Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Sechstes Bändchen, 1839. XVII


1

Wer unter Weisen ist nicht von den Überweisen,
Nur unterweisen will er dich, nicht überweisen.

Von dem, was über dem Bereich der Sinne liegt,
Wohin der kühne Geist auf seinen Schlüssen fliegt,

Sagt er nur was er meint, sagt er nur was ihm scheint,
Wenn er entschieden auch bejahet und verneint.

Sagt er auch nicht dazu: so mein' ich und so scheint es;
Von selbst versteht es sich: es scheint ihm und er meint es.

Nimm davon an, was sich mag deinem Sinn vereinen,
Und hab' im Übrigen dein Scheinen selbst und Meinen.


2

Aus der Vollkommenheit der Welt willst du beweisen
Das Daseyn Eines, der sie hält in ihren Kreisen.

Und die Vollkommenheit der Welt in jeder Spur
Beweisest du woraus? aus Jenes Daseyn nur.

Nicht schelt' ich den Beweis, daß er sich dreht im Kreis;
Vielmehr des Denkens Kreis dreht sich um den Beweis.

Wie schön, daß so voraus sich diese beiden setzen,
Und du der dritte bist, daran dich zu ergetzen.


3

Warum die Allmacht nicht ohn' Übel schuf die Welt?
Weil ein vollkommnes Bild nicht lauter Licht enthält.

Der beste Maler kanns nicht ohne Schatten malen,
Die stets nothwendig sind, damit die Lichter stralen.


4

Sowahr du hier die Welt nur kannst im Zwielicht sehn,
Sowahr wird sie dir dort im vollen Glanze stehn.

Was also bist du aufs Unmögliche beflissen,
Umsonst zu forschen, was du einst von selbst wirst wissen?

Weil Trieb nach Wahrheit nur die Bürgschaft ist des Wahren.
Nur was du suchtest hier, das wirst du dort erfahren.


5

Erst zu erwerben dir ein Wissen, sei beflissen,
Dann mitzutheilen auch den anderen dein Wissen.

Daß sie nur wissen, daß du weißt, ist Ehre schon;
Doch dis, daß du weißt, daß sie wissen, sei dein Lohn.


6

Wir haben uns geirrt, und werden mehr noch irren,
Uns hier entwirren nur um dort uns zu verwirren.

Unglücklich wären wir, wenn eine Täuschung schwände
Von Glück und Lust, und nicht gleich eine neu' entstände.


7

Die eine Hoffnung hast du kaum zu Grab getragen,
Und andre Knosp' am Strauch beginnt schon auszuschlagen.

Oh doppelt theuer ist die also neugeborne,
In der du zwei nun hast, sie selbst und die verlorne.


8

In diesem Arme, wo ein Sterbendes mir lag,
Wieg' ich mit Lust ein Neugebornes manchen Tag.

Doch kann ich keinen Blick auf das Geborne senken,
Ohn' ans Gestorbene, das vor ihm war, zu denken.

O Herz, nie mehr von Weh wird deine Wonne frei,
Wenn du beim Leben nur fühlst daß es sterblich sei.


9

Die Hoffnung halte fest: Gott wird dich nicht verlassen;
Das Ärgste das dir droht, er wird es dir erlassen.

Und traf das Ärgste dich, so bleib' in Zuversicht:
Die Hoffnung schlug dir fehl, doch Gott verließ dich nicht.

Ja, daß dich Gott nicht hat verlassen, mußt du sagen,
Da er die Kraft dir gibt das Ärgste zu ertragen.


10

Wie kannst du ungethan ein Fehlgethanes machen?
Das ist die wichtigste und schwierigste der Sachen.

Wenn du dir sagen darfst, daß, wenn du's wieder nun
Thun könntest, du gewiß es anders würdest thun;

Wenn so des Willens Kraft du hast daran gemessen,
Dann sei es abgethan, und, wenn du kannst, vergessen.


11

Des Menschen Schuldbuch ist sein eigenes Gewissen,
Darin durchstrichen wird kein Blatt, noch ausgerissen.

Der Schuldner kann darin nicht tilgen seine Schuld,
Nur danken kann er, wenn sie tilgt des Schuldherrn Huld.

In deinem Schuldbuch kannst du tilgen, was dir ist
Ein andrer schuldig, nicht was du ihm schuldig bist.


12

Verderblich ist es, mit unrechtem Gut zu prunken;
Mit Recht heißt unrecht Gut im Kleiderschrank ein Funken.

Durch Unrecht wird ein Schatz nicht größer, sondern schmaler;
Der Pfennig ungerecht frißt den gerechten Thaler.


13

Lob oder Schmähung tritt nur durch das Wort ins Leben,
Doch Segen oder Fluch kann dir ein Stummer geben.


14

Das Recht steht hüben und das Unrecht stehet drüben,
Bestimmt geschieden und entschieden auszuüben.

Doch unentschieden steht dazwischen manches Dritte,
Unsicher schwankend in des Rechts und Unrechts Mitte.

Wie dieses wird genannt, erklärt und angewandt,
Daran vor allem wird der bessre Mensch erkannt.


15

Arbeiter dingt der Herr für seinen Arbeitstag,
Und Abends jedem gibt er seines Lohns Betrag.

Nur einem einz'gen gibt er einen Überschuß;
Das sehn die anderen Arbeiter mit Verdruß,

Und sprechen: Haben wir nicht gleich wie er und eben
Soviel geschafft? warum hast du ihm mehr gegeben?

Da sprach er: Habet ihr zuwenig denn empfangen,
Und brach ich einem ab vom Lohn, den wir bedangen?

Sie sprachen: Nein! Er sprach: So nehmt und schweiget still;
Den Überschuß der Gnad' ertheil' ich, wem ich will.


16

Versäume kein Gebet, doch das der Morgenröthe
Versäume nie, weil keins dir gleichen Segen böte.

Die Engel von der Nacht, die Engel von dem Tag,
Umschweben dis Gebet mit gleichem Flügelschlag.


17

Du kannst in deinem Haus, dem nächsten Tempel, beten,
Und brauchst zum fernsten nicht die Wandrung anzutreten.

Doch zeugt dein Tempelgang, noch mehr die Pilgerschaft,
Daß deiner Andacht Drang ist von besondrer Kraft.


18

In der natürlichen Religion geboren
Wird jeder Mensch, und nie geht sie ihm ganz verloren.

Ihm angezogen wird ein äußres Glaubenthum,
Das nimmt im Leben er wie einen Mantel um.

Er trag' es, weil er lebt; im Tode legt ers ab,
Da bleibt der Glauben ihm, den Gott ihm selber gab.


19

Wer sagt: Ich bin Gott nah! der ist ihm fern geblieben;
Wer sagt: Ich bin Gott fern! der ist ihm nah durch Lieben.


20

Nicht gnug ists, selber nicht zu hassen noch zu neiden;
Du mußt den Neid, den Haß von andern auch vermeiden.

Des Hasses Blick ist Frost, des Neides Blick ist Glut;
O Liebespflanze, dir ist Glut und Frost nicht gut.

Gott geb' ein Plätzchen dir, wo rein du könntest sprossen,
Von Liebesstral besonnt, von Freundschaftsthau begossen;

Wo dich kein Blick erreicht, wo dich kein Hauch berührt,
Von dem nicht Geist geweckt, und Andacht wird geschürt.


21

Der Weise ward befragt: Was wünschest du für Gaben?
Er sprach: Nichts wünsch' ich als zu wünschen nichts zu haben.

Und noch einmal befragt: Was also wünschest du?
Sprach er: Mein einz'ger Wunsch ist meiner Wünsche Ruh.


22

Die Ameis' unterm Fuß der Leute wird zertreten,
Und in dem Angesicht die Flieg' ist unerbeten.

Die Ameis' unterm Fuß der Leute bist du nicht,
Noch auch die Fliege, die sie sticht ins Angesicht.

O dank' es deinem Glück, daß so ist deine Lage,
Wo dir die Welt nicht wird, noch du wirst ihr zur Plage.


23

Froh bin ich, durch zu seyn durch das Gedräng' im Leben,
Und möchte nicht hinein mich noch einmal begeben.

Noch minder möcht' ich, nicht darin gewesen seyn,
Noch einen hindern, der auch einmal will hinein.

Geh nur hinein, mein Sohn, hilf durch dir, wie du kannst;
Und wenn du kommst heraus, laß sehn, was du gewannst.


24

Wenn du ein Unglück ob dem Nächsten siehst verhangen,
Hoffst du, weil ihn es traf, sei dirs vorbei gegangen.

Und fühlst du menschlicher, so dauert dich der Mann;
Warum? weil was ihn traf, auch dich betreffen kann.

Was trägt es aus, ob warm du's aufnimmst oder kühl?
So eigensüchtig ist Gefühl wie Ungefühl.


25

O Väter, Mütter, o Erzieher, habet Acht
Des wichtigen Berufs, wie groß ist eure Macht.

Der Menschheit Aufgab' ist die Menschheit zu erziehn;
Bedenkt, daß euch daran ein Antheil ist verliehn.

O wirkt gewissenhaft dazu an euerm Theil,
Damit der Menschheit komm' ihr Heiland oder Heil.

Betrachtet jedes Kind mit Ehrfurcht, denn geheim
Kann seyn in jedem ja des neuen Heiles Keim.

Das Heil, ob es Gestalt des Einzlen angenommen,
Ob es als Ganzes komm', es wird das Heil uns kommen.


26

Mit Unrecht rühmst du dich, in freiem Haus zu walten,
Wenn du die drinnen mußt mit Zwang zurück behalten.

Den, der freiwillig nicht will bleiben, laß ihn ziehn;
Sonst wird dein freies Haus zum Zwangstall nur für ihn.

Du sprichst: Er übernahm in diesem Hause Pflichten,
Und eh' er abziehn darf, muß er die erst verrichten.

Nein! Pflichten hat er nur, solang er bleibt im Haus;
Sobald er ausziehn will, ist die Verpflichtung aus.


27

Das Land der Kindheit ließ ich hinterm Rücken liegen,
Und vorwärts wie der Schritt begann der Blick zu fliegen.

Ich hatte Muth und Trieb allein, bergan zu gehn,
Und keine Lust noch Zeit, einmal zurück zu sehn.

Dann als ich umschaun wollt' auf halber Höhe droben,
Da hatt' ein Hügelland dazwischen sich geschoben.

Doch als ich angelangt nun auf dem Gipfel war,
Da lag das schöne Thal in Fernen dämmerklar.

Was mir im Reisedrang verschwunden war, vergessen,
Mit sanfter Wehmuth nun erinnr' ich all mich dessen.

Die Sehnsucht trüge gern zum stillen Thal mich wieder,
Allein mein Weg geht dort den andern Abhang nieder.


28

Ein langentfernter Freund, ein weitgetrennter, kam
So lebhaft mir im Traum, als ich ihn nie vernahm.

Wie freute sich mein Herz, da es ihn wieder fand,
Den es verloren hatt', und ihn so nah empfand.

Doch nach derselben Nacht, da ich den Freund erworben,
In kurzen Tagen kam die Kund', er sei gestorben.

Und mußt' er eben da er neu mir lebte sterben,
Und mußt' ich nur um zu verlieren ihn erwerben?

Ja, sterben, daß sich mir sein Leben neu gebäre,
Er nicht, von Zeit und Raum geschieden, todt mir wäre.


29

Sich selbst genügen und von andern nichts verlangen,
Ist Weisheit frostige, die zeitig mir zergangen.

Nie gnügest du dir selbst, wenn du nicht andre liebst,
Von denen du empfängst, und ihnen wieder giebst.

Drum stelle so den Spruch, dann magst du dich ihm fügen:
Gib was du kannst, und laß was du empfängst dir gnügen.


30

Den durst'gen Gaumen labt ein Trunk, und nicht den satten;
Doch grünem kommt der Thau, nicht dürrem Holz zu Statten.

Ohn' Unzulänglichkeit wirst du kein Heil verlangen,
Doch ohn' Empfänglichkeit kannst du's auch nicht empfangen.


31

Du möchtest seyn wie der und jener, doch dabei
Auch bleiben, der du bist, alsob das möglich sei.

So möchtest du im Herbst des Frühlings Blüten haben,
Doch drum der Früchte nicht entbehren, die dich laben.

Dazu sind eben Wünsch' und Träume dir verliehn,
Um alles, was dir fehlt, in deinen Kreis zu ziehn.


32

Wenn du sähst andern nach, was du dir selbst nachsiehest,
Und was du ihnen nicht verzeihst, dir nie verziehest;

Zufrieden würden dann die Andern nicht allein
Mit dir, du würdests auch mit dir und ihnen seyn.


33

So glücklich war ich, und so sorglich es zu bleiben,
So wünschend nur mich im gewohnten Gleis zu treiben;

Daß ich nicht wagt' im Schritt zu eilen noch zu säumen,
Noch irgend ein Geräth von seinem Platz zu räumen;

Aus Furcht, es möcht' im Takt das Glück die Störung spüren,
Und kleine Änderung zu einer größern führen.


34

Warum beneidest du, was andern ist beschieden,
Und bist mit dem, was dir zu Theil ward, unzufrieden?

Du stehest dir zu nah, um recht dich zu erkennen,
Und anderen zu fern, um Schein von Seyn zu trennen;

Wie du die Erd', auf der du stehst, nicht siehest ganz,
Und dir der Mond erscheint in täuschungsvollem Glanz.

Doch tröste dich, es wird im Mond auch einer stehn,
Der dunkel wird den Mond, und hell die Erde sehn.


35

So sprach der Filosof: Gebt Stoff mir und Bewegung;
Genug ist beides mir zu einer Welt Anlegung.

Stoff und Bewegung ist gegeben, nimm sie nur!
Was hast du angelegt? ach eine große Uhr.

Und sei es eine Uhr mit stets gespannter Feder,
An der auch nie im Lauf sich laufen ab die Räder,

Und sei es eine Uhr, die selbst, indem sie geht,
Sich aufzieht, richtet ein, und auf sich selber steht;

An der mit Flötenton beim Stundenschlag hervor
Tritt bunter Bildertanz, und wieder ab im Chor:

So fühl' ich selber doch kein Bild mich, keine Glocke;
Und was verschlüg' es mir, ob dieses Schlagwerk stocke?

Ich fühle mich kein Rad im blinden Radgetriebe,
Und unterbringen kann ich nirgends meine Liebe.


So hat der Filosof mich und sich selbst vergessen,
Als nach Bewegung er und Stoff die Welt gemessen.

Die Unruh fehlt der Uhr, die in mir selbst nie stille
Noch in der Schöpfung steht, der ew'ge Schöpferwille.


36

Ich bitte, wollet mir nur Seel' und Leib nicht scheiden;
Vertragen lasset sich, sogut es geht, die beiden.

Ich bitte, macht nicht weiß dem eingebildten Ding,
Der Seel', es sei der Leib für sie viel zu gering.

Setzt ihr nicht in den Kopf, daß gut nur sei das Gute,
Das sie vollbringt, und nicht auch etwas lieg' im Blute.

Bringt ihr den Wahn nicht bei, daß ihrem Adel sei
Nichts angemessen als zu werden Leibes frei.

Beweiset ihr vielmehr, daß ihr nicht minder noth
Der Leib ist als sie ihm, und Gott es so gebot.

Macht ihr begreiflich, daß sie selber haben muß,
Wenn sie nicht lahm will seyn, zum Handeln Hand und Fuß.

Erkläret ihr, daß sie den Leib nur soll verklären,
Um den verklärten mitzunehmen zu den Sfären;

Weil ohne Leib sich dort zurecht nicht würde finden,
Noch ihre Seligkeit die Seele ganz empfinden.


37

Irrthümer derer, die die Welt mit ihrem Wissen
Erleuchten, gleichen Mond- und Sonnenfinsternissen.

Irrthümer derer, die nur leuchten ihrem Haus —
Was schadet es uns hier, geht dort ihr Lichtlein aus?


38

Wo mit der Dumpfheit sich die Wissenschaft verbündet,
Wird Unerfreuliches kunstmäßig fest gegründet.

Und eh'r nicht wieder wird der Zwingbau eingerissen,
Bis gegen knechtisches aufsteht ein freies Wissen.

Dann wächst der Freiheit Haus selbst aus der Knechtschaft Trümmern,
Für alle die zuvor im Kerker nicht verkümmern.


39

Denk nicht, daß Gott die Welt ließ eine Zeitlang laufen,
Um sich im Irrthum auszutoben, auszuschnaufen,

Und dann erst sei hervor getreten auf einmal,
Zu führen sie hinfort nach seiner Gnadenwahl.

Entweder hat er sie von Anfang müssen leiten,
Oder sie wird noch jetzt auf eignen Füßen schreiten.

Und beides dis ist eins; die Welt geht ihren Gang,
Und daß sie jemals Gott' entgeh', ist mir nicht bang.


40

Weil du dich allerdings zu höhern fühlst berufen,
Beklagest du, o Mensch, die stehn auf niedern Stufen;

Alsob Stein, Pflanz' und Thier todt oder taub und blind,
Unglücklich müßten seyn, weil sie wie du nicht sind.

So hörest du das Thier wie nach Erlösung stöhnen,
Hörst Weh- statt Wonnelaut in Nachtigallentönen,

Selbst einen Seufzerhauch im Frühlingsflüsterhain,
Und einen Schmerzensklang aus jedem Erz und Stein.

In dem, was ihn nicht fühlt, ist nicht der Widerspruch,
Er ist in dir, du selbst belegst die Welt mit Fluch.

Jemehr du in dir selbst zum Einklang bist gekommen,
Jemehr wird er von dir auch außenher vernommen.

Befreie dich, o Mensch, vom Halben, Falschen, Bösen,
Und die gebundene Natur wird Gott erlösen.


41

Es ist ein Geist, der so sich seinen Leib vollkommen
Gebaut hat, daß zuletzt er ist im Leib verkommen.

Dann ist ein andrer Geist, der ist so geisterhaft,
Daß einen rechten Leib zu baun ihm fehlt die Kraft.

Wär' es nicht möglich, daß die beiden sich verbänden,
Verbunden Geist und Leib ein Leben wieder fänden?


42

Was zu beweisen ist, ist auch zu widerlegen,
Drum sollst du jegliches Beweisen niederlegen.

Auf Überzeugung steh, da stehst du unbeweglich,
Die unbeweislich ist, darum unwiderleglich.


43

Den Grund, auf welchem ruht dein Daseyn, umzuwühlen,
Kann dir nicht helfen um dich seyender zu fühlen.

Vielmehr am seyendsten hast du dich dann gefühlt,
Wenn du am wenigsten dich selber umgewühlt.

Zwar nicht als rieth' ich dir, gedankenlos zu starren,
Doch sicher im Gefühl des Lebens zu verharren:

Du bist so wie du bist, und freust dich so zu seyn
Und so zu bleiben, weil du seyn kannst so allein.


44

Das Auseinander hier im Raum, dort in der Zeit
Das Nacheinander, ist zwiespält'ge Ewigkeit.

Die Zwiespalt, ob in dir, ob in der Welt sie sei,
Genug, dein Anschaun wird nie von der Zwiespalt frei.

Das Werden in der Zeit, das Daseyn in dem Raum,
Hebt kein Bewußtseyn auf, nur unbewußter Traum.

Es aufzuheben mit Bewußtseyn, diese Kraft
Legt durch ihr Denken nur sich bei die Wissenschaft;

Die das als Werdendes, Gewordenes Getrennte
Zu einer Ganzheit macht geordneter Momente;

Zur todten Ganzheit doch, dem Kunstsaal zu vergleichen,
Wo Bilder lebende geworden sind zu Leichen,

Weil ihre Schranke fehlt, worin sie Leben hatten;
So wird, aus Zeit und Raum gerückt, die Welt zum Schatten.

Drum, willst du dich erfreun der Mannichfaltigkeit
Des bunten Lebens, laß ihm die Zwiespaltigkeit;

Und nimm mit Dank von Gott die Augenblicke hin,
Wo selbst in Raum und Zeit ahnt Ewiges dein Sinn.


45

In einem Augenblick, wann still der Geist versunken
In sich und Welt und Gott, nicht wein- noch schlummertrunken,

Nicht trunken, sondern klar, nicht schlummernd, sondern wach,
Alswie der Sonne Bild im unbewegten Bach;

Wann Fern und Nah, und Ist und War, und Zeit und Raum
Zergangen ist, alswie in stiller Flut der Schaum;

Wann du des Lebensbaums entfaltet Blütenprangen
An deinem Busen fühlst von einer Knosp' umfangen;

Wann Erd' und Himmel dir in einen Duft verschwimmt,
Der Stern als Blume blüht, als Stern die Blume glimmt;

In solchem Augenblick, wo wie mit heil'gem Rauschen
Der Strom der Schöpfung geht durch deines Herzens Lauschen;

Wo du nicht du mehr bist, und nichts mehr ist als du
Und Gott, in dem du bist, dem du dich athmest zu;

In solchem Augenblick, der wie ein Blick der Augen,
Der Liebesaugen kommt, Besinnung wegzusaugen;

In solchem Augenblick, wer ihn, eh' er geschwunden,
Empfinden konnte, der hat Ewigkeit empfunden.

Und so wer Ewigkeit empfunden hat einmal,
Hält ewig fest sie, wie der Demant seinen Stral.


46

Die Welt ist nur, weil du bist Körper, körperlich;
Der Geist geht frei hindurch und nirgend stößt er sich.

Das ist der Vorschub, den die Geistigkeit dir leistet:
Die Welt stößt minder dich, jemehr du dich ergeistet.


47

Hast du einmal bedacht, daß du in einer Stunde
Vollkommner Ruhe machst durchs Weltall eine Runde?

Die Erde, die dich trägt, trägt um die Sonne dich,
Die selbst auf ihrer Fahrt euch beide nimmt mit sich.

Das schönst' an dieser Fahrt ist, daß du sie nicht spürest,
Weil du die sämmtliche Umgebung mit dir führest.

Bequemer ist die Reis' und bringt dich doch viel weiter,
Als die, zu der du dir erst suchen mußt Begleiter,

Wo du auf jedem Schritt bist außer dich gesetzt,
Und herzlich müde nur kommst wieder heim zuletzt.

Ich will die Reiselust dir nicht auf Erden schmälern,
Wenn du dich noch nicht satt an Bergen sahst und Thälern.

Doch mir vergieng die Lust an Erdenreisen gründlich,
Seitdem ich fühle daß ich reis' im Himmel stündlich.


48

Ich glaube nicht daß ich im Mittelpunkte stehe,
Und die Unendlichkeit um mich sich dienstbar drehe;

Doch glaub' ich, daß ich darf mir ordnen zum Vergnügen
Bilder der Fantasie aus ew'gen Sternenzügen;

Bald als Verliebter sehn ein Blatt mit goldnen Schriften,
Und bald als Kind ein Dach, besetzt mit goldnen Stiften.

Allein vom Halse soll die Wissenschaft mir bleiben,
Die, was ich treib' im Spiel, als trocknen Ernst will treiben,

Die kindisch wird, wenn ihr aus Selbstsucht es bedunkt,
Im All ihr Pünktchen sei vom All der Mittelpunkt.


49

Wie du die Erde siehst von Schöpferkraft durchwaltet,
Naturabstufungen der Menschheit zugestaltet;

So hindert nichts, daß nicht auf andern Himmelsfären
Auch andre Ordnungen und Gipfelpunkte wären,

Auf andrer Grundlag' aufgeführt ein andrer Bau
Des Lebens, eingeweiht zu andrer Geister Schau;

Die etwas geist'ges thun, das unserm Denken gleicht,
Vielleicht es übertrifft, vielleicht es nicht erreicht.

Er denkt in seiner Sfär' alswie in deiner du;
Und ohne daß ihrs denkt, denkt ihr einander zu.

Und wenn mit Geisteskraft er seinen Kreis durchdrungen,
Und du an deinem Theil den deinigen bezwungen;

Dann werdet an der Grenz' ihr aneinander reichen,
Um mit Gedanken euch ergänzend auszugleichen:

Alswie zwei Völker lang' in sich gesondert leben,
Zuletzt gemeinschaftlich in Eins zusammenstreben.

Denn wol auch Völker sind von eignen Grundanlagen,
Vergleichbar eigenem Planetenbau, getragen,

Aus eignem Wurzelstock, mit eignen Stammgeberden
Erwachsend, fähig doch als Menschen gleich zu werden.

So hoff' ich, daß wenn Zeit genug der ew'gen Urne
Entfloß, die Erde tritt in Tausch mit dem Saturne.

Worin dann sollen sich die beiden Eins erkennen?
Weltbürger sollen sie in höherm Sinn sich nennen.

Indeß, Astronomie, magst du der Himmelstaaten
Entfernt-auswärtige Verhältnisse berathen.


50

Du fragst, wie Ewigkeit du dir auf Erden dichtest?
Nicht anders als indem du Zeit und Raum vernichtest.

Die Zeit vernichtest du, wenn selig du vergissest
Vergangenes, und nicht Zukünftiges ermissest.

Den Raum vernichtest du, wenn, wo du bist, du bleibst
In Frieden, dich nicht um in fremden Kreisen treibst.

Dadurch vernichtest du nicht völlig Zeit und Raum,
Doch ist, was übrig bleibt, dir nur ein leichter Traum.

Aus diesem Traume laß vom Wachen dich nicht stören;
Was hast du auf der Welt zu sehn noch und zu hören?

Und was du hören mußt und sehn, dir ist gegeben
Die Kunst, es deinem Traum unstörend einzuweben.


51

Ihr meine Theueren, wo seid ihr hin gekommen?
Dort in die Ewigkeit verewigt aufgenommen.

Doch in der Zeitlichkeit ist eure Spur verschwunden?
Nein, tief in meinem Seyn, in meinem Sinn gebunden.

Bedeutend innere Denkmale meines Lebens!
Wärt ihr auch dieses nur, ihr wäret nicht vergebens.

Was wirkend nun mein Sinn nach außen mag entfalten,
So seid ihr mit darinn, wie in mir selbst, enthalten.


52

Der Geist, der weiß daß er aus eigner Kraft bestreiten
Sein Thun soll, sieht sich doch nach Beihilf' um zu Zeiten.

Als Hemmung nimmt er nicht Schicksalsverstrickungen,
Als Förderung doch an glückliche Schickungen.


53

Die Welt ist immer ganz, die du in Theile brachtest;
Ein Ganzes wird der Theil, den du für sich betrachtest:

Wie einen Blumenstraus aus einem Kranz heraus
Du nehmen kannst und dann ein Blümchen aus dem Straus;

Und alle Blumen kannst in Sträuße wieder fügen,
Und immer neu den Kranz erschaffen zum Vergnügen.

Wirst mit einander du Unähnlichstes verbinden,
Wird sich die Ähnlichkeit von selbst dazwischen finden.

Von jedem Dinge geht zu jedem eine Brücke,
Und augenblicklich füllt Einbildungskraft die Lücke.

Doch das Gefühl, womit du sie auf dich beziehst,
Macht daß du schön um dich die Welt geordnet siehst.


54

Daheim im stillen Haus die Seele war befangen,
Derweil der Geist hinaus war in die Welt gegangen.

Die Körperwelt hindurch drang er zur Geisterwelt,
Und dachte kaum zurück zur Seel' im stillen Zelt.

Doch als er durch die Welt gekommen war ein Stück,
Nahm mit dem Reis'ertrag er seinen Weg zurück.

Er kam und fand die Seel' am Webstuhl eingeschlafen,
Und mit erzürntem Wort begann er sie zu strafen.

Mit Seelenruhe doch die Seele sich erhob
Und lächelte: Sieh her! ich schlief nicht, sondern wob.

Er sah; gewachsen war im Schlaf das aufgezogene
Gewebe wunderbar; so glaubt' ihr der Betrogene.


55

Im Herzen denkst du auch, nicht blos in deinem Haupt;
Von beiden Denken sei dem andern keins geraubt!

Was du im Herzen denkst, ist voll in sich gedrungen,
Was du im Haupte denkst, kraus linienhaft geschlungen.

Nun will das Liniennetz die Füllen in sich fassen,
Und diese wollen sich von ihm entfalten lassen.

Wo so die beiden sich umschlingen und durchdringen,
Da wird gehaltvoll ein Gestaltetes entspringen.


56

Du kannst dir deinen Leib, dein Schicksal auch, nicht machen,
Doch überwalten kannst du sie und überwachen.

Die Grundlag' hat gelegt Nothwendigkeit, Natur;
Baumeisterin des Bau's ist deine Freiheit nur.

Laß nur das Untere zum Obern niemals werden,
Und sei getrost, es ruht der Himmel auf der Erden.


57

Laß einen Augenblick, es ziemt dem Menschenwitze,
Was in die Höhe wir gebaut vom Grund zur Spitze,

Der Schöpfung Pyramid', auf deren Gipfel steht
Der Mensch, aus dem zurück Gott in sich selber geht;

Umbauend laß uns dis zu einem Kreise runden,
Und gleich ist anderer Zusammenhang gefunden.

Setz' Elemente hier, Luft, Feuer, Wasser, Erde,
Dann sage daß aus ihr das Mineralreich werde.

Aus diesem aber laß der Pflanzen Formen sprießen,
Und an dieselben sich der Thierwelt Glieder schließen.

Und ließest du daraus den Menschengeist entfalten,
So laß nun Geister auch elementarisch walten.

Und also kommt, damit im Kreis sei keine Lücke,
Elementarisches zum Element zurücke.

Wenn nun dem Kreise noch ein Mittelpunkt gebricht,
Setz' als der Schöpfung Aus- und Einstralpunkt das Licht.

Den Kreis magst du beschaun, bis dich erfaßt mit Graun
Der ew'ge Wirbel, dann laß uns was andres baun.


58

Die Menschheit könntest du als einen Kreis wol denken,
Worein die Einzelnen nothwendig sich verschrenken.

Als Kreisabschnitte dann, die frei im Ganzen haften
Als eigne Ganze, kannst du denken Völkerschaften.

Allein das Ganze selbst tritt niemals ganz hervor,
Und andre Menschheit lebt stets als gelebt zuvor.

Vorstellen magst du denn, alsob ein Wasser wäre
Die Ewigkeit, wo Kreis aus Kreis die Zeit gebäre.

Wo ist der Kreis, der war? zum weitern aufgeschlossen;
Und wo der weitere? zu weiterm noch ergossen.

Was sind die Einzelnen? sie sind die wirklich seinden;
Gedankenkreise nur Menschheit und Volksgemeinden.

Sie sind die bleibenden, wenn Kreis in Kreis zerronnen,
Die Wassertropfen, die Gott zählt, im Schöpfungsbronnen.

Drum danke Gott, und fühls, daß du ein Einzler seist,
Nicht die Erscheinung nur von allgemeinem Geist.


59

Laß uns um Dinge, die wir nicht verstehn, nicht streiten,
Nothwendigkeiten nicht machen aus Möglichkeiten.

Ich denk' es so, du so; und wie es jeder dachte,
So ists für ihn; an sich wie's ist, weiß Gott ders machte.


60

Am besten thust du, still Lehrmeinungen zu hören,
Ohn' im Gedankengang den Meinenden zu stören.

Die innre Wahrheit macht dein Einwurf nur zunicht,
Die jede Lehre hat und jegliches Gedicht.

Die Fäden hinderst du, lebendig sich zu schlingen,
Zusammenhangendes Geweb hervorzubringen.

Doch bildender für dich, als an sich selbst die Meinung,
Ist des Zusammenhangs erfreuliche Erscheinung.


61

Entweder Oder ist der Waffen, der zweischneidigen,
Geschickteste, womit Streitredner sich vertheidigen.

Entweder, oder; eins von beiden mußt du doch;
Nun welches willst du? sag! Ich sage: weder, noch.

Wenn keins von beiden mir gefällt, ist das mein Brauch;
Und ist mir beides recht, sag' ich: sowohl alsauch.


62

Wol wird aus Ja und Ja sich nie ein Nein ergeben,
Doch dienet Nein und Nein einander aufzuheben.

Um Sprach' und Rechenkunst hat es ein gleich Bewendniß,
Und kein ungleiches auch um Welt und Weltverständniß.

Das Böse ist nur da, das Gute zu erproben;
Dis bleibt, und jenes hat sich selber aufgehoben.


63

Der Tag geht nicht der Nacht, Nacht geht dem Tag voran,
Alswie der Heilung Weh, alswie der Wahrheit Wahn.

Doch erst aus ew'gem Tag die Nacht den Ursprung nahm,
Wie Wahn aus Wahrheit, aus Gesundheit Krankheit kam.


64

Du mußt dich der Natur mit einem Schwung entschwingen,
Und der Geschichten Flur mit einem Sprung entspringen.

Weißt du, worin Natur sich und Geschichte ründen?
Im Gottgefühle nur, das lern' in dir ergründen.


65

Abschließen mußt du für dich selbst einmal die Welt,
Deswegen offen bleibt für andre doch das Feld.

Nur blöde Weisheit denkt (du aber sei gescheiter):
Weil ich nicht weiter kann, gehts überhaupt nicht weiter.


66

Philosophie, wenn sie an der Religion
Geheimnis rührt, zergeht es oder sie davon;

Ob es begreiflich werd', ob unbegreiflich sie,
Ob es zum Mythos, ob sie zur Mythologie.


67

Das Wissen, wenn es nun will auch den Glauben wissen,
Und seine Wurzeln faßt, hat es sie ausgerissen.

Wenn einem Glauben so sein Leben wird genommen,
So ist das ein Beweis, es müss' ein neuer kommen.


68

In meinem Glauben bin ich eins mit eurem, weil
Ich glaube, wie ihr glaubt, im Glauben sei das Heil,

Im Glauben für den Geist des letzten Ziels Erreichung
Sei des Unendlichen und Endlichen Ausgleichung.

Ihr aber glaubt dabei, ein einzig einer sei
Der Glauben, und ich glaub', es seien vielerlei.

Ich glaub' auch, daß für euch sei euer Glaube gut,
Obgleich entgegen ihr mir nicht das gleiche thut.

Die Leugnung gegen mich muß ich euch auch erlauben,
Weil diese Leugnung mitgehört zu eurem Glauben.

Er, der als Glaubenstück mir selber gab die Duldung,
Gab euch Unduldsamkeit ohn' euere Verschuldung.


69

Laßt uns nur hin und her, her- und hinüber meinen;
Wir werden uns zuletzt in einem Eins vereinen.

Wir werden uns zuletzt in einem Eins vereinen,
Das ein ganz andres ist als alles was wir meinen.

Das ein ganz andres ist als alles was wir meinen,
Wird alle Meinungen in einer einst vereinen.


70

Erkenn' an einem Bild, daß nicht an Gottes Huld
Es liegt, o Mensch, wenn dich zurückhält eigne Schuld.

Zwei Schiffe gehn den Fluß hinab, von gleichem Bau;
Doch eins geht langsamer, und schneller eins, o schau!

Bewegt die beiden nicht des Stromes gleiche Kraft?
Und doch bleibt eins zurück? was hält es denn in Haft?

Geladen hat es Stein', und jenes leichtes Holz;
Darum geht es so träg', und jenes wie ein Bolz.

Am Strome liegt es, daß die beiden sich bewegen;
Daß eines bleibt zurück, ist nicht am Strom gelegen.

Wer aber hat das Schiff, das arme, so beladen,
Daß es theilnehmen voll nicht kann am Strom der Gnaden?


71

Dem Menschenwitze wars vonje die schwerste Plage,


Wie seine Freiheit sich mit Gottes Rath vertrage.

Die zwei vertragen sich durch eine Auskunft bloß:
Dein Spielraum, Mensch, ist klein, der Gottes ist gar groß.

Du magst in deinem Raum mit Freiheit dich geberden,
Durch dich unselig auch, durch dich auch selig werden.

Er aber hat es vorgesehn und vorgedacht,
Daß all dein Wille nur den seinen wirklich macht.


72

Die Welt ist schön, die Welt ist gut, gesehn als Ganzes,
Der Schöpfung Frühlingspracht, das Heer des Sternentanzes.

Die Welt ist schön, ist gut, gesehn im einzelst Kleinen;
Ein jedes Tröpfchen Thau kann Gottes Spiegel scheinen.

Nur wo du Einzelnes auf Einzelnes beziehst,
O wie vor lauter Streit du nicht den Frieden siehst!

Der Frieden ist im Kreis, im Mittelpunkt ist er,
Drum ist er überall, doch ihn zu sehn ist schwer.

Es ist die Eintracht, die sich aus der Zwietracht baut,
Wo mancher, vom Gerüst verwirrt, den Plan nicht schaut.

Drum denke, was dich stört, daß dich ein Schein bethört,
Und was du nicht begreifst, gewiß zum Plan gehört.

Such' erst in dir den Streit zum Frieden auszugleichen,
Versöhnend dann soweit du kannst umherzureichen.

Und wo die Kraft nicht reicht, da halte dich ans Ganze;
Im ew'gen Liebesbund steht mit dir Stern und Pflanze.


73

Wol hat ein eigenes Bewußtseyn jede Zeit
Des was ihr widersteht, und des was ihr gedeiht.

Und jeder Einzelne hat ein Bewußtseyn dessen,
Wie dem Bewußtseyn er der Zeit ist angemessen.

Wenn ein Bewußtseyn nicht, doch ein geheim Gefühl,
Das bald behaglich wohl, bald macht unheimlich schwül.

Verdenkt es keinem, wenn er tobt, doch ist sein Toben
Umsonst, der von der Zeit sich fühlet aufgehoben.


74

Solang' ist nicht die Zeit auf ihre Höh gebracht,
Als nicht zusammentrifft die Einsicht mit der Macht.

Trifft einst die Macht der Zeit und ihr Begriff zusammen,
Aus diesem Bunde wird ein neues Weltheil stammen.


75

Bist du gedankenlos, so geht mit offnen Ohren,
Mit offnen Augen dir der Sinn der Welt verloren.

Die Sinne sind dir voll, doch hast du nichts davon;
Im Aug' erlischt das Bild, im Ohre stirbt der Ton.

Bist du gedankenvoll, so geht es dir noch schlimmer,
Du merkst nur dumpf um dich verworrnen Klang und Schimmer.

Den Sinnen selbst entgeht der Außenwelt Gewinnst,
Weil du im Inneren Gedankenfäden spinnst.

Beglückt nur, wenn du so zu spinnen lernst den Faden,
Daß er den Dingen nicht, noch ihm die Dinge schaden;

Wenn offner Sinn ergreift und hält der Bilder Schwanken,
Und das Gemüth daraus webt ewige Gedanken.


76

Sieh, wenn du willst ein Bild von deiner Freiheit haben,
Was Menschenwillkür kann auf Erden baun und graben.

Man baut sohoch man will, man gräbt sotief man kann,
Der Erde Gleichgewicht nimmt keinen Schaden dran.

So wirkst du völlig frei in deinem Wirkungskreise,
Und bringst den Gang der Welt dadurch nicht aus dem Gleise.

Des Künstlers große Kunst ist dis, daß sich ergebe
Aus soviel Freiheit ein Nothwendigkeitsgewebe.


77

Wenn ich schon einmal war, so hab' ichs nun vergessen;
Was jetzt ich bin, werd' ich mich einst erinnern dessen?

Ob ich mich dessen auch erinnre nicht, ich bin
Nicht minder der ich war, und bleib' es immerhin.

Wie, wem durch Fieberglut erlosch Erinnerung,
Steht auf als neuer Mensch, und lebt von vorne jung;

So kann der Geist, vom Sinnzerstörer Tod genesen,
Nicht wissend was er war, doch seyn was er gewesen.


78

Es gibt nichts einfaches, ein kleinstes gibt es nicht;
Wenn scharf und fein genug Gedank' ist und Gesicht,

Nimmst du viel kleines noch im einfach kleinsten wahr;
Allein was hilft es dir, zu spalten Haar um Haar?

Dis metaphysische Geschäft laß einer Milbe;
Erfreue dich des Worts, und stich nicht jede Silbe.


79

Wie schwer ist der Begriff von etwas zu erlangen;
Am schwersten aber wird der von uns selbst empfangen.

Drum wenn du von dir selbst hast den Begriff, so halt
Ihn fest, es raube dir ihn keinerlei Gewalt.

Nicht blöder Misverstand, noch theilnamloser Frost
Beschädige des Selbstbewußtseyns edlen Trost.

Frisch wisse gleich dem Baum, dem wintersturmentlaubten,
Auf bessre Zeit den Trieb im Innern zu behaupten.


80

Wer zweien Herren muß zugleich seyn unterthan,
Dem geht es schief, alswie dem Mond auf seiner Bahn;

Der, von der Erde hier, der Sonne dort gezogen,
Beschreibt am Himmelskreis so unstet seinen Bogen.


81

Der Mond kehrt unverwandt ein gleiches Angesicht


Der Erde zu, doch sie siehts in verschiednem Licht.

Daß wechselnd ab und zu du nehmen siehst die Hellung,
Liegt nicht am Gegenstand, nur an der Gegenstellung.


82

O für wieviel der Welt bist du zu Dank verpflichtet,
Was sie für dich gesetzt, geordnet, eingerichtet.

Der Jahr' und Monate, der Tag' und Stunden Lauf;
Des Marktes Maß und Zahl, Gewicht, Vertrag und Kauf.

Du brauchst es nicht zu thun, es ist für dich gethan,
Und keinen Augenblick brauchst du zu denken dran.

Doch denke dran mit Dank in jedem Augenblick,
Wo der Gewohnheit Druck berühret dein Genick.

Der Druck ist äußerlich, damit im Innern frei,
Vom Leben unberührt, des Geistes Leben sei.


83

Was hätt' uns können Gott für Rechnungen ersparen
Ungleichen Übergriffs von Sonn- und Mondenjahren;

Hätt' er geordnet so für uns des Himmels Lauf,
Daß ohne Brüche Jahr, Monat und Tag gieng auf.

Er wollt' es nicht, warum? Es steht in seinem Buch,
Daß er die Ganzheit ist, und unsre Welt ein Bruch.


84

Je näher jenem Kreis, wo graden Blicks die Sonne
Zur Erde niederschaut, je näher Himmelswonne.

Selbst minder schwer ist dort der ird'schen Stoffe Wucht,
Wo raschern Schwunges wirkt der Erde Mittelflucht.

Das Leben selbst ist leicht und gleich nur unterm Gleicher,
Das nach dem Pol hin wird ungleich und mühsalreicher.

Nur unterm Gleicher lag das Paradies vielleicht,
Wo ganz das Leben ist gewesen gleich und leicht.

Ist dort vielleicht noch izt ein höchster Berg zu finden,
Wo Erd' und Himmel sich zum Paradies verbinden?

Ein Berg, um den sich leicht im Tanz der Schatten dreht,
Und auf des Mittags Höh' in lauter Glanz vergeht!

Wo grad die Sonnen auf, und grad hinunter steigen,
Und keiner unterm Pol sich birgt vom Sternenreigen.

Wo mit dem Herbste stets der Frühling sich vermählt,
Und im Jahrzeitenchor allein der Winter fehlt.


85

Wie um die Sonne rund Planeten gehn im Kreise;
Was ründet auf der Welt sich nichts in gleicher Weise?

Die schöne Ganzheit scheint dem Ganzen vorbehalten,
Im Einzlen überall Zersplitterung zu walten.

Und nur ein Eiland gibts, ich weiß nicht wo auf Erden,
An dem die Ordnungen des Himmels sichtbar werden.

Im Mittelpunkte steht die Königsburg, im Bogen
Sind Kreise siebenfach des Lebens hergezogen.

Der erste Kreis die Stadt, der Königsburg zu Füßen,
In stolzer Dienstbarkeit, geschäftig in Genüssen.

Der zweite Kreis umgibt die Stadt, ein Gartensaum,
Wo grün des Lebens wächst und der Erkenntnis Baum.

Der dritte Kreis umfängt die Gärten, ein Gefilde,
Wo Pflug und Sichel geht der arbeitfrohen Gilde.

Der vierte Kreis ums Feld ein Waldrevier gereiht,
Wo freie Thiere gehn, der freien Jagd geweiht.

Der fünfte Kreis ums Waldgeheg' ein Klippenrand,
Mit Edelstein im Schooß und Perlensaat im Sand.

Der sechste Kreis umspielt den Strand, des Meeres Flut,
Wo sicher sich zu Schiff begibt des Landes Gut.

Der Kreis der siebente zuletzt ums Meer gezogen,
Das ist, mit Sonn' und Mond geschmückt, der Himmelsbogen.

Beglückt der König, der den Mittelthron besitzt,
Von wo mit Blicken er durch sieben Kreise blitzt.

Von Kreis zu Kreise geht sein Herrscherwort hinaus,
Und wird nicht übertönt von Wald- und Wogenbraus.

Und kommt zum äußersten das Wort zum Himmelsbogen,
Verneigen schweigend auch sich Sonn' und Mond gewogen.

Der Herrscher möcht' ich seyn, und dieser nur allein;
Denn jeder andre scheint mir gar beschränkt und klein.


86

Wer hat dir, Menschengeist, die Wunder offenbart
Des Laufs der Sternenwelt? Du hast sie selbst gewahrt.

Durch tausendjährige Beobachtung des Scheins
Gelangte dein Begriff zum Mittelpunkt des Seins.

Durch Schlüsse fandest du, und prüftest durch Erfahrung;
Bedarfst du, Menschengeist, wol andrer Offenbarung?


87

Wozu sind all die Stern' am Himmel nur gemacht?
Mit goldnem Flitter wol zu schmücken unsre Nacht?

Dazu sind sie gemacht, doch nur dem Kindersinn.
Was hat des Manns Verstand von ihnen für Gewinn?

Er hätte, scheints, genug an Sonn' und Mond allein,
Zum Licht im Erdenhaus, und brauchte nicht den Schein.

Statt müßig aufzuschaun in zahllos fremde Welten,
Wär' es nicht besser daß die eigne wir bestellten?

Doch grade daß bestellt die eigne richtig sei,
In jene fremden trägt dazu der Ausblick bei.

Du kannst Mondsonnenlauf, der ewig wechselnd geht,
An Etwas messen nur, das unbeweglich steht.

Als Wendepunkte stehn dazu die Himmelsterne,
Daß man daran den Gang des Erdhaushaltes lerne.

Aufs Große muß man sehn, um sich zu freun am Kleinen;
Das Einzelne wird nur erkannt am Allgemeinen.


88

Wenn zwei zu gleicher Zeit, der hier aus flachem Thal,
Der dort vom höchsten Thurm, sehn eines Sternes Stral;

Wird jener niedriger deswegen etwa sehn,
Und höher dieser hier den Stern am Himmel stehn?

Nein, gleichhoch setzen ihn die beiden, und empfinden,
Daß Erdabstände vorm Unendlichen verschwinden.


89

Welt ist Bewegung. Was bleibt unbeweglich wol?
Vor tausend Jahren wies ein andrer Stern den Pol.

Nach tausend Jahren wird ein anderer ihn weisen,
Wonach man steuern wird bei Land- und Meeresreisen.

Warum steht selbst nicht fest der fixen Sterne Chor?
Nach unserm Sonnenkreis, so scheint es, rückt er vor.

Denn unsre Sonn' in fünfundzwanzigtausend Jahren
Will ihre Sonn' einmal, südöstlich scheints, umfahren.

Wo ist der Sonne Sonn' im Südost? Unerkannt
Im Sternheer, doch vielleicht der Sirius genannt.

Und steht nun diese fest? Auch sie wird, Gott zu preisen,
Auch sie um eine Sonn', und die um eine kreisen.


90

Die Sonn' im Winter ist uns näher als im Sommer,
Doch macht sie uns nicht warm, sie ist alswie ein Frommer,

Ein Frommer, der fern auf der Kanzel uns erbaut,
Und uns erkältet, wenn man nah ins Aug' ihm schaut.


91

Das alte Sprichwort sagt: Nichts unterm Sonnenstral
Kommt Neues, das nicht dagewesen schon einmal.

Umkehren läßt sichs auch: Nichts Altes kehret wieder,
Und immer neues Licht scheint von der Sonne nieder.

Auf anderm Punkt im Raum sind wir an jedem Tag,
Weil nie in ihrem Lauf die Erde rasten mag.

Sie kommt auf gleicher Bahn nicht übers Jahr zurück;
Denn weiter lief die Sonn' inzwischen auch ein Stück.

Die Sonn' auch kehret nie im Schwung um ihre Sonne;
Denn ihre Sonn' auch kreist indeß um höh're Wonne.

Der Welten höchste Wonn' ist solche Liebestreue,
Zum Ewigen der Trieb, der ewig alt und neue.


92

Die kleinen Vier, die, ungeahnet alten Weisen,
Statt Eines, zwischen Mars und Jupiter nun kreisen;

Wie sind sie anzusehn? Ein Doppelzwillingspaar,
Statt einfacher Geburt, in der Geschwister Schaar.

Selbst die Verschlungenheit von ihrer Bahn beweist,
Daß scheinbar vier sie sind Ein Leib mit Einem Geist.


93

Das Alterthum beschrieb mit lebensvollen Bildern
Den Himmel, die verklärt dort oben Ird'sches schildern.

Den groß' und kleinen Hund, den groß' und kleinen Bären,
Den Löwen und den Stier siehst du sich dort verklären.

Die Krone funkelt und die goldne Leier tönt;
Der Menschen höchster Schmuck, wie ist er dort verschönt!

Doch wo vom Alterthum ein Räumchen leer geblieben,
Was hat dort unsre Zeit der Sternkart' eingeschrieben?

Gar sehr Bezeichnendes für unser künstlich Treiben,
Das todte, dessen Ruhm soll dort unsterblich bleiben:

Triangel, Pendeluhr, Luftpump' und Seekompaß,
Zirkel und Lineal, Fernrohr und Winkelmaß;

Buchdruckerpressen und Elektrisirmaschinen,
Und derlei; welcher Blick kann sich erfreun an ihnen?

Zum Glücke sind sie meist halb oder ganz und gar
Den Augen ohne Glas und Sehrohr unsichtbar.


94

Dem Mathematiker ist darum nur gelungen
So Vieles, weil er zieht aus Allem Folgerungen.

Er folgert, wenn er auch nicht sieht wozu es frommt,
Erwartend ob es ihm einmal zu Statten kommt.

Auf einmal sieht er, wie Unnützes selber nützt,
Wenn Allergrößtes sich auf Allerkleinstes stützt.


95

Zwei scheinen sich so nah, und kommen nie zusammen;
Zwei andre finden sich, die aus der Ferne stammen.

Was ists? Wie Linien verhalten sich die Seelen;
Zwei haben Neigungen, zwei bilden Parallelen.

Gleichgültig laufen die stets aneinander hin,
Jene begegnen sich zuletzt in Einem Sinn.


96

Der Kräfte Triebrad muß, das blinde, sich bequemen,
Dem Menschen immer mehr die Arbeit abzunehmen;

Daß einst der freie Geist nichtmehr dem Stoffe diene,
Sich nur als Denker fühl' und Lenker der Maschiene.

Nur laßt, wenn Alles soll Mechanik seyn auf Erden,
Des Geistes Denkgeschäft nicht auch mechanisch werden.


97

Mit Andacht sprach ich: Gott, ich danke dir, daß du
Mir wandtest diesen Schmerz, mir sandtest diese Ruh.

Verstand dazwischen sprach: Der Ew'ge sollte wenden
Für dich den ew'gen Plan, dir etwas Eignes senden?

Doch Andacht sprach: So dank' ich eben jenem Plan,
Dem ewigen, in dem ich mit bin eingethan,

Dem ew'gen Plane, dem gemäß in diesem Nu
Mir ward gewandt der Schmerz, mir ward gesandt die Ruh.


98

„Halt an! das war ein Sprung; wie reimt sich das zusammen?
Die Gründe seh' ich nicht, daraus die Folgen stammen.

Wenn ich dir folgen soll, so mußt du Schritt vor Schritt
Fein schreiten, und auch mein Verständnis nehmen mit.“

Nun, wenn geschritten nicht, so war es denn gesprungen;
Ein Sprung, was schadet er, wenn er uns ist gelungen?

Ohn' einen Sprung von dort wirds nicht herüber gehn;
Wenn du nicht springen willst, so bleib nur drüben stehn.


99

Welch Unglück, weder recht zu wachen noch zu träumen,
Auf Erden nicht zu Haus noch auch in Himmelsräumen.

Im Schlaf zu wachen und zu wandeln, kann dir taugen
Sowenig als ein Schlaf mit halbwach offnen Augen.

Abwechselnd müssen Schlaf und Wachen sich erfrischen,
Nicht lassen sich die zwei wie Wein und Wasser mischen.

Nicht gatten können sich die zwei wie Licht und Schatten,
Ohn' unerquicklich eins am andern zu ermatten.

Die Dämmerung ist schön, doch nur als Übergang,
Ob aus ihr Sternennacht, ob Sonnentag entsprang.

So zwischen Wachen auch und zwischen Schlafen liegt
Ein schöner Augenblick, schön weil er schnell entfliegt;

Wo Seele Bürgerin sich fühlet zweier Welten,
Und in dem Augenblick vergleicht, was beide gelten.


100

Das Denken, das sich treibt in ungemessnem Gleise,
Hat nirgend Ruh' als wo sichs ründet still im Kreise.

Ob enger solch ein Kreis, ob weiter sei, ist gleich;
Der Geist, im engsten wohlgeschlossnen fühlt sich reich.

Doch fühlt er reich sich nur auf einen Augenblick,
In neue Kreise treibt ihn ewig sein Geschick.

Und volle Ruhe wird vom Denken nur gefunden,
Wo es in Einen Kreis vermag die Welt zu runden.

Solange scheinen wie Planeten irr zu gehn
Gedanken, bis bewußt sie eine Sonn' umdrehn.

Um eine Sonne drehn sich meine lange schon,
Die ihnen nur verhüllt ist auf dem Mittelthron.


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