Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 28
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 28

Neunte Schlucht des achten Kreises: die Stifter von Zwiespalt. Sie gehen in zerrissener Gestalt, von Teufeln zerfetzt und immer wieder hergestellt. Unter ihnen ist Mohammed, als der Begründer der größten religiösen Spaltung, sein Schwiegersohn Ali, der wieder den Mohammedanismus spaltete, ferner Pier von Medicina, der römische Tribun Curio, Mosca Lamberti, und endlich der Troubadour Bertram de Born, der sein eigenes Haupt als Laterne in der Hand trägt.

001 Wer könnte selbst in ungebundnem Worte,
002 Mehrmals erzählend, all der Wunden Blut
003 Beschreiben, das ich sah an diesem Orte!

004 Wohl jeder Zunge lahmte hier der Muth,
005 Weil, um so viel zu fassen, schwach erscheinet
006 All was der Mensch mit Geist und Sprache thut.

007 Und wäre das gesammte Volk vereinet,
008 Das auf Apuliens schicksalsvollem Grunde
009 Das eigne Blutvergießen je beweinet,

010 Durch Römer erst, dann in der blutigen Stunde,
011 Wo man so große Beut' an Ringen fand,
012 Wie Livius, der nicht irrt, davon gibt Kunde,

013 Sammt jenem Volk, das schwer die Hieb' empfand,
014 Weil es den Robert Guiscard einst bekriegte,
015 Sammt dem, deß Knochen modern dort im Land

016 Bei Ceperano, wo die Treu' versiegte
017 Apuliens, und dort, wo der Greis Alard
018 Bei Tagliacozzo sonder Waffen siegte;

019 Und zeigte, wie's durchbohrt, verstümmelt ward,
020 Sich jedes Glied, nicht wär' es zu vergleichen
021 Mit dieses neunten Sackes grauser Art.

022 Ein Faß, dem Zargen oder Dauben weichen,
023 Klafft nicht so, wie ich dort zerhauen Einen
024 Gesehn vom Kinn bis wo die Winde streichen.

025 Hinab hing das Gedärm ihm an den Beinen,
026 Auch das Geschlinge sah man sammt dem Sacke,
027 Der aus den Speisen Koth macht027 , dem unrein

028 Wie nun auf ihm verweilt mein Blick, der stracke,
029 Reißt er die Brust auf, als er mich gewahrt,
030 Und ruft: 'Da siehe wie ich mich zerhacke!

031 Sieh hier wie Mohammed verstümmelt ward!
032 Und weinend geht vor mir Ali, zerspellt
033 Vom Kinn hinauf bis wo die Stirn behaart.

034 Und all die andern, die du hier gesellt
035 Erblickst, sind so zerhaun weil Aergernissen
036 Und Spaltungen sie fröhnten auf der Welt.

037 Dort hinten werden grausam wir zerschlissen
038 Von einem Teufel, und mit scharfem Schwerte
039 Wird jede Wunde wieder aufgerissen,

040 Wenn wir durchmessen diese Schmerzensfährte;
041 Denn stets von neuem schließt sich die Wunde,
042 Eh einer noch zu ihm zurücke kehrte.

043 Doch wer bist du, der niedergafft zum Schlunde,
044 Wohl zögernd mit der Strafe, die erkannt
045 Auf Selbstanklage dir aus Richters Munde?'

046 'Den hat der Tod noch nicht erreicht, nicht bannt
047 Ihn Schuld hierher zur Qual', sprach drauf mein Leiter;
048 'Doch daß ihm alles völlig sei bekannt,

049 Muß ich, der todt, von Kreis zu Kreise weiter
050 (Es ist, so wahr ich mit dir rede, wahr!)
051 Die Hölle mit ihm durchgehn als Begleiter.'

052 Still hielten mehr denn hundert aus der Schar,
053 Mich anzusehn, als sie dies Wort vernommen,
054 Verwundert ihrer Qual vergessend gar.

055 'Du, der zur Sonne bald wird wieder kommen,
056 Sag' Fra Dolein, will er nicht bald im Tod
057 Mir folgen, sei von ihm Bedacht genommen,

058 Vorrath zu schaffen, daß des Schneees Noth
059 Nicht den Novarern Sieg verleiht zuletzt,
060 Eine Gefahr, die sonst so leicht nicht droht.'

061 Den einen Fuß zum Gehn erhoben jetzt,
062 Sprach dieses Wort zu mir Mohammeds Seele,
063 Worauf fortschreitend er zur Erd' ihn setzt.

064 Und Einer, dem durchlöchert war die Kehle,
065 Die Nase weggestutzt bis zu den Brauen -
066 Auch konnt' ich sehen, daß ein Ohr im fehle -,

067 Blieb vor Verwunderung stehn mich anzuschauen,
068 Und riß den Schlund, der außen blutdurchzogen,
069 Vor all den andern auf und sprach voll Grauen:

070 'O du, den keine Schuld hierher gezogen,
071 Und den ich im Lateinerland einst sah,
072 Wenn große Aehnlichkeit mich nicht betrogen,

073 Kommst du den süßen Ebnen wieder nah,
074 Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
075 An Pier von Medicina denke da.

076 Woll' auch nicht Fanos bravstem Paar verschweigen,
077 Guido und Angiolett - falls Prophezeien
078 Von hier sich nicht als eitel wird erzeigen -:

079 Man wirft sie aus dem Schiff, auch winkt den Zweien
080 Das Säcken, dort ganz in Catolicas Näh',
081 Durch eines Wütherichs Verräthereien.

082 Nie Sah Neptun so großen Frevel je,
083 Nie zwischen Cypern und Majorca, nicht
084 Bei Griechen noch beim Räubervolk der See.

085 Denn der Verräther, dem ein Aug' gebricht,
086 Der Herr der Stadt, von der Er, der hier steht,
087 Wünscht, daß sie nie gesehn sein Angesicht,

088 Vernimm, daß er sie zum Gespräche lädt,
089 Und thut dann so, daß bei Fovaras Toben
090 Sie nicht Gelübde brauchen und Gebet.'

091 Und ich: Zeig' und erkläre mir, wenn droben
092 Von dir ich Kunde soll und Nachricht geben,
093 Wer ists, der jener Schau sich wünscht enthoben?

094 Da riß den Mund er Einem auf, der neben
095 Ihm stand, indem zum Kiefer griff die Hand,
096 Und schrie: 'Der hier nicht spricht, der ist es eben.

097 In Caesars Seele tilgt' er, einst verbannt,
098 Den Zweifel durch das Wort: nur Schaden bringe
099 Das Zögern dem, der kampfgerüstet stand.'

100 Wie schien, ach! Curios Muth mir jetzt geringe,
101 Dem in dem Schlund zersetzt die Zunge steckte,
102 Er, der so keck einst sprach bei jedem Dinge.

103 Und Einer, dem die Hände fehlten, streckte
104 Die Stummel aufwärts in den dunklen Aether,
105 So daß ihm Blut das Angesicht befleckte.

106 'Du wirst des Mosca doch gedenken,' fleht' er,
107 Der - wehe mir! - einst sagte: That hat Rath,
108 Für Tusciens Volk ein Wort des Unheils später.'

109 Und deinem Stamm, sprach ich, des Todes Saat;
110 Worauf er, da sich Wehe häuft' auf Wehe,
111 Wie wahnsinnskrank fortsetzte seinen Pfad.

112 Ich aber blieb, daß ich den Schwarm besähe,
113 Und etwas sah ich, das ich würde beben
114 Zu melden ohne weitrer Zeugen Nähe,

115 Wär' im Gewissen mir nicht beigegeben
116 Ein gut Geleit, das gibt dem Mann Vertrauen,
117 Weiß er von solchem Harnisch sich umgeben.

118 Ich sah gewiß - und wähn' es noch zu schauen -
119 Hauptlos einhergehn einen Rumpf, wie hier
120 Die andern auch in diesem Zug voll Grauen.

121 Und schwebend hielt wie eine Leuchte schier
122 Das abgeschlagne Haupt er in den Händen;
123 Er sah uns an und sprach: 'O wehe mir!'

124 So mit sich selber mußt' er Licht sich spenden;
125 Zwei waren eins und eines war zwei Stücke.
126 Wie's möglich, weiß Des Macht und Kraft nie enden.

127 Und als er grad am Fuße stand der Brücke,
128 Hob er nach oben Haupt und Arm zumal,
129 Daß er uns näher seine Worte rücke.

130 Die waren: 'Sieh der schweren Strafe Qual,
131 Der du noch lebend kamst, zu schaun die Todten.
132 Gibts eine gleiche wohl im Höllenthal?

133 Und mit der Nachricht send' ich dich als Boten:
134 Bertram de Born bin ich, derselbe, der
135 Dem jungen König schlechten Rath entboten.

136 Den Vater mit dem Sohn entzweit' ich sehr;
137 Selbst Ahitophel fehlt' in bösem Walten
138 An Absalon und David kaum so schwer.

139 Weil ich so eng Verbundene gespalten,
140 Muß ich, getrennt von seinem Ursprung hier,
141 Den dieser Rumpf verschließt, mein Hirn so halten:

142 So zeigt sich der Vergeltung Recht an mir.'

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