Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters

WALTHER VON DER VOGELWEIDE

<<< Seite 1 | Seite 3 >>>

Lange swîgen, des hât ich gedâht

1 Lange swîgen, des hât ich gedâht ─
nu wil ich singen aber als ê.
dar zuo hânt mich guote liute brâht,
die mugen mir noch gebieten mê.
ich sol in singen unde sagen,5
unde swes si gern, daz sol ich tuon; sô suln si mînen kumber klagen.

2 Hœret wunder, wie mir sî geschehen
von mîn selbes arebeit:
ein wîp, diu wil mich niht ansehen,
die brâht ich in ir werdekeit,
daz ir der muot sô hôhe stât.5
jâ enweiz si niht, swenne ich mîn singen lâze, daz ir werdekeit zergât.

3 Jâ hêrre, waz si nu flüeche lîden sol,
swenne ich nu lâze mînen sanc!
alle die si nu lobent, daz weiz ich wol,
die scheltent danne ân mînen danc.
tûsent herze wurden frô5
von ir genâden; des si lîhte engeltent, scheide ich mich von ir alsô

4 Dô mich des dûhte daz si wære guot,
wer was ir bezzer dô danne ich?
dêst ein ende: swaz si mir getuot,
sô mac si wol verwænen sich,
nimt si mich von dirre nôt,5
ir leben hât mînes lebens êre: sterbet si mich, sô ist si tôt.

5 Sol ich in ir dienste werden alt,
die wîle junget si niht vil.
so ist mîn hâr vil lîhte alsô gestalt,
daz si einen jungen danne wil.
sô helfe iuch got, hêr junger man,5
sô rechet mich und gêt ir alten hût mit sumerlaten an.

Nemet, frowe, disen kranz

1 »Nemet, frowe, disen kranz«,
alsô sprach ich zeiner wol getânen maget,
»sô zieret ir den tanz,
mit den schœnen bluomen, als irs ûfe traget.
het ich vil edel gesteine,5
daz müest ûf iur houbet,
ob ir mirs geloubet.
sênt mîne triuwe, daz ich ez meine.

2 Frowe, ir sît sô wol getân
daz ich iu mîn schapel gerne geben wil,
daz aller beste daz ich han.
wîzer unde rôter bluomen weiz ich vil,
die stênt sô verre in jener heide.5
dâ si schône entspringent
und die kleine vogel singent,
dâ suln wir si brechen beide.«

3 Si nam daz ich ir bôt,
einem kinde vil gelîch daz êre hât.
ir wangen wurden rôt,
sam diu rôse, dâ si bî den liljen stât.
des erschamten sich ir liehten ougen.5
dô neic si mir vil schône.
daz wart mir ze lône,
wirt mirs ihr mêr, daz trage ich tougen.

4 Mich dûhte daz mir nie
lieber wurde, danne mir ze muote was.
die bluomen vielen ie
von dem boume bî uns nider an daz gras.
seht, dô muoste ich von vröiden lachen.5
do ich sô wunneclîche
was in troume rîche,
dô taget ez und muos ich wachen.

5 Mir ist von ir geschehen,
daz ich disen sumer allen meiden muoz
vaste under diu ougen sehen.
lîhte wirt mir einiu, sô ist mir sorgen buoz.
waz ob si gêt an disem tanze?5
frowe, dur iuwer güete
rucket ûf die hüete!
owê, gesæhe ichs under kranze!

Diu welt was gelf, rôt unde blâ

1 Diu welt was gelf, rôt unde blâ,
grüene in dem walde und anderswâ,
die kleinen vogel sungen dâ.
nu schrîet aber diu nebelkrâ.
hât si ihr ander varwe? ja,5
si ist worden bleich und übergrâ.
des rimpfet sich vil manic brâ.

2 Ich saz ûf einem grüenen lê
da entsprungen bluomen und klê
zwischen mir und ienem sê,
der ougenweide was dâ mê.
dâ wir schapel brâchen ê,5
dâ lît nu rîfe und ouch der snê.
daz tuot den vogellînen wê.

3 Die tôren sprechent ›snîa snî‹
und arme liute ›owî owî‹.
des bin ich swære alsam ein blî.
des winters sorge hân ich drî,
swaz der und ouch der andern sî,5
der wurde ich aller schiere frî,
wær uns der sumer nâhe bî.

4 Ê danne ich lange lebt alsô,
ê wolde ich ezzen krebeze rô.
sumer, mache uns aber frô!
du zierest anger unde lô,
mit den bluomen spilt ich dô,5
mîn herze swebt in sunnen hô.
daz jaget der winter in ein strô.

5 Ich bin verlegen als Êsaû:
mîn sleht hâr ist mir worden rû.
süezer sumer, wâ bist dû?
jâ sæhe ich gerne veltgebû.
ê daz ich lange in selher drû5
beklemmet wære als ich bin nû,
ich wurde ê münch ze Toberlû.

Frowe, lânt iuch niht verdriezen

1 »Frowe, lânt iuch niht verdriezen
mîner rede, ob si gefüege sî.
möht ichs wider iuch geniezen,
sô wær ich den besten gerne bî.
wizzent daz ir schœne sît,5
hânt ir, als ich mich verwæne,
güete bî der wolgetæne,
waz danne an iu einer êren lît!«

2 »Ich wil iu ze redenne gunnen
(sprechent swaz ir wænt), ob ich niht tobe.
daz hânt ir mir an gewunnen
mit dem iuwern minneclîchen lobe.
in weiz ob ich schœne bin,5
gerne hete ich wîbes güete.
lêrent mich wie ich die behüete!
schœner lîp der touc niht âne sin.«

3 »Frowe, daz wil ich iuch lêren,
wie ein wîp der welte leben sol.
guote liute sult ir êren,
minneclîch ansehen und grüezen wol.
eime sult ir iuwern lîp5
geben für eigen umb den sînen.
frowe, woltent ir den mînen,
den gæbe ich umb ein sô schœne wîp.«

4 »Beide an schouwen unde an grüezen,
swâ ich mich dar an versûmet hân,
daz wil ich vil gerne büezen.
ir hânt hovelîch an mir getân,
tuont durch mînen willen mê,5
sît niht wan mîn redegeselle.
in weiz nieman dem ich welle
nemen den lîp. ez tæte ime lîhte wê.«

5 »Frowe, lânt mich ez alsô wâgen
─ ich bin dicke komen ûz grœzer nôt ─
unde lânt es iuch niht betrâgen:
stirbe aber ich, sô bin ich sanfte tôt.«
»herre, ich wil noch langer leben.5
lîhte ist iu der lîp unmære.
waz bedorfte ich solher swære,
solt ich mînen lîp umb iuwern geben?«

Ein niuwer sumer, ein niuwe zît

1 Ein niuwer sumer, ein niuwe zît,
ein guot gedinge, ein herzelieber wân,
diu liebent mir en widerstrît,
daz ich noch trôst ze fröiden hân.
noch fröwet mich ein anderz baz5
danne aller vogellîne sanc:
swâ man noch wîbes güete maz,
dâ wart ir ie der habedanc.
daz meine ich an die frowen mîn,
dâ muoz noch mêre trôstes sîn.10
si ist noch schœner danne ein schœne wîp,
die schœne machet lieber lîp.

2 Ich weiz wol daz diu liebe mac
ein schœne wîp gemachen wol,
iedoch swelch wîp ie tugende pflac,
daz ist diu der man wünschen sol.
diu liebe stêt der schœne bî5
baz danne gesteine dem golde tuot.
nu jehet waz danne bezzer sî,
hânt dise beide rehten muot.
si hœhent mannes werdekeit.
swer ouch die süezen arbeit10
dur si ze rehte kan getragen,
der mac von herzeliebe sagen.

3 Der blic gefröwet ein herze gar,
den minneclîch ein wîp an siht.
wie welt ir danne daz der var,
dem ander liep von in beschiht?
der ist eht manger fröiden rîch,5
sô jenes fröide gar zergât.
waz ist den fröiden ouch gelîch,
dâ liebez herze in triuwen stât,
in schœne, in kiusche, in reinen siten?
swelch sælic man daz hât erstriten,10
ob er daz vor den frömden lobet,
sô wizzent daz er niht entobet.

4 Waz sol ein man der niht engert
gewerbes umb ein reine wîp?
si lâze in iemer ungewert,
ez tiuret doch wol sînen lîp.
er tuo dur einer willen sô,5
daz er den andern wol behage,
sô tuot in ouch diu eine frô,
ob im diu ander gar versage.
dar an gedenke ein sælic man,
dâ lît vil sælde und êren an.10
swer guotes wîbes minne hât,
der schamt sich aller missetât.

Dô der sumer komen was

1 Dô der sumer komen was
und die bluomen dur daz gras
wunneclîch entsprungen
und die vogel sungen,
dô kam ich gegangen5
ûf einen anger langen,
dâ ein küeler brunne entspranc.
dur den anger was sîn ganc,
dâ diu nahtegal wol sanc.

2 Ûf dem anger stuont ein boum:
da getroumde mir ein troum.
ich was zuo dem brunnen
gegangen von der sunnen,
daz diu linde mære5
mir dâ schaten bære.
dô ich dâ gesezzen was,
mîner sorge ich gar vergaz,
vil schiere entslief ich umbe daz.

3 Dô bedûhte mich zehant
wie mir dienten elliu lant,
und wie mîn sêle wære
ze himel âne swære,
und doch der lîp solte5
hie leben swie er wolte.
dâ was mir sanfte und niender wê.
got bescheide ez wie ez ergê,
wan bezzer troum enwart nie mê.

4 Gerne wær ich iemer dâ,
wan ein vil unsælic krâ
diu begunde erschrîen.
daz alle krâ gedîen
als ich in des gunne!5
si benam mir michel wunne.
von ir schrîenne ich erschrac,
wan daz dâ kein stein enlac,
ez wær gewesen ir endes tac.

5 Ein vil wunderaltez wîp
diu getrôste mir den lîp.
die begunde ich eiden.
dô begunde si mir bescheiden
waz der troum bediute.5
daz merkent, wîse liute:
zwên und einer daz sint drî.
ouch sô seite si mir dâ bî
daz mîn dûme mîn vinger sî.

Müeste ich noch geleben

1 Müeste ich noch geleben daz ich die rôsen
mit der minneclîchen solde lesen,
sô wold ich mich sô mit ir erkôsen,
daz wir iemer friunde müesten wesen.
wurde mir ein kus noch zeiner stunde5
von ir rôten munde,
sô wære ich an fröiden wol genesen.

2 Waz sol lieblich sprechen? waz sol singen?
waz sol wîbes schœne? waz sol guot?
sît man nieman siht nâch fröiden ringen,
sît man übel âne vorhte tuot,
sît man triuwe milte zuht und êre5
wil verpflegen sô sêre,
sô verzagt an fröiden manges muot.

Mir tuot einer slahte wille

1 Mir tuot einer slahte wille
sanfte und ist mir doch dar under wê.
ich minne einen ritter stille,
dem enmac ich niht versagen mê
des er mich gebeten hât.5
tuon ichs niht, mich dunket daz mîn niemer werde rât.

2 Dicke dunke ich mich sô stæte
mînes willen. sô mir daz geschiht,
swie vil er mich denne bæte,
al die wîle sô enhulfe ez niht.
ieze hân ich den gedanc:5
waz hilfet daz? der muot ist kûme eines tagen lanc.

3 Wil er mich vermîden mêre!
sô versuochet er mich alze vil.
ouwê, des vorhte ich vil ze sêre,
daz ich muoz volgen swes er wil.
gerne het ichz nu getân,5
wan daz ichz im muoz versagen und wîbes êre sol begân.

4 In getar vor tûsent sorgen,
die mich twingent in dem herzen mîn
den âbent unde den morgen,
leider niht getuon den willen sîn.
daz ichz iemer einen tac5
sol gevristen daz ist ein klage diu mir vil nâhe bî dem herzen lac.

5 Sît daz im die besten jâhen
daz er alsô schône kunne leben,
sô hân ich im vil nâhen
eine stat in mîme herzen geben,
dâ noch nieman in getrat.5
si hânt daz spil verlorn und er eine tuot in allen mat.

Hêrre got, gesegene mich vor sorgen

1 Hêrre got, gesegene mich vor sorgen
daz ich vil wunneclîche lebe.
wil mir ieman sîne fröide borgen,
daz im ein ander wider gebe?
die vinde ich vil schiere, ich weiz wol wâ,5
wan ich liez ir wunder dâ,
der ich vil wol mit sinnen
getriuwe ein teil gewinnen.

2 Alle mîn fröide lît an einem wîbe,
der herze ist ganzer tugenden vol
und ist sô geschaffen an ir lîbe,
daz man ir gerne dienen sol.
ich erwirbe ein lachen wol von ir,5
des muoz si gestaten mir.
wie mac siz behüeten?
ich fröiwe mich nâch ir güeten.

3 Als ich under wîlen zir gesitze,
sô si mich mit ir reden lât,
sô benimt si mir sô gar die witze,
daz mir der lîp alumme gât.
swenne ich iezuo wunder rede kan,5
gesiht si mich einest an,
sô hân ichs vergezzen,
waz wolde ich dar gesezzen.

Mich nimet iemer wunder waz ein wîp

1 Mich nimet iemer wunder waz ein wîp
an mir habe ersehen,
dazs ir zouber leit an mînen lîp.
waz ist ir geschehen?
si hât doch ougen;5
wie kumet dazs als übel gesiht?
ich bin aller manne schœnest niht,
daz ist âne lougen.

6 Habe ir ieman ihr von mir gelogen,
sô beschouwe mich baz.
si ist an mîner schœne gar betrogen,
wil si anders niht wan daz.
wie stât mir mîn houbet!5
daz enist niht ze wol getân.
si betriuget lîhte ein tumber wân,
ob siz niht geloubet.

3 Dâ si wont, dâ wonent wol tûsent man
die vil schœner sint
wan daz ich ein lützel fuoge kan,
so ist mîn schœne gar ein wint.
fuoge hân ich kleine,5
doch ist sie genæme wol,
sô daz si vil liuten sol
iemer sîn gemeine.

4 Wil si fuoge für die schœne nemen,
so ist si vil wol gemuot.
kan si daz, sô muoz ir wol gezemen
swaz si mir getuot.
sô wil ich mich neigen5
und tuon allez daz si wil.
waz bedarf sie denne zoubers vil?
ich bin doch ir eigen.

5 Lât iuch sagen, wie ez umbe ir zouber stât,
des si wunder treit.
si ist ein wîp diu schœne und êre hât,
dâ bî liep und leit.
daz si iht anders kunne,5
daz sol man gar verheln,
wan daz ir wunneclîchez leben
machet sorge und wunne.

Ein man verbiutet âne pfliht

1 Ein man verbiutet âne pfliht
ein spil, des im nieman wol gevolgen mac.
er giht, swenne ein wîp ersiht
sîn ouge, si sî sîn ôsterlîcher tac.
wie wære uns andern liuten sô geschehen,5
solten wir im alle sînes willen jehen?
ich bin der eine derz versprechen muoz:
bezzer wære mîner frowen senfter gruoz.
dâ ist mates buoz.

2 Ich bin ein wîp dâ her gewesen
sô stæte an êren und ouch alsô wol gemuot.
ich trûwe ouch noch vil wol genesen,
daz mit solhem stelne nieman keinen schaden tuot.
swer aber küssen hie ze mir gewinnen wil,5
der werbe ez mit vuoge und ander spil.
ist daz ez im wirt iesâ,
er muoz sîn iemer sîn mîn diep, und habe imz dâ
und lege ez anderswâ.

Owê, daz wîsheit unde jugent

1 Owê, daz wîsheit unde jugent,
des mannes schœne noch sîn tugent
niht erben sol, sô ie der lîp erstirbet!
daz mac wol klagen ein wîser man,
der sich des schaden versinnen kan,5
Reimâr, waz guoter kunst an dir verdirbet!
du solt von schulden iemer des geniezen,
daz dich des zages wolte nie verdriezen,
dun spræches ie den vrowen wol mit guoten siten.
des sün si iemer danken dîner zungen.10
und hetest anders niht wan eine rede gesungen,
›sô wol dir, wîp, wie reine dîn nam!‹, du hetest an ir lop alsô gestriten
daz elliu wîp dir iemer genâden solten biten.

2 Dêst war, Reimâr, du riuwest mich
michels harter danne ich dich,
ob du lebtes und ich wær erstorben.
ich wil ez bî mînen triuwen sagen:
dich selben wolt ich lützel klagen;5
ich klage dîn edelen kunst, daz si ist verdorben.
du kundest al der werlte fröide mêren,
sô du ez ze guoten dingen woltes kêren.
mich riuwet dîn wol redender munt und dîn vil süezer sanc,
daz die verdorben sint bî mînen zîten.10
daz du niht eine wîle mohtest bîten!
sô leist ich dir geselleschaft: mîn singen ist niht lanc,
dîn sêle müeze wol gevarn, und habe dîn zunge danc.

Drîe sorge hab ich mir genomen

Drîe sorge hab ich mir genomen,
möht ich der einer zende komen,
sô wære wol getân ze mînen dingen.
iedoch swaz mir dâ von geschiht,
in scheid ir von ein ander niht,5
mir mac an allen drîn noch wol gelingen.
gotes hulde und mîner frowen minne,
dar umbe sorge ich, wie ich die gewinne;
daz dritte hât sich mîn erwert unrehte manigen tac.
daz ist der wunneclîche hof ze Wiene.10
in gehirme niemer unz ich den verdiene,
sît er sô maniger tugende mit sô stæter triuwe pflac.
man sach Liupoltes hant dâ geben, daz si des niht erschrac.

Nieman kan mit gerten

1 Nieman kan mit gerten
kindes zuht beherten.
den man zêren bringen mac,
dem ist ein wort als ein slac.
dem ist ein wort als ein slac,5
den man zêren bringen mac.
kindes zuht beherten
nieman kan mit gerten.

2 Hüetent iuwere zungen,
daz zimt wol den jungen.
stôz den rigel für die tür,
lâ dekein bœse wort dar für.
lâ dekein bœse wort dar für,5
stôz den rigel für die tür,
daz zimt wol den jungen.
hüetent iuwer zungen.

3 Hüetent iuwere ougen
offenbâr und tougen,
lânt si guote site spehen
und die bœsen übersehen.
und die bœsen übersehen5
lânt si guote site spehen.
offenhâr und tougen
hüetent iuwere ougen.

4 Hüetent iuwere ôren,
oder ir sint tôren.
lânt ir bœsiu wort dar in,
daz gunêret iu den sin.
daz gunêret iu den sin,5
lânt ir bœsiu wort dar in.
oder ir sint tôren,
hüetent iuwere ôren.

5 Hüetent wol der drîer
leider alze frîer.
zungen ougen ôren sint
dicke schalchaft, zêren blint.
dicke schalchaft, zêren blint,5
zungen ougen ôren sint.
leider alze frîer hüetent wol der drîer.

6 Nieman ritter wesen mac
drîzec jâr und einen tac,
im gebreste muotes,
lîbes alder guotes.
lîbes alder guotes5
im gebreste muotes,
drîzec jâr und einen tac
nieman ritter wesen mac.

Ich saz ûf eime steine

IIch saz ûf eime steine,
dô dahte ich bein mit beine,
dar ûf satzte ich mîn ellenbogen.
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.5
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer werlte solte leben.
deheinen rât kunde ich mir gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der deheinez niht verdurbe.10
diu zwei sint êre und varnde guot,
der ietwederz dem andern schaden tuot,
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolde ich gerne in einen schrîn.15
jâ leider des mac niht gesîn,
daz guot und weltlich ère
und gotes hulde mêre
in einen schrîn mugen komen.
stîge und wege sint in genomen,20
untriuwe ist in der sâze,
gewalt ist ûf der strâze.
fride und reht sint beidiu wunt.
diu driu habent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.25

Ich hôrte diu wazzer diezen

IIIch hôrte diu wazzer diezen
und sach die vische fliezen.
ich sach swaz in der werlte was,
walt velt loup rôr unde gras.
swaz fliuzet oder fliuget5
oder bein zer erde biuget,
daz sach ich, unde sage iu daz:
deheinez lebet âne haz.
daz wilt und daz gewürme
die strîtent starke stürme,10
alsô tuont die vogel under in,
wan daz si habent einen sin,
si wæren anders ze nihte:
si schaffent guot gerihte.
sie setzent künige und reht,15
und schaffent hêrren unde kneht.
sô wê dir, tiutschiu zunge,
wie stât dîn ordenunge!
daz nu diu mugge ir künic hât,
und daz dîn êre alsô zergât.20
bekêrâ dich, bekêre!
die cirkel sint ze hêre,
die armen künige dringent dich:
Philippe setze den weisen ûf
und heiz si treten hinder sich!25

Ich sach mit mînen ougen

III Ich sach mit mînen ougen
man unde wîp tougen,
dâ ich gehôrte und gesach
swaz iemen tet, swaz ieman sprach.
ze Rôme hôrte ich liegen5
und zwêne künige kriegen.
dâ von huop sich der meiste strît
der ê wart oder iemer sît,
dô sich begunden zweien
pfaffen unde leien,10
dâ was ein nôt vor aller nôt.
lîp unde sêle lac dâ tot.
die pfaffen strîten sêre,
doch wart der leien mêre.
diu swert legten si dâ nîder,15
si griffen an die stôle wider,
si bienen die si wolten
und niht den si solten.
dô stôrte man diu gotes hûs.
dô hôrte ich verre in einer klûs20
vil michel ungebære.
dâ weinde ein klôsenære,
er klagte gote sîniu leit:
›owê, der bâbst ist ze junc,
hilf, hêrre, dîner kristenheit!‹25

Diu krône ist elter

I Diu krône ist elter danne der künic Philippes sî,
dâ mugent ir alle schouwen wol ein wunder bî,
wie si ime der smit sô ebne habe gemachet.
sîn keiserlîchez houbet zimt ir alsô wol,
daz si ze rehte nieman guoter scheiden sol.5
ir dewederz dâ daz ander niht enswachet.
si lachent beide ein ander an,
daz edel gesteine wider den jungen süezen man.
die ougenweide sehent die fürsten gerne.
swer nu des rîches irre gê,10
der schouwe, wem der weise ob sîme nacke stê:
der stein ist aller fürsten leitesterne.

Ez gienc eines tages

II Ez gienc eines tages als unser hêrre wart geborn
von einer maget, die er im ze muoter hât erkorn,
ze Megdeburc der künic Philippes schône.
da gienc eins keisers bruoder und eins keisers kint
in einer wât, swie doch die namen drîge sint.5
er truoc des rîches zepter und die krône.
er trat vil lîse, im was niht gâch,
im sleich ein hôhgehorne küniginne nâch,
rôse âne dorn, ein tûbe sunder gallen.
diu zuht was niener anderswâ:10
die Düringe und die Sahsen dienten alsô dâ,
daz ez den wîsen müeste wol gevallen.

Dô Friderich ûz Œsterrîch alsô gewarp

Dô Friderich ûz Œsterrîch alsô gewarp,
daz er an der sêle genas und im der lîp erstarp,
dô fuort er minen krenechen trit in die erde.
dô gienc ich slîchent als ein pfâwe swar ich gie,
daz houbet hanht ich nider unz ûf mîne knie.5
nu riht ich ez ûf nâch vollem werde.
ich bin wol ze fiure komen,
mich hât daz rîch und ouch diu krôn an sich genomen.
wol ûf, swer tanzen welle nâch der gîgen!
mir ist mîner swære buoz;
êrste wil ich eben setzen mînen fuoz10
und wider in ein hôhgemüete stîgen.

Der in den ôren siech von ungesühte sî

Der in den ôren siech von ungesühte sî,
daz ist min rât, der lâz den hof ze Düringen frî.
wan kumet er dar, dêswâr er wirt ertœret,
ich hân gedrungen unz ich niht mê dringen mac.
ein schar vert ûz, diu ander in, naht unde tac.5
grôz wunder ist, daz iemen dâ gehœret.
der lantgrâve ist sô gemuot,
daz er mit stolzen helden sîne hab vertuot,
der iegeslîcher wol ein kenpfe wære.
mir ist sîn hôhe fuor wol kunt:10
unde gulte ein fuoder guotes wînes tûsent pfunt,
dâ stüent doch niemer ritters becher lære.

Philippe, künic hêre

Philippe, künic hère,
si gebent dir alle heiles wort
und wolten liep nâch leide.
nu hâstu guot und êre,
dar zuo wol zweier künige hort,5
die gip der milte beide.
diu milte lônet sam diu sât,
diu wunneclîche wider gât
dar nâch man si geworfen hât:
wirf von dir milteclîche.10
swelch künic der milte geben kan,
si gît im daz er nie gewan.
wie Alexander sich versan!
der gap und gap, dô gap si im elliu rîche.

Wir suln den kochen râten

Wir suln den kochen râten,
sît ez in alsô hôhe stê,
daz si sich niht versûmen,
daz si der fürsten brâten
snîden grœzer baz danne ê5
doch dicker eines dûmen.
ze Kriechen wart ein spiz versniten,
daz tet ein hant mit argen siten.
si enmoht ez niemer hân vermiten,
der brâte was ze dünne.10
des muose der hêrre für die tür:
die fürsten sâzen an der kür.
der nu daz rîch alsô verlür,
dem stüende baz daz er nie spiz gewünne.

Waz wunders in der werlte vert

Waz wunders in der werlte vert,
wie manic gâbe uns ist beschert
von dem der uns ûz nihte hât gemachet!
dem einen gît er schœnen sin,
dem andern guot und den gewin,5
daz er sich mit sîn selbes guote swachet.
armen man mit guoten sinnen
sol man für den rîchen minnen,
ob er êren niht engert.
ja enist ez niht wan gotes hulde und êre,10
dar nâch diu welt sô sêre vihtet.
swer sich ze guote alsô verpflihtet
daz er beider wirt entwert,
der enhabe ouch hie noch dort niht lônes mêre,
wan sî eht guotes hie gewert.15

<<< Seite 1 | Inhalt home | Seite 3 >>>