Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 27
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 27

Der Abend bricht an. Ein Engel ladet zum Eintritt in die Flammen. Dante bebt zurück und Virgil weiß ihn nur dadurch zum Eintritt zu bestimmen, daß er ihm zuruft, jenseits dieser Flamme erwarte ihn Beatrix. Dante stürzt sich hinein. Sie schreiten dann auf den Gipfel des Berges zu. Die Nacht sinkt herab. Im Schlafe hat Dante gegen Morgen eine Vision: ein blumenpflückendes Weib erscheint ihm. Es ist Lea, das Bild des thätigen Lebens, im Gegensatze zu ihrer Schwester Rahel, dem Bilde des beschaulichen Lebens. Virgil erklärt ihm, daß er ihn hier verlasse. Fortan dürfe er dem eigenen, geläuterten und mit Gott geeinten Willen folgen.

Wie wenn dorthin den ersten Strahl vom Tage
Die Sonne schießt, wo, Der sie schuf, sein Blut
Vergoß, und überm Ebro steht die Wage,

Und wenn vom Mittag glüht des Ganges Flut -
So stand die Sonn', als schon der Tag entschwand,
Da naht' ein Engel Gottes frohgemuth,

Der außerhalb der Flamm' am Rande stand;
Und ‘Selig die da reinen Herzens!’ scholl es,
Ein Ton, wie er auf Erden nicht bekannt.

Drauf sprach er: ‘Heilige Seelen, weiter soll es
Nicht gehn ohn' Feuerprüfung; kommt herein,
Nicht taub dem Singen, denn vom Himmel quoll es.’

So sagt' er, als wir ihm genaht; allein
Wie dem, den man begräbt, zur Gruft ihn senkend,
Ward mir, als dieses Wort auf mich drang ein.

Ich bog mich vorwärts, Hand in Hand verschränkend,
Und blickt' ins Feuer, mit lebend'gem Sinn
Verbrannter Körper, die ich sah, gedenkend.

Die guten Führer schauten nach mir hin.
‘Mein Sohn’, begann zu mir nun Mantuas Seher,
‘Wohl Qualen, doch nicht Tod gibt es hier drin.

Erinnr', erinnre dich! Bot ich schon eher
Auf Geryons Rücken treu Geleit dir dar,
Was werd' ich jetzt thun, da ich Gott viel näher!

Sei deß gewiß, wenn du auch tausend Jahr
Verbliebest hier in dieser Flammen Runde,
Sie machten dich nicht kahler um ein Haar.

Und glaubst du, Täuschung red' aus meinem Munde,
Tritt hin und schaffe mit eigner Hand
An deines Kleides Saum gewisse Kunde.

Wirf ab, wirf ab den Kleinmuth! her gewandt
Nach mir zu schreite zuversichtlich weiter.’
Doch ich, nicht horchend dem Gewissen - stand.

Als mich noch starr und fest sah mein Begleiter,
Sprach er bewegt: ‘Sohn, Beatrice und dich
Trennt einzig dieser Mauer Raum, kein zweiter!’

Wie schon im Sterben Pyrams Auge, sich
Bei Thisbes Namen öffnend, auf sie schaute,
Als roth die Maulbeer sich gefärbt - so ich

Blickt' auf den weisen Führer bei dem Laute
Des Namens, der im Geist mir immer quillt,
Weil jetzt des Willens starre Rinde thaute.

Dann schüttelt' er das Haupt und sagte mild:
‘Willst du noch bleiben?’ Und er lächelt leise,
Wie wenn des Kindes Trotz ein Apfel stillt.

Dann trat er vor mir ein zum Flammenkreise,
Drauf ich, und Statius folgte hinterdrein,
Der zwischen uns erst ging auf unsrer Reise.

Jetzt war ich drin: in siedend Glas hinein
Würd' ich gestürzt mich haben, mich zu kühlen,
So sonder Maß war hier der Hitze Pein.

Mein süßer Vater, mir den Muth, den schwülen
Zu heben, sprach von Beatrice nur
Im Gehn: ‘Schon mein' ich ihren Blick zu fühlen.’

Und eine Stimme von des Jenseits Flur
Führt' uns; sie sang, ihr lauschend traten wir
Heraus, wo auf zur Höhe steigt die Spur.

‘Kommt, o Gesegnete des Vaters ihr!’
Klang es aus einem Glanze, der zerrinnen
Macht' allbewältigend die Sehkraft mir.

‘Der Abend naht, die Sonn' entweicht von hinnen,’
Erklangs, ‘beeilt den Schritt, nicht haltet ein!
Eh dunkle Schatten aufzuziehn beginnen.’

Ansteig der Weg derart durch das Gestein,
Daß meinen Schatten auf die Felsenleiter
Warf vor mir der schon müden Sonne Schein.

Wir waren nur um wenig Stufen weiter,
Da merkten wir am Schatten, der zerronnen,
Der Sonne Scheiden, ich und die Begleiter.

Und eh den gleichen Anblick noch gewonnen
Des Horizontes unermeßne Kette
Und seine Kammern all die Nacht umsponnen,

Wählt' eine Stufe jeder sich zum Bette;
Uns nahm die Möglichkeit, daß wir noch stiegen,
Des Bergs Natur, auch dem, der Luft noch hätte.

Gleichwie beim Wiederkäuen wohl die Ziegen,
Die um die Gipfel mit behendem Muth,
Eh sie gesättigt, klommen, stille liegen

Im Schatten bei der heißen Sonnengluth,
Indeß, auf seinen Stab gelehnt, der treue
Geißhirt sie hütet und so wachend ruht,

Und wie der Schäfer ruhig auf der Streue
Pflegt draußen bei dem Vieh zu übernachten,
Acht habend daß kein Raubthier es zerstreue:

Gleich ihnen waren jetzt wir Drei zu achten,
Die Geiß ich, jene, die wie Hirten waren,
Und rechts und links der Felsen steile Wachten.

Nicht viel vom Draußen war hier zu gewahren,
Doch durch das Wenige sah ich, größer viel
Und leuchtender als sonst, der Sterne Scharen.

Wie cih so sann udn auf sie sah, befiel
Mich Schlaf, der Schlaf, der manche Dinge kennt,
Eh sie gekommen zu des Daseins Ziel.

Die Zeit wars, glaub' ich, wo vom Orient
Den Berg Cytherens Stern hellstrahlend schmückte,
Der, scheint es, stets in Liebesfeuer brennt,

Als mir der Traum ein Weib vor Augen rückte,
Auf einer Aue, schön, in Jugendglanz,
Sie sang und sprach, indem sie Blumen pflückte:

‘Wem noch ein Name fremd, er wiss' ihn ganz:
Ich bin die Lea, die die schönen Hände
Ringsum bewegt, zu winden einen Kranz.

Ich schmücke mich, auf daß ich schön mich fände
Im Spiegel; Schwester Rahel unverrückt
Sitzt vor dem ihren Tag und Nacht ohn' Ende.

Ihr schönes Aug' zu sehn macht sie entzückt,
Und mich ergötzt mit Händen mich zu schmücken,
So daß sie Schau'n, und Handeln mich beglückt.’

Die Helle bei des Tages Näherrücken,
Die einem Pilger, der der Heimat nah
Geherbergt, füllt die Seele mit Entzücken,

Verscheuchte schon ringsum das Dunkel - da
Wich auch mein Schlaf, ich rüstet' mich zum Steigen,
Da ich schon wach die großen Meister sah.

‘Die süße Frucht, nach der auf so viel Zweigen
Die Menschen schaun als ihrer Sorge Ziel,
Bringt deinen Hunger heute noch zum Schweigen.’

Mit solchen Worten sprach zu mir Virgil,
Und nimmer noch ward ein Geschenk gegeben,
Das gleiche Freud gab und so gefiel.

So sehr kam jetzt mir Streben über Streben
Nach oben, daß bei jedem Schritte weiter
Ich Schwingen fühlte wachsen und mich heben.

Als wir durchmessen nun die ganze Leiter
Und standen auf der höchsten Stufe Spitze,
Da richtete den Blick auf mich mein Leiter.

‘Des zeitlichen und ewigen Feuers Sitze
Sahst du, und kamst dahin, o Sohn,’ sprach er,
‘Wo ich nichts mehr erkenn' aus eigenem Witze.

Mit Kunst und Weisheit führt' ich dich hierher;
Nimm dein Gefallen jetzt zum Fahrtgenossen,
Nicht steil ist mehr der Pfad, nicht enge mehr.

Sie deine Stirn von Sonnenglanz umflossen,
Sieh Gras und Blumen, sieh die Sträucher an,
Die hier von selber aus der Erde sprossen.

Bis freudig dir die schönen Augen nahn,
Die mich zur Hülf' entsandt durch ihre Zähren,
Ruh' oder wandle hier auf dieser Bahn.

Nicht harre mehr von mir auf Wink und Lehren;
Dein Will' ist richtig jetzt, gesund und frei,
Ein Fehler wärs nicht Folg' ihm zu gewähren;

Weshalb ich Kron' und Mitra dir verleih.’

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