Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 20
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 20

Vierte Schlucht des achten Kreises: Wahrsager und Zauberer. Sie gehen weinend im Schritte mit umgedrehtem Oberkörper, so dass sie, zur Strafe für ihr unbefugtes Vorwärtsschauen in die Zukunft, nun immer rückwärts schauen müssen. Unter ihnen erblickt Dante Amphiaraus, Tiresias, Aruns, die Manto, Eurypylus, Michael Scotus, Bonatti und Asdente. Die Geschichte der Manto, nach welcher Mantua benannt ist, ertählt Virgil ausführlich.

001 Von neuer Qual muß ich nunmehr erzählen,
002 Die Stoff dem zwanzigsten Gesange leiht
003 Des Liedes von den schuldversenkten Seelen.

004 Schon hielt ich mich beflissen und bereit
005 Zu schauen in des offnen Schlundes Engen,
006 Der sich in Thränen badet voller Leid.

007 Da sah ich in des krummen Thales Gängen
008 Stillschweigend, weinend Volk im Schritte ziehn,
009 Den man auf Erden geht bei Pilgergängen.

010 Und als mein Blick drang tiefer auf sie hin,
011 Wars wie wenn jeder wunderbar verkehrt
012 Vom Kinn bis zum Beginn des Rumpfes schien.

013 Ihr Antlitz war dem Rücken zugekehrt,
014 Und darum mußten rückwärts alle gehen,
015 Weil vorn zu schauen ihnen war verwehrt.

016 Es mochte manchen schon vielleicht verdrehen
017 Am ganzen Leibe die Gewalt der Gicht;
018 Doch sah ichs nie und zweifl' ob es geschehen.

019 So war dir Gott, o Leser, dies Gedicht
020 Frucht bringen lasse, wolle doch bedenken,
021 Ob thränenlos geblieben mein Gesicht,

022 Als unser Menschenbild ich so verrenken
023 Nach rückwärts sah, so daß des Auges Thränen
024 Die Spalte des Gesäßes mußten tränken.

025 Ich mußte weinend an ein Horn mich lehnen
026 Am harten Fels, so daß mein Führer sagte:
027 'Gleichst du den Thoren auch, die Thöriges wähnen?

028 Fromm ist hier wer dem Mitleid ganz entsagte:
029 Kanns einen Sündigern als Den wohl geben,
030 Der Gottes Rathschluß zu erforschen wagte?

031 Blick auf, blick auf! Sieh hin, den einst vor Theben
032 Vor aller Aug' der Erde Schoß verschlang,
033 Daß alle riefen: "Willst du weg dich heben,

034 Amphiaraus, aus des Kampfes Drang?"
035 Doch unaufhaltsam stürzt' er nach dem Schachte,
036 Zu Minos hin, der jeden noch bezwang.

037 Sieh wie zur Brust er seinen Rücken machte.
038 Nun schaut er rückwärts, geht verkehrt die Bahn,
039 Weil vorwärts er zu weit zu schauen dachte.

040 Hier siehst du auch Tiresias sich nahn,
041 Deß ganzer Leib Veränderung empfangen,
042 Denn, erst ein Mann, nahm Weibsgestalt er an;

043 Die mußte mit dem Stabe die zwei Schlangen
044 Erst wieder schlagen, als sie sich gesellt,
045 Um eines Mannes Bart neu zu erlangen.

046 Der dort an Jenes Bauch den Rücken hält,
047 Ist Aruns, der in Lunis Berggeländen,
048 Wo der Carrare in dem Thal sein Feld

049 Bebaut, einst zwischen weißen Marmorwänden
050 Haust' in der Höhle, von wo er zum Meer
051 Und Himmel frei die Blicke konnte senden.

052 Und Jene, die um ihre Brüste her,
053 Die du nicht siehst, läßt frei die Zöpfe hangen
054 Und dorthin kehrt all was von Haar nicht leer,

055 War Manto, die der Länder viel durchgangen,
056 Bis sie verweilt' am Ort, der mich gebar:
057 Von ihr sollst du nun kurz Bericht empfangen.

058 Nachdem der Vater ihr gestorben war
059 Und Bacchus Stadt verfiel in Sklavenbande,
060 Durchwallte sie die Welt so manches Jahr.

061 Ein See liegt droben an der Alpen Rande
062 Im schönen Welschland, dort wo Deutschland endet
063 (Benaco heißt er) beim Tiroler Lande,

064 Wo tausend Quellen der Pennin entsendet
065 Von Garda bis nach Val Camonica;
066 Ihr Wasser all ist nach dem See gewendet.

067 Dort mitten liegt ein Ort, es könnten da
068 Drei Bischöfe, dort stehend, Segen spenden,
069 Die von Trient, Verona, Brescia.

070 Peschiera ragt dort stark ob den Geländen,
071 Dran Bergamos und Brescias Trotz sich brechen,
072 Dort wo die Ufer sich zur Ebne wenden.

073 Hierher strömt alles, was von jenen Bächen
074 Nicht im Benaco bleiben kann, und so
075 Zieht es als Fluß hinab die grünen Flächen.

076 Nicht mehr Benaco, sondern Mincio
077 Genannt, wenn hier des Wassers Lauf begonnen,
078 Das bei Governo fließet in den Po.

079 Ein flach Gefild, eh es noch weit geronnen,
080 Erreicht es, wo es breit zum Sumpf sich staut,
081 In Sommerzeiten oft ein Unheilsbronnen.

082 Vorbei dort ziehend, hatt' ein Land erschaut
083 Die grause Jungfrau mitten in dem Teiche,
084 Das von Bewohnern leer und unbebaut.

085 Dort, fern des menschlichen Verkehrs Bereiche,
086 Trieb mit den Knechten sie ihr Wesen fort,
087 Und lebt' und ließ dort die entstellte Leiche.

088 Drauf bauten Leute, die zerstreuet dort
089 Umher gelebt, weil dieser Sumpf die beste
090 Schutzwehr verlieh, sich an auf jenem Ort.

091 Sie bauten eine Stadt auf Mantos Reste;
092 Nach ihr, die sich den Platz zuerst erkoren,
093 Hieß ohne weitres Mantua die Feste.

094 Sie hegt' einst viel mehr Volk in ihren Thoren,
095 Eh übel jenes Pinamonte Trug
096 Dem Casalodi mitgespielt, dem Thoren.

097 So lehr' ich dich, damit der Wahrheit Zug,
098 Falls meines Heimatursprungs andre Kunde
099 Du hörest, nicht entstelle schnöder Lug.'

100 Ich sprach: So sicher klingt aus deinem Munde
101 Das Wort, o Meister, und macht glauben mich;
102 Die Andern sind mir leere Spreu im Grunde.

103 Doch von dem Volk, das dort einhergeht, sprich:
104 Ist einer drunter merkenswerther Art?
105 Denn einzig darauf kehrt mein Streben sich.

106 'Dem zu dem braunen Rücken dort der Bart
107 Wallt von den Wangen, ist Augur gewesen,
108 Als Griechenland so leer an Männern ward,

109 Daß in den Wiegen kaum ein männlich Wesen;
110 Er gab mit Kalchas an die Sternenzeit
111 In Aulis, um das erste Tau zu lösen.

112 Er hieß Eurypylus; ein Plätzchen weiht
113 Mein Epos ihm auf einer seiner Seiten;
114 Du weißt es wohl, der ganz drin eingeweiht.

115 Den du mit magern Hüften dort siehst schreiten,
116 Michael Scotus war es, sehr behend
117 Im Zauber und im Gaukelspiel vor Zeiten.

118 Guido Bonatti sieh dort! sieh Asdent,
119 Der wünscht, bei Draht und Leder wär' er blieben,
120 Und dem zu spät die Reu' im Herzen brennt.

121 Sieh die Unseligen, die, statt zu lieben
122 Nähn, Spinnen, Weben, als Wahrsagerinnen
123 Viel Hexerei mit Kraut und Wachsbild trieben.

124 Doch Kaïn mit den Dornen steht mittinnen
125 Am Hemisphärenrand und streift die Welle
126 Jenseits Sevilla schon; drum komm von hinnen!

127 Schon gestern nacht war voll des Mondes Helle,
128 Du weißt es, denn er war im tiefen Wald
129 Dir mehrmals ein willkommener Geselle.'

130 Er sprachs und weiter ging es alsobald.

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