Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters

WALTHER VON DER VOGELWEIDE

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Mir ist verspert der sælden tor

Mir ist verspert der sælden tor.
dâ stên ich als ein weise vor,
mich hilfet niht swaz ich dar an geklopfe.
wie möht ein wunder grœzer sîn?
ez regent beidenthalben mîn,5
daz mir des alles niht enwirt ein tropfe.
des fürsten milte ûz Œsterrîche
fröit dem süezen regen gelîche
beide liute und daz lant.
erst ein schœne wol genieret heide,10
dar abe man bluomen brichet wunder.
und bræche mir ein blat dar under
sîn vil milte rîchiu hant,
sô möhte ich loben die süezen ougenweide.
hie bî sî er an mich gemant.15

Der hof ze Wiene sprach ze mir

Der hof ze Wiene sprach ze mir:
›Walther, ich solte lieben dir,
nu leide ich dir. daz müeze got erbarmen!
mîn wirde diu was wîlent grôz,
dô lebte niender mîn genôz,5
wan künic Artûses hof. sô wê mir armen,
wâ nu ritter unde frowen,
die man bî mir solte schowen?
seht wie jâmerlich ich stê.
mîn dach ist fûl, sô rîsent mîne wende,10
mich enminnet nieman leider.
golt silber ros und dar zuo kleider
die gab ich, unde hât ouch mê.
nun hab ich weder schappel noch gebende
noch frowen zeinem tanze, owê!‹

Künic Constantîn der gap sô vil

Künic Constantin der gap sô vil,
als ich ez iu bescheiden wil,
dem stuol ze Rôme, sper kriuze unde krône.
zehant der engel lûte schrê
›owê, owê, zem dritten wê!5
ez stuont diu kristenheit mit zühten schône,
der ist ein gift nu gevallen,
ir honec ist worden zeiner gallen.
daz wirt der werlte her nâch vil leit.‹
alle fürsten lebent nu mit êren,10
wan der hœhste ist geswachet.
daz hât der pfaffen wal gemachet.
daz sî dir, süezer got, gekleit.
die pfaffen wellent leien reht verkêren.
der engel hât uns wâr geseit.15

Ob ieman spreche, der nu lebe

Ob ieman spreche, der nu lebe,
daz er gesæhe ie grœzer gebe,
als wir ze Wiene dur êre haben enpfangen?
man sach den jungen fürsten geben,
als er niht lenger wolte leben,5
dô wart mit guote wunders vil begangen.
man gap dâ niht bî drîzec pfunden,
wan silber, als ez wære funden,
gap man hin und rîche wât.
ouch hiez der fürste durch der gernden hulde
die stelle von den märhen læren.
ors, als ob ez lember wæren,
vil maniger dan gefüeret hât.
ez engalt dâ nieman sîner alten schulde:
daz was ein minneclîcher rât.

Hêr keiser, ir sît willekomen

I Hêr keiser, ir sît willekomen.
des künegis name ist iu benomen,
des schînet iuwer krône ob allen krônen.
iuwer hant ist kreftic guotes vol,
ir wellent übel oder wol,5
sô muget ir beidiu rechen unde lônen.
dar zuo sage ich iu mære:
die fürsten sint iu undertân
und habent mit zühten iuwer kunft erbeitet.
und ie der Mîssenære10
der ist iemer iuwer âne wân.
von gote wurde ein engel ê verleitet.

Hêr keiser, ich bin vrônebote

II Hêr keiser, ich bin vrônebote
und bringe iu botschaft von gote.
ir habt die erde, er hât daz himelrîche.
er hiez iu klagen (ir sît sîn voget),
in sînes sunes lande broget5
diu heidenschaft iu beiden lasterlîche.
ir muget im gerne rihten.
sîn sun der ist geheizen Krist,
er hiez iu sagen wie erz verschulden welle:
nu lât in zuo iu pflihten.10
er rihtet iu dâ er vogt ist,
klaget ir joch über den tievel ûz der helle.

Hêr keiser, swenne ir tiutschen vride

III Hêr keiser, swenne ir tiutschen vride
machet stæte bî der wide,
sô bietent iu die frömden zungen êre.
die sult ir nemen ân arbeit
und süenent al die kristenheit,5
daz tiuret iu und müet die heiden sêre.
ir traget zwei keisers ellen,
des arn tugent, des lewen kraft:
die sint des hêrren zeichen an dem schilte.
die zwêne hergesellen,10
wan woltens an die heidenschaft!
waz widerstüende ir manheit und ir milte?

Hêrre bâbest, ich mac wol genesen

Hêrre bâbest, ich mac wol genesen,
wan ich wil iu gehôrsam wesen.
wir hôrten iuch der kristenheit gebieten
wie wir des keisers solten pflegen,
dô ir im gâbent den gotes segen,5
daz wir in hêrre hiezen und vor im knieten.
ouch sult ir niht vergezzen,
ir sprâchent ›swer dich segne, daz der sî
gesegent; swer dir fluoche, der sî verfluochet
mit fluoche volmezzen.‹10
durch got bedenkent iuch dâ bî
ob ir der pfaffen ère ihr geruochet.

Ahî, wie kristenlîche nu der bâbest lachet

I Ahî, wie kristenlîche nu der bâbest lachet,
swanne er sînen Walhen seit ›ich hânz alsô gemachet‹!
daz er dâ seit, des solt er niemer hân gedâht.
er gihet, ›ich hân zwêne Allamân under eine krône brâht,
daz si daz rîche suln stœren unde wasten.5
ie dar under füllen wir die kasten.
ich hân si an mînen stoc gemennet, ir guot ist allez mîn,
ir tiutschez silber vert in mînen welschen schrîn.
ir pfaffen, ezzent hüenr und trinkent wîn,
unde lânt die tiutschen vasten.‹10

Sagent an, hêr Stoc, hât iuch der bâbest her gesendet

II Sagent an, hêr Stoc, hât iuch der bâbest her gesendet,
daz ir in rîchet und uns Tiutschen ermet unde pfendet?
swenne im diu volle mâze kumt ze Laterân,
sô tuot er einen argen list, als er ê hât getân.
er seit uns danne wie daz rîche stê verwarren,5
unz in erfüllent aber alle pfarren.
ich wæne des silbers wênic kumet ze helfe in gotes lant,
grôzen hort zerteilet selten pfaffen hant.
her Stoc, ir sît ûf schaden her gesant,
daz ir ûz tiutschen liuten suochent tœrinnen unde narren.10

Ich hân gemerket von der Seine unz an die Muore

I Ich hân gemerket von der Seine unz an die Muore,
von dem Pfâde unz an die Trabe erkenne ich ir aller fuore.
diu meiste menige enruochet wie si erwirbet guot.
sol ichz alsô gewinnen, sô gâ slâfen, hôher muot.
guot was ie genæme, iedoch sô gie diu êre5
vor dem guote. nu ist daz guot sô hêre,
daz ez gewalteclîche zuo dem künige sitzen gât,
mit den fürsten zuo dem künige an ir rât.
sô wê dir, guot, wie rœmisch rîche stât!
du bist niht guot: du habest dich an die schande ein teil ze sêre.10

Sît willekomen, hêrre wirt

II ›Sît willekomen, hêrre wirt‹, dem gruoze muoz ich swîgen;
›sît willekomen, hêrre gast‹, so muoz ich sprechen oder nîgen.
wirt und heim sint zwêne unschamelîche namen,
gast und herberge muoz man sich dicke schamen.
noch müeze ich geleben daz ich den gast ouch grüeze,5
sô daz er mir, dem wirte, danken müeze.
›sît hînaht hie, sît morgen dort‹, waz gougelfuore ist daz!
›ich bin heim‹ ode ›ich wil heim‹ daz trœstet baz.
gast und schâch kumt selten âne haz.
Hêrre, büezet mir des gastes, daz iu got des schâches büeze.10

Nu wil ich mich des scharpfen sanges

III Nu wil ich mich des scharpfen langes ouch genieten;
dâ ich ie mit vorhten bat, dâ wil ich nu gebieten.
ich sihe wol daz man hêrren guot und wîbes gruoz
gewalteclîch und ungezogenlîch erwerben muoz.
singe ich mînen höveschen sanc, sâ klagent siz Stollen.5
dêswâr ich gewinne ouch lîhte knollen;
sît si die schalkheit wellen, ich gemache in vollen kragen.
ze Œsterrîch lernde ich singen unde sagen,
dâ wil ich mich alrêrst beklagen.
vinde ich an Liupolt höveschen trôst, so ist mir mîn muot entswollen.10

Liupolt ûz Œsterrîche

IV Liupolt ûz Œsterrîche, lâ mich bî den liuten,
wünsche mîn ze velde und niht ze walde, ich enkan niht riuten.
du wünschest mîn ze walde; ich was bî liuten ie.
du wünschest underwîlent biderbem man dun weist joch wie.
wünschest du mich von in, sô tuost du in leide.5
sælic sî der walt und ouch diu heide,
dâ müezest du mit fröiden leben! wie hâst du sus getân,
daz ich dich an dîn gemach gewünschet hân
und du mich an mîn ungemach? lâ stân!
wis du von dan, lâ mich bî in. sô hân wir wunne beide.10

Die wîle ich drîe hove weiz

V Die wîle ich drîe hove weiz sô lobelîcher manne,
sô ist mîn wîn gelesen unde sûset wol mîn pfanne.
der biderbe patrîarche missewende vrî
der ist ir einer, so ist mîn höfscher trôst zehant dâ bî,
Liupolt, zwir ein fürste, Stîr und Œsterrîche.5
nieman lebt den ich zuo dem gelîche.
sîn lop ist niht ein lobelîn: er mac, er hat, er tuot.
sô ist sîn veter als der milte Welf gemuot,
des lop was ganz, ez ist nâch tôde guot.
mir ist vil unnôt daz ich dur handelunge iht verre strîche.10

Ich bin des milten lantgrâven ingesinde

VI Ich bin des milten lantgrâven ingesinde.
ez ist mîn site daz man mich iemer bî den tiursten vinde.
die andern fürsten alle sint vil milte, iedoch
sô stæteclîchen niht. er was ez ê und ist ez noch.
dâ von kan er baz dan sie dermite gebâren,5
er enwil dekeiner lûne vâren.
swer hiure schallet und ist hin ze jâre bœse als ê,
des lop gruonet und valwet sô der klê.
der Durnge bluome schînet dur den snê.
sumer und winter blüet sîn lop als in den êrsten jâren.10

Man seit mir ie von Tegersê

Man seit mir ie von Tegersê,
wie wol daz hûs mit êren stê.
dar umbe kêrte ich mêr dan eine mîle von der strâze.
ich bin ein wunderlîcher man,
daz ich mich selben niht enstân5
und mich sô vil an frömede liute lâze.
ich schilte si niht, wan got genâde uns beiden.
ich nam dâ wazzer,
alsô nazzer
muost ich von des münches tische scheiden.10

Der Missenære solde

I Der Missenære solde
mir wandeln, ob er wolde.
mînen dienst lâz ich allez varn,
niwan mîn lop aleine.
daz in mîn lop iht meine,5
daz kan ich schône wol bewarn.
lob ich in, sô lob er mich,
des andern alles des wil ich
in minneclîch erlâzen.
sîn lop daz muoz ouch mir gezemen,10
oder ich wil mînez her wider nemen
ze hove und an der strâzen,
sô ich nu genuoge
warte sîner vuoge.

Ich hân dem Mîssenære

II Ich hân dem Mîssenære
gevüeget manic mære
baz danne er nu gedenke mîn.
waz sol diu rede beschœnet?
möht ich in hân gekrœnet,5
diu krône wære hiute sîn.
het er mir dô gelônet baz,
ich diente im aber etewaz;
noch kan ich schaden vertrîben.
er ist aber sô gevüege niht,10
daz er mir biete wandels iht.
dâ lâzen wirz belîben.
wan vil verdirbet
des man niht enwirbet.

Ich hân hêrn Otten triuwe

I Ich hân hêrn Otten triuwe, er welle mich noch rîchen.
wie genam aber er mîn dienest ie sô trügelîchen,
ald waz bestêt ze lônenne des den künic Friderîchen?
mîn forderunge ist ûf in kleiner danne ein bône,
ezn sî sô vil, ob er der alten sprüche wære frô.5
ein vater lêrte wîlent sînen sun alsô,
›sun, diene manne bœstem, daz dir manne beste lône.‹
hêr Otte, ich binz der sun, ir sît der bœste man,
wand ich sô rehte bœsen hêrren nie gewan.
hêr künic, ir sît der beste, sît iuch got des lônes gan.10

Ich wolte hêrn Otten milte

II Ich wolte hêrn Otten milte nâch der lenge mezzen,
dô hât ich mich an der mâze ein teil vergezzen.
wær er sô milt sô lang, er hete tugende vil besezzen.
vil schiere maz ich abe den lîp nâch sîner êre,
dô wart er vil gar ze kurz als ein verschrôten werc,5
miltes muotes minre vil danne ein getwerc
und ist doch von den jâren daz er niht enwahset mêre.
dô ich dem künige brâhte daz mez, wie er ûf schôz!
sîn junger lîp wart beide michel unde grôz.
nu seht waz er noch wahse: erst ieze über in wol risen gnôz.10

Von Rôme voget, von Pülle künic

I Von Rôme voget, von Pülle künic, lât iuch erbarmen,
daz man bî rîcher kunst mich lât alsus armen.
gerne wolde ich, möhte ez sîn, bî eigenem fiur erwarmen.
âhî, wie ich dann sunge von den vogellînen,
von der heide und von den bluomen, als ich wîlent sanc!5
swelch schœne wîp mir gæbe danne ir habedanc,
der lieze ich liljen unde rôsen ûz ir wengel schînen.
kume ich spâte und rîte fruo, ›gast, wê dir, wê‹,
sô mac der wirt wol singen von dem grüenen klê.
die nôt bedenkent, milter künic, daz iuwer nôt zergê.10

Ich hân mîn lêhen

II Ich hân mîn lêhen, al die werlt, ich hân mîn lêhen!
nu enfürhte ich niht den hornunc an die zêhen
und wil alle bœse hêrren dester minre vlêhen.
der edel künic, der milte künic, hât mich berâten,
daz ich den sumer luft und in dem winter hitze hân.5
mînen nâhgebûren dunke ich verre baz getân:
si sehent mich niht mêr an in butzen wîs als si wîlent tâten.
ich bin ze lange arm gewesen âne mînen danc,
ich was sô vol scheltens daz mîn âten stanc.
daz hât der künic gemachet reine, und dar zuo mînen sanc.10

Alrêrst lebe ich mir werde

1 Alrêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge siht
daz reine lant und ouch die erde,
der man sô vil êren giht.
ez ist geschehen des ich ie bat,5
ich bin komen an die stat
dâ got menschlîchen trat.

2 Schœniu lant rîch und hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist duz ir aller êre.
waz ist wunders hie geschehen!
daz ein magt ein kint gebar5
hêre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

3 Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
anders wæren wir verlorn.5
wol dir, sper, kriuze und dorn!
wê dir, heiden! deist dir zorn!

4 Dô er sich wolte über uns erbarmen,
dô leit er den grimmen tôt,
er vil rîch über uns vil armen,
daz wir komen ûz der nôt.
daz in dô des niht verdrôz,5
dâst ein wunder alze grôz,
aller wunder übergenôz.

5 Hinnen fuor der sun ze helle
von dem grabe, da er inne lac.
dêst der vater ie geselle,
und der geist, den nieman mac
sunder scheiden: ez sî ein,5
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

6 Dô er den tievet alsô geschande,
daz nie keiser baz gestreit,
dô fuor er her wider ze lande.
dô huop sich dô der juden leit,
daz er hêrre ir huote brach,5
und daz man in sît lebendic sach,
den ir hant sluoc und stach.

7 Dar nâch was er in deme lande
vierzic tage; dô fuor er dar
dannen in sîn vater sande.
sînen geist, der uns bewar,
den sant er hin wider zehant.5
heilic ist daz selbe lant:
sîn name der ist vor got erkant.

8 In daz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
dâ der weise wirt gerochen
und diu witwe klagen mac
und der arme den gewalt,5
den man hât mit in gestalt.
wol im dort, der hie vergalt!

9 Unsere lantrehter tihten
vristet dâ niemans klage,
wan er wil dâ zestunt rihten,
so ez ist an dem lesten tage.
und swer deheine schulde hie lât5
unverebent, wie der stât
dort da er pfant noch bürgen hât!

10 Ir lât iuch des niht verdriezen
daz ich noch gesprochen hân.
sô wil ich die rede entsliezen
kurzwîlen und ouch wizzen lân,
swaz got mit der welte ie5
wunders hie noch ie begie,
daz huop sich dort und endet hie.

11 Kristen juden und die heiden
jehent daz diz ir erbe sî.
got müeze ez ze rehte scheiden
dur die sîne namen drî.
al diu welt diu strîtet her,5
wir sîn an der rehten ger.
reht ist, daz er uns gewer.

Vil süeze wære minne

1 Vil süeze wære minne
berihte kranke sinne.
got, durch dîn anebeginne
bewar die kristenheit.
dîn kunft ist frônebære5
über al der welde swære.
der weisen barmenære,
hilf rechen disiu leit.
lœser ûz den sünden,
wir gern ze den swebenden ünden.10
uns mac dîn geist enzünden,
wirt riuwic herze erkant.
dîn bluot hât uns begozzen,
den himel ûf geslozzen.
nu lœset unverdrozzen15
daz hêrebernde lant,
verzinset lîp und eigen.
got sol uns helfe erzeigen
ûf den der manigen veigen
der sêle hât gepfant.20

2 Diz kurze leben verswindet,
der tôt uns sündic vindet.
swer sich ze gote gesindet,
der mac der helle engân.
bî swære ist genâde funden.5
nu heilent Kristes wunden,
sîn lant wirt schiere enbunden,
dêst sicher sunder wân.
künigîn ob allen frowen,
lâ werende helfe schowen!10
dîn kint wart dort verhowen,
sîn menscheit sich ergap.
sîn geist müeze uns gefristen,
daz wir die diet verlisten.
der touf si seit unkristen;15
wan fürhtent si den stap
der ouch die juden villet?
ir schrîen lût erhillet.
manic lop dem kriuze erschillet:
erlœsen wir daz grap!20

3 Diu menscheit muoz verderben,
suln wir den lôn erwerben.
got wolde dur uns sterben,
sîn drô ist ûf gespart.
sîn kriuze vil gehêret5
hât maniges heil gemêret.
swer sich von zwîvel kêret,
der hât den geist bewart.
sündic lîp vergezzen,
dir sint diu jâr gemezzen.10
der tôt hât uns besezzen
die veigen âne wer.
nu hellent hin gelîche,
daz wir daz himelrîche
erwerben sicherlîche15
bi duldeclîcher zer.
got wil mit heldes handen
dort rechen sînen anden.
sich schar von manigen landen
des heilegeistes her.20

4 Got, dîn helfe uns sende,
mit dîner zeswen hende
bewar uns an dem ende,
sô uns der geist verlât,
vor helleheizen wallen,5
daz wir dar in ihr vallen.
ez ist wol kunt uns allen,
wie jâmerlich ez stât,
daz hêre lant vil reine,
gar helfelôs und eine.10
Ierusalêm, nu weine,
wie dîn vergezzen ist!
der heiden überhêre
hât dich verschelket sêre.
dur dîner namen êre15
lâ dich erbarmen, Krist,
mit welher nôt si ringen,
die dort den borgen dingen.
daz si uns alsô betwingen,
daz wende in kurzer frist.20

Frô Welt, ir sult dem wirte sagen

1 »Frô Welt, ir sult dem wirte sagen,
daz ich im gar vergolden habe.
mîn grœste gülte ist abe geslagen,
daz er mich von dem briefe schabe.
swer im iht sol, der mac wol sorgen.5
ê ich im lange schuldic wære, ich wolt ez zeinem juden borgen.
er swîget unz an einen tac,
sô wil er danne ein wette hân,
sô jener niht vergelten mac.«

2 »Walther, du zürnest âne nôt,
du solt bî mir belîben hie.
gedenke waz ich dir êren bôt,
waz ich dir dînes willen lie,
als du mich dicke sêre bæte.5
mir was vil inneclîche leit daz duz sô selten tæte.
bedenke dich: dîn leben ist guot.
sô du mir rehte widersagest,
sôn wirst du niemer wol gemuot.«

3 »Frô Welt, ich hân ze vil gesogen,
ich wil entwonen, des ist zît.
dîn zart hât mich vil nâch betrogen,
wand er vil süezer fröiden gît.
dô ich dich gesach reht under ougen,5
dô was dîn schœne an ze schouwen wunderlich al sunder lougen.
doch was der schanden alse vil,
dô ich dîn hinden wart gewar,
daz ich dich iemer schelten wil.«

4 »Sît ich dich niht erwenden mac,
sô tuo doch ein dinc des ich ger.
gedenke an mangen liehten tac,
und sich doch underwîlent her
niuwan sô dich der zît betrâge.«5
»daz tæt ich wunderlîchen gerne, wan daz ich fürhte dîne lâge,
vor der sich nieman kan bewarn.
got gebe iuch, frowe, guote naht.
ich wil ze herberge varn.«

Ir reinen wîp, ir werden man

1 Ir reinen wîp, ir werden man,
ez stât alsô daz man mir muoz
êre und minneclîchen gruoz
nu volleclîcher bieten an.
des habet ir von schulden grœzer reht danne ê:5
welt ir vernemen, ich sage iu wes.
wol vierzec jâr hab ich gesungen unde mê
von minnen und als iemen sol,
dô was ich sîn mit den andern geil.
nu wirt mir sîn niht mêre, ez wirt iu gar.10
mîn minnesanc der diene iu dar,
und iuwer hulde sî mîn teil.

2 Lât mich an eime stabe gân
und werben umbe werdekeit
mit unverzagter arebeit
als ich von kinde han getân,
sô bin ich doch, swie nider ich sî, der werden ein,5
gnuoc in mîner mâze hô.
hazzent daz die nidern, ob mich daz iht swache? nein.
die werden hânt mich deste baz.
diu werde wirde diu ist sô guot,
daz man irz beste lop sol geben.10
ez wart nie lobelîcher leben,
denne swâ man dem ende rehte tuot.

3 Welt, ich hân dînen lôn ersehen,
swaz du mir gîst, daz nimst du mir.
wir scheiden alle blôz von dir,
schame dich, sül mir alsam geschehen!
ich hân lîp und sêle (des was gar ze vil)5
gewâget tûsentstunt dur dich.
nu bin ich alt und hâst mit mir dîn gumpelspil,
und zürne ich daz, sô lachest du.
lache alsô uns eine wîle noch:
dîn jâmertac wil schiere komen,10
und nimt dir daz du uns hâst genomen,
und brennet dich dar umbe iedoch.

4 Mîn sêle müeze wol gevarn!
ich hân zer welte menigen lîp
gemachet frô, man unde wîp,
kunde ich dar under mich bewarn!
lobe ich des lîbes minne, daz ist der sêle leit,5
und giht, ez sî ein lüge, ich tobe.
der wâren minne gibt si ganzer stætekeit,
wie guot si sî, wie si iemer wer.
lîp, lâ die minne diu dich lât,
und habe die stæten minne wert.10
mich dunket, der du hâst gegert,
diu ensî niht visch unz an den grât.

5 Ich hât ein schœne bilde erkorn
und owê, daz ichz ie gesach
und ouch sô vil zuo ime gesprach!
ez hât schœne und rede verlorn.
dâ was ein wunder inne, daz fuor ine weiz war.5
dâ von gesweic daz bilde iesâ.
sîn liljenrôse varwe wart sô karkel var,
daz ez verlôs smac unde schîn.
mîn bilde, ob ich bekerkelt bin
in dir, sô lâ mich ûz alsô10
daz wir ein ander vinden frô,
wan ich muoz aber wider in.

Owê war sint verswunden

1 Owê war sint verswunden alle mîne jâr,
ist min leben mir getroumet, oder ist ez wâr?
daz ich ie wânde daz iht wære, was daz iht?
dar nâch hân ich geslâfen und enweiz es niht.
nu bin ich erwachet und ist mir unbekant5
daz mir hie vor was kündic als mîn ander hant.
liute unde lant, dar ich von kinde bin erzogen,
die sint mir frömde worden reht als ob ez sî gelogen.
die mîne gespiln wâren, die sint træge unde alt.
bereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt,10
wan daz daz wazzer fliuzet als ez wîlent vlôz,
für wâr ich wânde mîn ungelücke wurde grôz.
mich grüezet maniger trâge, der mich bekande ê wol.
diu welt ist allenthalben ungnâden vol.
als ich gedenke an manigen wunneclîchen tac,15
die mir sint enphallen als in daz mer ein slac,
iemer mêre ouwê.

2 Owê wie jæmerlîche junge liute tuont,
den ê vil hovelîche ir gemüete stuont!
die kunnen niuwan sorgen. ouwê wie tuont si sô?
swar ich zer werlte kêre, ist nieman vrô:
tanzen, singen zergât mit sorgen gar.5
nie kristenman gesach jæmerlîche jar.
nu merkent wie den frouwen ir gebende stât!
die stolzen ritter tragent dörpellîche wât.
uns sint unsenfte brieve her von Rôme komen,
uns ist erloubet trûren und fröide gar benomen.10
daz müet mich inneclîchen sêre (wir lebten ie vil wol),
daz ich nu für mîn lachen weinen kiesen sol.
die wilden vogel betrüebet unser klage;
waz wunders ist ob ich dâ von verzage?
waz spriche ich tumber man durch mînen bœsen zorn?15
swer dirre wunne volget, der hât jene dort verlorn,
iemer mêr ouwê.

3 Owê wie uns mit süezen dingen ist vergeben!
ich sihe die bittern gallen mitten in dem honige sweben:
diu Welt ist ûzen schœne, wîz grüen unde rôt,
und innân swarzer varwe, vinster sam der tôt.
swen si nu verleitet habe, der schouwe sînen trôst:5
er wirt mit swacher buoze grôzer sünde erlôst.
dar an gedenkent, ritter, ez ist iuwer dinc!
ir tragent die liehten helme und manigen herten rinc,
dar zuo die vesten schilte und die gewîhten swert.
wolte got, wær ich der sigenünfte wert!10
sô wolte ich nôtic man verdienen rîchen solt.
joch meine ich niht die huoben noch der hêrren golt.
ich wolte selbe krône eweclîchen tragen;
die mohte ein soldener mit sîme sper bejagen.
möhte ich die lieben reise gevarn über sê,15
sô wolte ich denne singen wol unde niemer mêr ouwê.

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