Spruchlexikon

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AbfallAuf seinem Gesicht liegt die Abtrünnigkeit vom Judentum ausgeprägt.
AbfallDer Abfall guckt ihm zum Gesicht heraus.
AbfallEr kann von den Abfällen leben.
AbfallVon jemand, der bei Reichen u.s.w. in Dienst steht, gute Trinkgelder und Nebeneinnahmen und Genüsse hat.
AbfallenAbgefallen, sagte Don Carlos, als seine Leute zu Alfons überliefen.
AbfallenEinen abfallen lassen.
Sprichwörtl. Redensart
AbfallenEr fällt ab, wie der Kot vom Rad.
AbfallenEr fällt ab, wie eine reife Birne.
AbfallenEs wird noch was abfallen.
Noch einen kleinen Gewinn oder Nutzen geben.
AbfensternEinen abfenstern.
Von der Sitte, dass junge Burschen nachts an das Fenster ihrer Geliebten kommen. Wenn sie abschlägigen Bescheid erhalten, werden sie abgefenstert.
AbfertigenBesser langsam vnd wol abgefertigt, dann bald vbel.
AbfingernDas kânn i ma âfingerle.
(Niederösterreich)
Das ist nicht so schwer zu begreifen, ich kann es an den Fingern abzählen.
AbfließenWo es abfließt, muss es auch zufließen.
AbflussVom Abfluss wird kein Meer voll.
»Immer heraus und nimmer hinein, wird man bald am Boden sein.«
AbflussWo kein Abfluss ist, wird das Wasser faul.
Bewegung erhält Leben, auch Schätze sind tot, die nicht wirken.
AbfragenDu fraachst ja de Koh dat Kalw af.
(Holstein)
Die Russen: Einer Schwangern das Kind aus dem Schoße fragen.
AbfragenIch will's jm wol abfragen.
AbfragenSo fragt man den Bauern die Künste ab.
Wenn man sich nicht will ausfragen lassen: »Ich bin kein Bauer, der leicht auszufragen ist.«
AbführenAbführen und Beichten muss man nicht verschieben.
AbführenBesser abgeführt, als angeführt.
AbführenDie müssen abführen, die zuletzt zugreifen.
AbführenEinen abführen.
AbführenIhn mit Beschämung abschicken.
AbfütternWas man abfüttert, das zehntet man nicht.
Da von den Haustieren ein Zehent gefordert ward, so wurde von dem, was als Futter für das Vieh gebraucht ward, keiner gegeben, weil sonst doppelt gezehntet worden wäre.
Nordfr.: Was man abfüttert an grazs, daz zehent man nicht.
AbgebenDa gewt 't wat af.
Es setzt Hiebe.
AbgebenEr gibt einen guten Konstabler ab, wo man Schelmstücke abbrennt.
Von einem Betrüger.
AbgebenEr gibt einen guten Kriegsmann ab, aber hinter dem Ofen.
Von Furchtsamen, Feigen, welche dies Wort geiselt.
AbgebenGâb âb âb, gâb âb âb - klappert's in der Mühle.
AbgebenGiv em wat af, dat em nich 'n Blôtsdruppen up 't Hart fällt.
AbgebenIck gäv' mi off van de Säk', es Jan Lüüg van 't olde Pärd.
Van = Sück van vat ofgüven = sich von etwas abmachen, lossagen.
AbgebenWenn die Mutter dem Vater ein Extragericht bereitet hat und ein Kind lüstern darnach hinsieht; wird die Begierde nicht durch einen Schmeckhappen gestillt, so fällt den Kindern ein Blutstropfen auf das Herz.
AbgebranntEr ist abgebrannt.
dk] Han er afbraende, tör ei komme igien.
AbgebranntGanz und gar abgebrannt sein.
Von allem entblößt sein, besonders vom Geld. Aus der Studentensprache.
AbgebranntIk bin ganz aftbrannt.
Ganz ohne Geld, die Sache ist mir vollständig abgegangen; ich leide Mangel daran.
AbgebrannterEs ist ein Abgebrannter.
AbgebrühtEr ist abgebrüht.
Er ist ein abgebrühter, gegen Tadel unempfindlicher Mensch, ohne Gefühl und Verständnis für edlere Regungen.
AbgedörrtDas ist eine abgedörrte.
(Nürtingen)
Nämlich Erfindung, Faunt, Lüge.
AbgedroschenDer ist abgedroschen wie ein Hund.
AbgefallenEin Abgefallener und ein Mameluck sind der Christen größte Verfolger.
AbgefeimtAbgefeimter als ein Luchs, als Kernessig.
AbgehenAbgehen mit Dampf.
AbgehenAbgehen ohne Musik.
AbgehenDas geht ab, wie der Weck auf den Laden.
(Henneberg)
AbgehenDâu is alles âfgange, wêi aff der Matthes'n Hâuchzet.
(Nürnberg)
AbgehenDavon geht wohl noch was ab.
Der Preis wird wohl noch ermäßigt.
AbgehenDu gehest ab wie die Kret am Spieß.
AbgehenEck sin vandage affgôn1, un hebbe muinen Heren trotzet, und hebbe nix getten (gegessen).
(Lippe)
AbgehenEr geht ab von der Armee.
D. i. er geht fort von der Gesellschaft; auch: er geht schlafen oder stirbt.
AbgehenEr geht ab wie der Hund mit den Schwanz mang de Bêne.
(Köthen)
AbgehenEr geht ab wie Seebach.
(Marburg)
Von einem feigen Menschen. In Schlesien sagt man: Er geht ab, wie Seebach mit den Krebsen. In Köthen: Er geht ab, wie Seebach mit der Bartelmütze. D. h. er drückt sich davon.
AbgehenEr geht ab, wie ein begossener Hund (o. Pudel).
AbgehenEr geht ab, wie warmes Pech.
AbgehenEr ist abgegangen worden.
AbgehenEr lässt sich nichts abgehen.
la] Indulgere genio.
AbgehenEr leidet in keiner Beziehung Mangel; er besitzt alles, was er zum Leben bedarf.
AbgehenEs geht ab wie alte Besen vor Johanni.
(Schlesien)
In Schlesien, besonders in den Gebirgsdörfern, werden am Johannisabende (23. Juni) Feuer auf Höhenpunkten angezündet. Dazu sammeln die Knaben schon wochenlang vorher so viel alte Besen als sie nur erhalten können. Je näher dem Abende, desto mehr werden dem weiblichen Personal alle Besen abgepresst, die auch nur mit alten Ähnlichkeit haben. Sie werden dann am Johannisabend angezündet und brennend geschwungen.
AbgehenEs geht ab wie sauer Bier.
AbgehenEs geht ab wie warme Semmeln.
fr] Il y a grande foule. La foule y est.
AbgehenEs geht ab wie warme Wurst.
AbgehenEs geht alles ab, nur das Unsaubere nicht.
AbgehenEs geht ihm nichts ab.
AbgehenEs geht noch wohl ab, wenn auch das ganze Dorf niederbrennt, wenn nur des Pfaffen Haus stehen bleibt.
AbgehenGeh ab, dass dich die Wache nicht kriegt.
AbgehenGeh' ab (o. zieh ab) von der Armee.
(Schlesien)
Abweisungsformel.
AbgehenHei géid af, as wenne Leär (Leder) fréäten hädde.
(Iserlohn)
AbgehenIch bin heute aus dem Dienst gegangen.
Wenn jemand zu seinem eigenen Schaden trotzt.
AbgehenT is doch gôd avgan, säd' Riedel, kam von'n Fischen un harr nix krêgen.
AbgehenWas abgegangen ist, kommt nimmer wieder.
AbgehenWas abgeht an der Gestalt, ersetzt die Kunst an jung und alt.
la] Ingenio pollet cui vim fortuna negavit. (Cato)
AbgehenWas abgeht, geht am Gelde ab - sagt der Käufer, wenn er den geforderten Preis nicht zahlen will.
AbgehenWas an dem einen abgeht, geht am andern wieder zu.
la] Quod alibi diminutum, exequatur alibi.
AbgehenWer abgod, ist oher.
Oher = Unherr, besiegt, überwunden.
fr] Qui quitte la partie, la perd.
AbgehenWo abgeht, da geht auch zu.
AbgehenWo's einen abgohd, gohd's dem andern uf.
(Luzern)
AbgelobenMan mütt nicks aflaben, as sick de Näs nich aftaubiten.
(Mecklenburg)
AbgemachtAbgemacht mit großem Knall, sagte der Orgelbauer, als er von der Leiter fiel.
(Lausitz)
AbgemachtAbgemacht, segt Kapler, abgemacht.
(Lüneburg)
AbgemachtAbgemacht, Sela, spricht der Berliner.
la] Factum transactum. (Tull.)
AbgemachtSo ist's also abgemacht, sagte die Henne, als sie über's Wasser flog.
AbgemühtAbgemüht wie eine Accisklinke.
AbgeschiedenDie Abgeschiednen betracht' ich gern,
Stünd' ihr Verdienst auch noch so fern;
Doch mit den edlen lebendigen Neuen
Mag ich wetteifernd mich lieber freuen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Epigrammatisch: Den Besten
AbgeschiedenheitIn grausenhafter Abgeschiedenheit.
Adelbert von Chamisso, Gedichte. Sonette u. Tertinen. Salas y Gomez (ged. 1829). Die letzte Schiefertafel
AbgeschlossenAbgeschlossne Händel gelten.
Adelbert von Chamisso, Gedichte. Lieder u. lyrisch-epische Gedichte. Böser Markt (ged. 1833)
AbgeschmacktNichts Abgeschmackters find' ich auf der Welt,
Als einen Teufel, der verzweifelt.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Faust I, 3372/73 (Mephisto)
AbgestandenSeid Glühwein oder brunnenkühles Wasser, nur nicht abgestandenes Naß, das jeden anekelt, seid keine Philister.
Ludwig Börne (1786-1837), Kritiken 26: Der ewige Jude
AbgetanWär's abgetan, wenn es getan, dann wär's
Am besten schnell getan.
William Shakespeare (1564-1616), Macbeth 1, 7 (Macbeth).
Vgl. Dantes Hölle 26, 10-12: Wär's abgetan, man fände sich darein,
Ja, wär's vorbei schon, weil es doch muß kommen.
AbgetanWas mit wenigem abgetan werden kann, muß nicht mit vielem getan werden.
la] Quod fieri potest per pauca, non debet fieri per plura.
Matthias Claudius (1740-1815, Ernst u. Kurzweil usw.
AbgeviertAbgeviert wie ein Burghauser Würfel.
Geviaren heißt bei Otfried schon: zubereiten, tüchtig machen.
AbgeviertAbgeviert wie ein Würfel.
Tüchtig, zubereitet, erfahren.
la] Homo quadratus.
AbgewöhnenDu gewöhnst es ihm nimmer ab.
la] Seni citius muta veris linguam.
AbgewöhnenEs ist schwer, einem Schweine etwas Schlechtes abzugewöhnen.
en] It is hard, to break a hog of an ill custom.
Sprichwort
AbgewöhnenNa, trinken wir noch einen! nur zum Abgewöhnen.
Scherzhafte Redensart
AbglanzAm farigen Abglanz haben wir das Leben.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Faust II (1831), I, Anmutige Gegend (Faust), Schlussverse
AbglanzHinter Wolken die Sonne zu sehn, gibt trügliche Lichter;
Ohne Wolken sie sehn, blendet und stumpft das Gesicht.
Also schaue du sie hienieden im ruhigen Abglanz;
Taten lehren uns mehr als ein bzaubernder Blick.
Johann Gottfried von Herder, Sämtl. Werke (1805-1820). Gedichte. Abglanz.
AbglitschenEs ist ihm abgeglitscht.
(Pfalz)
Sein Vorhaben ist ihm misslungen.
AbglitschenHe glidd eben achter af.
(Holstein)
Er verfehlt seine Absicht.
AbgottSein eigener Abgott stecket jhm im Hertzen.
AbgöttereiAbgötterei ist Gottesgespei und bringet Jammer mancherlei.
AbgöttereiAbgötterei und Blutdurst laufen allezeit miteinander.
AbgöttereiAbgötterei und Gleißnerei will allweg schön sein.
AbgöttereiAbgöttern ist ein natürlich Erbe.
AbgreifenAbgegriffen wie ein alter Groschen.
AbgreifenAbgegriffen wie ein Gesangbuch.
AbgreifenAbgegriffen wie ein Sechser.
AbgreifenAbgegriffen wie eine Akzisklinke.
AbgreifenAbgegriffen wie eine Badstubentür.
AbgrenzenEr hat ihm alles abgegrenzt.
Hat ihm durch dringendes Bitten das Seine abgeschwatzt.
AbgrundEin Abgrund verbirgt den anderen.
fr] Un abîme appelle un autre abîme.
AbgrundEs hat nicht jeder Abgrund ein Geländer.
So lange man am Abgrunde geht, muss man sich mit dem Teufel gut stellen.
AbgrundVorn ein Abgrund und hinten schnappt ein Wolfsmund.
Wenn jemand von zwei Übeln zugleich heimgesucht wird, sodass, wohin er sich auch wenden möge, sein Untergang gewiss scheint.
la] A fronte praecipitium, a tergo lupi.
AbgrundWer den Abgrund nicht zeitig flieht, den verschlingt er.
AbgunstAbgunst bringt manchen hohen Mann zum Fall.
AbgunstAbgunst hebt auch den reichen Mann aus dem Sattel.
AbgunstAbgunst richt selten Gutes an.
AbgunstAbgunst verfolgt nicht die Toten.
AbgunstAbgunst verzehrt Mark und Bein.
AbgunstAfgunst der lüde kann nich schaden; watt Gott will det mot wohl geraden.
Eine Hausinschrift in Hildesheim.
Hei sittet op der Awegunst (d.i. Leibzucht, wörtlich Ab- oder Missgunst).
Rede eines Leibzüchters, dem sein Altenteil (Wohnung, Kost u.s.w.) nicht mehr gegönnt wird.
(Westfalen)
AbhackenDie ist grun abgehackt und mit dem Juxe reingeschleppt.
(Schlesien)
Von einer ungebildeten, plumpen, weiblichen Person.
AbhalfternEinen abhalftern.
Ihn aus dem Dienst entlassen, ihn fortjagen.
AbhaltenMich kann nichts abhalten als Gottes Allmacht.
So spricht der Mann, der nach reiflicher Überlegung einen Entschluss gefasst hat.
AbhaltenWer mich abhält, tötet mich.
Insofern er mir Zeit raubt, denn Zeit ist Leben.
AbhandlungWir haben die (rabbinische) Abhandlung (über den Anstand) und sie (die Christen) den Anstand.
Jüdisch-deutsch: Mir hewe die Mesachte un' sie den Derech-Erez.
Als Tadel gegen den Juden, dass er rücksichtlich des anständigen Benehmens oft gegen den Christen zurückstehe.
AbhängenAm Ende hängen wir doch ab
Von Kreaturen, die wir machten.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Faust II (1831), II, Laboratorium (Mephistopheles), Schlussverse
AbhängigkeitAbhängigkeit ist heiser, wagt nicht, laut zu reden.
en] Bondage is hoarse, and may not speak aloud.
William Shakespeare (1564-1616), Romeo u. Julia (1593), II, 2 (Julia)
AbhängigkeitAbhängigkeiten? Ja! Durch Liebe, aber nicht durch Furcht.
Gerhart Hauptmann (1862-1946), Aufzeichnungen
AbhängigkeitAn der Leine fängt der Hund keinen Hasen.
Aus Bulgarien
AbhängigkeitAuf seine Freiheit verzichten, heißt auf seine Menschenwürde, Menschenrechte, selbst auf seine Pflichten verzichten.
Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)
AbhängigkeitDas Leben gilt nichts, wo die Freiheit fällt.
Theodor Körner (1791-1813), Letzter Trost
AbhängigkeitDem Vogel ist ein einfacher Zweig lieber als ein goldener Käfig.
Aus Rußland
AbhängigkeitDer Knecht singt gern ein Freiheitslied
des Abends in der Schenke.
Heinrich Heine (1797-1856)
AbhängigkeitDie glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), Aphorismen
AbhängigkeitDie Knechtschaft erniedrigt den Menschen so weit, daß er sie liebgewinnt.
Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715-1747), Reflexionen
AbhängigkeitDie Menschen leben all' als Sklaven nur hienieden,
doch ihre Ketten sind nach Rang und Stand verschieden:
Aus Gold die einen sie, aus Eisen andre tragen.
Mathurin Régnier (1573-1613), Satires
AbhängigkeitEinem andern gehöre nicht, wer sein eigener Herr sein kann!
Paracelsus (1493-1541), Wahlspruch
AbhängigkeitFreiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der möglich ohne Liebe?
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Die Wahlverwandtschaften (1808-1809), II, 5
AbhängigkeitHinter dem Gitter
schmeckt auch der Honig bitter.
AbhängigkeitMit der Furcht fängt die Sklaverei an, aber auch mit Zutrauen und Sorglosigkeit.
Johann Gottfried Seume 1763-1810)
AbhängigkeitWer nie in Banden war, weiß nichts von Freiheit.
Jakob Bosshart (1862-1924), Bausteine
AbhängigkeitWer von anderen abhängt, soll sich selbst bei ihrem Hund beliebt machen.
Aus Japan
AbhärtenDie, welche sie liebt, härtet die Gottheit ab, prüft und übt sie.
Lucius Annaeus Seneca (1-65), Abhandlungen: Von der Vorsehung
AbholdSie sind einander abhold.
la] Ne via quidem eadem cum eo vult ingredi.
AbhurenEs hurt jhm mancher Gut vnd Ehr, Leib vnd Seel ab.
AbiitAbiit, excessit, evasit, erupit.
Er [nämlich Catilina) ist davongegangen, hat sich aus dem Staube gemacht, ist entkommen, hat einen Ausgang gefunden.
Cicero (106-43 v. Chr.), in Catilinam 2, 1
AbkratzenE äs ôfgekratzt.
(Siebenbürgen-sächsisch)
Er ist ab-, besonders mit Tode abgegangen.
AbkratzenKratz ab mit Händl, und schmier dir den Arsch mit Sirup.
(Breslau)
Um zu sagen, dass sich jemand entfernen möge.
AbkühlenMancher will sich abkühlen und erfriert.
Die Franzosen haben eine Redensart, welche die Abkühlung in der Hitze ironisch ausspricht, wenn sie sagen: Sich abkühlen wie Herr Imbercourt: Aller à la fraicheur de M. d'Imbercourt. Es war dies ein Soldat vom Scheitel bis zur Zehe, der sich gewöhnt hatte, alle Witterungszustände zu ertragen. So ritt er in der unerträglichsten Hitze vom Hause weg, weil er den Grundsatz aufstellte, mit dem Wesen eines Soldaten vertrage sich keine Verweichlichung. Wenn nun in Frankreich jemand in der heißesten Jahreszeit über die Straße geht, so sagt man, er erfrische sich wie Herr von Imbercourt.
AbkunftIk bin van hocher Avkumft, see de Bûr, mîn Vader is Tornwachter wêst.
(Ostfriesland)
AbkunftIk bün vun hoger Avkunft, min Vader hett upn Saal wânt.
Saal = in einer Boden- oder Dachstube.
AbkunftSeine Abkunft aus der Arche Noah herleiten.
Spottweise von denen, die sich auf ihre alten Stammbäume viel zugute tun. Gleicherweise sagten die Griechen: Sich von den Eteobuthen herleiten, d.h. von einem gewissen Buthus, der die Priester zu Athen einsetzte und aus dessen Nachkommen die höchsten obrigkeitlichen Personen gewählt wurden.
la] Ab Eteobuthis ducit genus.
AblachenEr lacht selbst das Beste davon ab.
AblachenEr lacht sich das Herz ab.
AbladenAuf jemanden abladen.
(Nürtingen)
Nämlich die Schuld = etwas auf einen hinaustragen.
AblassAblass gen Rom tragen.
Etwas sehr Überflüssiges tun, von Rom aus wird ja der Ablass erteilt; es müsste denn Ablass für die Idee des Ablasses sein.
It.: Portar indulgenza a Roma. - Menar l' orso a Modena.
la] Ululas Athenas ferre. (Cic.)
AblassAblass ist ein göttlich Betrügen.
AblassAblass und Arznei soll man auf gleiche Weise brauchen.
Jener ist überflüssig und diese nur in kleinen Gaben zu empfehlen.
AblassDer Ablass hilfft so viel, die Seelen auss dem Fegefewer zu erlösen, als der Chrisam, die stiffel vnd schuen damit zu schmieren.
AblassDer Ablass ist immer vergeben (ausgeteilt), wenn er kommt.
AblassDer hat Ablass notwendig, wie die Serviten- Mönche und Nonnen.
Klosterspiegel, 58, 24.
Denen gewährte der Papst für jede Viertelstunde Gebet hundert Tage Ablass.
AblassDer römische Hirte lässt den Ablass glänzen,
Die Altfrau Lirche weiß mit Indulgenzen
Von jeder Schuld Gewissen rein zu schaffen.

Nikolaus Lenau (1802-1850), D. Albigenser (1842), D. Führer
AblassEr kommt, wenn der Ablass gegeben ist.
AblassEs kann nicht jeder um Ablass nach Rom ziehen.
AblassOhne Ablass zur Hölle fahren.
Man sollte meinen, mit oder ohne Ablass wäre ziemlich gleich. Dennoch sagt Albertus Magnus, ein Dominikanermönch, der später Bischof zu Regensburg wurde, und der, da er es für damalige Zeit in der Physik sehr weit gebracht hatte, für einen Hexenmeister galt, zu einem lasterhaften Menschen, der einen großen Ablass von Rom mit sich nach Köln gebracht: Zuvor hättet jhr können ohne Ablass zur Hölle fahren; jetzt müsst ihr mit dem Ablass darein fahren.
AblassWer Ablass verkauft, hat immer guten Markt.
AblassWer wird uns den Ablass erteilen, riefen die Nonnen, als der Küster fortlief und nur vier Priorinnen absolviert hatte.
Klosterspiegel, 23, 11.
AblassZum Ablass und Jahrmarkt muss man mit Gelde kommen.
AblassbriefAblassbrieffe sünd Melkbrieffe.
Zinkgref, IV, 97
AblassenAflâte kömmt ömmer tomât.
(Königsberg)
Im Handel gilt es auf hohe Preise zu halten, ablassen kann man stets.
AblassenEr wird nicht eher ablassen, bis er auf dem Rücken zur Kirche geht.
Von denen, die irgendetwas so leidenschaftlich treiben, dass es zerstörend auf ihren Körper einwirkt.
nl] Gij zult niet eer aflaten voor gij-op den rug terkerke gaat.
AblassenLass nicht ab, taufe die Katze gut.
AblasskrämereiViele, die über Ablasskrämerei in der katholischen Kirche lachen, üben sie doch täglich selbst. Wie mancher Mann von schlechtem Herzen glaubt sich mit dem Himmel ausgesöhnt, wenn er Almosen gibt!
Georg Christoph Lichtenberg, Verm. Schriften (1800-1806). Bd. 2, Nr. 2. Bemerk. verm. Inhalts. Nr. 3. Moralische Bemerk.
AblauernBeter awlûren äs awlôpen.
(Westfalen)
AblauernMe kann 't better afflûren, o' se aftlaupen.
(Waldeck)
AblaufenEinen (mit einer Sache) ablaufen lassen.
Ihn beschämen, seine Behauptungen und Einfälle u.s.w. abweisen. Vom Fechtboden entlehnt.
AblaufenEs ist gut abgelaufen, sagte der Mönch, als die Stadt abgebrannt war, das Kloster ist stehen geblieben.
Klosterspiegel, 73, 19
AblaufenEs läuft von ihm ab, wie das Wasser von der Gans.
Literarisches Centralblatt, Leipzig 1863, S. 953
Ohne Wirkung.
AblaufenFrisch abgelaufen ist halb gefochten.
AblaufenSich die tollen Hörner ablaufen.
Sprichwörtl. Redensart
AblaufenWenn das glatt abläuft, will ich's loben.
AblaufenWer sich auch die tollen Hörner abgelaufen hat, behält doch meist die Stubben.
AbleckenLöck af on schöck wîder.
(Königsberg)
AblegerDavon bitt' ich mir einen Ableger aus.
AblegerEr ist ein Ableger aus Arkadien.
(Altgriechisch)
Vom Feigen, Faulen, Dummen. Die Arkadier standen vor alters im Gerücht der Dummheit.
AblernenSo lernt man den Bären (auch: den Bauern) die Künste ab.
AblernenWer ablernt, ist ein ehrlicher Dieb.
Mit den Augen stehlen, durch fremde Erfahrungen klug werden, ist erlaubt; denn Paulus sagt: Es ist alles euer.
AblidernEinen ablidern.
(Nürtingen)
D. i. durchprügeln. Vom Metzger hergenommen, der das Schaffell vor dem Abhäuten oder Abledern durch Klopfen vom Körper löset; auch: herlidern.
AbmalenDort möcht ich nicht abgemalt hängen.
AbmalenEr kann sich abmalen lassen.
AbmalenIch will dich recht abmalen.
la] Tuis te pingam coloribus.
AbmalenSich obmohlen lossen of Leschpapier mit Ehlfarwe, is mer zwämol ze sahn.
(Harz)
AbmarktenWas me abmautet ist sehr zahlt.
(Luzern)
AbmarschEs hört mancher zum Abmarsch blasen und marschiert nicht mit.
AbmarschEs wird zum Abmarsch geblasen.
AbmeisternEnen degt afmessen.
(Mecklenburg)
Ihn derb herunterkapiteln.
AbmüdenAlles, was wir treiben und tun, ist ein abmüden; wohl dem, der nicht müde wird!
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Werke (1827-1830), Maximen und Reflexionen, Abteilung 3
AbnehmenAbnehmen und sterben.
Nach 1. Mos 25, 8
AbnehmenAlles nimmt ab in der Welt, aber die Laster nehmen zu.
AbnehmenEins vom andern abnehmen.
la] Ex uno omnia specta.
AbnehmenEr nimmt ab, wie der (abnehmende) Mond.
(Litauen)
Von einem Kranken.
AbnehmenIch nehm' es an mir selber ab.
la] Domi conjecturam facio. (Plaut.)
AbnehmenWer mir abnimmt, ist mein Freund.
Von krämerischer Freundschaft.
AbnehmenWo man jmmer abnimpt, vnd nit zulegt, da wird der Hauff endlich kleiner.
Petri, II, 112
AbnötigenEin abgenötigter Widerruf bringt den Verstand in Verzweiflung.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Sprüche in Prosa: über Naturwissenschaft 2.
ÅboAus Abo kehrt man wieder zurück, aber nicht aus jener Welt.
(Finnland)
AbondanceDe l'abondance du coeur la bouche parle.
Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Matth. 12, 34 und Luk. 2, 45
AbpassenEs ist wie abgepasst.
(Schlesien)
Von Zeit und Gegenständen.
AbputzenEinen abputzen.
D. h. zurecht weisen, abstrafen.
fr] Traiter quelqu'un en enfant de bonne maison.
AbquälenEr quält sich ab, niemand bedankt sich dafür.
Wer dem Publikum dient. Um undankbare Bemühungen zu schildern, haben die Franzosen die Redensart: Il ressemble à Cogne-fêtu, il se tue et ne fait rien. Cogne-fêtu war ein reicher Mann in Verhoul (Franche-Comté), dem nichts so sehr am Herzen lag, als anderen durch seinen Rat und seine Empfehlungen zu dienen. Da er sich aber streng hütete, seiner Börse das geringste Opfer zuzumuten, so blieben Hilfe und Schutz, die er versprach, aus, so sehr er sich rechts und links abmühte, Leute dazu zu veranlassen. Die er aufforderte, sollten sich mit der Ehre seines Besuchs begnügen, was sie nicht taten. Und so war seine Mühe eine völlig fruchtlose.
fr] Aussi chanceux que Cognefestu, qui se tue en ne faisant rien.
AbracadabraDas ist eitel Abracadabra.
Zur Bezeichnung geheimnissvoll klingender, nichtssagender Worte. Ursprünglich war es eine magische Formel, die man zur Vertreibung von Krankheiten abergläubischen Leuten gegenüber anwandte.
nl] Het is abrakadabra.
AbrahamAbraham darf den Sohn wohl binden, aber nicht schlachten.
AbrahamAbrahams Kinder scheuen das Eis.
nl] De kinderen Abrahams darven zich niet ligt op zwak ijs wagen.
AbrahamAl tojmer ani escharti ess Awrom. (Jüdisch-deutsch. Warschau.)
Du sollst nicht sagen, ich habe reich gemacht (bereichert) den Abraham.
Nach 1 Mos. 14, 23 soll Abraham diese Worte gesagt haben, als er von einem Kriegszug zurückkehrte und die Kriegsbeute zurückgab. - Sinn: Ich will von dir keine Wohltaten erfahren, keine Gefälligkeit annehmen.
AbrahamAwrähmel, wus hört sich in Krämel.
(Jüdisch-deutsch, Warschau)
Abrahämlein, was hört sich im Krämlein. Neckwort für solche, welche Abraham heissen.
AbrahamDen Abraham spielen.
Vorteilhafte Geschäfte mit seiner Frau machen, wie 1 Mos. 17, 11-13 von Abraham erzählt wird.
nl] Hij speelt Abraham metje.
AbrahamDos is in Abraham's Schneppsock gespozird.
(Steiermark)
Das ist in Abrahams Schnappsack spaziert, d. h. unterschlagen worden.
AbrahamEhe denn Abraham war, bin ich.
AbrahamEr hat (schon Vater) Abraham gesehen.
Er ist schon fünfzig Jahre alt.
Joh. 8, 57.
nl] Hij heeft Abraham gezien.
AbrahamEs werden nicht alle bei Abraham sitzen, die sich nach ihm nennen.
AbrahamHe hett all Abraham seen.
Er hat Abraham gesehen. Er ist so jung, so unerfahren nicht mehr, er hat schon lange mitgelebt, mitgemacht.
AbrahamIn Abrahams Schoß eingehen.
Sprichwörtlich nach Lukas 16, 22.
Siehe auch:
Schiller, Wallensteins Lager, 8. Auftr., Kapuzinerpredigt
AbrahamSicher ruhen wie in Abrahams Schoß.
Nach Luk. 16, 22
AbrahamWas hat es Abraham geschadet, dass er ein Sohn Tharas war?
nl] Wat heeft het Abraham geschadd, dat hij een kind van Terah was.
AbrahamWenn Abraham das Messer zuckt, so ruft der Engel: Halt!
Von unerwarteter göttlicher Hilfe.
AbrändelnDas war (prächtig) abgerändelt, als wenns beim Uhrmacher bestellt wäre.
AbrechichtOfs Ârächt kommen.
(Österreich, Schlesien)
Zu Grunde gehen.
AbrechnenAbrechnen ist gut bezahlen.
Es wird nämlich damit eine Aktiv- und Passivschuld zugleich berichtigt und überdies kann auf diesem Wege ein böser Schuldner noch zur Leistung seiner Zahlung gezwungen werden.
AbrechnungAbrechnung ist gute Zahlung.
AbrechnungEr hält keine Abrechnung mit Gott.
AbrechnungGenaue Abrechnung erhält die Freundschaft.
It.: Conti spessi amicizia lunga.
AbredeDas ist wider die Abrede.
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Emilia Galotti (1772) IV, 7 (Odoardo)
Ferdinand in Schiller, Kabale und Liebe 2. 3.
Mohr in Schiller, Fiesko 2, 9.
AbredenAbgeredet vor der Zeit, gibt nachher keinen Streit.
AbreiseDas ist eine polnische Abreise.
(Jüdisch-deutsch, Warschau)
Dus is pański (herrschaftliche) wyjazd (Abreise). Von Vorbereitungen, die nicht enden wollen, wie vordem vor der Abreise eines polnischen Edelmanns.
AbreißenEr ist abgerissen (zerlumpt) wie ein Galgenstrick.
AbreisenWer abreist und wiederkommt, hat eine gute Reise getan.
AbrichtenEr ist abgerichtet dazu, wie Markolfs Katze zum Lichthalten.
Wenn sie die Maus sieht, lässt sie das Licht fallen und läuft der Maus nach.
AbrichtenEr ist abgerichtet und abgespitzt wie ein Burghauser Würfel.
AbriffelnWir wollen ihn schon abriffeln.
AbrüstungDürfen wir nicht vergessen, dass nur das Schwert das Schwert in der Scheide hält, und dass unter solchen Umständen für uns "Abrüstung" - anstatt des Wortes "Abrüstung" kann man mit gleichem Rechte sagen "zu schwache Rüstung" - Krieg ist, der Krieg, den wir gern vermeiden wollen.
Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke (1800-1891), Reichstag (14. April 1874)
AbsackenEr sackt ab.
Von jemandem, der mit Schande weggeht. Von Schiffen entlehnt, die in einem Seetreffen die Flucht ergreifen.
AbsagebriefEinem einen Absagebrief schreiben.
»Vier Vnterschiedliche Absagebrieffe, darin Messer, Kohlen vnd besenreiser gebunden, in vier örthen der Stadt gehangen.«
(Kinderbuch)
AbsagenEen wat stuv aseggen.
AbsagenSe hoat 'nn dirr und grêne abgesoat.
Absalon (Absalom)Ab - salon war ein Königssohn.
(Rottenburg)
Eine Redensart beim Rülpsen.
Absalon (Absalom)Einem den Absalon sprechen.
»Und wann ich ihr Beichtvatter were, wolt ich ihnen, wie die Bawern reden, den Absalon sprechen.« In einem alten Pasquill.
Absalon (Absalom)Haare wie Absalon haben.
Nach 2. Sam. 18, 9
Absalon (Absalom)Hettestu Absalons schöne, Salomons Vernunfft vnd Samsons Sterck, vnd kein Geld noch gut, so sind alle verlohrne Werck.
Petri, II, 379
Absalon (Absalom)Mein Sohn Absalom!
2. Sam., 18, 33 - Scherzhafte, volkstümliche Redensart
Absalon (Absalom)Mit dem Knaben Absalon verfahret nur hübsch säuberlich.
Absalon (Absalom)Und wär er so dick wie Absalons Zopf.
Friedrich von Schiller (1759-1805), Wallensteins Lager, 8. Auftr. (Kapuzinerpredigt)
AbsattelnEr sattelt ab.
Es geht mit seinem Geschäft zu Ende.
AbsattelnZeitig absatteln müssen.
»Und darum muss er auch (der Ziegenbock) nach der Regel: Quicquid cito fit, cito perit
AbsatzAb - sätze macht der Schuster.
Scherzhafte Redensart, wenn jemand schluckt.
AbsatzHohe Absätze machen die Schuhe wohl hoch, aber nicht den Menschen.
AbsatzHohe Absätze machen keine Edelleute.
Der Adel der Gesinnung macht sie.
AbsatzLieber die Absätze vertreten an den Schuhn als gar nichts tun.
AbsatzSie hat einen Absatz verloren.
D. h. die Jungfrauschaft.
AbsatzSo etwas trag' ich nicht unter meinem Absatz.
Als Ausdruck tiefster Verachtung.
AbsatznagelAbsatznagel.
(Nürtingen)
Auch Absatzschuhnagel ist mit Absalon der Text für die Musik eines Rülpses oder Magenseufzers (schwäbisch = Kopper) vom Betreffenden selber beigefügt, während das Auditorium applaudiert: Appel heisst mei Weib und d' Sau will's aischt (erst) net leide.
AbschaumEr gehört zum Abschaum.
nl] Het is het schimm van den ketel, waarin de nikken geroden to.
AbscherreAi d' Åscherre komme.
(Österreich, Schlesien)
Zu Grunde gehen.
AbscheuMancher hat Abscheu vor Huren und behilft sich mit Ehefrauen.
AbscheulichAbscheulicher! wo eilst du hin?
Was hast du vor in wildem Grimme?
(Ah, perfido!)
Ludwig van Beethoven (1770-1827), Fidelio 1 (1806 u. 1814), Lenore
AbscheulichAbscheuliches Mädchen, verlasse das Haus!
Wilhelm Busch (1832-1908), Herr u. Frau Knopp
AbschiedAbschied gut, alles gut.
AbschiedAbschied nehmen, wie das Hündlein von Bretten.
AbschiedAls ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
Waren Kisten und Kasten schwer;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War alles leer.
Friedrich Rückert (1788-1866), Gesammelte Gedichte, Ital. Gedichte. Aus der Jugendzeit (ged. 1830), Schlussverse. Melodie von Robert Radecke
AbschiedBeim Abschied vom Markte lernt man die Kaufleute kennen.
AbschiedBeim Abschied wird die Zuneigung zu den Dingen, die uns lieb sind, immer ein wenig wärmer.
Michel de Montaigne (1533-1592)
AbschiedDen Abschied hinter der Tür nehmen.
D. h. davongehen.
AbschiedDen Abschied unter die Füße nehmen.
AbschiedDie Abschiede der Freundschaft haben zwar etwas von dem schwermütigen, aber nichts von dem ängstlichen Abschiede der Liebe.
en] The farewells of friendship have indeed smething of the melancholy, but not the anguis, of those of love.
Edward George Earle Lord Bulwer Lytton (1803-1873), Ernst Maltravers (1837), Bd. 3, K. 4
AbschiedDie Jugend und die schöne Liebe, alles hat sein Ende.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
AbschiedEinem seinen Abschied geben.
Auch: Einem seinen Abschied geben, in dem Sinne, ein bräutliches Verhältnis auflösen.
en] To give one the go-by.
nl] Jemand zijne kassa de geven.
AbschiedEinen polnischen (stumpfen) Abschied nehmen.
D. h. weggehen ohne genommenen Abschied, oder auch mit Hinterlassung gemachter Schulden sich in der Stille wegschleichen. Besonders in (Provinz) Preußen üblich, weil vielleicht einige Polen, die ihres Handels wegen Preußen besuchten, dies dort zuweilen mögen getan haben. Vielleicht kann auch der heimliche Abzug des Königs Heinrich aus Polen, der 1573 in der Nacht und ohne Abschied erfolgte, zu dieser Redensart Veranlassung gegeben haben.
AbschiedEr nimmt Abschied wie der Teufel, mit Gestank.
la] Discedit foetore relicto.
AbschiedEr nimmt Abschied wie die Katze vom Taubenschlage.
AbschiedErlaube mir zuvor, daß ich Abschied nehme.
Lukas 9,61
AbschiedEs gibt Menschen, die auf Abschiede hinleben, und andere, die sich vor ihnen fürchten.
AbschiedFranzösisch Abschied nehmen.
In ganz Schwaben.
AbschiedIch mach' ihm den Abschied nicht schwer.
Wenn man jemanden gern gehen sieht.
Jüdisch- deutsch: Ich haass 'n gern mochel(höflich entlassen) sein.
AbschiedIm Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung.
Singhalesisches Sprichwort
AbschiedJeder Abschied ist eine Mobilmachung für die Erinnerung.
AbschiedKluge Leute verstehen es, den Abschied von der Jugend auf mehrere Jahrzehnte zu verteilen.
AbschiedKurz ist der Abschied für die lange Freundschaft.
Friedrich von Schiller (1759-1805), D. Jungfrau von Orleans (1801), III, 6 (Lionel)
AbschiedLass dich meinen Abschied nicht dauern.
AbschiedMan hat ihm den Abschied und Willkommen gegeben.
Von einem zuchthäuslichen Gebrauch entlehnt.
fr] On lui a donné l'aller et le venir.
AbschiedMan ist unzufrieden, wenn jemand, dem man doch selber den Abschied gegeben hat, sich bald tröstet.
AbschiedMan schreibt nicht so ausführlich,
Wenn man den Abschied gibt.
Heinrich Heine (1797-1856), Neue Gedichte. Neuer Frühling (ged. 1828-1831), Nr. 34
AbschiedManche nehmen immer noch Abschied von der eigenen Jugend, wenn sie die fremde schon lange nicht mehr kennen.
AbschiedMorgen muss ich weg von hier
Und muss Abschied nehmen.
Des Knaben Wunderhorn (1806-1808), Lebewohl. Melodie von Friedrich Silcher (komp. 1827)
AbschiedSich kennen und lieben lernen - und dann sich trennen ist die traurige Geschichte vieler menschlicher Herzen.
Samuel Taylor Coleridge (1772-1834)
AbschiedWer liebt und Abschied nimmt, der lebt, um woanders weiterzulieben.
Claude Anet (1868-1931)
AbschiednehmenBei Gott gibt es kein Abschiednehmen.
Antonin-Gilbert Sertillanges (1863-1948)
AbschiednehmenZum Abschiednehmen just das rechte Wetter,
Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt.
Joseph Viktor von Scheffel (1826-1886), Der Trompeter von Säckingen (1854), Ges. 14. Melogie von Viktor Ernst Nessler
AbschiedskussBitter und süß ist der Abschiedskuss an der Lippe des Freundes.
Johann Gottfried von Herder, Sämtl. Werke (1805-1820), Blumenlese aus morgenländischen Dichtern, Das Rosental, Buch 4, Der Abschied
AbschiedsstundeAbschiedsstunden sind die feierlichsten.
AbschiedstrunkDen Abschiedstrunk tun.
Den letzten Trunk, den der Wirt einem Gaste nach der bezahlten Zeche, während derselbe im Begriff fortzugehen ist, reicht, heißt der Franzose: Vin de l'étrier (Steigbügelwein; vgl. auch Sattelbrot).
AbschiedsworteAbschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen.
Theodor Fontane (1819-1898)
AbschießenDat hewe 'k iäm afsghuaten, sach de Biur, da hadd' e sin twedde Kind selwer doft.
(Kirchspiel Hemer in der Grafschaft Mark)
Abschießen steht hier in der Bedeutung von »absehen«. Der Bauer hat dem Pfarrer die Kunst, ein Kind zu taufen, abgeschossen, d. h. er hat ihm abgesehen, wie er die Taufe vollzogen, und hat sich dann das zweite Kind auf dieselbe Weise selber getauft.
AbschiffenMan hat ihn abgeschifft.
Man hat sich von ihm losgemacht, sich seiner entschlagen. Von einem Schiffe, das bugsiert oder begleitet worden.
AbschlachtenEr liegt wie abgeschlachtet.
(Ostpreußen)
Aus Schläfrigkeit oder Trunkenheit.
AbschlachtungEs ist die Abschlachtung unschuldiger Kinder.
Im englischen Parlamente wird damit das Aufgeben der noch nicht durch alle (sieben) Stadien geförderten Gesetzentwürfe bezeichnet.
AbschlagAbschlag ist gute Bezahlung.
Abschlagen: eine Schuld durch die andere aufheben, was in den Rechten als Bezahlung angesehen wird, sowohl im römischen als deutschen. Wegen der Vorteile, die sie bietet, hat Karl der Große sogar verordnet, dass jemand, der sich mit einem anderen in Abrechnung einzulassen weigert, seine ganze Forderung verlieren soll.
nl] Abslag is goede betaling.
AbschlagDreimal Abschlag erst recht Zusag.
AbschlagenAbgeschlagen, wie ein Bettelmannsstecken.
la] In turpibus Argus, in disciplinis talpa.
AbschlagenBesser rund abschlagen, als (das Maul) lange (vergeblich) hinhalten.
la] Minus decipitur, cui cito negatur. (Publ. Syr.)
AbschlagenEs ist so gut wie abgeschlagen, wenn man's auf die lange Bank will tragen.
la] Qui differt aut dubitat neganti est proximus.
AbschlagenEs wird nichts abgeschlagen, als worum man bittet.
AbschlagenEtwas abschlagen wie der Scythe den Esel.
Von denen, die sich mit Worten weigern, etwas anzunehmen, was sie doch gern hätten. Nach einer Fabel, zufolge der ein Scythe auf einen toten Esel, behufs der Stillung seines Hungers verwiesen wurde, anfänglich sich weigerte, später aber genoss.
la] Scytha accissans asinum.
AbschlagenFreundlich abgeschlagen ist halb zugesagt.
nl] Zeet afslaan is half toe seggen.
AbschlagenHy slaat niess af, as Fliegen.
(Niederlande)
Spott auf wenig tapfere Kriegsleute.
AbschlagenKurz abschlagen, ist eine Freundschaft erweisen.
la] Beneficium est, si cito negas quod petitur.
AbschlagenLieber freundlich abgeschlagen, als mürrisch (unwillig) gegeben.
la] Pars beneficii est quod petitur, si belle neges. (Publ. Syr.)
AbschlagenMan schlag es ab oder schlag es zu, alles ist gut, was man in einen Bettelsack tu'.
AbschlagenSie schlägt keinem ab.
nl] Zij slaat niemand af.
AbschlagszahlungIndes eine Abschlagszahlung, sagt Borg, da schlug er dem Bäcker, dem er zehn Gulden für Brot schuldete, den Hut vom Kopfe.
AbschleichenEr schleicht ab, wie die Katze vom Taubenschlage.
AbschmeißenDas schmeißt nichts ab.
Bei dem Geschäft ist nichts zu verdienen, es bringt keinen Gewinn.
AbschmiedenEr hat abgeschmiedet.
Er ist fertig mit dem Seinen.
AbschmierenEinen abschmieren, dass alle Engel lahmen.
AbschneidenAbschneiden ist leichter als ansetzen.
dk] Bedre at skiere end at saette til. - Bedre for viid kiortel end skarved.
AbschneidenEhe man einmal abschneidet, muss man zweimal messen.
AbschneidenEr hat dabei gut abgeschnitten.
Die Angelegenheit ist zu seinem Vorteil geendet.
AbschneidenEr hat mich nicht abschneiden lassen.
Wenn man in Oberösterreich einem Fremden nicht Brot und Messer auf den Tisch legt und ihn auffordert, davon abzuschneiden; so wird dies als Missachtung betrachtet.
AbschneidenEr hat sich mehr abgeschnitten, als er aufessen kann.
AbschneidenWer viel abschneidet, muss viel essen.
AbschnittWenn man die Abschnitte von seinen Nägeln säte, es würden Backwaren daraus wachsen.
Spott auf die, so alles besser wissen wollen.
AbschriftAh, da bitt' ich um eine Abschrift.
Damit protestiert der Wiener gegen irgendeine starke Zumutung.
AbschüssigEr ist sehr abschüssig gebaut.
Vom Trunkenen.
AbschüttelnEr schüttelt alles ab.
AbschüttelnEr schüttelt es ab, wie der Hund den Regen.
In Bedburg: Dat schött dä av, wie der Honk den Rähn.
AbschüttelnEr schüttelt es ab, wie der Pudel die Flöhe.
(Köthen)
AbschüttelnHe schüddelt 't af as 'n Waterhund.
AbschüttelnHe schüttet et af, as de Pracher (Bettler) de Luus.
(Holstein)
Wenn jemand irgendein Ungemach, z.B. empfangene Schläge, auch Kummer, Gram u.s.w. bald überwindet, gleichsam abschüttelt.
AbschüttelnHe spud 't af, as Pudel den Regen.
(Ovelgönne, Stadland in Oldenburg)
AbschwitzenAbschwitzen ist besser als abfaulen.
AbschwörenEr schwört dem Teufel ein Ohr ab.
AbsehenKann öck mîn Endke afsêne, wär öck et ôk aftêne, kutsch' Koppke, noch e Wîlke.
(Wehlau)
Worte einer schlaflustigen Bäuerin beim Flachsziehen.
AbsetzenAbgesetzt wie ein Coburger Sechser.
Literarisches Centralblatt, Leipzig 1863
AbsetzenAbgesetzt wie ein dänischer Schilling.
(In Pommern und Mecklenburg)
Bezieht sich auf eine frühere Reduktion des dänischen Geldes.
AbsetzenDat sett hîde wat af, entweder e Rûsch oder e Brûsch.
Pflegt man zu sagen, wenn man früh niesen muss.
AbsichtAbsicht ist die Seele der Tat.
fr] C'est l'intention qui fait l'action. - L'intention est reputée le fait.
AbsichtDer Absicht Niedrigkeit erniedrigt große Taten.
Johann Peter Uz (1720-1796), Sämtl. Werke (1766), Gedichte, Die wahre Größe
AbsichtDie Menschen verraten ihre Absichten nie leichter und stärker, als wenn sie sie verhehlen.
Jean Paul (1763-1825), Kom. Anhang zum Titan (1800-1803), Band 2
AbsichtEine gute Absicht macht eine böse Tat nicht gut.
It.: La buona intenzione scusa il mal fatto.
AbsichtMit Absicht handeln ist das, was den Menschen über geringere Geschöpfe erhebt.
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Sämtl. Schriften (1796-1808)
AbsichtSo fühlt man die Absicht und man ist verstimmt.
Gewöhnlich falsch zitiert: Man merkt die Absicht, und ...
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Torquato Tasso (1789), II, 1 (Tasso)
AbsolutHört, ihr Herrn, so soll es werden:
Gott im Himmel, wir auf Erden,
Und der König absolut,
Wenn er unsern Willen tut.
Lobt die Jesuiten!
Adelbert von Chamisso (1781-1838), Gedichte. Lieder u. lyrisch-epische Gedichte. Nachtwächterlied (ged. 1826)
AbsolutWir sind weit entfernt davon, der absoluten Monarchie zuzustreben; ich halte dieselbe überhaupt für eine unmögliche Einrichtung, denn dann regiert entweder der Bureaukrat oder der Generaladjutant oder irgend jemand, der das Geschäft nicht kennt.
Otto von Bismarck (1815-1898), Abgeordnetenhaus d. preuß. Landtages (24. Jan. 1887)
AbsolutionIch bitte um Absolution für ein Stück Fleisch, was mir an den Zähnen hängen geblieben ist, sagte Peter, da hatte er einen Schinken an einem Schweinszahn aufgehangen.
Junker Peter war Spaßmacher am Hofe zu Neuburg.
AbsolutionWillst du Absolution, so musst du zur Beichte gohn.
AbsolutismusIch halte den Absolutismus für eine unmögliche Sache.
Otto von Bismarck (1815-1898), Reichstag (29. Nov. 1881)
AbsolvierenSich selber absolvieren und mit Affenschmalz die Kehle schmieren.
AbspanenEinem eine (einer einen) abspanen.
(Nürtingen)
Nämlich eine(n) Geliebte(n) abgünstig, abwendig, abspänstig machen, vom althochdeutschen spanan, durch Verlockung eine Verbindung verlassen.
AbspeisenEinen abspeisen.
Mit leeren Versprechungen oder Trostgründen.
AbspinnenEr will abspinnen.
Sein Betragen ändern, bessern.
AbsplissDer Abspliss soll wieder in die Sale gelten.
Unsere Vorfahren waren gegen die große Zerstückelung der Güter, weil sie nach ihrer Ansicht zur Verarmung der Bauern führte. Nach Grimm, Weisthümer, II, 222 durfte eine Hufe in nicht mehr als zwei Teile geteilt werden, wobei sie auf mögliche Wiedervereinigung der Teile drangen und den Gespilden besondere Vorzüge im Näherrechte einräumten.
AbspringenAbspringen wie die Flöhe.
Als beim Oberlandesgericht zu Glogau einst einige Auskultatoren die Verlegung des zweiten Examens nachsuchten, sagte der zur Prüfungskommission gehörende Geheime Rat Merckel: »Sie springen ja ab wie die Flöhe.« (Schlesische Provinzialblätter, 1863)
AbspuckenEinen etwas abspucken.
(Nürtingen)
Wird ausnahmsweise mit hochdeutscher Endung ausgesprochen; an andern Orten auch abspicken, d. h. ablernen.
AbstammenDer stammt noch von Amolek ab.
(Jüdisch-deutsch)
Von einem Judenverfolger, weil Amalek den Israeliten zuerst feindlich entgegentrat (2 Mos. 17, 8).
la] Cecrope generosior.
AbstammenEr stammt von Johann von Leiden ab.
Von einem, der mehr Unglück als Glück hat.
AbstandDer Abstand zwischen den Augen der Wölfe und den Gedanken der Diebe sind (untereinander) gleich.
(Finnland)
AbstechenT stekt of as Dälers Laken.
AbstecherEinen kleinen Abstecher machen.
AbsteigenIch stieg (obgleich bei seinem Hause) in einem wüsten Tale ab.
(Arabien)
Von einem unwirtlichen Hause. Das Tal, welches hier gemeint wird, ist das von Mekka.
AbsterbenMan hat jhm weiss abgestrelet.
AbstineSustine et abstine!
Leide und meide.
Epiktet (50-125), bei Aulus Gellius, Noct. attic. 17, 19, 6
AbstoßenEr stößt sich die Hörner ab.
AbstrafenAbstrafen (am Leibe) und dabei schelten, ist zu viel.
AbstreichelnWas sich nicht abstreicheln lässt, das muss man abstriegeln.
AbsurdeDas Absurde, mit Geschmack dargestellt, erregt Widerwillen und Bewunderung.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Werke (1827-1830), Maximen und Reflexionen, Abteilung 3
AbtAbt und Kloster sind ein Ding.
fr] Abbé et couvent ce n'est qu'un, mais la bourse diverse.
nl] Een abt en zijn konvent zijn een, maarde beurzen zijn verschillend.
AbtÄbte und Mönche sind des Teufels täglich Brot.
AbtÄbten und Bischöfen wäre gut Peterle um Kanzel und Altäre säen, sie vertreten ihn nicht.
AbtBesser Abt sein als Mönch.
AbtDem Abt Fische, den Brüdern sawren Kohl.
AbtDen Abt reiten lassen.
Sich bei mangelnder Aufsicht gehen lassen.
fr] Voyage du maître, nôce du valet.
AbtDer Abbt so selber ein Mönch gewesen, weiss am besten, was im Kloster herumb gehet.
AbtDer Abt erbt Frommen und keinen Schaden.
Die Kirche und was dazu gehört ist bekanntlich sehr begierig, Erbe zu nehmen; damit ihr nun aus der fertigen und geprüften Annahme von Erbspesen kein Schade erwachse, erhielt sie das Vorrecht, vor den übeln Folgen einer solchen Erbesantretung befreit zu bleiben.
mhd] Ain apt der erpt, nemen vnd keinen schaden.
AbtDer Abt frisst das Kloster.
fr] L'abbé mange le couvent.
AbtDer Abt ist auch zuvor ein Diener gewesen.
AbtDer Abt ist ausgeritten.
So sagt man in katholischen Ländern, wenn es in einem nicht beaufsichtigten Hause buntüber hergeht. »Wenn sich das Gesinde wegen eines fröhlichen Tages für die nächste Abwesenheit der Herrschaft beredet; so heißt es: Wir wollen den Abt reiten lassen. Auf diese Redensart gründet sich das geräuschvolle Gesellschaftsspiel: Der Abt ist nicht zu Hause, er ist auf einem Schmause u.s.w.«
AbtDer Abt ist ein Mönch, kein Herr.
AbtDer Abt lebt besser als die Mönche.
»Es ist billich, dass der Abt besser lebe, denn die Mönche.« (Theatr. Diabolorum)
AbtDer Abt lobt sein Kloster nicht.
It.: Monaco vagabondo non loda mai 'l suo monastero.
AbtDer Abt macht das Kloster nicht teuer.
AbtDer Abt von Schwarzach hat das Recht, vierzehn Tage lang gangbare Münzen zu prägen, ob er anders das Silber dazu hat.
AbtDer Abt von St.-Hilarii schläft bei der Königin.
Der heilige Hilarius ist Schutzpatron von Poitiers. Der König selbst ist nämlich, nach einem alten Schriftsteller, Abt in dem Colleg der dasigen Kanoniker; daher der sprichwörtliche Scherz.
AbtDer Abt wird gewählt, wenn auch ein Mönch fehlt.
It.: Per un sol monaco non si lascia di far l'abbate.
AbtDer Abt wollte den Pater auf die Finger klopfen und hat dann selber in die Milch gelangt.
AbtDer heilige Abt Gallus ist den Schweizern gewogen, der Hahn hat gekräht, als Petrus gelogen, und alle wissen, dass die Franzosen sind betrogen.
Sprichwörtliches Wortspiel mit dem Worte Gallus, das a) einen Abt, b) einen Hahn und c) einen Franzosen bezeichnet.
AbtDie meisten Äbte stammen aus der Familie Trinckler.
AbtEin Abt, der von unten gelernt hat, weiss, was die Jungen hinter dem Altar treiben.
fr] Homme ne connaît mieux la malice que l'abbé qui a été moine.
es] El que fué monacelo, y des jenes abad sabe lo que hucen los moros tras et altan.
AbtEin geiziger Abt verliert um ein Opfer hundert.
es] Abad avariento por un bodigo pierde ciento.
AbtEin guter Abt lobt sein Kloster.
AbtEin schelmischer Abt macht schurkische Mönche.
AbtEin strenger Abt macht bussfertige Mönche.
AbtEs bräche einem Abt kein Bein, wenn er seinen Mönchen schon mit einem guten Beispiel vorginge.
AbtEs ist kein schlimmerer Abt, als der Mönch gewesen.
fr] Il n'y a pire abbé que celui qui a été moine.
AbtEs ist nicht jeder ein Abt, der aus dem Kloster kommt.
Die Russen: Nicht jeder ist ein Archimandrit, der im Kloster wohnt.
AbtEs sind nie auf einmal so viel Äbte erschlagen worden, als in der Schlacht mit den Ditmarsen.
Ditmarschen, Landschaft im Herzogthum Holstein, die Bewohner kühn und freiheitliebend. Ihre Nachbarn versuchten lange sie sich zu unterwerfen. Obiges Sprichwort verdankt seine Entstehung einer Schlacht (1495) zwischen ihnen und dem Könige von Dänemark.
AbtLegt der Abt die Würfel dar, so spielen die Mönche ohne Gefahr.
AbtNon credo, sagte der Abt, als man ihm das Kind gab.
AbtNon sequit, sagt der Abt.
AbtSieh dich vor, dass dir's nicht geht wie dem Abt von Fulda.
Er sah der Lützener Schlacht vorwitzig zu und musste seine Neugier wie seinen unzeitigen Glaubenseifer mit dem Leben büßen. Er ward durch einen Schuss getötet.
AbtSingt der Abt gut, gibt ihm der Messner nichts nach.
So sagt im »Don Quixote« der eine eselsuchende Schöffe zum andern, als er von diesem wegen des musterhaften I-a-ens gelobt wurde.
AbtSo der Abt Würfel auflegt, mögen die andern Brüder küenlich mitspielen.
Spielteufel, Frankfurt 1564
AbtWas der Abt nicht essen kann, schenkt er dem armen Mann.
es] El abad de Bamba, lo que no puedo comer, dalo por su alma.
AbtWenn der Abt das Geld zum Schmause gibt schmeckt's den Mönchen doppelt.
AbtWenn der Abt die Würfel legt, sich auch der Durst der Brüder regt.
AbtWenn der Abt ein Gläschen trinkt, so trinken die Mönche volle Flaschen.
(Moskau)
nl] Waar de abt herbergur is, mogen de monniken wel beir halen.
AbtWenn der Abt gähnt, so schlafen die Mönche.
AbtWenn der Abt nicht Gottes ist, so sind die Mönche des Teufels.
AbtWenn der Abt nicht zu Hause, tanzen die Mönche in der Klause.
AbtWenn der Abt spielt, so mögen die Mönche zechen.
AbtWenn der Abt von Reichenau nach Rom reist, so kann er all Nacht in einem seiner Landgüter herbergen.
AbtWenn der Abt Würfel gibt, so spielen die Brüder (Mönche).
Das Spielen mit Würfeln war besonders streng den Geistlichen verboten; wenn aber der Abt selbst die Würfel gab, konnten die Mönche unbedenklich spielen. Vom Beispiel der Großen und Hochgestellten.
»Legt der Apt die würffel dar, so spilen die Münche ohn gefâhr.« Bei Tunnicius: Als de abbet steine drecht, so mogen de monike dobbelen. (Tesserulas monachi colludunt patre ferente.) In Frankreich ist Chartres wegen seines Domkapitels (il cler Nostre Dame de Chartres), von dem es heißt: Der Domherr von Chartres kann mit Würfeln und mit Karten spielen, berühmt.
»Und wo der Apt lesst Würffel walten, mögen die Brüder wol schantzen halten.«
mhd] Doch haben die alten war gesait: wenn der abt die würfel trait, so spiln die Münch alle geren.
dk] Naar abbeden baer taerningen maae brödrene (munchene) leege.
fr] Quand l'abbé danse à la court, les moines sont en rut aux forêts. - Quand l'abbé tient taverne, les moynes peuvent aller au vin.
nl] Als die abt terlinghe draecht, moghen moniken dobbelen.
la] Forte cubos primum posuit cum futilis Abbas, tunc sese Monachi ludere jure putant. - Futilis in medium cubos (talos) cum projicit Abbas, tunc quoque se fratres ludere posse putant. - Ludendum licite, talos abbate ferente. - Tessero tunc licite decios abbate ferente.
pl] Kiedyby opat kostek przy sobie nienosił, tedyby mnisi w nie niegrali.
se] När Abboten bär tärning, har munken godt att spela.
AbtWenn der Abt zum Glase greift, so greifen die Mönche zum Kruge.
(Kleinrussland)
AbtWer möchte das nicht, sagte der Abt von Bosau (Bosa).
Bosau, im Regierungsbezirk Merseburg, jetzt preußisches Kammergut, war früher Benediktinerabtei. Der Abt dieses Klosters hatte mehrere Nonnenklöster zu untersuchen. Einst ward eine Nonne vor ihm berüchtigt, dass sie mit dem Klosterschreiber in einem unklösterlichen Verhältnisse lebe. Er verhörte die Nonne und fragte sie, ob der Schreiber zu ihr in die Zelle gekommen sei, sich, und zwar entkleidet, zu ihr ins Bett gelegt habe, was sie bejahte, worauf der Abt die Umstehenden ansah und ausrief: »Ei, wer möchte das nicht!« Alle sahen ihn verwundert an und wiederholten bei sich den Ausruf, der mit dem Zusatz »sagt der Abt von Bosau« in ein Sprichwort überging, um eine annehmliche Sache damit zu bezeichnen.
nl] Wie mogt dat niet? vroog de abt van Bosen.
AbtWie der Abt ist, so sind die Brüder.
AbtWie der Abt singt, so antwortet der Mönch.
fr] Le moine répond commo l'abbé chante.
It.: Come canta l'abbate risponde il sagrestano.
es] Como canta el abad, responde el sacristan.
AbtWie der Abt, so die Mönche.
AbtWie der Abt, so ist's Convent.
dk] Som Abbeden, saa Conventet.
AbtWo der Abt die Würfel auflegt, da ist dem Konvent erlaubt zu spielen.
fr] Quand l'abbé taverne, les moines peuvent aller au vin.
AbtWo der Abt die Würfel gibt, da dobbeln die Mönche (da spielt der Konvent gern).
AbtakelnEr fängt an abzutakeln.
Abnahme von Gesundheit, Kraft, Vermögen. Ein Schiff wird abgetakelt, wenn es seines Tauwerks beraubt, also für die See untüchtig gemacht wird. In dem Sinne von abtakeln wird in Holland auch »abzeugen« (aftuigen) sprichwörtlich gebraucht.
AbteiAbteien sucht man lieber als das viertägige Fieber.
AbteiAbteien und Maulwurfshaufen muss man auf keinem Kiesboden suchen.
AbteilenWer wol abteilet, der lehret wol vnd recht.
»Ist ein altes Sprichwort.« (Sarcerius)
AbteilungMit Abteilung der Güter zertrennen sich auch die Gemüter.
ÄbtissinSie kann täglich Äbtissin werden.
Von einer alten Jungfer.
ÄbtissinWenn die Äbtissin ein Kind hat, so hat jede Nonne zwei.
ÄbtissinZur Äbtissin wird erkoren, die die meisten Kinder geboren.
AbtöffelnEinen abtöffeln.
(Nürtingen)
Prügeln, ursprünglich mit dem Toffel, Pantoffel.
AbtreibenAbgetrieben wie ein altes Droschkenpferd.
AbtriebDer Abtrieb ist von den Einwohnern hergebracht.
AbtrocknenWas nützt das Abtrocknen, wenn man nicht aus dem Regen geht.
AbtropfenHier tropft nichts ab.
Kein Gewinn, Vorteil.
AbtrotzenWir lassen uns abtrotzen durch Gewalt,
Was wir der Güte weigerten!
Friedrich von Schiller (1759-1805), Wilhelm Tell II, 2 (Von der Flüe)
AbtrumpfenDen hab i atrumpft.
Mit einer scharfen Antwort abgefertigt.
AbtrünnigeEin Abtrünniger ist ein unnütz Mann.
AbtrünnigeEine abtrünnige und ungehorsame Art ...
Psalm 78, 8
AbtrünnigeUnd lässt die Abtünnigen bleiben in der Dürre.
Psalm 68, 7
AbtschwindIn Abtschwind und Geiselwind viel Huren und Hexen sind.
Zwei Örter in Franken am Steigerwalde. Das Sprichwort geiselt die Möncherei im Wortspiel. Was die Zauberei und Hexerei anbelangt, so ist das Sprichwort von einer früheren Zeit zu verstehen. Der Schriftsteller, dem es entlehnt ist, gibt keinen Grund an, warum jene Örter des Lasters der Hurerei besonders bezichtigt werden. Gewiss gehört das Sprichwort in die Klasse derer, welche Ungerechtigkeiten gegen einzelne Oerter, Völker oder Personen aussprechen, und dient, wenn es überhaupt Wahrheit enthalten hat, nur zur Charakteristik vergangener Zustände.
AbtunEr tut ab und an.
Von einem Redner, der, wenn man glaubt, dass er ans Ende wäre, wieder anknüpft und sich durchweg in Wiederholungen ergeht. Von einem Schiffe entlehnt, das, ehe es in den Hafen einsegelt, bald einmal nähert, bald wieder zurückweicht.
AbtunIst's abgetan, ist jeder ein guter Ratsmann.
AbususAbusus optimi pessimus.
Der Mißhrauch des Besten ist der schlimmste.
Sprichwörtlich (mehrfach bei Schopenhauer)
AbwägenAlles zählen und abwägen ...
Jes. Sir. 42, 7
AbwartenAbwarten schlägt den Eilenberg.
AbwartenAbwarten und Theetrinken.
AbwartenAbwarten, sagt der Amtmann, bis der Teufel ein Loch schlägt.
AbwartenAbwarten, sagt der Schulmeister, bis der Teufel den Pfaffen holt.
AbwartenBesser abwarten als übereilen.
(Wendische Lausitz)
se] Bättre att vänta, än att förhasta sig.
AbwartenEr will abwarten, wie der Hase läuft.
AbwartenErst abwarten, sprechen die Görlitzer, dann Tee trinken.
(Oberlausitz)
AbwartenErst wart's ab, und dann komm' und klag', sagt Kantor Keilig.
(Köthen)
Als ein Schüler klagte, dass ein anderer ihn schlagen wolle, erhielt derselbe den obigen sprichwörtlich gewordenen Bescheid.
AbwartenWâ'r et af, sächt Tacke.
(Halberstadt)
AbwartenWart's ab, sagt Tuckermann.
(Halberstadt)
Der Mann hatte hier ehedem ausschließlich den Fischhandel und führte das »Wart's ab« fast immer im Munde, traf damit gar oft den Nagel auf den Kopf und ist mit diesem Sprichworte sein ganzes Leben hindurch trefflich ausgekommen.
AbwärtsEs geht abwärts mit ihm.
Er kommt in seinem Geschäft oder in seiner Wirthschaft zurück.
AbwaschenDas kann weder Elbe noch Rhein abwaschen.
AbwaschenDat is ein Afwaschen.
(Holstein)
Ist ein Abtun, geht in eine Rechnung.
AbwechselungAbwechselung in der Rede liebt der Türke und der Schwede.
fr] Changement de propos réjouit l'homme.
AbwechselungAbwechselung mot sin, seggt de Dîwel, on frett de Bottermelk mött de Müstgawel.
(Ostpreußen)
AbwechselungAbwechselung stärkt den Appetit.
fr] Changement de corbillon donne appetit de pain benit. - Changement de viande met en appetit.
AbwechselungÂfwäselong mot sên, sät Ülespêjel, do kitel den 'n (kitzelte er) sin Jro'smoder möt de Misjafel.
AbwechselungAvwesslung möt sin, säd Ulenspêgel und kettelt sîn Grossmoder mit de Messfork.
AbwegEr kommt auf Abwege.
la] Omissa hypera, pedem insequeris. (Suid.)
AbwehrenEs ist leicht abzuwehren, was davonläuft.
AbweibenEs weibt sich einer ebenso bald die Gurgel ab, als er sie absäuft.
AbweisenBesser abweisen, als geprellt.
la] Honestius repellimur quam fallimur.
AbweisenVorn abweisen und hinten einlassen.
la] Antica exclusum postica recipere.
AbwendenWas nicht abzuwenden ist, muss man ertragen.
AbwerfenWirf ab, was zu schwer ist.
Jüdisch-deutsch: Werfs vun der!
AbwergAus Abwerg und Acheln kann man mit allem Hecheln keine Leinwand machen.
AbwesendAbwesend! Nach Florenz abkommandiert, um König von Italien zu sein.
So hieß es beim Appell des 1. franz. Zuavenregiments, in welchem Viktor Emanuel bis 1870 als Ehrenkorporal geführt wurde.
AbwesendLang abwesend ist bald vergessen.
en] Long absent, soon forgotten.
AbwesendRühmlichst abwesend.
Georg Wilhelm von Raumer (1800-1856) vom Prinzen Waldemar von Preußen, der bei dem Begräbnis seiner Mutter fehlte (18. April 1846)
AbwesendeDer Abwesende muss Haare lassen.
en] The absent party is always to blame.
AbwesendeDie Abwesenden haben unrecht.
fr] Les absents ont toujours tort. - Les os sont pour les absents.
It.: Gli assenti hanno sempre torto.
se] De frånvarande ha alltid orätt.
AbwesendeKein Abwesender ohne Vorwürfe (Schuld, Beschuldigungen), kein Anwesender ohne Entschuldigung.
(Spanien)
fr] Absent n'est point sans coulpe ni présent sans excuse.
nl] De afwezigen krijgen altijd de schuld.
It.: Non c' è assente senza colpa, nè presente senza discolpa.
es] Nunca los absentes se hallaron justos.
AbwesendeÜber Abwesende geht kein Recht.
AbwesendeVon Abwesenden soll man nicht Böses reden.
la] De absentibus nihil nisi bonum.
Van dem veren sal men alle gût seggen. (Absentem quamvis inimicus rodere noli).
AbwesenheitAbwesenheit ist eine Feindin der Liebe.
AbwesenheitKurze Abwesenheit heilt oft viel Leid.
en] Absence is a foil to love.
fr] Un peu d'absence fait grand bien.
AbwischenMan muss sich selbst erst dreimal abwischen eh' man andre putzen will.
la] Ter abstergere.
AbwischenSie wischte dem Monde die Hörner ab, wenn sie ihn erreichen könnte.
Sie übertreibt es mit Scheuern, Waschen, Putzen u.s.w.
AbzählenMan kann es an den Fingern abzählen.
AbzahnenSie hat abgezahnt.
Literarisches Centralblatt, Leipzig 1863
D. h. Sie ist bejahrt.
AbzickelnEr wird bald abzickeln.
D. i. sterben.
AbziehenEntweder ziehe ab, oder ziehe dich aus.
Aus dem Griechischen. Bei den Lacedämoniern war es Sitte, dass bei den öffentlichen Zweikämpfen niemand zum Angriffe gezwungen ward, sondern es wurde das Gesetz vorgelesen: Geh fort, oder ziehe dich aus (d. h. bereite dich zum Zweikampfe vor). Verwandt ist damit das Sprichwort: Trinke oder geh fort! Nimm an der Gesellschaft u.s.w. teil, oder entferne dich.
AbziehenEr muss abziehen wie er gekommen.
Seine Bemühungen sind erfolglos geblieben.
fr] Il s'en est allé comme il etait venu.
AbziehenEr zieht ab mit Kind und Kegel.
AbziehenEr zieht ab, wie der Fuchs (die Katze) vom Taubenschlage.
(Schlesien)
AbziehenEr zieht ab, wie der Hund ohne Schwanz.
Sehr beschämt.
fr] Il s'en va la queue entre les jambes.
AbziehenEr zieht ab, wie ein begossener Hund (Pudel).
AbziehenEr zieht ab, wie eine gebadete (nasse) Katze.
AbzugAbzug blasen.
Vom Streit abmahnen.
AbzugBeim Abzug nimmt man einem, was er hat.
AbzwackenEinem etwas abzwacken.
(Nürtingen)

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