Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 04
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 04

Dante schreitet, in Nachsinnen verloren, an Manfreds Seite hin. Plötzlich rufen die Schatten den Dichtern zu, hier sei der Weg, auf dem der Berg zu ersteigen. Es ist ein enger Pfad; mühsam klimmt Dante hinter Virgil bis zum ersten Absatz, der um den Berg herum läuft. Virgil gibt Dante, der staunt, die Sonne zur Linken zu haben, astronomische Belehrungen. Da ruft sie ein Schatten an, den sie erst nicht bemerken, dann aber mit einer Geisterschar hinter einem Felsen entdecken. Der Redende ist Belacqua, ein Bekannter Dantes. Von ihm erfahren sie, daß hier die geistig Trägen, die ihre Buße immer verschoben, so lange verweilen müssen, als sie gelebt haben, wenn nicht Fürbitte ihnen hilft.

001 Wenn etwas, das uns freuet oder kränket,
002 Die eine unsrer Kräfte faßt alleine,
003 Daß sich die Seele ganz darein versenket,

004 Dann achtet sie, so scheint es, sonst auf keine,
005 Und dies beweist als irrig denkend Den,
006 Der glaubt, wir hätten Seelen mehr als eine.

007 Drum, wenn wir etwas hören oder sehn,
008 Das ganz die Seele fesselt, ist entschwunden
009 Die Zeit, bevor wir dessen uns versehn.

010 Denn Andres ist, die Aeußeres empfunden,
011 Die Kraft, ein Andres volle Seelenkraft;
012 Frei ist die erstre, letztere gebunden.

013 Davon ward jetzt mir Kund' und Wissenschaft;
014 Denn fünfzig Grade hatte wohl erklommen
015 Die Sonne, da des Geistes Wort in Haft

016 Mein Ohr hielt, ohne daß ichs wahrgenommen.
017 Da rief einstimmig all der Seelen Schar:
018 'Zum Weg, den ihr erfragt, seid ihr gekommen.'

019 Viel weiter ist der enge Spalt fürwahr,
020 Dem mit der Gabel Dornen oft der Bauer
021 Zur Traubenzeit versperrt, als der Weg war,

022 Auf dem wir klommen an des Berges Mauer,
023 Als sich getrennt von uns die Seelen wieder,
024 Virgil voran, ich nach in heiligem Schauer.

025 Auf nach Sanleo gehts zu Fuß, hernieder
026 nach Noli, auf Bismantuas Höhn zu dringen
027 Vermag der Fuß, doch hier braucht es Gefieder,

028 Ich meine, großer Sehnsucht rasche Schwingen,
029 Die mich dem Führer nachzog mit Gewalt,
030 Der Licht mir gab und Hoffnung auf Gelingen.

Wir 031 stiegen aufwärts in dem Felsenspalt,
032 Beengt zu jeder Hand durch seine Wände,
033 Nur Fuß und Hand bot uns am Boden Halt.

034 Als wir gekommen zu dem obern Ende
035 Der hohen Wand in offner Gegend Weite,
036 Sagt' ich: sprich, Herr, wohin der Weg sich wende?

037 Drauf er: 'Daß nur dein Fuß nicht fehl hier schreite!
038 Nur immer hinter mir im unverwandten
039 Anstieg, bis einer kommt, der uns geleite!'

040 Dem Aug' entzogen sich des Gipfels Kanten,
041 Und schroffer fiel die Wand ab, als deer Strich,
042 Der nach dem Centrum geht vom Halbquadranten.

043 Ich fühlte mich ermattet, drum sprach ich:
044 O sieh dich um und schau, mein süßer Leiter,
045 Wie ich verwaist bin, harrst du nicht auf mich.

046 'Sohn, schleppe dich nur noch bis hierher weiter,'
047 So sprach und wies auf einen Vorsprung dort,
048 Der ganz den Berg umkreiste, mein Begleiter.

049 Neu angespornt fühlt' ich mich durch sein Wort,
050 Und kroch, bis mirs gelang, den Fuß zu setzen
051 Auf jenen Vorsprung, mühsam weiter fort.

052 Wir saßen nieder an zwei felsigen Plätzen,
053 Nach Ost, woher wir kamen, hingewandt,
054 Da solche Rückschau pflegt den Blick zu letzen.

055 Zuerst wandt' ich das Aug' hinab zum Strand;
056 Dann, als ich zu der Sonn' es aufgeschlagen,
057 Erstaunt' ich, daß sie uns zur Linken stand.

058 Der Dichter merkte, wie des Lichtes Wagen
059 Ich staunend ansah, weil er zwischen Nord
060 Und unserem Standort ward dahingetragen.

061 'Wenn Pollux erst und Castor,' sprach mein Hort,
062 'In der Gesellschaft jenes Spiegels wären,
063 Der auf und nieder schickt die Strahlen dort,

064 Den Thierkreis würdest du, dicht an den Bären,
065 In rother Gluth der Sonne strahlen sehen,
066 Falls sie verblieb' in den gewohten Sphären.

067 Willst du begreifen, wie dies kann geschehen,
068 So denke Zion dir im Geist, die hehre,
069 Mit diesem Berg so auf der Erde stehen.

070 Daß beide von ungleicher Hemisphäre,
071 Doch gleichem Horizont; der Straße Bogen,
072 Drauf Phaeton betraf des Unheils Schwere,

073 Ist diesem von der Linken her gezogen,
074 Dem andern von der Rechten: daß dies wahr,
075 Verstehst du leicht, wenn du es recht erwogen.'

076 Mein Meister, sprach ich, nie ward mir so klar
077 Die alles, wie ich jetzt durch dich es weiß,
078 Was meiner Einsicht sonst ein Räthsel war,

079 Daß des erhabnen Umschwungs Mittelkreis,
080 Den der Gelehrten Kunst Aequator nannte,
081 Der fest bleibt zwischen Sonnenhitz' und Eis,

082 Sich aus dem Grund, den ich durch dich erkannte,
083 Nordwärts so weit hier scheiden muß, wie ihn
084 Der Jude sah, wenn er sich südwärts wandte.

085 Doch davon sei mir Kunde noch verliehn,
086 Wie viel noch übrig bleibt von unsrer Fahrt;
087 Denn endlos hoch seh' ich den Berg sich ziehn.

088 Und er zu mir: 'Der Berg ist solcher Art,
089 Daß mindre Mühe man beim weitern Steigen
090 Stets fühlt, wie schwer es beim Beginn auch ward.

091 Drum, wenn er so bequem sich dir wird zeigen,
092 Daß dir da Gehn so leicht wird, wie wenn man
093 Stromabwärts fährt zu Schiff im Wellenreigen,

094 Dann kommt dir dieses Weges Ziel heran,
095 An dem du darfst von deinen Mühen ruhn.
096 Nicht mehr sag' ich; dies nimm als sicher an.'

097 Und als er dieses Wort vollendet nun,
098 Klang es ganz nah: 'Noch eh dahin gelangen
099 Du wirst, mag Sitzen Noth vielleicht dir thun.'

100 Wir wandten uns, woher die Töne klangen;
101 Da sahn wir einen Felsblock linker Hand,
102 Der vorher mir so wie auch ihm entgangen.

103 Dort schleppten wir uns hin: dahinter fand
104 Sich ein Trupp Volkes, das in seinem Schatten,
105 Nach Träger Art der Ruhe pflegend, stand.

106 Und Einer, wie bewältigt vom Ermatten,
107 Saß da und schlang um seine Knie die Hände,
108 Auf die gelenkt sich Brust und Stirne hatten.

109 Mein holder Meister, sprach ich da, o wende
110 Den Blick auf diesen allzulässigen Trägen,
111 Als wenn ihr Abbild Faulheit in ihm fände.

112 Da horcht' er auf und sah uns scharf entgegen;
113 Vom Schenkel hob er etwas das Gesicht
114 Und sprach: 'Steig nur! du darfst die Kräfte regen.'

115 Da kannt' ich ihn, und mir verwehrte nicht
116 Erschöpfung, die den Athem rasch ließ gehen,
117 Mich ihm zu nähern, und als ich nun dicht

118 An seine Seite stille kam zu stehen,
119 Hob er das Haupt kaum und sprach bloß: 'Hast du
120 Der Sonne Wagen linker Hand gesehen?'

121 Sein träges Thun, sein kurzes Wort dazu
122 Entlockt' ein Lächeln mir, und ich begann:
123 Jetzt dauerst du mich nicht mehr; aber thu

124 Mir kund, Belacqua, warum du - sag' an! -
125 Hier sitzest; hoffst du, daß dich einer führe?
126 Treibst du die alte Weise noch fortan?

127 'Was, Bruder, hilfts, wenn ich auch Lust verspüre
128 Zu steigen? Einlaß wird mir doch nicht geben
129 Zur Läuterung der Engel an der Thüre.

130 Erst muß so lang hier außen, als im Leben
131 Ers that, der Himmel um mich ziehn die Bahn,
132 Weil bis zum Tod ich aufschob frommes Streben,

133 Wird Beistand nicht mir durch ein Herz getahn,
134 Das für mich betet in dem Stand der Gnade;
135 Kein andres frommt, denn Gott wills nicht empfahn.'

136 Schon stieg der Dichter auf dem steilen Pfade
137 Empor und sprach: 'Jetzt komm! in lichter Pracht
138 Im Mittag steht die Sonn', und am Gestade

139 Bedeckt Marocco schon der Fuß der Nacht.

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