01
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
B. Carneri - Die Göttliche Komödie - Hölle

Dante verfällt am Charfreitag des Jahres 1300 in einen tiefen Schlaf und hat eine zehn Tage umfassende Vision, die er in diesem Gedicht beschreibt. Er findet sich plötzlich in einem entsetzlichen Walde verirrt und sieht von weitem einen Hügel, auf den er sich zu retten hofft. Aber ein Pardeltier, ein Löwe und eine Wölfin stellen sich ihm so furchtbar in den Weg, daß er tiefer in den Wald zurück flieht. Da begegnet ihm Virgil, den er um Hilfe anfleht. Dieser erklärt, gegen die drei Tiere, besonders gegen die Wölfin ihn nicht schützen zu können, erbietet sich jedoch, ihn durch die Hölle und das Fegefeuer bis zum Paradies zu führen, von wo an eine andere Person die Leitung übernehmen würde. Dante folgt ihm nur zögernd, obwohl er überglücklich ist, mit der Seele des Dichters, den er wie keinen verehrt, zusammen getroffen zu sein.

In unsers Lebensweges fand
Ich plötzlich mich in einem finstern Wald,
Und hatte den geraden Weg verloren. 03

Wie hart ist es zu sagen, welcher Art
Der wilde Wald war, dicht und so verwachsen,
Daß dran zu denken schon mit Furcht erfüllt! 06

So bitter ist's, daß bittrer kaum der Tod.
Soll melden ich, was dort mir Gutes ward,
Muß ich von anderen Dingen erst berichten. 09

Weiß nicht, wie dahin ich gekommen bin;
So sehr war ich versenkt in tiefsten Schlaf,
Als von dem wahren Weg ich abgewichen. 12

Doch angelangt an eines Hügels Fuß,
Dem Ende des entsetzenvollen Thals,
Das mein Gemüt ergriff so grauenvoll: 15

Blickt' ich empor, und wie des Hügels Schultern
Umwallt ich sah vom Strahlenkleid des Sterns,
Der andre sicher führt auf jedem Pfad, 18

Ließ etwas nach die namenlose Furcht,
Die bis ins Innerste mein Herz durchwühlt'
In jener Nacht, verbracht in schwerster Qual. 21

Wie der noch atemlose, kaum dem Meer
Entkommene vom Ufer sich zurück
Wendet zur fürchterlichen Flut und schaut: 24

Also mein Geist, noch auf der Flucht begriffen,
Zurück sah, zu besehn den bösen Engpaß,
Den niemals noch ein Lebender verlassen. 27

Kaum hatt' ich etwas Rast gegönnt dem Körper,
Schritt vorwärts ich auf einem öden Strand,
Wo stets der feste Fuß der tiefre war. 30

Und wie der Strand aufstieg, sieh da! geschmeidig,
In jeglicher Bewegung Raschheit, naht
Ein Pardeltier mit buntgeschecktem Fell. 33

Von meinen Blicken war's nicht wegzubringen,
Als hätt' es vor, am Schreiten mich zu hemmen,
So daß ich wiederholt schon wollte wenden. 36

Es war die Zeit des Morgen-Anbeginns,
Die Sonn' im Aufgang und von allen Sternen
Begleitet als am Tag, da Gottes Liebe 39

Bewegung lieh den schönen Erdendingen,
So daß mit Grund ich mochte Gutes hoffen
Vom wilden Tiere mit dem lust'gen Fell 42

Zu solcher Stund' und bei der milden Jahrszeit:
Hätte mich nicht mit neuer Furcht erfüllt
Der Anblick eines Löwen. Dieser schien 45

Sich gegen mich zu kehren, hoch erhoben
Das mächt'ge Haupt und wutentbrannt vor Hunger,
Daß davon rings erzitterte die Luft; 48

Dann eine Wölfin, die mit allen Lüsten
Beladen schien in ihrer Magerkeit,
Und viele schon getrieben ins Verderben. 51

Durch diese fühlt' ich mich so sehr beschwert
Von neuer Furcht, daß ich die Hoffnung aufgab,
Zu kommen auf die heißersehnte Höh'. 54

Gleich dem, der allzu gern geht auf Gewinn
Und, wann die Zeit kommt des Verlusts, verzweifelnd
Nur Sinn mehr hat für Tränen und für Trauer: 57

Trieb jene ruhelose Bestie mich,
Allmählich immer näher mich bedrängend,
Zurück in den Bereich der Finsternis. 60

Nah' dran, in einem Abgrund zu verderben,
Vor meinen Augen fand ich plötzlich einen,
Der heiser schien von allzulangem Schweigen. 63

Erblickend ihn in dieser Wüstenei:
„Wer auch du sein magst, Schatten oder Mensch,
Erbarme meiner dich”, rief ich ihm zu. - 66

„Nicht Mensch”, erwidert er, „Mensch war ich einst,
Und von lombard'schen Eltern; beide waren
Nach ihrem Heimatlande Mantuaner. 69

Geboren unter Julius Cäsar, lebt' ich
In Rom zur Zeit des gütigen Augustus
und auch der falschen trügerischen Götter. 72

Ein Dichter war ich, sang von dem gerechten
Sohn des Anchises, der von Troja kam,
Als Ilion, das stolze, war verbrannt. 75

Doch du, was kehrst ins Elend du zurück?
Weshalb besteigst du nicht den heitern Berg,
Der aller Freuden Anfang ist und Grund?” - 78

„So bist du denn Virgil, bist jene Quelle,
Der breit entströmt der reichste Redestrom”,
Antwortet' ich, verschämten Angesichts. 81

„Du, der gesamten Dichter Ehr' und Ruhm,
Rechne mir an die Lieb' und all die Mühe,
Die stets mich wieder suchen ließ dein Buch. 84

Du bist mein Lehrer, du bist meine Leuchte,
Du bist es, du, dem ich allein verdanke
Den schönen Stil, der Ehre mir gebracht. 87

Sieh jenes Untier, das mich zwang zur Umkehr,
Befrei' mich von ihm, vielgerühmter Weiser,
Sieh', wie vor Angst die Pulse zitternd pochen”. - 90

„Ganz andre Bahnen hast du nun zu gehn,
Wenn wirklich dieser Wildnis willst entrinnen”,
Sagt' er darauf, als er mich weinen sah; 93

„Denn dieses Tier, das dich so tief erschreckt,
Läßt keinen ungequält vorüberziehn,
Bedrängend jeden, bis er ihm erliegt. 96

Es ist von so verderblich wilder Art,
Daß seine Lüste nicht zu stillen sind,
Und durch den Fraß die Gier gesteigert wird. 99

Mit wieviel Tierenes auch mag sich paaren,
Sie werden immer mehr sein, bis der Rüde,
Der kühne kommt, es peinigend zu Tod. 102

Dieser begehrt nach Geld nicht noch nach Gut,
Begehrt allein nach Weisheit, Liebe, Tugend,
Entstammt den Bergen Feltros. Er wid sein 105

Das Heil des schlichten Teils Italiens,
Für den gefallen einst Camilla, Turnus,
Euryalus
und Risus, schwer verwundet. 108

Er wird das Untier Stadt für Stadt verfolgen,
Verfolgen bis hinab zur tiefsten Hölle,
Von der es einst getrennt der grause Neid. 111

Darum eracht' ich's für dich als das Beste,
Daß du mir folgest, und daß ich dich führe
Hinweg von hier, durch einen ew'gen Ort, 114

Wo du wirst hören den Verzweiflungsschrei,
Wo du wirst sehn die kummervollen Seelen,
Die fruchtlos nach dem zweiten Tod verlangen. 117

Du wirst auch sehn, die selbst im Feuer sind
Zufrieden, weil sie, wann es immer sei,
Zu kommen hoffen zu den Seligen. 120

Gilt's dann, zu diesen auch emporzusteigen,
Werd' einer würdigeren Seele dich
Ich übergeben und mich von dir trennen. 123

Denn jener Kaiser, der dort oben waltet,
Will nicht, daß ich betrete seine Stadt,
Weil gegen sein Gesetz ich mich empört. 126

Überall herrscht er, aber dort regiert er,
Dort ist sein Heim, dort ist sein hoher Sitz;
Glückselig der, den er dahin beruft!” - 129

Da sprach ich: „Dichter, ich beschwöre dich
Bei jenem Gott, der unbekannt dir blieb,
Auf daß ich all dem Schrecklichen entrinne, 132

Geleite mich, so wie du hast gesagt,
Laß mich das Thor des heil'gen Petrus schaun
Und jene, deren Jammer du geschildert.” - 135

Da schritt voraus er, und ich folgte nach. 136

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