Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 29
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 29

Dante und die beiden andern Dichter folgen dem Gange der auf der andern Seite des Baches wandelnden Mathilde. Jetzt gewahrt er ein Leuchten durch den Wald, das sich vermehrt. Süße Töne erklingen, die Luft wird immer heller. Anruf der Musen. Schilderung des Triumphes der Kirche in einem allegorischen Aufzuge, auf einem von einem Greisen gezogenen Wagen, der von symbolischen Gestalten umgeben ist. Als der Wagen Dante gegenüber ist, ertönt ein Donnerschlag un der Wagen hält an.

Und singend wie ein Weib, das Lieb' erfüllt,
Ließ sie am Schluß der Red' ihr Wort erklingen:
‘Wohl denen, deren Sünden sind verhüllt.’

Und jenen Nymphen gleich, die einsam gingen
Im Waldesschatten, sehnsuchtsvoll die Eine
Zu fliehn die Sonn' und Die, zu ihr zu dringen,

Ging sie des Baches Lauf am Uferraine
Entgegen, ich in gleicher Höhe mit
Und klein gleich ihrem Schritte war der meine.

Nicht hatten wir zusammen hundert Schritt
Gethan, da wandte sich des Ufers Lauf,
So daß ich wieder gegen Morgen schritt.

Auch jetzt nicht lange schritten wir stromauf,
Als ganz zu mir das holde Weib sich wandte
Und sprach; ‘Mein Bruder, schau nun und merk' auf.’

Und sieh! in einem Lichtglanz strahlend brannte
Von allen Seiten rings der große Hain,
so daß mich Zweifel, ob es blitze, bannte.

Doch, wie er kam, vergeht des Blitzes Schein;
Hier sah ich immer hellern Glanz entfalten,
Drum sprach ich zu mir selbst: Was mag das sein?

Und Töne süßer Melodie durchwallten
Die lichte Luft, so daß erzürnt mit Fug
Die Keckheit Evas die Gedanken schalten.

Wo Erd' und Himmel folgsam sich betrug,
Da wars ein Weib nur, eben erst entsprossen,
Das nicht den Schleier vor dem Aug' ertrug.

Denn wenn sie frommen Sinns ihn hielt geschlossen,
Hätt' ich die Wonnen, jene unnennbaren
Weit früher schon und längre Zei genossen.

Wie ich durch so viel Erstlinge der wahren
Glückseligkeit einherging, ganz gespannt
Der Freuden immer mehr noch zu erfahren,

Da ward vor mir wie Feuer hell entbrannt
Deie Luft dort unten jener Zweige Grün;
Süß war der Sang, deß Ton ich nur verstand.

O heilige Jungfrau, wenn ich Hungers Müh'n,
Frost oder Wachen je für euch ertragen,
Ich habe Grund jetzt Lohn zu fordern kühn.

Jetzt laß, o Musenquell, mir Wellen schlagen,
Jetzt mit den Schwestern helf' Urania
In Versen schwer zu denkendes mir sagen.

Drauf stellten sieben goldne Bäume da
Mir vor das Auge der Entfernung Weiten,
Die zwischen mir und ihnen ich noch sah.

Doch als so nah ich kam im Vorwärtsschreiten,
Daß jene Gleichheit, die zum Irrthum zieht,
Mir nicht entgehn ließ die Besonderheiten,

Erkannte jene Kraft, die Unterschied
Die Seele lehret, daß es Leuchter waren,
Und das ‘Hosianna’ in der Sänger Lied.

Viel heller als der Mond noch je am klaren
Nachthimmel in des Monats Mitte strahlte,
Ließ sich der Leuchter flammend Licht gewahren.

Mit einem Blicke, drin sich Staunend malte,
Wandt' sich Virgil mich zu, der nicht geringen
Erstaunens Ausdruck selber heim mir zahlte.

Drauf kehrt' ich wieder nach den hohen Dingen
Das Antlitz hin, die langsam - schneller gehen
Selbst junge Bräute - jetzt uns näher gingen.

Da rief das Weib mir zu: ‘Wie kannst du stehen,
Durchglüht von Luft an dem lebendigen Licht,
Um das was hinterdrein kommt nicht zu sehen?’

Jetzt sah ich, folgend jenen Leuchtern dicht
Wie Führern, Leute weiß gekleidet blinken:
So strahlend Weiß sieht man auf Erden nicht.

Des Baches Wasser glänzte mir zur Linken
Und ließ gleich wie ein Spiegel, wenn hinein
Ich sah, die linke Seit' entgegenwinken.

Jetzt hatt' ich solchen Stand am Uferrain,
Daß mich von ihm schied jenes Bächlein nur.
Um mehr zu sehen, hielt den Schritt ich ein.

Ich sah, wie jedes Flämmchen vorwärts fuhr
Und ließ, als wie vom Pinselstrich gezogen,
Zurück im Luftraum farbiger Streifen Spur.

So war von sieben Streifen dort durchzogen
Der Himmel, ganz in jener Farbenleiter,
Die Lunas Gürtel trägt und Phöbus Bogen.

Nach rückwärts reichte dieses Banner weiter
Als meine Sehkraft, und der Zwischenraum
Der äußern schien mir ein zehn Schritte breiter.

Es nahten unter diesem schönen Raum
Nun vierundzwanzig Greise, stets zu zweit,
Bekränzt mit Lilien, und ich sah sie kaum,

Da tönt' ihr aller Sang: ‘Gebenedeit
Seist unter Adams Töchtern du, gepriesen
Soll deine Schönheit sein in Ewigkeit.’

Kaum daß die Blumen und das Grün der Wiesen
Am Strand mir gegenüber sich nun ganz
Von dem erwählten Volk verlassen wiesen,

Als, wie am Himmel folget Glanz auf Glanz,
Vier Thiere hinter jenen mir erschienen,
Ein jegliches gekrönt mit grünem Kranz.

Sechs Flügel mußten einem jeden dienen,
Die Federn voller Augen, und die Augen
Des Argus, wenn er lebte, glichen ihnen.

Mehr Verse, Leser, würden doch nicht taugen
Um sie zu schildern; fort werd' ich getrieben,
Zu anderm Zwecke meine Kraft zu brauchen.

Doch lies Ezechiel, der sie beschrieben,
Wie er vom kalten Norden sie gesehen
Einher mit Wolken, Sturm und Feuer stieben.

Wie dus in seinen Blättern findest stehen,
So waren sie, nur in Betreff der Schwingen
Muß mit Johannes, nicht mit ihm ich gehen.

Es schloß der Raum, den diese Vier umfingen,
Zweirädrig einen Siegeswagen ein,
Den einen Greif ich sah gezogen bringen.

Zwischen dem Mittelstreif und drei und drein
Hob er die beiden Flügel nun empor
Und schnitt verletzend doch in keinen ein,

So hoch, daß ihn mein Auge bald verlor.
So weit er Vogel, waren Gold die Glieder,
Am andern Leib trat Roth und Weiß hervor,

Nie sah August, nie Africanus nieder
In Rom auf einen Wagen, der so gleißte,
Ja der der Sonne selbst wär' arm dawider;

Der Sonnenwagen, der, als er entgleiste,
Verbrannt' auf Tellus brünstig Flehn um Gnade,
Als Jupiter straft'in gerechtem Geiste.

Drei Frauen kamen an dem rechten Rade
Im Kreise tanzend, also roth die eine,
Sie würde kaum erkannt im Flammenbade.

Die zweite war, als wäre Fleisch und Beine
Smaragd, so leuchtend Grün war ihr verliehn;
Die dritte glich des frischen Schnees Reine.

Die Weiße bald und bald die Rothe schien
den Tanz zu leiten, nach der letztern Tönen
Sah man die andern schnell und langsam ziehn.

Zur Linken, purpurangethan, im schönen
Festreigen sah man die Viere gleich der Einen,
Der ihre Stirn der Augen drei verschönen.

Nach diesem Aufzug sah ich dann erscheinen
Zwei Greise, die verschieden zwar an Tracht,
Doch sich in würdiger Haltung ganz vereinen.

Zu Hippokrats Vertrauten schien gemacht
Der Eine, den Natur den liebsten Wesen,
Die sie erschuf, zum Schutz hervorgebracht.

Der Andre schien zum Gegentheil erlesen,
Mit blankem spitzem Schwert; ich mußte bangen,
Wär' ich auch durch den Fluß geschirmt gewesen.

Drauf kamen, ärmlich anzuschaun, gegangen
Vier andre, hinter allen noch ein Greis
Mit klugem Antlitz, doch von Schlaf umfangen.

Mit jenen frühern waren gleicherweis
Gekleidet diese Sieben, doch es wanden
Um ihre Häupter sich nicht Lilien weiß,

Nein! Rosen sammt viel rother Blumen Banden;
Geschworen hätte, daß da Flammen schlagen
Aus ihren Brauen, auch wer nah gestanden.

Und als mir gegenüber stand der Wagen,
Ertönt' ein Donner, der das Weitergehen
Dem würdigen Volke schien zu untersagen,

Dem still blieb sammt den Fahnen alles stehen.

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