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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies

Nachdem Justinian geschlossen, stimmt er einen Lobgesang an und verschwindet dann in der kreisenden Bewegung der übrigen Lichter. Dante hegt einen an Justinians Worte sich anknüpfenden Zweifel, wagt aber nicht Beatrix zu befragen. Sie kommt ihm lächeldn zuvor. Der Zweifel ist der, wie gerechte Rache gerecht bestraft werden könne. Ein weiterer Zweifel ist der, warum Gott gerade diesen Weg der Erlösung gewählt habe. Beide Zweifel werden von Beatrix gelöst. Endlich erklärt sie ihm noch eine Stelle der Rede, inwiefern Engel und Menschen von Gott unmittelbar geschaffen seien, die andern irdischen Wesen aber mittelbar.

‚Herr Zebaoth, dir werde Preis und Ehre,
Du, der du überstrahlt mit seinem Glanz
Die seeligen Feuer dieser Himmelsheere.’

So schien, zurück zu seines Rades Tanz
Sich wendend, jenes Wesen jetzt zu singen,
Deß Haupt umglänzt' ein Doppelstrahlenkranz.

Dann mit den andern dreht' in raschem Schwingen
Es sich zum Tanz, daß, schnell wie Funken stieben,
Sie plötzlich in der Ferne mir vergingen.

Ich schwankte noch, und: Sag' es ihr, der lieben
Gebietrin, sprach ich zu mir, brich dein Schweigen;
Ihr Thau stillt süß den Duft, der dir geblieben.

Allein die Ehrfurcht, die mir immer eigen,
Wenn B und X erklangen, ließ wie Den,
Den Schlaf bewältigt hat, mein Haupt mich neigen.

Nicht lange ließ Beatrix so mich stehn
Und sprach, ein strahlend Lächeln in den Zügen,
Dem selbst im Feuer Wonne müßt' entwehn:

‚Nach meiner Meinung, die mich nie kann trügen,
Macht dir Bedenken, wie gerechte Rache
Sich zu gerechter Strafe könne fügen.

Bald lös' ich dir den Zweifel an der Sache.
Merk' auf, weil ich, des Wissens Leucht' entflammend,
Dir große Wahrheit zum Geschenke mache.

Nicht trug der erste Mensch, von Gott entstammend,
Den seinem Wollen nöthigen Zaum, daher
Verdammt' er sich, all sein Geschlecht verdammend.

Deswegen krankt' an großem Irrthum schwer
Jahrhunderte hindurch die Creatur,
Bis es dem Wort gefiel, daß zu euch her

Es kam, wo gottentfremdete Natur
Persönlich mit dem Schöpfer sich vereinte
Durch eine That der ewigen Liebe nur.

Jetzt acht' auf das, was meine Rede meinte.
Wohl gut und rein, wie sie geschaffen, zwar
War die Natur, die so mit Gott geeinte;

Doch durch sich selbst vom Paradiese war
Sie ausgeschlossen, die von ihrem Leben,
Vom Weg der Wahrheit abgewendet gar.

Wenn bei der Kreuzesstrafe man nur eben
Die angenommene Natur bedenket,
Dann hats gerechtre Strafe nie gegeben.

Doch niemals ward so schwer das Recht gekränket,
Stellt man die leidende Person sich vor,
In die solcherlei Natur gesenket.

Verschiednes drum bracht' eine That hervor:
Gott und den Juden war ein Tod willkommen,
Die Erde bebt', aufsprang des Himmels Thor.

Nicht darf es jetzt befremdlich vor dir kommen,
Wenn ich dir sagte, daß gerechte Rache
Ward von gerechten Richterhof genommen.

Doch seh' ich jetzt, wie sich von Fach zu Fache
Dein Geist versteigt, verstrickt in einem Kneten,
Voll Sehnsucht harrend, daß man los ihn mache.

Hell ist mir, sagst du, was du mir entboten;
Doch dunkel bleibt mir, warum diese Weise,
Uns zu erlösen, Gott nur sah geboten.

Der Rathschluß liegt vor jedes Auges Kreise
Verborgen, Bruder, das erstarkt fürs Licht
Noch nicht ward duch der Liebe Flammenspeise.

Weil man nach jenem Ziel oft schaut und nicht
Es recht erkennt, so soll den Grund, weswegen
Der Weg der beste, melden mein Bericht.

Die Güte Gottes, jeder Mißgunst Regen
Verschmähend, sprüht aus sich die eigne Gluth,
Die ewigen Herrlichkeiten darzulegen.

Was unvermittelt träuft aus dieser Fluth,
Hat nie ein Ende, weil, was sie gesegnet
Mit ihrem Siegel, unverändert ruht,

Was unvermittelt von ihr niederregnet,
Ist völlig frei, nicht jener Macht verfallen,
Die einem Neugeschaffenen begenet,

Ihr ähnliches muß ihr auch mehr gefallen,
Und jene Gluth, die strahlt in jedem Ding,
In dem ihr ähnlichern lebendiger wallen.

Jeglichen solchen Vorzug auch empfing
Die menschliche Natur; von ihrem Haupt
Sinkt Adel gleich, wenn einer ihr entging.

Die Sünd' ists, die der Freiheit sie beraubt,
Die sie unähnlich macht der höchsten Liebe,
In ihrem Licht zu strahlen nicht erlaubt.

Kein Weg, die Würde zu erringen, bliebe,
Wenn mit gerechter Strafr sie die Wunde
Nicht heilt, die ihr geschlagen böse Triebe.

Eurer Natur, weil sie in ihrem Grunde
Gesündigt, wurden diese Würden alle
Geraubt so wie des Paradieses Kunde.

Herstellen ließ sie sich in keinem Falle,
Wenn scharf du aufmerkst, als daß von zwei Pfaden,
Die möglich waren, sie den einen walle:

Entweder mußte Gott aus freien Gnaden
Verzeihen, oder sich der Mensch selbsteigen
Genugthun für der Thorheit Schuld und Schaden.

Nun mußt du, um mit deinem Blick zu steigen
Bis in den Grund der ewigen Gedanken,
Dich eifrig auf mein Wort zu merken zeigen.

Es konnte nie der Mensch in seinen Schranken
Genugthun, denn so tief konnt' er nicht gehen
In Demuth, Gott gehorchend ohne Wanken,

Als ungehorsam er in frechem Blähen
Emporstieg; darin liegt der Grund, weswegen
Von ihm aus Gnüge konnte nie geschehen.

So mußte Gott ihm denn auf seinen Wegen
Zum wahren Leben schaffen Wiederkehr,
Auf beiden oder einem, nach Erwägen.

Doch wie das Werk geschätzt wird um so mehr,
Je mehr es von des Herzens Trefflichkeit,
Aus welchem es hervorging, gibt Gewähr,

Gefiels der göttlichen Vollkommenheit,
Die sich im All ausprägt, auf allen Pfaden
Euch zu erneun im Glanz der ersten Zeit.

Gabs ein Verfahren je so reich an Gnaden,
Je zwischen letzter Nacht und erstem Tage,
Als womit er geruht uns zu begnaden?

Daß Gott sich opferte, daß er vom Schlage
Sich zu erheben Kraft dem Menschen lieh,
War mehr als daß er “Ich verzeihe” sage.

Und die Gerechtigkeit - sie wäre nie
Befriedigt worden: daß in Fleischeshüllen
Herabstieg Gottes Sohn, das sühnte sie.

Doch, um dir jeden Wunsch ganz zu erfüllen,
Daß, wie ich sehe, du hier könnest sehen,
Greif' ich zurück, noch eins dir zu enthüllen.

Die Luft, das Feuer, hör' ich dich gestehen,
Wasser und Erd' und ihre Mischung alle
Seh' ich nach kurzer Frist zu Grunde gehen.

Geschöpfe sind sie doch in jedem Falle.
Sie müßten, wäre wahr was ich vernommen,
Gesichert sein vor jeglichem Verfalle.

Die Engel und, wohin du jetzt gekommen,
Das reine Land, kann man geschaffen nennen,
So wie sie sind, im Wesen ganz vollkommen.

Allein was wir als Elemente kennen,
Ist erst gebildet durch geschaffne Kräfte
Wie alle Dinge, die draus los sich trennen.

Geschaffen war ihr Stoff und ihre Säfte,
Geschaffen war die Bildungskraft in eben
Den Sternen, die sestalten diese Kräfte.

Strahl und Bewegung dieser Sterne geben
Den Thieres- und den Pflanzenseelen zwar
Aus jener kraftbegabten Mischung Leben;

Doch euch haucht Leben ein unmittelbar
Die höchste Huld, die Lieb' in es gegossen
Zu ihr, daß es ihr zustrebt immerdar.

Auch eure Auferstehung wird geschlossen
Daraus ganz folgerichtig, wie mich däucht,
Bedenkst du wie des Menschen Fleisch entsprossen,

Als Gott das erste Elternpaar erzeugt.’

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