Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 16
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 16

An der Grenze zwischen dem siebenten und achten Kreise treffen die Dichter drei Schatten, die, um mit Dante sprechen zu können, ein Rad bilden und so sich bewegen. Es sind drei Florentiner, die Dante an seiner Kleidung erkennen und ihn bitten, ihrer zu gedenken: Guidoguerra, Tegghiajo Aldobrandi und Jacob Rusticucci. Am Felsenabhang angekommen, wo der Phlegethon brausend hinunterstürzt, wirft Virgil ein Seil, das Dante von sich löst, hinab, worauf von unten Geryon heraufsteigt.

001 Schon war ich dort, wo man des Wassers Lärmen
002 Vernahm, das niederstürzt' ins nächste Thal,
003 Wie wenn die Bienen um die Körbe schwärmen,

004 Als schnellen Laufs drei Schatten allzumal
005 Von einer Schar sich trennten, die wir gehen
006 Sahn unterm Regen jener herben Qual.

007 Sie nahten uns und jeder rief: 'Bleib stehen,
008 Du Bürger jener schlechten Stadt, der wir
009 Entstammten, wie an deiner Tracht wir sehen.'

010 Weh! alt' und neue Wunden sah ich hier,
011 Die eingebrannt die Flammen ihrem Fleische;
012 Nur dran zu denken thut noch wehe mir.

013 Mein Meister gab wohl Acht auf ihr Gekreische,
014 Er sah nach mir und sagte: 'Nun verweile!
015 Thu ihnen was die Höflichkeit erheische.

016 Ja, regneten hier nicht die Feuerpfeile
017 Nach der Natur des orts, so würd' ich meinen,
018 Daß wir vielmehr als ihnen ziemt die Eile.'

019 Sie schrieen, wie wir standen, stets den einen
020 Refrain aufs neu', um dann, als sie uns nah,
021 Sich alle drei zu einem Rad zu einen.

022 Wie man gesalbt und nackt vor Zeiten sah
023 Die Kämpfer Griff und Vortheil sich erspähen,
024 Eh noch von ihnen Schlag und Stoß geschah:

025 So wandte Jeder sein Gesicht im Drehen
026 Nach mir, so daß in andrer Richtung fort
027 Die Füße stets dem Hals entgegen gehen.

028 'Ach! wenn der jammervolle sandige Ort
029 Und unser traurig hautlos Antlitz machte,
030 Daß du verachtet unser flehend Wort,

031 Um unsers Ruhmes willen es beachte,
032 Und sag' uns wer du bist, und welche Gnade
033 Dich lebend, fahrlos her zu Hölle brachte.

034 Der, dessen Spur ich folg' auf diesem Pfade,
035 War, wenn er nackt auch und zerfleischt hier fährt,
036 Mehr als du glaubst von hohem Rangesgrade.

037 Gualdrada's Enkel ist es, hoch geehrt,
038 Einst hieß er Guidoguerra, der im Leben
039 Viel durch den Rath vollbracht, viel durch das Schwert.

040 Der hinter mir zerstampft des Flugsands Weben,
041 Tegghiajo Aldobrandi ists, deß Stimme
042 Auf Erden man Gehör wohl sollte geben.

043 Und ich, beschwert von gleicher Qualen Grimme,
044 Bin Jacob Rusticucci, und fürwahr
045 Vor allem schadet mir mein Weib, das schlimme.'

046 Falls ich gesichert vor der Gluth Gefahr,
047 Ich wär' hinabgesprungen auf den Sand;
048 Gelitten hätt' es der mein Führer war.

049 Doch weil ich mich versengt hätt' und verbrannt,
050 So ließ mich Furcht die Neigung überwinden,
051 Die Jene zu umarmen ich empfand.

052 Ich sprach: Verachtung nicht, nein! Schmerz empfinden
053 Macht meine Seele euer Zustand hier,
054 So tief, daß er nur langsam wird entschwinden,

055 Als dieser mein Gebieter Worte mir
056 Gesagt, aus denen ich alsbald entnommen,
057 Daß sich uns Männer nahten gleich wie ihr.

058 Ich stamm' aus unserm Land, und hochwillkommen
059 Sind eure Namen mir und Thaten alle;
060 Ich habe liebend immer sie vernommen.

061 Der süßen Frucht zu eil' ich von der Galle,
062 Wie's mein wahrhaftiger Führer mir versprach;
063 Doch ziemts, daß ich das Centrum erst duchwalle.

064 ''So wahr noch lange deine Seele', sprach
065 Drauf Jener, 'leiten möge deine Glieder
066 Und hell dein Ruhm noch glänzen lang hernach,

067 So sprich: bewohnen Tapferkeit und Bieder-
068 Gesinnung unsre Stadt noch wie bisher?
069 Wie, oder liegen gänzlich sie darnieder?

070 Denn der dort hinwallt, Wilhelm Borsier, der
071 Seit kurzem weilet bei uns Leidgenossen,
072 Schreckt uns mit seinen Worten nur zu sehr.'

073 Das neue Volk, der Reichthum, schnelle entsprossen,
074 Hat dich zu Stolz und Uebermuth bethört,
075 Florenz, daß Thränen schon darum dir flossen.

076 So rief ich mit erhobnem Haupt empört.
077 Die Drei, als Antwort nehmend dies mein Reden,
078 Starrten sich an, wie wenn man Wahrheit hört.

079 'Wir wünschen Glück, wenn du so wohlfeil jeden
080 Abfertigen kannst', war Aller Gegenwort,
081 'Und wenn dirs wohlbekommt so frei zu reden.

082 Drum, wenn du einst aus diesem finstern Ort
083 Entrinnst und schaust der schönen Sterne Licht,
084 Und es dich freut zu sagen: ich war dort,

085 Von uns zu sprechen unterlaß dann nicht'.
086 Drauf lösten sie das Rad: es schienen Schwingen
087 Die raschen Füß' im Fliehen dem Gesicht.

088 So schnell hervor kann man kein Amen bringen,
089 Als diese Drei jetzt unserm Blick entschwanden;
090 Drum schien es Zeit dem Meister, daß wir gingen.

091 Ich folgt' ihm nach; in kurzer Frist befanden
092 Wir uns so nah des Wassers mächtigen Klange,
093 Daß unser Wort man hätte kaum verstanden.

094 So wie der Fluß - der erst mit eignem Gange
095 Herabschießt von des Viso Felsenwand
096 Ostwärts am linken Apenninenhange

097 Und Aquacheta droben wird genannt,
098 Bevor er niedersinkt ins tiefe Bette,
099 Und bei Forli dann andern Namen fand -

100 Dort ob San Benedettos heiliger Stätte
101 Sich von den Alpen stürzt nach einem Schachte,
102 Wo Zuflucht wohl ein Tausend Mönche hätte:

103 So hörten wir, wie brausend niederkrachte
104 Die trübe Fluth von hoher Felsensteile,
105 Die taub das Ohr in kurzer Zeit wohl machte.

106 Umgürtet hatt' ich mich mit einem Seile,
107 Durch das ich jüngst gehofft, das bunte Vlies
108 Des Panthers würde mir als Fang zu Theile:

109 Worauf, als ich es ganz gelöst, ich dies -
110 Denn also anbefahl es mein Berather -
111 Zum Knäuel gewunden jenem überließ.

112 Sich nach der rechten Seite wendend, trat er,
113 Doch nicht zu nahe, zu dem steilen Rand,
114 Und warf es nieder in den tiefen Krater.

115 Traun, dacht' ich, neu muß sein und unbekannt
116 Was Antwort gibt auf dieses neue Zeichen,
117 Das so den Blick des Meisters hält gebannt.

118 O wie behutsam sei doch unsersgleichen
119 Bei denen, die nicht nur das Thun gewahren,
120 Nein! die Gedanken mit dem Geist erreichen.

121 Er sprach zu mir. 'Bald wird empor nun fahren
122 Was ich erwart', und was dein Sinn gedacht,
123 Wird bald sich deinen Blicken offenbaren.'

124 Bei Wahrheit, die der Lüge gleicht, hab' Acht,
125 O Mensch, wenn möglich sie nicht auszusprechen,
126 Denn, schuldlos auch, hat es stets Schmach gebracht.

127 Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen,
128 Und schwör', o Leser, dir bei dem Gedicht,
129 Dem später Beifall möge nie gebrechen:

130 Ich sah durch jene Lüfte schwarz und dicht
131 Wie schwimmend ein Gebild nach aufwärts streben -
132 Welch noch so Muthiger staunte da wohl nicht! -

133 Wie, wer hinabtaucht und den Anker heben
134 Will, der an Klippen fest und Andrem steckt
135 Was sonst das Meer hegt, im Zurückbegeben

136 Die Füße einzieht und sich oben streckt.

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