Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Sechstes Bändchen, 1839. XX


1

Lob Ihm, mit dessen Hülf' auch das ist abgethan!
Sein Buch der Weisheit hat vollendet der Brahman.

Nur diese Schnitzelchen hab' ich noch aufzuheben,
Und eines fehlt nun euch und mir: das Buch zu leben!


2

Drei Jahre sind es schon, seitdem ich dich mit Schmerzen
Verlor, und immer noch hängst du mir fest am Herzen.

Noch jetzt, sooft ich dran gedenke, wie ich dich
Verloren habe, geht mir durch die Brust ein Stich.


3

Man schreibt mir, und vermeint, was wicht'ges man mir sagt:
„Beim Eintritt hat sogleich der Fürst nach dir gefragt!“

Ich sehe nicht daraus, wie wichtig selbst der Welt
Ich bin, wie wichtig nur ein Fürstenwort sie hält.


4

Den Tadler ehr' ich, der die Richtigkeit des Zieles
Mir zugibt, fehle gleich noch zur Erreichung vieles.

Und wenn der Tadler gar mir kann die Wege weisen,
Wie's zu erreichen sei, dann will ich erst ihn preisen.


5

Nach den Umständen sich zu richten, nach der Zeit,
Ist zweierlei; hier steht, Kind, der Beweis nicht weit.

Von diesen Bäumen sind die einen buntgelaubt,
Die andern völlig grün vom Fuße bis zum Haupt.

Die einen richten sich, weil Herbst ist, nach der Zeit,
Die andern, weil noch warm, nach der Gelegenheit.


6

Ein wahrer Herbsttag ist, ein herber Herbsttag heut,
Der keinen falschen Trost, wie die vor ihm, uns beut.

Rauh sagt er: Von der Welt ist nichts mehr zu erwarten;
Nun thu', Herz, auf in dir den Himmelsfrühlingsgarten!


7

Die Wolken kalt und grau, die dich am Tag gehärmt,
Haben am Abend dich mit farb'gem Trost erwärmt.

Die Wolken graukalt sind nun rosig angeglüht;
So schön wär' ohne sie kein Abendrot erblüht.


8

Vorm Spiegel auf dem Tisch im Körbchen standen Früchte,
Die spiegelten sich ab im Spiegel bei dem Lichte.

Sie standen zweimal da, einmal auf ihrem Tische,
Das andremal im Glas, und mit zwiefacher Frische.

Der Vater sprach zum Kind: Wenn du hier wählen solltest,
Von beiden Körbchen, sprich, welcheins du lieber wolltest?

Das liebe Kind sprach unbedenklich: Das da drinnen!
Der Vater aber nahm das andere von hinnen,

Und sprach zum Kinde: Nimm dir nun das Körbchen dort!
Verwundert aber riefs: O Vater, es ist fort.

Der Vater sprach: Und weißt du auch, wo's hingekommen?
Es ist verschwunden, weil ich dieses weggenommen.

O daß doch, liebes Kind, nie, weil gering dir gilt
Die Wirklichkeit, du greifst nach einem Spiegelbild!


9

Du klagest auch, o Freund, nicht recht mit dem zufrieden,
Was dir in deinem Kreis zu wirken war beschieden.

Wol freilich anders siehst du das Gewirkte jetzt,
Als da du Muth und Kraft zuerst ans Werk gesetzt.

Wer ist zufrieden denn? Dich tröst' es immerhin,
Ich bin zufrieden, daß ich nicht zufrieden bin.

Zufrieden bin ich nicht mit dem was ich gethan,
Zufrieden nur damit, zu thun soviel ich kan.


10

Zum Drucke.

Die Zeiten sind vorbei, wo ein geflügelt Wort
Aus Sängers Munde gieng von Mund zu Munde fort.

Jetzt, um zu fliegen, muß es sich papierne Schwingen
Anheften, die es schwer von Ort zu Orte bringen.


Verwundert und beschämt seh' ich die Bücherballen,
Auf denen, was ich schrieb, in alle Welt soll wallen.

Wie leiblich massenhaft geworden ist der Geist;
So breit sich in der Welt zu machen, o wie dreist!

Doch, wenn ich denke, daß hier stehn versammelt könnten
Wol tausend, die ein aufmerksames Ohr mir gönnten —

Nun sind die tausend nicht vereint auf einem Platz,
Doch vorenthalten sei drum ihnen nicht der Schatz.

So send' ich tausendfach gedruckte Bändchen aus,
Daß sein besonder Theil jedwedem komm' ins Haus.

Ein Übelstand ist nur bei so vertheilten Grüßen:
Daß die Empfänger sie mit Geld bezahlen müßen.

Strafe der Wißbegier! entbehren will sie nicht
Ein Wort, das einsam mit sich selbst ein Dichter spricht.


11

Arbeitsam willst du seyn, doch nicht Erholung missen,
Und beides möchtest du recht auszugleichen wissen.

Laß dir empfehlen, was Erfahrung mir empfohlen:
Von einer Arbeit dient die andre zum Erholen.

Die Ausruh' bester Art ist Wechselthätigkeit,
Wo gleich im Wechsel bleibt des Strebens Stätigkeit.


12

Du fragest, was du sollst, was nicht, in Verse bringen?
Was dir in Prosa nicht zu fassen will gelingen.

Verloren ist die Kunst, in Versen vorzutragen,
Was du gefälliger in Prosa könntest sagen.


13

Den Nachbardichtern.

Befreit vom Förmlichen, das euch hielt eingebannt,
Seid ihr ins Stoffliche dafür nun eingerannt.

Im Förmlichen war doch noch eine steife Bildung,
Im formlos Stofflichen ist völlige Verwildung.


14

Anständige Beseitigung.

Daß, der im Weg uns stand, zur Seite sei geschoben
Mit Anstand, sei er dort hoch aufs Gestell erhoben.

Ihn nieder in den Koth zu werfen, ist nicht noth;
Er sei geehrt, und wir nichtmehr von Zwang bedroht.


15

An Lottchen
mit der „Kinderheimat in Bildern und Liedern.“

Wem schenk' ich dieses Buch? Dir? Deinem Schwesterlein?
Du bist dafür zu groß, es ist dafür zu klein.

Euch beiden schenk' ich es, daß draus die kleine lerne,
Was du, die größere, sie lehrest leicht und gerne.

Die Kinderschuhe zogst du selbst aus noch nicht lange,
Und kannst dich ohne Müh bequemen ihrem Gange.

Und eurer Mutter ist kein schönres Glück verliehn,
Als wenn die Tochter hilft das Töchterchen erziehn.


16

Du unbeschriebnes Blatt, nun komm' und sei beschrieben
Der Tochter meines Freunds, ich darf es nicht verschieben.

Ein unbeschriebnes Blatt ist jugendlicher Sinn;
Viel Schönes, Gutes drauf zu schreiben ist Gewinn.

Ein fleckenloses Blatt ist jungfräuliches Herz;
Nie furche drein die Schrift von Leidenschaft und Schmerz!

Schreib fein bedächtig so daß nichts sei auszustreichen;
Ein ausgestrichnes Wort ist ein entstellend Zeichen.

Ein Zug, der blaß erlischt, wird leichter angefrischt,
Ein fehlgeschriebner wird nie gründlich weggewischt.

Vom Messerchen, wie fein es kratzte, bleibt die Spur,
Und nie wirds glatt, ob man mit Bimsstein drüber fuhr.

Was neu darauf man schreibt, das wird undeutlich fließen,
Und immer drunter wird hervor das Alte sprießen.

Beglückt ist, wem ein Gott ins Buch des Lebens schrieb,
Was neu ist lieb und hold, und alt bleibt hold und lieb!


17

Etwas erwart' ich, was? der Nam' ist ungenannt;
Woher? ist unbewußt, wozu? mir unbekannt.

Etwas erwart' ich, das, woher es möge kommen,
Nur die Erwartung still', in der ich bin beklommen.


18

Mein Sohn, es haben dich die Meister abgewiesen,
Die als die ersten sind in ihrer Kunst gepriesen.

Ich mahne dich, daß du dir das zu Herzen nehmest:
Du bist beschämt, wenn du sie selber nicht beschämest.

Beut' auf, was in dir ist, entfalte deine Gaben,
Daß sie zur Schande sehn, wen sie verworfen haben.


19

Ein Dichter ist ein Thor, der das der Welt zu zeigen
Bemüht ist, was ihr sucht ein Weiser zu verschweigen.

Was ihm am Herzen liegt, und er gradaus den Leuten
Nicht sagen darf, weiß er verhüllend anzudeuten.

Er hofft, sie sind nicht fein genug, es zu ergründen,
Doch ärgern würd' es ihn, wenn sie ihn nicht verstünden.


20

Der Markt ist voll, die Welt will mit sich selbst verkehren;
Der Nord kann nicht den Süd, der West den Ost entbehren.

Laßt alles kommen, was die Fremde Fremdes hat,
Und fügts zum Heimischen! ihm ist das kein Verrath.

Nur holt von Nachbarn nicht, was wir erst ihnen gaben,
Und borgt nicht, was wir längst im Hause besser haben!


21

Du klagest, junger Freund, unfreundlich sei dein Haus,
Und denkst dir mancherlei, dem abzuhelfen, aus.

Ich rathe dir, hinein ein freundlich Weib zu führen,
So wirst du Freundlichkeit in allen Ecken spüren.


22

O meine Blume, die dereinst mein Grab soll zieren,
Wie zittert' ich! du warst mir nah dran zu erfrieren.

Dem Gärtner Dank, der dich entrissen der Gefahr!
Allein wie ist das Herz des Menschen undankbar:

Gerettet seh' ich dich, doch nun seh' ich dich serben;
Soll nie gesundes Roth die Wange mehr dir färben?

So sah ich besser dich mit einmal sterben.


23

Ein junger Kritiker und Dichter tritt ins Feld,
In doppelter Person ein unerschrockner Held.

Die Märterkrone sucht er selber zu verdienen
Von anderen, und sucht sie aufzusetzen ihnen.


24

Ob wirklich ein Gefühl der Krankheit heimlich nagt,
Ob nur Einbildung dich mit Furcht der Krankheit plagt;

Versuchs, um dich dem Druck, dem dumpfen, zu entringen,
Dich mit dem Selbstgefühl des Dichters zu durchdringen!

So hältst du wenigstens den Geist vom Leibe frei;
Villeicht wird selbst der Geist dem Leib zur Arzenei.


25

Als du mich kamst zu sehn, war ich zu Hause nicht,
Und du verlorest mein Gespräch und mein Gesicht.

An allen beiden hast du nicht zuviel verloren;
Zum Sprechen bin ich nicht und nicht zum Sehn geboren.

Ein denkendes Gefühl, ein innerlicher Sang,
Ist alles was ich bin, was mir zu seyn gelang.

Und so, was an mir ist, send' ich zum Gruß dir nieder,
Das Echo meiner Brust, den Spiegel meiner Lieder.


26

Du fühlst dich heim bei dir stiefmütterlich bedacht,
Zu wenig Frühlingstag, und zuviel Winternacht.

Der Menschheit Übel schien' erträglich dir, wenn nur
Mit ihm nicht trät' in Bund das Übel der Natur.

Bei dir allein nicht ist der Jammer zu erproben,
Die ganze Erde, Freund, ist nebenaus geschoben.

Es lohnt der Mühe nicht, von einem Pol zum andern
Nach einem Umtausch nur von Mühsal auszuwandern.

Wir bleiben in Geduld, bis unsre Reise geht
Nach einem Sterne, der in besserm Gleise dreht.


27

Ihr meinet wol, ich schwimm' in lauter Überflusse,
Und mir zu Theile sei geworden zuviel Muße.

Mir ist vom Überfluß kein Tröpfchen überflüssig,
Denn keine Stunde bin ich in der Muße müßig.


28

Der Freund ist immerfort vor meiner Seele Augen,
Wenn die des Leibes ihn nicht zu ergreifen taugen.

Er blickt von dort mich an, wo auf die Sonne geht,
Und blickt noch einmal her, wo sie im Sinken steht.

So wie sie blicket hier, hat Abschied er genommen;
Und wie sie blicket dort, so wird er wieder kommen.


29

Ich möchte wissen, wo der Freund zur Stunde weilt,
Nach welchem in die Welt hinaus mein Denken eilt.

Dem unstät schweifenden hats unstät nachzuschweifen,
Und weiß die Stätte nicht, wo es ihn soll ergreifen.

Wenn auf der Länderkart' ich sähe nur den Ort;
Da ist er, spräch' ich, jetzt! und wär' im Geiste dort.


30

Aus Mitleid hab' ich heut' ein schlechtes Buch gelesen,
Das ein vortreffliches zu seiner Zeit gewesen.

So führt ein Junggesell zum Tanz aus Christenliebe
Ein altes Jüngferchen, das ohn' ihn sitzen bliebe.


31

Du sagst: die ganze Stadt bewohnt ein Thorensinn.
Und wohnst du, weiser Freund, nicht eben auch darinn?

Du sagest: Nein und ja! der Mauer wohn' ich nah,
Und bin nur halb darin, weil ich halb drüber sah.


32

Aus Freundschaft hat der Freund den Freundschaftsdienst erwiesen;
Er that das Preisliche, nicht um zu seyn gepriesen.

Die edle That ist selbst des edlen Thäters Krone;
Ich aber ehre mich, wenn ich mit Dank ihm lohne.


33

Den 16. Mai 1837.

Die Freunde haben mir den Becher übersendet,
Der, außen Silberschmuck und innen Gold, mich blendet.

Er ist nur viel zu groß, ich kann daraus nicht trinken,
Die Arme würden mir mit dem gefüllten sinken.

Es ist ein schöner Schein, darum ward er gegeben
Zum Lohn der Poesie, die auch nicht ist fürs Leben.


34

Den Leipziger Freunden,
d. 21. Mai 1837.

Wofür belohnt ihr mich? Was hab' ich öffentlich,
Besondres was gethan für dich, und dich, und dich?

Die Welt belohnt sonst nur die Dienste der Partei,
Die Dienste des Bedarfs, des Nutzens mancherlei.

Doch solches Dienstes frei und ledig ist das Schöne;
Darum verlang' es nicht, daß ird'scher Lohn es kröne.

Der stille Beifall soll, die Theilnahm', ihm genügen;
Ihr aber wollt dazu ein glänzend Zeichen fügen.

Das was kein König thut, habt ihr zu thun den Muth,
Mit Ausdruck innren Werths zu stempeln äußres Gut.

Das ist ein höhrer Sinn, ein reicherer Gewinn,
Und stolz empfind' ich mich, wie schön belohnt ich bin.

Des Dichters Selbstgefühl soll das zu Thaten treiben,
Um würdig, wie ihr ihn befunden habt, zu bleiben.


35

Ihr meine Nachbarn einst, nicht meine Nachbarn mehr,
Aus eurer Nachbarschaft weht noch ein Duft mir her.

Ein Duft der Herzlichkeit, ein Duft der Lebenstreue;
Das Alte wird nie alt, es wird nur alt das Neue.

Wie sollt' ich Bündnisse im Alter neue schließen,
Da ich die Jugend sah in euerm Bund verfließen!

Zerflossen ist der Thau in scharfer Morgenluft,
Und nur aus euerm Gau weht der Erinnrung Duft.


36

Verwöhnen werden dich geschenkte Leckerbissen,
Daß du einst kaufen mußt, was du nicht mehr kannst missen.

Die Schenker haben nicht die Sache recht bedacht,
Die etwas schenken, das, statt reicher, ärmer macht.


37

In diesen Tagen, da mir manch Gedicht gelungen,
Hat sich ein eigenes Gefühl mir aufgedrungen:

Daß alles, was bisher ich machte, sei ein Spiel,
Ein Vorspiel, dem bevor noch steh' ein andres Ziel;

Und alle Übung, die ich spielend mir errang,
Sollt' angewendet seyn auf diesen ernsten Gang.


38

Komm, laß uns gehn aufs Feld, das lang wir nicht besuchten;
Der Hauch des Maien soll unser Gemüth befruchten.

Der Maienregen sprüht, laß uns den Maiensegen
Empfahn! ein Sprichwort sagt, fruchtbar macht Maienregen.

Fällt er aufs Land, so schwillt von Fruchtbarkeit der Anger,
Auf Hürden, Herden sind von Zwillingslämmern schwanger.

Und wo er fällt aufs Meer, da öffnet ihren Schoß
Die Muschel, und in ihr wird eine Perle groß.


39

Freund, lange maßest du die Welt mit Winkelmaßen,
Und pflügtest als dein Feld die leuchtenden Milchstraßen.

Im Dunkel hütest du nun gerne deinen Winkel,
Den Dünkel wirfst du weg, und streust im Garten Dinkel.

Der Welt Ökonomie hast du als Astronom
Betrieben, nun bestell dein Haus als Ökonom.


40

Sohn, auch Astronomie hat mit Gastronomie
Gemeinschaftliche Züg' und Fisionomie.

Zusehr ums Himmlische müht sich der Astronom,
Und um das Irdische zusehr der Gastronom.


41

Wer nur das Kleinste thut, was recht ihm dünkt und gut,
Wird finden daß ihm gut davon der Nachschmack thut.

Du brauchst, was dir gelang, so hoch nicht anzuschlagen,
Um doch ein freudiges Bewußtseyn mitzutragen.

Vor dem, was droben ich soll thun, ist eitel Tand,
Was ich hienieden that, doch ists ein Liebespfand,

Das ich beim Abschied froh lass' in der Nachwelt Hand.


42

Welch ein gesegnet Jahr! wie schön der Frühling war!
Nun aber bringt der Herbst geschwellte Füllen dar.

An Ästen Birn' und Pflaum', und Trauben an den Reben;
Doch Blüten, seh' ich recht? erschließen sich daneben!

Vom Frühlingsnachspiel wird der reife Herbst verschönt;
Ein Wunder ist die Frucht von Blüten überkrönt.

Das ist ein Alter, das, wie wenige, dich erfreut,
Bei deinen Früchten, Herz, die Blüten dir erneut.


43

Du sagst: „Nicht übel ist der Garten deiner Wahl,
Doch mittendurch der Weg, der Weg ist viel zu schmal.

Du scheinst am liebsten nur mit dir allein zu schreiten,
Es haben zwei nicht Raum, eins an des andern Seiten.“

Mitnichten nur allein! es geht sich wohl zu zwein,
Freund mit dem Freunde, wo sich Arm in Arm schlingt ein.

Es geht sich wohl zu zwein, oft bin ich so gegangen,
Die Freundin mir zunächst, umfangend und umfangen.

Ja, Raum dazwischen hat ein Kleines durchzuschlüpfen,
Indessen hinterher und vor die Größern hüpfen.

Und wenn rechts oder links wir an die Hecke streifen,
So sind es Rosen nur, die uns im Scherz ergreifen.

So ist der schmale Gang für mich ja breit genug,
Es ist der schmale Weg, den ich zum Glück einschlug.

Der Gang ist nur zu schmal für förmlichen Besuch,
Und ich entbehre gern dergleichen Stadtzuspruch.


44

Die Flur, auf deren Grün geliebte Blicke weilten,
Durch deren Morgenthau geliebte Tritt' enteilten,

Hat einen Farbenschmelz, hat einen Sonnenglanz,
Mit dem wetteifern kann kein blühndster Frühlingskranz.

Der Frühling kommt und geht, kehrt wieder, wird vergessen;
Wo Mirten dufteten, da schauern nun Zipressen:

Doch nie vergißt mein Herz ein Glück, einst hier besessen.


45

Beim Schlafengehn, als ich das Licht löscht' in der Nacht,
Kam ein Gedanke mir, den ich noch nie gedacht:

Verloschen ist das Licht des Tages, und dazu
Hier seinen schwachen Stellvertreter löschest du.

Und weißt du, ob das Licht dein Auge wieder sieht,
Ob ew'ge Nacht es nicht in dieser Nacht umzieht?


46

Die Schönheit nur zu sehn im Schönen, ist nicht schwer;
Sieh' im Unschönen sie, und unschön ists nicht mehr.

Die Schönheit, Gottes Licht, durchdringt die ganze Welt,
Die blöden Augen nur den Abglanz vorenthält.

Du fühle dich in Gott, und Alles gottvereint,
So ist dir alles schön, was andern anders scheint.


47

Am besten geht es oft, wenn du es lässest gehn,
Wie gehn es will und kann; allein du mußt verstehn:

Gehn lassen sollst du nur, was du nicht könntest lenken;
Was aber ohne dich nicht geht, mußt du bedenken.


48

Schwer zu vertragen ist für eines Mannes Magen
Ein Weib, das niemal weiß, wieviel die Uhr geschlagen.

Er hat zu rechter Zeit nicht Früh- noch Abendschmaus,
Und Ordnung fehlt der Welt, weil sie ihm fehlt im Haus.


49

Verschieden ist im Grund, und wie es ist so bleib' es,
Verschieden der Beruf des Mannes und des Weibes.

Was äußerlich der Mann, hat innerlich das Weib,
Darum zusammen erst sind sie ein ganzer Leib.

Der Geist des Mannes mag frei in die Welt sich regen,
Des Weibes Seele soll den Haushalt still bewegen.

Der Haushalt ist die Welt, in die sie ist gestellt;
Die Welt bestellt sie, wenn den Haushalt sie bestellt.

Und der es ist versagt, im Hause Haus zu halten,
Als einen Haushalt soll sie ihr Gemüt verwalten.

Sein Wissen mag der Mann an alle Welt verschwenden;
Ein Weib soll, was sie weiß, in ihr Gemüt verwenden.


50

Herr, deine Welt ist schön, Herr, deine Welt ist gut;
Gib mir nur hellen Sinn, gib mir nur frohen Mut!

Ich fühle, daß ich bin, ich fühle, daß du bist,
Und daß mein Seyn von dir ein sel'ger Abglanz ist.

Die Welt beseligst du, beseligst dich in ihr;
Sollt' ich nicht selig seyn, Allseliger, in dir!


51

Geh' unempfindlich nicht und ungerührt vorbei
Vorm Schönen dieser Welt, alsobs nicht Gottes sei.

Zu schauen Blumenflor, zu hören Vogelchor,
Hat er das Auge dir erschlossen und das Ohr.

Wenn du verstopfen willst das Ohr, das Auge schließen,
Kann Gottes Preis dir nicht ertönen und ersprießen.

Viel Schönes hat die Welt, das, um von dir genossen
Zu werden, Gott erschuf, genieß' es unverdrossen!


52

Gott ist ein Geist, und kann des Leibes nicht entbehren;
Den Schöpfer fassen nicht reingeistiger Schöpfung Sfären.

Er schuf, um Halt und Bild der Schöpfung zu verleihn,
Zum Geiste Fleisch und Bein, zum Menschen Pflanz' und Stein.

Alswie gefangen ist die Rose von dem Strauch,
So ist gefangen auch vom Leib des Geistes Hauch.

Dich zu vergeistigen, darfst du dich nicht entleiben;
Wenn du den Stock zerstörst, wo soll die Rose bleiben?


53

An * *

Zum reinen Schönen nicht vermagst du zu gelangen,
Da vom Fantastischen dein Geist noch ist gefangen.

Allein du bist noch jung, der Schaden scheinet klein,
Wenn in dir selber wächst die Kraft, dich zu befrein.

Doch schlimmer ist: ich seh' in dir auch nicht die Kraft,
Die dich befreien könnt' aus der Gefangenschaft.


54

Laßt auf der Stelle, wo er steht, doch stehn den Mann,
Der die Vergleichung nicht mit dem ertragen kann,

Mit dem ihr ihn vergleicht; er wird davor zunicht,
Und dort für sich allein da ist er von Gewicht.


55

Bin ich derselbe noch, den alle nun wettloben,
Der, gegen den sich sonst der Tadel nur erhoben?

Derselbe bin ich noch, kein andrer als ich war;
Und was ihr heute preist, verwarft ihr zwanzig Jahr.


56

Viel Freunde hab' ich, die mehr meiner Poesie
Als meine Freunde sind, kaum nenn' ich Freunde sie.

Nur du bist ganz mein Freund, nicht meiner Poesie;
Von allem sagst du mir, von meinen Versen nie.


57

Zu trösten brauch' ich dich in deinem Leiden nicht,
O Freund, du tröstest mich mit heiterm Angesicht.

Mit heiterm Angesicht der Erde Leiden tragen,
Das ist des Himmels Licht, das läßt uns nicht verzagen.


58

Es thut mir leid, daß du mich misverstanden hast;
Rechtfert'gen soll ich mich? vergeblich acht' ichs fast.

Ich seh, dein Misverstand ist einmal so im Schwung,
Du würdest misverstehn auch die Rechtfertigung.


59

O Herz in ew'gem Kampf, wann gibst du dich zu Frieden?
Wohl bist du mit der Welt, doch nie mit dir zufrieden.

Betrachten lerne dich als einen Theil der Welt,
Und halt' auch dir zu gut, was Gott zu gut ihr hält.


60

Stets besserst du an dir, und immer findest du
Zu bessern mehr, jemehr du besserst; bessre zu!

Nur wer auf Gottes Welt nichts bessres kennt als sich,
Nichts bessres weiß noch will, ist unverbesserlich.

Du bist der beste nicht! das treibet dich zum Besten;
Wer sich den besten glaubt, der hat sich selbst zum Besten.


61

Du hast gewis dein Theil von Lust, was du genossen,
Vergessen, daß du nun dreinblickest so verdrossen.

Erinnre dich, wie schön einmal die Welt dir war!
So ist sie andern jetzt, so ist sie immerdar.

So ist sie immerdar, nur immer andern Augen,
Für die sie grade taugt, die für sie grade taugen.

Und taugt sie dir nicht mehr, so taugt sie andern noch;
Und taugst du selbst ihr nicht, so taugst du anderm doch.

Die Welt ist ewig schön, die Welt ist ewig jung,
Nicht im Genusse, nur in der Erinnerung.


62

Halt' aufrecht, lieber Sohn, den Wuchs und deinen Geist,
Daß du von gradem Sinn und graden Gliedern seist!

Die falsche Demut senkt, die Tücke senkt ihr Haupt;
Dem freien Muth hat Gott empor zu schaun erlaubt.

Bedenke, wessen Sohn du bist, richt' auf im Adel
Des Selbstgefühles dich, und fürchte keinen Tadel.

Den Tadel hast du nur zu fürchten, wenn du weichst
Dem Vater einst am Werth, dem du am Bilde gleichst.


63

Herr, da du jedem Ding hast aufgedrückt dein Zeichen,
Auch einem Könige darf ich dich wol vergleichen.

Ein König wäre das von unbescholtnem Preise,
Der wär' in seinem Reich allmächtig und allweise,

Wie du in deinem bist, und hätte so sein Land
In seiner, wie du hast die Welt in deiner Hand.

Genügen würd' ihm nicht, die Zügel nur zu fassen
Des Ganzen, Einzelnes dem Glück zu überlassen.

Er griff' ins kleinste Glied vom großen Radgetriebe
Mit seiner Weisheit ein, mit seiner Macht und Liebe.

Die Diener dienten ihm, die sich nur wollen dienen,
Und fortwirkt' ungeschwächt sein erster Stoß in ihnen.

Als Mitte fühlt' er sich, aus der die Stralen flammen,
Und faßte in sein Herz die tausende zusammen.

Du, der allmächtig lenkt, was er allweise denkt,
Nur du, mein König, bist ein König unbeschränkt.

Du bist der König, der die Königskronen schenkt
Den Kön'gen, deren Haupt vor dir in Staub sich senkt.


64

Das ist das Wetter nicht, das, als sie mich gebar,
Die Mutter mir versprach, bald ists nun funfzig Jahr,

Als einen Monatlang sie die Geburt verschoben,
Daß sie erst den April ließ seine Laun' austoben:

Im warmen Schoße ward ich zärtlich aufgehoben,
Bis völlig auf der Flur der Wintersturm verschnoben:

Als am sechzehnten Mai war aller Frost vorbei,
Schiens daß ihr erster Sohn ihr zu gebären sei.

Sie lächelte dabei und sprach: Dein Leben sei
Von Kummerfrösten frei stets ein sechzehnter Mai.

O hätte sie's vermocht, die nun im Grabe ruht,
Mir zeigte die Natur stets mütterlichen Muth,

Die so stiefmütterlich sich leider nun erweiset,
Daß mein Geburtstag sich mit Winterfrost umeiset.

Das hat, so ahnungsreich, die Mutter auch geahnt,
Die mit Sprichwörtern mich daran als Kind gemahnt.

Das eine war: Der Mai, der Mai ist nichts zu gut,
Er schneit dem Schäfer wol zuweilen auf den Hut.

Das andre Sprichwort klang noch frostiger: Im Mai,
Im Mai erfrieret oft der Vogel selbst im Ei.

Und wenn ich feiern mein Geburtsfest müßt' im Freien,
So würde auf den Hut Herr Mai dem Schäfer schneien.

Und hätt' ich nicht ein Nest ein warmes mir erkoren,
So wär' im Mai im Ei der Vogel gar erfroren.


65

Der Lieb' ohn' Eigennutz freu dich, die du gewannst,
Der freien Gab', um die du Dank nur geben kannst.

Was du dir sagen darfst, darf sich kein König sagen:
Ganz reine Neigung ists, was dir die Herzen schlagen.

Man sucht nicht deine Huld, man scheut nicht deine Macht,
Und an den Menschen nur hat hier der Mensch gedacht.


66

Der Bauern Sprichwort sagt, mein Sohn: wenn auf dem Sand
Die Ernte gut geräth, ist Theuerung im Land.

Warum? weil auf dem Sand der Segen nur bekommt
Von soviel Regen, als nicht besserm Boden frommt.

Wir haben schlimmen Stand dahier auf unserm Sand;
Was wünschen wir uns selbst? und was dem andern Land?

Ein schlimmer Wunsch: Weh' uns, daß andern wohl es gehe!
Und noch ein schlimmerer: Uns wohl, und allen wehe!


67

Die Gegend könnte mir ganz anspruchlos gefallen,
Wenn sie als überschön nicht wär verschrien von allen.

Nun macht die Augen, was sie suchten und nicht finden,
Auch für das Schöne, das sich wirklich fand, erblinden.

Gern ließ' ich euern Mann das was er werth ist gelten;
Weil ihr ihn überschätzt, muß ich ihn leider schelten.


68

Empor vom Berge strebt, und zwischen Wolken duftig
Alswie auf Flügeln schwebt Gemäuer hoch und luftig.

Es herrscht ins Land und schaut auf jedes Thal hinein,
Und hat am ersten und am letzten Sonnenschein.

Gewis der Freiheit Schloß! O nein, mit Zellen dumpf
Ein Kloster; auf die Höh wie kommt hinauf der Sumpf?


69

Hoch zwischen Klippen hat ein Trüpplein Bäum' ihr Heil
Gefunden, wo sie nicht erreichet Axt und Beil.

Sie ziehen dürftiger vom Fels der Nahrung Saft,
Doch neiden nicht umher die üpp'ge Nachbarschaft.

Denn all die andern sehn vom Berg' im fernen Thal
Den Tod vor Augen, der hinab sie holt einmal,

Sei's um als Hüttenrauch, wie dort qualmt, aufzugehn,
Sei's in der Mühle, die dort ächzt, zersägt zu stehn.

Nur jene sind verschont, bis sie zernagt der Wurm
Des Alters, oder wirft von ihrer Klipp' ein Sturm.


70

Sieh wie den Zweck erreicht, und der Gefahr entweicht
Der Efeu, der empor am Stamm der Buche schleicht.

Nicht um den ganzen Stamm rings flicht er seine Stränge,
Daß nicht der Baum, wenn er sich wachsend dehnt, sie sprenge.

Gradaufwerts kriecht er nur; villeicht in künft'gen Tagen,
Wann nicht der Baum mehr wächst, wird er sich rundum wagen.

Dagegen dis Gerank, das nur den Sommer lebt,
Von allen Seiten um den Stamm sich sorglos webt.

Vom heur'gen Safttrieb ist sein Wachsthum nicht bedroht;
Und eh der nächste schwillt, ist es schon selber todt.


71

Rein kann ich nur mich freun der stillen Pflanzenwelt,
Die Leben nicht zerstört, nur Leben unterhält.

Die Thiere stören mich, der Schmetterling sogar,
Denk' ich der Fräßigkeit der Raupe, die er war.


72

Bleibt mit den Hölen, die ich sehn soll, mir vom Leibe!
Ihr wißt, daß ich am Licht, in freier Luft gern bleibe.

Ja wäre nicht die Welt entgöttert wie sie ist,
So gieng' ich Hölen sehn als Heide oder Christ.

Dort zeigt' ein Priester mir die des Trofonius,
Da die von Tropfstein hier ein Tropf mir zeigen muß.


73

Warum ich gangen bin aufs Land und sitzen blieben
Beim ersten Haus, nicht weit mit euch mich umgetrieben?

Den Kukuk, meinen Freund, wollt' ich nur hören schrein;
Und hier schreit er mir hell genug ins Haus herein.


74

Von einem Freunde kanst du Freundesdienst' annehmen,
Die, wär' er nicht dein Freund, dich würden sehr beschämen.

Ich schäme mich, daß ich mir Freundschaft bieten ließ
Von einem, der sich nun nicht als mein Freund erwies.


75

O daß ich sähe, wie du dort mir in bekannter
Gestalt entgegen kämst, zu früh von hier verbannter,

Mir unter Klagen heim, zum Himmel heim gesandter!

Mein liebster, schönster Sohn! die Lust empfind' ich schon,
Daß solchen Engel ich gesandt an Gottes Thron.


76

Verbannung immer ist die allerkleinste Reise,
Verbannung aus dem Bann geweihter Zauberkreise.

Wie fest der Zauberbann ist um dein Haus gezogen,
Das merkst du dann erst wann du bist heraus gezogen.

Mit der Entfernung nimmt nicht ab, nimmt zu der Zug,
Und zieht in deinen Kreis zurück dich bald genug.


77

Wenn die Natur dir lacht, vergissest du dein Haus,
Doch wenn sie finster macht ihr Antlitz oder kraus,

Dann sehnst du dich nach Haus, wo deine Liebe wacht,
Die nie ihr Antlitz kraus und niemals finster macht.


78

Von Gott läßt man sich viel, läßt alles sich gefallen;
Warum? man denkt, er machts am besten doch von allen.

Dis schlechte Wetter, Sohn, wer weiß wozu's ist gut?
Wir nicht! Gott hats gemacht, und weiß wol was er thut.

Hätt' es ein Mensch gemacht, dem wär' es schlimm ergangen,
Doch der im Himmel ist nicht höher zu belangen.


79

Einst meine Leserinn bist du als Braut gewesen;
Wie solltest du nicht gern dein schönes Brautlied lesen?

Dem Dichter zum Verlust, dem Manne zum Gewinn,
Bist du nun meine Frau, nicht meine Leserinn.

Und ich verdenke dir es nicht; den ganzen Mann
Besitzest du, was gehn dich seine Bruchstück' an?

Die Knaben nehm' ich aus, die Gott uns hat verliehn;
Die hilf zu Männern auch, zu ganzen, mir erziehn.


80

Ein zierliches Besteck, das drei Glimmstengel faßt,
Der Tasche vor der Brust ist es wie angepaßt.

Wie wunderbar es doch sich treffen muß! Drei Engel,
Drei Mädchen haben es gestickt für drei Glimmstengel.

Das Dritt' ist, daß ich drei auch grade täglich brauche,
Und jeder Stickerin zu Ehren einen rauche.

Ein Weihrauch zwar, der nicht für Frauen recht sich schickt,
Doch haben sie mirs ja zu Anderm nicht gestickt.


81

Zu hören wünschest du von drei berühmten Frauen
Mein Urtheil, lieber Freund! hier ist es im Vertrauen.

Bettine macht mir angst, und Rahel macht mir bange;
Charlotte war ein Weib, was ich vom Weib verlange.


82

Wer Krieg hat mit der Welt, sollt' er sich nicht erlauben
Das Kriegsrecht gegen sie, zu plündern und zu rauben?

Und wenn er schwächer ist, zu lügen und zu trügen,
Und heimlich Schaden ihr statt offen zuzufügen!

Doch wie er sie verletzt, sie hat die Macht zuletzt,
Die Recht behält; weh wer mit ihr in Krieg sich setzt!

Doch doppelt weh, wer den in die Verzweiflung trieb
Des Krieges mit der Welt, der gern im Frieden blieb.


83

Nur öfter solltet ihr, statt euch so fremd zu bleiben,
Einander sehn, wonicht, doch an einander schreiben,

Ihr Schreibenden! das würd' im Federkrieg euch hindern,
Und eurer feindlichen Bekämpfung Schärfe lindern;

Zu Statten käm' es euch, und euren Lesekindern.

Wie mancher hat ins Aug den andern nur gestochen,
Weil er ihn nie gesehn, weil er ihn nie gesprochen!

Das Lanzenbrechen hätt' ein Wort, ein Blick gebrochen.

Viel besser denk' ich selbst von manchem, den ich sah,
Und wünschte mehrern nur wär' ich gekommen nah.

Das gilt euch Bessern, die ihr stehet so allein;
Die Schlechtern sind schon lang' im innigsten Verein,

Und haben nur dadurch sich über euch gehoben,
Weil ihr einander schmäht, und sie einander loben.

Das Loben lasset nur, das stellet ihnen frei,
Doch steht nicht ihrem Bund durch eure Zwietracht bei!


84

Die Ströme liefen all gerades Wegs ins Meer,
Wenn sich die Berge nicht vorstreckten überqueer.

Den Bergen müßen sie anschmiegend sich bequemen,
Und ihren Lauf zum Meer durch manchen Umweg nehmen.

Die Berge halten sie am Ende doch nicht auf,
Und reicher wird dadurch ihr schöngewundner Lauf.

Dein Leben ist ein Strom: o laß dichs nicht verdrießen,
Durch manchen Berg gehemmt, dem Meere zuzufließen.


85

Wenn du den armen Mann beschenkt hast mild und gütig,
Wend' auch von seinem Dank dich dann nicht ab hochmüthig.

Zehn, hundert, tausendfach wünscht er dir Gottes Lohn,
Gibt mehr dir, als du ihm, laß ihm den Stolz, o Sohn,

Und geh statt seiner selbst als Schuldner du davon!


86

O schöne Zeit, wo schön noch war interessant,
Nichts intressanteres als Schönes war bekannt!

Nun sind die beiden, die sonst waren eins in Frieden,
Schön und Interessant, in Feindschaft und geschieden.

Nicht mehr interessant ist nun das schön genannte,
Und noch viel minder schön ist das Interessante.

Was ist interessant? Was der Moment gebiert,
Was seine Geltung mit dem Augenblick verliert.

Interessant, was heut, schön ist, was ewig freut;
Das Ew'ge tritt zurück, wo Heutiges gebeut.


87

Viel Freunde haben, doch zuviel nicht allen traun,
Ist eine Weisheit, die mich wenig kann erbaun.

Viel lieber will ich doch nur wen'ge, denen ich
Darf viel traun, einen nur, dem ich vertraun darf mich.


88

Ein Herzog ward befragt, ob er auch Jagdhund' halte,
Damit des Waidwerks er nach Herzogswürden walte?

Auf eine Tafel wies er hin voll armer Leute,
Die er da speisen ließ: dis hier ist meine Meute.

Ihr mögt mit euerer nur Hirsch' und Rehe plagen;
Mit meiner hier will ich das Himmelreich erjagen.


89

Wird doch nicht übers Kind der Vater ungeduldig,
Das in der Arbeit ihn stört durch sein Spiel unschuldig.

Es klinkt die Thüren auf und zu, kommt um zu gehn,
Geht um zu kommen, läßt kein Ding am Flecke stehn,

Schiebt hier am Stuhl, zerrt da am Buch, ruckt dort am Tisch,
Und die Schreibfeder selbst macht es zum Flederwisch.

Der Vater, statt mit Macht zu wehren, droht und lacht,
Die Störung freut ihn, die ihm Unterhaltung macht.

Die Welt ist auch ein Kind, und will ihr Spielwerk treiben;
Wenn sie dich störet, mußt du fein geduldig bleiben,

Was schadets, läßt sie dich ein wenig wen'ger schreiben!


90

Durchblättern wollt' ich auch für dich die Kinderschriften,
Mein Kind, ob Förderung dadurch dir sei zu stiften.

Nicht brauchen kanst du sie, wenn du kein Kind willst bleiben,
Weil rechte Männer nie für bloße Kinder schreiben.

Was braucht es mehr Beweis? von hundert Dichterlingen
Hörst du in diesem Buch die Kinderklapper klingen.

Vom einen Dichter, der der eine ist vor allen,
Ist kaum ein Fetzchen hier, das ihm im Schlaf entfallen.

Du lernst daraus, wiesehr er andre übertrifft,
Weil nur so wenig taugt von ihm zur Kinderschrift.


91

Es ist nicht wahr, daß man ein Glück, das man nicht kennt,
Nicht misset, und dich das, was du nicht weißt, nicht brennt.

Berufen fühlet sich zum Glücke jedermann,
Dem, wers auch nie gewann, doch nie entsagen kann.

Der ahnt, wers nicht geschmeckt, doch wie es schmecken müße,
Und bitter seinen Mund macht die entbehrte Süße.


92

Sohn, ehrenhalber sollst du nie thun, was du thust;
Pflichthalber magst du's thun, am besten recht mit Lust.

Denn ehrenhalber was man thut, der Sprachgebrauch
Ist, wie du weißt, man thu' es schandenhalber auch.


93

Der Einsicht schadet nur Gelehrsamkeit zu große,
Besser als Brillen sieht gesunder Sinn der bloße.

Hast du erst nachgesehn, wie die Ausleger es
Verstehn, so bist du blind; sieh selber und verstehs!


94

„Laß über dieses Buch uns nun zum Urtheil schreiten!“
Das Urtheil ist nicht leicht, das Buch hat viele Seiten.

Fragst du, was du daraus für Kopf und Herz gewannst,
So ists ein Buch das du genug nicht schätzen kannst.

Fragst du nach dem Genuß, so ist es zu genießen
Wie schöne Rosen, die an garstigen Dornen sprießen.

Du freuest immer fort dich jeder schönen Blüte,
Und fühlest stets dabei den Stachel im Gemüte.

Und fragst du endlich: Was kommt für der Menschheit Heil
Dabei heraus? das ist des Buches schwächster Theil.

Rein schön, das ist es nicht, und minder noch rein wahr,
Rein gut am wenigsten, ein Zwitter ganz und gar.


95

Du fragst, warum die Welt uns so gar ungleich hält,
Daß alles ihr an dem, am andern nichts gefällt.

Was hilft es, junger Freund, dagegen sich erboßen?
Ihr Kopf ist hart genug, dran unsern einzustoßen.

Die Welt auf ihre Art übt auch in ihren Sachen
Gerechtigkeit, du mußt dir nur gerecht sie machen.

An wen sie einmal glaubt, dem wird sie viel verzeihn;
Wo sie noch zweifelt, wird sie über alles schrei'n.

Drum lerne nur vorerst ihr Zutraun zu verdienen,
Bis sie gehorchen dir, bequeme du dich ihnen.


96

Ei wie! an einem Tag verschlingst du alle Speise,
Womit ein Lebenlang den Geist genährt der Weise,

Den du dir eben heut vornahmest zu verdaun;
Die Unersättlichkeit, erweckt sie dir kein Graun?

Du aber deutest nur aus deiner innern Welt
Hin auf die äußere, die ebenso es hält;

Da auch ein Prasser ja verpraßt an einem Tage
Mehr als erkarget hat des Kargers Jahresplage.

Nur ist der Unterschied, daß hier sich von den Ähren
Der armen Fleißigen die faulen Reichen nähren,

Doch du ein Ärmerer zehrst von den geistig reichen.
Mög' es zu deines Geists Bereicherung gereichen!


97

Zwei Musterbilder stehn vor euerer Beschauung;
Wählt eurem Sinn gemäß euch einen zur Erbauung!

Der eine kerngesund, der andre tiefverkümmert,
Der eine ganz und rund, der andre ganz zertrümmert.

Der kranke Heilige hat, seh' ich, viel gefunden
Anbeter, die ihn fromm vorziehen dem gesunden.

Mit seiner Krankheit wollt ihr eure wol vertreiben,
Meinthalb! nur laßt gesund mich beim gesunden bleiben.


98

Ich bin in andrer Zeit, ich bin in anderm Raum,
Der Gegenwart Getös' erweckt nicht meinen Traum.

Doch was von dieser Zeit in meinen Traum mag dringen,
Ohn' ihn zu stören wird es sich darein verschlingen.


99

Von keinem Helden, der noch lebet, sollst du singen,
Er möchte seinem Ruhm und dir noch Schande bringen.

Erst wann man ihn begräbt, weiß man, wie er gelebt,
Ob würdig oder nicht, daß ihn Gesang erhebt.


100

Schämst du dich nicht, so breit dich auf der Welt zu machen,
Mit solcher Wichtigkeit zu treiben kleine Sachen?

Ein jegliches Gefühl in einen Vers zu fassen,
Um von des Markts Gewühl bewundern es zu lassen?

Wielange willst du auf der Welt nichts beßres thun? —
Solang es gibt auf ihr nichts besseres als nun.


101

Sieh nur, wer sind sie denn, die nach dem Ziel hier laufen
Und schnaufen, daß du dich willst mischen in den Haufen?

Sieh nur, wer sind sie denn, die hier den Preis vertheilen,
Und was denn ist von Ruhm das Reis, das sie ertheilen?

Erkenne dich! der Ruhm ist hier, daß du besiegst
Unwürd'gen Ehrgeiz und nicht mit Unwürd'gen kriegst.


102

Was machet groß und breit ein Buch? Unwissenheit,
Die Wissen werden will und nicht dazu gedeiht.

Wer etwas besser weiß, ein Büchelchen ein kleines
Macht er daraus, und wers am besten weiß, gar keines.


103

Bescheiden ist, wer sich bescheidet, wer bescheiden
Sich läßt, und Grenzen ehrt, die ihn von andern scheiden.

Bescheiden seid ihr, wenn ihr annehmt den Bescheid,
Daß ihr, was ihr vielleicht einst werdet, noch nicht seid.


104

Gegen den Jünger nimmt vertrauliche Geberden
Kein Meister, ohne gleich dafür bestraft zu werden.

Daß du herunterstiegst zu ihm, wird er vergessen,
Und mit dir Haupt an Haupt auf ebnem Feld sich messen.


105

Zur Sammlung der Jugendgedichte.

Wenn den Gealterten es freut, sich selber jung
Im Spiegel anzuschaun der Rückerinnerung;

So kann sich deinem Glück, o Dichter, keins vergleichen,
Da deine Lieder dir so helle Spiegel reichen.

Nun siehst du, daß du nicht hast Müh' und Zeit verloren,
Und daß die Himmelskunst dir hielt, was sie geschworen.

Wie wenig auch die Welt von diesen Liedern hält,
Verewigt hast du dich darin und deine Welt.


106

Wie wenig oder viel des Schönen mir gelang,
Erscheint mir doch am Ziel naturgemäß mein Gang.

Ich sehe, daß ich bin vom Schauen ausgegangen,
Um durchs Empfinden hin zum Denken zu gelangen.


107

„Ein Vater nur“ hast du's gehört? „beneidet nicht
Den Sohn um ein Talent“, wie unser Meister spricht.

Nimm, Meister, väterlich den Jünger an zum Sohn,
Und der Nothwendigkeit des Neids bist du entflohn.


108

Worin besteht die Lust, die eigne Lust, auf Fluren
Des Alterthumes nachzugehn versunknen Spuren?

Hier aufzufrischen, was der Hauch der Zeit verwischt,
Dort wegzuwischen, was sich Falsches dreingemischt?

Mit schwachem Nachtlicht Nacht der Räthsel zu beglänzen,
Und mit Vermuthungen die Trümmer zu ergänzen?

Die Menschheit ists in dir, die sich an sich ergetzt,
Gern aus dem Alter in die Jugend sich versetzt;

Wie du im engern Kreis dich deines Bildes freuest,
Wenn du des Tagebuchs erloschne Schrift erneuest,

Wenn dein rückahnender Gedanke glücklich knüpft
Den Faden, wo er dir vor Jahren ist entschlüpft.


109

Mein Freund, laß uns nur nicht so schnell bei Seite schieben
Die alten Dichter, weils die neuern höher trieben.

Gar mancher, den man jetzt so vornehm überguckt,
Die Achsel mitleidsvoll bei seinem Namen zuckt,

Ist, wenn du bringst die Zeit in Anschlag, gar nicht schlecht,
Und, wenn du absiehst von der Zeit, nicht minder echt

Als mancher, der da nun so hoch die Saiten stimmt,
Weil er so leicht wie Kork auf Beifallswogen schwimmt;

Und kann sogar noch jetzt gefallen, wie wol kaum
Wird jener können, wann zergangen einst der Schaum.

Hier ist nichts was entzückt, doch auch nichts was verletzt,
Und, wenn du mäßig bist, genug was dich ergetzt.


110

Wieweit die Kräfte, die dir Gott gab, sich erstrecken,
Das kanst du nur, indem du sie gebrauchst, entdecken.

Doch auch dem stärksten Trieb des Baumes ist gesteckt
Ein Ziel, darüber sich sein Wachsthum nicht erstreckt.

Und besser manches Reis, das unentwickelt bleibt,
Als Schöpfertrieb, der sich erschöpfend übertreibt.


111

Wenn ihr vielleicht vermißt in diesem Buch die Einheit,
Statt großes Ganzen seht der Einzelheiten Kleinheit;

Doch eine Einheit ist, und doppelte, darinn:
Die Einheit in der Form, die Einheit auch im Sinn.

Auf wieviel Stoff nun angewandt die Einheit sei,
Das lenkt der Zufall, und ist wirklich einerlei.


112

Daß er dich rührt, gedeiht — es ist nur eine Probe
Von deiner Rührbarkeit — dem Dichter nicht zum Lobe.

Dein Herz ist wie das Kraut, ist es dir nicht bekannt?
Das Fliegenklappe wird gemeinhin zubenannt,

Des Blatt so reizbar ist, daß keine Flieg' es jückt
Mit Krabbeln, ohne daß sichs also fühlt entzückt,

Daß es zusammenklappt und das Insekt ertappt;
Sieh, welch' ein kribblig Ding hast du nun auch erschnappt!


113

Nur was den Ton angibt, in dem du bist gestimmt,
Ist was den Weg durchs Ohr zu deinem Innern nimmt.

Das Überschwängliche rührt nicht und lehrt dich nicht,
Weil gleiche Schwingung dir und gleicher Schwung gebricht.


114

Mein Freund! ich liebe nicht ein größeres Gedicht,
Woraus am Ende nichts als Ein Gedanke spricht.

Ich wünschte selbigen Gedanken mir im kleinen,
Oder ein größeres, worin sich mehr vereinen.


115

Mein junger Freund, du hast so gut als wir begonnen,
Doch wenig ist dadurch der Welt und dir gewonnen.

Beginnen solltest du so gut als wir beschließen;
Sonst kann ein neuer Kranz des Ruhmes dir nicht sprießen.


116

Einmal gethanes soll man nicht noch einmal machen;
Für neue Thätigkeit gibts immer neue Sachen.

Zur Widerholung reizt zwar ein gelungner Ton,
Doch unterm Thema bleibt die Variazion.


117

Ich habe kaum, und nun muß ich mich drum verklagen,
Die Rosen angesehn in diesen Sommertagen.

Was mir im Sinne lag, daß dieses mir geschah?
Schön mußt' es seyn, weil ich davor nicht Rosen sah.

Nun sind die Rosen mit den Sommertagen hin,
Und nicht geblieben ist auch was mir lag im Sinn.


118

Versteh mich, liebes Kind! sowenig als mir nun
Mich jung zu machen ziemt, ziemt dir schon alt zu thun.

Doch reine Freude laß uns aneinander haben,
Du lieb' an mir den Greis, ich lieb' an dir den Knaben.

Erbauen magst du dich an meinem Weisheitspruch,
Doch mich erquicken soll dein frischer Lenzgeruch.

Und eher möchte mir ein Liebeslied entspringen
Noch jetzt, als jetzt schon dir ein Lehrgedicht gelingen.

O komm, damit sich Herbst und Frühling schön ergänzen,
Mit Früchten lab' ich dich, du schmücke mich mit Kränzen


119

Du hörst ein Buch als gut von guten Freunden preisen,
Und preisest nun als gut es auch in Freundeskreisen.

Hast du's gelesen? Nein! Und hättest du's gelesen,
Du wüßtest auch nicht mehr, als daß es gut gewesen.

Drum es zu lesen kannst du Zeit und Mühe sparen;
Du hast genug davon zu deinem Zweck erfahren.


120

Des Ruhmes Garten wird nie blumenleer gepflückt,
Wie mancher sich daraus mit Kränzen schon geschmückt.

An jeder Stelle, wo ein Jüngster Schönes brach,
Wächst gleich ein Schöneres für einen Jüngern nach.


121

Mit meinen Söhnen ging ich wandernd über Land,
Und es war wunderbar, wie ich mich da empfand.

So reizend zweifelhaft war es mir nie erschienen,
Ob ich ihr Führer sei, ob selbst geführt von ihnen.

Sie mögen nun so fort stets unbedürft'ger schreiten,
Und fähiger, mich gern bedürfenden zu leiten.


122

Es ärgerte mich wol, daß von den braunen Haaren
So viel seit ein'ger Zeit mir grau geworden waren.

Nun aber freu' ich mich, daß bei den grauen doch
So viele braune sind geblieben immer noch.

Und wann die grauen nun die braunen überwiegen,
Wird es mich endlich freun, ein reines Grau zu kriegen.

Als Knabe betet' ich, und jetzo werd' es wahr:
„Gib, daß ich tragen mag mit Ehr'n ein graues Haar!“


123

Die Seherinnen, die statt Augen andre Glieder
Zum Sehn gebrauchen, sind von Herzen mir zuwider.

Doch eine sah ein Bild in ihres Herzens Spiegel,
Dem gerne sich erschließt des meinen Schloß und Riegel.

Ein freundlich ernster Greis, mit offenstehnder Brust;
Ein Kindlein, lächelnd, blickt daraus hervor mit Lust.

So machen möcht' ich selbst mein Herz zu einer Wiege,
Und daß ich selber so als wie ein Kindlein liege!

Da ist das Innerste des Menschen schönbeschickt,
Wo aus des Greisen Brust das Kindlein lächelnd blickt.


124

Es war ein Mann — vielleicht ist mancher noch im Raume —
Dem alles wohl gelang, doch alles nur im Traume.

Im Traume sang er schön, im Traume sprach er gut,
Im Traume hatt' er Geld, im Traume hohen Muth.

Im Traume war er jung, im Traume hochgeehrt,
Im Traume kerngesund, im Traume grundgelehrt.

Im Traume pflanzte er den Garten blumenreich,
Im Traume baute er sein Haus Pallästen gleich.

Im Traume that er, was ihm Lust und Freude machte,
Und leid that es ihm nur, wenn er vom Traum erwachte.

Drum sucht' er alsobald zum Traum zurückzukehren,
Um zu genießen, was sein Wachen mußt' entbehren.

Unglücklich hat er nicht sein Leben hingebracht,
Weil er im Leben mehr geträumet als gewacht.

Doch glücklich war er nicht; nur glücklich ist der Wache,
Der nicht bedarf, daß erst ein Traum ihn glücklich mache.


125

Zufrieden mußt du seyn, zufrieden mit der Welt,
Es halten so mit ihr, wie sie mit dir es hält.

Zufrieden mußt du seyn mit dem, was Gott beschieden,
Besonders aber mußt du seyn mit dir zufrieden.

Wer nie zufrieden ist mit dem, was er vollbracht,
Ist es auch nicht mit Gott, der so ihn hat gemacht.


126

Nicht im Gedanken laß die Wirklichkeit verschweben!
Der Himmel ist nicht da, die Erde aufzuheben.

Doch, wo hier Dunkel ist, laß Licht von dorther glänzen!
Der Himmel ist nur da, die Erde zu ergänzen.


127

Es ist ein Ewiges, das wandelt und das bleibt,
Das in sich selber ruht und ruhlos Alles treibt.

Du mußt Erregungen und Leidenschaften lassen,
Wenn du das Ewige, das ruhet, willst erfassen.

Du mußt Erregungen und Leidenschaften hegen,
Wenn dich das Ewige, das wandelt, soll bewegen.

Erfassend und erfaßt, erregend und erregt,
Sei gleich dem Ew'gen selbst, bewegt und unbewegt.


128

Mit Unvollkommenheit zu ringen, ist das Looß
Des Menschen, ist sein Werth, und nicht sein Mangel bloß.

Was unvollkommen ist, das soll vollkommen werden;
Denn nur zum Werden, nicht zum Seyn, sind wir auf Erden.


129

Wer still steht, bleibt zurück, wenn Andre vorwärts gehn;
O Unglück und o Glück! nie darfst du stille stehn.

Was hilfts, wonach du rennst, als Höchstes zu erkennen,
Wenn du zugleich erkennst, es sei nicht zu errennen.

Der grade Weg ist nicht, nur immer gradaus gehn;
Du mußt dich nach dem Ziel, das stets sich wendet, drehn.

Wie gern beschied' ich mich, ich sei noch nicht am Ende,
Wenn ich mich nur nicht stets am Anfang wieder fände!


130

Von Zeit zu Zeit ein Schlag dem übermüt'gen Knaben,
Lehrt ihn besonnener gebrauchen seine Gaben.

O danke Gott, daß dir zur rechten Zeit von oben
Ward immer solch ein Wink, wann du dich überhoben.


131

Wie ist die Autorschaft ein dorniger Beruf
Für einen, dessen Herz wie meines Gott erschuf!

Mag doch ein anderer für Andre Rosen brechen,
Dem auch die Rosen blühn, nicht blos die Dorne stechen!

Kaum freut mich, was dabei erfreulichs unterläuft,
Und alle Kränkung ist aufs kranke Herz gehäuft.


132

Sohn, der Tabakrauch auch, wozu ich dich anleiten
Nicht will, der schlimme Brauch, hat seine guten Seiten.

Die Leidenschaftlichkeit des Sprechens kann er dämpfen,
Um hingerissen nicht zu seyn von Meinungskämpfen:

Daß dir die Pfeife nicht ausgeh, die du vergaßest,
Noch du im Eifer mehr als recht ist Dampf ausblasest.


133

Was steht auf diesem Ring? der Gastfreund sandt' ihn mir.
Heißt es Mihr muhri mihr? heißt es muhr mihri mihr?

In Perserschrift ist nicht der flüchtige Vokal
Bezeichnet; heißen kann es beides alzumal.

Was heißt Mihr muhri mihr? „Die Sonne ist das Siegel
Der Liebe.“ Lieblich lacht die Lieb' aus diesem Spiegel.

Was heißt Muhr mihri mihr? „Das Siegel ist die Sonne
Der Liebe.“ Dieser Gruß ist wonnigliche Wonne.

Den Brief des Himmels deckt des Sonnensiegels Glanz,
Das löst die Nacht und liest die Sterngeheimschrift ganz.

Das Siegel aber auf dem Brief, den Liebe schrieb,
Ist eine Sonne, die des Zweifels Nacht vertrieb.

Mit dieser Sonne siegl' ich hier das erste Blatt,
Das jenem, der dis Bild mir gab, zu danken hat.

Wer einen Gruß von mir empfängt mit diesem Stempel,
Er kommt vom Herzen aus der Liebe Sonnentempel.


134

Am letzten Tag des Jahrs blick' ich zurück aufs ganze,
Und leuchten seh' ich es gleich einem Gottesglanze.

Es war nicht lauter Licht, nicht lauter reines Glück,
Doch nicht ein Schatten blieb in meinem Sinn zurück.

Die Freuden blühn mir noch, die Leiden sind erblichen,
Und ins Gefühl des Danks ist alles ausgeglichen.

Ich gab mit Lust der Welt das beste was ich hatte,
Und freute mich zu sehn, daß sie's mit Dank erstatte.

Nichts beßres wünsch' ich mir, als daß so hell und klar,
Wie das vergangne, mir sei jedes künft'ge Jahr.


135

Am Neujahrsmorgen merkt man wol auf Schicksalszeichen;
Glaubt' ich den meinigen, so müßt' ich schon erbleichen.

Ich schlüpft', als ich aufstand, verkehrt in mein Gewand;
Als ich die Uhr nahm, fand ich daß sie stille stand.

Mög' alles, was verkehrt ich dieses Jahr soll thun,
So leicht wie dies Gewand seyn umzuwenden nun!

Und wenn mir soll die Uhr des Lebens stille stehn,
Mög' es so unvermerkt und sanft im Schlaf geschehn!


136

Der Ehrgeiz gibt nicht Ruh noch Rast dem, der ihn hegt;
Von ihm ist, wie vom Sturm die Flut, das Herz bewegt.

Bei einem Mann der That ist er villeicht zu loben;
Er sei davon gespornt, getragen und gehoben!

Daß er den innern Sturm durch äußre Stürme dämpfe;
Und wie ihn nagt sein Wurm, betäub' er ihn durch Kämpfe!

Allein bei Wissenschaft und Kunst ist ganz ein Fluch
Der Ehrgeiz, unstatthaft, ein innrer Widerspruch.

Denn mit der Ruh kann nicht die Unruh sich vertragen;
Eh'r Geiz, als Ehrgeiz, läßt in Muße sich ertragen.


137

Nicht leicht vergeht ein Tag, an dem nicht was geschah,
Das herzlich mich erfreut, wenn ich es recht besah.

Wenn einer doch vergieng, an dem mir nichts des neuen
Erfreulichen geschehn, da muß mich altes freuen.


138

Mit deinem Lernen ists im Augenblick vorbei,
Wo du dich selber fragst, wozu's ersprießlich sei.

Es dient nicht deiner Seel' und nicht der Welt zum Heil;
Was wendest du daran des Lebens einen Theil?


139

Die Freunde schweigen still; kein Laut hat mir entdeckt,
Wie, was ich Neustes aufgetischt hab', ihnen schmeckt.

Nur Fremde hör' ich, die dort auf dem Markte schelten,
Im Winkel loben dort; was kann mir beides gelten?

Ich bin zu alt, um neu zu modeln meine Sachen,
Und weder Tadel kann noch Lob mich besser machen.

Verbitten will ich mir ganz alle Zeitungspost,
Und selbst zufrieden seyn mit meiner Hausmannskost.


140

Der schlechte, wenn er fühlt sein Unrecht, wird dich hassen,
Der edle dich dafür zwiefach mit Lieb' umfassen.

Betäuben durch den Haß will jener sein Gefühl,
Doch diesem beut die Lieb' ein sanftres Ruhepfühl.


141

Die Welt ist eben Welt, Welt überall; sie kennen
Zu lernen, möcht' ich sie nun fürder nicht durchrennen.

Was an ihr ist, hab' ich erkannt an einem Ende,
Und mehr erkennt' ich nicht, wenn ich am andern stände.


142

Noch immer fand ich, wann ich gieng auf neuen Wegen,
Daß mir die Förderung von selber kam entgegen,

Ein Fingerzeig, den mir am Orte, wo es noth,
Ein Fremder ungesucht und unerwartet bot.


143

Nicht träge mußt du seyn dich zu vertheidigen,
Wenn dich ein Tölpel will, ein Wicht beleidigen.

Doch mancher Angriff tritt nicht deiner Ehre nah;
Laß ihn nur unbemerkt, so ist er gar nicht da.


144

Mein Sohn, wenn du in dir hast aufgebaut ein Wissen,
Sei fein von Zeit zu Zeit der Nachhülf' auch beflissen.

Mit wenig Aufwand hältst du's leicht in gutem Stande;
Wenns erst baufällig ward, ists großer Schad' und Schande.


145

Auf hoher Alpe steht die Pflanze fest im Bodem,
Und in die freie Luft haucht sie den Blütenodem.

Du siehst sie farbig blühn und duftig, doch das Grün
Des Blätterwuchses muß erliegen dem Bemühn.

Die Pflanze gibt die Wucht der Blätter auf, und sucht
Die Blüt' entgegen nur zu retten ihrer Frucht.

Gib auf den Blätterschwall! du kannst ihn nicht erhalten;
Und laß die Blüte sich in Himmelsluft entfalten!


146

Ist Geben seliger als Nehmen, wie man spricht;
Warum die Seligkeit gibst du dir selber nicht?

Sag nicht, daß du genug nicht habest um zu geben;
Brauchs zum Wohlleben nicht! ein andrer brauchts zum Leben.


147

Du in Gemächlichkeit gesättigt und bekleidet,
Denkst du des Bruders auch, der friert und Hunger leidet?

An ihn zu denken nur, verstört dich im Genuß,
Bis du dem Dürft'gen gibst von deinem Überfluß.


148

Im Frühling fühl' ich mich verbunden mit der Welt,
Wo die Natur mir selbst den Spiegel Gottes hält.

Im Winter aber muß von Zeit zu Zeit mir sagen
Ein Blick, ein Wort, ein Gruß, von Herzen, die mir schlagen.

Im Lenz war jedes Laub von Freundes Hand ein Blatt;
Jetzt sagt mir nur sein Brief, was er zu sagen hat.


149

Falsch, lieblos ist die Welt; doch welches Herz vom Glauben
Der Liebe lebt, läßt ihn sich von der Welt nicht rauben.

Das Gute, was du an Unwürdigen gethan,
Sei nur getrost! Gott schreibt auch das für gut dir an.


150

Die schönsten Lieder, die aus vollstem Herzen dringen,
Sie werden nicht die Welt verwandeln und bezwingen.

Das wird allein der Kraft, der thätigen, gelingen.

Dem Manne zoll' ich Preis, der das im engsten Kreis
Weiß zu bethätigen, was ich zu träumen weiß.


151

Ihr mögt mich umganglos und ungesellig schelten!
Wen aber hab' ich denn, der mich als mich läßt gelten?

Wo ich mich selber muß verleugnen immerhin,
Da bin ich einsam, wo ich in Gesellschaft bin.


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