Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 32
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 32

Dante ruft die Hilfe der Musen für die Schilderung des letzten Höllenkreises an. Eine Stimme warnt ihn, nicht auf die Häupter der Sünder zu treten, die im Eise eingefroren sind und zwischen denen er umherwandelt. Er unterhält sich mit Camiccione de' Pazzi und Sassol Mascherone, die zusammengefroren sind. Sie sind in der Abteilung Kaïna, in der Verräter und Mörder von Verwandten bestraft werden. Daran stößt Antenora, die Abteilung der Vaterlandsverräter. In ihr trifft Dante Bocca Abbati, der, trotzdem dass Dante ihn an den Haaren rauft, seinen Namen nicht nennen will, aber von einem anderen genannt wird und nun ebenfalls Dante noch andere nennt. Endlich bemerkt Dante zwei, von denen der eine das Gehirn des anderen zernagt, und richtet das Wort an jenen.

001 Hätt' ich so rauh und holprig, wie sie paßten,
002 Die Reime, für dies Loch so grausenhaft,
003 Drauf insgesammt die andern Felsen lasten,

004 So preßt' ich mit noch größrer Wucht den Saft
005 Aus dem Gedanken; doch weil das gebricht,
006 So greift zur Rede zaghaft meine Kraft.

007 Nicht ists ein Kinderspiel, - die Zunge nicht,
008 Die noch Mama lallt, darf es sich getrauen -
009 Des Weltalls Grund zu schildern im Gedicht.

010 Doch helfen mögen meinem Lied die Frauen,
011 Daß es der Wirklichkeit entspricht - die Wesen,
012 Die dem Amphion Theben halfen bauen.

013 O Volk, vor allen du zum Leid erlesen
014 Am Ort, den schon zu nennen traurig macht,
015 Wärt ihr doch Schaf' und Ziegen hier gewesen!

016 Als wir nun standen drunt im finstern Schacht,
017 Weit tiefer unterm Fuß schon des Giganten,
018 Und ich zur Felswand blickt' empor: 'Gib Acht,'

019 Rief mir wer zu, 'daß du der Häupter Kanten
020 Den armen Brüdern nicht zertrittst und Weh
021 Bereiten magst den müden Qualgebannten.'

022 Mich wendend, sah ich vor mir einen See
023 Zu meinen Füßen, so mit Eis bezogen,
024 Als wenn man Glas, nicht Wasser vor sich säh'.

025 Nicht deckt im Winter selbst der Donau Wogen
026 Solch eine dicke Rind' in Oestreichs Land,
027 Den Don nicht unterm kalten Himmelsbogen;

028 Denn wenn auch Tambernicchis Felsenwand
029 Und Pietrapanas drauf gefallen wären,
030 Nicht einen Krach vernähme man am Rand.

031 Und wie das Maul die Frösche quakend kehren
032 Aus dem Gewässer, wenn, von Schlaf umsahn,
033 Die Bäurin manchmal träumt sie lese Aehren:

034 So, dunkelblau bis an die Wange, sahn
035 Im Eis wir stecken jammervolle Schatten,
036 Im Storchentakte klappend Zahn auf Zahn.

037 Nach unten das Gesicht gekehrt sie hatten;
038 Vom Froste legte Zeugniß ab ihr Mund,
039 Ihr Auge vom Gemüth, dem leidensmatten.

040 Erst blickt' ich um mich, dann hinab zum Grund,
041 Und sah jetzt zwei, sich so zusammen schmiegend,
042 Daß sich ihr Haupthaar mischt' in wirrem Bund.

043 Wer seid ihr, sagt, so Brust an Brust dort liegend?
044 Sprach ich. Den Hals drauf hoben die Genossen
045 Zu mir, das Antlitz in die Höhe biegend.

046 Die Augenlider, innen feucht, ergossen
047 In Thränen sich, die gleich im Frost erkalten,
048 Und so verkittend sie zusammenschlossen.

049 Die Schiene kann nicht Holz mit Holze halten
050 So fest vereint; drob sie in zornigem Drang,
051 Zwei Böcken ähnlich, an einander prallten.

052 Und Einer, dem des grimmen Frostes Zwang
053 Nahm beide Ohren, abwärts immer wieder
054 Gewandt, frug: 'Was begaffst du uns so lang?

055 Willst wissen, wer die Zwei hier sind? Zwei Brüder;
056 Vom Vater Albert erbten sie das Thal,
057 Aus welchem der Bisenzio strömt hernieder.

058 Ein Leib gebar sie. Suchst du in der zahl
059 Der Schatten in Kaïna, Keiner wäre
060 Mehr werth, zu stecken in des Eises Qual:

061 Nicht der, dem Brust und Schatten mit dem Speere
062 Durchbohrt' in einem Streiche Artus Hand,
063 Foccaccia nicht, nicht Der, der in der Quere

064 Den Kopf vor mir, mir jede Fernsicht bannt;
065 Bist du ein Tuscier, weißt du wen ich meine,
066 Wenn Sassol Mascheroni ich genannt.

067 Vernimm - daß weitres Fragen unnütz scheine! -
068 Ich, Camiccion de' Pazzi, warte hier,
069 Daß, mich vertretend, hier Carlin erscheine.'

070 Und tausend Fratzen sah ich, fletschend schier
071 Wie Hunde, durch den Frost empor sich heben;
072 Noch graut vor dem gefrornen Lachen mir.

073 Und während wir zum Mittelpunkt streben,
074 Zu dem hindrängt des ganzen Alls Gewicht,
075 Und mich die ewige Kühle machte beben,

076 Wars Absicht oder Zufall, weiß ich nicht -
077 Doch, durch die Köpfe wandelnd, stieß ich einen
078 Gewaltig mit dem Fuß ins Angesicht.

079 'Was trittst du mich?' schrie er mich an mit Weinen;
080 'Kommst du nicht, Montapertis Schlacht an mir
081 Noch mehr zu rächen, warum so mich peinen?'

082 Und ich: Jetzt, Meister, harre meiner hier,
083 Bis einen Zweifel ich gelöst durch Den;
084 Dann ganz nach Willen folg' ich eilig Dir.

085 Ich sprach, als ich den Führer still sah stehn,
086 Zu ihm, der noch mit Worten wild mich schalt:
087 Wer bist du, der so Andre wagt zu schmähn?

088 'Wer du, der so durch Antenora wallt
089 Und Andrer Wangen tritt? Wärst du am Leben,
090 So wärs zu arg,' entgegnet er alsbald.

091 Ich bin lebendig, und Befriedigung geben
092 Kann dies, sprach ich, daß deinen Namen ich
093 Zu andern schreibe, steht nach Ruhm dein Streben.

094 'Das Gegentheil,' sprach er, 'erfreuet mich!
095 Hinweg! belästige mich nicht mehr, du Tropf,
096 Denn schlecht aufs Schmeicheln hier verstehst du dich.'

097 Da aber faßt' ich hinten ihn am Schopf
098 Und sprach: Du wirst dich doch noch müssen nennen,
099 Sonst bleibt kein Haar hier oben dir am Kopf.

100 Drauf er zu mir: 'Du sollst mich doch nicht kennen.
101 Rauf immer zu! nichts mach' ich offenbar,
102 Magst du auch tausendmal auf Haupt mir rennen.'

103 Schon hatt' ich um die Hand gedreht sein Haar
104 Und mehr denn eine Lock' ihm ausgerissen,
105 Indeß er bellt, gesenkt sein Augenpaar.

106 'Bocca, was gibts?' fragt einer jetzt beflissen.
107 'Genügt dirs mit den Kiefern nicht zu schlagen?
108 Plagt dich der Teufel? hast noch bellen müssen?'

109 Jetzt, rief ich, brauchst du mir nichts mehr zu sagen.
110 Verräther, elender! von deiner Schmach
111 Werd' ich nach oben wahre Kunde tragen.

112 'Geh,' sprach er, 'sage was du willst mir nach;
113 Doch nicht verschweige, kommst du je von hinnen,
114 Auch Den, dem so geschwind Zunge sprach.

115 Französisch Geld macht seine Thränen rinnen:
116 Ich sah, so melde dann, des Duera Seele,
117 Wo Sünder stehn im kalten Bade drinnen.

118 Fragst du, wer weiter zu der Schar noch zähle:
119 Der Boccaria taucht zur Seit' empor,
120 Er, dem Florenz durchschnitten einst die Kehle.

121 Gianni del Soldanier ist in dem Chor,
122 Wo Ganelon sammt Tribaldello ruht,
123 Der, als man schlief, erschloß Faenzas Thor.

124 Wir waren ferne schon der Sünderbrut,
125 Da sah ich zwei in einem Loch im Eise,
126 So daß ein Haupt das andre deckt' als Hut.

127 Wie in das Brod beim Hunger, in der Weise
128 Biß, wo das Hirn sich dem Genick schließt an,
129 Des Obern Zahn des Untern Fleisch als Speise.

130 Wie in die Schläfe Melanipps den Zahn
131 Einst Tydeus wüthend schlug, so ward mit Nagen
132 Dem Schädel und dem ganzen Kopf gethan.

133 O du, der Haß mit viehischem Behagen
134 An diesem übt, den so dein Zahn verzehrt,
135 Sag an, sprach ich, warum, und laß dir sagen,

136 Wenn du mit Recht dich über ihn beschwert,
137 Daß droben, wenn ich euch und sein Verbrechen
138 Erst kennen lernte, Lohn dir widerfährt,

139 Falls sie nicht dorrt, mit der ich dies darf sprechen.

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