Dante Alighieri - Leben und Werk
1. Der Dichter

Von Dantes Leben wissen wir, abgesehen von ein paar Urkunden, nur so viel wie wir aus seinen Dichtungen erschließen können. Von seinen Vorfahren hat er selbst augenscheinlich nur das gewusst, was er im 15. Gesang des Paradieses seinem Ahnherrn Cacciaguida in den Mund legt. [Par. 15, 88-148]. Dieser Cacciaguida, der von Konrad III. den Ritterschlag erhielt und auf dem zweiten Kreuzzuge (1148) im Kampf für den Glauben fiel, hatte eine Alighiera geheiratet. Während sein Bruder Moronto den bisherigen Familiennamen Elisei weiterführte, schreiben sich von Cacciaguidas Sohn, Dantes Urgroßvater, die Alighieri her. Der Dichter aber hat seinen Taufnamen Durante, abgekürzt als Dante, zu solchem Ruhm verholfen, dass der Familienname dagegen fast vollständig zurückgetreten ist. Als Dante lebt er fort, wie schon sein ältester Sohn sich geradezu den Namen Petrus Dantis, Peter Sohn des Dante, beilegte.

Heimat
[Hölle 2, 13-27] Alle Geschichte ist in Dantes Augen göttliche Fiigung. Im zweiten Gesang der Hölle schildert er, wie nach Trojas Untergang Äneas nach Latium (Italien) kam [Hölle 26, 60], wie dies die Gründung Roms zur Folge hatte und wie die Vorsehung Rom ausersehen zum Sitz des Weltreichs und des Papsttums. [Hölle 13, 148; 15, 62] Von Rom aus ist Florenz, des Dichters Geburtsort, zuerst gegründet worden, und als nach seiner Zerstörung durch Attila oder Totila, die rohen Fiesolaner von ihrem Felsensitz herunterkamen, um die Stadt neu aufzubauen und zu besiedeln, [Hölle 15, 77] da ist ein Teil der ursprünglichen Römerbevölkerung dort geblieben und von dieser stammt Dante ab. Dies ist auch einer der Gründe, warum der römische Dichter Vergil, der die folgenschweren Taten und Schicksale des Äneas besungen hat, Dantes Lieblingsdichter und sein Führer durch zwei Jenseitsreiche wurde.
Nach der Sage war Florenz in heidnischer Zeit dem Kriegsgott Mars geweiht. [Hölle 13, 143] Sein Standbild wäre in einem Tempel verehrt worden, den Konstantin der Große in eine Johanneskirche umwandelte. [Par. 9, 130] Auf den Goldgulden (fiorini), die zu Dantes Zeiten von der Stadt geprägt wurden, stand auf der einen Seite das Bildnis des Baptisten, auf der andern die Lilie, die Blume (fiore), der Florenz (Fiorenza) seinen Namen verdanken soll. [Par. 16, 47 und 145] Die Marsstatue stand noch bis zum Jahre 1333 an der Arnobrücke Ponte vecchio.
In Florenz wurde Dante aus mittlerem, nicht begütertem Adel Ende Mai des Jahres 1265 geboren; dort wurde er in „seinem schönen St. Johannes” [Hölle 19, 17], dem heutigen Battistero, getauft. [Par. 25, 9] Seine Mutter soll bald darauf gestorben sein und der Vater starb auch schon 1283. Aus einer zweiten Ehe des letzteren stammte Francesco, der später seinem Stiefbruder mehrmals in Geldverlegenheiten zur Hilfe kam.

Bildung
Seinem Stande nach muss Dante eine gelehrte Bildung gehabt haben. Die sieben freien Künste hat er sich wohl auf einer Franziskanerschule angeeignet; dass er als Jüngling eine Universität besucht habe, ist nicht wahrscheinlich. Wenn er Brunetto Latini seinen Lehrer nennt, [Hölle 15, 84] dessen Anregungen er nie vergessen könne, so ist daraus nicht mit Sicherheit zu schließen, daß beide in mündlichem Verkehr gestanden haben, obschon die ganze Schilderung dies sehr wahrscheinlich macht. (Vgl. die Anm. dort.) Jedenfalls hat Dante Brunettos Schriften gekannt, die kleineren italienischen und auch das französisch geschriebene Hauptwerk "Trésor" (der Schatz), das er ausdrücklich nennt. [Hölle 15, 119]
Aus Dantes Werken ergibt sich, dass er mit der italienischen, provenzalischen, (französischen?) und lateinischen Literatur seiner Zeit ebenso vertraut war wie mit dem klassischen lateinischen Schrifttum. Die griechischen Dichter und Philosophen kannte das Mittelalter vorwiegend aus Übersetzungen.
Wenn es gleich nicht unmöglich ist, dass der Verbannte, der denn doch schon über 37 Jahre alt war, in Bologna, Padua oder Paris Universitätsstudien getrieben hat, geht man doch in der Annahme wohl nicht fehl, dass das ungeheure Wissen, das uns in seinen Hauptwerken heute noch staunen macht, im wesentlichen die Frucht seines Selbststudiums gewesen ist.

Jugend
Kein Ereignis hat auf das Gemüt des heranwachsenden Knaben einen so gewaltigen und nachhaltigen Eindruck gemacht, als die erste Begegnung mit Beatrice. [Läut. 30, 35] Er war neun, sie acht Jahre alt. Ein „neues Leben” ging ihm auf. Was an dieser Jugendliebe Wirklichkeit, was poetischer Traum war, lässt sich nicht bestimmen. Später hat der Dichter es so dargestellt, als ob er damals ausgerufen habe: „da ist ein Gott, der stärker ist als ich, und er kommt, um über mich zu herrschen”. Erst neun Jahre später sah er sie auf der Straße in Gesellschaft von zwei reifem Frauen wieder und sie grüßte ihn. Sie war inzwischen zur ersten Schönheit der Stadt herangewachsen. Die Jugendschwärmerei hat sich bei Dante verklärt zu einer Liebe über alles, der er in seinem Erstlingswerk „Das neue Leben” einen überaus keuschen und zarten Ausdruck verlieh.
Wir wissen nicht bestimmt, ob diese Geliebte jene Beatrice Portinari war, die nachher den Simone de' Bardi heiratete, wie man früher allgemein annahm, wissen nicht einmal, ob Beatrice ihr wirklicher Name gewesen, ob nicht vielmehr der Liebende ihr diesen Ehrennamen „die Beseligende” beigelegt hat. Diese Fragen hat Dante selbst absichtlich mit einem Schleier umwoben. Vierundzwanzig Jahre alt ist Beatrice 1290 gestorben; [Läut. 30, 124] der Dichter hatte diesen frühen Tod vorausgeahnt. Sie war ihm nämlich ein Engelswesen, zu gut und zu schön für die Erde, das denn auch bald zu seiner wahren Heimat zurückeilte.
[Par. 15, 104] Nach damaliger Sitte wurde Dante, kaum den Kinderschuhen entwachsen, vom Vater einer noch jüngern Gemma Donati anverlobt, die er später - die Angaben schwanken zwischen 1292 und 1295 - heimgeführt hat. Als Soldat kämpfte er in den Reihen der Florentiner Weißen in den Jahren 1288 und 1289. (Näheres darüber im 2. Kapitel.)
In seinen Jünglingsjahren oder nach deren Ablauf sehen wir ihn im Wettstreit mit anderen Dichtern seiner Vaterstadt, wie Guido Cavalcanti. Zu seinen Jugendfreunden hat, außer Forese Donati, dem Maler Giotto und dem toskanischen Dichter Casella, auch der gekrönte König von Ungarn Karl Martell gehört, der sich einige Monate in Florenz aufhielt. [Hölle 10, 63. Läut. 23, 48. Läut. 2, 91. Par. 8, 55]

Mannesjahre
Der Ehe mit Gemma Donati entsprossen zwei Söhne, Pietro und Jacopo, die beide Erklärungen zur Göttlichen Komödie geschrieben haben, und zwei Töchter, Antonia und Beatrice. Gemma hat den Dichter um etwa zwölf Jahre überlebt.
Nach dem Tode Beatrices, also von seinem 26. Lebensjahre an, suchte und fand Dante zweieinhalb Jahre lang Trost im Studium der Philosophie. Die Frucht dieses Studiums ist ein neues Werk, „Das Gastmahl”, in dem er - ähnlich wie im „Neuen Leben” - früher entstandene Kanzonen mit Prosaerläuterungen umgab, diesmal aber nicht erzählend, sondern ausschließlich lehrhaft allegorisierend. Es wird in diesen Gedichten eine zweite Herzensdame, die „donna gentile”, besungen, nach Dantes eigenen Erklärungen eine Allegorie der Philosophie.
Vom philosophischen Ernst fiel er darauf ins andre Extrem [Läut. 23, 116] und führte mit seinen Freunden ein ziemlich lockeres Leben. Mit Forese Donati und andern wechselte er schlüpfrige Sonette; eine hohe Schuldsumme war er aufzunehmen genötigt. Cavalcanti suchte ihn von diesem Irrwege zurückzuführen. Im Gespräch mit Forese im Purgatorium spielt der Dichter darauf an, und Beatrice gegenüber gesteht er im Irdischen Paradies seine Verfehlungen unumwunden ein. [Läut. 31, 34] Es ist dies die Verirrung im Walde um die Mitte seines Lebens, die der Anlass zur sittlichen Läuterung wurde. [Hölle1, 1]
Verhängnisvoll für Dante wurde seit dieser Zeit sein Ehrgeiz, sich auch politisch zu betätigen. Einige erhaltene Urkunden geben uns darüber Auskunft. Am 14. Dezember 1295 sitzt er im Rat der Zunftvorsteher und beteiligt sich an der Wahl der Prioren (Stadtbehörden), 1296 ist er schon Mitglied des Rates der Hundert. Er übernimmt Gesandtschaften nach anderen Städten und ist vom 15. Juni bis 15. August 1300 einer der sechs Prioren von Florenz. Als solcher war er für die Ablehnung mitverantwortlich, die dem Gesuch des Papstes Bonifaz um Geldunterstützung und Hilfstruppen für den König von Neapel zuteil wurde. Als dann im nächsten Jahr Karl von Valois die Schwarzen ans Ruder brachte, wurden den Gegnern des Papstes schwere Geldstrafen auferlegt und die Hauptschuldigen verbannt. Im Jahre 1302 musste Dante den Heimatboden verlassen. [Par. 17, 48-63] Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, wird es nötig sein, im folgenden Kapitel etwas weiter auszuholen.

Wanderleben
Dante zählte 37 Jahre, als für ihn das ruhelose Leben begann, wie er es im „Gastmahl” [I, 3] schildert: „Seit es den Bürgern der schönsten und berühmtesten Tochter Roms, Florenz, gefallen, mich ihrem süßen Schoß zu entreißen, in dem ich geboren wurde und bis zur Höhe meines Lebens aufwuchs und wo ich in vollem Frieden von ganzem Herzen meine müde Seele auszuruhen und die Zeit, die mir vergönnt ist, zu beschließen wünsche, seitdem bin ich nahezu durch alle Gebiete, soweit unsre Sprache klingt, wie ein Pilger, fast wie ein Bettler, gewandert. Wider meinen Willen trug ich die Wunde, die mir das Geschick geschlagen, zur Schau, die dem Verwundeten so oft ungerechterweise als Schuld angerechnet wird. [Par. 17, 52] Wahrhaftig, ein Schiff war ich, ohne Segel und Steuer, von jenem trockenen Winde, den die schmerzensreiche Armut bläst, nach verschiedenen Häfen und Buchten und Ufern verschlagen!” Seine Güter waren eingezogen und mannigfach hat er erfahren, wie salzig das Brot des Bettlers schmeckt. [Par. 17, 58] Anfangs machte er noch gemeine Sache mit seinen Verbannungsgenossen und den bereits eher ausgewiesenen Ghibellinen. Er beteiligte sich an ihrer Tagung in San Godenzo (8. Juni 1302), bald aber veranlasste ihn ihr niedriges eigennütziges Bestreben, sich von ihnen loszusagen, Partei für sich, allmählich vereinsamt. [Hölle 15, 71. Par. 17, 64-69] Am Hofe Bartolommeos della Scala in Verona fand er die erste gastliche Aufnahme, doch der hohe Gönner starb schon 1304. [Par. 17, 70] In den folgenden Jahren verlieren sich seine Spuren. Er weilte in Padua und Bologna, in Pola und Paris und, wie Serravalle bezeugt, auch in den Niederlanden und England. [Hölle 19, 115] Im Herbst 1306 fand er ein Obdach bei den Markgrafen Malaspina in Lunigiana [Läut. 8, 113] und einige Jahre später erfreute er sich der Gönnerschaft einer nicht näher bekannten Gentucca in Lucca. [Läut. 24, 43] Die Hoffnung, die er auf Kaiser Heinrich VII. setzte, musste er nach dessen frühzeitigem Tode 1313 begraben. In den letzten, Jahren seines Lebens ward ihm eine Friedensstätte in Ravenna bei dem Grafen Guido Novello von Polenta, dem Neffen der Francesca von Rimini [Hölle 5]. Von hier aus besuchte er öfter Verona, wo Cangrande della Scala, jetzt Reichsvikar und Führer der Ghibellinen in der Lombardei, ihm sehr gewogen war. [Par. 17, 76] Auch seine Kinder ließ er nach Verona kommen.
In Ravenna, vor dessen Tor sich der rauschende Pinienwald von Classe damals bis zur Adria erstreckte, vollendete er die Komödie. [Läut. 28, 20] Cangrande von Verona hat er das Paradies gewidmet, noch bevor es vollständig war. Florenz hat er nicht wiedergesehen. Seine heißeste Sehnsucht, in der geliebten Johanneskirche noch mal als, Dichter gekrönt zu werden, ging nicht in Erfüllung. [Par. 25, 1-9] Auf einer Gesandtschaftsreise nach Venedig im Auftrage Guido Novellos zog er sich das Fieber zu, dem er, heimgekehrt, am Tage der Kreuzerhöhung, den 14. September 1321, erlag. Dort liegen seine Gebeine in der Franziskanerkirche. Mit Gregor VII. konnte er sagen: „Das Recht habe ich geliebt und das Unrecht gehasst, darum sterbe ich in der Verbannung.”

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