Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 03
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 03

Dante bemerkt im Gehen, dass nur sein Körper, nicht auch der Virgils, Schatten wirft, und glaubt sich verlassen. Virgil klärt ihn darüber auf. Sie kommen an den Fuß des Berges, finden ihn aber so steil, dass sie sich nicht zu helfen wissen. Da naht langsamen Schrittes eine Geisterschar. Auch diese staunen über Dantes Körperlichkeit. Auf Virgils Bitte weisen sie den Weg und gehen mit ihnen. Einer der Schatten redet Dante an und gibt sich als König Manfred zu erkennen. Er und seine Begleiter hier sind im Kirchenbann gestorben; sie müssen dreimal so lange als der Bann gedauert im Vorraum des Fegefeuers bleiben, wenn nicht fromme Fürbitte die Zeit kürzt.

001 Indessen Jene plötzlich jähe Flucht
002 Ringsum zerstreute durch des Blachfelds Weite,
003 Dem Berg zu, wo Vernunft uns nimmt in Zucht,

004 Hielt ich dem treuen Führer mich zur Seite;
005 Wie durft' ich auch ohn' ihn zu gehen wagen?
006 Wer gäbe sonst bergauf mir das Geleite?

007 Er schien mit innerm Vorwurf sich zu plagen.
008 O würdiges und fleckenlos Gewissen,
009 Wie kann ein kleiner Fehl dich bitter nagen!

010 Als er nun mindrer Eile sich beflissen,
011 Die jedem Thun die rechte Würde nimmt,
012 Ward mein erst banger Geist nun hingerissen

013 Von Neubegier und ich dadurch bestimmt,
014 Daß ich zum Hügel meine Blicke sandte,
015 Der von dem Meer empor gen Himmel klimmt.

016 Die Sonne, die mir roth im Rücken brannte,
017 Ward vor mir her durch meinen Leib verdeckt,
018 Weil sie am Widerstand sich brach. Ich wandte

019 Zur Seite mich, von banger Furcht erschreckt,
020 Daß ich verlassen sei, weil ich gesehen
021 Nur meinen Schatten vor mir hingestreckt.

022 'Was ist,' begann mein Tröster, 'dir geschehen?
023 Was bangst du?' sprach er, ganz mir zugewendet,
024 'Glaubst du, dein Führer werde von dir gehen?

025 Schon ists dort Abend, wo mein Leib geendet
026 Den Erdenlauf, in dem ich Schatten warf;
027 Neapel hat Brundusium ihn entwendet.

028 Drum staune nicht, wenn ich kein Abbild scharf
029 Hier vor mir werfe, weil ein Himmelskreis
030 Des andern Strahlenweg nicht hemmen darf.

Befähigung 031 für Schmerz, für Kalt und Heiß,
032 Kann solchen Körpern jene Kraft gewähren,
033 Die, wie sie schafft, uns zu verhüllen weiß.

034 Ein 'Thor, wer hofft, es dring' in jener Sphären
035 Endlose Weiten unser Geist je ein,
036 Wo Vater, Sohn und heiliger Geist verkehren.

037 Daß es so ist, laßt, Menschen, gnug euch sein!
038 Maria brauchte Mutter nicht zu werden,
039 Wenn euch die Kenntniß wollte Gott verleihn.

040 Umsonst saht manchen ringen ihr auf Erden,
041 Deß Sehnen sonst befriedigt worden wäre,
042 Das ewige Qual ihm schuf und viel Beschwerden.

043 So Plato, Aristoteles der hehre,
044 So mancher andre.' Hier schwieg er beklommen
045 Und senkte seine Stirn, die kummerschwere.

046 Am Fuß des Bergs inzwischen angekommen,
047 Erfanden wir den Fels so steil, daß nie
048 Ein noch so kühner Fuß ihn hätt' erklommen.

049 Der rauhste Bergsturz zwischen Lerici
050 Und Turbia's Schloß wär' eine breite Steige
051 Und eine ganz bequeme gegen die!

052 'Wüßt' einer nur, wohin der Berg sich neige,'
053 Begann Virgil und hielt im Gehen an,
054 'Daß man auch ohne Flügel ihn ersteige.'

055 Und wie er noch gesenkten Blickes sann,
056 Und nahm im Geist des Pfades prüfend wahr,
057 Und ich zum Felsen spähend schaut' hinan,

058 Wies sich zur Linken eine Seelenschar.
059 Sie lenkten auf uns zu der Füße Streben,
060 So langsam, daß es kaum zu merken war.

061 Herr, sprach ich, wolle doch dein Aug' erheben.
062 Sieh jemand, der uns rathen kann, erschienen,
063 Wenn du nicht Rath kannst aus dir selber geben.

064 Er sah mich an und sprach mit offnen Mienen:
065 'Laß, lieber Sohn, die Hoffnung nie entweichen.
066 Auf denn, da sie so langsam gehn, zu ihnen!'

067 Wie eines guten Schleudrers Wurf mag reichen,
068 So weit, nachdem wir tausend Schritt gegangen,
069 War es noch hin, bevor wir sie erreichen,

070 Da an den Fels des hohen Abhangs drangen
071 Sie all' und blieben unbewegt dort stehen,
072 Wie jemand schaut, den Zweifel hält umfangen.

073 'O fromm geschiedne Seelen, ausersehen
074 Von Gott,' begann Virgil, 'bei jenem Frieden,
075 Dem ihr gesammt entgegen hofft zu gehen,

076 Sagt, wo der Berg sich senkt, daß von hienieden
077 Man aufwärts steigen kann; denn seine Zeit
078 Verlieren, wird vom Klugen gern gemieden!'

079 Wie aus dem Stall die Schäflein, eins, zu zweit,
080 Zu dritt, hervorgehn, während noch in Zagen
081 Die andern stehn, gebückt, voll Aengstlichkeit,

082 Bis, was das erste thut, die andern wagen,
083 Wenn jenes stille steht, sich auch nicht regen,
084 Einfältig ruhig nach dem Grund nicht fragen:

085 So sah ich würdigen Schrittes uns entgegen
086 Die Spitze jener hochbeglückten Herde
087 Mit züchtigem Antlitz vorwärts sich bewegen.

088 Als nun zu meiner Rechten auf der Erde
089 Das Licht die Vordern unterbrochen sahn,
090 Und daß der Fels vom mir beschattet werde,

091 Hielten sie, etwas rückwärts tretend, an,
092 Und Gleiches, ob sie auch den Grund nicht kennen,
093 Ward von den hinten folgenden gethan.

094 'Auch ungefragt von euch muß ich bekennen,
095 Daß es ein Menschenleib ist, was ihr schaut;
096 Drob sich am Grund der Sonne Strahlen trennen.

097 Verwundert euch drum nicht, vielmehr vertraut,
098 Daß er nicht ohne Kraft, die kommt von droben,
099 Sich zu ersteigen diese Wand getraut.'

100 So sprach Virgil; die würdigen Seelen hoben
101 Nun an: 'Kehrt um, und geht vor uns von hinnen!'
102 Indem sie die verkehrte Hand erhoben.

103 'Wer du auch seist,' hört' Einen ich beginnen,
104 'Sieh mich im Gehn an, ob du auf der Aue
105 Des Lebens je mich sahst, dich zu besinnen.'

106 Ich wandt' ihm zu mich, daß ich ihn beschaue:
107 Blond war er, schön, der Augen holde Lust,
108 Doch hatt' ein Hieb gespalten ihm die Braue.

109 Als ich voll Demuth dann erwidern mußt',
110 Ich hätt' ihn nie gesehn, sprach er: 'Schau her!'
111 Und wies ein Wundmal oben an der Brust.

112 'Ich bin Manfredi,' sprach dann lächelnd er,
113 'Constanzens Enkelsohn, der Kaiserin;
114 Drum bitt' ich, wird dir je die Wiederkehr,

115 Zu meiner schönen Tochter geh dann hin,
116 Die Spaniens und Siciliens Stolz geboren,
117 Meld' ihr statt Lüg' in Wahrheit, wo ich bin.

118 Als durch zwei Todeswunden ich verloren
119 Mein Leben, da befahl mit Thränen ich
120 Mich Dem, der Gnade stets für Recht erkoren.

121 Zwar waren meine Sünden fürchterlich;
122 Doch Gottes Gnade streckt so weit die Arme,
123 Daß sie, was zu ihr flüchtet, zieht an sich.

124 Hätte Cosenzas Hirt, den sammt dem Schwarme
125 Clemens auf mich gehetzt, zur Stunde doch
126 Die Bibel recht gelesen - ach! das arme

127 Gebein von mir läg' an dem Brückenjoch
128 Bei Benevent, geschirmt von dem Gewichte
129 Gehäufter Stein', unangetastet noch.

130 Nun macht es Sturm und regenguß zu nichte,
131 Jenseits der Grenze, nah an Verdes Rand,
132 Wohin mans brachte, bei gelöschtem Lichte.

133 Die ewige Liebe wird nicht so gebannt
134 Durch Jenes Fluch, daß Rückkehr ihr benommen,
135 So lang der Hoffnung grüner Keim nicht schwand.

136 Wahr ists, wer in der Kirche Bann gekommen,
137 Und also starb, muß vor dem Felsenhange,
138 Selbst wenn im Tod sein Herz in Reu' entglommen,

139 Verweilen draußen dreißig mal so lange
140 Als er im Trotz verharrt, wenn nicht das Flehen
141 Der Frommen etwas abkürzt von dem Zwange.

142 Sieh, so kann Freude mir durch dich geschehen,
143 Willst meinem guten Kind du Kunde geben,
144 Was mir gebricht und wie du mich gesehen.

145 Sehr fördern hier uns Die noch drüben leben.'

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