Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters

Spervogel

SPERVOGEL

Spervogel ("Sperling", nach 1170?) gehört wie Herger (um 1170) und der junge Spervogel (um 1200 oder später) zu den hochmittelalterlichen, mittelhochdeutschen Sangspruchdichtern. Ihm ordnen jedenfalls die Liederhandschriften des 13. und 14. Jahrhunderts die älteste Sangspruchdichtung zu, während die heutige Forschung Spervogel nur den mittleren Teil des in der Manessischen Liederhandschrift überlieferten Korpus zuweist.
23 gereimte Strophen, zumeist Einzelstrophen, im selben Ton, verwandt mit dem Ton Hergers, sowie die Melodie sind von Spervogel erhalten. Die Strophen enthalten allgemeine Lebensweisheiten und waren meist an eine adlige Zuhörerschaft gerichtet. Quelle


Swer einen friunt wil suochen

Swer einen friunt wil suochen, dâ er sin niht enhât,
und vert ze walde spürn, sô der snê zergât,
und koufet ungeschouwet vil,
und haltet gerne verlorniu spil,
und dienet einem bœsen man, ez ân lôn belibet,5
dem wirt wol afterriuwe kunt, ob erz die lenge tribet.

Swer lange dienet

Swer lange dienet, dâ man dienstes niht verstât,
und einen ungetriuwen mitslüzzel hât,
und einen valschen nâchgebûr,
dem wirt sin spise harte sûr.
ob er sich wil alsô betragen, daz er arman niht verdirbet,5
daz muoz von gotes helfe komen, wan er mit triuwen wirbet.

Sô wê dir, armuot

So wê dir, armuot! du benimst dem man
beidiu witze und ouch den sin, daz er niht wizzen kan.
die friunde getuont sin lîhten rât,
swenne er des guotes niht enhât.
si kêrent im den ruggen zuo und grüezent in wol trâge.5
die wîle daz er mit vollen lebt, hât er holde mâge.

Wan sol den mantel kêren

Wan sol den mantel kêren, als daz weter gât.
ein frömder man der habe sîn dinc, als ez danne stât.
ns leides sî er niht ze dol,
sin liep er schône haben sol.
ez ist hiute mîn, morne dîn: teilet man die huoben.5
vil dicke er selbe drinne lît, der dem andern grebt die gruoben.

Swer mir nu verwizet

Swer mir nu verwîzet, daz ich niht enhân,
gelebe ich iemer, daz ich wol berâten gân,
der muoz ouch mir der bœser sîn.
ich hôrte sagen, daz der Rîn
hie vor in engen vürten vlôz. des muoz ich lônes bîten.5
nu ist er worden alsô grôz, daz in nieman mac gerîten.

Daz ich ungelücke hân

Daz ich ungelücke hân, daz tuot mir wê.
des muos ich ungetrunken gân von einem sê,
dar ûz ein schôner brunne vlôz,
der was michel unde grôz.
dar kam vil der fremden diet, die wurden hôch gesetzet.5
ich bôt dar dicke mînen napf, der wart mir nie genetzet.

Swer den wolf ze hirten nimt

Swer den wolf ze hirten nimt, der vât sîn schaden.
ein wîser man der sol sîn schif niht überladen.
daz ich iu sage, daz ist wâr.
swer sînem wîbe volget dur daz jâr
und er ir rîchiu kleider über rehte mâze koufet,5
dâ mac ein hôchvart von geschehen, daz sîm ein stiefkint toufet.

Wir loben alle disen halm

Wir loben alle disen halm, wand er uns truoc.
vernet was ein schôner sumer und korns genuoc.
des was elliu diu werlt ouch vrô.
wer gesach ie schôner strô?
ez füllet dem rîchen man die schiure und ouch die kiste.5
swanne ez gedienet, dar ez sol, wirt ez aber dan ze miste.

Treit ein rein wîp niht

Treit ein rein wîp niht guoter kleider an,
sô kleidet doch ir tugent, als ich mich kan entstân.
daz si vil wol gebluomet gât,
alsam der liehte sunne hât
an einem tage sînen schîn lûter unde reine.5
swie vil ein valsche kleider treit, doch sint ir êre kleine.

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