Friedrich Rückert

Gesammelte Poetische Werke in zwölf Bänden, Erster Band, 1868
Erste Abtheilung, Lyrische Gedichte, Erstes Buch, Erstes Kapitel
Vaterland, Geharnischte Sonette


Vorklänge

1

Der Gipfel von dem Helikon ist hoch
Erhaben über dem Gebiet der Grüfte;
Doch, wie sein Haupt frei trinket Himmelslüfte,
Mit Füßen steht er auf der Erde doch.

Ich wollte mich entziehn der Erde Joch,
Mich bergend in die höchste seiner Klüfte;
Doch als die Erde schütterte, da prüfte
Ich auch den Stoß dort, wo ich mich verkroch.

Drum will ich länger nicht gleich einem Diebe
Verborgen hier (schon that ich's allzulang),
Umnebeln mich mit geisterhafter Liebe.

Ich will hinunter in des Lebens Drang,
Eingreifen in das irdische Getriebe,
Wo nicht durch Thaten, doch durch irdischern Gesang.


2

Könnt' ich der Zukunft ihren Schleier lüpfen,
Zu sehn dahinter einen, der geboren
Einst werden wird und vom Geschick erkoren,
Des Vaterlandes Fesseln abzustrüpfen!

Wie Geister seinen Lebensfaden knüpfen,
Und seinen Ruhm sich raunen in die Ohren;
Ein Mutterschooß in noch geschlossnen Thoren
Fühlt ungestüm den künft'gen Helden hüpfen!

Gesegnet sei die Brust, die einst ihn säuget,
Die Wiege glückgeschaukelt, die ihn fasset,
Das Auge selig, das ihn siehet lebend!

Noch eh du wardst, hat dich mein Gruß bezeuget;
Und bin ich, wann du wurdest, längst erblasset,
So grüß ich dich, ein Geist, auf Wolken schwebend.


3

Des tröst' ich mich, daß zwar, wenn zu den Thoren
Des Todes fuhr der Mensch, der einzle, nieder,
Er dann sowenig, als die Blume wieder
Heraufgebracht kann sein vom Tanz der Horen;

Daß aber wohl, gleichso wie kahlgeschoren
Ein Baum von neuem treibet seine Glieder,
Ein Vogel treibt von neuem sein Gefieder,
So auch ein Volk kann werden neugeboren.

Du Volk der Deutschen: Phönix sonder gleichen,
Du bist mit Ruhm gealtert ein Jahrtausend,
Doch niemand soll mit Hohn sehn deine Leichen.

Besteig den Holzstoß, nicht vorm Tode grausend!
In Flammen soll dir Schwäch' und Alter weichen,
Und du hervorgehn, neu in Jugend brausend!


4

Du blühetest die schönste aller Eichen,
Germania im tiefsten Kern gesunde;
Als dir der Römer gegenüberstunde,
Konnt' an die Aeste dir sein Speer nicht reichen

Da schlug ein andrer Feind mit listigen Streichen
Dir von der Westseit' eine schwere Wunde,
Hieb von den Aesten manche dir zum Grunde,
Und zimmerte daraus sich Siegeszeichen.

Nun will er gar den ganzen Stamm zerhauen,
Und tröstet dich: »Ich will euch wilde Aeste
Zu einem wohlgefugten Haus verbauen.«

Er baue dich zum schönsten der Paläste,
Doch wird dir kein lebendiger Lenz mehr thauen,
Nicht rauschen wirst du mehr im freien Weste.


5

Ihr Deutschen von dem Fluthenbett des Rheines,
Bis wo die Elbe sich in's Nordmeer gießet,
Die ihr vordem ein Volk, ein großes, hießet,
Was habt ihr denn, um noch zu heißen eines?

Was habt ihr denn noch großes allgemeines?
Welch Band, das euch als Volk zusammenschließet?
Seit ihr den Kaiserscepter brechen ließet,
Und euer Reich zerspalten, habt ihr keines

Nur noch ein einziges Band ist euch geblieben,
Das ist die Sprache, die ihr sonst verachtet;
Jetzt müßt ihr sie als euer einziges lieben.

Sie ist noch eu'r, ihr selber seid verpachtet;
Sie haltet fest, wenn alles wird zerrieben,
Daß ihr doch klagen könnt, wie ihr verschmachtet.


6

Ihr, die der Himmel hat bestellt, als Lichter
Zu leuchten denen, die im Finstern klimmen,
Wie habt ihr also euer Amt zum schlimmen
Mißbraucht, ihr Lehrer, Denker, Forscher, Dichter!

Den Schlaf der Trägheit, aller Kraft Vernichter,
Drin aufgelöst ihr euer Volk seht schwimmen,
Statt es zu wecken draus mit euren Stimmen,
Wiegt ihr's noch mehr in eitle Traumgesichter.

Eins ist uns Noth! Wach sein zum Kampfgewitter.
Wollt ihr nicht mehren selbst der Kämpfer Summe,
Schmelzt sie nur nicht durch's Klimpern eurer Zither.

Hört wohl ein Gott eu'r loses Wortgesumme?
Er hört's, daß er die Lei'r euch schlag' in Splitter,
Und euch schlag' auf den Mund, daß er verstumme.


7

Du Sprachbegabter, o Erzeugter Maias,
Und all' ihr, im Olympos Kronenträger,
Du o Alkid, Herakles, Löwenjäger,
All' ihr Heroen Gräcias und Achaias!

Und ihr Erlesene vom Volk Judaias,
O Moses, steinernen Gesetzes Präger,
O David, auf dem Thron ein Harfenschläger.
Und du, in Nacht ein Gottesblitz, Jesaias!

Und hohe Namen aus Thuiskons Hainen,
Ihr Lieder eurer Barden, o Hermanne,
Ihr Flammen eurer Krieger, o Thusnelden!

Euch alle ruf' ich, daß ihr sollt erscheinen,
Damit mein Volk zu Helden sich ermanne,
Und ich, daß ich ein Sänger sei der Helden.


Geharnischte Sonette

1

Der Mann ist wacker, der, sein Pfund benutzend,
Zum Dienst des Vaterlands kehrt seine Kräfte:
Nun denn, mein Geist, geh auch an dein Geschäfte,
Den Arm mit den dir eignen Waffen putzend.

Wie kühne Krieger jetzt, mit Gluthblick trutzend,
In Reihn sich stellend, heben ihre Schäfte;
So stell' auch Krieger, zwar nur nachgeäffte,
Geharnischter Sonette ein paar Dutzend.

Auf denn, die ihr aus meines Busens Ader
Aufquellt, wie Riesen aus des Stromes Bette
Stellt euch in eure rauschenden Geschwader!

Schließt eure Glieder zu vereinter Kette,
Und ruft, mithadernd in den großen Hader,
Erst: Waffen! Waffen! und dann: Rette! Rette!


2

O daß ich stünd' auf einem hohen Thurme,
Weit sichtbar rings in allen deutschen Reichen,
Mit einer Stimme, Donnern zu vergleichen,
Zu rufen in den Sturm mit mehr als Sturme:

Wie lang willst du dich winden gleich dem Wurme,
Krumm unter deines Feinds Triumphrads Speichen?
Hat er die harte Haut noch nicht mit Streichen
Dir g'nug gerieben, daß dich's endlich wurme?

Die Berge, wenn sie könnten, würden rufen:
Wir selber fühlten mit fühllosem Rücken
Lang g'nug den Druck von eures Feindes Hufen.

Des Steins Geduld bricht endlich auch in Stücken,
Den Götter zum Getretensein doch schufen -
Volk mehr als Stein, wielang darf man dich drücken?


3

Was schmiedst du, Schmied? »Wir schmieden Ketten, Ketten!«
Ach, in die Ketten seid ihr selbst geschlagen.
Was pflügst du, Baur? »Das Feld soll Früchte tragen!«
Ja für den Feind die Saat, für dich die Kletten.

Was zielst du, Schütze? »Tod dem Hirsch, dem fetten.«
Gleich Hirsch und Reh wird man euch selber jagen.
Was strickst du, Fischer? »Netz dem Fisch, dem zagen«
Aus eurem Todesnetz wer kann euch retten?

Was wiegest du, schlaflose Mutter? »Knaben.«
Ja, daß sie wachsen und dem Vaterlande,
Im Dienst des Feindes, Wunden schlagen sollen?

Was schreibest Dichter du? »In Gluthbuchstaben
Einschreib' ich mein und meines Volkes Schande,
Das seine Freiheit nicht darf denken wollen.»


4

Ihr, die ihr klebt an eurem Werkgerüste,
Um Holz und Stein nach eurem Maß zu hauen,
Damit nur jeder lass' ein Werklein schauen
Sich jeder nur als kleiner Schöpfer brüste!

Wann lasset ihr das thörichte Gelüste,
Ein grundlos Nichts auf eurem Sand zu bauen?
Ihr bauet Hüttlein, und es sinkt mit Grauen
Indeß die Veste, Vaterland, in's Wüste.

O sammelt, sammelt euch, zerstreute Haufen,
Legt euer kleines Werkgeräth bei Seiten,
Wollt nicht euch um die Mörtelsteine raufen!

Erst gilt's den Mittelpunkt euch zu erstreiten,
Der Freiheit Grundstein erst gilt's zu erkaufen
Mit Blut; dann baut drauf eure Einzelheiten.


5

Ihr, ernsthaft tummelnd eure Steckenpferde,
Ihr, streitend in der Spiegelfechter Trosse,
Ihr, zielend mit nie treffendem Geschosse,
Ihr, Streiche führend mit papiernem Schwerte!

Und ihr, die ihr euch von der sichern Erde
Auf eurer Musen fabelhaftem Rosse
Gen Himmel spornt, ihr treibt die ärgste Posse,
Ihr seid die räudigsten der ganzen Heerde.

Werft von euch eurer Thorheit bunte Wappen,
Womit ihr prunkt, und greift zu wahren Waffen,
Statt eurer Steckenpferde zäumet Rappen;

Setzt Helme auf statt eurer Narrenkappen,
Seid wahre Männer statt der Götter Affen,
Und, wenn ihr nicht könnt Ritter sein, seid Knappen!


6

Ihr Ritter, die ihr haus't in euren Forsten,
Ist euch der Helmbusch von dem Haupt gefallen?
Versteht ihr nicht den Panzer mehr zu schnallen?
Ist ganz die Rüstung eures Muth's zerborsten?

Was sitzet ihr daheim in euren Horsten,
Ihr alten Adler, habt ihr keine Krallen?
Hört ihr nicht dorther die Verwüstung schallen?
Seht ihr das Unthier nicht mit seinen Borsten?

Schwingt eure Keulen! denn es ist ein Keuler;
Er wühlt, er droht, voll Gier nach schnödem Futter
Stürzt er den Stamm, nicht blos des Stammes Blätter.

Es ist ein Wolf, ein nimmersatter Heuler,
Er frißt das Lamm, er frißt des Lammes Mutter;
Helft, Ritter, wenn ihr Ritter seid, seid Retter!


7

Wenn nicht ein Zaubrer mit Medeas Künsten
Das matte Haupt euch schneidet ab vom Rumpfe,
Eh es in Alterschwäche gar verschrumpfe,
Und neu es füllt mit jungen Lebensdünsten!

Wenn nicht ein Alchymist mit Feuersbrünsten
Ganz eu'r Geschlecht einschmelzt mit Stiel und Stumpfe;
So wächst euch nie aus eurem todten Sumpfe
Die Kraft! denn faul von euch sind selbst die grünsten.

O daß ein schlagender Gewitterfunken,
Vom Einfluß schwanger aller Kraftgestirne,
Euch träfe, die ihr kraftlos seid versunken,

Euch zuckte so durch euer schlaff Gehirne,
Daß ihr neulebend stündet, oder trunken
Ganz niedertaumeltet mit todter Stirne!


8

Sprengt eure Pforten auf, ihr Kaukasusse,
Und speiet Waffen! brecht durch eure Dämme,
Ihr Wolgaströme, macht aus Felsen Schwämme,
Braus't über Deutschland hin in Siegsergusse! - -

Was will auf deinen Feldern denn der Russe,
Deutschland? dir beistehn! Hast du keine Stämme
Im eignen Wald mehr, dich zu stützen? Memme,
Daß du nicht stehn kannst, als auf fremdem Fuße.

Du, die du liegst am Boden ausgestrecket,
Du stehst nicht auf in kräft'ger Selbstaufraffung,
Ein fremder Retter hat dich aufgeschrecket.

Wird er durch seines nord'schen Armes Straffung,
Dein Siechthum kräft'gen, oder angestecket
Auch selbst von dir heimtragen die Erschlaffung?


9

Du kalte Jungfrau mit der Brust von Schnee,
Auf, Russia, schüttle deine starren Röcke,
Daß Frost davon stieb' auf die Bienenstöcke
Dort und ertränke sie in kaltem See!

Und du. Hispania. Schäf'rin Galatee,
Treib aus zur Trift den kühnsten deiner Böcke
Durch's Thor der Pyrenäen, daß er blöcke
Und sich ersätt'ge dort im fetten Klee!

Fruchtgarten Gallien, blühendstes Hesperien,
Wähl', willst du unter ungeheuren Flocken
Sein eingeschneit? die sendet dir Siberien.

Wähl' willst du von versengenden Siroccen
Sein ausgedorrt? die sendet dir Iberien.
Frost oder Gluth, was wählst du? Beid's macht trocken.


10

Vom Himmel laut ruft Nemesis Urania:
Auf, denn heut soll die Löwenjagd beginnen;
Das Frühroth blutet! Auf, ihr Jägerinnen,
Auf, erste Schützin meines Hains, Germania!

Auf, Russia! auf, Borussia! auf, Hispania!
Doch nein, euch ruf' ich nicht, ihr steht schon drinnen;
Du Austria, schau nicht müßig von den Zinnen!
Was säumst du, Suecia? was entweichst du, Dania?

Auf, Jägerinnen, in vereintem Heere!
Der Löw', der meine Heerden frißt, soll bluten;
Mischt euer Feldgeschrei, mischt eure Speere!

Fortgeißeln sollen heut ihn eure Ruthen
Vom festen Land, und will er fliehn zum Meere,
So treff' ihn Albions Dreizack aus den Fluthen.


11

Seejungfrau, spielende mit Aeols Schlauche,
Die du des Continents gethürmte Flotten
Von deines Meeres Antlitz wegzuspotten
Vermagst mit einem deiner stolzen Hauche;

Dein Odem schürt, wie unterm Kesselbauche,
Von Heklas Klüften bis zu Aetnas Grotten,
Ein Feu'r, das siedet, wie noch keins gesotten,
Und du, zusehend, freuest dich am Rauche.

Denn du bist sicher zwischen Felsenzacken,
Nicht sorgend, daß durch deine Ozeane
Des Feuers Gluth ein Haar dir seng' am Nacken.

Nur zu! Rühr' mit dem ungeheuren Spane
Den Kessel um! Blas' drein mit vollen Backen!
Wirf Holz in unsern Brand aus deinem Kahne!


12

Der blutdurchwirkte Vorhang ist gehoben,
Das Schicksal geht an seine Trauerspiele;
Der ernsten Spieler sind berufen viele,
Vielfach an Art und bunt an Garderoben.

Denkt ihr, den Kämpfern auf der Bühne droben
So zuzusehn von eurer niedern Diele?
Mit Stirn und Händen ohne Schweiß und Schwiele
So zuzusehn, zu tadeln und zu loben?

Mitnichten! Ihr seid auch zum Spiel berufen;
Wer Arme hat, hinauf, sie drein zu mischen!
Braucht ihr Zuschauer? die auch sind gerufen.

Der Väter Geister schauen aus den Nischen
Walhalla's drein, und werden Beifall rufen
Dem braven Spieler, und dem schlechten zischen.


13

Es steigt ein Geist, umhüllt von blankem Stahle,
Des Friedrichs Geist, der in der Jahre sieben
Einst that die Wunder, die er selbst beschrieben,
Er steigt empor aus seines Grabes Male,

Und spricht: »Es schwankt in dunkler Hand die Schale,
Die Reiche wägt, und meins ward schnell zerrieben.
Seit ich entschlief, war Niemand wach geblieben;
Und Roßbachs Ruhm ging unter in der Saale.

»Wer weckt mich heut und will mir Rach' erstreiten?
Ich sehe Helden, daß mich's will gemahnen,
Als säh' ich meine alten Ziethen reiten.

»Auf, meine Preußen, unter ihre Fahnen!
In Wetternacht will ich voran euch schreiten,
Und ihr sollt größer sein als eure Ahnen.«


14

Nennt es so lang's euch gut dünkt, nennt's Verschwörung,
Wenn Männer schwören, Männer sein zu wollen;
Wenn Liegende was sie längst hätten sollen,
Empor sich endlich raffen, nennt's Empörung!

Ich nenn's an euch die tiefste Selbstbethörung,
Die tollste Tollheit nenn' ich's aller Tollen,
Daß ihr könnt eurem eignen Volke grollen,
Das sich und euch will ziehn aus der Zerstörung.

Euch müsse funkeln weder Stern noch Sonnen,
Des Himmels Flamme leck' euch weg wie Mücken,
Der Abgrund schling euch ein in seine Tonnen.

Krumm geht auf ewig mit dem knecht'schen Rücken,
Und hat eu'r Volk sein Diadem gewonnen,
Soll's eure Stirn mit einem Brandmal schmücken.


15

Nicht schelt' ich sie, die mit dem fremden Degen
Zerfleischen meines Busens Eingeweide;
Denn Feinde sind's, geschaffen uns zum Leide,
Wenn sie uns tödten, wissen sie weswegen.

Allein was sucht denn ihr auf diesen Wegen?
Was hofft denn ihr für glänzend Ruhmgeschmeide,
Ihr Zwitterfeinde, die ihr eure Schneide,
Statt für das Vaterland, sie hebt dagegen!

Ihr Franken und ihr Bayern und ihr Schwaben!
Ihr, Fremdlingen Verdungene zu Knechten!
Was wollt ihr Lohns für eure Knechtheit haben?

Eu'r Adler kann vielleicht noch Ruhm erfechten,
Doch sicher ihr, sein Raubgefolg', ihr Raben,
Erfechtet Schmach bei kommenden Geschlechten.


16

Bei Gott! Wenn euch nicht ganz die Sinne blenden,
Nicht Mord und Gier das Aug' euch ganz umfloren;
So thut es auf, seht, wo ihr steht, ihr Thoren,
Und wendet euch, weil's noch ist Zeit zu wenden.

Nach wem wollt ihr die gift'gen Pfeile senden?
Wen wollt ihr mit dem blut'gen Schwert durchbohren?
Uns! Welche Mutter hat denn uns geboren,
Und welche trug denn euch in ihren Lenden?

Nicht Eine? Wollt ihr Bruderblut verspritzen?
O haltet ein, seht unsre Arme offen,
Seht euch sich senken unsrer Schwerter Spitzen.

Trefft nicht, wo's euch muß reun, wenn ihr getroffen!
O wollt ihr treffen, trefft mit uns gleich Blitzen
Dort die, von deren Fall ihr Ruhm könnt hoffen.


17

Ihr Knaben, die ihr könnt auf Bäume klettern,
Freiheit ist Baum, deß Kranz ihr sollt erringen;
Ihr Buben, die ihr könnet Dirnen zwingen,
Freiheit ist Braut, erzwingt sie euch in Wettern.

Macht Schild' aus eurer Hütten morschen Brettern,
Aus eurer Wände Nägeln machet Klingen,
Nehmt Glocken, die zum Festtag wollen klingen,
Und lehret sie als Feuerschlünde schmettern.

Ihr Säuglinge in eurer stummen Wiege,
Lernt rufen, eh' sich euch gelöst die Zungen,
Und euer erster Ruf sei: Siege! Siege!

Ruft drein ihr Todten mit lebend'gen Lungen
Aus eurer Gruft: Nur dem, wer fällt im Kriege,
Sei, wenn er kommt, von uns Willkomm gesungen.


18

Habt ihr gehört von jenem Pfahl der Schande,
(Hast, ihn zu stürzen, Himmel, keine Blitze?)
Den euer Feind in seines Babels Sitze
Hat aufgerichtet an der Seine Strande?

Von jenem Obelisk, an dessen Rande,
Vom Fußgestell bis hoch an seine Spitze,
In stein'ren Feldern alle Austerlitze
Stehn, alle Schmachen eurem Vaterlande?

Auf, Deutsche, auf, aus allen euren Gauen!
Was säumet ihr, mit wüthendem Geheule
Zu stürmen, mit verzweifeltem Vertrauen?

Schwingt wie die alten Väter eure Keule,
Und schlagt, daß sie kein Gott kann wieder bauen,
In Stücken eure Schmach und ihre Säule!


19

Dich möcht' ich sehn, der du in dumpfem Zorne
Jetzt, alter Rhein, ziehst deine Fluthenbahnen
Meerniederwärts, da dich zum Unterthanen
Dem Fremdling zwang das Schicksal, das verworrne;

Dich möcht' ich sehn, wann über deinem Borne
Du einst des ersten deutschen Heerzugs Fahnen
Siehst wieder flattern, und im Freiheitsahnen
Dich richtest auf mit neugewachs'nem Horne;

Und rufst mit lautem Ruf aus deinem Schilfe
Den Deinen zu, ein weitvernommner Rufer:
Auf, ihr Tritonen, auf, ihr Knechtschaftsdulder!

Herbei ihr alle zu vereinter Hilfe!
Siegjauchzend tragt mir an das linke Ufer
Das erste deutsche Schiff auf eurer Schulter!


20

Es stieg ein trüber Nebelwind vom Rheine,
Auf dessen Fitt'gen kam herangeflogen
Ein Nachtgewölk am deutschen Himmelsbogen,
Darob verfinstert wurden alle Haine.

Die Freiheit, die im Maiensonnenscheine
Lustwandeln ging an den krystallnen Wogen,
Sah's und erschrak, und flüchtete betrogen
Zur tiefsten Grotte, daß sie einsam weine.

Nun hat ein starker Nordwind sich erhoben,
Und hat mit scharfem Grimm das nebelgraue
Gewölk zurück vom Horizont geschnoben.

Nun auf, o Freiheit, deutsche Jungfrau, schaue
Getrost du wieder, wie vordem, nach oben,
Aus blauem Aug' empor zum Himmelsblaue.


21

Frau'n Preußens, nehmt für eure Opfergaben
Das Opfer an des Lieds, das ich euch bringe,
Ihr, die ihr gabt vom Finger eure Ringe,
So wie ihr gabt vom Busen eure Knaben

Dem Vaterland! in Erzschrift sei gegraben
Eu'r Preis, daß ihn kein Mund der Zeit bezwinge!
Des Ruhms, den eurer Männer blut'ge Klinge
Erfechten wird, sollt ihr die Hälfte haben.

Denn wenn sie selbst, im Sturm des Feindes, Wunden
Erbeuteten, so habt ihr mit dem Kleide
Von euren Schultern ihnen sie verbunden;

Und wenn der Freiheit Tempel aus dem Leide
Neu steigt durch sie, so soll's die Welt erkunden,
Daß, ihn zu schmücken, ihr gabt eu'r Geschmeide.


22

Nicht mehr das Gold und Silber will ich preisen:
Das Gold und Silber sank herab zum Tande,
Weil würdiglich vom ernsten Vaterlande
Statt Golds und Silbers ward erhöht das Eisen.

Wer Kraft im Arm hat, geh', sie zu beweisen,
Ein Eisenschwert zu schwingen ohne Schande,
Es heim zu tragen mit zerhaunem Rande,
Und dafür zu empfahn ein Kreuz von Eisen.

Ihr goldnen, silbren Ordenszeichen alle,
Brecht vor dem stärkeren Metall in Splitter,
Fallt, denn ihr rettetet uns nicht vom Falle;

Nur ihr, zukünft'ge neue Eisenritter,
Macht euch hinfort zu einem Eisenwalle
Dem Vaterlandm das Kern jetzt sucht statt Flitter.


23

Wir schlingen unsre Händ' in einen Knoten,
Zum Himmel heben wir die Blick' und schwören;
Ihr alle, die ihr lebet, sollt es hören,
Und wenn ihr wollt, so hört auch ihr's, ihr Todten.

Wir schwören: Stehn zu wollen den Geboten
Des Lands, deß Mark wir tragen in den Röhren;
Und diese Schwerter, die wir hier empören,
Nicht eh'r zu senken, als vom Feind zerschroten.

Wir schwören, daß kein Vater nach dem Sohne
Soll fragen, und nach seinem Weib kein Gatte,
Kein Krieger fragen soll nach seinem Lohne,

Noch heimgehn, eh der Krieg, der nimmersatte,
Ihn selbst entläßt mit einer blut'gen Krone,
Daß man ihn heile, oder ihn bestatte!


24

»Der ich gebot von Jericho den Mauern:
Stürzt ein! und sie gedachten nicht zu stehen;
Meint ihr, wenn meines Odems Stürme wehen,
Die Burgen eurer Feinde werden dauern?

»Der ich ließ über den erstaunten Schauern
Die Sonne Gibeons nicht untergehen;
Kann ich nicht auch sie lassen auferstehen
Für euch aus eurer Nacht verzagtem Trauern?

»Der ich das Riesenhaupt der Philistäer
Traf in die Stirn, als meiner Rache Schleudern
Ich in die Hand gab einem Hirtenknaben; -

»Je höh'r ein Haupt, je meinen Blitzen näher!
Ich will aus meinen Wolken so sie schleudern,
Daß fällt, was soll, und ihr sollt Friede haben.


25

Der du noch jüngst durch deines Ruhms Posaunen
Ausrufen ließest vor Europa's Ohre:
»Gehört nun haben Asia's Felsenthore
Meines Geschützes Donner auch mit Staunen!«

Nun da du dein Geschütz mit abgehau'nen
Gesträngen lässest stehn in Eis und Moore,
Dein Donnerwerkzeug bricht gleich schwachem Rohre;
Statt Donners blitze nun mit Augenbraunen.

Du hast gedacht die Erde zu erschüttern,
Wie Zeus den Himmel, wenn er regt die Locken;
Ich aber will es sagen deutschen Müttern,

Daß sie, wenn sie sich setzen an den Rocken,
Es sagen, oder wenn sie Kinder füttern:
Der große Donnrer ist nun auch erschrocken.


26

Ich muß, um eure Mattigkeit zu stählen,
Weil ihr schon wieder an zu zagen fanget,
Euch nur vom Feind, vor dessen Stahl ihr banget,
Eins von den Wundern, die er that erzählen.

Welch's denn soll ich von seinen Wundern wählen?
Weil ihr so gern an dem, was neu ist, hanget,
Wähl' ich sein neustes, das so herrlich pranget,
Daß er drob heut noch mag dem Himmel schmälen.

Euch in eu'r kurz Gedächtniß will ich rufen
Den Wunderzug des Heeres jener Stolzen,
Das siegreich zog gen Norden, unberufen,

Bis an ein Ziel, wo, nach verschoss'nen Bolzen,
Es wieder heimging, mit erfrornen Hufen,
Die schmählich, bis es kam zum Süden, schmolzen.


27

Hoch auf des Nordens schneebedeckten Wachten,
Im altergrauen Reich der Moskowitter,
Stand ein Fantom, der Ruhm, der seine Flitter
Dir hielt entgegen, die dich lüstern machten;

Daß du, gewohnt, nicht Widerstand zu achten,
Aufbietend deines Heeres Ungewitter,
Dorthin dich spornend, brachest durch die Gitter
Der Feinde, die für jetzt zu weichen dachten;

Aus Leichen bauend deine Siegesbrücke,
Von Stadt zu Stadt fort und von Strom zu Strome,
Nur vorwärts schauend immer, nie zurücke;

Umnebelt immer von dem Trugfantome;
Bis es schwand plötzlich, und des Schicksals Tücke
Hell vor dir stand im Brand von Moskows Dome-


28

Seht her, ihr ew'ger Knechtschaft Unterlieger,
Zu Moskows ungeheuren Flammenscheiten,
Und lernt, ihr Deutschen, wie ihr müsset streiten,
Wenn ihr wollt werden auch des Siegers Sieger.

Ihr, die ihr, Menschen bleibend auch als Krieger,
Die Kriege noch wollt führen wie vorzeiten,
Und nicht bedenkt, daß da die Menschlichkeiten
Nicht sind am Platze, wo der Feind ist Tiger.

Geschrieben stand's, daß die Barbarenheere,
Die euch mit ungestraftem Fuß zertraten,
Nur fallen sollten vom Barbarenspeere.

Ihr aber, laßt vom Beispiel euch berathen,
Euch, wenn nicht mehr will fruchten and're Wehre,
Zu wehren durch großart'ge Greuelthaten.


29

Von Moskow' nach Paris ist manche Meile,
Wie viele? mögt ihr zählen und mir sagen;
Dann sag' ich euch auch, in wie wenig Tagen
Den Weg man macht, wenn man ihn macht in Eile,

Wie der Gewalt'ge, der gleich einem Pfeile
Vom Glück geschnellt, auf seinem Siegeswagen
Ihn erst hinein macht', und zurückgeschlagen
Dann ihn heraus macht' in noch kürzrer Weile.

Denn statt im Wagen, macht' er ihn im Schlitten,
Der unterweges ihm wär' angefroren,
Wenn er nicht wäre gar so schnell geglitten.

So kam er dann zu seiner Hauptstadt Thoren,
Um selbst allda in seines Rathes Mitten
Es kund zu thun, wie er sein Heer verloren.


30

Habt ihr mit Vorbedacht von eurem Rheine,
Da ihr euch rüstetet zum Siegeszuge,
Nächst Schwert und Blei noch mitgeführt als kluge
Erobrer Pflug und Mühl' in Rußlands Haine?

Als dächtet ihr in dauerndem Vereine
Zu siedeln zwischen Moskow und Kaluge?
Geht nun und pflügt Eisschollen mit dem Pfluge!
Geht nun und mahlt mit euren Mühlen Steine!

Habt ihr das Feld nicht g'nug mit eurem Blute
Gedüngt daß es euch Erndte könnte tragen?
Es trägt euch Erndt' auch, aber keine gute;

Das Elend trägt es euch, daß es zu Klagen
Selbst Feinde zwingt, und ihm, daß eh'rne Ruthe
Dazu euch treibt, trägt's was? Ich wills nicht sagen.


31

Auf, ihr »verachtungswürd'gen« Reutereien,
Kosacken, laßt nicht stocken eure Gaule,
Daß euer Feind, der nicht im Laufen faule,
Nicht sage jetzt, daß eure Ross' es seien.

Auf, rollt durch eure weiten Wüsteneien
Euch wachsend fort gleich einem Flockenknaule,
Um ihn, der schon verschneit ist bis zum Maule,
Mit euren Hufen vollends einzuschneien.

Du alter Graukopf, dem statt Stab und Krücke,
Die Schenkel deines Rosses dienen müssen;
Wenn du nach Warschau kommst zur Weichselbrücke,

Da schüttl' einmal den Staub dir von den Füßen,
Dann eh'r nicht wieder, bis in einem Stücke
Du vor Paris hältst an der Seine Flüssen.


32

Ihr Flüchtlinge mit bleicher Hungerbläue
Im Angesicht, lebend'ge gleich den Todten,
Die, wenn ihr habt dem Winter Trotz geboten,
Am Sommer doch noch welken müßt gleich Heue.

Geht heim in euer Land, daß es sich freue,
Wenn es ankommen sieht die Jammerboten;
Sagt ihm: die alten sind nun aufgeschroten,
So förd're dich, und sende dafür neue!

Und hast du keine Männer mehr zu senden,
So sende denn die Weiber von der Spule,
Und Knaben mit noch unbehaarten Lenden,

Daß sie frühzeitig in des Elend's Schule
Geh'n und vergeh'n, wozu? daß, Blut an Händen,
Ein Korse sitz' auf Frankreichs Königsstuhle.


33

Weit g'nug hat der Kosack' und der Baschkire,
Durch einen Jagdstrich, einen ungeheuern,
Gejagt den Feind, den scheuen, immer scheuern,
Ihr Preußen, bis in euere Reviere.

Laßt ihn absatteln nun die müden Thiere,
Und gebt den Jägern Ruh an euren Feuern,
Bringt euer letztes Korn aus euren Scheuern,
Holt aus den Ställen eure letzten Stiere,

Und schlachtet sie, daß sie einmal sich laben,
Dann schnell aufsitzen, ihres Wegs zu reiten,
Den Feinden nach, die kurzen Vorsprung haben.

Und seid ihr selbst noch Schützen, wie vorzeiten,
So stoßt zu ihnen, und, könnt ihr nicht traben
Wie sie zu Roß, mögt ihr zu Fuß nur schreiten.


34

Horch auf, Berlin, horch auf mit deinen Ohren,
Die lang schon hörten keine Freudenkunde;
Ein andrer Tag bringt eine andre Stunde,
Die Freudenbotschaft steht vor deinen Thoren.

Wer sie dir bringt, ist fern von dir geboren,
Doch, wenn du's willst, ist er mit dir im Bunde.
Horch! hören könntest du schon in der Runde
Sein Sporngeklirr, ritt' er nicht ohne Sporen.

So kannst du hören doch sein Roßgewieher,
Und wenn dein Aug' ihn noch, den Freund, nicht sähe,
So kann es doch schon sehn den Feind, den Flieher.

Auf, feiert betend höchster Rettung Nähe!
Sie kommt, und macht euch, staubgebückte Knieer,
Zu Stehern unter Waff' und auf Trophäe.


35

Wir haben lang mit stummem Schmacherröthen
Geblickt auf uns und unsres Landes Schande,
Zu dir aufhebend unsres Armes Bande!
Wie lang, Herr, willst du sie noch fester löthen?

Jetzt willst du dich, o Retter in den Nöthen,
Erbarmen wieder über deinem Lande;
Die Rettung kommt, sie kommt im Städtebrande
Von dir, sie kommt in blut'gen Morgenröthen,

O Herr, vom Schweren kann nur Schweres lösen,
Und wir sind schwergebückt in unserm Staube;
O eile du die Kraft uns einzuflößen

Zum Auferstehn! Laß nicht dem Sturm zum Raube
Uns werden in der Rettung Sturmgetösen;
Panier sei Hoffnung, unser Schild dein Glaube!


36

Borussia! gelegt in schwere Stricke
Wardst du, als dich der Herr im Zorn gerichtet;
Jetzt hat er seinen Zorn mit dir geschlichtet,
Und deine Bande schlottern am Genicke.

Borussia! in diesem Augenblicke
Ist Deutschlands ganzes Aug' auf dich gerichtet;
Denn nicht ist zwischen dir und ihm vernichtet
Das alte Blutband, deins ist sein Geschicke.

Borussia! du hast einst deutschen Ländern
Ein Beispiel selbst verschuld'ten Unterliegens
Gegeben, preisgegeben dich den Schändern.

Jetzt gib ein Beispiel Fallens oder Siegens;
Auf, und greif nach des Kriegsglücks dunklen Pfändern
Keck mit dem Wahlspruch: Gottes Hände wiegen's!


37

Der Himmel schlägt die Feinde selbst mit Blindheit,
Daß sie mit blödem Auge nicht erkennen,
Wie bald gereift sein wird für blut'ge Tennen
Die Saat, die jetzt noch sproßt in stiller Kindheit.

Wie bald ein Feu'r, das jetzt noch mit Gelindheit
In Asche glimmt, wird offnen Muthes brennen,
Sich spannen werden schon gezuckte Sennen
In furchtbar einverstandner Gleichgesinntheit.

Es wühlt im Dunkeln, wie's gewühlt schon lange,
Es gährt gewaltig, wie's noch nie gegohren,
Und bis zum hellen Ausbruch ist's nicht lange.

Das Kind des Schreckens ruft, noch ungeboren,
Aus Mutterleib: Ich bin bereit zum Gange!
Wer ist's, wer bringt mich zu des Lebens Thoren?


38

Der alte Fritz saß drunten in den Nächten,
Auf einem Thron aus Thatenglanz gewoben,
Und dachte, weil den Busen Seufzer hoben,
An sein einst freies Volk, das ward zu Knechten.

Da kam, solange von des Schicksals Mächten
Im ird'schen Stand des Lebens aufgehoben,
Sein alter Bruder kam jetzt her von droben,
Den sah er und hub an: Will Preußen fechten?

Der aber sprach mit Siegesglanz im Blicke:
Ich komme dir als Bote, daß erschienen
Nun ist die Stunde, wo es bricht die Stricke.

Da sprang der alte König auf mit Mienen,
Als ob er selbst zu neuem Kampf sich schicke,
Und sprach: »Jetzt will ich wieder sein mit ihnen.«


39

»Das Schwert, das Schwert, das ich in meinen Tagen
Geschwungen, ich vergaß in wieviel Schlachten,
Das Schwert, ob dessen Klang nicht Feinde lachten,
Als sie bei Roßbach und bei Lissa lagen!

»Das Schwert! Wer nahm's von meinen Sarkophagen?
Weß sind die Hände, die so keck sich machten,
Daß sie von dort zu seiner Schmach es brachten
Dahin, wo Niemand ist, der es kann tragen?

»Ihr Söhne Preußens aus dem West und Oste!
Wieviel der Schwerter könnt ihr aus dem Frieden
Noch ziehn, die nicht gefressen sind vom Roste?

»Und könnt ihr Schwerter eilig g'nug nicht schmieden,
So nehmt nur Hack' und Sens', und, was es koste
Holt mir mein Schwert her von den Invaliden!«


40

Es ist vor uns in einer ungeheuern
Geburt der Zeit ein Werk emporgesprossen,
Ein Riese gleich dem rhodischen Kolossen,
Durch dessen Füß' einst Schiffe konnten steuern.

Wir haben wohl gesehn, bei welchen Feuern
Das Erz geschmelzt, das Bildnis ward gegossen;
Doch ist sein Wuchs so hoch emporgeschossen,
Daß seinen Blick ihr nicht erreicht mit euern.

Wir sind, im Schiff der Gegenwart befangen,
Noch eingeschlossen zwischen seinen Beinen,
Stets sorgend, daß uns nicht der Ries' erdrücke.

Wird erst das Schiff ein Weilchen sein gegangen,
Dann aus der Ferne wird es recht erscheinen,
Welch hohes Wunder diesen Schauplatz schmücke.


41

Ihr deutschen Wälder rauscht in euren Frischen;
Und schüttelt eure Locken unverwirret;
Die Taub' ist's, die in euren Schatten girret;
Der Geier, der sie scheucht, hat ausgekrischen,

Und ihr, o deutsche Ströme, braust dazwischen;
Ihr dürft die Silbergleise ungeirret
Nun wieder ziehn; die Rosse sind entschirret,
Die streitig machten eure Fluth den Fischen.

Ihr deutschen Auen, künftig unzertreten,
Ihr sollt jetzt Schaaren tragen dichter Aehren,
Nicht starre Saaten mehr von Speer und Spießen;

Und nicht der Tod als Schnitter sei gebeten,
Und nicht die Ernte soll von Blut und Zähren,
Vom Thau des Friedens soll sie überfließen.


42

Hast du gedacht im alten Reich der Czaren,
Weil lang kein Czar dort saß auf seinem Throne,
Selbst darauf sitzend, dich zu ihrem Lohne
In neuer Pracht zu zeigen deinen Schaaren?

Die aber dachten dir den Gang zu sparen,
Die, da du Scepter, Purpurkleid und Krone
Schon richtetest, anzündeten zum Hohne
Die eigne Stadt, dafür sind sie Barbaren!

Ihr mögt nur schelten ihre Barbareien;
Ich weiß nicht, ob euch selbst wohl klein mag deuchten,
Was groß euch traf, doch will ich prophezeien:

Brandstätten kann der Himmel wieder feuchten,
Doch Moskau's Brand, Flammbeispiel allen Freien,
Wird fort durch alle Weltgeschichten leuchten.


43

Ja freilich nicht allein vom Menschenwitze
Ist solches Machtwerk ausgeführet worden;
Ja anzurichten solch ein großes Morden,
Hat nicht genüget ird'scher Krieger Spitze.

Es hat der Herr von seines Himmels Sitze
Selbst seinen Grimm herabgesandt zum Norden
Der dort durch Kälte fressen mußte Horden,
Wie er ein andersmal es muß durch Hitze.

Lobsingt, ihr Steppen, menschenblutgeröthet!
Ihr, die gedrängte Feindesleichen stopfen,
In euren Röhren, Berezinen, flötet!

Laß, Russia, höher deine Schneebrust klopfen,
Und zähl', wie viel der Feinde du getödtet,
An deiner weißen Kleider rothen Tropfen.


44

Wer sind die Jünglinge, die mit unwill'gen
Gluthblicken über ihren Feind, den Buben,
Von ihren Sitzen plötzlich sich erhuben,
Dem Vaterland sich bietend zu Freiwill'gen?

Sie kommen, o ein Tausch jetzt hoch zu bill'gen,
Sie kommen aus der Musen stillen Stuben,
Wo sie in ernster Weisheit Schachten gruben,
Und wollen jetzt im Feld sich pflücken Lil'gen.

O würd'ges Schauspiel, o erhabene Scenen,
O wahrhaft feierliche Katastrophe,
Wie nur sie sah das Land einst der Hellenen!

Mit in die Reihn gestellt gehn Philosophen,
Und vor den Reihn, trunken von Hippokrenen,
Gehn auch die Dichter her, und wirbeln Strophen.


45

Bei Gott! Kein Nichts ist's, des ihr euch verwegnet,
Ein Etwas ist's, wofür den Arm ihr hobet,
Ein Etwas, das die Welt und Nachwelt lobet,
Ein Etwas, dem der Himmel Gnade regnet.

Drum eh ihr auszieht und dem Feind begegnet,
Steht erst vor dem, deß Aug' die Herzen probet,
Nicht eh'r zieht, als dem Höchsten anverlobet,
Nicht eh'r zieht, als vom Priester eingesegnet.

Der Feinde Lanzen müssen vor euch splittern,
Und seine Donner müssen ihm versagen,
Wenn für euch selbst Gott spricht aus den Gewittern.

Ja, Gottes Flügel, um euch hergeschlagen,
Muß, ob ihr fallet, selbst den Tod entbittern,
Daß ihr sein Antlitz sehn könnt ohne Zagen.


46

O welche Männer steigen im Vereine,
Wie Heldengeister aus der Grüfte Wasen,
Mein Vaterland, empor aus dir, und rasen
Im Sturm um ihre Freiheit und um deine.

Zwei aber sind's, vor allen, die ich meine,
Zwei sind's, von denen in des Volkes Nasen
Zumeist solch edler Sturm ward angeblasen,
Von einem Hardenberg und einem Steine.

Auf diesem Felsstein, diesem Harten Berge,
Soll sein das neue Vaterland gegründet,
D'rauf groß gleich Riesen sollen steh'n selbst Zwerge.

Und hoch darüber soll von Lust entzündet
Aufschweben mein Gesang als Himmelslerche,
Die über'm Berg den rothen Morgen kündet.


47

Gleichwie die Juden, die in's Joch gebeugten,
Ausziehend aus Aegypti Knechtschaftstande,
Nicht selbst anlangten im verheißnen Lande,
Sondern nur erst von ihnen die Erzeugten;

So lasse sich auch dies Geschlecht nicht deuchten,
Freiheit zu finden, weil es bricht die Bande;
Es muß verbrennen in dem Läutrungsbrande,
Das reine Licht wird erst den Enkeln leuchten.

O dürft' ich nur, wie du Mann Gottes, Mose,
Dort, da du von Sinai's Wolkenspitze
Das Land, das du auch durftest nicht betreten,

Von ferne sahest, so im dunklen Schoose
Der Zukunft ich, hell von profetischem Blitze,
Sehn deutscher Freiheit Land, und stumm anbeten.


48

Welch wundersam verschlungenes Gewebe
Vielfältig sich durchkreuzender Gewalten
Läuft von des Harzes bis zu Böhmens Spalten,
Und Niemand noch kann sagen, was es gebe.

Germania, die du es siehest, bebe
Du nicht, noch sorge, wie sich's soll entfalten;
Ich spricht der HErr, ich, dessen Händ' es halten,
Gut machen will ich es, sowahr ich lebe.

Nicht ein Gewirr ist's, angelegt im Wahne,
Ich sehe jeden einzlen Faden schlagen,
Ich höre gehen jede einzle Spule.

Und alles geht nach einem großen Plane,
Daß, wenn das Werk ist fertig, ihr sollt sagen:
Das ward gewirkt auf Gottes Weberstuhle.


49

Ja, ja, gelingen muß, ja ist gelungen,
Was so, als wie aus Eines Herzens Mitte,
In alle Glieder und in alle Tritte
Von Einem Geist des Lebens ist durchdrungen;

Daß fremde Völker, von so fremden Zungen,
So fremder Abkunft und so fremder Sitte,
Doch so verkittet sind von Einer Kitte,
Doch so in Einem Einklang sind erklungen.

O Wunder! Nein! kein Wunder; denn wir alle
Wir beten ja zu Einem Gott im Himmel,
Der alle unsre Sprachen kann vereinen,

Der gibt den Geist der Eintracht unsrem Schwalle,
Daß so in Freuden unser bunt Gewimmel
Zusammenwirkt, noch besser, als wir's meinen.


50

Die Hand des HErren müsse dich verstocken,
Tirann, wie einst dem Farao geschehen,
Als er das Volk nicht ließ in Frieden gehen,
Vor dessen Fuß das Meer des Bluts ward trocken.

Die Hand des HErren müsse dich verstocken.
Daß du nicht hörest unser Friedensflehen,
Auf daß an dir du müssest Wunder sehen
Noch größre, als die du schon sahst erschrocken.

Der HErr müss' einen Moses dir erwecken,
Zu schlagen dich mit allen sieben Plagen,
Zu treffen dich mit allen sieben Schrecken.

Wenn deines Landes Erstgeburt erschlagen,
Dein Reich gefressen sein wird von Heuschrecken;
Dann soll man dich, ob du willst Friede? fragen!


51

Du denkst nur, das sind noch die alten Schaaren
Die alten Völker sind es, deren Schwiele
Noch zeugt, wie ich sie geißelte zum Spiele;
Nein! neue sind es, und du sollst's gewahren.

Es ist vom Himmel aus ein Geist gefahren,
Der hat an's Firmament mit einem Kiele
Geschrieben flammend, was schon lasen viele,
Und all die andern werden's auch erfahren.

Ein Wort des Glaubens, das im hohen Norden
Vom Mund des HErrn zuerst ward ausgesprochen,
Ist jetzt gehört in allen Himmelsstrichen.

Die Blindheit unsres Augs ist sehend worden,
Der Helm des Wahns auf deinem Haupt zerbrochen,
Und deine Schrecken sind von dir gewichen.


52

»O ihr drei Herrscher in dem Reich der Lüfte,
In angestammter Hoheit Machtbesitze,
Ihr Aare, jeglicher aus seinem Sitze
Versammelt hier in Böhmens Felsenklüfte!

Der Herr, der eurer Fitt'ge Schwungkraft prüfte,
Und stark befunden eure Flügelspitze,
Gab euch in eure Krallen seine Blitze,
Gab seine Donner euch auf eure Hüfte.

O ihr lebend'gen wahren Gottesaare,
Die ihr auf Flügeln tragt das Weltgeschicke,
Fliegt aus in eures Kampfs vereinten Wettern!

Und jeder Adler eures Feinds erfahre,
Daß er ist Erz, das schmilzt vor eurem Blicke,
Ihr aber lebt und könnt den Tod zerschmettern.«


53

Des Tages, wo du deines Schlachtviehs Herde
Zusammen treiben wirst mit ehrnem Stabe,
Müss' über dir vom Hochgericht ein Rabe
Herkrächzen, daß es dir ein Schauder werde

Zur Stunde, wann du zürnend deinem Pferde
Den Sporn willst geben, daß zur Schlacht es trabe;
Müss' es hinstrauchelnd über einem Grabe,
Und keuchend stürzen unter dir zur Erde.

Dein Schlachtschwert müssest du, vor Wuth erbittert,
Statt in die Scheid', in Gottes Boden stecken,
Und wenn du's ausziehst, müss' es sein zersplittert.

Dann müsse kommen über dich ein Schrecken,
Und müssest sein von Ahnungen durchzittert,
Und einer Niederlage Vorschmack schmecken.


54

Nun, Deutschland, horch mit hunderttausend Ohren,
Nun schau mit hunderttausendfachem Blicke
Hierher, wo gegenwärtig dein Geschicke
Im Kampfe blut'ger Wehen wird geboren.

Tritt hier hervor aus den verschlossnen Thoren
Ein Kind des Siegs, so schüttle dein Genicke,
Denn du bist frei; ja! doch zur Knechtschaft schicke
Auf ewig dich, geht die Geburt verloren.

Wirf nieder in den Staub all deine Glieder,
All deine Kinder, Väter, Mütter, Bräute,
Und zwing' Erhörung von dem Himmel nieder.

Denn deines Lebens Loose wirft man heute!
Knie, und steh' auf vom Staub nicht eher wieder,
Als bis du tönen hörest Siegsgeläute.


55

Tritt auf, Gigant, mein Lied, und schlage Saiten,
Daß Deutschlands Busen jauchzend wiederklinge,
Denn es sind ausgeführet worden Dinge,
Dergleichen niemals sahen Ort noch Zeiten.

Europa's Weltleib hat aus allen Weiten
Geschwellt die Adern, daß ihr Blutstrom springe
In Deutschlands großes Herz, und es durchdringe
Mit neuem Leben aus des Todes Streiten.

Spiel' auf, o Herz, in hellen Melodieen
Der Rettung Dank, daß du bist neugeboren
Durch tausend, tausend, die ihr Blut dir liehen.

Ruf, daß du lebst, laut in des Himmels Ohren,
Und bleich vor deinem Antlitz müsse fliehen
Der Fürst des Tod's, in Korsika geboren.


56

Laßt, Himmel, tönen eure Morgensterne,
Thu deinen Mund auf, Erd' und juble Lieder,
Daß es erschalle bis zum Abgrund nieder,
Und ihn erzittern mach' in seinem Kerne;

Daß er des großen Sieg's Bedeutung lerne,
Wie Gottes Kraft der nachtentstammten Hyder
Durch diesen Schlag zerschmettert hat die Glieder,
Und für ihr Haupt ist auch der Schlag nicht ferne.

Ihr Engel singt's, daß es der Himmel wisse!
Wie Nacht und Tag im Anfäng einst gerungen,
So rangen heute Licht und Finsternisse.

Hör's, Himmel, daß den Sieg das Licht errungen!
Und daß die Erde nicht die Kunde misse,
Sag's ein Tedeum ihr in tausend Zungen.


57

Weh, Leipzig, dir! So weit die Blicke reichen,
Die du von deinen öden Zinnen schickest,
Ist alles, was du in der Rund erblickest,
Ein großes Feld voll Trümmern und voll Leichen.

Man kommt herein und bringt die Siegeszeichen,
Daß du an ihrem Anblick dich erquickest;
Du aber siehst sie seufzend an, erschrickest,
Todtwund noch von den kaum empfangnen Streichen;

Denn durch des großen Weltgeschicks Verkettung
Ist unser Glück für dein Weh eingetauschet,
Du bist für uns zur Märtyrin geworden;

Sodaß, derweil im Freudenwein der Rettung
Sich ringsum jubelnd eine Welt berauschet,
Du Blut dir schöpfst von deiner Pleiße Borden.


58

Du Volk des Zorns, das du hast unterm Beile
Erst lassen deinen eignen König bluten,
Dann deine Heilande, die unbeschuhten,
Ausgehen über uns wie gift'ge Pfeile.

Wir mußten's fühlen eine feine Weile,
Wie du kannst zücht'gen, und mit was für Ruthen:
Doch nimmer konnten wir uns des vermuthen,
Daß werden sollt' uns diese Zucht zum Heile.

Verkündet hast du zwar von Anbeginne,
Daß du berufen seist uns zu beglücken,
Wir aber sahn's nur nicht mit dumpfem Sinne.

Ja, ja, berufen warst du, zu zerdrücken
Die schlaffe Zeit, damit sie Kraft gewinne
Durch Druck, zu stehn von neuem ohne Krücken.


59

Gepriesen sei der HErr in seinem Zorne,
Der ausgesendet hat ein fressend Feuer
All über mich, der ich ein ungetreuer
Saatacker wucherte mit taubem Korne

Das Feuer hat die Disteln und die Dorne
Verzehrt, die nicht sind für des HErren Scheuer,
Und jetzo hat der HErr, dem ich bin theuer,
Es ausgelöscht mit seinem Gnadenborne.

Jetzt will ich wieder tüchtig sein und wacker,
Ein gutes Feld und tragen gute Saaten,
Denn du, o HErr, sollst selber mich besaamen.

Doch nun umfried', o HErr, auch deinen Acker,
Vor'm argen Feuer meiner Uebelthaten,
Und schließ es ein im ew'gen Abgrund, Amen!


60

Ich, die bin frei nach aller Welt Berichten,
Nichts über mich erkennend, das mich zwinge,
Ward hier im wunderbaren Lauf der Dinge
Zur Magd, und schäme dessen mich mitnichten;

Ja rechne mir zum Ruhm die Dienstespflichten,
Der Herrin wegen, welcher ich sie bringe,
Die werth ist, daß ein Gott sich ihr verdinge,
Und Geister ihr Gebot gehn auszurichten.

Politik heißt, die ich zur Herrin wähle,
Für die ich will durch Markt und Straßen laufen,
Bestellend alles, was sie mir befiehlet;

Nur daß zu streng sie mit der Magd nicht schmäle,
Wenn ich irr geh' einmal im wilden Haufen,
Und etwas anders treff', als sie gezielet.


61

Der Friede sprach: Warum willst du mich höhnen?
Du kommst zu meiner Wieg' und bringst mir Lieder,
Nur krieg'rische, und krieg'rische nur wieder;
Willst du mich mit Gewalt mit Dornen krönen?

Ich sprach: Du wardst geboren unter Stöhnen,
Und unter Krämpfen wuchsen dir die Glieder:
Mein Kind, zum Lustflug fehlt dir noch Gefieder,
Man kann noch nicht der Mühsal dich entwöhnen.

Nimm an, was ich dir singe, nicht zum Schlummer!
Bis du aus harter Wieg' ins Brautbett steigest
Als Mann, und deine Braut, die Freiheit, freiest;

Dann will ich Honigseim ohn' allen Kummer
Zum Hochzeitlied dir singen, daß du schweigest;
Jetzt sing' ich Wermuth dir, ob du auch schreiest.


62

O daß mit meiner Hand ich könnt' erheben,
Zum Himmel hoch, aus lauter Demantstücken,
Siegsbogen, um mit ungebeugtem Rücken,
Ihr Helden, Einlaß d'runter euch zu geben!

O daß ich fügen könnte gleich daneben
Ein Joch der Schmach, gebaut aus zweien Krücken,
Darunter euer Feind sich müßte bücken,
Um nie hinfort in Hochmuth aufzustreben!

O daß ihr selbst nicht ihn durch Ehrenpforten
Zu eurer Schmach noch immer ließet schreiten,
Und duldetet das Joch auf eurem Rumpfe!

Dann säng' ich laut'ren Sieg in reinen Worten;
Doch jetzt, wie Brauch sonst war in Römerzeiten,
Mischt sich das Spottlied unter die Triumphe.


63

Die Geister der gefall'nen Freiheitshelden,
Laut rufen sie hernieder aus Walhalle:
»Viel Sänger sind auf Erden, die mit Schalle
Von uns'rem Preis den Nachgeblieb'nen melden.

Auf, holt von ihnen zu des Himmels Felden
Herauf uns Einen, der uns sei für alle,
Daß er uns singe, was uns wohlgefalle,
Beim Mahle zwischen Hermann und Thusnelden.«

Da sank im Kampfgewühl ein Held vom Rosse,
Den hoben auf das ihre zwei Walküren,
Und führten ihn empor sammt Schwert und Leier.

Nun sitzt er droben im krystall'nen Schlosse,
Wo ich ihn sehe goldne Saiten rühren,
Wenn Geister mir vom Auge zieh'n den Schleier.


64

O Märtyrer, der Herr des Himmels schreibe
In's Buch des Lebens dich nächst dem Johannes,
Der kühn einst sprach in's Antlitz des Tyrannes:
»Nicht recht ist's, daß du diese hast zum Weibe.«

Er, der dir nichts ließ außer deinem Leibe,
Wenn er auch den dir nehmen will, er kann es;
Doch brechen kann er nicht den Strahl des Bannes,
Der zielt und zielt, und endlich trifft die Scheibe.

Das heil'ge Oel, das du auf's Haupt ihm gossest,
Wird unter'm Fluch zum Strom von Feuergluthen,
Und sengt ihm die Besinnung aus dem Hirne,

Die Krone, die du um die Stirn ihm schlossest,
Zerschlagen wird sie von des Himmels Ruthen,
Und sammt der Krone die gefluchte Stirne.


65

Die ihr vom Morgen bis zur Abendröthe
Lang habt geführet eure bunten Reigen,
Hoboen! Clarinetten! Zimbeln! Geigen!
Schallmeien! Laute! Zither! Leier! Flöte!

Ich, heut zu eurer Herrscherin erhöhte,
Gebiet' euch jetzo, daß ihr sollet schweigen;
Nur mir allein ist heut das Feld hier eigen,
Und auf dem Felde ruf ich: Tödte! Tödte!

Mir zu Gesellen wähl' ich Pauk' und Trummeln,
Her vor mir ziehe des Geschützes Donner,
Und Siegsgeschrei mir nach auf meinen Pfaden,

Den Krieg nun will ich, bis er satt ist, tummeln;
Bricht aus dem Sturm dann Friede, der Besonner,
Dann seid mir schön zum Siegsfest eingeladen!


66

Viktoria, Schiedsrichterin der Kriege,
Du auf Berlin einst als Thorhüt'rin prangend;
Hast du, zur Fremdlingstadt hieher gelangend,
Treulos vergessen uns und deine Wiege?

Viktoria, wenn du hast Flügel, fliege!
Horch! Waffenschall! Es hört Paris erbangend,
Du aber höre freudig, lustverlangend,
Denn was du hörst, sind deine eignen Siege.

Viktoria! es naht dein Bundsgenosse;
Kennst du die Stimmen nicht in deinem Ohre?
Mit deinem Auge nicht die Fahnentücher?

Laß' nach dem Rheine wiehern deine Rosse!
Wenn dorther kommt, zum Brandenburger Thore
Dich heimzuholen, den du kennst, dein Blücher.


67

O ungestorb'ner Kaiser Barbarosse,
Den ich mit Heldensang von Sieg zu Siege
Geleiten wollte durch die heil'gen Kriege
Bis zu der Ruh' im unterird'schen Schlosse:

Sieh' wie der Ernst wird schamroth vor der Posse
Des Kriegs, in dem ich mit mir selber liege,
Wo Blindheit mich nicht finden läßt die Stiege
Zu dir, zu seh'n, wie dort dein Bart dir sprosse.

Doch, hielt dich vor den ernsten Kriegswelthändeln
Selbst eine Lieb' umwunden, eine zarte,
Die du verewigt in der Burg Gelnhausen;

So zürne nicht, wenn auch des Liedes Tändeln
Spielt, eh's gelangt zu deinem Flammenbarte,
Ein Weilchen noch um Locken, die sich krausen.


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