrer Vaterstadt nach Mantuaner. 69

Sub Julio geboren, ob auch spät schon,
Lebt' ich zu Rom zur Zeit Augusts des Guten.
Als falsche Lügengötter man noch ehrte. 72

Ein Dichter war ich und sang den gerechten
Sohn des Anchises, welcher kam von Troja,
Nachdem das stolze Ilion verbrannt war. 75

Doch du, was kehrst zu solcher Pein du wieder,
Warum ersteigst du nicht den Wonnehügel,
Der Grund und Anfang ist von aller Freude?” - 78

„So bist du der Virgil denn und die Quelle,
Draus sich so reicher Strom der Red' ergießet,” -
Antwortet' ich ihm mit verschämter Stirne, 81

„O du, der andern Dichter Licht und Ehre,
Der lange Fleiß sei und die große Liebe,
Mit der nach deinem Buch ich griff, mir günstig. 84

Du bist mein Meister, mein erhabnes Muster,
Du bist's allein, aus dem ich sie geschöpfet,
Die schöne Schreibart, die mir Ruhm erworben. 87

Sieh dort das Tier, vor dem ich mich gewendet,
Errette mich von ihm, berühmter Weiser,
Es macht die Adern mir und Pulse zittern!” 90

„Vollführen mußt du eine andre Reise,”
Antwortet' er, da er mich weinen sehen,
„Willst du aus dieser wilden Stätt' entrinnen; 93

Denn dieses Tier, weshalb du riefst um Hilfe,
Läßt keinen frei hinziehn auf seiner Straße,
Ja, hindert ihn so sehr, bis es ihn tötet. 96

Und von Natur ist es so schlimm und boshaft,
Daß nimmer es den gier'gen Trieb befriedigt,
Und nach dem Fraß mehr als vorher noch hungert. 99

Viel Tiere sind, mit denen es sich paaret,
Und mehr noch werden sein, bis einst der Windhund
Erscheint, der es vor Schmerz wird sterben machen. 102

Nicht wird von Erd' er und Metall sich nähren,
Allein von Weisheit, Tugend und von Liebe,
Geboren wird er zwischen Feltr' und Feltro, 105

Dem armen Welschland wird zum Heil er werden,
Für das Camilla starb, die Jungfrau, Turnus
Und Nisus und Euryalus an Wunden; 108

Der wird es hin durch alle Städte jagen,
Bis in die Höll' er es zurückgetrieben,
Woraus der erste Neid es einst hervorrief. 111

Drum denk' ich und erkenne für dein Bestes,
Daß du mir folgest und ich sei dein Führer,
Der rettend durch den ew'gen Ort dich leite. 114

Dort wirst du der Verzweiflung Schrei'n vernehmen,
Die Trauerschar der alten Geister schauen,
Wo jeglicher des zweiten Tods begehret; 117

Dann wirst du die erblicken, die im Feuer
Zufrieden sind, weil sie zu kommen hoffen,
Wann es auch sei, hin zu dem sel'gen Volke; 120

Willst du zu dem auch steigen, o dann findet
Sich würdiger als ich wohl eine Seele,
Mit der ich dich bei meinem Scheiden lasse. 123

Denn jener Kaiser, der dort oben herrschet,
Weil ich mich gegen sein Gesetz empöret,
Läßt keinen mich zu seiner Stadt geleiten. 126

Er herrschet allerwärts, doch waltet dort nur;
Denn seine Stadt, sein hoher Sitz ist droben,
O glücklich der, den er sich dort erkoren!” 129

Und ich zu ihm: „O Dichter´, ich begehre,
Bei jener Gottheit, die du nicht erkanntest,
Daß diesem Weh und Schlimmern ich entgehe, 132

Daß du dahin mich führst, wo du gesagt hast,
Damit das Tor Sankt Peters ich erschaue
Und jene, die du mir so traurig schilderst.” - 135

Da schritt er vor, ich folgte seinen Spuren. 136

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