Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 22
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 22

Dante gewahrt einzelne Sünder auf Augenblicke aus dem Pech auftauchen; einer wird dabei erwischt und von einem Teufel am Haken heraufgezogen. Dante erkundigt sich nach seinem Namen und Ursprung und erhält von ihm auch Mitteilungen über andere Sünder in dieser Abteilung. Der Sünder weiß die Teufel zu foppen und diese, ärgerlich darüber, geraten in Streit. Zwei von ihnen fallen in das Pech und werden mit Haken herausgefischt. Die Dichter schreiten weiter, während jene noch damit beschäftigt sind.

001 Ausrücken sah ich wohl schon Reiterscharen,
002 Sah Herrschau halten, los zum Angriff brechen,
003 Manchmal ein Heer auch sich im Rückzug wahren,

004 Wettläufer fliegen übeer eure Flächen,
005 O Aretiner, Züge sich bewegen,
006 Sah Ringelrennen und sah Lanzenstechen,

007 Bald mit Trompeten, bald bei Glockenschlägen,
008 Bald nach der Trommel, bald nach Thurmeszeichen,
009 Bald heimscher Weise, bald der fremden pflegen:

010 Doch sah ich nimmer Fußvolk nach dergleichen
011 Musik einherziehen oder auch Schwadronen,
012 Nach Stern und Leuchtthurm Schiff' im Meere streichen.

013 Wir wanderten mit jenen zehn Dämonen:
014 Furchtbar Geleit! Doch heißts: im Gotteshaus
015 Mit Heiligen, und im Krug mit Schlemmern wohnen.

016 Nur auf das Pech ging jetzt mein Forschen aus,
017 Den Zustand von dem Schlunde zu erfahren,
018 Und von dem Volk in dieses Sudes Graus.

019 Wie Zeichen geben der Delphine Scharen
020 Den Schiffern mit des Rückgrats hohem Bogen,
021 Daß vor dem Scheitern sie das Fahrzeug wahren:

022 So sah man manchmal Sünder aus den Wogen,
023 Die Qual zu mildern, ihren Rücken strecken,
024 Dann schnell ihn bergen, wie ein Blitz verflogen.

025 Und wie die Frösche nur die Köpfe recken
026 Empor in Wassergräben oder Seeen,
027 Indeß sie Rumpf und Füße drin verstecken:

028 So waren hier die Sünder rings zu sehen,
029 Um dann sogleich, wenn Schmuzbart nahe war,
030 Sich bergend in den Sud hinabzugehen.

031 Ich sah - noch sträubt Entsetzen mir das Haar -
032 Dein Einen säumen: so bleibt wohl zuweilen
033 Ein Frosch, indeß entschlüpft der andern Schar.

034 Jetzt sieh Hundskralle seinen Haken keilen
035 In ihn und an den pechverklebten Haaren
036 Ihn gleich 'ner Otter aufziehn wie an Seilen.

037 Die Namen aller hatt' ich schon erfahren
038 Dort, als die Wahl zur Reis' auf sie gefallen,
039 Und horcht' auch dann wie sie gerufen waren.

040 'Karfunkelbold, auf! fall' ihm mit den Krallen
041 Den Rücken an, und tüchtig ihn geschunden!'
042 Hört' aller Teufel Ruf ich jetzt erschallen.

043 Und ich: Wärs möglich, Meister, zu erkunden
044 Des Unglückseligen Namen, den die Bande
045 Der Feinde triumphirend hält umwunden?

046 Da trat mein Führer zu des Schlundes Rande
047 Und fragt' ihn wer er sei, und er versetzt:
048 'Ich bin geboren im Navarrerlande.

049 In Dienst hat mich bei einem Herrn gesetzt
050 Die Mutter, die 'nem Wüstling mich geboren,
051 Der sich und all sein Gut zerstört zuletzt;

052 Worauf ich König Thibauts Dienst erkoren;
053 Und hier verlegt' ich mich auf Gaunerein.
054 Zur Strafe drum muß ich im Pech nun schmoren.'

055 Und Schweinsborst, dem ein Hauer wie dem Schwein
056 Vorragt' auf beiden Seiten seiner Fratzen,
057 Wies ihm, wie scharf der eine könne sein.

058 Die Maus gerieth da unter schlimme Katzen,
059 Und Schmuzbart, der ihn faßte, hört' ich sagen:
060 'Bleibt dort, so lang ihn halten meine Tatzen.'

061 Und dann, zum Meister hingewandt: 'Befragen
062 Kannst du ihn, wenn zu wissen du noch mehr
063 Verlangst, eh wir ihn ganz in Grund zerschlagen.'

064 Der Führer drauf: 'Sprich, kennst du in dem Heer
065 Der Sünder, die hier unterm Peche leben,
066 Wohl einen, der Lateiner ist?' Und er:

067 'Von einem, der nah bei zu Haus, hab' eben
068 Ich mich getrennt; wär' ich wie er bedeckt,
069 Dann dürft' ich nicht vor Klau'n und Haken beben.'

070 Und Nothmohr rief: 'Er hat uns gnug geneckt,'
071 Und riß ihm vorne einen langen Streifen
072 Vom Arm, in den den Haken er gesteckt.

073 Allein auch Drachenklaue wollt' ihn greifen
074 Beim Beine drunten, drob ihr Zehentmann
075 Ließ seine Blicke zürnend ringsum schweifen.

076 Als sie ein wenig sich beruhigt dann
077 Und jener noch beschaute seine Wunde,
078 Fing ohne Säumen mein Begleiter an:

079 'Sag an, wer wars, von dem zu schlimmer Stunde
080 Du schiedest, als du dich zum Rand erhoben?'
081 'Der Mönch Gomita,' gab er drauf uns Kunde,

082 'Der von Gallura, voll von Trug bis oben,
083 Der, als man gab des Herren Feind' in seinen
084 Gewahrsam, so sie hielt, daß all' ihn loben.

085 Er nahm sein Geld und ließ entschlüpfen einen
086 Dann nach dem andern, war auch sonst im Amt
087 Ein Makler, doch im Großen, nicht im Kleinen.

088 Sieh Michael Zanche, der sich an ihn klammt,
089 Von Logodoro, ihre Zungen schwatzen
090 Nie müde von Sardinien beidesammt.

091 Weh! seht, was zieht der Andre dort für Fratzen!
092 Noch spräch' ich mehr, doch fürcht' ich, seine Hand
093 Schickt sich schon an, das Fell mir zu zerkratzen.'

094 Ihr Hauptmann rief, Sausfledern zugewandt,
095 Der schon den Blick verdreht um loszuhauen:
096 'Machst du dich fort von hier, du Höllenbrand!'

097 'Wenn ihr wollt Tuscier hören oder schauen,'
098 Sprach der Erschrockne drauf, 'das soll geschehen,
099 Auch solche, die aus den lombardischen Auen.

100 Laßt nur die Grausetatzen vorwärts gehen,
101 Daß jene nicht vor ihrer Rache beben;
102 Dann schaff' ich auf den Platz, wo wir hier stehen,

103 An meiner statt euch sieben gleich hierneben,
104 Sobald ich pfeife, wie es unser Brauch,
105 Wenn einer wagte sich emporzuheben.'

106 Da hob Hundskralle seine Schnauze auch
107 Und sprach kopfschüttelnd: 'Hört mir doch die Ränke!
108 Er sinnt nur wie er niedertaucht, der Gauch!'

109 Und jener, dem der Kopf voll listiger Schwänke,
110 Versetzt: 'Wohl arge Bosheit muß ich hegen,
111 Da ich auf schlimmres Weh der Meinen denke.'

112 Da hielt sich Flügling nicht und sprach, entgegen
113 Der Andern Meinung: 'Willst hinab du springen,
114 Werd' ich mich aufs Nachlaufen nicht verlegen.

115 Nur überm Pech werd' ich die Flügel schwingen.
116 Fort von der Höh', wir bergen uns am Strand,
117 Zu sehn, ob ihm wird mehr als uns gelingen.'

118 Nun, Leser, wird dir neuer Spaß bekannt.
119 Nach drüben wandte jeder seine Blicke,
120 Zuerst Der, der am meisten widerstand.

121 Doch der Navarrer nutzt die Augenblicke;
122 Den Fuß anstemmend, schwang er nieder sich,
123 Und so entrann er ihres Anschlags Stricke.

124 Wohl allen war der Streich gar ärgerlich,
125 Doch dem zumeist, der schuld an dem Versehen;
126 Drum flog er auf und schrie: 'Ich habe dich.'

127 Umsonst! denn schneller als die Flügel gehen
128 War Jenes Angst; fort ist er schon, und wieder
129 Muß aufwärts sich der Flug des Andern drehen.

130 Nicht anders duckt im Nu die Ente nieder,
131 Wenn ihr der Falke naht, der seinen Flug
132 Empor nimmt, mürrisch, müde das Gefieder.

133 Und Fröstelrücken, bös ob dem Betrug,
134 Flog dicht ihm nach, sich freuend am Entrinnen
135 Des Sünders, denn nun gab es Zank genug.

136 Und als der Makler wirklich nun von hinnen,
137 Wandt' er auf den Genossen flugs die Klauen,
138 Und ob dem Pfuhl sieht man das Hau'n beginnen.

139 Doch Der läßt sich als echter Sperber schauen
140 Und krallt ihn so sehr, daß sie alle zwei
141 Hinfielen in des glühnden Pfuhles Grauen.

142 Zwar führt die Hitze Schlichtung gleich herbei;
143 Doch nicht erheben konnten sie die Schwingen.
144 Die klebrig waren von des Peches Brei.

145 Verstimmt wie all die andern von den Dingen,
146 Ließ Schmuzbart vier zum andern Uferrand
147 Mit ihren Haken fliegen; diese gingen

148 Schnell dies- und jenseits hin auf ihren Stand,
149 Die Haken streckend nach den Pechbeklebten,
150 Die festgebacken eine Rind' umwand.

151 Sie triebens noch, indeß wir weiter strebten.

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