Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 23
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 23

Die in diesem Kreise büßenden Seelen weinen und singen. Ein Haufe von Schatten kommt eilig gelaufen und holt die Dichter ein. Forese Donati, der hier verweilt, wird von Dante erkannt und ertheilt ihm Auskunft über die hier Büßenden; er selbst sei durch Fürbitte seiner Witwe rascher als zu erwarten war hierher aus dem Vorhof des Fegefeuers gelangt. Ihre Keuschheit veranlaßt zu einem Ausfall gegen die unkeuschen Florentinerinnen. Zuletzt fragt Forese den Dichter nach dem Ziel und Zweck seiner Reise und erhält Auskunft darüber.

001 Als meine Augen so mit regem Streben
002 Das Laub durchforschten, wie Der thut zuweilen,
003 Der bei dem Vogelfang verbringt sein Leben,

004 Sprach, der mir mehr als Vater: 'Laß uns eilen,
005 Mein Sohn! die Zeit, die uns bestimmt zum Reisen,
006 Wir müssen sie nutzbringender vertheilen.'

007 Schnell wandt' ich Blick und Schritte nach den Weisen,
008 Die also sprachen, daß zum leichten Gang
009 Mirs ward zu folgen ihres Weges Gleisen.

010 Und sieh! man hörte Weinen und Gesang:
011 'Du öffne meine Lippen, Herr!' so quollen
012 Die Tön' und weckten Lust- und Schmerzensdrang.

013 Was ist, o süßer Vater, da erschollen?
014 Sprach ich. 'Wohl Schatten sind es, die im Gehen
015 Den Knoten ihrer Pflicht so lösen wollen.'

016 Wie in Gedanken tief wir Pilger sehen,
017 Wenn unterwegs sie treffen Unbekannte,
018 Nach ihnen umschaun, doch nicht stille stehen:

019 So naht' uns hinten schnellern Schritts und rannte
020 Ein Haufen Seelen, fromm und ohne Laut,
021 Vorbei, der staunend uns den Blick zuwandte.

022 Jedwedes Auge hohl und dunkel schaut,
023 So bleich und abgemagert ihr Gesicht,
024 Daß an die Knochen fest sich schloß die Haut.

025 So zum Geripp getrocknet war selbst nicht
026 Vom Hunger Erisichthon, sollt' ich meinen,
027 Da er sich selber fraß als letzt Gericht.

028 Ich dacht' und sprach bei mir: So mocht' erscheinen
029 Das Volk, das einst Jerusalem verlor,
030 Als eine Mutter aß von Sohnes Beinen.

031 Ein Ring ohn' Stein, starrt das Aug' empor,
032 Und wer im Antlitz Omo liest, der müßte
033 Das M erkennen, das hier trat hervor.

034 Wer dächte wohl, daß jemals solch Gelüste
035 Durch Wasserruch und Apfelduft erwache,
036 Wenn er, wie das geschehen sei, nicht wüßte.

037 Schon staunt' ich drob, was sie so hungern mache,
038 Weil von der Magerkeit und schuppigen Haut
039 Mir noch verborgen war der Grund der Sache.

040 Und aus des Hauptes Tiefen, siehe! schaut
041 Ein Schatten, starr den Blick zu mir gewandt.
042 'Was wird mir da für Gnade?' rief er laut.

043 Nie hätt' ich an den Zügen ihn erkannt,
044 Allein durch seine Stimme ward mir klar
045 Was ich getrübt in seinem Anblick fand.

046 Der Funken fachte neu und wunderbar
047 Mir die Erinnrung der entstellten Mienen,
048 Und ich ersah, daß es Forese war.

049 'Die trocknen Schuppen,' bat er, 'nimm an ihnen
050 Nicht Anstoß, die die Haut entfärben mir,
051 Noch daß ich Fleisches bar vor dir erschienen,

052 Nein! sondern Wahrheit melde mir von dir;
053 Wer sind die Zwei, die ich dir seh' vereinet?
054 Verharre nicht so stumm und schweigend hier.'

055 Dein Antlitz, das ich schon als todt beweinet,
056 Gewährt mir jetzt nicht minder Grund zu Thränen,
057 Sprach ich, da so entstellt es mir erscheinet.

058 Drum sprich, was ist mit dir und allen Jenen?
059 Heiß mich nicht reden, denn noch staunt mein Sinn.
060 Schlecht spricht wen da erfüllt ein ander Sehnen.

061 Und er: 'Durch ewigen Rathschluß senkt sich in
062 Das Wasser und den baum dort eine Kraft,
063 Durch die so abgezehrt und dürr ich bin.

064 Dies Volk, das, weil des Gaumens Leidenschaft
065 Es maßlos fröhnte, singet unter Zähren,
066 Wird hier durch Durst und Hunger umgeschafft.

067 Zu Trank und Speise weckt uns ein Begehren
068 Der Duft der Aepfel und der Wasserstrahl,
069 Den du dem Grün Erfrischung siehst gewähren.

070 Und nicht erneut wird bloß ein einzig mal
071 Die Qual, wenn wir umwandern hier im Raume
072 Ich sollte sagen Wonn' und nenn' es Qual);

073 Denn jenes Sehnen führt uns zu dem Baume,
074 Durch das einst Christus freudig Eli rief,
075 Als uns sein Blut befreit vom Todeszaume.'

076 Und ich: Noch nicht das fünfte Jahr verlief
077 Seit jener Stunde, daß zum bessern Leben,
078 Forese, Gottes Wille dich berief.

079 Wenn dir die Kraft erlosch zu sündigem Streben,
080 Eh dir die Zeit des Schmerzes kam, des süßen,
081 Der neue Gottvermählung uns kann geben,

082 Wie bist du schon hierher gelangt zum Büßen?
083 Du weiltest, dacht' ich, drunten noch bei Jenen,
084 Die Zeit durch Zeit vergüten wieder müssen.

085 Und er: 'So schnell gefördert ward mein Sehnen
086 Nach dieses bittersüßen Trankes Leid
087 Durch meiner Nella maßlos heiße Thränen.

088 Andächtigem Flehn und Seufzern nur geweiht,
089 Hat sie dem Strand mich, wo man harrt, entzogen,
090 Und von den andern Kreisen mich befreit.

091 Und um so mehr ist Gott hold und gewogen
092 Der Witwe, die so lieb mir war und werth,
093 Je seltner guten Wandels wird gepflogen.

094 Denn die Barbagia von Sardinien nährt
095 Mehr Frauen von gesittetem Betragen
096 Als die Barbagia, drin mein Weib verkehrt.

097 Was soll ich dir, o süßer Bruder, sagen?
098 Schon seh' ich jene Zeit, die von dem Heut
099 Nicht allzufern liegt, in der Zukunft tagen,

100 Wo in Florenz den Frauen man verbeut
101 Von Kanzeln her ihr schamentblößt Gebahren,
102 Die Brust und Warze zeigen ungescheut.

103 Hat es wohl Fraun von Türk und Barbaren
104 Gegeben je, die um bedeckt zu gehen,
105 Von Staat und Kirche mußten Rüg' erfahren?

106 Doch könnten nur die Unverschämten sehen,
107 Was ihnen bald des Himmels Lauf bereitet,
108 Schon würd' ihr Mund zum Heulen offen stehen.

109 Denn wenn Voraussehn mich nicht irre leitet,
110 So naht ihr Leid, eh Flaum das Kinn bedeckt
111 Dem, dessen Schlaf jetzt Ammenlied begleitet.

112 Nun, Bruder, halt nicht länger dich versteckt;
113 Du siehst, nicht ich nur, nein! sie alle lenken
114 Den Blick hin wo dein Leib die Sonne deckt.'

115 Drum ich zu ihm: Willst du daran gedenken,
116 Wie du mit mir gelebt und ich mit dir,
117 So wird noch jetzt dich die Erinnrung kränken.

118 Von solchem Leben wandte Der, der mir
119 Vorausgeht, mich vorgestern erst, als sich
120 Voll eben zeigte dessen Bruder hier -

121 (Ich wies zur Sonne hin); er führte mich
122 Hin zu der wahrhaft Todten tiefer Nacht
123 Mit diesem wahren Fleisch, in welchem ich

124 Ihm folg'. Es hat sein Trost mich her gebracht,
125 Ich muß den Berg ersteigen und umkreisen,
126 Der, was die Welt euch krümmte, grade macht.

127 Er wird so lange, sagt er, mit mir reisen,
128 Bis, wo Beatrix sein wird, ich auch bin.
129 Entbehren muß ich dann sein Unterweisen.

130 Virgil ist der - und ich wies auf ihn hin -
131 Der solches mir verheißt; der andre Schatten
132 Ist der, der eurer Reiche Kreis vorhin

133 Erbeben macht', die ihn entlassen hatten.

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