Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Fünftes Bändchen, 1839. XIV


1

Als das Kamel von Gott sich Hörner wollt' erbitten,
Wurden ihm noch dazu die Ohren abgeschnitten;

Wie seines eignen Schmucks Beraubung mancher litt,
Weil ungenügsam er um fremden Vorzug stritt.

Sieh deines Thieres Kopf, o Treiber des Kamehles!
Beim Ohre das ihm fehlt, gedenke deines Fehles!


2

Du ruhst, mit deiner Lust am Stande der Natur,
Doch nicht auf diesem Stand, doch auf dem Staate nur.

Du würdest, einsam wie du bist, mit allen Listen,
Mit allen Kräften, nicht dein nacktes Daseyn fristen.

Dich in Gedanken gar des Himmels zu ergehn,
Das würd' im ew'gen Furcht- und Nothstand dir vergehn.

Drum danke Gott, daß so die Welt ist eingerichtet,
Daß sie zu Gute kommt auch dem der drauf verzichtet;

Daß der Bedürfnisse Verband nur läßt entsprießen
Bedürfnislosigkeit und göttliches Genießen.


3

Die Eigenheit, die dir am fremden oft gereicht
Zum Ärgernisse, freut am Freunde dich villeicht.

Drum suche Freunde nur aus Fremden zu gewinnen,
Damit die Ärgerniss' in Freuden dir zerrinnen.


4

Wer unbedingt dich lobt, der lobt dich wirklich nicht,
Weil, wo Begränzung fehlt, auch der Gehalt gebricht.

Der lobt dich, wer bedingt dich lobt im Gegensatz,
Anweisend unter viel Gelobten deinen Platz.


5

Entweder überstreng an andern magst du schelten
Den Flecken, um dadurch nur selber rein zu gelten;

Oder entschuldigen zu nachsichtvoll die Schwächen
Der andern, daß sie nur dir selbst den Stab nicht brechen:

Du hast in jedem Fall zum Fehler dich bekannt,
Dort weil du ihn zu groß, hier weil zu klein genannt.

Magst du ihn schweigend dort ableugnen, hier einräumen,
In jedem Fall wirst du zu bessern ihn versäumen.


6

Aufs Unglück sei gefaßt, denn morgen kann es kommen,
Gefaßt wie auf den Gast, der seyn will aufgenommen.

Doch wie es kommen kann, so kanns auch außenbleiben,
Und niemal sollst du selbst dein Ungemach betreiben.

Sei nur darauf gefaßt, nie sei darum beklommen,
Mag nun der leid'ge Gast ausbleiben oder kommen.


7

Aus dem Talmud.

1.

Des Menschen Sprecher sind sein Beutel und sein Becher;
Der spricht: mild oder karg, der: nüchtern oder Zecher.

Der kleine Becher zeugt von großer Mäßigkeit,
Der enge Beutel sagt: das Sparen geht zu weit.

2.

Sieh, welchen Weg du gehst! Zwei Wege stehn dir offen;
Im guten kannst du auf des Himmels Beistand hoffen.

Im Bösen stellt er dir kein Hindernis entgegen,
Doch fragt von Zeit zu Zeit: Gehst du auf guten Wegen?

3.

Von Gott kommt alles dir, Mensch, nur die Liebe nicht,
Die aus dir selber kommt und sucht sein Angesicht.

4.

Wer seinen Freund beschämt, hat Menschenblut vergossen,
Das Blut, das sein Gesicht schamröthend überflossen.

5.

Wer das für andere von Gott erfleht, was er
Selbst nöthig hat, dem gibt Gott selber es vorher.

6.

Was du versprichst, das halt! Gebrochenes Versprechen
Ist kein gethan's, doch ein gesprochenes Verbrechen.

7.

Der Reisevorrath ist gering und weit die Reise;
Sprach, als er sich zum Tod bereitete, der Weise,

Und fand, daß Alles was er hier gestrebt im Leben,
Ihm wenig Förderung für Jenseits konnte geben.

8.

Der erst auf vieren gieng, bis er gelernt auf zweien
Zu gehn, und gieng darauf, bis gehn er mußt' auf dreien.

Dem alten Räthsel füg' ich dieses bei: die zwei
Gehn besser als die vier, viel besser als die drei.

9.

Wo leer zur Essenszeit im Hause sind die Töpfe,
Die werfen Mann und Frau einander an die Köpfe.

Zum Vorwurf macht sie Mann der Frau, und Frau dem Mann;
Mit Hader sind gefüllt die leeren Töpfe dann.

10.

Drei Menschen auf einmal verdirbt Verläumdungs-Gift!
Den der sie spricht, den der sie hört, den so sie trifft.

11.

Auf gleicher Stufe wer nicht freien kann, frei' immer
Um eine tiefer nur, um eine höher nimmer.

12.

Was du hier Gutes thust, das ist dort angelegt
Als Kapital, das hier dir nur die Zinsen trägt.

Und sollt' es Zinsen dir in einer Zeit nicht tragen,
So werden sie dir nur zum Kapital geschlagen.

13.

Wenn du dem Bösen Rast einmal gegeben hast,
Am Ende wirft den Wirth zum Haus hinaus der Gast.

14.

Das Feuer brennt nicht hell an einem Scheit allein;
Lerneifer zündet erst sich an durch Lernverein.

Jemehr das Kälbchen saugt, jemehr das Euter quillt;
Je größre Lernbegier, je lieber man sie stillt.

Vom Lehrer fieng ich an, vom Mitgelehrten fuhr
Ich fort zu lernen, aus lernt' ich vom Lehrling nur.

15.

Einst sprach ein harter Mann, von Widerwärtigkeiten
Gehärtet, diesen Spruch von zehen Härtigkeiten:

Hart ist der Berg, doch wird das Eisen ihn durchschneiden;
Hart ist das Eisen, doch das Feuer wird's geschmeiden.

Hart ist das Feur, doch wird es Wasser niederschlagen;
Hart ist das Wasser, doch die Wolke wird es tragen.

Hart ist die Wolke, doch der Wind wird sie zerstreuen;
Hart ist der Wind, doch wird der Körper ihn nicht scheuen.

Hart ist der Körper, doch wird Kummer ihn zertrümmern;
Hart ist der Kummer, doch der Wein wird ihn entkümmern.

Hart ist der Wein, es wird ihn doch der Schlaf begraben;
O harter Schlaf, den wir hier auszuschlafen haben!

16.

Zu großes Lob gereicht wol oft zu größtem Tadel,
Wie jenem Knecht, an dem man rühmte Würd' und Adel.

Ich hätt' ihn, sprach der Herr, in meinen Dienst genommen,
Allein zu einem Knecht ist er mir zu vollkommen.

17.

Ein Reisender ist stets vor Räubern in Gefahr,
Leicht unter sich in Streit von Reisenden ein Paar.

Ein Kleeblatt Reisender hat Glück auf jedem Schritte;
Wo uneins zweie sind, den Ausschlag gibt der dritte.

18.

Auf alle Münzen, die in seinem Lande schlägt
Ein Fürst, ist immer nur das gleiche Bild geprägt.

Dagegen Gottes Kunst ist viel erfindungsreicher,
Verschieden alle prägt sein Stempel aus sein gleicher.

Du nimmst die Münze, wie der Fürst sie hat geprägt;
Nimm auch den Menschen an, der Gottes Bildnis trägt!

Du nimmst die Münze noch, wenn ihr Gepräg erlischt;
Nimm auch den Menschen, wenn das Bild ist halb verwischt!

19.

Zu einem Manne, dem sein Kind gestorben war,
An dem mit Trost umsonst sich mühte Freundeschaar,

Sprach einer so zuletzt: Ein König hatte, laut
Glaubwürd'ger Kunde, zur Verwahrung anvertraut

Ein Kleinod einem Mann, und ihm für alle Stunden
Aufmerksamkeit darauf die strengste eingebunden;

Daß es verdorben ihm nicht werde noch beschädigt,
Bis der Verantwortung die Rückgab' ihn erledigt.

Da hatte vor Verlust, vor Schaden und Gefahren
Er Sorgen Tag und Nacht das Kleinod zu bewahren.

Und als der Eigner kam, und fordert' es zurück,
Gab er mit Freuden es und hielt es für ein Glück.

So bist gewesen du auch eines Kindes Hüter,
Des theuersten von Gott uns anvertrauter Güter.

Und daß du unversehrt das Gut nun gabst zurück,
Halt es für Unglück nicht, hältst du's auch nicht für Glück.

20.

Nachrede böse mag leicht Freundesbund vergiften,
Zurede gute schwer Feindesversöhnung stiften.

Dort brauchst du einem nur vom andern zuzutragen,
Was er, wenn nicht gesagt, doch hätte können sagen.

Hier wechselweise mußt du jeden jedem zeigen
Geneigt zum Frieden, um zum Frieden ihn zu neigen.

So häufig jen's und leicht, so schwer ist dies und selten,
Doch auch verdienstlicher ist nichts in beiden Welten.

21.

Enterbe keinen Sohn, weil er gerathen minder;
Gerathen siehst du doch von ihm villeicht die Kinder.

22.

Warum hat Gott gemacht so ungleich arm und reich?
Daß Gab' und Dank erst recht sie mach' einander gleich.

23.

Wie nur im eignen Hof ein Hund zu bellen wagt,
So in der Fremde schweigt ein trotz'ger Mann verzagt.

Macht es zu Haus dich stolz, daß man dich ehrend nennt;
Geh in die Fremde nur, und sieh wer dort dich kennt!

24.

Die Jugend lernet leicht, und schwer das Alter, beten;
Mit Wasser heiß, nicht kalt, ist gut der Teig zu kneten.

25.

Wer nur für andre weiß, dem nützet nicht sein Fleiß,
Und nicht den andern nützt, wer für sich selbst nur weiß.

Drum sei du beides fein zu gleicher Zeit beflissen,
Für dich zu wissen und zu theilen mit dein Wissen.

26.

Leicht ist spät schlafen gehn, und schwer ist früh aufstehn;
Das kann nach Lust, dies nach Gewöhnung nur geschehn.

27.

Den Silberbecher nahm der Dieb aus einer Zelle,
Doch einen goldenen stellt' er an dessen Stelle.

So kehrt das Schicksal ein und raubet dir ein Glück,
Und läßt ein größeres, Ergebung, dir zurück.

Der Silberbecher hat ins Auge Lust gefunkelt,
Vom goldnen aber wird der Sonne Glanz verdunkelt.

28.

Es war ein reicher Mann, der in der Wüste Mitten
Ein Labehaus gebaut für die des Weges schritten.

Und ein Verwalter war von ihm darein gesetzt,
Der jeden Durstigen mit frischem Trunke letzt.

Und von den Wanderern die meisten dankbar priesen
Den Schenker, nicht den Herrn, ders eingeschenkt durch diesen.

Kaum einer dachte, was er jenem schuldig sei,
Und dacht' ers, so vergaß er diesen dann dabei.

Die schlimmsten waren doch, die ihren Trunk empfiengen,
Und ohne Dank für den und jenen weiter giengen.

Doch nicht der Reiche noch sein Gutsverwalter ließen
Danklose Durstige zu laben sich verdrießen.

Wer ist der reiche Mann? dort Gott der ewige,
Und sein Verwalter hier jeder Freigebige.


8

„Nicht ändern kannst du es, ergib dich in Geduld!“
So ehrst du Gottes Macht, nicht ehrst du seine Huld.

Sprich ob du dich, wenn du es könntest ändern eben,
Ergeben würdest auch? das wär' ein recht Ergeben.

Doch nun ist halb das Wort um seinen Sinn gekommen;
Denn halb nur gabest du, halb ward es dir genommen.


9

Oft durch ein Unglück wird ein großes Glück zu Theil,
Allein das Unglück selbst wird durch das Glück nicht heil.

Wie jenes Bauern Kuh das Bein beim Ackern brach
In einem Loch, darin er fand den Schatz hernach.

Da sprach die Kuh im Loch: An ist für dich gebrochen
Der Tag des Glückes, doch mein Bein hab' ich gebrochen.


10

Wer hier ein Übel thut, der thut es sich allein,
Denn für das Ganze kann es nur ein Gutes seyn.

Und nicht fürs Ganze nur ist es nothwendig gut,
Für den auch dem's geschieht, nur nicht für den der's thut.


11

Wenn dich ein Übel trifft, so denk: es ist ein kleines,
Das Opfer das du bringst für Großes Allgemeines.

Denn so gewoben ist der Welt Zusammenhang,
Geordnet so des Tongewirrs Zusammenklang.

Die Webe wächst nur, wo der Faden wird geschlagen;
Der volle Wollaut schwillt, wo einzle Flöten klagen.

Heil, wenn ein Faden nur, ein Flötenton du bist
Im großen Harmoniegeweb das ewig ist.


12

Die Seele hätte nicht des Leibs bedurft, sie hätte
Zufrieden können seyn mit freier Ätherstätte.

Allein der Seele hat bedurft der Leib zu leben;
Wie ohne Seele konnt' er sich vom Staub erheben?

Weil nun der Leib, beseelt von einer Seel', ist schön,
Dank sei der Seele, die herabkam von den Höhn!

Und mög' ein Weilchen hier zu wohnen ihr gefallen,
Bis lieber körperlos sie will im Äther wallen.


13

Das Menschlichste an uns, das Sprechen und das Denken,
Laß es entschlossen uns ins Göttliche versenken.

Die Seel' hat nicht zuvor gesprochen und gedacht,
Eh dies Bedürfnis ihr die Leiblichkeit gebracht.

Und mit der Leiblichkeit wird sie entgehn den Schranken
Verworrner Worte und verworrnerer Gedanken.

Sie wird die Wesenheit der Ding' in Gott erkennen,
Nicht mit zweideutigen Bezeichnungen benennen.

Das Denken bleibt ihr, das das Ganze ganz erkennt,
Nicht das Gestückte, das zusammensetzt und trennt.

Schon jeden Augenblick, wo du dich hier versenkest
Ins Höchste, fühlst du daß du höh'res thust als denkest.


14

Ein Regen fiel die Nacht, doch war er nicht einweichend,
Für der verlechzten Flur Bedürfnis unzureichend.

Des Wassers wäre gnug gewesen, wenn geflossen
Es wäre dahin nur, wo etwas sollte sprossen.

Allein es floß sogut auf Stein und Straßenstaub,
Auf Zaun und Mauer, als auf Garten, Gras und Laub.

Und, wenn ohn' Unterschied der Himmel also segnen
Eins wie das andre will, muß er noch einmal regnen.


15

Wer Seele mehr nicht hat, als braucht zum eignen Leben
Sein Leib, der wird davon nach außen keine geben.

Wer aber Überfluß und mehr hat als er braucht,
Der ists, der Seele wie die Rose Duft verhaucht.

Drum seelespendender als starke sind die schwachen
An Leib, die Seligen, die frei vom Leib sich machen.


16

Die Sonne selber siehst du nur durch Sonnenlicht,
So schaust du Gott durch Gott, durch andres Mittel nicht.

Die Sonne, die das Licht die Welt zu sehn, dir spendet,
Siehst du ihr Angesicht, bist du davon geblendet.

Und so im Menschengeist erlischt was in ihm denkt,
Wenn er sein Denken dreist im höchsten Geist versenkt.

Mußt du die Sonne sehn? sieh Fluren sonnerhellt;
Und willst du Gott sehn, sieh die gotterfüllte Welt.

Der Sonne echte Kraft siehst du im Schmelz der Flur,
Und Gott, den du nicht siehst, in seinen Werken nur.


17

Du fühlest, daß du hast auf Erden keine Rast,
Wo nichts in Ruhe bleibt, sich alles treibt in Hast;

Wo nichts in Ruhe bleibt, in Hast sich alles treibt;
Wer ist, der hier ein Heil dem kranken Trieb verschreibt?

Ein Heil, dem Heilung dankt das Herz, wenn es erkrankt
Vom Schwanken dieser Welt, und mit ihr schwankt und wankt?

Ein Heil, das Unruh heilt, und das die Ruh ertheilt,
Die in sich selber ruht, wo alles, alles eilt!

Die Ruhe suchest du! wo findest du die Ruh?
Wenn du dem Sturm dich ab, dich jenem kehrest zu,

Von dessen Hauch bewegt, der Sturm ist angeregt
Des Lebensmeeres, das sich nur im Hafen legt;

Der Steuer auch und Mast, und Hafen ist und Rast;
Die Ruhe hast du, wo du ihn gefunden hast.

Wie dich der Wirbel trägt, wohin er dich verschlägt,
Du fühlest ruhig dich im Gleichgewicht gewägt.

Du siehst in jedem Ding, ob wichtig ob gering,
Nur das wodurch auch es ist von der Kett' ein Ring.

Dann siehst du kleines groß, und stolzes nackt und bloß,
Und alle Kinder gleich im Einen Mutterschoß.

Willst du im Einen seyn, kehr in dir Einem ein;
Das Ein und All ist wo allein du bist allein.

Das wirrt nur und zerstreut, was Zeit und Raum dir beut;
Nur das erfreut, was sich als ew'ges Heut erneut.


18

O ew'ger Mittelpunkt des Seyns und der Gedanken,
Um den sie kreisen, und ihm können nicht entwanken!

Anweisen wollen sie dir einen Raum und Ort,
Doch du bist dort und hie, und bist nicht hie noch dort.

Du bist der Punkt, aus dem sich Kreis auf Kreis ergießt,
Du bist der Punkt, der in sich alle Kreise schließt.

Was ist der Kreis? ein Punkt der aus sich selber trat.
Was ist der Punkt? ein Kreis der keinen Umfang hat.

Darum bist du der Punkt, denn du bist umfanglos,
Und bist der Kreis, denn du umfängest Klein und Groß.

Du bist der Punkt im All, und bist der Punkt in allen,
Der Lebenspunkt, der Licht- und Schwerpunkt unserm Wallen.

Du bist in allen und die alle sind in dir,
In allen fühl' ich dich, dich fühl' ich auch in mir.

Laß meinen Lebenspunkt nicht stocken, nicht erkranken
Der Seele Lichtpunkt, noch des Herzens Schwerpunkt wanken!


19

Je Höheres du aus vom Höchsten sagen magst,
Je tiefer fühlst du daß du nichts im Grunde sagst.

Magst du's mit reichstem Schmuck der Fantasie umkleiden,
Mit feinster Sondrung auch vom Irdischen ausscheiden;

Dort machst du Geistiges zu leiblicher Erscheinung,
Und hier das vollste Ja zur leeresten Verneinung.

Was anders also kannst du thun als dich bequemen,
Jetzt dies zu setzen und es dann zurückzunehmen?

Was alles du von ihm magst sagen, daß es sei,
Es ist nicht was du sagst, doch was du fühlst dabei.


20

Solang du lebend bist, komm halte dich ans Leben,
Und laß die Todten sich ab mit den Todten geben.

Wieviele starben, doch des Lebens bleibt genug;
Wie einer abtritt, folgt ein andrer Maskenzug.

Und tritst du selber ab, so thu's mit Lust, zufrieden,
Daß du gelebt und nicht mehr leben mußt hienieden.


21

Die Tage nach dem Tag, wo du gepflanzt den Baum,
An dem du blühen siehst der Zukunft goldnen Traum,

Die Tage wünschest du, daß sie geflügelt seien,
Um nur mit einemmal zu sehn des Baums Gedeihen.

Doch geben kann dein Wunsch den Tagen keine Flügel;
Die starke Hand der Zeit führt sie am festen Zügel.

Und desto langsamer siehst du dahin sie schreiten,
Je ungeduldiger du wünschest ihr Entgleiten.

O wünsche nichts vorbei, und wünsche nichts zurück!
Nur ruhiges Gefühl der Gegenwart ist Glück.

Die Zukunft kommt von selbst, beeile nicht die Fahrt!
Sogleich Vergangenheit ist jede Gegenwart.

Du aber pflanz' ein Kraut an jedem Tag im Garten,
So kannst du jeden Tag auch eine Blüt' erwarten.


22

Den Leib, hätt' ich den Leib geliebt, mich macht' es grauen,
Den von der Seele nun verlassnen Leib zu schauen.

Die Seele liebten wir, doch weil im Leib wir blieben,
So konnten wir auch nur geleibte Seelen lieben.

Geliebte Seelen, die ihr eurem Leib entschwebtet,
Ihr lebt mir, doch ihr lebt mir anders als ihr lebtet.

Daß ich euch lieben könn', o kommt mich zu umwalten,
Ihr könnt's, in lieblichen und leiblichen Gestalten.

Laßt mich vergessen, daß ich je sah Todtenzüge!
Des Lebens Schein ist wahr, der Tod ist eine Lüge.

Was anders kann der Tod als gleich der Lüg' erblassen,
Weil von der Wahrheit er, vom Leben, ist verlassen!


23

Woher du kamest nicht, und nicht wohin du gehst,
Die Stelle kennst du nur zur Noth, wo nun du stehst.

So kennst du von der Welt, vom allgemeinen Leben,
Auch End' und Anfang nicht, nur kaum der Mitte Schweben.

Sie geht nach einem Ziel, doch scheint es zu entweichen,
Du gehst nach einem auch, doch wirst du's nie erreichen.

Je höher auf du klimmst, je höher steigt die Leiter;
Je weiter spielt die Zeit, dehnt sich der Spielraum weiter.

So bleibt dir und der Welt statt alles Zielerringens
In jedem Nu nur dies Gefühl des Vorwertsdringens.

Schad' auch um euch, wenn ihr das Ende je gewönnet,
Ihr endlichen, die ihr kein Ende denken könnet!


24

O sage wo du bist, wo du nicht bist o sage!
Du überall in Nacht, und überall zu Tage.

Die Wahrheit du allein, und alles andre Schein,
Und aller Schein was könnt' er außer Wahrheit seyn?

Die liebend suchen dich, sind nicht zu dir gekommen;
Und die dich fliehen, sind nicht deiner Lieb' entnommen.

Die fern sich fühlen dir, sind drum dir nicht entrissen;
Doch selig sind allein, die sich dir nahe wissen.


25

Du siehst, Unsichtbarer, du hörest, Unvernommner!
Sehn, hören wird durch dich vollkommen, Allvollkommner.

Du Unvergänglichkeit, Vergänglichem inwohnend,
Und Uranfänglichkeit, hoch überm Wechsel thronend.

Der Seelen Seele du, Gedanke der Gedanken,
Umfaßt von keines Raums und keines Denkens Schranken.

Dir geht die Wissenschaft vorbei auf dunklen Bahnen,
Und um dein Urlicht schwebt der Andacht sel'ges Ahnen.


26

Gott gebe dir an dir ein stilles Wohlgefallen,
Ein innig freudiges in seiner Gnade Wallen.

Ein heiliges Gefühl, daß du ihm angehörest,
Und seine Ordnungen die ewigen nicht störest.

Ein hebendes Gefühl, daß du auf rechten Wegen
Mit rechten Kräften strebst dem rechten Ziel entgegen.

Nicht Selbgefälligkeit, sich andern überhebend,
Nicht Ungeselligkeit, in enger Dumpfheit strebend.

Doch Selbgenügsamkeit in deiner eignen Weise,
Und Seelenfügsamkeit in deinem Schicksalskreise.

Und Selbzufriedenheit, mit aller Welt in Frieden,
Weltabgeschiedenheit, von Gott nur ungeschieden.


27

O ew'ger Lebenshauch, durch den der Baum der Zeiten
Treibt Blüten, Früchte trägt und falbes Laub läßt gleiten.

Was stockt und was sich regt, regt sich und stockt in dir;
Und jedes Herz das schlägt, schlägt und frolockt in dir.

Du hebst den Menschengeist in deiner Lieb' empor,
Er fühlet sich in dir, und kommt so groß sich vor.

Dann fühlt er sich so klein vor deiner Größe wieder,
Und tiefe Demut beugt den kühnen Stolz danieder.

Du aber öffnest dem gebeugten deinen Schoß,
Erhebst ihn wieder, und der kleine gilt dir groß.

Du kehrest in ihm ein mit dem Gefühl der Huld,
Sein Sehnen stillest du und sühnest seine Schuld.

Mit Zittern sieht er dich als Herren, der ihn schuf,
Und mit Vertrauen hört er deinen Vaterruf.


28

Du sagst, es ist die Welt geartet zum Entarten,
Und weiter stets von Gott abführen ihre Fahrten.

Ich aber sage dir: Sie ist alswie sie war,
Dieselbige, wie Gott derselb' ist immerdar.

Von wannen kommt sie denn? Von Gott. Wo geht sie hin?
Zu Gott zurück. So schwebt in Gott sie mittenin.

Und ferner, näher, ist sie ihm auf keinem Schritte,
Der wie am Anfang und am End' ist in der Mitte.

Du sagst: des Göttlichen, das sie zuerst empfangen,
Ist im Verlauf der Zeit ihr mehr und mehr entgangen.

Verlodert ist der Geist, gleich Düften die zerstieben,
Und immer todter ist der Stoff zurückgeblieben.

Ich aber sage dir: Kein Seelendüftchen gieng
Ihr aus, dafür sie nicht ein anderes empfieng.

Der Othem Gottes wirkt nicht nur der Blum' Entfaltung,
Ihre Erhaltung auch und ew'ge Umgestaltung.

Schön wie des Morgens glänzt des Abends Rosenbucht,
Schön ist wie Frühlingskranz des Herbstes reife Wucht.

Mag Morgenfrische dort im Mittagsbrand ermatten,
Herbstdämmerung sich hier in Winternacht verschatten;

Von neuem immer frisch, von neuem immer klar,
Ist Gottes großer Tag, das ew'ge Weltenjahr.

Obs wintern, sommern mag, ob tagen oder nachten,
Laß uns im Fluß der Zeit die Ewigkeit betrachten!


29

Was ist der Raum? die dir vom Sinn gesetzten Schranken.
Was ist die Zeit? der Fluß der Ding' und der Gedanken.

Allgegenwart des Orts, Allgegenwart der Zeit!
Wo ruht von hier und dort, von jetzt und einst der Streit?

In Gott, wo alles ruht, wo einst die Zeit geruht,
Eh in des Raumes Bett hervorbrach ihre Flut.

Und wo in Gott dich senkt Entzückung oder Traum,
Da steht dir still die Zeit, und gibt dich frei der Raum.


30

Sowahr als aus dem Eins die Zahlenreihe fließt,
Sowahr aus einem Keim des Baumes Krone sprießt;

Sowahr erkennest du, daß der ist einzig Einer,
Aus welchem alles ist, und gleich ihm ewig keiner.

Doch fühlt der Mensch soweit vom Ursprung sich getrennt,
Daß Mittelstufen er nothwendig anerkennt.

Ob er sie Götter mag, Kräft' oder Geister nennen,
Ihn binden sollen sie an Gott, von Gott nicht trennen.

Sie sollen das Geweb vom Mittelpunkt ausbreiten,
Bis in sein kleines Ich die Lebensfäden leiten.

Was also streitet ihr um wechselnde Betitlung
Von Heilsanstalt und Amt der Sühnung und Vermittlung?

Ob hier der Schöpfer sich verborgen im Erhalter,
Der Hausherr dort zurück trat hinterm Hausverwalter?

Ihr mögt mit Frömmigkeit und gläubigem Vertraun
Sichtbares als ein Bild des Unsichtbaren schaun.

Doch stehts dem Geiste frei, wenn er dazu hat Schwingen,
Ins Allerheiligste unmittelbar zu dringen.


31

Gott ist das höchste Gut. Das sagt der Sprache Wort,
Das sagt auch die Vernunft sich selber fort und fort.

Gott ist das höchste Gut. Wenn Ursprung nun genommen
Von Gott die Welt, wo ist ihr Böses hergekommen?

Ist Böses nur ein Schein, und alles gut allein?
Das innerste Gefühl im Busen sagt dir Nein.

Was ist das Böse denn? Es ist der innre Streit,
Die Doppelheit der Welt, die sie mit Gott entzweit.

Wol ist, was ist, in Gott, sonst wär' es nicht vorhanden;
Doch ists auch außer ihm, sonst wär' es nicht entstanden.

Sofern in Gott es ruht, ist alles Leben gut,
Und bös' ist alles, was es für sich selber thut.

O komm, uns und die Welt zu machen frei vom Bösen,
Laß uns in Gottgefühl den Sinn der Welt auflösen!


32

Nicht ärgern sollst du dich an Fratzen, die der Glaube
Geschaffen hat, daß er die Macht der Schönheit raube.

So schaffet Fratzen auch die ewige Natur;
Sieh du von ihnen weg, und auf ihr Schönes nur!

Und Leben, Welt und Staat ist reich an Fratzenbildern,
Daher die Pfuscher auch am liebsten Fratzen schildern.

Nur vom Gebiet der Kunst hinweg, ihr Fratzen, geht!
Der Kunst, die über Welt, Natur und Glauben steht.

So wenn sie jetzt nicht steht, hat sie doch einst gestanden;
Und bis sie's wieder thut, ehr ist sie nicht vorhanden.


33

Der stiehlt dir, was er leicht von dir geschenkt bekäme;
Es macht' ihm minder Lust, wenn er's nicht heimlich nähme.

Was willst du ihm die Lust, die dir nicht schadet, stören?
Er ist sein eigner Thor und meinet dich zu thören.

Dir stehlend, hat er nichts dir als den Dank gestohlen;
Und auch beschenkt, hätt' er sich ohne Dank empfohlen.


34

Du hast, vom Glück belehnt, ein schönes Fleckchen Erde;
Genieß es recht, daß dirs ein Stückchen Himmel werde.

Ich wünsche dir nicht ganz ein sorgenfreies Loß,
Nur gegen den Genuß die Sorge nicht zu groß.

Ein wenig Salz ist gut, auch Pfeffer, am Gericht,
Nur übersalzen sei's und überpfeffert nicht.


35

Kein Irrthum hinter dem nicht eine Wahrheit steht,
Kein Schatten der nicht aus von einem Lichte geht.

Und wie der Schatten selbst dich wird zum Lichte leiten,
So auf des Irrthums Spur magst du zur Wahrheit schreiten.


36

Was ist es denn, das du begreifst von Gott und Welt?
Nicht mehr als was und wie es in den Sinn dir fällt.

Was ihm gefällt, das nimmt dein Sinn an ungesträubt;
Und gegen das, was ihm misfällt, ist er betäubt.

Die Weisen mögen uns beweisen was sie wollen,
Erweisen muß sichs uns, wenn wir es glauben sollen.


37

Wer nicht, was im Verstand sich ewig widerspricht,
Zugleich kann denken, denkt den Ew'gen ewig nicht.

Drum magst du, statt dir selbst zum Schrecken oder Spott
Aus All und Eins und Nichts zu schaffen einen Gott,

Ihn lieber denken dir mit Mund und Angesicht,
Wie er bläst Odem ein und Schöpfungsworte spricht.

Dann aber mußt du ihm auch geben einen Ort,
Und die Unendlichkeit des Raumes räumen fort.

Die Erde mußt du fest in ihre Mitte bannen,
Umher das Firmament, das goldbeschlagne, spannen;

Daß dir die Sonn' am Tag bescheine deinen Raum,
Und Mond und Stern bei Nacht bescheine deinen Traum.

Wenn so dein Sinn zurück sich wiegt in sel'ge Kindheit,
Wol mögen Schauende beneiden deine Blindheit.


38

Sowahr in dir er ist, der diese Welt erhält,
Sowahr auch ist er in, nicht außerhalb der Welt.

Doch in ihm ist die Welt, sowahr in ihm du bist,
Der nicht in dir noch Welt, nur in sich selber ist.

Solang du denken nicht die Widersprüche kannst,
O denke nicht, daß du durch Denken Gott gewannst.


39

Das sagt dir dein Gefühl, daß du kannst sündigen;
Warum du's kannst, wer kann dir das verkündigen?

Die Weisen sagen dir: du kannsts, um frei zu seyn.
Doch warum räumte Gott dir diese Freiheit ein?

Weil dich, sein Bild, er nicht zum Werkzeug wollt' erniedern.
Doch darauf kann sogleich der schlichte Sinn erwiedern:

Ein König göttlich gut, hätt' er dazu die Macht,
Die Seinen hätt' er frei und gut zugleich gemacht.

Da er nun nicht zugleich uns gab die beiden Gaben,
Wird der Allmächtige dazu die Macht nicht haben.

Was ists nun, das die Hand der Allmacht also band?
Da ist der Menschenwitz gekommen an den Rand.

Und überall wird er zu solchem Rande kommen,
Wie er das Räthsel sonst zu lösen unternommen.

Darum zurück in dich! du bist durch Gottes Kraft
Ein Räthsel zwar, doch das ist dir nicht räthselhaft:

Daß du nicht sünd'gen mußt, wiewol du sünd'gen kannst;
Daß du's nicht sollst, und dazu Gottes Kraft gewannst.


40

Wol ärgern dumpfen Sinn des Geistes Widersprüche,
Dem feinern aber sind sie duft'ge Wohlgerüche.

Denn in der Endlichkeit thut nur durch Widerspruch
Unendlichkeit sich kund, wie Segen in dem Fluch.

Die höchsten Dinge, die dein Denken nie kann denken,
Gerad' auf diese muß sich stets dein Denken lenken.

Was du erkennest als unwesenhaften Schein,
Bekennest du zugleich als wesenhaft allein.

Und was als Wirklichkeit dir steht vor allen Sinnen,
Macht in Unwirkliches der höchste Sinn zerrinnen.

Nur wenn du so zugleich bejahest und verneinest,
Fühlst du, daß im Gemüt du Gott und Welt vereinest.


41

Der ew'ge Dreiklang, der das irdische Getöse
Mit leiser Macht durchgreift, daß ers in Einklang löse;

Der heil'ge Dreiklang, den du ewig mußt erkennen,
Wie immer du ihn magst mit Wechselnamen nennen;

Den: Gott, Gemüt und Welt, am einfachsten genannt,
Wer rein das Göttliche am menschlichsten erkannt:

Die drei, die Eines sind, und also sich ergänzen,
Daß sie sich gegenseits erfüllen und begränzen,

Durchdringen und beziehn, begründen und erklären,
Und selbst nicht wären, wenn sie nicht verbunden wären:

Komm laß uns, um in uns den Zwiespalt zu versöhnen,
Mit dem Dreieinklang ganz durchklingen und durchtönen:

Die Welt und dein Gemüt, sie würden sich zerreiben,
Wenn nicht vermittelnd Gott sie hieß' in Eintracht bleiben.

Gott aber und die Welt, sie wären ganz geschieden,
Wenn sie nicht dein Gemüt geglichen aus in Frieden.
Doch Gott und dein Gemüt, sie würden sich vermischen
Im Innern, stände nicht die äußre Welt dazwischen;

Die Welt, die dem Gemüt Gott so verbirgt wie zeigt,
Durch die es ewig auf, er ewig nieder steigt.


42

Vorm Menschen, welchen kein Gesetz der Lieb' und Treue
Beherrschet, habe mehr als vor dem Thiere Scheue!

Wenn auch dem Thiere fehlt Gemüt, Vernunft und Liebe,
Gehalten ist es doch vom Bande seiner Triebe.

An diesem halt es fest, du darfst dich drauf verlassen;
Den Menschen aber kannst du nirgend sicher fassen.

Der Liebe Widerschein kannst du ins Thier meintwegen,
Noch lieber in die fromm unschuld'ge Pflanze legen.

Doch in den Menschen, wo sie selber sollte seyn,
Kannst du, wo sie nicht ist, sie auch nicht legen ein.


43

Laß uns im Augenblick ein Gottesbild aufrichten,
Um es im Augenblick im nächsten zu vernichten.

Denn jedes Bild ist falsch, das bleiben will und dauern,
Und jedes wahr, das hin vorm Urbild sinkt mit Schauern.

Dort seh' ich aufgethan den ew'gen Vaterschoß,
Dem alles gröste klein und kleinstes auch ist groß.

Sieh, wie im Menschengeist geordnete Gedanken,
So kreisen Welten dort in selbstgesetzten Schranken.

Ein All Unzähliger, von denen jed's ein All,
Ein Punkt im Ganzen ist, in sich ein Lebensball.

Die Alle, wie sie rings in Rangordnungen schweben,
Entwickeln auch in sich ein ranggeordnet Leben.

Da ringen überall Rangordnungen des Lebens
In ungehemmtem Trieb des Immeraufwertsstrebens.

Und wo Natur den Geist nun auf als Krone setzt,
Da kehrt das Einzelste zurück zum Ganzen jetzt.

Du suchst, o Menschengeist, wo auch dein Standpunkt ist,
Den Mittelpunkt, von dem du nirgends ferne bist.

Du fühlest selbst dich klein, du fühlest selbst dich groß,
Dich mit der ganzen Welt im ew'gen Vaterschoß.


44

Ob wirklich selber du ergreifst die Gegenstände,
Es sei durch den Begriff, es sei durch deine Hände;

Ob ihren Eindruck nur, von ihnen einen Schein
In Händen habest, scheint unwichtig mir zu seyn.

Du bist, die Dinge sind. Dir gnüge dies zu wissen,
Daß und was dir sie sind; das andre magst du missen.

Du machest deine Welt und deine Welt macht dich;
Wie ihr einander macht, so seid ihr sicherlich.


45

Welch wunderbare Art den Läugner zu bekehren,
Ihn zu behandeln als unfähig deiner Lehren!

Kannst du verlangen daß dich fassen soll der Mann,
Wenn du behauptest daß er dich nicht fassen kann?

Beweisest ihm zuerst, daß er verstehn nicht kann;
Daß er verstehn nicht will, verargest du ihm dann.

Zuerst mach' es ihm klar, wie er dich fassen solle,
Dann überlass es ihm, ob er dich fassen wolle.


46

Laß dich nur blenden nicht von denen die ersannen
Denkformeln um darein Undenkbares zu bannen.

Weil sich kein Höchstes läßt aus Höherem erklären,
So lassen sie das Ding sich selbst aus sich gebären.

Wenn in der That nun wird nur was schon war im Grunde,
So ist das Seyn erklärt, doch ists nicht klar im Grunde.


47

Das Rechte hast du wol, das fühlest du, gethan,
Warum doch hast du nicht die rechte Lust daran?

Entweder weil du's nicht aus rechter Grundabsicht
Gethan hast, oder doch auf rechte Weise nicht.


48

Was Gott in der Natur und dir im Herzen spricht,
Mit Andacht merke drauf, und überhör' es nicht.

Und wenn du's andern nicht kannst machen offenbar,
Doch dir zur eigenen Erbauung mach es klar.

Und ist es dir nur klar, so wird's auch andern werden,
Wenn nicht in Worten, doch in Mienen und Geberden.

Und wenn in Handlungen, wenn in der Handlungsweise,
Das ist den Menschen erst zum Heil und Gott zum Preise.


49

Wer fährt durch ein Gefild, sieht hinter sich versinken
Ein reizend Landschaftbild, ein andres vorwerts winken.

Nicht halten kann er das, und dieses fest nicht fassen,
Vorübergleiten muß er eins ums andre lassen.

Im größern Maßstab nur und auf viel ernstre Weise
Erfährt dasselbe, wer durchs Leben macht die Reise.

Du hast es oft gehört; doch hast du's je gefühlt,
Wie schmerzenreiche Lust hinweg das Leben spült?


50

Des Regens Tropfen sprühn, doch wird davon nicht grün
Der Rasen, den versengt der Sommersonne Glühn.

Die Gräser bleiben dürr, doch neue sprießen drunter,
Und übergrünen bald die alten frisch und munter.

Getrost, o Herz! dir bringt Verlornes nicht zurück
Die Stunde, doch dafür bringt sie ein neues Glück.


51

Vollkommen lieb' ich nicht die Menschen, streng und heilig;
Sie wären unbequem und wären auch langweilig.

Einseitig lieb' ich sie, natürlich und beschrenkt,
Nicht übertrieben, krank, gebrechlich und verrenkt.

So lieb' ich sie sich dar mir stellend in der Welt,
Und also fordr' ich sie vom Dichter dargestellt.

Wenn anders sie mir zeigt die Welt, muß ichs in Ruh
Ertragen, aber wenn das Buch, so mach' ichs zu.


52

Wer seiner eigenen Vernunft gehorcht allein,
Mit der gemeinen gar nichts haben will gemein,

Ist eben so verkehrt wie wer, um andern nur
Es rechtzumachen, läßt die eigene Natur.

So wenig kann die Welt gebrauchen jenen Mann,
Als dieser in der Welt sich selber brauchen kann.

Nur da ist etwas Recht's, ob Großes oder Kleines,
Wo ein Besondres ist und auch ein Allgemeines.


53

Wer leer im Innern ist, sei außen doch gefällig;
Wer einsam müßig geht, thu lieber es gesellig.

Doch dem erlassen wir die Weltgefälligkeit,
Wer für ein Gotteswerk braucht alle Kraft und Zeit.

Der ist in menschlicher Gestalt ein Gott erschienen;
Wer kann in gleichem Maß Gott und den Menschen dienen?


54

Bequeme dich der Welt, so wirst du angenehm
Der Welt seyn, und dir selbst wirds in der Welt bequem.

Nur nicht bequeme dich bis zum dir Unbequemen,
Am allerwenigsten zum Gottunangenehmen.


55

Du hast ein Maß in dir von Kräften, die du spenden
Der Welt kannst, ohne sie ins Innre zu verwenden.

Drum sei ein Kreis um dich, ein größrer oder kleiner;
Nicht viele müßen's seyn, nur einige, nur einer.

Je wenigern du gibst, je mehr nun gibst du ihnen,
Die dann es mehreren zu geben weiter dienen.


56

Wo Gutes das zu thun, als Gutes dar sich stellt,
Da thut es jeder leicht, dem so ins Aug' es fällt.

Wo aber Gutes sich zeigt unter falschem Schein,
Erkennt als Gutes es und thuts der Weis' allein.


57

Was ist die Tugend? Schrank' und Maß der Menschenkraft;
Drum Menschentugend ist gleich Menschen mangelhaft.

Und manches was für uns hier Tugend ist auf Erden,
Wird keine seyn, wenn wir einst mehr als Menschen werden.

So ists auch nicht für die, die mehr als Menschen sind,
Doch rechnen sie dir's an als Tugend, Menschenkind!


58

Nicht minder haben dich die Ding' als du sie hast;
Du suchest deine Lust, und findest deine Last.

Nicht nur dein Hab' und Gut, nicht nur dein Weib und Kind,
Dein Garten, Haus und Hof, dein Esel, Schaf und Rind;

Auch deine Wissenschaft und deine Kunst vor allen,
Sind minder dir da als du ihnen zu Gefallen.

Rath' ich deswegen dir vondannen sie zu treiben,
Da ohn' einander ihr einmal nicht könnet bleiben?

Ich rathe nur, dich recht mit ihnen abzufinden,
So den Begriff von Lust und Sorge zu verbinden,

Daß du in ihnen mehr die Lust siehst, weil vorhanden
Sie einmal sind, und mehr die Sorge, wenn sie schwanden.


59

Das Ärgste drohet nicht der Welt von Geld und Gut,
Wo nur der Einzelne dafür Unwürd'ges thut.

Das Ärgste drohet da, wo es soweit gekommen,
Daß es zum Maßstab wird für jeden Werth genommen.

O danke Gott, daß du in einem Winkel stehst,
Wo dieser schrecklichsten Versuchung du entgehst,

Wo jeder zwar für sich nach eitlen Gütern trachtet,
Doch der verachtet noch nicht ist, der sie verachtet.


60

Ein Buch, aus dem du viel Gedanken nehmen kannst,
Sei immer dankbar ihm für das was du gewannst.

Doch was ein Ganzes ist, wird nicht so leicht zerrissen;
Es gibt ein andres Buch, dem sollst du mehr Dank wissen,

Von festverschlungenen Gedankenganggeweben,
Das du als Ganzes nur aufnehmen kannst ins Leben.


61

Wer gegen seine Zeit ankämpfet, hat verloren
Die Müh, gewonnen nur den Namen eines Thoren.

Doch zur Entschädigung die Folgezeit mag preisen
Den zeitlich-Thörichten villeicht als ewig-Weisen.


62

Du zitterst vor der Nacht und bebest vor dem Tage,
Solang dein Glück du hast in einer äußern Lage.

Denn jede Nacht kann es mit einem Stoß zerrütten,
Es jeder neue Tag mit einem Sturz verschütten.

Nur wenn du's innen hast, kanns nicht von außen schwinden;
Dein Glück wird sich als Glück in jeder Lage finden.


63

Leb' in der Gegenwart! Zu leer ist und zu weit
Der Zukunft Haus, zu groß das der Vergangenheit.

In beiden weißt du nicht den Hausrath einzurichten
Der ungeschehnen und geschehenen Geschichten.

Doch daß die Gegenwart nicht eng dir sei und klein,
Zieh die Vergangenheit und Zukunft mit herein.

Die beiden mögen dir erfüllen und erweitern
Die Wohnung, und mit Glanz die dunkle schön erheitern.


64

Zu welchem willst du dich von beiden Chören wenden?
Du hast die freie Wahl dich so und so zu blenden.

Wenn du den einen glaubst, so geht die Zeit bergunter;
Wenn du den andern traust, so klimmt sie aufwerts munter.

Ist sie villeicht das Rad, von dem sich niederneigt
Das Vordere, derweil das Hintre wieder steigt?

Die Vordern klagen, daß zum Untergang sichs lenke,
Die Hintern jubeln, daß es sich zum Aufgang schwenke.

Es steigt und fällt zugleich; ob es im Ganzen falle,
Ob steige, weiß die Kraft, durch deren Stoß es walle!


65

Die Weisheitslehren, die dir Weisheitslehrer spenden,
O könntest du sie stets zur Weisheit nur verwenden!

Doch du gewahrest bald, ein Lehrer widerspricht
Dem anderen, und wer im Recht sei, weißt du nicht.

Du kannst nicht beiden, wem von beiden willst du glauben?
Soll gar Glaubwürdigkeit jedweder jedem rauben?

Und schließest du, daß Recht von beiden keiner hat,
So hast du selber dir entzogen jeden Rath.

Denk lieber: Jeder hat nur Recht auf seine Weise;
Das stell' auf deine dir zurecht in deinem Kreise.

Verschiedne Fälle gibts auf einer Lebensfahrt,
Wo man wol brauchen kann Rath von verschiedner Art.

Glückselig bist du, wenn für Auf- und Niedersteig
Du immer recht verstehst den rechten Fingerzeig.


66

Glückselig bist du, wenn auf Folgrungen und Schlüssen
Das Beste so du weißt, du nicht hast gründen müssen.

So brauchst du gegen die dich auch nicht zu ereifern,
Die mit unreifem Witz bekämpfen deinen reifern.

Schwank ist Gedankenbau, und nur die Überzeugung,
Die auf sich selber ruht, befürchtet keine Beugung.


67

Wenn du den Formeln siehst ins Herz, nicht aufs Gewand,
Den Formeln, die der Geist zu seinem Spiel erfand;

So kannst du dir getrost aus allerlei Systemen
Den Kern der Nahrung, wie aus Hülsen Körner, nehmen.

Wie sie's begründen dir, entwickeln und ableiten,
Sie sind im Sinn dir eins, die sich in Worten streiten.

Sie fördern nur zu Tag den Vorrath ihrer Brust,
Den aufzunehmen du in dir schon haben must.


68

Die Güter unter'm Werth verächtlich anzuschlagen,
Herabzusetzen sie, um leichter zu entsagen,

Ist nur ein Kunstgriff, der wo's gilt dich läßt in Stich.
Viel anders als du dich gedacht hast, fühlst du dich.

Man fühlt, was man gehabt, wann man es lassen muß;
Was hilft es, sich zuvor verkümmern den Genuß?

Drum laß in ihrem Werth die Güter fein bestehn,
Besonnen im Besitz, besonnen im Entgehn.


69

Wer strebte nach dem Ziel, wenn er so fern es sähe,
Wie's wirklich ist? der Wunsch sieht alles in der Nähe.

Und wenn du näher rückst, und merkst den Augentrug,
Treibt weiter dich der Trieb, der einmal ist im Zug.


70

Nicht durch Beweise kannst du stützen deinen Glauben,
Durch Widerlegungen ihm auch die Macht nicht rauben.

Mit Worten kannst du ihn verhüllen und bedecken,
Nicht ihn begraben, noch von Todten auferwecken.

Oft, was ihn sichern soll, wird ihn nur irre machen,
Und was betäuben ihn, davon wird er erwachen.

Er steht mit ewiger allgegenwärt'ger Macht
Als Sonn' an deinem Tag, als Stern in deiner Nacht.

Was auch bei Nacht und Tag dein Auge mache blind,
Du weißt daß über dir doch Sonn' und Sterne sind.


71

Blick' auf und sage dir: wo ist der Regenbogen?
Er scheinet dort dem Saum der Wolken angeflogen.

Doch in der Wolke, wär' er dort wol ohn' ein Auge,
Das deinige, das ihn dir in die Seele sauge?

Du wirst es dir bewust: es sind der Sonne Stralen,
Die du getrunken hast aus Regenbogenschalen.

Nichts ist das Farbenspiel, nur wirklich ist die Sonne;
Die lichte Täuschung doch ist deiner Augen Wonne.

Was unterm Himmel glänzt, ist nur der Sonne Licht,
Das mannichfaltig sich in trüben Stoffen bricht.

Was unterm Himmel glänzt, ist nur ein Widerschein,
Ein bunter Schattenwurf der Himmelssonn' allein.

Ein solcher Widerschein ist selbst die Sonne nur
Der höchsten Geistersonn' im Spiegel der Natur.


72

Was in der Schule du gelernt, ists wol vergebens,
Weil du gebrauchen es nicht kannst im Lauf des Lebens?

O nein, den Acker hat zum Anbau es entwildet,
Zum Wesentlichen hats dich förmlich vorgebildet.

So was im Leben selbst, der großen Schule, du
Gelernt hast, bringst du nicht umsonst dem Himmel zu.

Du mußt die irdischen Aufgaben recht nur treiben,
Und ewig wird davon die Segenswirkung bleiben.


73

Die Demuth ist wol gut daß sie ein Herz erringe;
Doch hüte dich daß dich dazu nicht Hochmuth bringe.

Nicht falscher Demuth Schein ist es wovor ich warne,
Den künstlich Hochmuth webt, daß er die Welt umgarne;

Wirkliche Demuth auch, die dir im Herzen sprießt,
Gib Acht ob sie in sich nicht wahren Hochmuth schließt;

Der, wenn er sich gelähmt sieht außen, und sich schämt
Mislungenen Erfolgs, zur Demuth sich bequemt.

Wie die Begierde, die, verzweifelnd an Erjagung
Begehrter Güter, sich zurückzieht in Entsagung.

Doch ist es nicht genug, das Ziel erreicht zu haben,
Wenn, statt auf ebnem Weg, auch über Stock und Graben?

Du danke Gott daß doch die Feinde sind geschlagen,
Und herrsche so daß sie ihr Joch geduldig tragen.


74

Sich stärker fühlt der Mensch in Ungemachabwehrung
Als in unthätigen Genusses Selbverzehrung.

Darum hat Gott dir nicht verliehen reines Gut,
Damit du fühlst im Kampf mit Übeln deinen Muth.


75

Du sagst am Himmel daß nichts zu bewundern bliebe
Dem Astronomen, der erkannt sein Radgetriebe.

Ich sage dir, was doch noch zu bewundern bleibt:
Die ew'ge Grundkraft selbst, die dieses Radwerk treibt.

Du hast das Leben nicht in Zahl und in Figur,
Figur und Zahl hast du erkannt am Leben nur.


76

Je größer einen Kreis du hast zu übersehn,
Je minder kann dein Blick in alles Einzle gehn.

Ein Menschenkönig und die Kön'gin der Gedanken,
Sich wähnend unumschränkt, erkennen diese Schranken.

Sie nicht, die unteren Organe sehn das Kleinste,
Die mittlern Mittleres, sie erst das Allgemeinste.

Und was von untenauf man mittelbar vernimmt,
Wird auch von obenher nur mittelbar bestimmt.

Nur Gott ist die Vernunft, die keine Schrank' umzieht,
Die selbst unmittelbar ins Einzle Alles sieht.


77

Reichthums Vermehrung kann die Armuth nicht vermindern,
Solang das Recht nicht wird ungleiche Theilung hindern.

In einem Land, wo reich die Reichen sind allein,
Werden die Armen nur um desto ärmer seyn.


78

Gesittung strebt, das Thier dem Menschen auszuziehn,
Zurück zur Menschheit die er auszog führt sie ihn.

Zurück zum Paradies führt sie den Nackten wieder,
Wie ehr des Thieres Fell er zog um seine Glieder.

Solang (wielang noch?) ist nicht ihr Beruf erfüllt,
Als sie statt auszuziehn die Thierheit nur verhüllt.


79

Die Eisenbahnenzeit, die Prosazeit von Eisen
Vergolden hier und dort die Thoren und die Weisen.

Was ist ge_____ mit dem äußerlichen Glast?
Verwandle _ Gold, wenn die Tinktur du hast!


80

„Ich weiß nicht“ hab' ich unbedenklich oft gesagt
Dem Kinde, das mich Unbeantwortlichs gefragt.

Zuletzt hat es gesagt: du weißt auch gar nichts, Vater!
Und zu Besinnung hat mich das gebracht, zu spater.

„Ich weiß nicht“ sollst du nie dem Kind auf seine Fragen,
Ausweichend ihm vielmehr dies oder jenes sagen.

„Ich denk'? ich glaub'? ich mein'?“ ei, Gott behüte, nein!
Das würd' Unwissenheit in andrer Wendung seyn.

„Nicht sagen will ichs dir, du wirst es schon erfahren,
Erwarte nur die Zeit, du kannst dein Fragen sparen.“


81

Schwer ist im Wechselnden zu sehn ein Bleibendes,
Im Umgetriebenen ein ruhig Treibendes.

Von außen ist es schwer, und schwerer noch von innen,
Wo Bild in Bild wie Wog' in Woge scheint zu rinnen.

Liegts an den Dingen, liegt an dir nur das Gebrechen,
Daß immer anders dich die äußern Ding' ansprechen?

Sie geben Antwort, wie du fragst, und anders nicht;
Drum liegt es wol am Geist, wie er die Ding' anspricht.

Darum ists Noth, in dir dich selber zu vereinen,
Um nicht in jedem Nu ein andrer dir zu scheinen;

Kein Spiegel und kein Wachs, darein sich wechselnd drückt
Dies Bild und jenes, das verunziert oder schmückt;

In der Vorstellungen, in der Eindrücke Schwanken
Zu fühlen einen Kern feststehender Gedanken;

Daß du derselbe heut, in andrer Form verborgen,
Bist, der du gestern warst, und der du seyn wirst morgen.


82

Fühl' einen Augenblick nur wahrhaft, daß du bist;
So fühlst du auch, daß, was dies fühlet, ewig ist.

Und fehlt der Mittelpunkt in deiner Seele Kreisen,
So kann kein Denker dir Unsterblichkeit beweisen.


83

Empfindung ist vom Ding ein Zeichen, von Empfindung
Ein Zeichen war das Wort in erster Spracherfindung.

Nun ist ein Zeichen vom Begriff das Wort allein,
Und die Empfindung fügt sich nur nothdürftig drein.

Des Dinges Leben hat sich aus dem Wort verloren,
Wie die Empfindung zum Begriff sich umgeboren.

Wenn er zu höherer Empfindung sich erhebt,
Dann ist mit dem Begriff wieder das Wort belebt.

Kein todtes Zeichen ist, kein Bild vom Ding das Wort,
Es ist im Geist das Ding, des Geistes Zauberhort.

Des Dinges Wesen selbst ist in das Wort gebannt;
Geschaffen ist das Ding, sowie das Wort genannt.

Laßt uns, eh wir durchs Wort das Wesen schaffen können,
Der Zaubrin Fantasie Scheinbilderschöpfung gönnen!


84

Wenn du dem Gegner ab Vernunft sprichst und Verstand,
Ists ja kein Großes daß dein Geist ihn überwand.

Hingegen, wirst du ihn mit starken Waffen rüsten,
Ihn schlagend, willst du nur damit dich selber brüsten.

Geh deinen Weg und laß den Gegner seinen gehn;
Und wer zum Ziel gelangt, das werden wir ja sehn.


85

Nicht Alles kann der Mensch mit offnen Augen sehn,
Doch manches will und muß durchs Auge nur geschehn.

Dem was sich sehen läßt, schließ nicht die Augen zu;
Und was sich nicht läßt sehn, im Herzen hege du.

Gleich übel ist es, statt zu sehn Sichtbares träumen,
Und Unsichtbarem kein Gebiet und Recht einräumen.


86

Krieg Aller gegen All' ist Sinn der Wissenschaft.
Was Alles seyn will, bleibt nothwendig mangelhaft.

Wo jeder will die Welt mit seiner Spann' ausspannen,
In seiner Formeln Zwang die Kräft' und Geister bannen.

Wo jeder Denkherr flugs den andern stößt vom Thron;
Was er dem Vater that, erwartet er vom Sohn.

Sie glauben alle, daß sie bis zum Ende drangen,
Und jeder folgende muß an von vorne fangen.

Der alte Brei wird umgerührt im neuen Topf;
Was auf den Füßen stand, das steht nun auf dem Kopf.

Laß diesem Chaos uns der Meinungen entfliehn,
Zurück ins heitere Gebiet der Kunst uns ziehn.

Ihr Frühlingschöpferhauch entfaltet bunte Welten,
Die rund und ruh'nd in sich, einander lassen gelten.

Gleich Blumen blühen sie, und welken Blumen-gleich,
Auslebend Glanz und Duft, und sterbend samenreich.

Was hat ein Denker denn ergründet und begründet,
Das nicht ein Sehermund in Ahnung vorverkündet?

Und welches Wissen ist nicht blasengleich zerronnen,
Das nicht in Kunstkristall Gediegenheit gewonnen?

O Schönheit, bring es doch der Schwester Weisheit bei,
Daß ohne dich ein Bild sie ohn' Erscheinung sei.


87

Ein Wunder wird der Mensch empfangen und gezeugt,
Ein Wunder lebt er, wird geboren und gesäugt.

Ein Wunder wächst er, hört und sieht, und fühlt sein Wunder,
Ein Wunder, daß er denkt, und was er denkt ein Wunder.

Ein Wunder steht er da in aller Wunder Mitte,
Und Wunder gehn ihm vor und nach auf Tritt und Schritte.

An Wunder wird er so allmählich unwillkührlich
Gewöhnet, daß sie ihm erscheinen ganz natürlich.

Und wunderbar erscheint ihm Ungewohntes nur,
Der unverwundert sieht das Wunder der Natur.


88

Laß dich von glänzenden Beweisen nur nicht blenden,
Die sie mit viel Geschmack auf Abgeschmacktes wenden.

Denn was ein jeder glaubt, das kann er auch beweisen;
Und wer dasselbe glaubt, wird die Beweise preisen.

Du weißt: was wirklich ist, muß möglich seyn, und muß,
Weil nichts zufällig ist, nothwendig seyn zum Schluß.

Darum beweisen sie, was irgend ward ersonnen,
Sobald es Wirklichkeit in ihrem Sinn gewonnen.


89

Wenn du nach Ehre strebst, die dir die Welt soll geben,
So mußt du, statt dir selbst, ihr zu Gefallen leben.

Nicht leben in der That, nur leben auf den Schein;
Nicht was du selber willst, was sie will, mußt du seyn.

Wenn du nach Reichthum strebst, nach welchem alle streben,
Mußt du darum in Kampf mit allen dich begeben;

Was andre haben, mußt du dir verloren achten,
Und was du haben willst, zu rauben ihnen trachten.

Und wenn du gar zugleich geehrt willst seyn und reich,
So mußt du seyn der Welt ein Freund und Feind zugleich;

Mußt stehlen ihren Schatz, und stehlen ihre Gunst;
Das ist die misslichste und undankbarste Kunst.

Drum rath' ich: Laß die Welt, wen sie will ehren, ehren,
Und ihren Sold, wer ihn begehren will, begehren.

Sich selbst in Ehren und sich selber reich zu halten,
Ist Mannes Würd' und Kraft, derselben sollst du walten.


90

Lust an Vergänglichem kann nur vergänglich seyn,
Und ewig ist die Lust am Ewigen allein.

Du sagst dir das, und kannst dennoch der Lust nicht wehren,
Was unbegehrenswerth du siehest, zu begehren.

Warum? weil in dir selbst ist ein Vergängliches,
Der Unvergänglichkeit ganz unempfängliches.

Doch fühlest du in dir ein Andres unvergänglich,
Dem, was vergänglich ist, erscheinet unzulänglich.

In solchem Kampfe bleibt der Sieg nicht zweifelhaft,
Sobald das Edlere gebrauchet seine Kraft.

Dir wird für ew'ge Lust jemehr Empfänglichkeit,
Jemehr in deiner Brust reift Unvergänglichkeit.


91

Ein Herz das Unruh fühlt, ist noch in sich nicht heil;
Dem bessern beigemischt ist noch ein schlechtres Theil.

Doch nicht unheilbar ist ein Herz das Unruh fühlt,
Vom schlechtern ist noch nicht das Bessre weggespült.

Nur wo die Unruh schweigt, da ist der Kampf entschieden,
Sei es zu ew'gem Tod, sei es zu ew'gem Frieden.

Kann ew'ger Tod auch seyn vor Gott, dem ew'gen Leben?
Welche Verstockung kann der Gnade widerstreben?

Das kranke Herz, das ganz erstorben wähnt zu seyn,
Genesen muß auch es, durch scharfe Liebespein.


92

Des einen freu' ich mich, wenn rückwerts geht der Blick
Auf meines Lebens buntverworrenes Geschick,

Wo der Zusammenhang der Pfade zu entgehn
Dem Aug' und alles scheint in irrem Kreis zu drehn;

Des einen freu' ich mich, daß doch, statt zu ermatten,
Die Reise leichter stets, je weiter, gieng vonstatten;

Als sie die Federkraft, die schwindende, der Glieder
Ersetzt durch tragendes unsichtbares Gefieder;

Sodaß auf seiner Bahn der Geist mühloser strebt,
Der, wo er unten sonst gerungen, oben schwebt.

Wenn nun sich ein Gedank' aus jener Zeit erfrischt
In neuer Form, ist ihm was eignes beigemischt:

Das jugendliche Roth der Wangen hat er nicht,
Doch dafür einen Stral auf seinem Angesicht.

Ich könnte, wollt' ich abgethanes neuverrichten,
All mein Gedichtetes in höhern Stil umdichten.


93

Nichts sagen kann ein Mund, worin nicht Wahrheit wäre,
Ob wissentlich das Herz auch Lüge nur gebäre.

Denn was er spricht, ist doch ein Bild des was er denkt,
Wie er willkürlich auch die Züge dran verrenkt;

Und was er denkt, ist doch die Wahrheit die er sieht,
Wie er in sich ihr Bild zum Zerrbild auch verzieht.

So, was er erst gedacht, und dann was er gesprochen,
Ist nur der Wahrheit Stral, der zwiefach ist gebrochen.

Und hättest du in dir den Stral, der rückwerts bricht
Die Doppelbrechungen, du stelltest her das Licht.

Nur Gott hat diesen Stral in seiner vollen Klarheit;
Er sieht, du aber ahnst durch ihn, im Lug die Wahrheit.


94

Du siehst die andern rings in einer Form von Glauben,
Die kannst du ihnen nicht und sollst sie auch nicht rauben.

Sie glauben, daß die Form die allerhöchste sei,
Die allereinzige, von allen Hüllen frei.

Daß eine andre Form gewesen sei zuvor,
In der das reine Licht noch war verhüllt vom Flor;

Das glauben sie; doch daß auch das enthüllte Licht
Zuwachses fähig sei, das glauben sie dir nicht.

Du aber glaubest, daß, gleichwie aus Dämmerungen
Der Bildlichkeit ein Licht unbildlicher entsprungen;

Auch dies unbildliche wird wieder bildlich heißen
Vor einem, das nach ihm die Dämmrung wird zerreißen;

Und ewig Gottes Licht aus Klarheit wächst in Klarheit
Viel Offenbarungen hindurch zur Offenbarheit.


95

Wenn dir aus einem Buch, das heilig du benennst,
Und wenn aus einem Spruch, den du für weis' erkennst,

Aus einem Lehrermund mehr Wahrheit dir wird kund,
Als offenbaret selbst dir ist im Herzensgrund;

So magst du mit Vertraun auf die Belehrung baun,
Und, eigner Einsicht blind, in die Erleuchtung schaun.

Du bist entschuldigt, doch mußt du entschuldigen
Auch die dem Geist mehr als Buchstaben huldigen.


96

Du hängst an Wurzeln, die du von Natur gewannst,
Von denen du dich los nicht reißen sollst noch kannst.

Die Wurzeln, deine Volks- und deine Glaubensart,
Sind jede stark für sich, und doppelt stark gepaart.

Aus ihnen Nahrung hast du unbewußt gesogen;
Sie halten dich, wo du dich ihnen glaubst entzogen.

Dich halten sollen sie, doch nicht daß du nicht strebest,
Und über sie hinaus ins Menschliche dich hebest.

Des Menschen Kron' ist, daß sich Menschheit offenbart
In ihm, trotz seiner Volks-, trotz seiner Glaubensart.

Daß an der Menschheit dich, nicht sie an dir du messest,
Nicht ihre Formenfüll' in deine Model pressest;

Nicht Fremdes deutest um, verfälschend seinen Sinn,
Weil eigensüchtig du den eignen suchst darinn;

Nicht dich in deiner Art verstockest und versteifest,
Lebendig nur als Glied im Ganzen dich begreifest;

Nicht wähnend, daß um dich als Mittelpunkt sich drehn
Der Welt Entwicklungen, die immer weiter gehn.


97

Den Spruch: Erkenne dich! sollst du nicht übertreiben;
Laß immer unbekannt dir in dir etwas bleiben.

Den Grund, aus welchem quillt dein Daseyn, mußt du fühlen;
Zerstören wirst du ihn, wenn du ihn auf willst wühlen.

Die reine Quelle wird, frech aufgewühlt, ein Sumpf;
Nicht wer sie nicht erkennt, wer sich nicht fühlt ist dumpf.


98

In deines Herzen Haus- und Festkalender mag
Nur auch gezeichnet seyn ein Allerseelentag.

Gezeichnet soll er seyn nicht mit zu düstern Farben,
Doch auch zu helle sind für die nicht die da starben.

Mit sanftern Lichtern sei und leisem Schattenschlag
Gezeichnet in dein Herz dein Allerseelentag.

Ein Allerseelentag, wo du vereint in Frieden
Mit allen Seelen bist, die von dir sind geschieden;

Wo alle Seelen, die dich aus der Fern' umwallen,
Zum Fest versammelt sind in deines Tempels Hallen.

Da bete für ihr Heil, und laß sie beten auch
Für deines, denn Gebet ist Seelenlebenshauch.

Manch Angedenken zieh hervor, an das sich knüpft
Ein Name, zieh es fest, daß er dir nicht entschlüpft.

Manch theures Bild auch, eh der Kennzug dir erlischt,
Sei von der Malerinn Erinnrung angefrischt.

Bedaure du sie nicht, daß sie der Welt entgangen,
Und nicht beneide sie, denn du wirst nachgelangen.

Versichere du nur dich ihrer, daß sie bleiben
Von oben dein Geleit, nach oben dich zu treiben.

Von oben neigen sie, nach oben zeigen sie
Und deinem Blick voran nach oben steigen sie.

Nach oben steigen sie, wo sie dir wollen zeigen,
Was sie versprechen mit geheimnisvollem Schweigen.


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