Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 13
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 13

Über den Blutstrom gelangt, betritt Dante den zweiten Kreis der Gewalttätigen, den Wald der in wildes Dorngestrüpp verwandelten Selbstmörder, den Aufenthalt der missgestalten Unglücksvögel, der Harpyen. Er hört menschliche Wehklagen, sieht aber niemanden, der sie ausstößt. Da heißt ihn Virgil einen Zweig abbrechen. Als er ihm gehorcht, blutet der verletzte Stamm und fängt an zu schelten, erzählt aber, auf Virgils freundlichen Zuspruch, daß er, der Vertraute Friedrich des Zweiten, Pietro delle Vigne, sich selbst entleibt habe, als man ihn fälschlich des Verrates an seinem Herrn beschuldigt. Er bittet seinen Namen von dem Schlage der Mißgunst wieder aufzurichten und gibt weitere Kunde von dem Zustande in diesem Kreise. Wenn die Seele, düstern Unglücksgedanken Raum gebend, verwildert und sich selbst gewaltsam von ihrem Leibe trennt, bleibt die Trennung in ihrer Vorstellung ewig. Im Gefühl ihrer Unwürdigkeit fällt die an Gott verzweifelte, Menschengestalt verlierend, dem Zufall anheimgegeben, eine Lebensstufe tiefer und wird ein häßlich verkrüppeltes Dorngewächs, in dessen Gezweige die zu trüben Vorstellungen, welche sie zum Frevel getrieben, in Gestalt der scheußlichen Harpyen ewig nisten. Sie vermag sich ihrer nun nicht mehr zu erwehren und hat keine andere Lebensäußerung als Klage; wenn sie an ihr nagen und zehren. Selbst am jüngsten Tage holt sie ihren Leib nur, damit er sie, an ihrem Gezweig aufgehangen, beständig ihres Frevels gemahne. Den Leib zu bewohnen, achtet sie sich selbst nicht würdig. - Während Dante dies von dem blutenden Stamme vernimmt: brechen, vor schwarzen Hündinnen (ewig jagenden Sorgen) fliehend, zwei menschlichgestaltete Schatten verwüstend durch das Dickicht. Der Vordere, Lano, ein Verschwender, welcher, in Sorgen verzweifelnd, den Tod im Gefecht gesucht, ruft, noch jenseits geängstet, den Tod an, aber vegeblich: die Seele stirbt nicht. Der andre, Jakopo von Sant Andrea, kam, nach Vergeudung seines Gutes, in Verzweiflung um: deshalb sieht ihn hier der Dichter von den schwarzen Hündinnen (den Sorgen), als er sich atemlos in einem Busche verbirgt, ergreifen und zerfleischen und zerstückt davontragen. Der dabei verletzte Busch klagt und bittet Dante, seine zerstreuten Blätter wieder um ihn zu sammeln, gibt einen abergläubigen Grund, künftigen Kriegsunglückes der Stadt Florenz, an, und schließt mit der Nachricht: daß er sich das eigne Haus zum Galgen gemacht: indem er sich darin erhenkt.

001 Noch nicht war Nessus jenseits am Gestade,
002 Als wir uns schon in ein Gehölz begaben,
003 Drin keine Spur zu sehn von einem Pfade.

004 Kein Grün, nur Schwarzbraun schien das Laub zu haben,
005 Nicht glatt die Aeste, knotig, krumm und wild,
006 Die Früchte nicht, nur gifte Dornen gaben.

007 So rauh Gestrüpp bewohnt selbst nicht das Wild,
008 Das zwischen Cecina und Cornets Auen
009 Sich aufhält, scheuend angebaut Gefild.

010 Hier, wo Harpy'n ihr scheußlich Nest sich bauen,
011 Die, von den Inseln Trojas Volk zu scheuchen,
012 Ihm zuschrien künftigen Wehes finstres Grauen.

013 Am Fuße Klauen, Federn an den Bäuchen,
014 Mit Flügeln, Menschenhals und Angesicht,
015 Wehklagen sie auf den seltsamen Sträuchen.

016 'Bevor du weiter gehst, verschweig' ich nicht:
017 Der zweite Zirkel hat dich aufgenommen;
018 Drin bleibst du', lautete Virgils Bericht,

019 'Bis du beim grausen Sandmeer angekommen.
020 Sieh wohl dich um, denn du wirst Ding' erspähen,
021 Die, sagt' ich sie, dir Glauben leicht benommen.'

022 Wehklagen hört' ich ringsumher, zu sehen
023 Vermocht' ich keine Seele dort, nicht eine;
024 Drum blieb bestürzt ich und betroffen stehen.

025 Ich mein', er mochte meinen, daß ich meine,
026 Daß diese Tön' empor von Leuten steigen,
027 Die unserm Blick entzogen in dem Haine.

028 Drum sprach mein Meister: 'Wählst von diesen Zweigen
029 Du irgend einen dir zum Brechen aus,
030 Wird was du denkst sich bald als irrig zeigen.'

031 Ich streckt' ein wenig meine Hand hinaus
032 Und brach von einem Dornstrauch eine Ruthe.
033 'Was knickst du mich?' schrie's aus dem Stamme heraus.

034 Als er drauf schwarz geworden war vom Blute,
035 Begann er wieder: 'Warum so mich quälen?
036 Ist nichts in dir von mitleidvollem Muthe?

037 Einst Menschen, jetzt zu Bäumen zwar zu zählen,
038 Verdienten Schonung wir von deiner Hand,
039 Und wären wir gewesen Schlangenseelen.'

040 Gleichwie am grünen Scheit, das, angebrannt
041 An einem End', am andern Tropfen weinet,
042 Und zischt vom Dunste, wo er Ausgang fand,

043 So drangen jetzt aus diesem Riß vereinet
044 So Wort wie Blut zugleich hervor, so daß
045 Ich fort das Zweiglein warf, von Schreck versteinet.

046 'Verletzte Seele, hätt' er vorher Das
047 Vermocht zu glauben,' sprach mein Hort dagegen,
048 'Was er allein in meinem Liede las,

049 Nicht wagt' er dann, die Hand an dich zu legen;
050 Doch zu der That, die jetzt mich selber reuet,
051 Bewog ich ihn des Unerhörten wegen.

052 Doch sag' ihm, wer du warst, und er erneuet
053 Auf Erden deinen Ruhm, dirs zu ersetzen,
054 Wenn er der Rückkehr sich zur Welt erfreuet.'

055 Darauf der Stamm: 'Süß weiß dein Wort zu letzen;
056 Drum bitt' ich, daß es nicht Verdruß euch macht,
057 Wenn ich nicht schweig' und gehn mich lass' im Schwätzen.

058 Ich bin der Mann, der beider Schlüssel macht
059 Zum Herzen Friedrichs führt' und es verschließen
060 Und öffnen konnte, drückt' ich noch so sacht.

061 Kein andrer durfte sein Vertraun genießen;
062 Ich trug so treu des hohen Amtes Frohn,
063 Daß Schlaf mich floh, die Puls' ihr Schlagen ließen.

064 Allein die Metze, die zum Kaiserthron
065 Beständig ihre Buhlerblicke sandte,
066 Der Höfe Pest, und Aller Schmach und Hohn,

067 Schuf, daß, mich hassend, Aller Herz entbrannte,
068 Und so entflammt, entflammten sie auch Ihn,
069 Daß heitre Ehr' in trübes Leid sich wandte.

070 Da, um im Tod der Schande zu entfliehn,
071 Ließ mein gerechter Geist von edlem Zorne
072 Zu ungerechter That sich leider ziehn.

073 Doch bei den neuen Wurzeln hier am Dorne
074 Schwör' ich, daß ich die Treue nie versehret
075 An meinem Herrn, der Ehre wahrem Borne.

076 Und wenn zur Erde Einer von euch kehret,
077 So richt' er neu mein Angedenken auf,
078 An dem des Neides Zahn noch immer zehret.'

079 Nach kurzem Harren sprach mein Meister drauf:
080 'Da er noch schweigt, so rede du und frage
081 Was dir gefällt; rasch eilt der Stunde Lauf.'

082 Drauf ich zu ihm: Du richt' an ihn die Frage,
083 Die, wie du glaubst, befriedigend mir wäre;
084 Ich kann nicht, weil ich tiefes Mitleid trage.

085 Und er begann: 'Soll man nach Bitt' und Lehre
086 Dir willig thun, dann eines noch entbinde,
087 Gefangner Geist, das Aufschluß uns gewähre:

088 Wie sich die Seel' in diese Knoten binde,
089 Und sage, wenn du kannst, ob je im Leben
090 Sich solchen Gliedern eine Seel' entwinde?'

091 Da zischte laut der Stamm, des Windes Wehen
092 Verwandelte sich dann in dieses Wort:
093 'Mit kurzer Rede will ich Antwort geben.

094 Wenn sich vom Leib die wilde Seele dort
095 Getrennt, nachdem sie selber sich entleibet,
096 Schickt Minos sie zum siebten Schlunde fort.

097 Und ohne daß des Ortes Wahl ihr bleibet,
098 Stürzt sie zum Wald, des Zufalls Laun' ergeben,
099 Wo wie ein Speltkorn sie nach oben treibet.

100 Als Schoß, als wilder Strauch sich zu erheben;
101 Drauf die Harpyen, nagend an dem Laube,
102 Ihr Schmerz anthun und Lust dem Schmerze geben.

103 Gleich andern eilen wir zum Leib von Staube
104 Dereinst, doch keiner kleidet sich darein;
105 Das Recht auf ihn erlosch im Lebensraube.

106 Hier schleppen wir ihn hin, im düstern Hain
107 Hier werden unsre Leiber aufgehangen,
108 Am Strauch, drin jeder Schatten litt die Pein.'

109 Wir weilten an dem Strauche, voll Verlangen,
110 Noch andre Worte mög' er mit uns tauschen,
111 Als plötzlich Lärm und Tosen zu uns drangen,

112 Gleichwie wenn Jäger auf dem Anstand lauschen
113 Und plötzlich nun heran der Eber braust
114 Und durch der Zweige Laub die Hunde rauschen.

115 Und sieh! her stürmen Zweie, nackt, zerzaust,
116 In wilder Flucht zu unsrer linken Seite,
117 Daß Zweig um Zweig zerbrochen niedersaust.

118 Der Vordre rief: 'Komm, Tod, o komm!' Der Zweite,
119 Dem es noch allzulangsam schien zu gehen,
120 Rief: 'Lano! nicht so schnelle beim Lanzenstreite

121 Am Toppo war dein Lausen anzusehen!'
122 Er sprachs, um dann - vielleicht um zu verschnaufen -
123 Mit einem Strauch zum Knäuel sich zu drehen.

124 Dicht hinter ihnen stürmt' ein gieriger Haufen
125 Von schwarzen Bracken eilig durch den Hain,
126 Windhunden gleich, die von der Koppel laufen.

127 Auf den Geduckten hieb ihr Zahn nun ein,
128 Und als sie ganz in Fetzen ihn zerrissen,
129 Verschleppten sie das schmerzende Gebein.

130 Mein Führer nahm mich bei der Hand, beflissen
131 Zum Busch mich hinzuführen, dem vergebens
132 Thränen entquollen aus den blutigen Rissen.

133 'Jacob von Sanct Andreas, eitlen Strebens
134 Hast du', sprach er, 'als Schirm mich vorgehalten;
135 Trag ich die Schul denn deines wüsten Lebens?'

136 Der Meister, als bei ihm er still gehalten,
137 Sprach: 'Wer bist du, der, untermischt mit Blut
138 Schmerzworte strömet aus so vielen Spalten?'

139 Und er: 'Ihr Seelen, die ihr mild und gut
140 Genaht und Zeugen dieser Schmach gewesen,
141 Die man, mein Laub entreißend, so mir thut,

142 Wollt es am Fuß des Strauchs zusammenlesen.
143 Ich war aus jener Stadt, die für den alten
144 Patron den Täufer sich zum Herrn erlesen.

145 Drum läßt der alte seinen Zorn noch walten;
146 Und wenn nicht an des Arno Brückenbogen
147 Noch eine Spur von jenem wär' erhalten,

148 So hätten ihrer Müh' umsonst gepflogen
149 Die Bürger, die nach dem Verwüstungsgraus
150 Der Hunnen sich dem Neubau unterzogen.

151 Zum Galgen macht' ich mir mein eigen Haus.'

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