Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Sechstes Bändchen, 1839. XVIII


1

An einem Bache steht ein junger Rosenstrauch,
Und wiegt sein blühendes Gezweig im Frühlingshauch.

Die Wurzel streckt er tief, kühl in die Flut hinein,
Und wandelt, was er saugt, in rothen Wangenschein.

Und wenn den Purpurglanz abbleichte Sonnenglut,
Die welken Blätter streut er wieder auf die Flut.

Froh sieht er auf der Flut die welken schwimmen nieder,
Und sauget wohlgemut für frische Rosen wieder.

Am Abend flüstern ihm Betrübtes Lüfte vor;
Doch er, in Duft gehüllt, leiht ihnen kaum ein Ohr.

Sie flüstern: Ach, der Bach, der so dich scheint zu laben,
Wird wühlend nach und nach den Grund dir untergraben.

Wohin du frohergötzt wirfst deine Blüten jetzt,
Dahin entsinkest du mit deinem Stamm zuletzt.

Darauf der Strauch im Traum mit süßem Lächelduft:
Wol blüht des Lebens Baum nur auf des Todes Gruft.

Drum lasset wohlgemut der kühlen Flut mich trinken,
Bis ich werd' in der Flut ertrinken und versinken.

Laßt mich nur blühn, damit, wenn ich hinunter soll,
Hinunter ich im Strom noch schwimme rosenvoll.


2

Beglückt ist wer den Weg der Sünde gar nicht kennt,
Vom eignen Trieb gelenkt, den Weg des Guten rennt.

Doch auch beglückt, wer kennt den Abweg, ihn zu fliehn,
Um Andere davon zum Weg zurück zu ziehn.

Das ist das schwere Glück des, der für sie geborgen
Nicht sein will, sondern auch der Andern Heil besorgen.


3

Wenn du nicht ausziehn kannst den Fehler der Natur,
In eine Tugend such' ihn umzubilden nur.

Nicht mein' ich ihn mit Schein der Tugend zu bedecken,
Für Kinder hängt man Frücht' an unfruchtbare Hecken;

Doch nie wird Heuchelei des Gärtners Fleiß geschimpft,
Der edle Reiser auf unedlen Stamm geimpft.

Wie man des starren Bergs rauh unfruchtbare Warten
Zu Rückhalt wählt und Schirm dem angelegten Garten.

Wie, wo des Stroms Gewalt Trotz bietet aller Hemmung,
Man zur Bewässerung benutzt die Überschwemmung.


4

Du hast es einmal brav gemacht, und meinest nun,
Du könnt'st ein andermal auch etwas minder thun.

Mitnichten kauft man sich mit Pflichten los von Pflichten,
Du mußt, was du einmal entrichtet, stets entrichten.

Wers einmal gut gemacht hat fürder keine Wahl,
Als daß er besser noch es mach' ein andermal.


5

Schon wieder hast du nicht, was ich gewollt, gethan,
Schon wieder hast du, was du nicht gesollt, gethan.

„Gesündigt hab' ich wol, allein vernimm die Gründe
Der Unterlassung dort, hier der Begehungsünde.“

Und Sünden meinest du mit Sünden abgethan?
Die Gründe gehn mich nichts, mich gehn die Sünden an.

Wer sich auf Gründe wollt' einlassen aller Sünden,
Auf einen schönen Grund wär jede wol zu gründen.


6

Die Mutter, die dem Kind nicht selber Nahrung schenkt,
Beneide nur die Brust der Amme, die es tränkt;

Die für den ersten Quell des Lebens, den sie beut,
Vom ersten Lächeln auch des Dankes wird erfreut.

So mag dem Vater auch, der selbst sein Kind nicht zieht,
Der wecken Eifersucht, durch welchen es geschieht;

Der ihm ein geistiges Gepräge drücket ein,
Das wichtiger doch ist, als das von Fleisch und Bein.


7

O hätt' ich Bäume doch vor fünfundzwanzig Jahren
Gepflanzt, als rüstig noch dazu die Hände waren!

Sie hätten längst nun schon mit Schatten mich gelabt,
Mit goldner Früchte Lohn auch meinen Fleiß begabt.

Nun statt der Obstbaumzucht erzog ich Liederkeime,
Mir trugen weder Frucht noch Schatten all die Reime.


8

Nur das, wie klein es sei, was du in dir erlebest
Ist werth, daß du davon dem Nachbar Kunde gebest.

Denn nichts wie dieses ist der Geister Liebesnahrung:
Treu untreinander ausgetauschte Herzerfahrung.


9

Räum' einen Anstoß weg, der einen Schritt könnt' irren,
Und jeden Irrthum, der könnt' einen Sinn verwirren.

Und sei es lesend auch in einem Buche nur,
Den falschgerathnen Zug, des Griffelfehltritts Spur,

Daß eines Andern einst, der lesend nach dir komme,
Verständnisse der weggeräumte Fehler fromme.


10

Der wird nicht wirken viel mit allen seinen Werken,
Wer gleich bei jedem Werk die Wirkung will bemerken.

Du wirke fort und fort in deinen Werkbezirken!
Wirkt nicht das Einzelne, doch wird das Ganze wirken.

Ist Eines abgethan, so fang' ein Anders an,
Und warte nicht bis erst dein Erstes Lohn empfahn.

Wie der Zitronenbaum zu neuer Blüte greift,
Ohn' abzuwarten bis zur Frucht die alte reift.

Als Knabe ließ ich so gestellte Dohnen hangen
Und blieb nicht stehn dabei, bis etwas sich gefangen.

Ich that nach anderm Ziel indessen einen Gang
Und hob beim Heimweg aus den Dohnen meinen Fang.

Wo müßig lauernd ich mich hätt' im Busch versteckt,
Hätt' ich mir selber nur die Vögel weggeschreckt.


11

Wo üppig Unkraut wächst, von Niemand angebaut,
Wird ebenso, wenn du es anbaust, wachsen Kraut.

Oft hüllt Verwilderung fruchtbarsten Herzensboden,
Wenn dich nur nicht die Müh verdrießt ihn anzuroden.


12

Nicht Alles was du weißt, darfst Allen du vertraun,
Noch minder Alle, was du nicht weißt, lassen schaun.

Nur dem Vertrauten darfst du jeden Schatz dein eigen,
Nur dem Vertrautesten auch jede Blöße zeigen.


13

Nicht sein Anliegen kann man stets dem Freunde sagen,
Dem Freunde kommt es zu, dem Freund es abzufragen.

Der ist nicht sehr ein Freund dem es nicht wichtig wiegt,
Das zu erfahren was dem Freund am Herzen liegt.


14

Du weißt es tausendmal, so Schlechtes auf der Welt
Ist nicht zu finden, das nicht Einem wohlgefällt.

Doch werden sie von dir nur das Geringste loben,
So hältst du gleich das Lob für echten Werthes Proben.


15

Die Jugend ist die Zeit, wo man nach Zweck und Ziel
Nicht fragt, drum lernt man in der Jugend leicht und viel.

Im Alter lernt man drum so wenig und so schwer,
Weil man, wozu es hilft, stets wissen will vorher.


16

Der Untreu ärgste Straf' ist, daß sie nicht kann glauben
An fremde Treu, das wird die Ruh' ihr ewig rauben.

Der Unschuld schönster Lohn ist, daß sie unbefangen
Nichts Arges denkt, und braucht vor Argem nicht zu bangen.


17

Du sprichst: „Gar mancherlei Verdruß that man mir an;
Sollt' ich nicht andern thun, wie sie mir auch gethan?“

Im Gegentheil! weil dich verdroß, was man dir that;
Thu nicht, was andre muß verdrießen: ist mein Rath.


18

Den Stein zum Anstoß leg' auf keines Bruders Wegen,
Und geh dem aus dem Weg, den sie in Weg dir legen.

Vermeide rücksichtsvoll, was andre ärgern kann;
Und was dich ärgern soll, ärgre dich nicht daran!


19

Den Gegner setze nicht herab, dem vorgezogen
Du hoffest einst zu seyn, wenn dir das Glück gewogen.

Wenn über ihm den Platz sie dir erkennen zu,
Je höher selbst er stand, je höher stehest du.


20

Beneide nicht den Mann um Ruhm, den er nicht hat
Erworben ohne Müh, durch Leiden oder That.

Bist du bereit die That zu thun, die er gethan?
Kannst du das Leiden, das er litt, auf dich empfahn?

Und wenn er weder litt für seinen Ruhm noch stritt;
Verdienstlos möchtest du dich schmücken nie damit!


21

Die Rach' ist süß, mein Sohn, wenn sie unschuldig ist,
Wenn sich im eignen Netz verstrickt des Feindes List,

Und ihm zur Besserung wird ein gelinder Schlag,
Ein kleines Weh, das, recht besehn, ihm frommen mag.


22

Die Höflichkeit, o Sohn, ist so vom Hof benannt,
Und für der Wahrheit Schul' ist nicht der Hof bekannt.

Die Höflichkeit hat nie, gib auf dich selbst nur Acht,
Ein völlig wahres Wort, o Sohn, hervorgebracht.

Unwahres spricht sie nicht, doch weiß sie einzukleiden
Den Stolz der Wahrheit so, daß er sieht aus bescheiden.


23

Laß dich, Unwürdigen zu geben, nicht verdrießen!
Das ist ein Vorwand nur, um karg die Hand zu schließen.

Unwürdig deiner Gab' ist keiner, ders bedarf;
Wer ist, der, außer Gott, ihn schuldig sprechen darf?

Sprich lieber: Hat er sich verstrickt durch seine Schuld,
So will ihn nun durch mich entbinden Gottes Huld.

Auch sage nicht: was hilfts daß ich ihm helf' empor?
Er liegt im Augenblick so elend wie zuvor.

Erlieg' im Augenblick er wieder dem Geschick,
Aufhalfest du ihm doch für einen Augenblick!


24

Wenn du den Blinden siehst, den armen Mann, den kranken,
Nach dürft'ger Gab' umher an seinem Stabe wanken;

Bedachtest du dabei, womit du das, o Kind,
Verdienst, daß du nicht auch bist arm und krank und blind?

Nicht dein Verdienst ist das, erkenne Gottes Gnaden,
Und klage nicht, daß du bist anders auch beladen.

Wie könntest du vor Scham ganz sorglos aufrecht stehn,
Und sähest so in Staub gebückt den Bruder gehn!


25

Die Fehler, die an dir du selbst nicht sehen kannst,
Siehst du an andern. Weißt, was du daran gewannst?

Nicht bessern kannst du sie an andern, doch villeicht
An dir; das ist der Dienst, den dir ein Spiegel reicht.

Der Spiegel dient, dir selbst die Flecken zu entdecken;
Am Spiegel wische nicht, an dir wisch' ab die Flecken!


26

Dein freier Will', o Mensch, soll dein nicht seyn und eigen;
Denn in der Eigenheit will sich Unfreiheit zeigen.

An der Uneigenheit ist Freiheit zu erkennen;
Was frei in Wahrheit ist, darf keiner eigen nennen.

Von allem, was sich rühmt der Freiheit, ist auf Erden
So frei nichts, als, o Mensch, dein Wille frei soll werden.

Dein freier Wille sei nicht eigen dem und dem,
Dein eigen sei er nicht, so ists Gott angenehm.

Gott selber will in dir, der deinen Willen schafft;
Und Gott zu wollen, ist des freien Willens Kraft.


27

Begreifen willst du Gott? laß deinen blöden Eifer!
Denn mehr muß seyn als das Begriffne sein Begreifer.

Darum ja, wenn du ihn begriffest, wärst du mehr;
Dir, den er minder schuf, ist unbegreiflich Er.

Begreifest du dich selbst? und fühlest den Beruf,
Den zu begreifen, der dich dir ein Räthsel schuf?


28

Wie wüßt' ein Mensch für sich das was du bist für dich?
Zu wissen brauch' ich nur das was du bist für mich.

Mein Vater und mein Herr, mein Alles und mein Eines!
Auf dich gerichtet sei mein Großes und mein Kleines.


29

Du stehest überall an der Gedanken Gränze,
Und halb ist alles, was ich nicht durch dich ergänze,

Du Anfang nicht allein und Ende meines Seyns,
Auch Mitte du, darin ich mit mir selbst bin eins.

Ich mit mir selbst bin eins, wo ich mich find' in dir;
Und wo ich dich verlor, kam ich abhanden mir.


30

Ihr sollt mir, sprach der Herr, ein Volk von Priestern seyn,
Mein ewiges Gesetz in euern Herzen rein.

Kein priesterlicher Stamm, und keine Priesterkaste,
Daß der Erwählten Joch schwer auf Verworfnen laste.

Verworfen ist vor mir, wer sich hält auserwählt,
Und auserwählt nur, wen der Liebe Geist beseelt.


31

Wer die Entstellung nur des Alten sieht im Neuen;
Wie kann er sich der Welt, der immer neuen, freuen?

Die Welt ist nie entstellt, nur immer umgestellt,
Und schöner hergestellt ist neu die alte Welt.


32

Wie lange werden um den Unterschied der Zeiten
Und ihren Vorzug noch die Schriftgelehrten streiten?

Die alte Zeit war jung, die junge Zeit ist alt;
In dieser siegt der Geist, in jener die Gestalt.

Im Alter kannst du nicht der Jugend Schmuck erneuen,
Doch der Erinnerung, wer wehrt es dir? dich freuen.

Erinnre dich! so ist die Welt dir neu geboren,
Die Geister der Geschicht' um dich herauf beschworen,

Und nichts, was groß je war und schön, ist dir verloren.


33

Nicht schöner ist es jetzt, als einst es war, auf Erden,
Noch besser; besser einst und schöner wird es werden.

Vom Blumenhügel ist die Weltgeschicht' entstiegen;
Mit Flügeln wird sie einst den Götterberg erfliegen:

Am Boden kriecht sie jetzt; wann wird sie Flügel kriegen?


34

Zur Angelegenheit des Herzens müßt ihr machen
Den Glauben, und ihn nicht einmischen ird'schen Sachen.

Im weltlichen Verkehr muß euch zusammenhalten
Ein andres Band; das laßt vom Glauben nicht zerspalten!

Sonst hat des Himmels Wort euch um der Erde Theil
Gebracht; und fehlt es hier, so ist auch dort kein Heil.


35

Vier Elemente sind um dich, o Menschenkind,
Geschäftig, drei davon bald lind, bald ungelind:

Luft, Wasser, Feuer wird Brand, Überschwemmung, Wind.

Die Erd' allein ist dir von immer gleichen Gaben,
Ob sie dich nähren mag, dich tragen, dich begraben.


36

Wol vor dem Schöpfer ist, was er geschaffen, klein;
Könnt' etwas andres groß vor seiner Größe seyn?

Mensch, der sich groß bedünkt vor den Geschaffnen allen,
Du bist nicht größer auch; den großen Wahn laß fallen

Du bist nicht größer auch als alles, was gering
Du achtest; auch dein Geist ist ein geschaffnes Ding.

Doch, ist dein Schöpfer groß, kann klein seyn was er schuf?
Was, Zeuge seiner Größ', hervorging seinem Ruf?

Groß ist sein kleinstes Werk, nur klein vor seiner Größe;
Was groß sich selber schmückt, erliegt in seiner Blöße.

Vor seiner Macht fühlt sich das Gröste nackt und bloß,
Das Kleinste aber ist in seiner Liebe groß.


37

Der Glaubenseifer ruft: Gib die Vernunft gefangen!
Doch sie, die freie, will nicht blind an Satzung hangen.

Nur wer ihr zeigt, wie Glaub' und Freiheit sich verträgt,
Hat der ungläubigen die Fessel angelegt.


38

Warum ist Pfaffengeist so eng und dumpf und klein?
Weil geistlich vorzugsweis' er will ausschließlich seyn.

Lebendig ist der Geist, wo er im Leib verharrt;
Doch, wird er selbst ein Leib, ist er zum Tod erstarrt.

Des Sauerteiges kannst du nicht im Brot entbehren,
Doch magst du nicht allein von Sauerteig dich nähren.

So ist am Kohlgericht auch wol das Salz ersprießlich,
Doch ohne Kohl ein Salzgemüs' ist ungenießlich.

Wenn ihr das Salz der Welt und Sauerteig wollt seyn,
So geht bescheiden als Bestandtheil in sie ein!


39

Thu, was der gröste that in seinem grösten Kreise,
In deinem kleinen nach, so ists zu Gottes Preise.

Ein menschlich Vorbild ist in allem dir, was that
Gott, als in menschlicher Gestalt er selbst auftrat.


40

In jedem Irrthum liegt von Wahrheit auch ein Kern,
Wie in der finstern Nacht verhüllt ist mancher Stern.

Die Wahrheit aber selbst, zum Äußersten getrieben,
In Irrthum siehst du sie dort auseinander stieben.

Den Gegner kannst du nun so oder so bestreiten,
Hinaus zum Irrthum ihn, zurück zur Wahrheit leiten.

Entfalte nur den Keim des Irrthums, welchen hegt
Die Wahrheit, und du hast sie glänzend widerlegt!

Doch willst du sinnen, wie im Grund ers möge meinen,
So kannst du ohne Streit mit jedem dich vereinen.


41

Was Gott gebeut, das ist er alles selber schon:
Liebe gebeut er dir, er ist die Lieb', o Sohn.

Die Wahrheit und die Treu, Barmherzigkeit und Milde
Gebeut er dir, weil er dich schuf nach seinem Bilde.

Das Gute suchen sollst du und das Böse fliehn;
Denn Gott ist gut: du suchst in allem Guten ihn.


42

Ein Wandrer, wenn er geht gesellt mit einem andern,
Wird gut thun, Schritt mit ihm zu halten unterm Wandern.

Vorwerts vergnüglicher geht es im gleichen Takt,
Als wenn entgegen stets ein Schritt dem andern hackt.

So auch, wenn du ein Buch zum Lesen wirst entfalten,
Such' immer dich mit ihm in gleichem Zug zu halten.

Denk' überein mit mir, solang du mich begleitest!
Vom Lehrer lernst du nichts, wenn du mit ihm nur streitest.


43

Von Aberglauben ist Unglauben stets begleitet,
Und Aberglauben hat zum Glauben oft geleitet.

So im Unglauben ist der Glaube schon enthalten;
Durch Gottes Kraft geweckt, wird er sich draus entfalten.


44

Weh dir, o Poesie in dieser Zeit Gedränge!
Du bist nicht ernst genug der ernst gelehrten Menge;

Zu ernst der leichten Welt, die Unterhaltung sucht;
So nimmt Gelehrt und Ungelehrt vor dir die Flucht.


45

Was nicht von Gott hebt an, und sich zu Gott hin wendet,
Ist um und an misthan, misangefahn, misendet.

Den Schein, etwas zu seyn, mags haben eine Frist;
Bald wird es offenbar, daß nichts es war und ist.


46

Wie Pflanzen aus der Erd', ohn' ihr was abzubrechen,
So gehn Gedanken aus vom Geist, ohn' ihn zu schwächen.

Und wie der Erde Schooß stets neue Triebe treibt,
So auch der Geist in dir, der nie unthätig bleibt.

Wenn du der Stunde dienst, beherrschest du die Zeit;
Wirk' auf den Augenblick! er wirkt in Ewigkeit.

Wo ist der Sonnstral hin, der übers Feld gestreifet?
Er hat am Erntekranz der Welt ein Blatt gereifet.

Und alle Rosen blühn noch jetzt im irdischen Staube
Als Abglanz einer, die geblüht an Edens Laube.


47

Wie sich ein Greis besinnt auf seine Jugend wieder,
Auf seine Jugendspiel', auf seine Jugendlieder;

So will sich diese Zeit der Weltgeschicht' entsinnen,
Und, als am Ende nun, den Anfang neu gewinnen;

Betrachtend, wie in sich ein abgeblühter Baum
Versunken winterlich, nachträumt den Blütentraum.

Ist er erstorben? nein! und wird auch nicht ersterben,
Wird Kraft durch Winterschlaf zu neuem Lenz erwerben.


48

Es ist ein Doppelweg im Glauben und im Hoffen,
Dem Einzelnen ist der, und der dem Ganzen offen.

Dem Einzelnen kann nur Vollendung jenseit werden,
Doch wachsen soll das Heil des Ganzen hier auf Erden.

Und nicht der Einzelne soll nur allein sich schwingen
Dorthin, er soll auch hier die Menschheit weiter bringen.

Mein Sohn, alt ist der Wahn und allgemein verbreitet,
Daß diese Welt durch vier Weltalter abwerts schreitet;

Daß in Verschlechterung sie immer tiefer sinkt,
Und rettungslos zuletzt den Kelch des Todes trinkt.

Die Ansicht von der Welt muß werden umgedreht,
Daß sie, auch nicht im Kreis, daß sie stets aufwerts geht;

Daß nicht gewaltsam sie zuletzt aus ihrem Kloben,
Vielmehr versöhnend aus der Zwiespalt wird gehoben;

Daß ihr, nach endlicher der Gegensätz' Ausgleichung,
Ein Reich des Friedens blüht, wie fern auch der Erreichung,

Wo mit erneutem Sinn die ganze Brüderschaar
Lebt, wie im Anbeginn das erste Menschenpaar.

Mein Sohn, sowenig als des eignen Heiles Glauben,
Laß diesen dir ans allgemeine Weltheil rauben.


49

Im goldnen Alter, da ein Paradies hienieden,
Und ew'ger Frühling war darin und ew'ger Frieden —

Die junge Knospe ward genagt von keinem Wurm,
Und ihre volle Kron' entblätterte kein Sturm.

Noch nicht gebunden war an Arbeit der Genuß,
Und nicht der Freude nach schlich heimlich Überdruß.

In Trauben war kein Rausch, noch an der Lieb' ein Dorn,
Im Auge keine Thrän', und in der Brust kein Zorn.

Da hatte Echo's Ohr noch keine Klag' empfangen,
Und spiegeln sah der See nur Lächeln auf den Wangen.

Am Himmel Sonn' und Thau, nicht Wolk' und Ungewitter,
Nicht giftig war die Schlang' und Wermuth noch nicht bitter.

Da mußten Vögel noch nicht wandern um zu brüten,
Und Bäume für die Frucht nicht opfern ihre Blüten.

Nicht Neid noch Eifersucht, nicht Haß noch Zwietracht fand
In einem Herzen Raum, das sich voll Glück empfand.

Sie waren alle gleich, und sahn mit Wohlgefallen
In fremdem Glück ihr Bild, und liebten sich in allen.

Um Güter war kein Streit, sie waren allgemein,
Nicht Ich und Du entzweit, und gleichviel Mein und Dein.

In sich verständlich klar, empfunden, nicht erdacht,
Im Liebestausch von Welt und Sinn hervorgebracht,

Verständnis ihrer selbst, Verständnis der Natur,
War ihrer Sprache Schall, ein Loblied Gottes nur.

So war ihr Leben, doch ihr Tod war schöner noch,
Durch den die Blüt' am Baum des Lebens aufgieng hoch.

Von höherm Daseyn nicht ein mattes dunkles Ahnen,
Es waren klar geschaut lichtaufgethane Bahnen;

Kein Schweben zwischen Furcht und Glauben, Wahn und Hoffen,
Die sel'ge Zukunft lag dem Geist zum Eintritt offen.


50

Nicht auf die eigne, nur auf seines Schiffes Noth
Und Wohlfart ist bedacht der wachsame Pilot.

Sich selbst vergisset er, nur seines Schiffes denkend,
Das stets gefärdete durch Klipp' und Woge lenkend.

Zur Tiefe blicket er und schauet nach den Sternen,
Nicht Gottes Schöpfermacht, nur seine Fahrt zu lernen;

Merkt auf der Wolken Zug, lauscht auf der Lüfte Flug,
Ob Stille komm' ob Sturm, ob Fördrung ob Verzug.

Entgegensteuernde begrüßt er nur im Eilen,
Daß sie ihm Wegkundschaft und Neuigkeit ertheilen.

Und legt er an, so thut ers nicht, vom angenehmen
Gestad gelockt, er thuts um Wasser einzunehmen;

Und ist zufrieden, wenn er endlich müd' und matt
Das Lebensziel erreicht im Todeshaven hat,

Der ängstliche Pilot, der Geist im lecken Schiff
Des Leibes, seiner Mühn und Sorgen Inbegriff:

Beglückt, wenn sorgenfrei er einst durch Ätherferne
Ein unzerbrechlich Schiff lenkt, wie ihr Geist die Sterne!

Beglückt die Unschuld auch, die hier sanft schlummernd ruht
Im Nachen, den ein Schwan zieht spielend durch die Flut!


51

Zum Herrscher der Natur war einst der Mensch geboren,
Den Stuhl der Herrschaft hat er durch den Fall verloren.

Solang als in ihm rein das Göttliche gebrannt,
War von der Gottgemein' er Herrscher anerkannt.

Als diesen Talisman er in sich selbst zerstört,
Hat gegen ihn im Grimm sich bald sein Reich empört.

Aus seinem Fall hat er nun lang empor gerungen,
Und wieder auf den Thron hat er sich halb geschwungen.

Mit Hülfe der Vernunft ist er ein Herrscher worden,
Ein Herrscher der Gewalt unwill'ger Sklavenhorden.

Erst, wann er menschlich rein ist göttlich umgewandt,
Wird er als Herrscher seyn mit Freuden anerkannt.


52

Die Blum' im Felde klagt: Weh dieser rauhen Wiese!
Wie anders war mein Stand in jenem Paradiese!

Da schwebte leicht der Mensch wie Frühlingsengelgruß,
Und trat den Boden nicht und mich mit schwerem Fuß.

Alswie der Vogel schwebt, alswie des Vogels Schatten,
Schwebt' er geflügelt ob den ewiggrünen Matten;

Wie Schmetterlinge, die auf schwankem Halm sich gatten.

Im Garten war auf vier gestellt kein plumpes Thier,
Nur Mensch und Vogel war, lobsingend über mir.


53

Du fragst, ob jeder Mensch denn nicht zur höchsten Stufe
Berufen sei, zu der ich selbst empor dich rufe?

Erkenntnis Gottes, Weltverständnis, Harmonie
Der Sfären alles Seyns, gilt das nicht allen hie?

Was aber soll ich dann zu jenem Schmiede sagen,
Den auf den Amboß ich hör' unharmonisch schlagen?

Er wirkt nicht für die Kunst, er schafft für seinen Magen.

Er schmiedet Pflug und Schwert für Ackermann und Krieger;
Die beiden sind der Welt Ernährer und Besieger.

Die Fülle schaffen sie und schaffen dir den Frieden,
Darin zu denken dir, zu dichten ist beschieden.

So dicht' und denk' und dank', und laß den Schmied nur schmieden!


54

Die Eigenthümlichkeit, des Menschen schönste Blüte,
In seinem Thun und Seyn, im Antlitz und Gemüte;

Wodurch der Einzelne zu einem Ganzen ward,
Indes ein Thier nichts hat voraus vor seiner Art.

Doch unterscheidet selbst am Thiere, was ein träger
Blick unterschiedlos fand, ein Hirte, Reuter, Jäger.

Gezähmte Thiere sind, wie Menschen, wechselreich,
Halbwilde Menschen am Gepräg, wie Thiere, gleich.

Wol gibts Familiengesichter, Volksgesichter,
Doch Menschenangesicht besticht allein den Richter,

Und Menschenangesichts höchster Verklärungstral,
Der Eigenthümlichkeit Vollendung, Ideal;

Wodurch Besondres wird zurück zur Allgemeinheit
Gebracht, und Menschliches mit Göttlichem zur Einheit.


55

Wiesehr auch er fürs Weib Lieb' und Verehrung hegt,
Der Mann hat immer sich den Vorzug beigelegt.

Als Erstgeschaffner, als Alleingeschaffner hat
Er sich gefühlt, aus dem das Weib hervor nur trat.

Er wußt' in Staat und Rath den Vorrang zu gewinnen;
Doch hatten Menschen auch, wie Bienen, Königinnen.

Und dienen siehest du im stillen Reich der Pflanze
Viel Männer einem Weib zu Liebeshof und Kranze.

Doch viel Insekten sind geflügelt nur, wenn männlich,
Und Vogelmännchen an Gesang und Schmuck erkennlich.

Im niedersten Gebiet der Thierwelt herrscht ein dritter
Stand über Mann und Weib, der zweigeschlecht'ge Zwitter.

Die Weibchen, in sich selbst befruchtet, mögen hecken;
Die Männchen dienen nur, die Keime zu erwecken.

So könnt' ein Menschenweib gebären ohne Mann,
Da aus sich selbst nur Zeus die Tochter zeugen kann.

Die geistige Geburt ist eignes Mannesrecht;
Der Mann ist die Person, das Weib ist das Geschlecht.

Und die Persönlichkeit, die an sich selbst ihm fehlt,
Gewinnt das Weib, indem sie sich dem Mann vermählt.


56

Erst vom Bedürfnis gehn die Künste aus zumeist,
Und werden Üppigkeit alsdann, und endlich Geist.

Bekleidung war zuerst Schutz gegen Witterung,
Dann kam Kunstweberei, Schönfärberei in Schwung.

Nun im Gewand der Mod' ist Schönheit selbst erschienen,
Daß ihr, der ewigen, die Formen wechselnd dienen.

Die Hütte ward ein Haus, das Haus ward ein Palast,
Ein Tempel, wo die Kunst das Göttliche umfaßt.

Feldmessung war zuerst Erfindung geiz'ger Brüder,
Zu theilen unter sich ganz gleich des Vaters Güter.

Die Meßschnur ward auf ein erobert Land gezückt,
Und stellte Grenzen her, wenn sie der Strom verrückt.

Zuletzt ward sie auf Erd' und Himmel ausgedehnt,
Wo Unermeßliches der Geist zu messen wähnt.


57

Die Freiheit ist im Kampf mit der Nothwendigkeit;
Geendet nicht, doch schon entschieden ist der Streit.

Denn nie wird die Natur mehr stärker als sie war,
Doch stärker ward der Mensch und wird es immerdar.

Noch braucht wie sonst der Aar Klau, Schnabel, Flügelschlag,
Doch Waffen tauscht der Mensch und wechselt, wie er mag.

Noch ist des Löwen Kraft in Rachen, Tatz' und Schweif,
Doch neue Wissenschaft wird stets im Menschen reif.

Und so bleibt die Natur wie Adler selbst und Leue
Die alte, doch der Mensch der immer jung' und neue.

Und immer mehr und mehr wird er Sieg abgewinnen
Der Widersacherinn, die ihm nicht kann entrinnen.


58

Der erste Urwohnsitz der Menschen mit vier Flüssen,
Die jetzt noch alle Welt von dort bewässern müssen,

Als den sich mehrenden zu enge ward das Haus,
Da zogen wie die Ström' auch vier Geschlechter aus.

Voll klarem Weltverstand, entgegen zog das eine
Der Sonne, daß ihr Licht stets früher ihm erscheine.

Voll rüst'ger Thatkraft zog nach Westen hin das andre,
Daß mit der Sonne Lauf es alle Welt durchwandre.

Entflammt von Sonnendurst, zum heißen Süden zog
Das dritte, wo es voll von Glanz und Glut sich sog.

Mit starrem Sinne nahm das vierte seine Reise
Dem festen Nordstrom zu, wo es erstarrt' im Eise.

So auseinander sind aus einem Sitz gewichen
Die vier, unähnlich nun gleich ihren Himmelsstrichen.


Die wechselseitige Erinnrung ist geschwunden,
Doch hält auf Erden sie des Himmels Macht verbunden.

Vom Ost zum Westen ist die Sonne stets gezogen,
Und zwischen Süd und Nord gespannt ein Regenbogen.


59

Laß dich nicht das Gewirr der Volksmundarten wirren,
Die durcheinander, selbst sich unverständlich, schwirren.

Vom heiligen Sanskrit sind Wörter, wie du weißt,
In allen, doch es ist ein andrer Grund und Geist.

Drei Sprachenstämme gibts des menschlichen Vereins,
Semitisch und Sanskrit, und alles Übrig' eins.

Semitisch zeichnet aus tief innerliche Regung,
Sanskritisch äußerer Gegliedertheit Bewegung,

Den dritten Stamm der Unbeweglichkeit Erstarrung,
Gleichfern von Bildsamkeit und sicherer Beharrung.

Die Felsenstarrheit kann nicht der Verwitterung
Entgehn, des Steinreichs Kern nicht der Zersplitterung;

Dagegen pflanzengleich die ersten Sprachen blühn,
Die andern wie das Reich der Thierwelt Leben sprühn.

Doch jene dritten, die sich all' einander gleichen
An Form, wie weit im Stoff sie auseinander weichen;

Mechanisch ist ihr Bau, zufällig ihre Zeichen.

Auf Otaheite und Oweihi wird noch jetzt
Beim Fürstenwechsel neu die Sprachart festgesetzt.

Und jene Königin, als sie den Sohn gebar,
Schuf ihm zu Ehren um die Sprache ganz und gar.

Doch ihn ermordeten die unzufriednen Großen,
Da ward die neue Sprach' auch wieder umgestoßen.


60

O klage nicht, mein Geist, im finstern Hause bänglich,
Die dir verliehene Vernunft sei unzulänglich.

Des Hauses Mitte macht die Leuchte hell genung,
Und in die Winkel nur birgt sich die Dämmerung.

In welchem Winkel du was sehn willst, o Gesell,
Trag' hin die Leuchte schnell, so ist der Winkel hell.


61

Kind! eine Tüchtigkeit, zu einem Zweck gewandt,
Das ists, ein Weiser lehrts, was Tugend wird genannt.

Was immer tüchtig ist und taugend, das ist Tugend,
Wenn ihm ein Zweck nicht fehlt, das pfleg' in deiner Jugend.

Richtung auf höchsten Zweck muß höchste Tugend seyn;
Was ist der höchste Zweck des Menschen? Gottverein.


62

Wenn Freiheit du begehrst, des Menschen höchste Zierde,
Herrsch' über Leidenschaft und Neigung und Begierde.

Doch bilde dir nicht viel auf diese Herrschaft ein;
Des freien Willens Stolz ist Gott gehorsam seyn.


63

Ein fester Standpunkt sei in deinem Kreis dir eigen,
Wo dir die Dinge sich in rechter Weite zeigen.

Nur da erblickst du sie vom wahren Licht erhellt,
Wo um die Mitte sie im Kreise sind gestellt.

Den andern mußt du auch ihren Gesichtskreis gönnen,
In jeden fremden dich zugleich versetzen können.

Statt deiner Augen mußt du können sehn mit ihren,
Dein eignes Urtheil nur deswegen nicht verlieren.

Einseitigkeit ist Noth, die's tüchtig meint und ehrlich,
Doch von Allseitigkeit ein Stück auch unentbehrlich.


64

Gleichwie das Höchste nicht ist in der Kunst zu nennen
Nachahmung dessen, was die Sinne Schöns erkennen;

So kann Nachahmung auch des Guten in der Zeit
Nicht seyn das oberste Gesetz der Sittlichkeit.

Es muß, gleichwie es ein Urschönes gibt, so geben
Auch ein Urgutes, Kind! das mußt du selber leben.


65

Von allen Thieren hat den Menschen Gott zuletzt
Erschaffen, und so ists noch in der Schöpfung jetzt.

Von allem wird der Mensch im Menschen reif zuletzt,
Nachdem er sich aus dem in jenes umgesetzt.

Ein Pflanzenleben ist der Mensch zuerst berufen
Zu leben, dann lebt er durchs Thier in vielen Stufen.

Wie viele sind, die auf den niedern Stufen bleiben,
Wie wenige, die ganz empor zur höchsten treiben!

Wie manche, die zurück zur Tiefe wieder sinken,
Und zeigen uns das Thier, wo wir dem Menschen winken.


66

Viel Worte hast du, Sohn, das Kind nur einen Schrei,
Nur einen, der ihm muß ausdrücken vielerlei,

Lust, Unlust, Hunger, Durst, Begier nach Schlaf und Spiel;
Es hat beisammen, was dir auseinander fiel.

Entfaltetes läßt sich nicht mehr zusammenfalten;
Du lerne reicher stets die Fülle zu gestalten.

Gib Sprache dem Gefühl in jedem Ton, und sei
So wahr in jedem, wie das Kind in seinem Schrei.


67

Wol kennt, vom Mutterarm zu fallen, die Gefahr
Das Kindlein nicht, darum auch fällt es nicht fürwahr.

Es hälts der Mutterarm, und das auch weiß es nicht;
Unschuld, Unwissenheit ist stets im Gleichgewicht.


68

Alswie ein Vater gibt die Freiheit seinem Sohne,
Nicht zur Versuchung ihm, nein, zur Vollendungskrone;

Nicht um zu gleiten, um zu stärken seinen Tritt,
Selbst fest zu stehn, und aufzustehn auch wann er glitt:

So gab dir Gott, o Mensch, den freien Willen auch;
Des Misbrauchs Möglichkeit macht möglich den Gebrauch.


69

Von zweien Welten will die wahre jede seyn,
Und wirft der andern vor, sie sei ein leerer Schein.

Wenn du die Wirklichkeit als wirklich anerkennst,
So ist das Ideal dagegen ein Gespenst.

Doch wenn mit ew'gem Stral dich trifft das Ideal,
Ist das Vergängliche dagegen dumpf und kahl.

Nicht wenn das eine durch das andre du verneinst,
Du bist beglückt, wenn du die beiden schön vereinst;

Wenn Geistiges für dich Gestalt und Leib annimmt,
Und im Vergänglichen der ew'ge Funke glimmt.


70

Die Blume hat gewis empfahn den Blumenstaub
Zunächst zu anderm Zweck als zu der Biene Raub.

Doch wir erlauben gern, daß sie dazu ihn nimmt,
Und nehmen selbst für uns, was sie für sich bestimmt.

Der Biene dient die Blum', es dienet mir die Biene,
Sie wissens nicht, nur ich weiß daß ich allen diene.


71

Der Mensch macht alles sich dienstbar auf seine Weise;
Was nicht zur Speis' ihm dient, das dient ihm zur Lockspeise.

Ein Beerchen und ein Wurm, die er für seinen Tisch
Nicht brauchen kann, fängt ihm den Vogel und den Fisch.


72

Das Gröste gehet ein ins Kleinste, und das Ganze
Ins Einzelnste; die Sonn' ist Sonn' in jedem Glanze.

Sohn, mache durchs Papier den feinsten Nadelstich,
Und sieh' hindurch, dir zeigt die ganze Sonne sich.


73

Du sagst: Die Rose blüht, es singt die Nachtigall;
Doch siehst du hundert blühn, hörst hundertfachen Schall.

Doch alle Rosen sind in einer dir verschlungen,
Die Nachtigallen all' in einer Kehl' erklungen.

So fühlt die Poesie in sich ein Dichter ganz,
Und alle Schönheit sieht die Lieb' in Einem Glanz.


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