Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 31
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 31

Während die Dichter an der Felswand der letzten Schlucht hingehen, ertönt ein mächtig dröhnendes Horn. Dem Klange nachblickend, glaubt Dante gewaltige Türme zu sehen. Es sind aber, wie Virgil ihn belehrt, Riesen, die mit ihrem Oberleibe aus der Tiefe des letzten Höllenkreises emporragen. Unter ihnen Nimrod, der das Horn geblasen und in unverständlichen Worten die Wanderer anredet. Dann Ephialtes, mit festen Banden umschnürt, der sich im Zorne schüttelt, dass die Erde zu beben scheint. Endlich Antäus, der auf Virgils Bitte die beiden Dichter an den Boden des letzten Kreises hinabhebt und dort niedersetzt.

001 Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte,
002 So daß in Scham mir beide Wangen glommen,
003 Wars, die mich dann mit Arzeneien letzte.

004 So hab' ich von Achillens Speer vernommen
005 Und seines Vaters; schlimme Wunden gab
006 Er erst, um dann zu gutem Heil zu frommen.

007 Vom Jammerthal nun wandten wir uns ab,
008 Hinschreitend rings am Kreis der Felsenwälle,
009 Wir beide stumm und schweigend wie das Grab.

010 Hier war nicht völlig nacht noch Tageshelle,
011 Drum drang der Blick nicht in des Grundes Bette.
012 Da wars als ob ein Horn so mächtig gelle,

013 Daß selbst der Donner schwach geklungen hätte.
014 Und ihm entgegen, folgend seinem Schalle,
015 Zog es mein Auge nach der einen Stätte.

016 Nach jener Helden schmerzensvollem Falle,
017 Wo Karls des Großen Zug sein Ende fand,
018 Blies Roland nicht mit so gewaltigem Halle.

019 Kaum hatt' ich dort hinauf den Blick gewandt,
020 Glaubt' ich viel hohe Thürme zu ersehen
021 Und sprach: Was ist das, Meister, für ein Land?

022 Drauf er: 'Weil du zu weit die Blicke spähen
023 Läßt durch die Finsterniß, so muß es kommen,
024 Daß Einbildungen so dich hintergehen.

025 Du siehest klar, wenn du dort angekommen,
026 Wie sehr dich durch die Ferne täuscht der Sinn:
027 Drum wird dir 027 rascher fortzuschreiten fromme

028 Drauf bot er freundlich seine Hand mir hin
029 Und sprach: 'Bevor wir weiter hier noch gehen,
030 Vernimm - daß minder seltsames hierin

031 Du findest -: wo du Thürme glaubst zu sehen,
032 Giganten sinds, die sämmtlich in dem Schacht
033 Vom Nabel abwärts rings am Ufer stehen.'

034 Gleichwie das Auge, wenn des Nebels Nacht
035 Entweicht, der über allem dunstig weilte,
036 Die Gegenständ' allmählich klar sich macht,

037 So, als ich mehr die dicken Lüfte theilte
038 Und mich dem Rande nahte mehr und mehr,
039 Floh Irrthum mich, indeß mich Furcht ereilte.

040 Denn wie mit Thürmen rings im Kreis zur Wehr
041 Montereggiones Mauern sich bekrönen,
042 So thürmte sich, rings um den Brunnen her,

043 Der Oberleib den grausen Erdensöhnen,
044 Die Jovis drohnde Macht noch stets erfahren,
045 Wenn seine Donner her vom Himmel tönen.

046 Schon konnt' ich Anlitz, Schultern, Brust gewahren
047 Von Einem, und vom Bauch ein Stück sogar,
048 Die Arme dann, die niederhangend waren.

049 Natur entsagt' - und that wohl dran fürwahr -
050 Der Kunst, zu schaffen solcherlei Gestalten,
051 Damit sie Mars nicht brauch' als Helferschar.

052 Gefiels ihr, Elephanten zu gestalten
053 Und Walfisch, müssen, wenn wirs überlegen,
054 Wir sie für weiser und gerechter halten.

055 Denn wo sich noch des Geistes Denkvermögen
056 Gesellt dem bösen Willen und der Macht,
057 So stellt Dem Niemand einen Damm entgegen.

058 Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
059 Sanct Peters Pinienzapfen zu vergleichen,
060 Und jedes Glied nach diesem Maß gemacht,

061 So daß die Ufer, die bis an die Weichen
062 Ihm reichten, so viel von ihm sehn noch ließen
063 Nach oben, daß ihm bis zum Hals zu reichen

064 Vergebens hätten sich bemüht drei Friesen;
065 Denn ich gewahrte volle dreißig Palmen
066 Vom Hals herab, wo wir den Mantel schließen.

067 'Raphel maï amech izabi almen:'
068 So drang es aus dem grausen Mund hervor,
069 Für den sich nicht geziemten sanftre Psalmen.

070 Mein Führer sprach zu ihm: 'Blödsinner Thor,
071 Bleib bei dem Horn; und will dich Zorn ergreifen,
072 Und andrer Trieb, so sprudl' ihn dadurch vor.

073 Brauchst an den Hals zum Riemen nur zu greifen,
074 Verwirrte Seele, ders gebunden hält,
075 Dann siehst dus dir die breite Brust umreifen.

076 Sieh Nimrod, der sich selbst als Schuldiger stellt,'
077 Sprach er zu mir, 'durch dessen frech Vergehen
078 Jetzt viele Sprachen herrschen auf der Welt.

079 Du sprächst umsonst mit ihm, drum laß ihn gehen!
080 Denn ihm ist jede Sprache, wie den Andern
081 Die seinige, die Niemand kann verstehen.'

082 Fortsetzten wir, links kehrend, unser Wandern,
083 Bis, einen Pfeilschuß weiter, wir gefunden
084 Viel wilder noch und größer einen andern.

085 Nicht weiß ich, welcher Meister ihn gebunden:
086 Am Rücken war sein rechter Arm geschnürt,
087 Der andre vorn von einer Kett' umwunden,

088 Die ihm vom Halse abwärts niederführt,
089 So daß den Körpertheil, der sichtbar oben,
090 Sie bis zur fünften Windung ihm berührt.

091 'Der Stolze wollt' einst seine Kraft erproben
092 Am großen Zeus,' begann nun mein Begleiter;
093 'Drum daß er so bestraft wird, muß man loben.

094 Ephialtes ists, ein gar gewaltiger Streiter,
095 Als Furcht die Götter fühlten vor den Riesen;
096 Die rüstigen Arme regt er nun nicht weiter.'

097 Und ich zu ihm: Gern säh' ich unter Diesen
098 Des ungeheuren Briareus Gestalt,
099 Wenns möglich wäre, meinem Blick gewiesen.

100 Und er: 'Zunächst sieh, frei von der Gewalt
101 Der Fesseln, den Antäus, der auch spricht;
102 Zum Grund des Bösen hebt er uns alsbald.

103 Der, den du sehn willst, ist so nahe nicht;
104 Gefesselt und gleich anderen Gestalten
105 Ist er, nur noch viel grimmer im Gesicht.'

106 Kein Erdstoß kann so heftige Macht entfalten,
107 Der einen Thurm erschüttert fest von Stande,
108 Wie ich jetzt sah schütteln Ephialten.

109 Ich glaubte nahe mich am Grabesrande,
110 Und gnügend war zum Sterben schon der Schrecken,
111 Hätt' ich gesehen nicht des Riesen Bande.

112 Jetzt zu Antäus weiter gings, dem Recken,
113 Den ich, den Kopf nicht mitgezählt einmal,
114 Fünf Ellen hoch sah aus dem Schacht sich strecken.

115 'O du, der in dem schicksalsvollen Thal,
116 Wo Scipio Ruhm erwarb, als er zerstreute
117 In wilder Flucht das Heer des Hannibal,

118 Dir tausend Löwen einst gewannst als Beute,
119 Und dems im großen Kampf vielleicht gelungen,
120 Wenn du dran Theil nahmst - meinen viele Leute -

121 Daß du den Brüdern hättest Sieg errungen:
122 Setz uns hinab - und laß es gern geschehen -
123 Wo den Cocyt hält starrer Frost bezwungen.

124 Schick' uns zu Titius nicht noch zu Typhaeen.
125 Was man hier wünschet, Dieser kann es geben,
126 Drum bück' dich, ohn' dein Maul erst zu verdrehen.

127 Er kann auf Erden deinen Ruhm erheben,
128 Da er noch lebt und hofft, wenn vor der Zeit
129 Ihn Gott nicht abruft, lange noch zu leben.'

130 Er sprachs und jener packte schnellbereit
131 Nun meinen Führer, ausgestreckt die Hand,
132 Die einst den Hercules bedrängt im Streit.

133 Da rief Virgil, als er erfaßt sich fand:
134 'Komm zu mir her, damit ich dich umfange!'
135 Worauf er sich mit mir zum Bündel band.

136 Wie Carisenda, steht man unterm Hange
137 Und blickt empor, erscheint wenn Wolken ziehn
138 Ob ihm gerad in umgekehrtem Gange,

139 Schien mir Antäus, als ich merkt' auf ihn,
140 Wie er sich bückt', und zu der selben Stunde
141 Zög' ich auf andrer Straße lieber hin.

142 Doch leicht setzt' er uns nieder auf dem Grunde,
143 Wo Lucifer mit Judas wird verzehrt,
144 Und hob sich, länger nicht gebückt im Schlunde

145 Verweilend, wie der Mast nach oben fährt.

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