Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 26
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 26

Die Schatten staunen über Dantes Körperlichkeit und einer befragt ihn. Noch ehe er antworten kann, kommt eine Schar von Schatten der hier weilenden entgegen; sie umarmen und küssen sich und eilen dann an einander vorüber. Der Schatten, der vorher gesprochen, belehrt Dante, daß hier die Wollust bestraft wird und die beiden Scharen verschiedene Arten derselben büßen. Er selbst gibt sich als Guido Guinicelli zu erkennen. Dante preist ihn als seinen Vorgänger im Dichten. Guido aber, das Lob ablehnend, weist auf den Troubadour Arnaut Daniel als ausgezeichneter hin. Dante spricht diesen an und Arnaut erwidert in provenzalischen Worten.

Indeß wir so, eins nach dem andern, gingen
Am Rande hin, sprach oft mein gut Geleite:
‘Hab Acht, laß dir mein Mahnen Nutzen bringen!’

Die Sonne traf mich auf der rechten Seite
Und wandelte was blau gestrahlt vorher
In Weiß rings an des Abendhimmels Weite.

Durch meinen Schatten schien die Gluth noch mehr
Hochroth zu glühn; ich sah, daß auf dies Zeichen
Viel Schatten merkten, als ich schritt einher.

Zum Anlaß mußte dies für sie gereichen
Von mir zu reden, und sie hoben an:
Der scheint uns Schattenkörpern nicht zu gleichen.’

So viel sie konnten, machten einige dann
Sich auf mich zu, doch stets mit dem Bedachte,
Daß sie nicht träten aus des Feuers Bann.

‘Du, den nicht Trägheit, sondern Ehrfurcht machte
So langsam wandeln hinter Jenen, sprich
Mit mir, der ich in Durst und Flamme schachte.

Dein Wort ist nöthig, nicht allein für mich;
Kein Mohr und Inder dürstet nach dem kalten
Springquell wie alle danach sehnen sich.

Sprich, wie hat doch dein Leib so aufgehalten
Die Sonn' als Mauer, gleich als wärst du nicht
Verstrickt schon in des Todesnetzes Falten?’

So sprach von ihnen einer, und Bericht
Hätt' ich gegeben, wenn mir nicht ein neuer
Anblick gefesselt Augen und Gesicht.

Denn auf des Weges Mitte, der voll Feuer,
Kam, jenen grad entgegen, jetzt ein Haufen,
Drob blieb ich in Betrachtung stehn, in scheuer.

Von beiden Seiten sah ich eilig laufen
Die Schatten und sich mit einander paaren,
Die kurze Zeit mit Küssen auszukaufen.

So sieht man der Ameisen braune Scharen
Mit ihren Rüsseln sich einander nahn,
Um, wie es geh' und stehe, zu erfahren.

Sobald der Freundesgruß war abgethan,
Fing, ehe sie den Weg von dannen nahmen,
Die Schar wetteifernd laut zu rufen an.

‘Sodom, Gomorra!’ schrie'n die eben kamen,
Und die: ‘Pasiphae kroch in die Kuh
Aus geiler Lust nach eines Stieres Samen.’

Wie Kraniche, die den Riphäen zu
Theils fliegen, theils zum Wüstensand - die einen
Suchen vor Frost, vor Gluth die andern Ruh' -

So sah man fortgehn eine Schar, erscheinen
Die andre, beide zu dem Ruf, der ihnen
Entsprach, rückkehrend und zu Lied und Weinen.

Die mich zu bitten schon zuvor erschienen,
Sie kamen wieder zu mir her gegangen,
Voll Sehnsucht, mich zu hören, in den Mienen.

Ich, der zweimal gesehen das Verlangen,
Begann: ‘O Seelen, die ihr sicher seid,
Wann es auch sei, den Frieden zu erlangen!

Nicht reif noch unreif blieb des Leibes Kleid
Mir jenseits, lebend durft' er her sich wagen,
Und Blut und Muskeln geben mir Geleit.

Aufsteig' ich, mich der Blindheit zu entschlagen,
Ein Weib erwirbt die Gnade mir dort oben,
Dies Sterbliche durch eure Welt zu tragen.

Doch wenn ihr eurer Sehnsucht bald enthoben
Wollt werden, daß der Himmel euch umfange,
Der, lieberfüllt, am weitesten erhoben,

Sprecht, daß mein Lied auch davon Kund' erlange,
Wer seid ihr, und wer ist der Haufe, der
In eurem Rücken eilt mit raschem Gange?’

Nicht stutzt und staunet vor Verwundrung mehr
Der Bergbewohner, wenn er unerfahren
Und wild zur Stadt kam, und gafft um sich her,

Als jeder Schatten hier schien zu gebahren;
Doch als des Staunens, deß sich bald entheben
Die Herzen Edler, sie entledigt waren,

Begann der uns gebeten erst so eben:
‘O Glücklicher, der du an unserm Strande
Erfahrung sammelst für ein beßres Leben!

Die nicht mit uns kommt, jene Schattenbande,
Sündigt' in dem, weshalb man ‘Königin’
Schalt Caesarn beim Triumphe, ihm zur Schande.

Drum ‘Sodom’ rufend, gehen sie dahin,
Zum Vorwurf sich, und stärken noch die Kraft
Der Gluth durch Scham, wie du gehört vorhin.

Doch unser Laster - es ist zwitterhaft;
Weil wir, statt menschliches Gesetz zu wahren,
Gleich Thieren folgten schnöder Leidenschaft,

Tönt uns zur Schande stets, wenn unsre Scharen
Sich trennen, Jener Name, die im Vieh
Von Holz gepflogen viehisches Gebahren.

All' unsre Art und Schuld, jetzt kennst du sie.
Willst du noch unser aller Namen kennen,
Nicht weiß ich sie, käm' auch zu Ende nie.

Was mich betrifft, will ich mich gern dir nennen,
Bin Guido Guinicelli; weil in Reue
Ich starb, darf ich schon hier mich läuternd brennen.’

Wie bei Lycurgus Schmerz, als sie die treue
Mutter erblickten, thaten die zwei Söhne.
So ich - ob den Vergleich auch ganz ich scheue -

Als ich ihn nennen hörte, der das schöne
Vorbild für mich und all der Meister Schar,
Die je gesungen süße Liebestöne.

Den Blick auf ihn, in Sinnen ganz und gar,
Nicht redend und nicht hörend, ging ich lang
Dem Feur nicht nahend, weil ich bange war.

Als ich an ihm gestillt des Sehnens Drang,
Bot ich mich ihm mit der Betheurung Schwur
Dienstwillig an, die Glaueben stets errang.

Und Er: ‘Es läßt, was ich von dir erfuhr,
In mir so hell Erinnern, daß verloren
In Lethe nie geht seine dunkle Spur.

Doch sprich, wenn Wahrheit mir dein Wort geschworen,
Was ist der Grund, weshalb in Blick und Wort
Du mir bezeugt, daß mich dein Herz erkoren?’

Und ich drauf: Eurer Lieder süßer Hort,
Die stets, so lang die neue Dichterweise
Besteht, und werth euch machen fort und fort.

‘O Bruder, Jener’ - und er zeigt' im Kreise
Auf einen - ‘den mein Finger nimmt zum Ziele,
Errang der Muttersprache höhre Preise.

Im Liebeslied und im Romanenstile
Besiegt' er all', und thöricht reden Die,
Die meinen, daß der Preis auf Guiraut fiele.

Auf Ruf mehr als auf Wahrheit schauen sie,
Und ihre Meinung festigen sie schon,
Eh sie Gehör der Kunst und Einsicht lieh.

So that man oft vor Zeiten mit Guitton,
Den jeder pries, weil andre so geschrien,
Bis ihr Geschrei besiegt der Wahrheit Ton.

Und wenn so hoher Vorzug dir verliehn,
Daß dirs erlaubt, das Kloster zu betreten,
Wo Christus selber Abt ist, woll' an ihn

Gewandt ein Vaterunser für mich beten,
Soviel uns nöthig thut in dieser Welt,
Wo Sünde nicht mehr uns kann nahe treten.’

Dann räumt' er einem anderen das Feld,
Der nächst ihm ging, im Feuer schwand er dann,
Gleich wie der Fisch im Wasser niederschnellt.

Ich trat zu dem, den er mir zeigt', heran:
Ich hab' im Herzen solchen Wunsch getragen,
Daß mich eur Name nur erfreuen kann.

Darauf begann freimüthig er zu sagen:
‘Iur höfschiu bete gît mir vröuden rât
Sô sêre deich niht mac noch wil gedagen.

Ich bin Arnalt, der weinde in sange gât;
Swie mich mîn altiu tumpheit müejen müge,
Doch tuot mich wünne vrô, diu mich enphât.

Ich bite iuch durch die kraft, diu iuwer vlüge
Zer hohe huop dâ vrost noch hitze schadet,
Daz mînes leides iuwer muot gehüge.’

Dann schwand er in der Gluth, die rein ihn badet.

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