Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 13
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 13

Die Dichter betreten den zweiten Einschnitt des Berges, den zweiten Kreis des Fegefeuers. Schatten und Stimmen, die zur Liebe mahnen, fliegen an ihnen vorüber. Es ist der Kreis der Neidischen, die durch jene Stimmen zu der ihnen fehlenden Liebe getrieben werden sollen. Ihre Augen sind mit Gittern und Eisendraht verschlossen, durch welche ihre Thränen sich durchpressen. In schlechtem, härenem Gewande sitzen sie, sich an einander stützend, am grauen Felsenrande. Dante fragt, ob eine Seele aus Italien unter ihnen sei, und empfängt Antwort von einer Sienesin, Namens Sapia.

001 Der Stiege Gipfel hatten wir erreicht,
002 Wo sich zum zweiten mal der Berg verengt,
003 Der den entsündigt, der ihn aufwärts steigt.

004 Des Berges Höhe rings umher umfängt
005 Ein Sims, das ganz dem ersten gleich gebauet,
006 Nur zeitiger sich an zu krümmen fängt.

007 Kein Bild wird hier, kein Schatten hier erschauet;
008 Einförmig deckt den Weg und Felsenhang
009 Gestein, deß Farb' in bleichem Schimmer grauet

010 Darauf begann der Dichter: 'Ich bin bang,
011 Wenn wir auf Leute warten, sie zu fragen,
012 Dann währt die Wahl des Weges allzulang.'

013 Drauf fest das Aug' zur Sonn' emporgeschlagen,
014 Macht' er die Drehung mit der linken Seite,
015 Um so den Weg nach rechtshin einzuschlagen.

016 'O holdes Licht, dem trauend ich beschreite
017 Die neue Bahn,' begann er, 'du allein
018 Sei, wie's geziemt, uns Führer und Geleite.

019 Du wärmst die Welt, es leuchtet ihr dein Schein;
020 Zwingt uns kein andrer Grund zum Gegentheile,
021 So muß dein Licht stets unser Führer sein.'

022 So viel man diesseits zählt für eine Meile,
023 So weit schon waren jenseits wir geschritten
024 Mit rüstigem Willen und in kurzer Weile,

025 Als Geister auf uns zu die Luft durchschnitten;
026 Wir sahn sie nicht, doch an das Ohr uns schlug,
027 Zum Liebesmahl uns ladend, freundlich Bitten.

028 Der erste, der vorbei uns flog im Zug,
029 Sprach laut: 'Sie haben keinen Wein!' es schallten
030 Die Worte wiederholt im Weiterflug.

Und 031 eh sie in der Ferne ganz verhallten,
032 Rief im Vorüberziehen schon ein zweiter:
033 'Ich bin Orest!' doch ohn' sich aufzuhalten.

034 O was sind das für Stimmen? sprich, mein Leiter!
035 Und als ich solches fragte, horch' da klang:
036 'Liebt die euch Böses thun' die dritte weiter.

037 Mein Meister sprach: 'Des Neides böser Hang
038 Wird hier in diesem Kreis bestraft, und schwingen
039 Muß drum die Liebe hier der Geißel Strang.

040 Denn es muß umgekehrt der Zaum erklingen,
041 Und ihn vernehmen, mein' ich, wirst du noch,
042 Eh wir zum Thore der Vergebung dringen.

043 Fest hefte jetzt den Blick zur Luft jedoch,
044 Und Leute wirst du vor uns sitzend schauen
045 In langer Reihe längs dem Felsenjoch.'

046 Da, mehr als vorher, hob ich meine Brauen
047 Und sah in Mänteln einen Schattenchor
048 An Farbe dem Gesteine gleich, dem grauen.

049 Und wie wir kamen etwas weiter vor,
050 'Maria, bitt' für uns! Ihr Heiligen alle,
051 Michael, Petrus!' klangs an unser Ohr.

052 Ich glaube, daß kein Mensch auf Erden walle,
053 Dem, wenn er das, was ich gesehen, sähe,
054 Von Mitgefühl das Herz nicht überwalle.

055 Denn als bei ihnen ich in solcher Nähe,
056 Daß ihr Gebahren deutlich ich erkannt,
057 Floß thränend mir mein Aug' in bittrem Wehe.

058 Sie deckte, schiens, ein hären schlecht Gewand,
059 Und einer ließ den andern an sich lehnen;
060 Doch Aller Stütze war die Felsenwand.

061 So stehen Blinde, die nach Brot sich sehnen,
062 An Ablaßorten oft, der eine gegen
063 Den andern neigend seinen Kopf, und wähnen

064 In Andern Mitleid mehr so zu erregen,
065 Nicht durch den Ton der bloßen Worte, nein
066 Durch Anblick auch zur Milde zu bewegen.

067 Und wie dem Blinden hilft kein Sonnenschein,
068 So zu den Schatten, denen ich genaht,
069 Dringt auch kein Theilchen Himmelslichtes ein.

070 Denn Aller Lid durchbohrt' ein Eisendraht,
071 Ihr Auge, dem des Sperbers gleich, vernähend,
072 Dem man, weil er nicht still hielt, also that.

073 Mir schien es unrecht, wenn vorübergehend,
074 Selbst nicht erblickt, ich sollt' auf andre blicken;
075 Drum nach des Weisen Rath wandt' ich mich spähend.

076 Er sah mirs ab an meinen stummen Blicken,
077 Und meine Frage wartet' er nicht ab.
078 'Sprich, aber kurz!' sagt' er mit leichtem Nicken.

079 An jenem Saum des Simses, wo hinab
080 Man fallen kann, denn keine Schutzwehr hatten
081 Die Ränder, ging der das Geleit mir gab.

082 Zur andern Hand hatt' ich die flehnden Schatten,
083 Die Thränen, welche netzten ihre Wangen,
084 Durchpreßten durch des grausen Gitters Latten.

085 O die ihr sicher seid, einst zu empfangen
086 Das hehre Licht, hob ich zu ihnen an,
087 Nach dem gerichtet euer ganz Verlangen,

088 Soll eur Gewissen Läutrung bald empfahn
089 Von allen Schlacken, daß in dem dann klaren
090 Der Strom des Geistes mächtig fließen kann,

091 Sagt, ist wohl eine Seel' in euren Scharen
092 Aus Latiums Stamm? lieb wär' es meinem Sinn -
093 Auch ihr ists gut - es sicher zu erfahren.

094 'O lieber Bruder, jed' ist Bürgerin
095 Von einer wahren Stadt; doch du willst fragen,
096 Ob sie in Welschland lebt' als Pilgerin.'

097 Die Antwort schien ein Schatten mir zu sagen
098 Von weiter her als wo ich mich befand;
099 Drum ging ich mich nach weiter vor zu wagen.

100 Hier sah ich Einen, der wie wartend stand;
101 Fragst du, wie er sein Warten mochte zeigen?
102 Wie Blinde thun, das Kinn emporgewandt.

103 O Geist, der Qualen trägt um aufzusteigen,
104 Sprach ich, warst dus, der Antwort mir gegeben?
105 Sprich welcher Nam' und Wohnort ist dir eigen?

106 'Sienesin war ich,' riefs, 'von sündigem Leben
107 Muß ich mich läutern hier in dieser Schar,
108 Zu Gott auf weinend, der uns mög' erheben.

109 Nicht weise war ich, ob Sapia zwar
110 Genannt ich ward, weil über Andrer Schmerz
111 Ich froher als ob eignen Glückes war.

112 Daß ich dich täusche, wähne nicht dein Herz:
113 Hör', ob nicht Thorheit meinen Sinn umschlossen.
114 Schon ging des Lebens Bogen niederwärts,

115 Als auf den Gegner meine Landsgenossen
116 Einstmals im Feld gestoßen, Colle nah;
117 Da bat ich Gott um - was er selbst beschlossen.

118 Geschlagen wurden sie, und als ich sah
119 Auf herbem Pfad der Flucht dahin sie jagen,
120 Ganz ungemeßne Freude fühlt' ich da,

121 So daß ich, keck das Aug' emporgeschlagen,
122 Gott zurief: Länger nicht mehr fürcht' ich dich!
123 Der Amsel gleich in ersten Frühlingstagen;

124 Bis, an des Lebens Ziele, Frieden ich
125 Mit Gott ersehnte; doch noch hätte keiner
126 Verpflichtung meine Reu' enthoben mich,

127 Wenn Pietro Pettignano, der aus reiner
128 Christlicher Lieb' Erbarmen mir gehegt,
129 Sich im Gebete nicht erinnert meiner.

130 Doch wer bist du, der forschend nach uns frägt,
131 Der athmend hier darf reden und darf gehen
132 Und keinen Draht vor seinen Augen trägt?'

133 Auch mir, sprach ich, wird man sie einst vernähen,
134 Doch kurze Zeit, denn ich that wenig Fehle,
135 Indem ich sie verdreht' in schelem Sehen.

136 Viel größer ist die Furcht, die meine Seele
137 Ob jenes tiefern Kreises Marter spürt,
138 So daß mirs ist, als ob sie schon mich quäle.

139 Und sie: 'Wer hat dich denn heraufgeführt,
140 Wenn du hinunter glaubst zurückzukehren?'
141 Und ich: Der hier, der keine Miene rührt.

142 Ich leb', erwählter Geist; ist dein Begehren,
143 Daß dir mein Fuß zu Hülfe möge kommen,
144 Zu sagen säum' es nicht und zu erklären.

145 'So neu ist,' sprach er, 'was ich da vernommen,
146 Daß dich als gottgeliebt dies Zeichen weist;
147 Drum möge manchmal dein Gebet mir frommen.

148 Ich fleh' bei dem, was du ersehnst zumeist,
149 Betrittst du jemals noch Toscanas Erde,
150 'Daß du mein Anwalt bei den Meinen seist,

151 In Sienas eitlem Volk, das hofft, ihm werde
152 Noch Talamon zu Theil, und dem diesmal
153 Mehr als bei Dianas Suchung droht Gefährde:

154 Am schlimmsten dran ist stets der Admiral.'

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