Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Fünftes Bändchen, 1839. XV


1

Dis hat nicht von sich selbst der Mann am Gangastrand,
Er hats von seinem Freund im nordisch rauhen Land,

Dem dort ein Leben ist ein ärmliches beschieden,
In dem er lebt jedoch so reich und so zufrieden,

Daß, als er wandern einst auf ein'ge Tage gieng,
Er sich am ersten gleich heim an zu sehnen fieng.


2

Der Traum, darein man leicht bei träger Ruh versinkt,
Darin man dichtet, denkt, sieht, hört, spricht, ißt und trinkt,

Darin spazieren geht im abgemeßnen Raum;
Darin man wacht und schläft, und träumt im wachen Traum:

Wenn gründlich du daraus erwachen willst, laß rütteln
Vom Reisewagen dich, von Reisesorgen schütteln.

Du mußt im fremden Land die Augen offen haben,
Sonst stolperst du und fällst in jeden Straßengraben.


3

So sang ein Wandersmann, als er die Welt durchlief:
Die Berge sind zu hoch, die Thäler sind zu tief.

Die Se'en sind zu todt, die Flüsse zu lebendig,
Die Thiere sind zu dumm, die Menschen zu verständig.

Zu dunkel ist die Nacht, der Tag ist alzu hell,
Der Mondschein ist zu blaß, der Sonnenschein zu grell.

Der Himmel ist zu weit, die Erde mir zu enge;
Ich wollte, daß ich wär' am letzten meiner Gänge.


4

Die Regenwolke zieht den dürren Gau entlang,
Desselben Wegs wohin ein Wandrer nimmt den Gang.

Und wo sie heute gießt und wo sie morgen träuft,
Trifft sie den Wanderer, der nirgends ihr entläuft.

„Der Boden unter mir ist dürr, der Himmel oben
Ist trüb, und Staub und Naß hat mich zugleich bestoben.

Dann hinter mir wird grün die Flur, der Himmel helle;
Mir kommt es nicht zu gut, ich bin an andrer Stelle.

Doch einem glücklichern, der hinter mir herschreitet,
Ist neubegrünte Flur, neuklare Luft bereitet.“


5

Der letzte Stral von Gold um Berges Haupt zerrann,
Und von der Arbeit kehrt nachhaus der müde Mann.

Die Frau steht in der Thür, reicht ihm das Kind entgegen;
Das Hündlein läuft herfür und wedelt angelegen.

Verdrießen läßt sichs nicht, daß seine Liebkosungen
Der Mann nicht weiter merkt, der liebkost seinem Jungen.

Mit vollem Euter kommt die Geis; sein Kind zu nehmen,
Weil melken will die Frau, muß sich der Mann bequemen.

Die Milch am Feuer kocht, das Kindlein wird gewiegt,
Das stille Paar genießt, ihr Glück im Schlummer liegt.

O stilles Glück! daheim könnt' ich ein gleiches haben,
Und muß mich in der Fremd' am fremden Anblick laben.


6

Warum läßt Volksmundart von Frauenlippen sich
So lieblich hören, als von Männern widerlich?

Wie rein der Reinheit, ist der Schönheit alles schön;
Du hörest, auch wenn sie's nicht spräch', ein Wohlgetön,

Die Anmuth ist es, die, alswie die Landestracht,
Auch Landesart und Sprach' am Weib anmuthig macht.

Das Weib natürlich mag in der Natur verharren;
Der Mann wird, wenn ers will, zum Tölpel oder Narren.

Ein leichter Anflug nur von Mundart steht ihm gut,
Alswie ein Erdgeschmack der Reben edlem Blut.


7

Ich saß am Baum und schrieb, und weil ich stille war,
Wagte sich scheu heran ein Thierlein hie und dar.

Vorsichtig spähend schlich ein Eichhorn über'n Zaun;
Als ich die Hand erhob, wich es zurück mit Graun.

Ein Vöglein wiegte sich hoch im Gezweig und sang;
Als ich das Haupt erhob, entflatterte es bang.

Ein Schlängchen schlängelte durch Gras und Gries herbei;
Ich hob den Fuß, es floh alsob ich giftig sei.

O Mensch, Herr der Natur und Schreck, Tyrann unhuldig
Unschuld'ger Kreatur, du selber nicht unschuldig!


8

Am Hügel saß ich Nachts, und war dem Thal entronnen,
Von dem mir aufwerts klang gedämpfter Schall der Wonnen,

Der lauten Weltlichkeit, die mich von sich gescheucht,
Und selig fühlt' ich mich im Dunkel warm und feucht.

Doch über eine Schlucht zur Seit' herüber drang
Dein Schlummerröcheln, o Natur, und macht mir bang.

Ein flüsterndes Getön im Laub der alten Rüstern,
Ein düsterndes Gestöhn, Geschnaub aus welchen Nüstern?

Und die unheimlichen Nachtgeister trieben wieder
Mich zu der Welt Getös, dem ich entflohn war, nieder.

O Herz, das zwischen Welt und der Natur du schwebst,
Der einen scheu entstrebst, und vor der andern bebst!


9

Ein heiteres Gemüt ist gleich in jeder Lage,
Doch lieblich wechselnd, wie der See am schönen Tage;

Der amethysten scheint, smaragden und saffieren,
In Farben spielend, die in Farben sich verlieren.

Wie ihn die Sonn' anregt, wie ihn ein Hauch bewegt,
Ist er mit anderen Juwelen überlegt.

Nach der Verschiedenheit vom Ufer und vom Grund,
Thut dir sein flüssiges Gestein sich anders kund.

Und jedes Wellchen, das der Flut von Edelsteinen
Entsteigt, läßt auf der Stirn ein Demantflämmchen scheinen.

Doch wo des Ruders Schlag den Spiegel bricht, erfreut
Dich eine Demantsaat, verschwendrisch ausgestreut.


10

Ich stand auf einem Berg und sah die Sonn' aufgehn,
Der Berg schien inselgleich in einem Meer zu stehn.

Denn Morgennebel war durch jedes Thal ergossen,
Und alle Seen umher in Einen See zerflossen.

Was wahres Wasser sei, was bloßer Wasserdunst,
Zu unterscheiden klar vermochte keine Kunst.

Doch als die Sonne stieg, ward es von selber klar,
Was nur ein Wasserschein, was wirklich Wasser war.
Die Nebelhülle schwand, entschleiernd das Gefild,
Die Se'en spiegelten voll Glanz der Sonne Bild.


11

Es ragt ein Inselberg, der bis zu seiner Spitze
Von seinen Wurzeln auf, trägt vielverstreute Sitze,

Landbauerwohnungen, jede von ihren Schatten
Umgrünt, umringt von rind- und rehbegrasten Matten.

Den Gipfel aber krönt ein Thurm und Gotteshaus,
Rings sichtbar um den Berg von jeder Wohnung aus.

Dort oben wohnt erhöht, und Niemand fühlt sich hehrer,
In Mitten seiner Welt, ein Priester und ein Lehrer.

Von ihm aus ruft die Glock' an jedem Abhang nieder,
Am Morgen zum Geschäft, zur Ruh am Abend wieder.

Früh hören sie die Glock', und beten beim Erwachen,
Wie sie sie hören spät und Feierabend machen.

Am Festtag droben schallt der Lebenden Gebet,
Und ihre Todten ruhn dort himmelsluftumweht.

Dorthin zur Schule gehn die lernbegier'gen Kinder;
Geschwinde gehts hinauf, herunter noch geschwinder.

Doch vor der Lehr' und nach steht er auf seinem Thurm,
Mißt Wind- und Wolkenlauf, wägt Sonnenschein und Sturm.

So den Kalender stellt er seinem Völklein immer,
Es baut danach sein Feld, und Segen fehlt ihm nimmer.

Er aber, der am Tag war seines Volkes Hirte,
Wird, wann der Abend naht, den Wanderern zum Wirte.

Vom hohen Söller späht er, ob ein Gast sich nahe,
Der von ihm Speis' und Trank und nächt'ge Rast empfahe.

Und sieht er keinen nahn, so winkt er seinen Segen
Nach allen Hütten hin, und geht der Ruh zu pflegen.


12

Zwei Bäume sah ich heut, Sinnbilder von Verjüngung,
Des Abgestorbenen lebend'ge Wiederbringung.

Ein hoher Fichtenstamm, sein Haupt vom Sturm gepflückt,
Statt einer Krone nun mit mehreren geschmückt.

Denn aus der Rinde Kraft entsproßten wunderhaft
Fünf neue Fichten, schlank wie Tempelsäulenschaft.

Was, wenn der Hauptstamm blieb, nur wär' ein Ast daran,
Das war ein Stamm nun selbst mit Ästen angethan.

Und alle wuchsen so umher in einem Kranz,
Bildend ein Ganzes nur, doch jeder selber ganz;

Wie, was ein Staat einst war, nun auseinander trat
Zu einem Staatenbund, zu einem Bundesstaat.

Sodann ein Ulmenbaum, vom Alter morsch gebrochen,
Vermodert ist sein Mark, und mürbe seine Knochen.

Der Moder aber ward Stockerd' auf seinem Haupt;
Da hat sein letzter Zweig, eh ihn der Tod entlaubt,

Selbst in den Mutterschooß den Saamen so gestreut,
Daß auf sich selbst ein Baum wuchs aus sich selbst erneut.

Der abgestorben sich im Boden unten fand,
War oben Boden nun, auf dem er selbst entstand.

Und angesiedelt hat sich droben ein Gemisch
Von Kräutern und Gesträuch, Verwirrung malerisch.


13

Die alte Fabel fiel mir heute wieder bei,
Wie stärker milder Sinn als ungestümer sei;

Wie eine Wette schloß die Sonne mit dem Winde,
Wer einem Wanderer den Mantel ehr entwinde.

Da blies der Wind, da zog sein Kleid der Wandrer straffer;
Die Sonne schien hierauf, da ließ ers hangen schlaffer.

Und als sie lange schien, da zog er's endlich aus,
Und ohne Mantel kam der Wanderer nach Haus.

So hat mich unterwegs kein Räuber ausgezogen,
Doch mancher Wirth ums Geld mit Artigkeit betrogen.


14

Die Schenk' ist solch ein Ort, wo dir nichts wird geschenkt,
Und was man einschenkt, wird dir theuer eingetränkt.

In eine solche trat ich neulich auf dem Lande,
Und fand ihr Inneres in recht idyllischem Stande.

Ein Fenster offen hier, ein Fenster offen dort,
Und Mahlzeit aufgetischt an dem und jenem Ort.

Zum einen Fenster stieg herein mit mancher Henne
Der Hahn, und pickte stolz die Körner von der Tenne.

Zum andern flog herein paarweise Taub' und Tauber,
Die lasen das Gesims von allen Krümchen sauber.

Doch unter Fittigen der eingeladnen Großen
Lief mit manch Kleineres, vom Menschen sonst verstoßen:

Der Sperling und der Fink, die Ammer und die Meise,
Ein jedes haschte flink auch einen Mundvoll Speise.

Mag Hahn und Taube nun mit Kron' und Haube pralen,
Sie müssen theur das Mahl mit ihrem Leben zahlen.

Sie werden von dem Wirth wie jeder Gast gerupft,
Und nur die Bettler sind mit heiler Haut entschlupft.


15

Die Schwalb' ist eingethan in Dörfern nicht allein,
Sie wagt sich, scheuer zwar, auch in die Städt' hinein.

In größern Städten wol fliegt wilder nur und scheuer,
Kreischend ob dem Gekreisch, die Thurmschwalb' oder Steuer.

In kleinern Städten, die zur Hälfte ländlich sind,
Schwebt an der äußern Wand der Mauerschwalbe Kind.

Die Hausschwalb' aber wohnt, Rauchschwalbe heißt sie auch,
Am liebsten auf dem Dorf in stiller Hütten Rauch;

Wo sie sich abendlich versammeln auf dem Plan,
Und sich erzählen, was sie in den Häusern sahn.

Doch welche sah ich, die hoch im Gebirge schwirrten
Ums einsame Gehöft, bewohnt von armen Hirten;

Die vor der Einsamkeit nicht schienen dort zu schaudern,
Wo sie am Abend nicht mit Nachbarn können plaudern.

Sie plaudern unter sich, das Paar mit seiner Brut,
Und mit dem Hirten, wann er heimkehrt von der Hut.

Wie traulichen Verkehr hier Mensch und Vogel pflegen,
Sah ich, als beim Gehöft ich Obdach sucht' im Regen.

Die Leute waren aus, die Thür nicht zugemacht,
Kein Hund, der bellte, nur die Schwalben hielten Wacht.

Ich fand sie in der Stub', als ich hineingekommen,
Sie hatten am Gebälk der Mitte Sitz genommen.

Von hier die Thüre stand, von dort das Fenster auf,
Daß ungehemmt herein, hinaus ergieng' ihr Lauf.

Doch unbedachtsam stört' ich ihren freien Flug,
Da ich das Fenster schloß, weil naß mich fror im Zug.

Die Leute kamen dann, und fanden ausgeschlossen
Vom eingedrungnen Gast die alten Hausgenossen.

Mit Pfeifen öffnete das Fenster gleich ein Bube,
Und eine Schwalbe kam geflogen in die Stube.

Die andre folgt' ihr bald, und vom Gebälke nieder
Sprühten sie über'n Tisch ihr triefendes Gefieder.

Ich möchte wissen, ob sie hier im Winter bleiben;
Vom warmen Ofen kann sie doch kein Frost vertreiben.

Auch Nahrungslosigkeit wird hier sie nicht bekriegen;
Zum mindsten damals war die Stube voll von Fliegen.


16

Am besten würdest du in einen Koffer packen
Dich lassen, oder auch im Mantelsack einsacken,

Und so auf Reisen gehn, wenn du nicht Geld gewannst,
Zu fahren ordentlich, und nicht zu Fuß gehn kannst.

Fußgänger geht und steht, wo, wie und wann er mag;
Die Luft, die ihn durchweht, weckt seines Herzen Schlag.

Er hört und sieht und denkt, bis er ist müd geworden,
Wo er den Kopf dann hängt auch an den schönsten Borden.

Doch wer durchfliegen kann die Welt im eignen Wagen,
Der fühlt, ein ganzer Mann, vollkommenes Behagen;

Schaut vorwerts und zurück, und frei nach allen Seiten,
Und läßt wie vom Geschick sich von dem Kutscher leiten.

Weh aber dem, der, wenn Geld oder Kraft versiecht,
Um fortzukommen nur, in Postlandkutschen kriecht;

Wo mit viel andern er liegt schichtweis aufgestoppelt,
Und mit der Fracht ein Paar von dürren Mähren hoppelt.

Aussteigt er wann er soll, ein wieder wann er muß,
Und von der Fahrt ist nichts als Mühsal sein Genuß.

Vom Wege wird ihm nichts bekannt, als daß er stäubt,
Und vom Gerassel ist selbst das Gespräch betäubt.

Wie duckt er sich und ruckt, wie druckt er sich und zuckt,
Bis er durchs Fenster spuckt, oder durchs Fenster guckt.

Von Landschaft hascht er schief bald hier bald dort ein Stück,
Und bringt kein ganzes Bild davon nach Haus zurück.


17

Was du im täglichen Hinleben leicht vergissest,
Wo nicht vergissest, doch nach Würden nicht ermissest,

Das Glück der Häuslichkeit, der Deinen Lieb' und Treue;
Geh auf die Reise nur, so fühlest du's aufs neue:

Wenn dir vom Hause kommt ein Brief und Kunde giebt,
Daß alles ist gesund, und dich ins Ferne liebt;

Ein solcher Gruß, wieviel des Großen du und Schönen
Magst draußen sehn, wird erst mit innrer Lust es krönen.


18

Den Weg am Berg empor beschließt ein Gitterthor,
Nur schwankend angelehnt; ein Bettler sitzt davor.

Er bettelt nicht, gelehnt auf seinen Bettlerstab,
Der Betschnur Kügelchen betet er schweigend ab.

Er schaut nicht, sondern horcht, denn sein Gesicht ist blind,
Ob sich ein Fußtritt naht, dann hebt er sich geschwind.

Dem Wandrer öffnet er die beigelehnte Pforte;
Der Wandrer geht hindurch, und jener bleibt am Orte.

Doch gibst du ihm ein klein Almosen, sagt er drauf:
So thue Gott dir einst das Paradiesthor auf!

Doch wenn du nichts ihm gibst, so sagt er nicht ein Wort,
Und ohne Segen gehst du von dem Bettler fort.


19

Im Garten sah ich Bäum' auf eigne Art benutzt,
Die Seitenäste samt dem Wipfel weggestutzt.

Verwundert fragt' ich, was die Stümmlung soll bedeuten?
Und angegeben ward der Grund mir von den Leuten:

Nach dieser Seite fiel das Obst dem Waldbach zu,
Und oben kam allein des Vogels Flug dazu.

Was wir von Ästen hier und droben weggenommen,
Auf andern Seiten wird es uns zu Statten kommen.

Wir ziehn nicht unsern Baum zur Schönheit wild und frei;
Wir ziehn für uns das Obst, wie schief der Astwuchs sei.


20

Ich sah ein schönes Haus, reich von der Kunst geschmückt,
Der Bilder Farbenglut den Wänden aufgedrückt.

Doch war die gröste Kunst, daß sich die Kunst so breit
Nicht machte drin, um auszuschließen Wohnlichkeit.

Das ist die rechte Kunst, die, ohne Raum dem Leben
Zu nehmen, sich begnügt, ihm heitern Schmuck zu geben.

Was hilft es dem, der ganz sein Haus ließ malen an,
Wenn er vor lauter Glanz es nicht bewohnen kan?


21

Zwei Pfähle sah ich stehn, der eine weiß und blau,
Der andre gelb und schwarz, unlieblich war die Schau.

Die beiden sagen an, daß hier Landgrenze sei;
Und sagten sie es nicht, so fiel' es mir nicht bei.

Denn unverändert ganz von Ansehn und Geberde
Hüben und drüben ist der Himmel wie die Erde.

Die Berge laufen im ununterbrochnen Zug,
Und seine Wellen schlägt der Fluß, wie er sie schlug.

Hin über'n Schlagbaum ziehn die Wolken nach Gefallen,
Die Vögel dürfen auch nach Lust darüber wallen;

Die hüben Nester baun, und drüben, wenn sie wollen,
Ihr Futter holen, ohn' es irgend zu verzollen.

Nur Menschen trifft der Plack, daß sie nicht nach Geschmack
Einführen dürfen Wein von hier, von dort Taback.


22

Was sucht ihr, Reisende, in des Gebirges Schanzen?
Was, erster, suchest du? „Ich suche Stein' und Pflanzen.“

Und reichlich findest du. Was suchest du, o zweiter?
„Ansichten, Landschaften.“ Hier sind sie ernst und heiter.

Was, dritter, reisest du? „Die Reise zu beschreiben.“
Auch gut, doch könntest du wol etwas beßres treiben.

Und endlich, vierter, du ? „Ich reise zum Vergnügen.“
Warum doch sagst du das mit misvergnügten Zügen?

Mit Allem wird von selbst Vergnügen sich verbinden;
Vergnügen aber, das man sucht, ist nicht zu finden.


23

Aus Felsen springt der Quell, und Freiheit will ihm ahnen,
Das Schicksal reißt ihn schnell auf ungewählte Bahnen.

Er möchte dort hinab, doch er muß da hinunter;
Er schlingt und schlängelt sich, und spielt mit Kieseln munter.

Er sammelt sich zum See, doch seine Lust ist kurz;
Er muß aus weichem Bett zum jähen Wassersturz.

Da meint er zu versprühn, doch kurz ist auch die Qual;
Er schnaufet aus, und fließt ein stiller Fluß im Thal.

O Wandersmann am Quell, so wechselt Leid und Glück;
Das Leben rinnet schnell, und kehret nie zurück.


24

Die Zeit ist kurz, wenn voll; die Zeit, wenn leer, ist lang.
Was macht sie leer und voll? deiner Gedanken Gang.

Wenn viel du siehst und hörst, was viel dich denken macht,
So ist die Stund' entflohn rascher als du gedacht.

Wenn du nur siehst und hörst, was dir gibt kein Gefühl,
So stockt die leere Zeit im leeren Weltgewühl.

Wenn du auch gar nichts siehst und hörst, nur träumst und sinnest,
Wird kurz die Zeit indem du lange Fäden spinnest.

Doch wenn im Denken stets dich Ein Gedanke stört,
So hat des Denkens Zeitverkürzung aufgehört.

Dann geht es dir wie mir, da, was ich auch beginne
Zu denken, mir nur Ein Gedanke liegt im Sinne.

Was ist zu thun? wenn du nichts anders recht kannst denken?
Ganz in den einzigen Gedanken dich versenken.

Ich denke, daß dein Brief nun kommen muß und soll,
Und der Gedanke macht die leere Zeit mir voll.

Ich denke, daß der Brief nun kommen soll und muß,
Und vor der Thüre schon hör' ich des Boten Fuß.


25

Hoch im Gebirge lag ein stiller See, und gab
Nur einen schmalen Bach dem Fluß im Thal hinab.

Er hielt die Spalten eng, daraus sein Abfluß quoll,
Und weise Mäßigkeit erhielt ihn immer voll.

Da rief zum See hinauf der Strom mit lautem Grollen:
Warum nicht reicheren Tribut willst du mir zollen?

Anstatt in träger Ruh auf deinem Grund zu stocken,
Stürz dich in mich herab, und laß dein Bette trocken!

Der See dagegen sprach: O Strom, du bist so reich;
Soll alles Wasser denn im Thale seyn zugleich?

Mit deinen Schätzen magst du rasch und breit hinfließen;
Laß eines Spiegels auch die Einsamkeit genießen.

Du tränkest Roß und Rind, ich tränke Hirsch und Hind;
Und meine Wogen lind regt Früh- und Abendwind.

Ich würde, folgt' ich dir, trüb werden wie du bist,
Da hier mein tiefes Blau der Neid des Himmels ist.


26

Sanskrit, das einen Satz gern in Ein Wort verbindet,
Nennt, wer zu Haus ist da, wo ihn der Abend findet,

Es nennt ihn „Abendheim“ den Mann vom Bettlerorden,
Der keine Heimat hat, wie ich nun bin geworden,

Doch nicht auf Lebenszeit, dem strengen Jogi gleich,
Der arm an jedem Gut, und nur an Stolz ist reich.

Ich habe nicht wie er die Heimat aufgegeben,
Ich fühle ihren Hauch mich überall umschweben.

Ich weiß an jedem Tag, wo meine Heimat ist,
Und bin am Abend dort, o Liebe, wo du bist.


27

Ich hab' in tiefer Nacht im tiefen Thal gewacht,
Und aus dem Fenster staunt' ich an der Berge Macht.

Kein Lispel war im Thal, und in der Sterne Stral
Sahn geisterhaft herab die Häupter starr und kahl.

Da kam der Nachtluft Zug, und laut ans Ohr mir schlug
Ein Menschenruf, den sie auf lauem Fittig trug.

Wer wird es seyn? ein Hirt, der taglang unverirrt
Die Herde droben hielt, und mit ihr ruhn jetzt wird.

Er thut aus voller Brust noch diesen Schrei der Lust,
Und in der Einsamkeit bleibt er sich sein bewust.

Empor zum Himmel steigt, wenn rings die Öde schweigt,
Der Ruf des Menschen, der als Herr der Welt sich zeigt.


28

Die Kirch' hat an den Weg ihr Gottesbild gestellt,
Davor anbetend, wer vorbeigeht, niederfällt.

Dahinter hat der Fürst gestellt sein eignes Bild,
Das nimmt nun seinen Theil von dem, was jenem gilt.

Denn jeder wer nun fällt vorm Gottesbilde nieder,
Zu beugen scheint er auch vorm Fürsten seine Glieder.

Ihr Fürsten, wenn ihr wollt geehret euern Thron,
Verbünden müßt ihr euch mit der Religion.


29

Ein Gottesbild am Weg; andächtig hin wird treten
Der Wanderer, und eh er weiter wandert, beten.

Ein zweites Bild, er wird auch Andacht ihm bezeugen!
Ein drittes, und er wird villeicht ein Knie noch beugen.

Ein viertes, und er wird das Haupt noch flüchtig bücken;
Ein fünftes, und er wird den Hut nachlässig rücken.

Und wenn ihr immer mehr und immer wieder kehrt,
Geht er zuletzt vorbei, und läßt euch ungeehrt.


30

Dir wünsch' ich, Wanderer des Weges und des Lebens,
Befriedigung der Lust, und Lust des Weiterstrebens,

Den Himmel blau und rein, die Lüfte gleichgewägt,
Und soviel Sonnenschein als nur dein Aug' erträgt,

Und soviel Regen nur, daß über Nacht erlischt
Der Staub, und Wald und Flur dir lächelt neu erfrischt.


31

Ein schöner Garten lag am Weg, ich stand davor;
Die Mauer war zu hoch, und eng das Gitterthor.

Nur soviel kann ich sehn als meine Neugier reizt,
Anstatt befriedigt. Weh dem Reichen, der so geizt!

Wenn Eintritt mit dem Blick nicht einmal den Beschauern
Du gönnest, solltest du den Garten ganz vermauern.


32

Ich sah auf einer Trift zusammen Roß und Rind,
Gemischt, wie Ritterschaft und bäurisches Gesind.

Die Rinder hatten nicht Roßadel angenommen,
Zu Rindes Ansehn war das edle Roß gekommen.

Wo irgend hohes sich und niedres will anneigen,
Wird Hohes ehr herab als Niedres aufwerts steigen.


33

Soviel in eurer Art ist einfach, uranfänglich;
Warum? nur weil ihr seid der Bildung unempfänglich.

Wenn unempfänglich nicht, der Bildung doch nicht werth;
Ihr seid so wahr wenn roh, so falsch wenn aufgeklärt.

Euch scheinet ganz und gar versagt die rechte Mitte,
Die Roheit abzuthun ohn' abzuthun die Sitte.


34

Ich fuhr den See hinab und wollt' ihn recht beschaun,
Ich fieng vom Nächsten an, dem Schiffermädchen braun,

Das gegenüber saß, den Blick mir zugewendet;
Ins Auge sah ich ihr, und war davon verblendet.

Und als ich anderer Aussichten noch genossen
Als der auf ihr Gesicht, war meine Fahrt geschlossen.


35

Weil du irrgiengest, weil du dich irrführen ließest,
Kamst du an beßres Ziel als du dir selbst verhießest.

Das ist recht schön vom Glück, das ist von Gott recht gut,
Dem Herrn, auf des Geheiß die Magd solch Wunder thut.

Sei dafür dankbar nur! doch wär' es hinterrücks,
Wenn du mit Fleiß irrgiengst in Hoffnung gleichen Glücks.


36

Der Regen geht herab in Strömen, landerquickend;
Wie oft erflehtest du daheim ihn, aufwertsblickend!

Im fremden Lande nun verwünschest du den Segen,
Weil er dem Wanderer zum Koth wird auf den Wegen.

Du hast für die Natur und alle Kreatur
Ein menschlich Mitgefühl in deinem Kreise nur.


37

Es steht ein Fels am Weg, gehst du an ihm vorbei,
So fällt dir gar nicht ein, daß er was andres sei;

Doch bist du nun vorbei, und wendest dich zurück,
So zeigt ein menschliches Gesicht das Felsenstück.

Ist es mit manchen Herrn wie mit dem Felsen nicht?
Sie haben nur von fern ein Menschenangesicht.


38

Ich gieng, die Gegenden zu sehn, die auch mich freuten;
Doch mehr als ich gedacht, labt' ich mich an den Leuten.

Die mächtige Natur tritt in den Hintergrund
Vor den Bewohnern schön, treu, tüchtig, kerngesund.

Das Landschaftbild ist nicht die höchste Malerei;
Ich weiß nun, daß der Mensch das Kunstwerk Gottes sei.


39

„Du sahst die Leute nur, gestehs, von einer Seite,
Der guten; sieh genau, so zeigt sich bald die zweite.“

Mag seyn! doch war ich froh, daß sie die gute hatten;
Von selber freilich ist bei jedem Lichte Schatten.

Doch selber das beweist des Lichtes Stärke ja,
Daß ich vor seinem Glanz die Schatten übersah.


40

O Held, du bist im Kampf fürs Vaterland gefallen,
Drum steht dein Bild mit Recht hier in des Tempels Hallen.

Verrathen hat man dich, geopfert dich im Leben;
Zur Sühnung mußte man dich so im Tod erheben.

Heil dir! wie hochgeehrt du könntest stehn auf Erden,
Zum Heil'gen konntest du doch nur als Märtrer werden.


41

Lebt oder starb der Mann, der den Verrath begieng,
Wodurch des Feindes Macht den theuern Helden fieng?

„Er lebt.“ Gelobt sei Gott, daß er noch büßen kann,
Was er am Vaterland verbrach und an dem Mann.

Ist er reich oder arm? „reich!“ ihm o desto schlimmer,
Zur Reue wird er spät gelangen oder nimmer.

Doch hat er Kinder? „Nein!“ Nun gut, so mag er sterben,
Ohn' auf Unschuldige den Schuldfluch zu vererben.


42

Die Minnesingerharf', an der von allen Saiten
Nur eine ganz blieb als ein Nachhall schönrer Zeiten,

Hab' ich auf Schloß Ambras gesehn, indem ich dachte,
Wie soviel Herrlichkeit die Zeit zu Schanden machte.

Das Schloß, wo Ferdinand wohnte mit Philippinen,
Muß zur Kaserne jetzt welschen Soldaten dienen.


43

Hier steht das Schlößlein noch, von dessen Hochaltan
Aufs Innthal niedersah Held Maximilian.

Hier steht der Steintisch noch, wo er hielt in der Hand
Den Humpen, eh er sich verstieg zur Martinswand.

Hier ist noch farbenhell zu sehn der Baldachin,
Wo zu Gericht er saß; wo ist er selber hin?


44

Ein eigner Anblick ists, im sommerlichen Thal
Die nackten Schnitter sehn, gebräunt vom heißen Stral,

Und drüber hoch herein der Alpe Schneefeld hangen,
So nah, daß man es meint mit Händen zu erlangen.

Es schmilzt nicht von der Glut, und bleibt dort ewig kühl,
Doch kühlt sein Anblick nicht, und macht hier doppelt schwül.


45

Ich will nicht wohnen an der Wasserfälle Brausen,
Noch wohnen an der schneebedeckten Berge Grausen.

Das Alles will ich im Vorübergehn besehn,
Doch meine Wohnung soll in stillen Schatten stehn.

Denn wol die Seele schwellt Erhabenheit mit Schauer,
Doch Anmuth nur gefällt und freut auf längre Dauer.


46

Du kannst nicht äußerlich die ganze Welt umfassen,
An innrer Ganzheit mußt du dir genügen lassen.

Die Welt ist überal ein ganzer Gottesglanz,
Wo sie der Liebe Stral verschlingt um dich zum Glanz.

Da ist das Kleine groß, und nicht das Große bloß,
Da siehst du Groß und Klein die Welt in Gottes Schooß.


47

Wer immer Schönes sieht, muß selber schön auch werden,
An Seelenmienen schön und geistigen Geberden.

Und wo die Schönheit erst geworden innerlich,
Da tritt sie auch hervor und zeigt im Äußern sich.

Ein Engelmaler kann des eignen Leibes Mängel
Nicht überwinden, doch zeugt Kinder schön wie Engel.


48

Sieh, alles was dich sonst geärgert hat zu Haus,
Wie söhnest du damit dich nun auf Reisen aus!

Wie ärgerte dich sonst ein grauer Regentag,
Wo mit den Blumen matt der Geist danieder lag.

Nun freut ein solcher dich, an dem du still einmal
Darfst liegen, und nicht mußt durchschweifen Berg und Thal.


49

„Was hast du nun im Brief für Neuigkeit erhalten?“
Gar kein' als daß daheim noch alles ist beim Alten.

Und weiter wünsch' ich nichts, als daß dort alles bleibe
Beim Alten, außer dem was Neues heim ich schreibe.


50

So sang ein Wandersmann im baumlosen Gefild,
Gelagert unterm Stamm von einem Gottesbild:

Wo nichts mir Obdach gibt, gibst Obdach du und Schatten;
Erquicktest du mich nicht, müßt' ich im Brand ermatten.


51

Vergißmeinnicht, du blühst an fremden Baches Bord,
Und flüsterst mir auch hier: Vergißmeinnicht! dein Wort.

Sag' an, Vergißmeinnicht, durch deinen Mund wer spricht?
Die Liebe, die nie dein vergißt, vergiß ihr nicht!


52

Des Berges Haupt ist kahl, doch fruchtbar ist sein Fuß;
Der Bach war oben schmal, breit unten ist der Fluß.

Des tröste dich, wenn du dich senken mußt statt heben;
Jemehr es abwerts geht, je reicher wird das Leben.


53

Ich sah am Abende des Mondes wachsend Horn,
Der, seit ich wanderte, sich hatte neu geborn;

Und sprach: die Sonne hat mir manchen Tag gelacht,
Nun tröstet auch der Mond den Wandrer in der Nacht.


54

Wenn immer Aussicht wär' auf malerische Höhn,
Sähst du, o Wandrer, nie die Blum' am Wege schön.

Wo Großes vor dir steht, da mußt du es betrachten;
Und wo das Große fehlt, lernst du auf Kleines achten.


55

Hold ist nur die Natur, wo sie die Huld bezwang,
Wo sie der Menschengeist mit Liebeshauch durchdrang.

Hier aber seh' ich sie noch unbezwungen frei,
Und fühle, daß sie so nicht meine Freundin sei.


56

Wo nicht als Ackersmann, als Fischer oder Jäger
Der Mensch sich nähren kann, wird er der Künste Pfleger.

Er drechselt, boßelt, schnitzt, macht Flöt' und Flötenuhr,
Und reiche Kunst entspringt aus dürftiger Natur.


57

Die Kunst — das können wir in Kunstgeschichten lesen —
Bescheidnes Handwerk ist sie im Beginn gewesen.

Nun kehrt die Kunst, die sich so vornehm macht und breit,
Zum Handwerk wieder, doch nicht zur Bescheidenheit.


58

Ehr' hat ihr Ungemach; oft ziehn muß seinen Hut
Ein Mann, dem jedermann des Grüßens Ehr' anthut.

Ein solcher, wenn er fein will danken allen Grüßen,
Wird einen neuen Hut des Jahrs mehr haben müßen.


59

Die Reis' in fremdes Land ist dazu gut vor allen,
Daß du kannst deinen Stand ausziehen nach Gefallen.

Dir, wo du unbekannt, im Volksgetümmel schwimmst,
Nimmt Niemand übel, was du dir nicht übel nimmst.


60

Kein Held, wer durch die Flucht Versuchungen entgeht;
Ein Held ist, wer, versucht, der Lockung widersteht.

Doch ist das ein garsehr gefärlich Heldenthum;
Such du die Sicherheit, und nicht den Heldenruhm.


61

Stets unterhaltend ist die Reise für den Mann;
Bald ziehn die Gegenden, bald dich die Menschen an.

Und wo anziehend nicht der Mensch ist noch die Gegend,
Gehst du Gespräch mit dir und fernen Lieben pflegend.


62

Erst freust du dich hinaus, dann freust du dich zurück;
Nun freue dich zuhaus! die Reise, welch ein Glück.

Lang freutest du dich vor, und freust dich lange nach;
Was thuts, wenn unterwegs einmal die Lust gebrach?


63

Nicht in der Einsamkeit bist du allein; es spricht
Dir Vogel, Wald und Strom, zwar was? verstehst du nicht,

Doch kannst du wie du willst nach deinem Sinn es deuten,
Nicht aber das Gespräch von widerwärtigen Leuten.


64

Die freie Herde springt vorm Hirten läutend her;
Ein einzig Zicklein führt am rothen Bändchen er.

Ist es sein Liebstes, das nie seinem Band entweicht?
Ist es das störrische? Beides zugleich villeicht.


65

O Wandrer im Gebirg, hier beides findest du,
Des Steins Anstoß am Fuß, des Steinchens Druck im Schuh.

Doch laß dich nur den Druck, den Anstoß dich nicht kümmern,
Und schreite wohlgemut hin ob der Welt in Trümmern.


66

Das Wetter wechselt, und es wechseln Menschenkaunen,
Die Landschaft wechselt auch; was ist da groß zu staunen,

O Wanderer, wenn du bist dreifach launenhaft,
Nach der Natur, der Reis' und deiner Eigenschaft!


67

Süß muß es Schwachen seyn, des starken Feinds zu spotten,
Wie um die Eule schreyn am Tage Krähenrotten.

Die fromme Schwalbe sticht im Flug auf eine Katze,
Lustkreischend, daß umsonst sie streckt nach ihr die Tatze.


68

An heil'ger Berge Fuß zu wohnen mag erheben,
Auf Andachtflügeln wird der Geist sie überschweben.

Doch ungeheiligte vom Glauben drücken nur,
Und lieber wohn' ich fern davon auf offner Flur.


69

Die Pflanzen lieb' ich, die im Blühn und Welken gleichen
Den Menschen, aber schön und lieblich sind als Leichen.

Dem Leben widerig ist jede Todesspur,
Und malerisch ein Baum ein abgestorbner nur.


70

Des Kunstwerks Kunst ist nur fürs Künstlerauge da,
Unsichtbar aber ist sie auch dem Laien nah,

Die so für ihn den Reiz des Gegenstands verstärkt,
Daß er den Zauber auch, ohn' ihn zu kennen, merkt.


71

Des Menschen Glaube prägt in seinem Thun sich aus,
Formt seine Züg' und blickt ihm zu dem Aug' heraus.

Sein Glaub' ist es der ihn aufrichtet oder bückt,
Zum Himmel ihn erhebt, zum Boden niederdrückt.


72

Bist du im fremden Land, so mußt du dich bequemen
Der Landesart, doch brauchst du sie nicht anzunehmen.

Und in der Heimat sei einst dieses dein Gewinn:
Trag Andrer Sinnesart, und bleib bei deinem Sinn.


73

Im Sonnenschein mußt du mit dir den Mantel tragen,
Wenn du ihn haben willst im Regen umzuschlagen.

Villeicht trägst du ihn mit als unnütz Hindernis;
Doch laß ihn nur zu Haus, so fehlt er dir gewis.


74

Du Überschrift am Weg sagst: „Hemme deinen Gang,
O Wanderer, und lis!“ Allein du bist zu lang.

Sei kurz, o Überschrift! so bleib' ich gerne stehn;
Doch du bist länger als der Weg, den ich muß gehn.


75

Hinaus aus dieser Schluft, aus dieser Kluft hinaus!
Daraus hinaus verlangt selbst wer drin ist zu Haus.

Daraus hinaus verlangt des Wildbachs lauter Braus:
Hinaus aus dieser Schluft, aus dieser Kluft hinaus!

76

Ein weites Zimmer macht weit die Gedankenwelt,
Ein schönes helles hat den Sinn verschönt, erhellt.

Da kann kein Filosof ein dumpf System erbau'n,
Und kein Poet darin trübsel'ge Verse brau'n.


77

Du Bollwerk der Natur, Gebirg von Gott gegründet,
Von jedem Wandrer sei dein Ruhm der Welt verkündet!

Auch ich hab' angestaunt die Schanzen und Basteien,
Und freue mich, daß ich nun wieder bin im Freien.


78

Was hilft es, daß du dir die fremden Weg' einprägtest?
Du gehst sie doch nie mehr, wann du zurück sie legtest.


79

Auch dis muß seyn erlebt, auch dis muß seyn ergangen,
Um dann im Leben nie danach mehr zu verlangen.


80

Wenn dir's an jedem Ort, o Wandersmann, gefiele,
So bliebst du liegen dort und kämest nie zum Ziele.


81

Der Meilenzeiger kann dir zeigen wol die Meilen;
Die Kräfte sie zu gehn kann er dir nicht ertheilen.


82

Die Qual ist bei der Wahl; viel Wege breit und schmal,
Gehn darfst du jeden, doch nur einen auf einmal.


83

Selbst deine Uhr geräth in Unordnung auf Reisen;
Sie fühlt sich, wie du selbst, gerückt aus ihren Kreisen.


84

Zwei Schlechte geben oft ein Gutes im Verein,
Ein leidliches Getränk schlecht Wasser, schlechter Wein.


85

Wer fällt, steht wieder auf; deswegen nimmt im Wallen
Sich doch kein Kluger vor, um aufzustehn, zu fallen.


86

Weltweisheit ist die Kunst, die schlecht sich auf Weltweise
Versteht; Weltklugheit ist weit nützlicher zur Reise.


87

Was thut's wenn dich die Welt um weltlich Gut betrog,
Wenn sie dir nur das Kleid des Gleichmuths nicht auszog.


88

Wer dich betrog, der wird dich obendrein auslachen;
Doch nur getrost! du mußt dir auch aus dem nichts machen.


89

Daheim, o Wandrer, magst du allen Liebe tragen,
Doch in der Fremde gilts dich rüstig durchzuschlagen.


90

Begnügsamkeit ist doch des Menschen gröstes Glück;
Wie freut den Armen ein geschenktes Groschenstück!


91

Ganz in Vollkommenheit siehst du kein Ding erglänzen;
Warum? damit dein Geist hab' etwas zu ergänzen.


92

Die Welt ist ungetreu, die Menschen, die Natur,
Treu bin ich selbst mir nicht, getreu bist du mir nur.


93

Blick' in die Welt hinaus, und sieh, viel andre Räder
Erhalten sie im Gang, als deine Schreibefeder.


94

Nicht nur erkennen, wie gering du seist, mußt du;
Du mußt zufrieden auch und freudig seyn dazu.


95

Was man zum Guten wie zum Bösen deuten kan,
Nimm, sei's zum Bösen auch gemeint, zum Guten an.


96

Erfahren muß man stets, Erfahrung wird nie enden,
Und endlich fehlt die Zeit, Erfahrnes anzuwenden.


97

Thu nur als wissest du, um dir die Scham zu sparen,
Was du nicht weißt; und so wirst du es nie erfahren.


98

Ein Heimchen schwirrt, und macht den Wanderer gedenken
Der Heimat; so vermag den Sinn ein Klang zu lenken.


99

Was ist an Fluren schön? was schön ist auch am Leben:
Beschränkung reizende und Aussicht zum Erheben.


100

In Hellas wuchs die Kunst, vom Sinn des Volks gefordert,
Die wachsen soll bei uns, vom Herrscherwort beordert.


101

Der Fluß bleibt trüb, der nicht durch einen See gegangen,
Das Herz unlauter, das nicht durch ein Weh gegangen.


102

Den Fluß nach Regenguß trüb gehn sehn, ist natürlich;
Doch geht er immer trüb, so find' ichs ungebürlich.


103

Ein nochso schöner Fluß, darauf nicht Schiffe gehn,
Ist wie ein Ackerfeld, wo keine Saaten stehn.


104

Fruchtbäume wird man nicht im wilden Wald erwarten,
Dagegen ärgern mich Waldbäum' im Küchengarten.


105

Ich kann nicht essen, wenn ich andre hungern sehe;
An Hunden ärgerts mich, an Menschen thut mirs wehe.


106

Der gelbe Wein ist Gold, der rothe Wein ist Blut;
Dem Golde bin ich hold, dem Blute bin ich gut.


107

Wie mit dem Eignen sich der Eigner muß begnügen,
So muß ein Fremder auch sich in das Fremde fügen.


108

O Wanderer am Bach, geh nur dem Wasser nach,
Es führet sicher dich zu Menschendach und Fach.


109

Der Baum, der Früchte trägt, trägt eine schöne Last;
Nie fehlt ihm Gab' und Lab', und ein dankbarer Gast.


110

Sei selbst ein Mann, wo nicht, such' eines Mannes Schutz!
Den Stamm des Baumes macht die Ranke sich zu Nutz.


111

Noth ist die Wage, die des Freundes Werth erklärt,
Noth ist der Prüfstein auch von deinem eignen Werth.


112

Und wenn sie wie das Korn dich in den Boden traten,
So gehst du auf wie es, und wirst zu grünen Saaten.


113

Die Vogelscheuche, die den scheuen scheucht, wird reizen
Den kühnen Vogel, dem sie sagt, reif sei der Weizen.


114

Zur Weggenossenschaft gehören beide Gaben,
Nicht blos ein gleiches Ziel, auch gleichen Schritt zu haben.


115

Die schwarze Wolke trübt des Himmels reines Blau,
Weil sie erfrischen will das welke Grün der Au.


116

Der Hunger schläft im Zahn, bis ihn die Speise weckt;
Versuch es und beiß an, so schmeckst du, daß es schmeckt.


117

Der Anker hält den Kahn, und läßt ihn nicht versinken,
Und hält an ihm sich an, um selbst nicht zu ertrinken.


118

Die Birnen fallen hart vom hohen Zweig zur Erde;
Wenn du zu Fuße gehst, so fällst du nicht vom Pferde.


119

Ein Bettler geht nie irr, er geht an jedem Ort
Seinem Geschäfte nach, und bettelt hier und dort.


120

Wen du arbeiten siehst, dem beut du selbst den Gruß;
Nicht bieten kann er ihn, weil er arbeiten muß.


121

Die Blüte trägt sich leicht, viel leichter als die Frucht;
O schlanker Frühlingsaft, wie beugt dich Herbsteswucht!


122

Wer hin die Hälfte gab, verliert das Ganze nicht;
Der Baum wirft Äpfel ab, damit der Ast nicht bricht.


123

Die Wasser rauschen hin wie Weltbegebenheiten,
Und ihres Rauschens Grund sind Erdunebenheiten.


124

Der hohe Thurm erscheint am Fuß der Berge klein;
Und stünd' er oben drauf, würd' er noch kleiner seyn.


125

Leicht schenkst du hin, was schwer dir nicht ward zu gewinnen;
Die Wolke schöpft vom Meer, und läßts zur Erde rinnen.


126

Zu Hause bin ich nicht, wo meine Heimat ist;
Da ist die Heimat mein, wo du zu Hause bist.


127

Du kannst mit einem Schlag ins Wasser zwar es theilen,
Doch wirds im Augenblick wieder zusammen eilen.


128

Was nur vom Himmel kommt in gut und schlechten Tagen,
Schnee, Regen, Sonnenschein, das muß die Erd' ertragen.


129

Im Reisfeld steht der Reis bis an den Hals im Wasser,
Alswie der Baur im Schweiß, im Überfluß der Prasser.


130

Der Ochs vorm Pflug einher, und hinterm Pflug der Bauer,
Dem einen wird es schwer, dem andern schwer und sauer.


131

Der Bauer hat die Noth, der Ochse hat die Plage;
Der Bauer schreit ums Brot, der Ochs' hat keine Klage.


132

Herr Hunger legt das Fett auf einen magern Bissen,
Und auf ein hartes Bett Frau Müdigkeit das Kissen.


133

Im Wasser liegt der Stein, und wird davon nicht weich;
Ein Thor nimmt Weisheit an, und bleibt sich selber gleich.


134

Siehst du das Taucherlein, wie flink es untertaucht?
Gewis am Grund des Sees ist etwas, das es braucht.


135

Wo ein Volkshaufen ist, da ist von Staub die Wolke;
Willst du im Staub nicht gehn, so geh nicht mit dem Volke.


136

Wer immer Anspruch macht auf das was nicht beschieden
Ihm ward, ist mit der Welt beständig unzufrieden.


137

Des Menschen Bös und Guts liegt nicht an Stand und Lage,
Kommt nicht dadurch zu Stand, doch kommts dadurch zu Tage.


138

Mein Reisethier ist müd' und weiter kann ich nicht.
Aufblickt' ich und mir lag die Herberg' im Gesicht.


139

Am Ende siehts ein Thor, ein klügrer in der Mitte,
Und nur der Weise sieht das Ziel beim ersten Schritte.


140

Wie anfangs man geirrt, das findet man am Ende;
O daß ichs wenigstens auf halbem Wege fände!


141

Der Berg, der sich im Licht ewig zu sonnen glaubt,
Die Schatten wachsen doch ihm Abends übers Haupt.


142

Du mußt nicht auf den Leib zu nah den Bergen gehn,
Sie sind im Duft der Fern' am schönsten anzusehn,


143

Der Berg, von vorne steil, wird hinten leicht erklommen;
Nichts ist so schwer, es gibt Mittel ihm beizukommen.


144

Nicht Großes nur ist groß, nicht Kleines nur ist klein;
Nicht die Gestalt ist es, nur der Gedank' allein.


145

Du fragst, was von der Reis' ich dir mit heim gebracht?
Gedanken, die ich mir hab' unterwegs gemacht.


146

Vergessen wird, wie was man sieht, auch was man denkt;
Doch zum Andenken sei dies Büchlein dir geschenkt.


<<< Inhalt home >>>