Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

Die Dichter wandeln zwischen den Mauern und den Gräbern, Dante begehrt, da er die Deckel offen sieht, die Begrabenen zu schauen. Virgil sagt ihm, die Gräber würden hier über den Sündern, die Seele und Leib zugleich gestorben glauben, am jüngsten Tage, wenn sie ihre Leiber wieder empfangen, gänzlich geschlossen. Indem vernimmt Dante, aus einer der Grabstätten, eine ihn anrufende Stimme. Virgil führt ihn näher. Farinata, der stolze Ghibelline, hat sich erhoben, und sagt Dante, dass er dessen Vorfahren oft aus der Stadt vertrieben. Dante entgegnet ihm, dass sie immer wiedergekehrt seien, welche Kunst hingegen Farinatas Anhang nicht wohl gelernt habe. Da erhebt sich neben Farinata ein anderer Schatten Cavalcante Cavalcanti, der nach seinem Sohn Guido späht und fragt, ob er, als Dantes Freund, nicht mitgekommen, durch gleiche Hoheit des Geistes? Aus Dantes Antwort schließt er fälschlich, dass Guido gestorben, und sinkt schmerzlich zurück, da Dante seinen Irrtum nicht sogleich begreift und berichtigt. Der starre Farinata aber nimmt, um jenen unbekümmert, das Gespräch wieder auf, sagend: das Unglück der Seinen schmerze ihn mehr als sein glühend Lager; dann weissagt er Dante gleiches Unglück der Verbannung und fragt: warum die Seinen in Florenz so hart gerichtet würden? Dante wirft die Schuld auf Farinatas Sieg an der Arbia und jener erwidert, dass er nicht ungereizt Blut vergossen, doch der Einzige gewesen sei, der sich der schon beschlossenen Zerstörung von Florenz widersetzt. Noch erfährt Dante von ihm, dass die Schatten der hierher Verdammten die Gegenwart nicht erkennten, wohl aber die ferne Zukunft dämmern sähen, bis die Gräber dereinst gänzlich und damit alle ihre Kenntnisse verschlossen würden. Dante bittet ihn nun aus Mitleid, dem hingesunkenen Cavalcante zu sagen: dass sein Sohn noch lebe. Virgil ermahnt seinen betrübten Schüler, der Weissagung Farinatas zu gedenken, sagt ihm aber tröstend: von Beatrice werde er den eigentlichen Weg zum wahren, göttlichen Leben erfahren. Hierauf wenden sie sich links nach der Mitte, einem Tale zu, daraus übler Ruch emporsteigt.

001 Auf engem Pfad ward weiter jetzt geschritten,
002 Den hier die Mauer, Martern dort umfangen,
003 Virgil voran, ich folgte seinen Tritten.

004 Der durch die Sünderwelt mit mir gegangen,
005 Sprach ich, du höchste Kraft, wenn dir's gefällt,
006 O sprich zu mir und stille mein Verlangen.

007 Das Volk, das dieser Gräber Reih' enthält,
008 Darf ichs nicht sehn, da sich von selbst erschließen
009 Die Deckel und auch niemand Wache hält?

010 Und er zu mir: 'Man wird sie alle schließen,
011 Wenn sie hierher gekehrt von Josaphat
012 Mit ihren Körpern, die sie droben ließen.

013 Auf dieser Seite sieh die Ruhestatt
014 Von Epikur und allen, die da lehren,
015 Daß Seele sonder Leib kein Leben hat.

016 Doch dem von dir geäußerten Begehren
017 Wird bald Befriedigung die Stätte hier
018 Wie jedem Wunsch, den du verschweigst, gewähren.'

019 Und ich: Mein Führer, darum barg ich dir
020 Mein Herz nur, um zu sparen viele Worte,
021 Und nicht erst jetzt empfahlst du solches mir.

022 Toscaner, du, der durch der Glutstadt Pforte,
023 So maßvoll redend, ein Lebendiger kam,
024 Gefall' es dir zu weilen hier am Orte.

025 Wie ich aus deiner Sprache klar entnahm,
026 Bist du der edlen Vaterstadt entsprungen,
027 Der ich vielleicht schuf allzugroßen Gram.'

028 Aus einer Lade plötzlich vorgedrungen
029 Kam dieser Ruf, weshalb ich näher mich
030 An meinen Führer drängte furchtbezwungen.

031 Und er zu mir: 'Was thust du? wende dich!
032 Sieh Farinata aufrecht dort erscheinen!
033 Vom Gürtel aufwärts zeigt er ganz dir sich.'

034 Schon wendet' ich mein Antlitz nach dem seinen.
035 Ich sah empor ihn Brust und Stirne richten;
036 Der Hölle trotzend mochte man ihn meinen.

037 Und zu ihm mitten in die Gräberschichten
038 Stieß mich hinein des Führers muthige Hand.
039 Er sprach: 'Woll' ihn mit klarem Wort berichten!'

040 Als ich am Fuße seines Grabes stand,
041 'Wer waren', fragt' er mich nach einigem Schauen,
042 'Die Ahnen dir?' und schien fast zornentbrannt.

043 Ich eilt' ihm offen alles zu vertrauen,
044 Ihm zu gehorchen war ich hocherfreut;
045 Worauf er etwas hob die Augenbrauen

046 Und sprach: 'Sie haben feindlich mich bedräut
047 Und meine Väter und Die zu mir standen;
048 Drum hab' ich zweimal sie im Kampf zerstreut.'

049 Ob auch zweimal verjagt, den Rückzug fanden
050 Sie beidemal, bemerkt' ich gegen ihn.
051 Mir scheint, daß Eure schlecht die Kunst verstanden.

052 Da an des Grabes offnem Rand erschien
053 Ein Schatten neben jenem bis zum Kinne,
054 Der, glaub' ich, sich erhoben auf den Knie'n.

055 Er blickt' um mich herum, als ob im Sinne
056 Er hoffe, neben mir sei noch ein zweiter;
057 Doch weinend, als den Irrthum er ward inne,

058 Sprach er: 'Wenn hohen Geistes Kraft dein Leiter,
059 Die dich geführt in dieses Kerkers Nacht,
060 Wo ist mein Sohn? warum nicht dein Begleiter?'

061 Nicht eigner Wille hat mich hergebracht,
062 Sprach ich; Der dort führt mich zu diesen Schlünden,
063 Deß euer Guido hatt' zu wenig Acht.

064 Sein Wort, die Art der Qual ließ mich ergründen
065 Den Namen des Befragers auf der Stelle;
066 Drum konnt' ich ihm vollständig alles künden.

067 Da rief er und fuhr auf in jäher Schnelle:
068 'Er hatte, sagst du? weilt er nicht im Leben?
069 Schaut er nicht mehr des süßen Tages Helle?'

070 Und eh ich ihm die Antwort noch gegeben,
071 Gewahrend, daß ein wenig ich verzog,
072 Sank er zurück, sich nicht mehr zu erheben.

073 Doch unentwegt nicht Seit' und Nacken bog
074 Der hochgemuthe Held, der an der Stätte
075 Zu weilen durch sein Bitten mich bewog.

076 Er sprach, anknüpfend an des Frühern Kette:
077 'Dacht' ich, daß sie so schlecht die Kunst verstünden?
078 Das peinigt mich weit mehr als dieses Bette.

079 Doch nicht wird fünfzig Mal sich neu entzünden
080 Der Fürstin Antlitz, die hier Herrschaft hält,
081 Bis du, wie schwer die Kunst sei, wirst ergründen.

082 Und willst du je zurück zur süßen Welt,
083 So sprich, warum dein grausam Volk bei allen
084 Gesetzen sich den Meinen gegenstellt?'

085 Drauf ich: Daß so viel Menschen mußten fallen
086 Im Blutbad, das gefärbt der Arbia Wogen,
087 Gibt solchen Rathschluß ein in unsern Hallen.

088 'Da war ich nicht allein, als ich vollzogen,'
089 Sprach seufzend und kopfschüttelnd er, 'die That;
090 Mich hat wie Andre triftiger Grund bewogen.

091 Doch da war ich allein, als jenem Rath,
092 Daß von dem Erdkreis ganz Florenz verschwinde,
093 Mit offnem Antlitz ich entgegentrat.'

094 So wahr eur Samen jemals Ruhe finde,
095 Löst mir den Knoten, bat ich, deß Geflecht
096 Das Urtheil mir verstrickt gleich dunkler Rinde.

097 Es scheint, eur Auge sieht, wenn ich euch recht
098 Verstand, voraus die Zukunft der Geschichte;
099 Doch für die Gegenwart ist es geschwächt.

100 'Wir sehn wie Der, der schwach ist von Gesichte,
101 Die Dinge', sprach er, 'die noch ferne stehen.
102 So viel läßt uns der Höchste noch vom Lichte.

103 Doch wenn sie nahen oder sind, vergehen
104 Uns Sinn und Einsicht, nur aus Andrer Munde
105 Erfahren wir von menschlichem Ergehen.

106 Drum wirst Du auch begreifen: ganz zu Grunde
107 Geht unser Wissen, wenn der Zukunft Thor
108 Sich wird verschließen, zu derselben Stunde.'

109 Der Schuld gedenk, die ich beging zuvor,
110 Sprach ich: Dem Hingesunknen, bitt' ich, saget,
111 Daß noch sein Sohn das Leben nicht verlor.

112 Und wenn ich stumm die Antwort ihm versaget,
113 So meldet ihm, ich that es, noch vom schweren
114 Irrwahn gebannt, den ihr mir habt verjaget.

115 Schon mahnte mich mein Meister umzukehren;
116 Drum trieb michs, rasch dem Geist noch anzuliegen,
117 Daß er Die nannte, die mit ihm dort wären.

118 'Wißt', sprach er, 'daß hier mehr als tausend liegen.
119 Hier drin ist Kaiser Friederich der Zweite,
120 Der Cardinal - von andern sei geschwiegen.'

121 Drauf barg er sich, doch ich eilt' an die Seite
122 Des Dichters hin und sann dem Worte nach,
123 Das, wie mir schien, mir Unheil prophezeite.

124 Er brach nun auf, und weiter gehend sprach
125 Er so zu mir: 'Wie bist du so verstöret?'
126 Und als ich seiner Frage drauf entsprach,

127 Gebot der Weise mir: 'Was du gehöret
128 Hast wider dich, dein Geist soll es bewahren
129 (Er hob den Finger) und merk' unbethöret,

130 Wenn du erst stehst vor ihrem Strahl, dem klaren,
131 Die alles mit dem schönen Auge sieht,
132 Wirst du von ihr des Lebens Weg erfahren.'

133 Drauf kehr' er seinen Fuß nach links und schied
134 Von jener Maur, indem zur Mitt' er wandte,
135 Wo uns ein Pfad führt' in ein Thalgebiet,

136 Das bis nach oben ekle Düfte sandte.

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