Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Sechstes Bändchen, 1839. XIX


1

Hauch Gottes, Poesie, o komm mich anzuhauchen,
In deinen Rosenduft die kalte Welt zu tauchen.

Was du anlächelst, lacht; was du anblickest, glänzt;
Die Eng' erweitert sich, und Weites wird begränzt.

Durch dich ist ewig, was im Augenblick geschwunden,
Was ich gelebt, gedacht, genossen und empfunden.


2

Im Guten nicht allein, im Wahren auch und Schönen
Spricht eine Stimme laut, die nichts kann übertönen.

Wie sie dir saget, ob du etwas recht gethan,
Nicht abgewichen bist von des Gesetzes Bahn;

So sagt sie dir auch, ob du etwas recht erkannt,
Nicht im verschlungnen Pfad des Irrthums dich verrannt;

Sie sagt dir auch, ob du der rechten Kunst gewaltet,
Ein Gutes, Wahres klar in schöner Form gestaltet.

Den höchsten Beifall, den du deinem Handeln, Wissen
Und Bilden selber gibst, nie mögest du ihn missen.


3

Poeten, lasset uns treulich zusammen halten!
Erkälten dürf' uns nicht die Welt, noch selbst erkalten.

Haucht aus euch nur die Glut, die Gott in euch gehaucht,
Und bleibet wohlgemuth, wenn draußen sie verraucht.

Wer größer, kleiner sei, das lasset uns nicht streiten;
Uns richtet diese Zeit, sie richten künft'ge Zeiten.

Gar viel was heute glimmt, wird über Nacht verglimmen;
Und was nun oben schwimmt, wird fort im Strome schwimmen.

Was dem das meiste gilt, wird der am meisten schelten,
Und drum, was dieser schilt, wird jenem doppelt gelten.

Gut Werk ist Dichterei, die feine wie die plumpe,
Und nur Kunstrichterei ist ein Geschäft für Lumpe.


4

Wer nichts Ehrwürd'ges kennt, mit Ehrfurcht keinen nennt,
Hat keine Ehr' und bleibt von Ehren stets getrennt.

Ihr achtet kein Gesetz und ehret keine Sitte,
Junges Barbarenvolk in der Gesittung Mitte.

All' eure Schreiberei, wie geistreich ihr sie schmückt,
Doch ist der Barbarei Gepräg ihr aufgedrückt.

Weh, wenns gelingt daß ihr die Welt barbarisirt;
Spott euch, wenn ihr umsonst euch habt prostituirt.


5

Die Wohlgestalt ist schön in jeglichem Gewande,
Am schönsten ist sie nackt, doch nur im Unschuldstande.

Das Alter kann zurück zur Kindesunschuld kehren,
Nur soweit nicht um auch des Kleides zu entbehren.

Auch Kindeseinfalt des Gedankens liebt Bekleidung,
Denn erst das Kleid gibt ihm anmuth'ge Unterscheidung.

Man hält zum Werktagkleid sich an die Landesart,
Die Lustverkleidung bleibt dem Festtag aufgespart.

Man mag Bekanntes gern in fremder Hülle sehn,
Weil es zugleich so fern und nahe scheint zu stehn.

Drum liebt der Schönheit Glanz viel wechselnde Gewande,
Weil keins allein ihn ganz zu fassen ist im Stande.

Durch andres Kleid erhält der Leib auch andre Haltung,
Und jede neue Falt' ist neuer Reiz' Entfaltung.

Das Fremde nur ist schön, das Fremde nur gefällt,
Das eigenthümlich dar ein Allgemeines stellt.

Wo dem Besondern fehlt und Fremden diese Spur,
Das meid' als sonderbar und als befremdlich nur.


6

Wo der Gedanke fehlt, die unverwandte Richtung
Auf hochgestecktes Ziel, da ist ein Tand die Dichtung.

Das Fantasienspiel der Kindermährchenlieder
Ist mit der Kindheit hin, und Niemand bringt sie wieder.

Statt Ammenkinderfrau sei nun Erzieherinn
Die Muse dem Geschlecht zu höherm Lebenssinn.

Hinfort genügt nicht mehr anmuthig Klingendes,
Nur Himmelringendes, Geschickbezwingendes.


7

Der Dichter, der nur ist ein Dichter, ist ein Kind
In dieser Zeit, da wir gereift zu Männern sind.

Kind bleiben, ist nicht schlimm, nicht schlimm es wieder werden,
Nur schlimm sind kindische statt kindlicher Geberden.

Was aber seid denn ihr, die ihr so männlich thut,
So grämlich ernst aufs Spiel herabzusehn geruht?

Ihr glaubet euch gereift, und seid doch nur verblüht,
Vom Froste nur bereift, anstatt vom Thau besprüht.

Was wär' ein rechter Mann? der mit dem Kern sich nährte
Der ganzen Wissenschaft, und den zu Kunst verklärte;

Der machte ganz die Welt — Bruchstücke mein' ich nicht —
Zu einem reizenden und lehrenden Gedicht.


8

An alter Poesie verblühten Blumenbeeten
Die silbenstechenden Ausleger der Poeten

Erwecken mir halb kühl im Busen und halb schwül
Aus Stolz und Trauer ein gemischtes Mitgefühl:

Stolz, daß ein leichtes Wort zu solchen Ehren kam,
Und Trauer, daß die Lust der Welt solch Ende nahm;

Daß diese Blumen, die mit Duft und Glanze neu
Einst Herzen labten, nun sind solcher Ochsen Heu.

Auf, Lieder, laßt uns frisch der frischen Welt gefallen,
Eh wir verdorrt zum Raub dem dürren Vieh heimfallen.


9

Des Schrifterklärers Fluch ist Alles zu erklären,
Alsob am Himmel nicht auch Nebelsterne wären;

An einem Blatt im Buch, der Raupe gleich, zu kleben,
Statt wie der Schmetterling die Blüte zu beschweben.

Ich aber rathe dir, dich nicht sosehr zu plagen,
Und was du nicht verstehst, getrost zu überschlagen.

Denn was dir Einzelnes geblieben unverständlich,
Aus dem Zusammenhang verstehst du doch es endlich.

Noch besser, wenn du gar nicht suchst Zusammenhang,
Und dich auf jeden Schritt erfreut der Wandelgang.


10

Beglückte Zeiten, wo ein einzig Angesicht
Die Welt dem Dichter zeigt, und ihm wird Ein Gedicht.

In unsern Zeiten zeigt sie gar viel Angesichter,
Und jedem anzuthun sein Recht vermag kein Dichter.

Er wird, wenn er sich hält an eine Seit', einseitig,
Und schwindlig, wenn er will auf alles sehn gleichzeitig.


11

In Wahrheit lebenswerth war einmal nur das Leben,
Als schöne Menschheit war des Menschen höchstes Streben.

An Seel' und Leib gesund sind durchaus nur die Griechen,
Dagegen unsre Welt ein großes Haus der Siechen.


12

Es ist nur Eitelkeit, wenn du dir vorgenommen,
Mein Freund, daß, was du schreibst, sei alles ganz vollkommen.

Die leichte Tändelei ist nicht der Mühe werth,
Und minder noch die Welt, die solchen Schmuck begehrt.

Sag' ihr, der Welt, eh sie Vollkommenheit verlange
Von uns, daß sie erst selbst Vollkommenheit erlange!


13

Du klagst, unmöglich sei fürs Volk zu dichten heut.
Wann aber hat des Volks die Dichtkunst sich erfreut?

Selbst in der schönsten Zeit der Kunst ward dargeboten
Doch ihre Gabe nur Hellenen, nicht Heloten.

Nun sind verschmolzen zwar Heloten und Hellenen,
Doch immer weiht die Kunst nur diesen sich, nicht jenen.


14

Geflüchtet ist die Kunst zur irdischen Geschichte,
Weil ihr das Ideal des Himmels ward zunichte.

Vorm Chaos der Geschicht' empfände sie ein Grauen,
Wenn jenes Ideal sie könnte neu erbauen.


15

Dem Dichter ist das Weib die liebste Richterin,
Besonders wenn sie selbst ist keine Dichterin.

Doch sei sie Dicht'rin auch, wenn sie Gefühl nur singt
Gemäßigtes, das rein aus ihrer Brust entspringt.

Noch widriger als die den Schlei'r der Zucht zerreißt,
Ist die ausschweifender Empfindung sich befleißt.


16

Die Kürze lieb' ich sehr, der Rede Bündigkeit,
Wodurch ein Dichtermund zeigt seine Mündigkeit.

Vielwortigkeit ists die den Schüler nur verklagt,
Daß er das eine Wort nicht traf, das Alles sagt.

Doch wo der ringende Gedank' ist überschwänglich,
Ist Widerholung auch dem Meister unumgänglich.

Wo du das Thema nicht vermagst hervorzutonen,
Erschöpfen mußt du es in Variazionen.


17

Ich will durchaus nicht thun, was wollen die und lieben,
Für die gesungen jetzt, getanzt wird und geschrieben.

Nur hören wollen sie und sehn, ohn' aufzuthun
Ein innres Aug' und Ohr, im Äußern müßig ruhn,

Genießen, schwelgen nur, nicht denken noch sich bilden;
Mit ungezügelter Einbildungskraft verwilden.

Dazu helf' ihnen treu Musik und Bühnenkunst,
Du, edle Poesie, verschmäh die schnöde Brunst!

Ob von den deinen auch sich ihnen beigeselle
Mährchen, Roman, Romanz', Erzählung und Novelle;

Doch, heil'ge Lyrik, du, von wo du bist, nach oben
Deut' ihnen warnend ernst, ob sie ob nicht sie's loben.


18

Noch lange nicht genug geschrieben und gedichtet,
Noch lange nicht genug gesichtet und gelichtet.

Gebt nur die Ewigkeit von euerm Schreiben auf,
Sonst schreckt die Fantasie maßloser Bücherhauf.

Denkt, daß ihr schreibt nur statt zu denken und zu sprechen,
Und so ist ohne Maß zu schreiben kein Verbrechen.

Denn alles was ihr denkt und sprecht, verweht der Wind,
Und immer muß sich neu aussprechen Mann und Kind.


19

Warum mit Reimen euch, und schweren Reimen, quälen?
Wär' es, ihr Dichter, nicht genug die Silben zählen?

Den Griechen wars genug, warum wärs uns nicht auch?
Doch Silbenzählung selbst ist zeitlicher Gebrauch:

Der Psalter Davids rauscht noch ohne Silbenzahl;
Und so aus Zeit in Zeit wuchs mit der Kunst die Qual;

Und wuchs mit der Genuß, dem Hörer nicht allein,
Dem Dichter allermeist, der gern geplagt will seyn.

Wer will nun jeder Zeit bestimmen gleiches Maß,
Da jede nach Bedarf ihr eignes stets besaß?

Der Künstler aber sei gelobt, der fühlt und wägt,
Was seine Zeit von Kunst bedarf und was verträgt;

Der ihr nichts bietet, was sie nicht verträgt, nichts weigert,
Was sie bedarf, und nicht ihr falsch Bedürfnis steigert.


20

Ein Unglück ist es wohl, daß sich auf lange nicht
Erhält in dir das hergestellte Gleichgewicht.

Doch ist es schon ein Glück, daß es nur her sich stellt
In jedem Augenblick, wenns auch nicht lange hält.

Wem dankst du dieses Glück? dem Hauch der Poesie;
Das Unglück aber ist, daß nur ein Hauch ist sie.


21

In meinem Innern ganz ist dis Gedicht vorhanden,
Das in Bruchstücken nur ist äußerlich entstanden.

In jedem Bruchstück bricht ein Stückchen Glanz hervor
Alswie vom Angesicht des Liebchens hinterm Flor.

Denk dir das Ganze, wenn ein Liebender du bist!
Noch schöner magst du dir es denken als es ist.


22

Ich liebe mir ein Lied mehr als ein Trauerspiel;
Mich freut die Lust am Weg, und nicht die Eil' ans Ziel.

Rasch drängt das Trauerspiel dich vorwerts wie die Zeit;
Den Augenblick nur macht das Lied zur Ewigkeit.


23

Dann ist, o Dichter, dir wahrhaft die Form gelungen,
Wenn so den Leser sie durchdringt, die dich durchdrungen,

Daß er, von ihrem Maß mit Lust gewiegt, vergißt,
Daß man auch auf der Welt den Vers noch anders mißt.


24

Baumeisterin Natur kannst du an ihrer Schwelle
Belauschen wie den Fleiß der Bienen in der Zelle.

Du siehest wie sie baun, nach kannst du's doch nicht machen,
Und merkest nur daran: nicht Einsicht macht die Sachen.

Als Schöpfer- aber und Naturkraft wirkt zugleich
Nur Kunstsinn, der vollbringt Kunstreiches einsichtreich.

Der blinde Bildungstrieb, des Wissens scharfe Flammen,
Sind beide mangelhaft, vollkommen nur zusammen.


25

Wo soviel Blumen blühn, wie jetzt auf unsrer Flur,
Bleibt endlich der Gesammteindruck von allen nur.

Zu schmücken ihren Platz mag jede sich bemühn,
Doch keine wird so leicht die andern niederblühn.

Die sich besonders müht, daß sie Besondres bringe,
Wird leicht zur Misgeburt anstatt zum Wunderdinge.

Blaß werde nicht vor Gram, die übersehn sich sieht,
Noch jene roth vor Scham, die alle Welt vorzieht;

Noch gelb vor Neide, die sieht alle vorgezogen;
Verschiednen Blumen ist verschiedner Sinn gewogen.

Die thun alsob Gemüth sie nur bei jenem fänden,
Sie liebten diesen auch, wenn sie den Geist verständen.


26

Der Irrthum ist nicht das, Einbildungen zu haben
Unwahrer Dinge, die als wirkliche sich gaben.

Der Irrthum ist nur das, vergessen bei den Bildern,
Daß wirklich da nicht ist, was sie als solches schildern.

Wer dieses Bilderspiel kann bringen frei hervor,
Ist ein Poet, wen unfrei es beherrscht, ein Thor.


27

Geehret sei das Wort! es ist des Geistes Spiegel,
Ist des Gedankens, der gereift, Vollendungssiegel.

Wo ihm das Siegel fehlt, gilt er sich selber nicht;
Und wo der Spiegel fehlt, gewahrt sich nicht das Licht.

Doch wenn es Spiegel ist, so ist es nur zum Gleichen,
Und wenn es Siegel ist, so ist es nur zum Zeichen.

Nie dem Gespiegelten entspricht der Spiegelglanz,
Nie dem Versiegelten das äußre Siegel ganz.

Wer in die Formeln will des Worts die Geister bannen,
Die Formeln bleiben ihm, die Geister gehn vondannen.

Du aber suche fein die Geister zu belauschen,
Wie, wandelnd unsichtbar, sie Wortgewande tauschen.


28

So thöricht ist der Mensch nur auf sein Weh beflissen,
Daß er von seinem Wohl viel minder scheint zu wissen.

Selbst seine Sprache zeigt entgegen einem Namen
Fürs Liebe meistens drei, die auf das Leide kamen.

Nur eines nennt er gut, o wär' es gut nur immer,
Drei übel, bös' und schlimm; oft ist noch gutes schlimmer.

Nur eines nennt er süß, o möcht' es rein ihm munden,
Drei bitter, saur und herb, dem süßen oft verbunden.

Nur eines nennt er schön; es schien ihm unerlässlich
Dem beizugeben auch drei garstig, wüst' und hässlich.


29

Zwei Arten gibt es wie man Sprachen lernen kann;
Gleichgültig ist der Weg, wenn man das Ziel gewann.

Der eine schwere Weg führt durch Zergliedrung gründlich,
Der andre leichtere durch Übung schrift- und mündlich.

Und also lernet auch die Sprache der Natur
Natürlich einer und ein andrer künstlich nur.

Beglücktes Mutterkind, von Qual der Schul' entfernt,
Das mit der Muttermilch die Muttersprache lernt!


30

Wie kann im Gegensatz der Werke der Natur
Des Menschen schwache Kunst ihr Werk aufstellen nur!

Ihn selber hat Natur als Kunstwerk aufgestellt,
Ihm Kunstwerkbildungstrieb lebendig eingesellt.

Und was durch diesen Trieb die Kunst hervorgebracht,
Ist mittelbar, Natur, ein Werk nur deiner Macht.

Was rühmet sich der Mensch, daß er dein Werkzeug ist,
Wo du Werkmeisterin, Werkstoff und Werkstatt bist!


31

Was Menschenkunst gemacht, darf man zu nah nicht sehn,
Nicht vorm Vergrößrungsglas kann es die Probe stehn.

Des Malers schönstes Bild, des Dichters schönstes Wort,
Zergliedr' es und zerlegs, so ist der Zauber fort.

Was Gottes Kunst gemacht, erscheint nach vorgenommner
Zergliederung, wenn auch nicht schöner, doch vollkommner.

Nicht schöner, weil sich nur auf unsern Sinn bezieht
Die Schönheit, und zugleich mit dessen Täuschung flieht.

Vollkommner aber, weil der Geist viel mehr darinn
Entdecket, als vermag zu fassen Menschensinn.


32

Jemehr die Liebe gibt, jemehr empfängt sie wieder;
Darum versiegen nie des echten Dichters Lieder.

Wie sich der Erdschooß nie erschöpft an Lust und Glück;
Denn alles was er gibt, fließt auch in ihn zurück.


33

Was deine Seele denkt, was dein Gemüt empfindet,
Wenn nun das rechte Wort dazu die Sprache findet;

Wie schwankend ist das Wort, wie schillerig vieldeutig,
Und eben dadurch auch wie reich und vielausbeutig!

Das allereinfachste, in welchem nur Ein Sinn
Liegen zu können scheint, vielfachster liegt darinn.

Das merkest du zumeist, wenn du dir zum Ergetzen
In deine Sprache willst aus fremder übersetzen.

Da spürst du erst des Meers Untief' und Klipp' und Riff,
Worüber leichthin sonst geht dein Gedankenschiff.

Ja alles findest du, die Qual ist höchst ergetzlich,
Jemehr du es verstehst, jeminder übersetzlich.


34

Was allerbestes je von Weisen ward gesprochen,
Wie ein lebend'ger Quell aus ihrer Brust gebrochen,

War nie so allgemein gemeint alswie es scheint,
Ein ganz besonderes war stets damit vereint.

Doch das Besondre hat sich unserm Blick entzogen,
Die allgemeine Kraft ist nicht damit entflogen.

Gerade daß es auf besonderm Grunde ruht,
Macht daß es nun die allgemeine Wirkung thut.

Aus Herzbedarf für Herzbedarf war es gesprochen,
Das fühlt dein Herz heraus und muß Theilnahme pochen.


35

Wer Altgewöhnliches zum Ungewöhnlich-neuen
Durchs Wort verwandeln kann, wird dich durchs Wort erfreuen.

Und wer durchs Wort ein Unbekanntes zu verkehren
In ein Bekanntes weiß, der weiß dich zu belehren.


36

So breit geworden ist nun Kunst und Wissenschaft,
Umfassen könnten sie nur Arme riesenhaft.

Man sollte sie der Welt in kurzen Auszug bringen;
Doch in die Knospe wer kann Rosen wieder zwingen?

Am besten wenigstens gäbst du, statt neuen Lenz,
O Dichter, uns von dir sogleich die Quintessenz.

Doch nur die Zeit — o zieh du deinen Flor indessen
Kann kochen Rosenöl und Rosenwasser pressen.


37

Um mit Vertraun ein Wort zu wagen, mußt du dessen,
Was all des Schönen schon vorhanden ist, vergessen.

Gar es zu kennen nicht, wird dich noch mehr befrein;
Doch wer kann, Schönes nicht zu kennen, sich verzeihn?


38

Wenn du dein eignes Ich nur spiegelst, soll das mich
Erbauen? jeder sucht mit Recht im Spiegel sich.

Du mußt der Welt verzeihn, wenn sie dir nie verzeiht
Persönlichkeit, die nicht selbst wie die Welt ist weit.


39

Schön ist Geringstes, das die rechte Form gefunden,
Und werthlos Edelstes, von falscher Form gebunden.

Des Edelsteines Werth erhöht sie nicht allein,
Die Fassung selber macht hier erst den Edelstein.


40

Die Unvollkommenheit der Sprach' hab' ich verachtet,
Und nach vollkommener, die ehmals war, geschmachtet.

Das göttliche Sanskrit ist im Prakrit gebrochen;
Demüthig stammelt dis, wo jenes kühn gesprochen.

Doch dem Geschick der Sprach' und Herzen dacht' ich nach,
Und bin zufrieden nun, daß jener Stolz zerbrach.

Nur Unvollkommenes kann den Vollkommnern preisen;
Demüthig lasset uns ihm stammeln unsre Weisen.


41

Wie ein Botaniker nur von Profession
Bemerket, was uneingeweihtem Blick entflohn,

Der zarten Moose krausgeästetes Gewimmel,
Von andern übersehn als unscheinbarer Schimmel;

Doch wer mit rechtem Blick und Kunstsinn es gewahrt,
Dem ist des Schöpfers Kunst auch darin offenbart,

Nicht minder als im glanzentfalteten Gebäude
Buntkroniger Blumenpracht, jedermanns Augenfreude:

So im von Meisterhand entworfenen Gedicht
Sind Reize, die so leicht nicht fallen ins Gesicht,

In denen doch sich zeigt des Meisters Kunst und Macht
Nicht minder als im Schmuck erfindungsreichster Pracht;

Doch nur der Kenner und Liebhaber von Kleinheiten
Ergetzt sich an derlei verborgenen Feinheiten.


42

Wol ist die Poesie stets vor der Welt voraus;
Wann kommt ihr diese nach, wo sie ist längst zu Haus?

Doch geht die Poesie der Welt auch hinterdrein,
Die stets voraus ihr rennt, nie holt sie jene ein.

Wenn hier die Poesie ein Feld hat angebaut,
Hat schon das Leben sich nach andrem umgeschaut.

Was aber soll sie, wo das Leben ist entflohn?
Sie sträubt sich lang', und muß am Ende doch davon;

Und muß den Spuren nach, wo jetzt das Leben weilt;
Da wohnt sie nun, indeß das Leben weiter eilt;

Und schmückt die Spuren schön, sodaß sich dran erquickt
Das Leben, wenns einmal stillstehend um sich blickt.

So ist die Poesie hier stets Vergangenheit,
Doch ew'ge Zukunft dort für Zeitbefangenheit.

Sie blickt dem Leben nach, und leuchtet ihm voran,
Wie Morgenabendroth umsäumt des Tages Bahn.


43

Befriedigung alswie im kleinsten Sinngedichte
Ist nicht im weitesten Gebiete der Geschichte.

Denn der Geschichte fehlt der Gegenwart Begränzung,
Die ganze Zukunft ist gefordert als Ergänzung.

Und im Gedichte nur, wenn es ist rechter Art,
Ist wie in der Natur vollkommne Gegenwart.


44

Wo hört die Heimat auf, und fängt die Fremde an?
Es liegt daran, wie weit das Herz ist aufgethan.

Ein enges Herz, das sich verstockt im Winkel hat,
Es findet fremdes Land drei Finger von der Stadt;

Ein weites aber hat das Fernste sein genannt,
Alswie vom Himmel wird die blühnde Welt umspannt.


45

Gar viel Personen sind beisammen im Poeten,
Die auf die Bühne mit und nach einander treten,

Sich widersprechen, sich ergänzen, sich erklären,
Doch Eine sind und thun alsob sie viele wären.

Warum so viele? daß, wofern nicht allen alle,
Doch diese dem von euch, und jenem die gefalle.


46

Die Sprache wirst du bald unter- bald überschätzen,
Jenach du willst in sie und aus ihr übersetzen.

Denn jede hat in sich etwas Unübersetzbars,
Das dann bei dem Versuch dir scheinet ein Unschätzbars.

Und wie dein Geist sich mit der Übertragung quält,
Scheint seine Sprach' ihm arm, weil grade das ihr fehlt.

Doch übersetz' aus ihr, so findest du sie reich;
So findest du zuletzt die zwei ungleichsten gleich;

Verschiednen Blumen gleich, in ihrer Art vollkommen,
Daß nichts hinzugethan kann seyn noch weggenommen.

Es wäre doch, beim Lenz! ein seltsames Ergetzen,
Rosen in Mohn und Mohn in Rosen übersetzen.

In fremder Sprache sieht befremdlich Alles aus,
Wie alles ungewohnt im unbekannten Haus.

Doch willst du dir daselbst gefallen als ein Gast,
Mußt du vergessen daß zu Haus du's anders hast.

Dann von dem fremden Schmuck, soviel dir mag behagen,
Magst du in deinem Sinn mit dir nach Hause tragen,

Und dort anbringen, was du dir hast eingeprägt,
Soweit es sich mit Hausbequemlichkeit verträgt.

Dazu nützt der Verkehr der Sprachen und Gedanken,
Daß man erweitert, wenn schon auf nicht hebt, die Schranken.

Beschränktheit nur ist arm, Beschränkung aber reich;
Wer etwas seyn will, kann nicht alles seyn zugleich.


47

Daß nicht ein Mensch die Sprach' erfunden, glaubt ihr lang,
Und daß sie mit und aus der Menschheit selbst entsprang.

Doch meint ihr, daß ein Mensch einmal erfand die Schrift,
Als sei kein Zauber auch Buchstab' und Schreibestift!

Doch nicht ein Zauberer, ein Gott gewesen wäre,
Wer dem Gedanken so gerundet seine Sfäre.

Denn kleinres Wunder nicht ist daß man schreibt, als spricht;
In zweien Spiegeln bricht sich gleich des Geistes Licht.

Der eine Spiegel wirft das Bild dem andern zu,
Und äußerlich wie dort dich hier erkennest du.

Die Schrift ist mit der Sprach' und wie sie selbst entstanden,
In beiden nur ist ganz der Menschheit Bild vorhanden.

Du sagst: ein Unterschied sei zwischen Schrift und Schalle,
Weil alle sprechen, doch nicht schreiben können alle;

Drum sei die Sprache wol der Menschheit selbst entsprungen,
Doch nur Erfindsamen die Schreibekunst gelungen.

Das heißt: Das Denken hab' ein Denker ausgedacht,
Weil auch nicht jeder Mensch Gebrauch vom Denken macht!


48

Was ist ein Sinnbild? Was der schöne Name meint:
Ein Sinn mit einem Bild aufs innigste vereint.

Ein tiefer Sinn, der in ein schönes Bild sich senkt,
Ein schönes Bild, bei dem ein tiefer Sinn sich denkt.

Schön sei das Bild und klar, tief sei der Sinn und wahr,
Und mit einander eins untrennbar sei das Paar.


49

Wann ist ein Gleichniß gut? Wenn man soweit es führt,
Als sein Vermögen reicht, und man die Wirkung spürt.

Wenn es zu früh stehn bleibt, erscheint es schwach und zahm;
Und wenn zuweit mans treibt, wird es bekanntlich lahm.

Die Näh zerstört den Schein, von fern ist alles gleich,
In rechter Mitte nur ist es beziehungsreich.


50

Mit Worten malt man auch; mal' immer aus den Schalen
Der Fantasie, was sich nur läßt durch Worte malen!

Sei es ein Herzgefühl, ein Sinnengegenstand;
Je schwieriger, je mehr zeigt er die Künstlerhand.

Doch ganz unkünstlerisch ist es, ein Wort an Sachen
Verlieren, die nicht kann das Wort anschaulich machen.


51

Das Wortspiel schelten sie, doch scheint es angemessen
Der Sprache, welche ganz hat ihre Bahn gemessen.

Daß sie vom Anbeginn, eh' es ihr war bewußt,
Ein dunkles Wortspiel war, wird ihr nun klar bewußt.

Womit unwissentlich sie allerorten spielen,
Komm' und geflissentlich laß uns mit Worten spielen!


52

Das Wortspiel will ich auch wol deiner Sprach' erlauben,
Wenn es nur Schmuck ihr leiht, ohn' ihr den Kern zu rauben.

Der Prüfstein ist, wenn sie, fremdländisch übersetzt,
Den eignen Schmuck verliert, und auch noch nackt ergetzt.


53

Zwei Dichter weiß ich, die zur höchsten Höhe flogen,
Und bald Nachahmung bald Bewundrung nach sich zogen.

Doch zog der eine meist nach sich die größre Schaar,
Indeß des andern die gewählte kleinre war.

Ein hohes Ideal dem einen schwebte vor,
Zu dem er unverwandt sein Antlitz hielt empor,

Und seinen Flug; doch nie konnt' es der Flug erreichen;
Je höher er sich hob, je höher mußt' es weichen.

Vom Ideale selbst der andre flog gehoben;
Er war stets wo es war, nie unten er, es oben.

Kein Äußerliches wars, wonach er ringend strebte,
Es war sein Innres selbst, das was er war und lebte.

Dem ringe nach! Es kann mit rechter Kraftanwendung
Der Mensch auf jeder Stuf' erreichen die Vollendung.


54

Pfui dem Geschlechte, dem der Zorn ins Angesicht
Nicht steigt, wenn kleiner Sinn Hohn großen Todten spricht.

An Manen glaubt ihr nicht, sonst würden sie euch mahnen;
Und Ahnen ehrt ihr nicht, sonst würdet ihr dies ahnen.

Der Geist, der unter euch viel Geister hat gezeugt,
Der Geist, der euern Geist laut vor der Welt bezeugt;

Von jedem Hudler laßt ihr dessen Namen hudeln,
Von jedem Sudler frech sein Ehrenmaal besudeln.

Den Namen, den ich nie ohn' Ehrfurcht nenne, Göthe,
Beschmitzt, und Niemand wehrts, mit edlem Gift die Kröte,

Die sich noch rühmt, weil sie den Lebenden beschmitzt
Schon habe, dürfe sie's auch thun am Todten itzt.


55

Was du nicht lieben kannst, mußt du darum nicht hassen;
Erklären wird es sich, entschuldigen sich lassen.

Das Alter hats gethan, der Jugend Feuer dämpfend;
Der äußre Stand, mit Zwang den innern Schwung bekämpfend;

Ein schwacher Augenblick, Homers, des Alten, Nicken.
Wie? bist du sicher selbst vor schwachen Augenblicken?

Bist sicher, daß nicht Stand und Umstand dich bedinge,
Auch dir des Alters Frost ans innre Leben dringe?

Drum, nicht fehlloser, halt' auch einen Fehl zu gut!
Aus Eigenliebe thuts, wer nicht aus Lieb' es thut.

Sich selbst entwürdigt, wer ehrwürdiges vernichtet,
Der Menschheit Stolz und Lust mit Lust unmenschlich richtet.


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