Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Sechstes Bändchen, 1839. XVI-I


1

Die Poesie ist Gold; ein weniges vom holden Metall, mit Kunst gedehnt, reicht Welten zu vergolden.


2

Wer unberedet wünscht zu bleiben, der muß schweigen,
Und wer schief angesehn nicht seyn will, sich nicht zeigen.


3

Im Voraus freuen mag sich schon der guten That,
Wer nur dazu gefaßt den festen Vorsatz hat.


4

Ein Knabe lernt nur von geliebten Lehrern gerne;
Du aber sei ein Mann, auch von verhaßten lerne!


5

Der Mann, der erst ein Schelm geworden, wird nie bieder;
Aus Wein wird Essig leicht, nie Wein aus Essig wieder.


6

Der Adler fliegt allein, der Rabe schaarenweise;
Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise.


7

Wenn du vom Freunde seinen Stand nicht abzuziehn
Vermagst, so ist kein Freund dir auf der Welt verliehn.


8

Erhabnes, findet es erhabne Stimmung nicht,
Erscheinet lächerlich im Leben, im Gedicht.


9

Wer edel lebt und stirbt, der ist mir auserkoren
Zum Edlen, ob er auch unedel sei geboren.


10

Bescheiden wollt' ich seyn, säh' ich mich vollgeehrt;
Stolz muß ich seyn solang ihr leugnet meinen Werth.


11

Der Ruhm hat einen Grund; wenn dieser Grund erst liegt,
Macht er, daß manches schwer, was an sich leicht ist, wiegt.


12

Wer fremde Fehler rügt, glaubt sich der eignen quitt;
Und wer entschuldigt jen', entschuldigt sich damit.


13

Geh weg, o Sonne, denn der Mond will auch nun scheinen;
Ich habe gnug gelacht, und möcht' einmal auch weinen.


14

Schon zu beneiden ist, wen Täuschung nur beglückt,
Noch mehr ein Glücklicher, der nicht sich selbst berückt.


15

An den im Garten bunt gewordenen Aurickeln
Sieht man, wie durch Kultur sich Gegensätz' entwickeln.


16

Der Hunger guckt dem Fleiß zuweilen wol ins Haus,
Allein die Thätigkeit wirft ihn zur Thür hinaus.


17

Die Tempelratte hat nicht Scheue vor dem Gott;
Religion ist des Religiosen Spott.


18

Ein Wunder läßt sich durch ein andres nur erklären;
Rühr' es nicht an! es wird dir Mühsal nur gebären.


19

Der Siegelring wird nicht in harten Stein sich drücken;
Herz, werde weiches Wachs, soll Gottes Bild dich schmücken.


20

Wer etwas scheinen will, der such' es auch zu seyn;
Denn ohne Seyn ist selbst der Schein ein leerer Schein.


21

Der Wetzstein schneidet nicht, doch macht er scharf das Messer;
Durch einen schlechten Mann wird oft ein guter besser.


22

Vom Übermaß der Lust wird Leid hervorgebracht;
Das Auge selber weint, sobald man heftig lacht.


23

Wer nicht sein eigner Freund, dein Freund kann der nicht seyn;
Auch der nicht, wer nur ist sein eigner Freund allein.


24

Gunst eignet der Person, und erbt nicht fort geschwind,
Nicht auf des Gönners Sohn, noch auf des Günstlings Kind.


25

O sorg' um Nahrung nicht! Gott weist dir an dein Looß;
Die Mutterbrust fließt, wo sich aufthat Mutterschooß.


26

Der weiß die Schwanen macht und grün die Papagein,
Und bunt die Pfauen, wird auch dir dein Kleid verleihn.


27

Wo es drei Heller thun, da wende vier nicht an,
Und nicht zwei Worte, wo's mit einem ist gethan.


28

Über das Ziel ein Schritt, zuviel ist stets vom Übel,
Sei's übern Durst ein Glas, sei's übers Faß ein Kübel.


29

Wer zwingen will die Zeit, den wird sie selber zwingen;
Wer sie gewähren läßt, dem wird sie Rosen bringen.


30

Nur wer Ansprüche macht, fühlt sich zurückgesetzt;
Wer nebenaus tritt, ist zuerst nicht noch zuletzt.


31

Den Räuber schilt der Dieb, weil weg am Tage nahm
Der Räuber, was der Dieb Nachts wegzunehmen kam.


32

Durch Widerspruch wirst du den Dünkel nie bekehren;
Du widersprich ihm doch, der Wahrheit nur zu Ehren!


33

Zäh war ich, weich hat mich der Liebe Hauch gemacht,
Doch für die feine Welt bin ich stets ungeschlacht.


34

Wenn du den Muth nicht hast, die Guten selbst zu tadeln,
Ein Mittel sag' ich dir: du mußt die Schlechten adeln.


35

Ich fühl' es leider nun, im Leben glaubt' ichs nie:
Die Welt ist mir nichts mehr, als Stoff der Poesie.


36

Wenn er beim alten hat Einsprecher und Abnehmer,
Wählt kein neu Aushängschild der Gastwirt oder Krämer.


37

Ob es stets anders nur, nie besser werd' auf Erden,
Doch du, stets anders, mußt auch immer besser werden.


38

Die Zeit läßt fallen eins, um andres zu entfalten;
Doch dich umbildend, mußt du stets dich selbst behalten.


39

Du mußt auf Freundes Lieb' alswie auf Gottes trauen,
Sie fühlen innerlich, wo sie nicht ist zu schauen.


40

Am besten machst du gleich dein Ding im Anfang recht;
Nachbesserung macht oft Halbgutes völlig schlecht.


41

Des Mannes Zunge, dem Verstand und Witz gebrechen,
Kann zur Verrätherin nur dienen seiner Schwächen.


42

Was dir am Mann gefällt, der stillschweigt, wird im Nu,
Wo er den Mund aufthut, abnehmen oder zu.


43

Ein Thor klagt andre an, und ein Halbweiser sich;
Sei ganz weis' und du klagst nicht andre an, noch dich!


44

Das Wahre mische mit dem Falschen, wer den Schwachen
Verdächtig Wahres will und Falsches glaubhaft machen.


45

Laß keinen, was er nicht kann halten, dir versprechen!
Was nützt es dir, wenn du ihn zwingst den Eid zu brechen?


46

Was hilft die Kundschaft, die du ein von andern ziehst?
Das Ding sieht anders aus, sobald du's selbst besiehst.


47

Gar vieles lernt man, um es wieder zu vergessen;
Um an dem Ziel zu stehn, muß man die Bahn durchmessen.


48

Ein Irrthum weggeräumt gibt einen wahren Satz;
So durch Irrthümer selbst wächst stets der Wahrheit Schatz.


49

Man kann nicht immer was man will; der ist mein Mann,
Der sich bescheidet das zu wollen was er kann.


50

Den Degen soll ein Mann nicht ohne Ursach ziehn,
Und ohne Ehre dann auch nicht einstecken ihn.


51

Gott hilft uns, liebes Kind, nur nicht den Muth verloren!
Sanft läßt er wehn den Wind, wenn man das Schaf geschoren.


52

In einer guten Eh' ist wol das Haupt der Mann,
Jedoch das Herz das Weib, das er nicht missen kann.


53

Von keinem Trost wird ein Betrübter mehr erquickt,
Als wenn er einen noch Betrübteren erblickt.


54

In einer Stunde streckt man einen Baum zur Erden,
Der hundert Jahre hat gebraucht um groß zu werden.


55

Die Nüsse gibt dir Gott, dazu die Zähn' im Backen;
Die Nüsse knackt er dir nicht auf, du mußt sie knacken.


56

Dich freut ein Name, den dem Nachbar Spötter gaben,
Und weißt nicht, welchen sie dir selbst gegeben haben.


57

Die Nachtigall ist nicht zum Sehn, ist nur zum Hören;
Den Dichter kennen, wird nur im Gedicht dich stören.


58

Stets lebt ein Dichter im Vertheilen von Geschenken;
Nichts hat er ohne gleich der Welt es zuzudenken.


59

Die schönste Gegend ist nicht schön von allen Seiten,
Noch schön zu allen Tags- und allen Jahreszeiten.


60

In dieser tiefen Furt will durchzuwaten hoffen
Der Esel, wo vor ihm ist das Kamel ersoffen.


61

Ihr freut am falschen Glanz so gut euch, als am ächten;
Wie sollt' ich eure Freud' aus Schadenfreud' anfechten?


62

Umsonst ist jedes Werk, das du hervorgebracht,
Wenn du dich selber nicht zum Kunstwerk hast gemacht.


63

Mach' immer nur Entwürf'! ob du sie nicht ausführest,
Doch hast du den Genuß, daß du dich Schöpfer spürest.


64

Als Ros' ist nie so schön geworden, wie zu werden
Als Knospe mir versprach ein Wunsch, ein Glück auf Erden.


65

Unseliger ist nichts, als wenn dirs immer ist,
Du seiest nicht zu Haus, wo du zu Hause bist.


66

Was ist und was ist nicht poetisch? Alles, wie
Die angemeßne Form es fand, ist Poesie.


67

Der Wille sündigt, und der Will' entsündigt wieder;
Wie Wasser Schmutz erregt, und wäscht beschmutzte Glieder.


68

Schlecht ist das Schlechte nicht, denn das verkennt man selten;
Das Mittelmäß'ge ists, das leicht für gut kann gelten.


69

Zu kommen zwingst du dich? Komm, oder nicht! du bist
Willkommen, wenn du kommst, ausbleibend, unvermißt.


70

Zu denken ist wol schön, noch schöner ist zu dichten,
Am schönsten beides mit einander zu verrichten.


71

Ob du von mir dis hast, ob ich von dir, wer weiß?
Wer besser, nicht wer eh'r es machte, trägt den Preis.


72

Ein böses Buch ist, das durchaus dir nicht gefällt,
Und gleichwol etwas hat, womit es fest dich hält.


73

Du hast es oft erprobt; laß dieses Volk nicht ein!
Belehrt nicht, nur belobt, bewundert will es seyn.


74

Euch zu gefallen geb' ich Hoffnung auf und Lust;
Denn alles, was euch recht gefällt, mißfällt mir just.


75

Die Freunde bitte fein, zusehr nicht dich zu ehren!
Sonst werden Feinde dir dafür den Krieg erklären.


76

Wenn dich der Pöbel ehrt, befürchte, was dir droht!
Zuerst bewirft er dich mit Lorbern, dann mit Koth.


77

Wer seinen Sohn versäumt zum Freunde zu erziehn,
Hat, wo er aufhört Kind zu seyn, verloren ihn.


78

Oft mit den Tugenden verwachsen ist ein Fehler,
Und dulden mußt du ihn, sonst machst du jene schmäler.


79

Weh thuts, wenn man dich schilt, am wehsten, armer Knecht,
Wenn du dir sagen mußt, daß man dich schilt mit Recht.


80

Die Sittlichkeit allein ersetzt den Glauben nicht;
Doch weh dem Glauben, dem die Sittlichkeit gebricht.


81

Am Ende deiner Bahn ist gut Zufriedenheit;
Doch wer am Anfang ist zufrieden, kommt nicht weit.


82

Du hattest nicht die Kraft, dein gutes Glück zu tragen;
Darum ist es so schnell in böses umgeschlagen.


83

Bild' auf den eignen Werth dir nur zuviel nicht ein!
So wird ein mäß'ges Lob schon groß genug dir seyn.


84

Der Ehrgeiz ist gekränkt vom kleinsten, das mislingt,
Und nicht befriedigts ihn, wo er das gröst' erringt.


85

O weh dem Durste, der nach jedem Tröpfchen geizt,
Und den ein Strom, ein Meer nur, statt zu stillen, reizt!


86

Glaub' immer! nur beweis mirs nicht! sonst werd' ich sträubig.
Es ist ein Widerspruch: scharfsichtig und blindgläubig.


87

Vom Heiligen bewegt, sei dein Gemüt im Takt!
Mach' ein System daraus, so wird es abgeschmackt.


88

Beglückt, von wem nicht eh'r die Welt, daß er gelebt,
Erfährt, als durchs Geläut, bei dem man ihn begräbt!


89

Klag nicht, wenn das Geschick dir etwas schwer gemacht!
Die Freud' ist doppelt groß, wenn du's hast doch vollbracht.


90

Wer einen Fehler flieht, der hüte sich vor allen,
Vor diesem auf der Flucht, in jenen nicht zu fallen.


91

Die Krankheit ist dein Heil, wenn sie dich leiblich mahnt,
Daß Heilsbedürftigkeit die kranke Seele ahnt.


92

Viel Gutes wird bewirkt auf dieser Welt vom Bösen;
Bewogen ward dadurch Gott selbst, uns zu erlösen.


93

Warum vor Ungeduld dein Büchlein ich zuschlug?
Es forderte zuviel, und gab mir nicht genug.


94

Nicht Achtung kanst du dem, der dich nicht achtet, schenken,
Oder du mußt sogleich von dir geringer denken.


95

Soviel du von der Gnad' Unedler wirst gespeist,
Das nimmst du zu am Leib, und büßests ein am Geist.


96

Am Inhalt liegt mir viel, und wenig am Gefäße;
Warum? ich habe selbst Form jedem Stoff gemäße.


97

Ein Streben mag mit Lust den Strebenden betrügen,
Doch das Erstrebte kann dem Geiste nie genügen.


98

Ein neugekauftes Buch, ein selbstgebautes Haus,
Bringt, wers verkaufen will, ums halbe Geld nicht aus.


99

Was einer tragen kann an Leid und auch an Lust,
Das wird erst einem Mann, wann ers erfuhr, bewußt.


100

Nicht allen alles, wenn nur einem eins gefällt,
Und anderm anderes, so ist es gut bestellt.


Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Sechstes Bändchen, 1839. XVI-II

1

Die Dichtung geht der Zeit voran und hinterdrein,
In der Vergangenheit zeigt sie der Zukunft Schein.


2

Ein gut Wort, gut gesagt, und auch gut aufgenommen,
Dazu gut angewandt, mag uns zu Gute kommen.


3

Wer beide Hände voll hat und noch mehr will fassen,
Wird das auch, was er hat in Händen, fallen lassen.


4

Die fremde Weisheit wird in deinem Kopf zum Thoren;
Dir nützt die Weisheit nur, die in dir wird geboren.


5

Den Weisen kannst du an der Wahl der Zweck' entdecken,
Den Klugen an der Wahl der Mittel zu den Zwecken.


6

Zu fassen den Entschluß, muß Gottes Geist dich rühren;
Du überlegest nur, wie er sei auszuführen.


7

Die Überlegung zeigt das Bessere von zwein;
Zum an sich Guten treibt ein innrer Trieb allein.


8

Das Gute thust du nicht, um zu empfinden Lust;
Die Lust empfindest du, weil du das Gute thust.


9

Das Gute thun ist leicht, selbst Schwachen eine Lust,
Das Böse meiden schwer, Kampf einer Heldenbrust.


10

Das Wünschen thut es nicht, Anstrengung muß es machen;
Dem schlafenden Löwen läuft das Wild nicht in den Rachen.


11

Die heiße Kohle brennt, die kalte schwärzt die Hand;
Wer um mit Bösen geht, hat immer übeln Stand.


12

Sei's in drei Monaten, drei Jahren oder Tagen,
Einmal wird seine Frucht so Gut als Böses tragen.


13

Aus einem Feinde wird niemals ein Freund ein treuer;
Das Wasser, auch gewärmt vom Feuer, löscht das Feuer.


14

Erliegen kann ein Mann, nicht sich unmännlich halten,
Erlöschen kann ein Feur, doch nie kann es erkalten.


15

Am Walde hätte nicht die Axt so leichtes Spiel,
Hätt' ihr der Wald nicht selbst geliefert ihren Stiel.


16

Wenn sich der Jüngere zum bösen Wege neigt,
Trifft Schuld den Ältern, der es sieht und dazu schweigt.


17

Ein treuer Spiegel ist nicht jedem angenehm,
Ein Menschenkenner oft den Menschen unbequem.


18

Der Fürsten Unglück ist, daß jeder thun und sagen
Nur immer das will, was er ihnen sieht behagen.


19

Zwei Löwen einen Hirsch — die Theilung wird mißrathen;
Sie kämpfen; wer gewinnt, verzehrt allein den Braten.


20

Ein König, dem das Reich ein andrer abgewonnen,
Das beste für ihn ist, er fällt in einen Bronnen.


21

Der Baum legt niemals selbst die Axt an seinen Fuß;
Du bist der Thor, den solch ein Sinnbild warnen muß.


22

Der Rabe hat den Gang des Rephuns nachgeahmt,
Den eignen büßt' er ein, und der geborgte lahmt.


23

Der alte Wolf vermag den Regen schon zu leiden,
Der einen Wolfspelz trägt, kein Mäntelchen von Seiden.


24

Thun was schon ist gethan, dergleichen thun die Thoren;
An einer Perle kan man nicht zwei Löcher bohren.


25

Laß dichs nicht ärgern, daß dir ein Stück Wild entgangen;
Wenn du heut alles fiengst, was willst du morgen fangen?


26

Ein Krämer liebt im Kram, was abgeht und gefällt;
Mit Ladenhütern ist der Laden schlecht bestellt.


27

Wenn du für kleinre Gab' undankbar bist erschienen,
Womit denn hoffest du die größre zu verdienen?


28

Bitt' um Verzeihung nur den der sich glaubt gekränkt;
Und kränktest du ihn nicht, genug daß er es denkt.


29

Sonst mocht' ein Einzelmann in seinem Volk verschwinden,
Jetzt in der Menschheit soll der Einzle sich empfinden.


30

Wenn man das Böse thut, sieht man für klein es an;
Man sieht, wie groß es ist, erst wenn es ist gethan.


31

Das Gute wissen, weit ist noch das thun davon;
Das Böse kennen ist des Bösen Anfang schon.


32

Der kann wol leiden, daß man seine Fehler rügt,
Wer große Tugenden zu kleinen Fehlern fügt.


33

Ein Weiser überhebt sich nicht, wenn Thoren fallen,
Von ihrem Beispiel lernt er nur bedächt'ger wallen.


34

Wer Gutes thut soviel er kann, und keinen Lohn
Dafür erwartet, hat den allerschönsten schon.


35

Wer immer reicher nur will werden, ist nie reich;
Wer besser werden will, ist und wird es zugleich.


36

Des Weisen stille Thrän' ist mehr wol als des Thoren
Lautes Gelächter werth, doch beides ist verloren.


37

Der Mensch, der sinkt zum Thier, wird unters Thier versinken;
Es schwimmt in der Natur, er wird darin ertrinken.


38

Betrübt dichs wol, wie sich an Thorheit Thoren laben?
Nein, freue dich, daß sie auch ihre Freude haben.


39

Lern Gutes ums zu thun, und Böses ums zu meiden;
Wenn du nicht beides kennst, wie kannst du's unterscheiden?


40

Dem sind am wenigsten die Mängel zu verzeihn,
Der, wenn er wollte nur, vollkommen könnte seyn.


41

Glück ist dein Schatten, der entfliehet, wo du ihn
Willst haschen, und dir folgt, wo du ihm willst entfliehn.


42

Nicht viel sind tausend Freund', ein einz'ger Feind ist viel;
Denn diesem ist es Ernst, und jenen nur ein Spiel.


43

Man sagt: der beste Freund des Diebes, der zum Schaf
Ihm, das er sucht, verhilft, das ist des Hirten Schlaf.


44

Laß dich auf diesem Markt von falschem Schein nicht reizen;
Mancher hat Gerst' im Sack und zeigt zur Probe Weizen.


45

Wenn die unreife Frucht du schütteln willst vom Ast,
Verräthst du, daß du selbst nicht deine Reife hast.


46

Die Feige herb und hart, weich kanst du allenfals
Sie drücken; iß sie nur, so kratzt sie dich im Hals.


47

Wer Dörner auf den Weg legt, wo er gehen muß,
Der klage nicht, wenn sie ihn stechen in den Fuß.


48

Gern wird der Nachbar heut frischbacknes Brot dir borgen,
Wenn du mit Sauerteig ihm kannst aushelfen morgen.


49

Die Menschen sind zu klug, um irgendwen zu loben,
Eh von was Gutem sie an ihm gesehn die Proben.


50

Von dem ich keinen Schutz verlang' und keinen Lohn,
Wenn ich ihn ehre, fühl' er sich geehrt davon!


51

Ist kein Arbeiter doch um seinen Lohn betrogen;
Der Lehrer lernt und der Erzieher wird erzogen.


52

Du schiltst dich selbst, wenn du dein Kind schiltst ungezogen;
Denn zogest du's zuvor, so wär' es nun gezogen.


53

Die Schüler könntest du, und sie den Lehrer missen,
Wenn du die lehren sollst, die alles besser wissen.


54

Schlimm, einem nicht vertraun, den man nicht kann entbehren;
Wie mancher schimpft den Arzt, und läßt ihn doch gewähren.


55

Die Übels thun, womit sie wollen Gutes stiften,
Sind Ärzte, die, um uns zu retten, uns vergiften.


56

Wer hat nicht Eitelkeit! die Klugen wie die Gecken;
Doch diese zeigen sie, weil jene sie verstecken.


57

Vergnügen will man sich in der Gesellschaft nicht,
Vergnügt zu scheinen nur hält man für seine Pflicht.


58

Das Gute liebt die Still', es liebt nicht das Getöse;
Verbirgs, wo du es thust, wie man verbirgt das Böse.


59

Gott gibt zu rechter Zeit stets, was du brauchst zum Leben,
Wenn du nur immer recht gebrauchst, was er gegeben.


60

Wer sich begnügt zu thun das Gute niedrer Stufen,
Thut übel dran, wenn Gott zu höhern ihn berufen.


61

Der Wahrheit Feierkleid, bekam es Lügenstreifen,
Nie wäschest du es rein mit Laugen und mit Seifen.


62

Du klagst, daß mancher dir gelohnt mit Undank hab';
Und bist du dankbar Gott für alles was er gab?


63

Viel lieber ist mir doch ein Thuer als ein Sager,
Ein Antwortgeber auch als ein vorlauter Frager.


64

Ich lobe mir den Mann, der das, was er nicht kann,
Nicht unternimmt, und das vollbringt, was er begann.


65

Ein Bild, ein Gleichniß macht der Sache Dunkles klar,
Die Wahrheit glänzender, doch nie das Falsche wahr.


66

Die Flügel wachsen nur der Ameis' um zu sterben,
Dem Niedrigen gereicht der Hochmuth zum Verderben.


67

Wenn du's nicht brauchen kannst, wozu hast du's gewonnen?
Im Hofe fehlet dir der Eimer an dem Bronnen.


68

Des Wolfs Heißhunger macht die Rechnung ohne Wirt,
Der nur die Herde sieht, und nicht auch Hund und Hirt.


69

Die Saite, wenn man sie zu hoch will spannen, reißt;
Nur weise Mäßigung ist was Erfolg verheißt.


70

Dem Manne steht, o Sohn, Mannhaftigkeit wohl an,
Dem Menschen Menschlichkeit; du werd' ein Mensch und Mann!


71

Wenn außen Wärme treibt und Sauerteig von innen,
Wie sollte das Gebäck nicht Lust zu gehn gewinnen!


72

Zusammen ist das Glas mit einem Stein getroffen,
Es brach, und wundert sich, was konnt' es andres hoffen?


73

Was hilfts den Zweig, an dem kein Apfel ist, zu schütteln?
Man weckt den Schlafenden, am Todten hilft kein Rütteln.


74

Wer an Unwürdige verschwendet Ehrenzeichen,
Wie kann er Würdigen sie noch mit Ehren reichen?


75

Lobt ihr das Schwert, wenn ihrs nennt schärfer als den Stecken?
Ihr setzt den Mann herab, den ihr vergleicht mit Gecken.


76

Standunterschied erscheint vor Fürstenthron geringer;
Im Schach gilt ziemlich gleich ein Läufer einem Springer.


77

Wenn Alten schlecht ansteht, was schön an Jungen gilt,
Wie noch viel schlechter, was man selbst an Jungen schilt.


78

Wo du nicht der Gefahr kannst aus den Wegen gehn,
Da bleibt dir nichts als ihr mit Muth entgegen gehn.


79

Was hab' ich nun erkämpft, daß stumpf sind meine Waffen?
Ich habe viel geschafft, und habe nichts geschaffen.


80

Sohn, fürchte Gott, damit dein Innres furchtlos sei,
Denn Gottesfurcht nur macht von Menschenfurcht dich frei.


81

Hart wird zuletzt die Haut, die viele Streich' empfangen,
Und hart der Sinn, wem es hart in der Welt gegangen.


82

Ein Odem warm und kalt ist in des Windes Nasen;
Das Feuer mag er an-, und aus- die Kerze blasen.


83

Durch Wechselbeistand kann auch Noth die Noth vertreiben,
Alswie einander warm zwei kalte Hände reiben.


84

Wer seinem Freunde nicht ins Auge sehen kann,
Kanns auch dem Feinde nicht, und ist ein schlechter Mann.


85

Wenn Gutes dir entweicht, so such' es zu erreichen;
Wenn Böses dich erreicht, so such' ihm zu entweichen.


86

Wenn dich Glückwechsel trifft, denk', um dich nicht zu grämen:
Abnehmen muß der Mond, um wieder zuzunehmen.


87

Gib, was du geben willst, eh man darum dich bat;
Es ist nur halb geschenkt, was man erbeten hat.


88

Nie Unrecht hab' am Freund, doch eine deiner Gaben
Sei diese, Unrecht gern, wo Recht du hast, zu haben.


89

Sei auch bescheiden gnug, ein aufmerksames Ohr
Zu leihen manchem was du besser weißt zuvor.


90

Des Freunds entbehren kann das Herz nicht, um zu leben;
Gibs einem schlechten, kannst du's keinem guten geben.


91

Ein Strohseil zieht sogut wie eins aus Hanf gesponnen,
Bis es verfault, dann fällt der Eimer in den Bronnen.


92

Wo's theuren Gütern gilt, wehr dich, und sei kein Hase!
Der Stier mit seinem Horn vertheidigt seine Nase.


93

An Sittensprüchen hat der Arge sein Vergnügen,
Nicht um danach zu thun, doch um damit zu trügen.


94

Thu Gutes, wenn es auch vielleicht nicht rettet dich,
Doch wenn du Böses thust, verdirbt dichs sicherlich.


95

Der Freund ist näher dir als du dir selber bist;
O wie bist du so fern ihm der so nah dir ist!


96

Die Klugheit dieser Welt ist schlecht von Menschen denken;
Wer aber Gott vertraut, kann allen Zutraun schenken.


97

Der Thaler ist nichts werth, solang er bleibt zu Haus;
Doch geht er auf den Markt, so holt er dir den Schmaus.


98

Wenn ich vermöchte von den Schlacken zu befrein
Mein Gold, es wäre werth die Lust der Welt zu seyn.


99

Was er geworden ist, genüget nie dem Mann;
O wohl ihm wenn er stets nur werden will und kann.


100

Beständig ist kein Glück im Unbestand des Lebens,
Als nach Beständigem Beständigkeit des Strebens.


Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Sechstes Bändchen, 1839. XVI-III

1

Mein Geischen! Winterlang ist es uns schlecht ergangen;
Stirb nicht! der Frühling kommt, da grünen alle Rangen.


2

„Was liegt am ird'schen Gut?“ wirst du voll Großmut sagen,
Wenns deinem Nachbar ward, nicht dir, davongetragen.


3

Schir Schah und Selim Schah — der Streit ist lang genug,
Wer von den beiden einst den Bart am längsten trug.


4

Zur Zeit der Noth nennt man wol seinen Esel Bruder,
Und ist die Noth vorbei, so heißt er faules Luder.


5

Wie du im Käfich auch ihn hegst und pflegest fleißig,
Laß offen, und weg ist dein undankbarer Zeißig.


6

Sie nahm den schlechten Mann, das war nicht recht bedacht,
Und lief ihm dann davon, das war erst schlecht gemacht.


7

So gehts in unserm Haus. Der Zucker ist gestohlen,
Nun haben wir gelegt ein Siegel auf die Kohlen.


8

Der Weber sprach, als ich das Tuch nicht wollte loben:
Wie du's gesponnen hast, so hab' ich es gewoben.


9

Wenn du der Sonne wagst ins Angesicht zu grinzen,
Gib Acht, ob eh'r dein Aug', ob ihres eh'r wird blinzen!


10

Willst du an Feindes Thor heut mit dem Finger pochen,
So klopft er mit der Faust an deins in nächster Wochen.


11

Du schläfst mit Speer und Schild gerüstet, und im Schrecken
Wirfst du es beides weg, wenn dich die Feinde wecken.


12

Man glaubt die Wahrheit nicht, wenn sie ein Armer spricht,
Und selbst die Lüge glaubt man einem reichen Wicht.


13

Du selbst heiratest nicht, Heiraten willst du stiften,
Handelst mit Gift, doch magst dich selber nicht vergiften.


14

Wir scheiden uns nur nicht zu Ärgernis-Vermeidung,
Und leben lieber in beständ'ger Ehescheidung.


15

Wenn Freund zu Freunde kommt, stirbt des Verläumders Macht,
Und alle Reden hat ein Blick zunicht gemacht.


16

Zwei Fehle schenk' ich dir, den dritten Übertritt
Bezahlst du dreifach mir, und also sind wir quitt.


17

Von unten scharfer Zahn, und scharfer Zahn von oben;
O weh dem Bissen, der dazwischen wird geschoben!


18

Laß gute Nachbarschaft uns mit der Hexe halten,
So läßt sie ihre Kraft drei Häuser weiter walten.


19

Das kleine Pfefferkorn sieh für gering nicht an,
Versuch' es nur, und sieh, wie scharf es beißen kann.


20

Pflanz' einen Mangobaum, pflanz' eine Tamarinde,
Und iß die süße Frucht, und iß die bittre Rinde.


21

Der Teufel hat die Welt verlassen, weil er weiß,
Die Menschen machen selbst die Höll' einander heiß.


22

Die Katze, wenn sie sich der Schonung will befleißen,
So werden sie alsbald ins Ohr die Mäuse beißen.


23

Wenn du den Bettelsack einmal hast umgehangen,
So streck die Hand auch aus, die Gabe zu empfangen.


24

Für beide Theile ist der Handel wohl gerathen;
Wo weder ist verbrannt der Bratspieß noch der Braten.


25

Die Karawane klagt, daß man ihr Alles nahm,
Und auch der Räuber klagt, daß er nicht mehr bekam.


26

Den Armen plündert man, nur um die Lust zu stillen,
Wie man den Reiher schießt nur um der Feder willen.


27

Wenn Gott dich schlagen will, so braucht er nicht die Hand;
Er nimmt dir, daß du selbst dich schlagest, den Verstand.


28

Wer keine Rettung weiß, wählt einen Zauberspruch;
Wer sich nicht helfen kann, hilft sich mit einem Fluch.


29

Das kränkt dich nicht sosehr, was Leides dir geschehn,
Als daß du mußt erfüllt den Wunsch des Feindes sehn.


30

Entweder wird das Schwert in meiner Hand mir weich,
Oder der harte Kopf des Feindes fühlt den Streich.


31

Der ganze Vogel ist oft keinen Heller werth,
Für den als Rupferlohn ein Groschen wird begehrt.


32

Bei Unverträglichkeit gedeiht kein Feur im Haus,
Der eine bläst es an, der andre bläst es aus.


33

Ob die Melone fiel aufs Messer, ob das Messer
Auf die Melon', es geht in keinem Fall ihr besser.


34

Sei dem gefällig, der an dir Gefallen trägt,
Und frage dem nicht nach, der selbst nach dir nicht frägt.


35

Man sieht das Geld nicht an, das Leben nur zu sparen,
Und setzt das Leben dran, die Ehre zu bewahren.


36

Ein Gotteskasten ist des Armen leerer Bauch,
Und wer ihn füllt, erfüllt den Willen Gottes auch.


37

Roth färbet mit der Schmink' ein Weib sich das Gesicht,
Und mit dem Ruhm ein Mann, der wider Feinde ficht.


38

Du fütterst ihn umsonst mit Pomeranzenkernen,
Dein alter Papagei wird nicht mehr sprechen lernen.


39

Wenn eine Jagd anstellt der Löw', ists eine Freude
Dem Schakal, und ein Weh den Rehen auf der Haide.


40

Dem einen geht es hin, den andern gibt man frei;
Wenn es der dritte thut, zahlt er für alle drei.


41

Auf Künft'ges rechne nicht, und zähl nicht auf Versprochnes;
Klag' um Verlornes nicht, und denk nicht an Zerbrochnes.


42

Wozu so lang der Schweif dem Pferde wuchs, dem edeln?
Damit die Fliegen es sich selber könne wedeln.


43

Das Bethaus steht noch nicht gebaut mit seinen Pfosten,
Und schon zum Betteln nahm ein Lahmer dort den Posten.


44

Ein halbes Körnchen und ein ganzes hat der Tropf,
Und jedes kochet er in einem eignen Topf.


45

Der Mangel mag dem Fleiß einmal ins Fenster schaun,
Doch zu der Thür hinein darf er sich nicht getraun.


46

Ein schlechter Kreuzer wird vielleicht einmal zum guten,
Und gut ein schlechter Mann, doch ists nicht zu vermuthen.


47

Wenn nicht das Kindlein schreit, die Mutter es nicht stillt;
Du mußt dich melden, wenn du etwas haben willt.


48

Neun Tage dauert Neu's, und ist nicht neu mehr schon,
Das Alte hundert Jahr, nur älter wirds davon.


49

Wer frische Brunnen will an jedem Tage graben,
Wird immer frischen Trank und frische Arbeit haben.


50

O brich den Faden nicht der Freundschaft rasch entzwei!
Wird er auch neu geknüpft, ein Knoten bleibt dabei.


51

Mach' in den Napf kein Loch, aus dem du hast gegessen;
Und dessen Gast du warst, gedenk' in Ehren dessen.


52

Wenn das nicht Unglück ist, was soll denn Unglück heißen?
Ich sitz' auf hohem Pferd, doch muß der Hund mich beißen!


53

O Gnade nun, Frau Katz', und fresset mich nicht ganz!
Das Mätzchen ist gerupft, doch lebts auch ohne Schwanz.


54

Wenn du zum Spiel ablegst dein Horn, der Kälber halb,
Ein Stumpfhorn wirst du wohl, o Stier, doch nie ein Kalb.


55

Für einen Mückenstich weißt du kein Mittel noch,
Und steckest deine Hand schon in ein Wespenloch!


56

Ein grauer Bart am Hals, und noch die Kinderflecken!
Nichts lächerlicher als die Thorheit alter Gecken.


57

Das ist gewis! die Magd, wo sie wird Frau im Haus,
Die schicket ihre Mägd' im ärgsten Regen aus.


58

Verbrannt ist dir dein Haus. „Verbrannt ist nur das Holz.“
Was hast du Stolzer draus gerettet? „Meinen Stolz.“


59

Mein Bestes bot ich auf, und schlecht ist es gerathen,
Die Geiß geschlachtet, und dem Gast schmeckt nicht der Braten.


60

Wenn ihr euch helfen wollt, müßt ihr einander helfen;
Zusammen nur gestellt, wird Eins und Eins zu Elfen.


61

Zur Tränke dränget sich am Dorfteich Rind und Lamm;
Die ersten finden Flut, die letzten finden Schlamm.


62

Geladen waren drei, und dreizehn sind gekommen;
Gieß Wasser an die Supp', und heiß sie all willkommen.


63

Ein Wunsch in deiner Brust, in deinem Haus ein Gast,
Drei Tage eine Lust, am vierten eine Last.


64

Der wird der Frau zu Haus ins Haar am ersten fahren,
Der draußen selber sich läßt rupfen an den Haaren.


65

Das widerspenstige Kamel wird doch beladen,
Und hat mit seinem Trotz verscherzt des Treibers Gnaden.


66

Nicht lauter Leben ist dis Durcheinanderlaufen,
Auch immer Trauer gibts in dem Ameisenhaufen.


67

Ich hatte Zähne sonst, da hatt' ich Brocken nicht;
Den Brocken hab' ich nun, da mir der Zahn gebricht.


68

Das Fleckchen an der Wang' ist eine Zier, das schwarze;
Doch wenn zu groß es wird, so ist es eine Warze.


69

Von einer Milchkuh nimmt man einen Stoß nicht übel,
Wenn nur darüber aus der Hand nicht fällt der Kübel.


70

Von hundert Schlägen, die der Goldschmidt thut, trifft keiner
Ein Hunderttheil so stark, als von dem Grobschmied einer.


71

Geh nur zum Brunnen hin, daß er den Durst dir nehme!
Ein Wunder wär' es, wenn zu dir der Brunnen käme.


72

Kind! Mutter-Zärtlichkeit ist eigenes Gewächse;
Wer zärtlicher als sie dir thut, ist eine Hexe.


73

Des dunkeln Hauses Lamp' ein wohlgerathner Sohn,
Der Vater altersblind wird sehend neu davon.


74

Von weitem kennt ein Mann am Dach sein eignes Haus,
Für andre nimmt es sich wie jedes andre aus.


75

Die Augen halte zu, und deinen Beutel offen;
Ein solcher Kund' ist es, auf den die Krämer hoffen.


76

Der Krämer, der nichts hat zu thun im Kramgemach,
Räumt aus dem einen aus, und ein ins andre Fach.


77

Laß trinken, frommer Mann, die Durst'gen, eh sie flehten;
Milch ist es, wenn geschenkt, und Wasser, wenn erbeten.


78

Zerbrochen oder nicht, das Töpfchen hört' ich krachen;
Du bist in schlimmem Ruf, der schwer ist gut zu machen.


79

Das Sperlingsweibchen trägt zu Nest, das arme Schelmchen!
Sieh, auseinander scharrt das Männchen ihm die Hälmchen.


80

Ein Feind schläft selber nicht, und läßt uns auch nicht schlafen;
Der Wolf ist wach, drum wacht der Schäfer bei den Schafen.


81

Du zwischen Feinden, wie die Zunge zwischen Zähnen,
Sei unversehrt, wie sie von diesen, du von jenen!


82

Gelehrsamkeit steckt an. In unsres Kadhi Haus
Lebt, ohne rechtsgelehrt zu werden, keine Maus.


83

Von meinen Zähnen hab' ich einige zum Kauen,
Und einige für euch, die geb' ich euch zu schauen.


84

Die Peitsche hab' ich schon, die Sporen auch, und werde,
Hab' ich den Sattel erst, auch kommen zu dem Pferde.


85

Profeten meinen oft, sie machen, was sie sagen.
Ja, krähte nicht der Hahn, so würd' es auch nicht tagen.


86

Das Bethaus ist in Schutt gefallen, aber hoch
Steht noch der Hochaltar, und betet für uns noch.


87

Wer kann die Linien in seiner Hand verwischen?
Die gottgeschriebne Schrift wird immer sich erfrischen.


88

Weh dieser Welt! sie gibt für heut uns Nahrungsorgen,
Und des Gerichtes Furcht gibt sie uns mit für morgen.


89

Ich spreche Feuer, und es brennt mich nicht im Mund;
Ich sage Wasser, und es wird nicht feucht mein Schlund.


90

Du hast am hellen Tag die Wachskerz' angefacht,
Nun fehlet dir das Öl fürs Lämpchen in der Nacht.


91

Zum Spielplatz läuft das Kind, man brauchts nicht hinzutreiben;
Zur Schule führt man es, möcht' es zu Hause bleiben.


92

Nicht zähle, was im Brand des Hauses dir verbronnen;
Zähl, was gerettet ist, und rechn' es für gewonnen.


93

Wer hinten schneidet ab, um vorn es anzustoßen,
Deckt seine Blöße hier, und ist nun dort im Bloßen.


94

Soll der bedrohte Baum nicht drein mit Freude schauen,
Holzhauer, wenn du selbst dich in den Fuß gehauen!


95

Der Räuber im Gebirg ist auch ein freier Fürst,
O Fürst, so frei wie du, bis du ihn fangen wirst.


96

Stets hast du Recht, wenn du beim Richter bist allein;
Doch warte nur, es kommt dein Gegner hinterdrein.


97

Geh du in die Moskee, ich geh' in die Pagode;
Laß du mir meinen Brauch, dir lass' ich deine Mode.


98

Durch Weihgeschenk' erwirbt der Reiche Himmelsgnaden;
Was kann der Bettler thun? im heil'gen Strome baden.


99

Nicht viel zu leben, und nur leben in Benares!
Was leben? nur den Geist aufgeben in Benares!


100

Ob du nach Mekka magst, ob nach Benares wallen,
Die beste Pilgerschaft ist Gottes Wohlgefallen.


Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Sechstes Bändchen, 1839. XVI-IV

1

Es wäscht die eine Hand die andre, wie man spricht,
Und beide waschen dann zusammen das Gesicht.


2

Der leere Eimer fällt von selbst im Bronnen nieder,
Doch nicht der volle steigt von selbst zur Höhe wieder.


3

Der Arbeit Bürd' ist leicht, und schwer des Dankes Last;
Arbeite, daß du nur dir selbst zu danken hast.


4

Besser ein altes Kleid mit eignem Drate flicken,
Als mit geborgtem Gold ein neues lassen sticken.


5

Das Wort des Mannes ist von seiner Seel' ein Theil;
Sowenig ist sein Wort als seine Seele feil.


6

Der ferne, der mich grüßt, ist nah im Herzen mir;
Der nahe, der mich nicht besucht, ist weit von hier.


7

Das ist kein Glück, was ich mit Herzblut muß erkaufen;
Glück ist, was zu mir kommt, und läßt nach sich nicht laufen.


8

Und wenn Gott jeden Wunsch den Menschen läßt erwerben,
So bleibt zuletzt ihm nichts zu wünschen als zu sterben.


9

Das Hehlen ist so schlimm und schlimmer als das Stehlen;
Denn stehlen würde nicht, wers hoffte nicht zu hehlen.


10

Noch reden wird die Kuh in ihres Räubers Bauch;
Der Pfau im Haus des Diebs verräth ihn selber auch.


11

Der Juwelier, wenn er den Edelstein will fassen,
Darf sich vom Glanze nicht die Augen blenden lassen.


12

Kind, wer dich lobt, will nur dein Löbliches verderben,
Und wer dich tadelt, spornt dich an nach Lob zu werben.


13

Wer Gutthat sendet aus, wielang sie auf den Wegen
Mag bleiben, endlich kehrt sie heim zu ihm mit Segen.


14

Die Vorsicht geht zu sacht, die Zuversicht zu keck;
Vorsicht, mit Zuversicht vereint, gelangt zum Zweck.


15

Sei fleißig Tag und Nacht, und sammle Gut ins Haus!
In vielen Stunden kommts, und geht in einer aus.


16

Geld für Beleidigung ist niederer Gewinn,
Sich rächen edler Mut, Verzeihen hoher Sinn.


17

Des Thoren Herz und Geld sind nie recht einverständig,
Du machst einander sie mit leichter Kunst abwendig.


18

Im letzten Haus, dem Sarg, hast du nicht mehr Haussorgen;
Nur wer in dieser Burg sich barg, der ist geborgen.


19

Wer von des Schicksals Hand noch keinen Streich empfand,
Glaubt gar nicht, welche Streich' austheilen kann die Hand.


20

Etwas liegt an der Art, die Gott dem Keim verliehn,
Und etwas auch an der, wie du ihn wirst erziehn.


21

Das höchste ist die Gunst, womit der Himmel schaltet,
Das nächste ist die Kunst, womit der Gärtner waltet.


22

Aus bittern Meeren zieht die Sonne süßes Wasser,
So zieh' auch Liebe du aus Herzen deiner Hasser.


23

Des Feuers Leben ist, daß es sich selbst verzehrt;
Der tödtet es, wer ihm sich zu verzehren wehrt.


24

Das Leben ist ein Feur, die Luft muß es erquicken;
Sobald die Luft ihm fehlt, wird es in sich ersticken.


25

In jedem Athemzug gibt Leben auf sein Leben,
Wie unsichtbare Düft' aus Blumenkelchen schweben.


26

Wer täglich sammeln muß mit Sorgen seine Nahrung,
Der sammelt nie den Geist, doch sammelt er Erfahrung.


27

Nichts elender, als halb geschlafen, halb gewacht;
Du hast nicht ausgeruht, und hast kein Werk vollbracht.


28

Der Ruhm des Mannes ist des Weibes höchster Reiz,
Die Ehre seines Weibs des Mannes höchster Geiz.


29

Geziemend ist der Schmuck an Weibes Leib allein,
Und die geschmückte soll der Schmuck des Mannes seyn.


30

Ein reizendes Gesicht ist kranker Augen Balsam,
Das fein gefällig ist und nicht zusehr gefallsam.


31

Anfang und Ende sind wol unter sich verwandt,
Doch ist der Anfang blind, das Ende hats erkannt.


32

Laß dich auf das nicht ein, wo dir die Sinne schwinden;
Im dunkeln Hause sind die sehnden gleich den blinden.


33

Leicht kommt hinein der Dieb ins unbewachte Thor
Des Bettlers, doch beschämt kommt er daraus hervor.


34

Ein Stadtthor kanst du wol verschließen mit dem Riegel,
Doch legen kanst du nicht auf Feindes Mund ein Siegel.


35

Das Rephun ißt ein Korn, dazu ein Körnlein Sand,
Es frißt dir nicht die Ernt', und nicht dein Ackerland.


36

Der Schwanz der Nachbarmaus ist lang, die kannst du fangen,
Kurz deiner Ratte Schwanz, die ist dir stets entgangen.


37

Mein Sohn, du wirst das Gut von deinem Vater erben;
Erbst du nicht auch den Fleiß, so wirst du drauf verderben.


38

Darf ich vom Fest der Stadt mir nur erzählen lassen,
So hab' ichs mitgemacht, und nicht mein Dorf verlassen.


39

Im Haus der Großmuth gehn soviele aus und ein,
Daß seine Schwelle bald wird abgetreten seyn.


40

Der Jogi ist zu Haus ein armer Bettler nur,
Und wird zum Heiligen auf einer fremden Flur.


41

Maulesel ward gefragt: Wer ist dein Vater, sprich!
Mein Oheim, sprach er, ist Herr Hengst, was fragt ihr mich?


42

Wer weiß, ob eh'r das Glas zerbricht, ob eh'r der Krug?
Beide, das ist gewis, zerbrechen bald genug.


43

Wer nennet eine Last das was ihm dient zur Wehr?
Die eignen Hörner sind dem Büffel nicht zu schwer.


44

Den Esel hungern ließ der Treiber, wo's war eben;
Da's an den Bergsteig geht, will er ihm Gerste geben.


45

Es geht ein krummes Schwert in eine krumme Scheide;
Ihr seid einander werth, und für einander beide.


46

Des reichen Mannes Herz, das keine Großmuth fasset,
Ist ein verrostet Schloß, darein kein Schlüssel passet.


47

Oft weiß nicht, wer von fern sich weidet am Gefunkel,
Wie wahr das Sprichwort sagt: Am Fuß der Lamp' ists dunkel.


48

Dein Feur — ist jemand schon geworden warm davon?
Von deinem Rauche blind ward manches Auge schon.


49

Wer in die Wüste flieht, den Bösen zu entwallen,
Wird dort in die Gewalt der bösen Geister fallen.


50

Von weitem sieht ein Fuchs den Fuchs auf seinem Gange,
Zusammen kommen sie beim Kürschner auf der Stange.


51

Wenn übers Haupt einmal mir sollen gehn die Wellen,
Gilt es mir völlig gleich, ob ein' ob hundert Ellen.


52

Das ist ein Unfall zwar, doch der mir muß gefallen:
Mein Stückchen trocknes Brot ist in das Mus gefallen.


53

Ein jedes Thier der Trift hat seine Nahrungsweise;
Was für das eine Gift, ist für das andre Speise.


54

Du triumfirest, daß der Wolf ist hingestreckt,
Doch weißt du, im Gebüsch was für ein Tiger steckt?


55

Ich habe meinen Sinn, das Glück hat seinen Kopf,
Und wer ihn durchsetzt, schilt den andern einen Tropf.


56

Der Feige, der gezeigt den Rücken in der Schlacht,
Kann nie sein Angesicht mehr zeigen unverlacht.


57

Der Schäfer ließ sein Schaf die besten Kräuter essen,
Zum Dank hat es das Brot ihm aus dem Sack gefressen.


58

Man muß den Todten doch, wie lieb er sei, begraben;
Das Leben kann den Tod bei sich im Haus nicht haben.


59

Der Krüger selber trinkt aus einem alten Krug;
Denn jeden neuen, den er macht, verkauft er klug.


60

Wer sich an heißer Milch einmal verbrannt die Nasen,
Wird auch die Buttermilch, eh' er sie trinket, blasen.


61

Du sahst die Schlang' einmal, und dein besorgter Blick
Sieht nun die Schlang' am Weg in jedem alten Strick.


62

Man kann, was man gestand, nicht leugnen hinterher;
Die Nuß ist aus der Schal', und geht hinein nicht mehr.


63

Das Kätzchen buckelt sich, und will Kamelchen seyn;
Wenn mans beladen will, zieht es den Buckel ein.


64

„Herr Strauß, wenn ein Kamel du bist, so trage mir!“
Ich bin ein Vogel. „Flieg!“ Ich bin ein Trampelthier.


65

Ich muß dem Lügenden in seinem Hause glauben,
Doch draußen muß er schon den Zweifel mir erlauben.


66

Wirfst du nach einem Hund, der hungrig ist, den Stein,
So springt er darauf zu, und denkt es sei ein Bein.


67

Ein schlechter Jagdhund ist, der vorlaut bellend scheucht
Das Wild, und athemlos dann hinterdrein ihm keucht.


68

Du hast die Spreu umsonst durchwühlt, wenn du nicht achtest
Das einz'ge Korn, das du davon als Beute brachtest.


69

Nimm die Gelegenheit vorn bei dem kurzen Haar,
Sonst beut sie hinten dir den kahlen Nacken dar.


70

Zu einem starken Pfeil gehört ein starker Bogen,
Und ohne starken Arm wird dieser nicht gezogen.


71

Der Pfeil ist gutgeschnitzt, allein nicht zugespitzt;
Mach' erst die Spitze dran, und sag' ein Pfeil ists itzt.


72

Die Schlange wendet sich und windet sich mit Drehn;
Laß ihr den Schlangengang, sie kann nicht grade gehn.


73

Der schlechte läßt sich nicht von seiner Schlechtheit treiben;
Versprich, o guter Mann, nur selber gut zu bleiben.


74

Thu's, willst du Gutes thun, und frage kein Orakel;
Des edlen Mannes Herz ist Gottes Tabernakel.


75

Der Esel stolpert gleich, wenn er geht unbeladen;
Darum belad' ihn nur, daß er nicht nehme Schaden!


76

Der Bettler hat zu Nacht im Haus kein beßres Licht
Als Mondschein — beßres hat doch auch der Reiche nicht.


77

Verachte nicht den Staub, der dir den Weg verdeckt;
Weißt du, in diesem Staub was für ein Reuter steckt!


78

Wenn überm Raube sich entzwein der Diebe Schaaren,
Dann kommt der Ehrliche zu den gestohlnen Waaren.


79

Die Schlange, wann der Tod für sie geschrieben steht,
Kommt auf den Weg heraus, wo Roß und Maulthier geht.


80

Des Schneiders Nadel, weiß sie nicht wo'naus vor Witz,
Steckt sie sich umgekehrt in ihres Meisters Sitz.


81

Zwar fromme Stiftung mag dir frommen; doch ein Licht,
Das du bedarfst im Haus, das stift' ins Bethaus nicht.


82

Du kannst die Lampe nur im Licht der Lampe sehn,
Du kannst die heil'ge Schrift nur aus ihr selbst verstehn.


83

Ein leeres Haus, worin die Menschen nicht mehr wohnen,
Wird in Besitz alsbald genommen von Dämonen.


84

Kein Reuter hat ein Schild vor des Geschickes Pfeilen;
Dem du enteilen willst, das wirst du nur ereilen.


85

Wenn dir des Schicksals Hand will fallen in die Zügel,
Wird dein arab'scher Hengst ein Esel unterm Bügel.


86

Das ist des Habichts Amt, und der Beruf der Eule,
Daß er am Tage krächz', und in der Nacht sie heule.


87

In diesem Garten hatt' ich auch einmal mein Nest;
Ich bin beim Fasten nun, die andern sind beim Fest.


88

Die Buhlin, wenn sie nun hat von den Buhlen Muße,
Und nichts mehr auf der Welt zu thun weiß, thut sie Buße.


89

Des Schicksals Griffel wollt' einmal ein Glück mir schreiben,
Da brach die Spitz' ihm ab, ich soll beim Unglück bleiben.


90

Ich hab' es selbst gesät, ich muß es selbst auch ernten,
Mir helfen nicht dazu die nahen noch entfernten.


91

Der König Aar fliegt hoch, Zaunkönig höher noch,
Der jenem, als er stieg, unter die Flügel kroch.


92

Was soll ein Vater thun, wenn ihm ein Sohn misrathen?
Der Thäter bleibt ihm lieb, wie leid ihm sind die Thaten.


93

Solang die Thoren nicht aus dieser Welt verschwinden,
Wird unter ihnen stets sein Brot ein kluger finden.


94

Von ferne hält die Hand ein kluger Mann ans Feuer,
Ein Thor steckt sie darein, und kauft die Wärme theuer.


95

Ein gutes Jahr geht früh mit gutem Frühjahr an;
Wer nichts als Knabe taugt, taugt schwerlich viel als Mann.


96

Ein Reicher in der Fremd' ist überall zu Haus,
Und fremd ein armer Mann in seinem eignen Haus.


97

Im Blick des Bettlers ist die Bitte vorgetragen;
Verstehst du nicht den Blick, was soll der Mund dir sagen?


98

Der milde Mann, wie Gott, zu spenden seine Gaben
Will keinen Grund, er will nur einen Anlaß haben.


99

Die herbe Traube thut, als sei sie schon Rosine;
Wie übel, junges Blut, steht dir die alte Miene!


100

Die Hand des Milden juckt, beständig auszuspenden,
Wie die des Diebes zuckt, stets etwas zu entwenden.


101

Der Tapfre braucht sein Schwert, der Feige seine Zunge,
Die alte Schön' ihr Geld, und ihr Gesicht die junge.


102

Wer eine Schlinge legt und keine Beere drein,
Und Vögel fangen will, muß selbst ein Gimpel seyn.


Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Sechstes Bändchen, 1839. XVI-V

1

Was ist ein Sinngedicht? Wie Mann und Weib verbunden,
Ein Zeilenpaar, das sich vereint im Reim empfunden.


2

Gewohntes wünsch' ich mir, doch mach' ich zum Bedinge,
Daß aus Gewohnheit nie Gleichgültigkeit entspringe.


3

Ich möchte mir die Gunst der Lilie gern erwerben,
Doch ohne mit der Ros' es darum zu verderben.


4

Mach dich der Wünsche leer, und andre wunschesvoll,
O Herz, so gibst du Gott und auch der Welt den Zoll.


5

Die Sinne lügen nicht, darauf mußt du vertraun;
Doch sie sind schwach, auf sie mußt du zuviel nicht baun.


6

Zur ew'gen Seligkeit kannst du dich vorbereiten
Nur wenn du steigerst stets der Seele Thätigkeiten.


7

Gemüt ist mehr als Geist, denn das Gemüt besteht
Als Wurzel, wenn der Geist wie Blütenduft vergeht.


8

Zum Hause Gottes kommt man nicht uneingeladen,
Er schickt dir halben Wegs entgegen seine Gnaden.


9

Des Schneiders Nadel, bald auf Seide, bald auf Zwillig
Sie geht, wenn nicht gleichleicht, auf beiden doch gleichwillig.


10

Der Wagen auf dem Schiff, das Schiff dann auf dem Wagen,
Sie mögen über Flut und Land sich wechselnd tragen.


11

Ich zog, um obendrauf zu thun den letzten Stein,
Den untersten hervor, da fiel der Plunder ein.


12

Ich brauche gute Waar', es ist mir einerlei,
Aus welcher Bude sie, von welchem Krämer sei.


13

Die Rose lacht im Thau, und denkt nicht an die Zähren
Des Rosenwassers, die sie wird in Glut gebären.


14

Dem armen Herzen bringt das kleinste Glück Beklemmung,
Wie dem Ameisenhaus ein Thautropf' Überschwemmung.


15

Der Weihrauch duftet nur, wo ihn die Glut verzehrt;
Leid' in Geduld, o Herz, so bist du Gottes werth.


16

Herz, wundre dich nur nicht, wenn dir dein Haus ein Stein
Zerbricht; warum hast du's gebaut aus Glas allein.


17

Der Andacht Thräne soll man nicht vom Auge wischen,
Denn nichts sosehr wie sie kann dessen Glanz erfrischen.


18

Du mußt den ersten Platz dem letzten nie einräumen,
Um Angenehmes nie Nothwendiges versäumen.


19

Nichts wie die Schmeichelei ist so gefährlich dir;
Du weißt es daß sie lügt, und dennoch glaubst du ihr.


20

Der Vogel fühlt sich frei, im Käfich aufgehangen,
Wenn an das Netz er denkt, worin er lag gefangen.


21

Ich sah vom Mond herab, da kamen alle Bäume
Von gleicher Höh mir vor, und eben alle Räume.


22

Selbst die fünf Finger sind nicht gleich an einer Hand,
Verschieden ist ihr Dienst, ihr Ansehn, Größ' und Stand.


23

Dem Müßiggänger fehlt es stets an Zeit zum Thun,
Und nie an einem Grund, warum ers lasse ruhn.


24

Wenn die Gewährung du nicht siehst im Angesicht
Des, den du bitten willst, so thu die Bitte nicht.


25

Ein Schatten im Gemüt von einem deiner Gäste
Verstört die Heiterkeit vom ganzen Hochzeitfeste.


26

Mit unverdientem Lob kannst du vielleicht beschämen,
Wen du nicht konntest mit verdientem Tadel zähmen.


27

Die rechte Freundschaft ist von hinten wie von vorne,
Nicht Ros' ins Angesicht, und hinterm Rücken Dorne.


28

Was Heil uns bringet, ist ein Unheil nicht zu nennen,
Und jedes Unheil bringt uns Heil, wenn wirs erkennen.


29

Sieh, was die Weisen thun, sieh, wie's die Thoren treiben;
Und thu das eine nach, und laß das andre bleiben.


30

Mußt du verpflichtet seyn, so sei's dem Ehrenmann;
Denn schwer ist danken dem, den man nicht ehren kann.


31

Der Beeren hangen viel an einem Traubenstiele;
Hältst du den einen Stiel, so hältst du alle viele.


32

Des Zahnwehs Heilung ist, den Zahn dir auszureißen,
Den Diener, welcher schlecht dir dienet, gehn zu heißen.


33

Man lebt nicht zweimal, und wie groß ist deren Zahl,
Die leben auf der Welt auch einmal nicht einmal!


34

Wenn du mir nahe bist, und ich nichts seh von dir,
Wollt' ich, du wärest fern, und schicktest Grüße mir!


35

Der Freund, der lang' uns ließ auf seine Ankunft hoffen,
Darf nicht gleich wieder gehn, wenn er erst eingetroffen.


36

Der Freund hat einen Strick gelegt um mein Genick,
Führt mich wohin er will in jedem Augenblick.


37

Scheu du nicht ein Geschäft, das dir kann Ruh erringen,
Und scheu' auch eines nicht, das sie kann andern bringen.


38

Gebet führt halben Wegs zum Paradies, die Stärke
Des Glaubens klopft ans Thor, das aufthun Liebeswerke.


39

Sei du der Kerze gleich, die sich in Demut putzt,
Und um so heller brennt, wenn man die Schnaup' ihr stutzt.


40

Verzage nicht, mein Herz! das Ei kann Federn kriegen,
Und aus der engen Schaal' empor zum Himmel fliegen.


41

Wir hofften schon jahrein, nun laßt jahraus uns hoffen;
Am Ende trifft es ein, was noch nicht eingetroffen.


42

Ich glaubte mich gelobt, dir danken wollt' ich schon;
Nun lobst du jeden Wicht, beschämt schleich' ich davon.


43

Grün wird vor Lust ein Blatt vom andern Blatt am Baume,
Und eine Pflaum' aus Scham roth von der andern Pflaume.


44

Was du zur Grotte rufst, das ruft dir aus der Grotte,
Und dein Orakel bist du selbst bei deinem Gotte.


45

Zum Weinen muß das Herz sich auch mit Lust aufschließen;
Solangs der Schmerz verschließt, kann nicht die Thräne fließen.


46

Dir selbst und Gott getreu, und allen Menschen gut,
Dann trage, wie du magst, Turban, Kapp' oder Hut.


47

Das Leben ist ein Raub, das Leben eine Beute;
Wer weiß, wers morgen nimmt? wers hat, genieß' es heute.


48

Wenn morgen kommt, will ich das Werk von morgen thun,
Gethan ist das von heut, nun laßt mich heute ruhn.


49

Das Gold, sobald es hat erkannt den Edelstein,
Ehrt dessen höhern Glanz, und faßt ihn dienstbar ein.


50

Der Traube Süßigkeit gib denen, die nicht lieben,
Damit nicht bitter ganz ihr Gaumen sei geblieben.


51

Von Freunden, dachten wir, sei Freundschaft zu erwarten;
Nun sehn wir, dieses Kraut wächst nicht in diesem Garten.


52

Dein eignes Leben selbst ist länger nicht dein eigen,
Sobald dein Herz du fühlst zu einem andern neigen.


53

Gib nicht zu schnell dein Wort, so brauchst du's nicht zu brechen;
Viel besser ist es, mehr zu halten als versprechen.


54

Wenn es das Glück nicht ist, so ist es doch sein Schein;
Ein Bettler steckt wol auch den falschen Groschen ein.


55

Das Glück und das Verdienst sind von ungleicher Macht:
Wer das Verdienst hat, weint, und wer das Glück hat, lacht.


56

Trifft dich des Schicksals Schlag, so mach' es wie der Ball:
Je stärker man ihn schlägt, je höher fliegt er all.


57

Schlägt dir die Hoffnung fehl, nie fehle dir das Hoffen!
Ein Thor ist zugethan, doch tausend sind noch offen.


58

Die Lamp' an einer Seit', die Kerz' ist ringsum licht;
Sei du die Lampe nur, bist du die Kerze nicht.


59

Wer Glück im Hause hat, hat außerm Hause Lust;
Wohl ist dirs in der Welt, wenn wohl in deiner Brust.


60

Wo unter einem Dach beisammen zwei entgegen
Gesetzte Winde sind, wird nie der Sturm sich legen.


61

Warum thun Buße nicht, die Buße predigen?
Weil sie sich ihrer Pflicht durchs Wort entledigen.


62

Hast du die irdischen Geschäfte schon gethan,
Daß du der himmlischen dich nimmst so eifrig an?


63

Gewinnen muß, wer nicht verloren gibt das Spiel;
Verzage nicht! es trifft der letzte Pfeil das Ziel.


64

Sei nur, wo's irgendwas zu lernen gibt, gelehrig;
Oft findet sich, was man im Schranke sucht, im Kehricht.


65

Ein Wammes, dessen Schnitt nicht deiner Wamme paßt,
Gebettelt hast du's, wo du's nicht gestohlen hast.


66

Ein Grashalm wächst nicht leicht dem Palmbaum übern Kopf;
Mißt sich ein Tropf mit dir, miß dich nicht mit dem Tropf.


67

Spricht Unvernunft, was hilfts daß da Vernunft sich zeige?
Wer unvernünftig nicht mitsprechen will, der schweige.


68

Verdiene dein Geschick, sei dankbar und bescheiden,
Und fürchte nicht den Blick von denen die's beneiden.


69

Wen das Verhängnis will in Schmach und Schande stürzen,
Den treibt es Ehr' und Ruhm der Edlen zu verkürzen.


70

Zu nah am Feuer brennt, zu fern vom Feuer friert;
Zu nah nicht noch zu fern lieb' ich den, der regiert.


71

Nur dem ist Reichthum gut, der ihn mit gutem Fleiß
Erworben hat, und ihn gut anzuwenden weiß.


72

Der Weisheit Lehren kann nur der Verständ'ge deuten,
Der Unverständige wird Irrthum draus erbeuten.


73

Wenn du willst deinen Feind demüth'gen, sei beflissen
Demüthiger zu seyn als er, und mehr zu wissen.


74

Oft durch Nachsetzung wird ein Vorzug selbst erbeutet,
Wie Mirsa Schreiber vorn, und hinten Prinz bedeutet.


75

Die Perle selber wird durchs Alter doch geringer,
Und für den Edelstein allein ist kein Bezwinger.


76

Allein ist besser als mit Schlechten im Verein,
Mit Guten im Verein ist besser als allein.


77

Lüg' einfach, und ich glaubs; doch wenn hinzu du fügst
Soviel Betheurungen, so merk' ich daß du lügst.


78

Zur Unzeit rede nicht; denn jenem Hahne drehte
Man darum ab den Hals, weil er zur Unzeit krähte.


79

Laß deine Zunge gleich der Zunge seyn der Wage;
Kind, wo sie stille steht, ist ihre beste Lage.


80

Der Taube schreit alsob taub jeder Hörer sei;
Von seiner Thorheit macht der Thor ein groß Geschrei.


81

Laß du der Klerisei den geistlich scharfen Geifer!
Dir ziemt der Glauben, Lai, und ihr der Glaubenseifer.


82

Kopfhänger, geh mir weg! wie kann den Weg mir sagen
Zum Licht, wer frei zum Licht nicht darf den Blick aufschlagen?


83

Die beste Heilart ist, vor Krankheit zu bewahren
Den Leib, und Arzenein durch Mäßigkeit zu sparen.


84

Zum Schutze gegen Gift reicht nicht gesunde Nahrung,
Im Gegengift allein ist Rettung und Verwahrung.


85

Dem Hungerleider gib ein Feld, daß er sich nähre;
Zum Danke gibt er dir vom Feld nicht eine Ähre.


86

Wo irgend Herr und Hund einander kamen fern;
Eh'r als der Herr den Hund, spürt aus der Hund den Herrn.


87

Der Vogel Leben ist durchs Fenster mir entschlüpft,
Und keine Aussicht daß herein er wieder hüpft.


88

Wenn eines wirken soll, so laß das andre ruhn;
Ein Schütz, der treffen will, muß zu ein Auge thun.


89

Des Manns Erfahrung sieht soviel in einer Ziegel,
Als Unerfahrenheit des Kinds in einem Spiegel.


90

Ob Gold und Silber gleich nicht ist in jedem Schacht,
Wird Gold und Silber doch nur aus dem Schacht gebracht.


91

Geprägtes Silber zwar dient auf dem Markt zu Preisen,
Doch es zu prägen dient ein Prägestock von Eisen.


92

Du fragst, wie auf den Baum der Apfel sei gekommen?
Ein andrer hat indeß ihn schweigend abgenommen.


93

Verschieb nicht, was du heut besorgen sollst, auf morgen,
Denn morgen findet sich was neues zu besorgen.


94

Oft hat das beste Herz zum ärgsten sich verirrt,
Wie aus dem süsten Wein der schärfste Essig wird.


95

Gehilfen such' ich, die sich auch zu helfen wissen;
Gehilfen, denen ich soll helfen, kann ich missen.


96

Der Esel isset wie der Distelfinke Distel,
Deswegen singt er doch so fein nicht durch die Fistel.


97

Wie Wind im Käfige, wie Wasser in dem Siebe,
Ist guter Rath im Ohr der Thorheit und der Liebe.


98

Selbst um ein Wort hervor zu bringen, muß die Zunge
Sich regen; willst du was vollbringen, reg dich, Junge!


99

So möcht' ich leben, daß ich hätte, wenn ich scheide,
Gelebet mir zur Lust, und andern nicht zu Leide.


100

Lern' auf die Augen thun, wenn nichts dir soll misglücken;
Und wenn dir was misfällt, lern' eines zuzudrücken.


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