Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 18
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 18

Virgil ertheilt Dante Belehrung über Liebe, Verlangen und die Freiheit des Willens. Inzwischen ist der Mond aufgegangen, es ist Mitternacht geworden. Eine Schar von Seelen kommt in schnellem Laufe hinter ihnen her, zwei, die an der Spitze voraneilen, führen als Beispiele löblichen Eifers Maria und Caesar an. Virgil fragt nach dem Eingang zum nächsten Kreise. Antwort ertheilt ein Abt von S. Zeno in Verona, der aber im Sprechen schon wieder entheilt. Zwei hinten Nachkommende schelten die Trägheit und führen Beispiele derselben an. Dante versinkt, nachdem alle sich entfernt, in Sinnen.

001 Der hohe Meister hatte seiner Lehre
002 Ein Ziel gesetzt und blickte forschend mir
003 Ins Angesicht, ob ich zufrieden wäre.

004 Ich, noch gequält von neuer Wißbegier,
005 Schwieg äußerlich, doch sprach bei mir im Stillen:
006 Frag' ich zu viel, wird es ihm lästig schier.

007 Doch jener echte Vater, der den Willen,
008 Den scheuen, wahrnahm, der sich nicht entdeckte,
009 Gab mir durch Sprechen Muth, den Wunsch zu stillen.

010 Ich sprach: O Meister, so zum Leben weckte
011 Dein Licht den Blick, daß klar ich unterscheide
012 Worauf sich dein Lehr' und Red' erstreckte.

013 Doch, theurer Vater, über eins bescheide
014 Mich noch: die Lieb', aus welcher du erklärt
015 Die gut und böse That, sie alle beide.

016 'Jetzt,' sprach er, 'werd' auf mich geschärft gekehrt
017 Des Geistes Blick, so zeigt sich der der Wahn
018 Des Blinden, der zu führen doch begehrt.

019 Die Seele, die den Trieb zur Lieb' empfahn,
020 Wird leicht bewegt von allem was gefällt,
021 Wenn sie zur That weckt das Gefallen dran.

022 Der Geist nimmt was sich ihm vor Augen stellt
023 Im Abbild auf, das er in euch entfaltet,
024 So daß die Seele nach ihm hin sich hält.

025 Und wenn sie sich ihm zuneigt, so gestaltet,
026 Ist Liebe diese Neigung, ist Natur,
027 Die durch Gefallen neu in euch nun waltet.

028 Und wie das Feuer strebt zur Höhe nur,
029 Weil es zu steigen hat den Trieb empfangen,
030 Dorthin wo seines Daseins längste Spur:

031 Also geräth die Seel' in ein Verlangen,
032 Das geistige Bewegung, und nicht ruht,
033 Bis, was sie liebt, genießend sie umfangen.

034 Draus kannst du sehn, wie sehr der Wahrheit Gut
035 Verhüllt ist jenen Menschen, die da meinen,
036 Jegliche Lieb' an sich sei recht und gut.

037 Denn stets vielleicht mag gut ihr Stoff erscheinen;
038 Doch, weil das Wachs gut, hält man noch nicht jeden
039 Abdruck des Siegels drum für einen reinen.'

040 Durch mein aufmerksam Denken und dein Reden,
041 Entgegnet' ich, ward mir enthüllt die Liebe;
042 Doch knüpfen dran sich weitrer Zweifel Fäden.

043 Denn kommt von außen Lieb' und folgt dem Triebe
044 Die Seel' auf ihrer Bahn, so seh' ich nicht,
045 Wo ihr Verdienst beim Grad- und Krummgehn bliebe.

046 Und er zu mir: 'Gern geb' ich dir Bericht,
047 So weit Vernunft sieht; weitres wird entschieden
048 Dir durch Beatrix in des Glaubens Licht.

049 Jedwede Form des Daseins, die verschieden
050 Vom Stoff und dennoch mit dem Stoff verbunden,
051 Trägt in sich Sonderkraft, die ihr beschieden,

052 Die, unbethätigt, sich nicht läßt erkunden;
053 Wie durch sein grünes Laub der Baum sein Leben,
054 Kann sie allein durch Wirkung sich bekunden.

055 Man weiß nicht, wer die Kenntniß euch gegeben
056 Der Urbegriffe, wer Trieb und Verlangen
057 Zum Urbegehrbaren, die in euch leben,

058 Gleich wie die Biene, Honig zu erlangen,
059 Den Trieb empfing; es darf solch Urbegehren
060 Daher nicht Lob und Tadel nicht empfangen.

061 Daß der Kraft alle andern fügsam wären,
062 Ward eingebpren euch des Rathes Kraft,
063 Die zum Entschluß den Zutritt muß gewähren.

064 Sie ist der Urgrund, der den Anlaß schafft
065 Euch zu belohnen, je nachdem sie gute
066 Und schlechte Lieb' annimmt und weg sich schafft.

067 Die bis zum Grund gelangt mit Denkermuthe,
068 Wurden der angebornen Freiheit inne,
069 Und fanden, daß auf Sittlichkeit beruhte

070 Die Welt. Gesetzt, daß Lieb' auch im Beginne
071 In euch durch die Nothwendigkeit entbrennet,
072 Könnt ihr sie zügeln doch mit freiem Sinne.

073 Der freie Will' ists, den Beatrix nennet
074 Die edle Kraft; drum gib im Geist wohl Acht,
075 Wenn sie davon dir spricht, daß er es kennet.'

076 Der Mond, der fast gesäumt bis Mitternacht,
077 Gleich einem glühnden Kessel blickt' er nieder
078 Und ließ uns selten sehn der Sterne Pracht.

079 Er lief die Bahn, dem Himmelslauf zuwider,
080 Die von der Sonn' entflammt der Römer sieht,
081 Geht zwischen Corsen und Sarden nieder.

082 Der edle Schatten aber, dessen Lied
083 Mehr Ruhm Pietola gab als Mantua hat,
084 Hatt' abgethan all was er mir beschied.

085 Und ich, von seiner klaren Lehre satt,
086 Die ich auf alle Fragen jetzt empfangen,
087 Stand Jenem gleich, der taumelt schlafesmatt.

088 Doch schnell war mir die Schläfrigkeit vergangen
089 Durch Leute, die im Kreis auf unserm Pfade
090 Rasch schreitend auf uns zu im Rücken drangen.

091 Wie einst Asopus und Ismens Gestade
092 Des Nachts ein toll Gedränge sahen laufen,
093 Wenn die Thebaner brauchten Bacchus Gnade,

094 So drehten ihren Schritt in diesem Haufen,
095 So weit ich sehen konnte, derer Viele,
096 Die guter Will' und Liebe trieb zum Laufen.

097 Stracks waren sie bei uns, weil sich zum Ziele
098 Die ganze große Schar bewegt' im Lauf.
099 Zwei an der Spitze schrie'n im Klagestile:

100 'Maria stieg schnell zum Gebirg hinauf,
101 Und Cäsar stieß, Ilerda zu bezwingen,
102 Massilia an und brach nach Spanien auf.'

103 'Schnell, daß wir unnütz nicht die Zeit verbringen
104 In schwacher Liebe,' schrie'n sie insgesammt;
'105 Des Rechtthuns Eifer laß' uns Gnad' erringen!'

106 'O Volk, in dem jetzt solcher Eifer flammt,
107 Daß er die Lauheit noch ersetzt vielleicht,
108 Die träg zu sein im Guten euch verdammt,

109 Der hier - ich rede Wahrheit - lebt und steigt
110 Hinauf, wenn wieder strahlt die Sonne heiter;
111 Drum sagt, wo sich hier nah der Eingang zeigt.'

112 Es sagte diese Worte mein Begleiter.
113 Drauf sprach der Eine: 'Du wirst ihn erspähen,
114 Kommst du nur hinter uns, ein wenig weiter.

115 So voll Verlangen sind wir fortzugehen,
116 Daß wir nicht weilen können; drum verzeiht,
117 Wenn, was uns frommt, scheint Unart gleich zu sehen.

118 Abt war ich in St. Zeno zu der Zeit
119 Des guten Rothbarts, von deß Herrscherstabe
120 Mailand zu sprechen weiß mit bittrem Leid.

121 Und Einer hat schon eine Fuß im Grabe,
122 Der bald ob jenes Klosters weinen wird,
123 Voll Schmerz, daß er dort Macht besessen habe.

124 Dieweil durch ihn sein Sohn, der, geistverwirrt,
125 An Leib und Seele schlimm und schlimm geboren,
126 Herrscht statt des echten dort als falscher Hirt.'

127 Ich weiß nicht, schwieg er, sprach er mehr - verloren
128 Flog es im raschen Weiterlauf vorbei;
129 Das merkt' ich, was ich auffing mit den Ohren.

130 Und er, der mir in jeder Noth stand bei,
131 Sprach: 'Wende dich hierher, sieh wie mit herben
132 Schmähworten Trägheit schelten jene Zwei.'

133 Sie schrieen allen nach: 'Erst mußte sterben
134 Das Volk, dem sich des Meeres Grund erschlossen,
135 Bevor der Jordan schaute seine Erben;

136 Und jenes, das die Mühen unverdrossen
137 Nicht mit Anchises Sohne wollte tragen,
138 Ein ruhmlos Dasein hat es nur genossen.'

139 Drauf, als die Schatten schon so weit im Jagen
140 Von uns, daß sie der Blick nicht konnt' erlangen,
141 Begann jetzt ein Gedank' in mir zu tagen,

142 Dem andre dann und wieder andr' entsprangen.
143 Von einem so zum andern irrt' ich hin,
144 Daß ich die Augen schloß, von Wonn' umfangen,

145 Und so in Träumen wandelte mein Sinn.

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