Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Fünftes Bändchen, 1839. XII


1

Du fassest selbst nur halb, was du im Herzen sagst;
Und wenn du in ein Wort es nun zu fassen wagst,

Wird es nur wieder halb darin sich fassen lassen;
Wie soll der Hörer ganz dies halbe Halbe fassen?

Er faßt soviel er mag, und macht es ganz in sich,
Faßt dies auch halb, und glaubt nun ganz zu fassen dich.


2

Im Meer der Schöpfung schwamm zuerst die Lotosblume,
Die wölbte ihren Kelch gleich einem Heiligthume.

Im Heiligthume lag der Geist wie unter Zelten,
Und lächelte im Traum, er träumte künft'ge Welten.

Als sich entfaltete darob die Blum' in Wonne,
Ging aus der Blum' ein Glanz, und ward das Licht der Sonne.

Aufstieg ein Duft, ein Hauch, und ward zu Ätherrauch,
Ward feuchte Frühlingsluft und Wolkenhimmel auch.

Ein Blättchen riß sich los als Schmetterling-Cicade,
Und flog der Lebenswelt noch unbekannte Pfade.

Im Kelche brütend saß ein vogelgleich Gebild.
Die Flügel hobs und schwang sich in des Seyns Gefild,

Sie kämpften in der Luft, und bunt stob manche Feder,
Ein eigenes Geschlecht Luftgänger ward aus jeder.

Doch außen an dem Kelch die Schuppe wasserfrisch
Abtrennte sich und ward halb Krokodil, halb Fisch.

Der Fisch entschwomm zum Strand der Zukunft voll Begier,
Und stieg dort halb ans Land, ganz als vierfüß'ges Thier.

Die Lotoswiege schwankt, es gährt der Wasserschaum,
Der Geist erwacht und sieht die Schöpfung, seinen Traum.

Er sprach: Ich träumte das, doch nun will ich im Wachen
Der Traumwelt wachen Herrn, den Menschen selber machen.


3

Gott ist, drum denkt er; denkt, drum spricht er, und ein Wort,
Wie er es denkt und spricht, so stehts geschaffen dort.

Du bist und denkest auch, du denkst und sprichst, allein
Kein Wesen ist das Wort, es ist ein Bild und Schein.

Das macht: du sprichst nur nach, du denkst nur nach, du bist
Nur nach dem Ersten, der dir vorspricht, denkt und ist.


4

Der neugeborne Gott schlief an der Erde Grund;
Neugierig öffnete die Mutter seinen Mund.

Die Mutter wußte nicht vor Lust wie ihr geschah,
Als sie im Kindesmund den Glanz der Welten sah.

Die sieben Himmel und acht Paradiese sah
Sie im gewölbten Mund, fern waren sie und nah.

Wie kommt die Herrlichkeit in einen Kindesmund?
Da that es ihr der Geist, der überm Kind war, kund:

Im Mund beschlossen sind Himmel und Paradiese;
Entfalten wird das Kind in seiner Lehre diese.


5

Vom Gärtner kauft' ich mir ein schönes Blumenstöckchen,
So reich an Hoffnungen in halberschlossnen Glöckchen.

Ich wandte meine Müh und meine Zeit darauf;
Die Glöckchen blühten zu, doch blühten sie nicht auf.

Sie blühten immer zu, bis sie unaufgeblüht
Abwelkten, und betrübt darob ward mein Gemüt.

Hat dich der Gärtner, hat die Hoffnung dich betrogen?
Sie wären aufgeblüht, vom Gärtner selbst gezogen.

Die Freude blühet auf nur in des Gärtners Hand,
Bei dir zu knospen ist die Hoffnung nur im Stand.


6

Mein Sohn! die Wahrheit ist in Wahrheit ganz nur Eine,
Bei Gott ist sie an sich, beim Menschen nur im Scheine.

Und wenn der Mensch in sich will Gottes Wahrheit spiegeln,
So muß er einen Schein mit ihrem Bild besiegeln.

Sieh einen Wahrheitsglanz in jedem Schönheitsschein,
Nur bild' als Wahrheit ganz dir nie ein Einzles ein.

Mit diesem Blick sieh an die Welt und dieses Buch;
In diesem Sinne löst sich jeder Widerspruch.


7

Des Ganzen Theile sind als Theile nicht vorhanden,
Deswegen, weil sie ja zum Ganzen sich verbanden.

Grenzpfähle steckest du, um ein Gebiet zu messen;
Doch daß du sie nur steckst, das sollst du nicht vergessen.

Der grade Gegensatz setzt grad die Wahrheit schief,
Weil stets in Wahrheit eins ins andre sich verlief.


8

Den ew'gen Faden zieht die Spinn' aus ihrem Leibe;
Die Sammlerbiene füllt mit fremdem Seim die Scheibe.

Spinnweb' ist Fliegengrab und keines Lebens Labe,
Die Süßigkeit der Welt ist in der Honigwabe.

Fleug, süße Poesie, auf Bienenraub von hinnen,
Und laß Philosophie im grauen Netz der Spinnen.

Ob die Philosophie die Spinn' im Netze sei,
Ob selbst die Fliege drin, das ist nur einerlei.

In keinem Falle wird sie fett bei diesem Schmaus,
Ob ausgesogne Flieg', ob Fliegen saugend aus.


9

Hier schwanken siehest du im Bach der Sonne Bild,
Doch unbeweglich dort steht fest ihr goldner Schild.

Am Abend siehst du dann sie scheinbar untergehn,
Indes der Erdball nur sich abdreht ihrem Stehn.

Doch, steht sie wirklich fest? sie dreht sich auch bestimmt
Um einen Mittelpunkt, den man nur wahr nicht nimmt.

Und so, was die Vernunft sich mühet zu vernehmen,
Hat richtig dein Gefühl erkannt im Schein und Schemen.


10

Wie du verschieden hast den Gott in dir empfunden,
Verschieden findest du ihn auch in Schrifturkunden.

Ist er in dir darum dir wen'ger offenbar,
Die Offenbarung dort deswegen minder wahr?

Er zeigt dir dieses bald, bald jenes Angesicht,
Doch immer ist es klar und schön und hold und licht.

Die Urkund' ist von ihm in Herz und Buch gesenkt,
Wie goldner Lebenswein in buntes Glas geschenkt.

Als flüssigen Smaragd, als thauenden Rubin,
Als schmelzenden Sapphir, doch immer trinkst du ihn.


11

Du brauchst dein eignes Volk deswegen nicht zu schelten,
Wenn du nach ihrem Werth auch andre lässest gelten.

So, wer in Ehren hält die Formen fremder Götter,
Ist noch deswegen nicht der eignen Laren Spötter.

Dein eigen Gut und Haus und Volk und Land und Leben,
Das ist dein eigner Gott, und drum nicht aufzugeben.

Doch wie jetzt Reisende von einem Stamm zum andern,
Zeit ists, daß endlich auch die Gottideen wandern.

Daß sich verständige die menschliche Gemeine,
Alles sei Allen gleich, und Jedem sein das Seine.


12

Du mußt nur Alles nicht verlangen gleich von allen,
So wird in seiner Art dir alles wohlgefallen.

Wenn eine duftig riecht, die andre farbig glänzt,
Ist von der einen schön die andre Blum' ergänzt.

Und ist die eine gar geruch- und farbenreich,
Verlange nicht, sie sei auch süße Frucht zugleich.

Die schönste Blum' ist, in den Mund genommen, bitter;
Denn heimlich ist ein Gift in jedem Sinnenflitter.


13

Der Pflanzenkund'ge, der die Pflanzen will erklären,
Weiß doch nicht, wie ein Dorn kann Rosenglut gebären.

Das weiß ein Dichter nur, der stille sein Gemüt
Belauschet, wenn aus ihm ein neues Lied erblüht.


14

Die heil'ge Brahmastadt, gleich einer Lotosblüte,
In welcher Brahma wohnt, o Mensch, ist dein Gemüte.

Fünf Thore hat die Stadt an ihren Außenwerken,
Das sind die Sinne, die die Welt von außen merken.

Die Fäden des Geruchs, die Fasern der Empfindung
Erhalten mit der Welt den Lotos in Verbindung.

Im Richtweg des Geschmacks, im Schneckengang des Ohres,
Die Brahmamitte bleibt bewußt des offnen Thores.

Am liebsten aber steigt auf seinem Lotosglanz
Der Gott ins Aug' empor und schaut die Schöpfung ganz.

Da wird die Schöpfung hell, vom Lotosglanz bethaut,
Und fühlet freudig, daß ihr Schöpfer sie beschaut.

Solang' er innen wacht, wacht außen Welt in Wonne;
Was hier die Sinnen macht, das machet dort die Sonne.

Und hat durchs Aug' er sich die Welt beschaut mit Ruh,
Steigt er ins Herz hinab, und macht die Fenster zu.

Die Lotosblüte schließt sich dann als Schlummermohn,
Und draußen träumt der Mond, und ist benannt davon.

Doch tief im Lotoskelch wird nun vom Schlummer frei,
Die müd' am Tage schlief, die Biene Schwärmerei.

Die schwärmt, den Nektarkelch des Lotos auszukosten,
Und tränk' ihn leer, wenn nicht Besinnung tagt' im Osten.

Und wieder wacht empor der Sinne Städterchor,
Und Lebensnahrung führt er ein durchs offne Thor.

Du schaust dem Treiben zu, und fühlst in stiller Lust
Den, der dies Alles lenkt, den Gott in deiner Brust.

Im Bilde zeigt er dir sein ew'ges Wohngefild,
Weil du ihn anders nicht kannst fassen als im Bild.


15

Des Baumes Blüt' erfreut, des Baumes Schatten beut
Ein Dach dir, und ein Mahl die Frucht, die er verstreut.

Was brauchst du noch? ein Kleid? nimm es von seinem Bast;
Mach' auch ein Buch daraus, wenn du es nöthig hast.

Und brauchst du dann ein Grab, er wird dich auch begraben,
Mag Ruh im kühlen Grund, mag Feuertod dich laben.

Den Scheiterhaufen baut er hier, und dort den Sarg,
Bis deinen Rest im Schirm er seiner Wurzeln barg.

Was keucht durch fernen Raum der Hunger fremden Brodes,
Wenn dich begnügt ein Baum des Lebens und des Todes?

Als Vogel schwinge sich dein Geist, vom Leib geschieden,
Dem höchsten Wipfel zu, der nicht mehr ist hienieden;

Und singe von dem Baum des Todes und des Lebens
Herab zum Erdenraum den Frieden nicht vergebens.


16

Wie einem Thiere mag zu Muth seyn, kann ich doch
Begreifen, weil ich selbst als Kind auf Vieren kroch.

Wie einem Vogel sei zu Sinn, begreif' ich nicht,
Weil stets die Schwinge mir gebrach, und noch gebricht.

Was alles da so leicht fliegt unterm Himmelsbogen,
Aus einer andern Welt scheint es hereingeflogen;

Aus einer andern Zeit. Es ging die große Flut
Nur über Thiertrotz weg, nicht über Vogelmut.

Sie schwebten, wie zuerst der Geist auf Wassern schwebte,
Und sahen zu, wie sich die Schöpfung neu belebte.

Und wie ein Vogel jetzt, wenn ab in einem Kreise
Der Welt ein Frühling stirbt, zum andern macht die Reise;

So fliegt, wann diesen Stern, ob fremd' ob eigne, Glut
Verzehrt, ein Vogel fern zu andern wohlgemut.

Ihr Vögel, seid gegrüßt, und grüßt mir alle Fernen,
Von denen ich gelernt, und die von mir einst lernen.

Ihr habt mir manchen Gruß gebracht aus fremden Land,
Und manchen, den ich als vom Himmel her verstand.


17

Alswie der Frühling, seit er erst der Welt entflohn,
Nie wiederkehrt, nur oft ein schönes Bild davon;

Doch ein so schönes Bild, das statt der Sache gnügt,
Daß sich, solang sie's hat, die Erde gern betrügt:

So kam der Jugend Traum mit zartem Frühlingstriebe
Im Traume mir, ein Traum kam mir vom Traum der Liebe.

Die höchste Liebe war's, die ich im Traum empfand,
Und die mich liebte, war ein Weib von höchstem Stand.


18

Zwölf Jahre war ich alt, da hatt' ich ohne Fleiß
Fast alles und noch mehr gelernt, als ich nun weiß.

Ich hatte schon die Frucht, wovon den Ruhm nun haben
Manch andre, die zuerst ans Licht der Welt sie gaben.

Und rühm' ich dessen mich? Ich rühme nur die Zeit,
Durch deren neuen Trieb das Neu' allein gedeiht.

Gedanken kommen wie des Frühlings goldner Duft,
Sie sind nicht mein noch dein, sie schwimmen in der Luft.

Sei dankbar, daß die Welt so reich dir dargeboten
Des besten Wissens Schatz von Lebenden und Todten.

Du hast ihn nicht gesucht, du hast ihn nur gefunden;
Nun spend' ihn liebend aus und sei der Welt verbunden.


19

Das Feuer war in Furcht, daß es das Wasser hasche,
Und heimlich glimmend barg es sich im Haufen Asche.

Das Wasser kam und goß den Aschenhaufen aus,
Und suchen mußte sich das Feur ein andres Haus.

Das Feuer barg im Wald sich in das grüne Holz,
Das Wasser merkt' es nicht, da ward das Feuer stolz.

Und als der Sommerwind die Ranken schlug zusammen,
Das Feuer kam hervor, da stand der Wald in Flammen.

Da kam der Wolkenbruch und goß den Waldbrand aus,
Und wieder suchen muß das Feur ein andres Haus.

Das Feuer flüchtete sich in den Kieselstein,
Und warf sich in den Bach, ins Wasser selbst hinein.

Das Wasser sucht' es rings und merkte nicht die List,
Wie sicher oft der Feind im Haus des Feindes ist.

Und ruht am Mittag einst das Wasser schlummertrunken,
Dann aus dem Kiesel springt das Feuer als ein Funken.


20

Der Knabe steht am Berg und lauscht in stiller Wonne,
Weil gegenüber ihm aufgehen will die Sonne.

Die höchsten Spitzen sieht von Hoffnung er geröthet,
Und hört von Lerchenlied den Sieg des Lichts geflötet.

Doch immer will sie selbst noch kommen nicht empor,
Und seiner Sehnsucht schiebt sich eine Wolke vor.

Da faßt ihn Ungeduld: wie lange will sie säumen?
Der Sonn' entgegen geht er vorwerts in den Räumen.

Er geht den Berg hinab, er stand am Bergabhange,
Entgegen berghinab geht er dem Sonnaufgange.

Und immer schwächer wird um ihn der Morgenschein,
Wie tiefer in die Nacht des Thals er geht hinein.

Und aus der Schlucht, wo ihm der letzte Schein verglimmt,
Sieht er zurück, wie rings in Glanz die Schöpfung schwimmt;

Und sieht denselben Platz, von dem er ausgegangen,
Vom hellsten Sonnenstral, den er ersehnt, umfangen.


21

Ihr närr'schen Dichter, die ihr scheltet die Natur,
Und sie zu schelten nehmt aus ihr die Bilder nur!

Wenn Musen sonst aus Lärm die Einsamkeit gesucht,
Nehmt ihr vom Land zur Stadt die umgekehrte Flucht;

Hängt um die Poesie des Staates Flitterstaat,
Statt jener Unschuld, die im Paradies auftrat.

Seht dort nur hin, wo längst schon steht das Ideal,
Das ihr hier bauen wollt; sprecht: wo ist Lust? wo Qual?

Ist hier die Wiese kahl? ist hier der Bach nur schmal?
Sie glänzen doch, sei's nun von Früh- von Abendstral.

Wenns hier ist kahl und schmal, so ists dort schal und fahl,
Dort wo ihr jetzt noch seht nur höchstes Ideal.

Geht hin zur Stadt im Sumpf, zur Stadt im Kohlendampf,
Und kämpft für Erdenheil, für Erdlicht euern Kampf!

Hier laßt die heitre Lust für Weltheil, Gottlicht kämpfen;
Die Heiterkeit sollt ihr mit Koth und Dampf nicht dämpfen.


22

Die ihr die Erd' entehrt, zu geben Gott die Ehre!
Ein schlechtes Zeugnis gebt ihr selber eurer Lehre.

Gott selbst in Ehren will die Welt gehalten wissen,
Sonst hätte sie sein Wort um Nichts dem Nichts entrissen.

Er hat sie hell gemacht, ihr wollt sie finster machen;
Er hat an Menschen Lust, an Würmern ihr und Drachen.

Halb Drachen feuerspeind, halb angstgewundne Würmer,
Des ird'schen Heiligthums der Dichtkunst Bilderstürmer!

O Zeit! daß scheulos sich ans Tagslicht wagen Eulen,
Und siegreich Nachtigall-Gesänge niederheulen!

Die sehn in Rafaels Verklärung Teufelsfratzen,
Und, Bilder vom Scheol im Herzen, Liebe schwatzen!

Macht euch zur Lust nur Qual, und schwelgt im Jammerthal,
Und nie licht' eure Nacht ein Gottes Freudenstral!

Die Lehre, die nicht rein das Herz wie Sonnenschein
Erfüllt, erfreut, erhebt, kann nicht vom Himmel seyn.


23

Ein Drittel bist du selbst, ein Drittel ist die Welt,
Das dritte Drittel ist die Liebe, die euch hält.

Du bleibst der Welt, sie bleibt dir ohne Lieb' ein Bruch,
Den ohne Lieb' ausgleicht kein rechnender Versuch.


24

Ich hang' an einem Haar noch mit der Welt zusammen,
Und unzerreißbar war den Stürmen es, den Flammen.

An einem Haare zieht die Welt mich, die ich ziehe;
Ihr folg' ich, die mich flieht, sie folgt mir, die ich fliehe.

Mir folgt ihr Bildertanz, ihr folgt mein Liederchor,
Wir ziehn uns ab und an; und ziehn uns beid' empor.

Wo sie empor nicht zog, wär' ich in mir versunken;
Wo ich nicht ihr entflog, wär' ich nicht liebetrunken.

So hat der Liebe Hand das leise Band gewebt,
Die Lieb', an deren Band ewig das Ew'ge schwebt.


25

Wer in den Spiegel sieht, und sieht sich schön darin,
Der spreche: Mache Gott mich gut, wie schön ich bin.

Und wer den Spiegel sieht und sieht darin sich häßlich,
Der denke, Güte sei ihm doppelt unerläßlich.

Die höchste Schönheit ist, die aus der Güt' entstand,
In der der Gegensatz von Gut' und Schönem schwand.

Der Baum ists, der zugleich die Frucht trägt und die Blüte,
Wo Schönheit auch die Frucht, und schon die Blüt' ist Güte.

Das Gute hoffe nicht des Schönen zu entbehren;
Nur schön geschliffen kann der Spiegel Licht gewähren.

Des Guten hoffe nicht das Schöne zu entbehren;
Aus reinem Grund nur kann sich rein der Spiegel klären.

Das Schöne gebe dir zum Guten Gott vereint,
Der gut im Guten ist, und schön im Schönen scheint.


26

Nimm, Brahma's Jünger, was ich vom Araber nahm;
Sieh auf den Kern, und übersieh den Wortspielkram!

Dein Bruder, o mein Sohn, ist auch der Muselman;
Von ihm auch lerne gern, was er dich lehren kan.

Arabersprichwort sagt: dir hilft in der Gefahr
Ein Bruder oft, den nicht die Mutter dir gebar.

Verwandtschaft kann, mein Sohn, der Liebe nicht mit Ehren,
Doch der Verwandtschaft kann die Liebe wohl entbehren.

Wer für mein Bestes sich mit Rath und That verwandt,
Nur der Verwandte ist mir in der That verwandt.

Wer für mein Bestes selbst hat Gut und Blut verwandt,
Wie fremd er sei, der ist mir wahrhaft blutverwandt.

Nicht der so lieber selbst sein letztes Blut verwendet,
Daß Blutverwandten er ihr letztes Gut entwendet.

Der ist alswie ein Wolf, der nicht kann Blut entdecken
Am wunden Bruder, ohn' es gierig selbst zu lecken.

Wer besser sei zum Feind zu haben als zum Freunde?
Der, scheulos vor dem Freund, sich nur vorm Feinde scheu'nde.

Der dem Gewognen in den Weg tritt als Verwegner,
Und aus dem Weg, wo ihm entgegen tritt ein Gegner.

Der kühn den Löwen spielt in seinem Jagdreviere,
Und schmeichlerisch den Fuchs im Kreis vornehmer Thiere.

Der stärkst' in gutem Rath, zu guter That der schwächste,
Der, wenn sein Nachbar ruft, sagt: ich bin mir der nächste.

Ruft er den Nachbar einst, vergelt' ihm der die List,
Und sage: hilf dir selbst, weil du dein Nächster bist.


27

Du schäme dich vor Gott und dir in deinen Zellen,
Wie in Gesellschaft du dich schämest vor Gesellen.

Der unverschämte sagt: da Gott es sieht in mir;
Scheut' ich dich mehr als ihn, um es zu bergen dir?

Doch der beschämte sagt: da Gott in mir es schaut,
Und es verzeiht, sei dir's auch zum Verzeihn vertraut.


28

Du sagest: Falsch war dein Orakel, wie es pflegt.
Sag das nicht, sondern sag: Falsch hab' ichs ausgelegt.

Stets deutlich ist, doch stets vieldeutig Profezeiung,
Und immer schützt sich selbst die Weihe vor Entweihung.


29

Der ist ein schlechter Herr, wie glänzend auch er thront,
Der besser müssigem als fleiß'gem Diener lohnt;

Der, wie die Sonne, sticht den der im Feld arbeitet,
Und freundlich scheinet dem, der sich im Schatten breitet.


30

Wenn du mich fragst: auf wen darf ich in Treuen baun?
Ich sage dir: auf die, die selber andern traun.

Und fragst du aber, wem zu traun dir nicht gebührt?
Nur dem nicht, der im Mund stets Treu und Glauben führt.


31

Der Farbenbogen der Empfindungen erscheint,
Wenn hier die Sonne lacht, und dort die Wolke weint.

Wie Götter wandeln auf besonnter Wolkenbrücke,
So wandeln drunterhin wir zwischen Leid und Glücke.

Du sagst: die Sonne lacht; du sagst: die Wolke weint;
Weil die zu lachen dir und die zu weinen scheint.

Du tauchest die Natur in deines Innern Farben,
Die leben, wenn es lebt, und wenn es starb, erstarben.

Dir gebe Gott in dir das ewige Lebendige,
Im Unbestand der Welt das einzige Beständige.

Dir gebe Gott in dir das heitere Verständige,
Daß mit dem Geist der Welt sich klar dein Geist verständige.

Dein Weinen möge dir zum Lächeln, nie zum Lachen,
Nie dir dein Lachen Gott zum Quell der Thränen machen.

Des Menschen Aug' allein kann lachen und kann weinen,
Und nur die Schönheit kann die beiden schön vereinen.

Mit einem Auge lacht die Lieb', ihr andres weint;
Was meinest du, daß sie mit Lachen-Weinen meint?

Sie lächelt, wenn die Welt sie um die Welt sieht weinen,
Und weint, wenn sie sich sieht verlachen und verneinen.


32

Der König zählt sein Heer, ihm geht ein Mann vorbei,
So häßlich, daß ihm scheint, daß er zu häßlich sei.

Erst blickt der König ab, dann redet er ihn an,
Und ungefüges spricht der ungefüge Mann.

Der König denkt: Mir dient im Heere mancherlei,
Doch keiner diene, dem nicht wohnt ein Gutes bei.

Wär' ihm es äußerlich, so wär's in seinen Mienen,
Wenn innerlich, so wär's in seiner Red' erschienen,

Drum soll man diesen Mann aus meinen Reihen stoßen;
Denn weder gut noch schön dient weder klein noch großen.


33

Wie einst des Geiz'gen Aug' erschlossen Zaubersalben,
Daß ihm verborgne Schätz' erschienen allenthalben;

Die ganze Welt gewebt aus Gold und Edelstein;
Und nur zu schärfen dient es ihm der Habsucht Pein.

So ward erschlossen auch mein Blick von Wundersalben,
Und ungeahnte Schätz' erblick' ich allenthalben;

Die ganze Welt gewebt aus Sonn- und Blumenschein;
Und zur Befriedigung gereicht es mir allein.

Zufrieden seh' ich, daß ich niemals kann ausbeuten
Der Schöpfung Schacht, und nie ihr Räthselspiel ausdeuten.

Der Schacht, in dem das Erz nachwächst aus innrer Kraft;
Das Räthsel, das, gelös't, wird doppelt räthselhaft.

Und lösen wir mit Glück, was wir zur Zeit aufhaben,
Schon aufgegeben sind der Folgezeit Aufgaben.

Und was zu lösen wir die Hoffnung jetzt aufgaben,
Das lösen leicht einst, die zu lösen das aufhaben.

Ich aber freue mich, nach Lust hervorzuholen,
Und fürchte nicht, zuletzt zu finden taube Kohlen.

Und was ich selber Lust nicht hab' hervorzuholen,
Sei einem lustigern Geschlecht von mir empfohlen.

Noch lange wird die Axt den Urwald nicht ausreuten,
Noch lange Bienenfleiß den Frühling nicht ausbeuten:

Solang in Gott und Welt sich Herzen still ausfreuten,
Und Maienglocken sacht des Lenzes Sieg ausbeuten:

Solang wird frohe Kunst die Wunder nur ausdeuten,
Die eines Künstlers Händ' auf die Natur ausstreuten.

Er gebe Leben mir, Gesundheit, innre Lust!
Denn noch zur Hälft' ist nicht der Schatz in meiner Brust.

Nicht längstes Leben reicht ihn vollends auszubeuten,
Ob Tochtertöchter ich ausstattete zu Bräuten.

Weh, Reim, du hast im Klang ein Bild mir aufgedrungen,
Durch dessen Weh sind hier die Saiten abgesprungen.


34

Ich sprach: „Der Liebe Rausch verstehn nur trunkne Sinne;“
Und daß ich recht es sprach, werd' ich mit Freuden inne.

Ich freu' mich, daß mich nicht die Nüchternen verstehn,
Und nur die Trunknen sich mit mir im Reigen drehn.


35

Du unterscheidest hier Vernunft und dort Verstand,
Und zwischen beiden denkst du eine Scheidewand.

Doch ohne Anstoß an den nur gedachten Schranken,
Her und hinüber gehn die spielenden Gedanken.

So unterscheidest du den Geist auch vom Gemüte,
Wie am Basilikum vom duft'gen Blatt die Blüte.

So unterscheidest du die Seele von dem Leib,
Als seyen beide so getrennt wie Mann und Weib.

Doch wie nicht Mann und Weib getrennt sind im Erkennen,
So kann auch Seel' und Leib nicht die Erkenntnis trennen.

Und das nur macht dein Ich, daß ungetrennt sie sind,
Wie ungetrennt sich Mann und Weib erkennt im Kind.

So unterscheidest du den Gott von der Natur,
Und von den beiden Dich, und Eins die drei sind nur.

Den Vater magst du ihn, und sie die Mutter nennen,
O Kind, doch ungetrennt von beiden dich erkennen.

In deiner Liebe wirst du sie als Eins erkennen,
Mit Liebesnamen unterscheiden und nicht trennen.

Nie laß dir dies Gefühl, es sei dein heil'ger Glauben,
Von Unterschiedenem und Ungeschiednem rauben.


36

Du bist ein Muttersohn, und von der Mutterbrust
Noch nicht entwöhnt, sie ist noch immer deine Lust.

Du bist ein Muttersohn, doch an der Mutterbrust
Hast du den Vater selbst geahnt in stiller Lust.

Du bist ein Muttersohn, doch auch des Vaters Kind,
Der auch die Kinder liebt, die lieb der Mutter sind.


37

Wer etwas lernen will, der muß dazu drei Gaben,
Von obenher, aus sich, und auch von außen haben.

Die Fähigkeit, die Lust und die Gelegenheit;
Die drei wo fehlen, kommt ein Lernender nicht weit.

Zum Lernen Fähigkeit muß Gott dir selbst verleihen,
Weil in fruchtbarem Grund Fruchtbäume nur gedeihen.

Die Fähigkeit ist todt, wo sie nicht wird zum Triebe;
Zum Lernen treiben muß dich eigne Lust und Liebe.

Dann muß Gelegenheit von außen zum Besuch
Dir kommen in Gestalt von Lehrer oder Buch.

Fehlt in der Nähe dir Gelegenheit zu lernen,
Der Trieb zu lernen wird dich treiben in die Fernen.

Und jede Fähigkeit ist selbst ihr eigner Trieb;
Und also sind sie Eins, die ich als drei beschrieb.


38

Der ist der schlechteste des menschlichen Geschlechtes,
Wer selbst nichts rechtes weiß, noch lernen will was rechtes.

Wer ist der beste? der hervor das Gute bringt
Aus eigner Kraft, und nicht von außen es erringt.

Doch ist zu loben, wer, was er nicht selbst vermag
Zu tragen, das erwirbt von fremdem Fruchtertrag.

Es steht ein Baum im Wald und trägt die eigne Frucht,
Die so ihm gnügt, daß er nach keiner fremden sucht.

Daneben steht ein Baum, der ist nicht eigenfrüchtig;
Der reiche Nachbar macht den armen eifersüchtig.

Soll er die Frucht von ihm zu sich herüber nehmen?
Wenn ers auch könnte, müßt' er sich des Diebstals schämen.

Die Glut der Eifersucht brennt ihm sein Innres hol,
Und desto minder trägt er aus sich Frucht nun wol.

Seht, wie zu nutzen er den Schaden selber weiß,
Er lädt in seine Kluft des Bienenschwarmes Fleiß.

Sein Innres räumet er zur Wohnung willig ihnen,
Und freudig lohnen's ihm die arbeitsamen Bienen.

Sie tragen Honig her, und nicht vom Nachbar nur,
Sie tragen rings ihn bei aus Berg und Wald und Flur.

Des goldnen Seimes voll wird jeder leere Raum,
Und immer fruchtbar ist der unfruchtbare Baum.


39

Zu geben Gröstes gern mag Großmuth sich bequemen,
Doch ungern läßt sie sich das Allerkleinste nehmen.

Dem Geber gibt man nur, vorm Nehmer nimmt mans fort;
Willst du ein Gut, so gib dafür ein gutes Wort.

Man gibt ein gutes Wort, um etwas zu erlangen,
Und dann ein zweites noch als Dank, wenn mans empfangen.

Der Dank für eine Gab' ist selber eine Gabe,
Willkommen dem, der reich schon ist an andrer Habe.


40

Der alte Hauswirth, in der Wirthschaft wohl erfahren,
Hat dich gelehrt, wo du, wo nicht du sollest sparen.

Voll schöpf' aus vollem Faß, das leere leere schnell,
Doch zwischen voll und leer, da halte Haus, Gesell!

Voll schöpf aus vollem Faß, und in der Mitte spar;
Die Neige sparen ist unnütz und undankbar.

Warum? kein Sparen frommt, daß neu Erschöpftes steige,
Und schal am Ende wird dir nur die schmale Neige.

Des Fasses Anbruch sei ein Fest, ein Fest sein Ende;
Haustrunk ist Mittleres, das Äußre Götterspende.

Der Anfang und das End' ist unklar, oben Schaum,
Hef' unten, klarer Wein ist in dem Mittelraum.


41

Der König Adler hat das weitste Königreich,
Von allen Königen ist ihm kein andrer gleich.

Den weiten Himmelsraum mißt er mit seinen Schwingen,
Und läßt aus seiner Höh den Blick zur Erde dringen.

Er hat die Sonn' im Aug' und sieht die Erde doch,
Das tiefste sieht er klar, er schwebe noch so hoch.

Und was am Erdengrund zur Beut' ihm mag gefallen,
Er kommt, er faßts und trägts empor in seinen Krallen.

Auf seinem Baume sitzt der Weih und lauert still,
Was ihm zum Raube da vorüber kommen will.

Der Adler aber fliegt, es steht die Wahl ihm frei,
Nicht was vorbei ihm kommt, er holt es selbst herbei.

Der Eule ist die Nacht zur Jagdzeit angewiesen,
Der Mondschein ist ihr Freund, sie jagt nicht ohne diesen.

Die Blöde sieht bei Nacht, doch gar nicht hell genung,
Und recht im Zwielicht nur zweideut'ger Dämmerung.

Drum wenn der Mond nicht scheint, kann sie bei Nacht nicht jagen,
Und jagt zwei Stündchen nur im Spätlicht und vorm Tagen.

Der Adler aber schwingt sich mit der Sonnen auf,
Und stellt auch seinen Flug nur ein mit ihrem Lauf.

Früh schaut er droben sie, noch eh die Welt sie sah,
Und schwand sie dieser längst, ist noch ihr Glanz ihm nah.

Und sieht er ihren Glanz dann hinterm fernsten Forst
Sich senken, senkt er sich und suchet seinen Horst.

Er hat zum Horst gewählt den allerfreisten Raum,
Auf allerhöchstem Berg den allerhöchsten Baum.

Dort sitzt sein Adlerweib und brütet nur zwei Eier,
Und sie verstören darf kein Flatterer und Schreier.

Denn keine Nachbarschaft von Vogel, Mensch und Thier
Verträgt der Adler, wo er hat sein Nachtquartier.

Er weiß aus seiner Näh die Gäst' hinwegzutreiben,
Und diese haben selbst schon keine Lust zu bleiben.

So wohnt er ungestört in seiner Einsamkeit,
Sieht von der Erde nichts und nur den Himmel weit.

Die Krähe mit Gedörn deckt oben ihr Gemach,
Doch nur der Himmel ist des Adlernestes Dach.

Er läßt den Sturm der Nacht an sich vorüber brausen,
Stark wird sein sträubendes Gefieder von dem Grausen.

Und wenn der Sturm davon ihm eine Feder weht,
Ein Jäger findet sie, der früh zur Jagd ausgeht.

Er darf die Feder nicht zu andern Federn legen,
Weil Adlerfedern selbst den Trieb des Adlers hegen;

Und, wie der Aar hinweg die Vögel wehrt und treibt,
Auch ihre Federn sein Gefieder zehrt und reibt.

Der Jäger macht daraus des Pfeiles Federspiel;
Dem aarbeschwingten Schaft wählt er den Aar zum Ziel.

Der Adler in der Luft vom Pfeil getroffen spricht:
Nahmst du nicht von mir selbst die Kraft, du trafst mich nicht.

Der Adler schüttelt aus der Brust den Pfeil, und schaut
Hinunter, wo für ihn gepflanzt ist Adlerkraut.

Vom Adlerkraute heilt alsbald die Adlerwunde,
Und in die Lüfte schwingt sich wieder der Gesunde.

Und wenn er einen Kreis hat um die Welt geschwungen,
So läßt er sich aufs Nest herab zu seinen Jungen.

Den beiden schaut er scharf ins Auge bis ins Mark,
Prüft ihre Krall' und Schwing', und findet beide stark.

Sie halten sich am Nest mit scharfen Krallen fest,
Doch ohne Schonung stößt der Alte sie vom Nest.

Denn fliegen lernt nur, wer zum Fliegen ist gezwungen,
Wenn er zum Fliegen Kraft auch hat gleich Adlerjungen.

Ein Junges sinkt hinab, alsob's kein Adler sei,
Das wird ein Jagdgenoß für Eule dort und Weih.

Das andre schwebet nach dem Vater voll Vertraun,
Der reißts mit sich empor und lehrts die Sonne schaun.


42

Du machest manches mit, weil man dir's vorgemacht,
Und bringst es weiter so, wie es ist hergebracht.

Mit Messern schneidest du des Brotes weiche Rinde,
Und beißest mit dem Zahn die Nuß, die ungelinde.

So ists einmal dein Brauch, doch brauchtest du viel besser,
Mich dünkt, den Zahn fürs Brot und für die Nuß das Messer.


43

Am Rand des Stromes sitzt ein Angler um zu angeln,
Und läßts an keiner Kunst, den Fisch zu locken, mangeln.

Die Lockung lässet er am feinsten Faden schweben,
Die Ruth' ist stark genug den schwersten Fang zu heben.

Doch munter spielt der Fisch in seinem Element,
Und achtets seinen Tod, wenn man davon ihn trennt.

So überm Sinnenmeer, in das versenkt wir sind,
Sitzt dort ein Angler auch und lockt das Menschenkind.

Der Angel Nektar schwebt an goldnem Sonnenfaden,
Uns aus der bittern Flut zur süßen Kost zu laden.

Doch wollen sie nicht recht der Himmelsladung achten,
Sie fürchten wie der Fisch im Äther zu verschmachten.

Doch jeder ist zuletzt gefangen unwillkührlich;
Komm, stirb der Welt im Geist, eh du ihr stirbst natürlich!

Der Mensch, solang er lebt, ist meist ein Doppelleber,
Nur wen'ge sind ganz Fisch, noch wen'ger Himmelschweber.


44

Man sagt, geboren hat die Viper nicht die Jungen,
Die Mutter tödtend sind sie ihrem Leib entsprungen.

Man sagt, sie thuen dies auf ein Naturgebot,
An ihrer Mutter so rächend des Vaters Tod.

Denn wenn der Schlangenmann sein Weib will züngelnd küssen,
Nimmt in den Mund sie ihn und schwelgt in den Genüssen.

Und, obs die Sättigung, obs ihr die Lust eingab,
Wie sie empfangen hat, beißt sie das Haupt ihm ab.

Die Kinder fühlen wol aus welcherlei Verderben
Sie stammen, und gehn hin den gleichen Tod zu sterben.

Die Schlangenmännchen gehn sich mit den Weibchen gatten,
Um für der Mutter Tod die Sühnung zu erstatten;

Zu sättigen die Lust, die niemals kann ersatten;

Kann solche Unnatur in der Natur auch seyn?
Trägst du, o Mensch, sie nur in die Natur hinein?

Der lautern Fantasie ist sie die Mutter mild,
Und der verstörten das verzerrte Schlangenbild.


45

Es kam ein Wanderer durch einen öden Raum
An einen grünen Fleck, da stand ein schöner Baum.

Und an des Baumes Fuß ergoß sich eine Quelle,
Und eine Blume sah sich in der klaren Welle.

Auch auf dem Baume saß ein Vogel hoch und sang:
Der Wandrer ruhte froh sich aus von seinem Gang.

Und sprach: wie Schad' um euch, daß ihr hier beide singt
Und blüht, wo keinem Aug' und Ohre Lust es bringt.

Da sprach die Gottheit, die im Baume wohnte, leise:
O Wandrer, den zu mir geführet hat die Reise!

Sie blühen nicht umsonst, sie blühn und singen mir,
Und weil du bei mir ruhst, blühn sie und singen dir.


46

Ein altes Sprichwort sagt: Im Trüben ist gut fischen.
Ein andres: gut ists auch im Trüben zu entwischen.

Dort ists der Fischer selbst der seinen Tümpfel trübt,
Und am bethörten Fisch mit Glück sein Handwerk übt.

Und also trübt die Flut um sich der Kraken auch,
Daß blinde Heringsbrut sich dräng' in seinen Bauch.

Doch hier ein Fischlein ists, das keine andre Kraft
Zu seiner Nothwehr hat als seinen braunen Saft.

Der braune Saft, um den die Menschen selbst es fangen,
Derselbe ists, durch den es ihnen ist entgangen.

Spritz, arme Sepie, wehrloser Tintenfisch,
Die Tinte nach dem Feind, und in der Trüb' entwisch!


47

Vernimm die Fabeln, die ich nicht gefabelt habe;
Als Mann erzähl' ich dir, was ich gehört als Knabe.

Die zahme Ente schwamm auf ihrem Pfuhl zufrieden,
Wo von dem Hausherrn ihr das Futter war beschieden.

Die wilde Ente flog vorbei mit Lustgeschrei;
Die zahme blickt hinauf, verwundert, was es sei?

„Mein wilder Vetter, ei, wohin?“ — Zur Quellenflut
Auf Bergen, weil das Land versengt hat Sommerglut.

„Zu Quellen? ei! kennst du die Quellen, warst du dort?“
Ich nicht, die Mutter wars, und nach ihr zieht michs fort.

„Und weißt du denn den Weg?“ Ich weiß ihn nicht, ich fühle
Den Trieb nur und den Zug entgegen jener Kühle.

Die zahme spricht: Bin ich nicht auch von deinem Stamm,
Und fühle keinen Trieb und Zug aus meinem Schlamm.

Die wilde spricht: du hast, von der Natur entfernt,
Den angestammten Trieb der Freiheit nur verlernt.

Ich aber fühle michs durchzittern und durchwittern;
Leb wol! dort reicht man dir dein Futter aus den Gittern.


48

Die Blumen standen frisch erquickt auf dürrer Au,
Denn jede hatt' im Mund ihr Tröpflein Morgenthau.

Das hatten sie bei Nacht zur Tageskost empfangen.
Sie sprachen: Schwestern, laßt uns nun mit Wen'gem langen!

Lang ist der heiße Tag, der uns versengt die Glieder,
Und erst der Abend bringt uns eine Labung wieder.

Sie wachten hin den Tag so still alsob sie schliefen,
Durchschliefen kühl die Nacht, erwachten früh und riefen:

Wir armen Schwestern, ach, heut müssen wir verschmachten,
Da die gewohnte Lab' uns nicht die Stunden brachten.

Wir armen Schwestern, ach! die goldne Morgenstunde
Kam selber ohn' ihr Gold, ohn' ihren Thau im Munde.

Doch eine rief im Kreis: Still! junge Jahrespflanzen,
Ihr kennt die Stunde nur, und nicht die Zeit im Ganzen.

Ihr blüht am Boden hin, geweckt vom Frühlingshauch,
Den Sommer durch zum Herbst; ich aber blüh' am Strauch.

Jung wie ihr selbst, hab' ich vor euch des Strauchs Bejahrung
Voraus, und so vernehmt die Stimme der Erfahrung:

Weil heut, auf den ihr hofft, der Thau nicht eingetroffen,
Deswegen grade dürft ihr nun auf Regen hoffen.

Die Mutter, deren Brust ihr blühet eingesenkt,
Die bald von unten euch und bald von oben tränkt;

Sie weiß am besten wol, wodurch ihr Kind gedeiht,
Doch das verschiedne gibt sie nicht zu gleicher Zeit.

Wenn, eh zur Luft sie steigt, Erdfeuchtigkeit zur Erden
Herabfällt, wird sie Thau, und kann nicht Wolke werden.

Wenn höher steigt der Dunst, euch nicht als Thau erquickt,
Dann wird für euch im Blau der Mantel grau gestrickt.

Denn wenn die Mutter eins entzieht, gibt sie dagegen
Das andre; da ihr Thau nicht kam, so kommt ihr Regen. —

Die Blumen lauschten noch, da hörten sie es rauschen,
Und hoffnungsvoller noch begannen sie zu lauschen.

Und als hernieder nun der Regenguß gerauscht,
Da senkten sie beschämt die Häupter süßberauscht.


49

Warum der Vogel steht im Schlaf auf Einem Bein?
Daß ihm die Schlange könn' umschlingen eins allein.

Sie schlingt ums Eine sich; doch mit dem andern Fange,
Und mit dem Schnabel dann, entringt er sich der Schlange.

Warum der Vogel schläft, den Kopf in Flügeln schmiegend?
Daß den die Eule nicht abreiße, nächtlich fliegend.

Hinfahrend über ihn, erwischt sie einen Schopf;
Den läßt er ihr und fliegt davon mit seinem Kopf.


50

Sie haben ihr Vertraun auf dich gesetzt, und baun
Auf dich; so setze du auf Gott auch dein Vertraun.

Wie sie vertrauenvoll auf dich schaun als Berather,
So schau mit doppeltem Vertraun auf deinen Vater.

Und darum schon allein wird er dich nicht verlassen,
Daß nicht verlassen seyn, die sich auf dich verlassen.


51

In einem Hause wohnt' ein armes Hausgesind,
Das Hündlein und der Knecht, der Vater und das Kind.

Der Herr des Lebens kam zu schaun der Menschen Noth,
Als Bettler prüft' er sie und forderte ein Brot.

Der Herr sprach: Gib ihm eins! der Knecht sprach: dir ist kund,
Vier Brote sind im Haus, je eins für einen Mund.

Der Herr sprach: Gib ihm, das gespart war meinem Mund,
Und aufbewahrt sei das für dich, für Kind und Hund.

Der Knecht mit Zögern gabs; er nahm's und kam zurück,
Ein zweites fordert' er. „Gib ihm ein zweites Stück.

Recht muß dem Diener seyn, was seinem Herrn ist recht;
Laß das für Kind und Hund, und gib ihm deins, mein Knecht.“

Der Knecht mit Freuden gabs; er nahm's und kam zurück,
Ein drittes fordert' er. „Gib ihm das dritte Stück.

Daß es Enthaltsamkeit von seinem Vater lerne,
Gib hin des Kindes Stück!“ Der Diener gabs nicht gerne.

Das Kindlein lacht' und gabs; er nahm's und kam zurück,
Ein viertes fordert' er. „So gib das letzte Stück!

Hab' ichs dem Knecht, dem Kind und meinem eignen Munde
Entzogen, darf ichs wol entziehn auch meinem Hunde.“

Geduldig gabs der Knecht; er nahm's und kam nicht wieder,
Doch draußen in der Luft rauscht' es wie Lenzgefieder.

Ein goldner Regen floß herab vom Himmelsraum,
Wo er die Flur begoß, da wuchs empor ein Baum.

Der Herr des Lebens saß im Wipfelzelt und sprach
Mit sanftem Rauschen: Gern gabt ihr, was euch gebrach.

Drum soll des Lebens Brot hinfort euch nie gebrechen,
Und gern gebt allen es, die meinen Namen sprechen.

Ihr sollt den Acker drum nicht pflügen oder hacken,
Sä'n, schneiden oder mähn, dann dreschen, mahlen, backen.

Von selbst ein mehl'ger Kern, gebacken und gewürzt,
Wächst euch das Brot am Baum, in Fruchtgestalt geschürzt.

Vier Brote trägt der Baum, und jedes füllt im Raum
Des Jahres seinen Mund; das ist der Brotfruchtbaum.


52

Der Knabe sitzt am See, und taucht die Ruthe drein;
Die außen grade war, scheint innen krumm zu seyn.

Er zieht die Ruth' hervor, da ist sie wieder grade,
Taucht neu sie drein, und krumm ist sie im Wellenbade.

So oft er ein sie taucht, ist sie auch wieder krumm,
Und grade, wenn er sie hervorholt wiederum.

Der Knabe spricht: du scheinst so lauter, es ist Schade,
Daß du so falsch doch bist, dein Sinn ist nicht gerade.

Das Grade machst du krumm; geh weg, du bist ein Wicht.
Da hört der Knabe, wie der See mit Rauschen spricht:

Daß ohne Falsch ich bin und lauter bis zum Grund,
Thut dir dein eignes Bild und das der Sonne kund.

Denk, eh du schlimmes denkst, dein Aug' ist nur nicht fein
Genug, das Grade recht zu sehn im schiefen Schein.


53

Von menschlichem Geschlecht verlassen stand ein Haus,
Vertrieben waren sie daraus von Ratt' und Maus.

Da richteten sich ein die Mäuse und die Ratten,
Und machten Alles fein, wie sie's am liebsten hatten.

Sie saßen lange Zeit und fühlten stark ihr Recht,
Da drängte sich herein ein anderes Geschlecht.

Im Sparrwerk nistete sich ein Volk von Eulen;
Mit Pfeifen klagts die Maus dem Schicksal, wie sie heulen.

Das Heulen war ein Vorspiel nur zum Trauerspiel,
Bald fraß der Eulenchor die Maus mit Stumpf und Stiel.

Behaglich hausten nun im alten Schloß die Eulen,
Da kamen Menschen her und setzten neu die Säulen.

Die Eulen sahen sich aus dem Besitz gesetzt,
Und klagen jämmerlich, es sei ihr Recht verletzt.

Der Mensch macht sich nichts draus, und wohnt in seinem Haus,
Bis wieder ihn daraus wird treiben Ratt' und Maus.


54

Das gröste Hinderniß ist oft dem Muthe keines,
Den doch erliegen macht zuletzt ein winzig kleines.

Die Felsenberge hätt' ein Wandrer überstiegen,
Hätt' er ein Steinchen nicht in seinem Schuhe liegen.

Wer wandern will mit Glück durchs Leben, sehe zu,
Daß innen ihn nicht drück' ein Steinchen in dem Schuh.


55

Wo naht der süße Strom dem bittern Flutenschooße,
Begegnen sich zwei Fisch', ein kleiner und der große.

Entgegen schwimmen sie sich so auf ihrer Bahn,
Alswie von hier und dort ein Meerschiff und ein Kahn.

Und während um ihr Haupt die Wasserorgeln summen,
Begrüßen in der Flut sich laut die beiden Stummen.

Mein Vetter, ei, wohin? Mein Bruder, ei, woher?
Ich aus dem Meer ins Land. Ich aus dem Land ins Meer.

Was führet dich so fern? Was treibet dich so weit?
Der Hoffnung bessrer Stern. Die Unzufriedenheit.

Ich will ins stille Land aus Wogenaufruhr steuern,
Um zu entgehn des Meers gefräß'gen Ungeheuern.

Ich will mich aus der Eng' hinaus ins Weite fristen,
Entgehn des Menschenvolks Nachstellungen und Listen.

Das trieb dich, Vetter? Das hat, Bruder, dich gezogen?
Die Hoffnung täuschte dich. Du hast dich selbst betrogen.
Du steuerst in dein Grab. Du segelst in den Tod.
Hinaus, hinein, hinab, hinauf ist gleich die Noth.

Und stehn wir in der Mitt' unschlüssig still deswegen,
Da die Natur uns gab die Flossen, uns zu regen?

Und da gerade hier sich im Zusammenfluß
Des Landes und des Meers Gefahr begegnen muß?

So folge deinem Zug! Gehorche deinem Triebe!
Was weiter hat ein Fisch als seine Lust und Liebe?

Du grüße mir das Land! Du grüß mir schön das Meer!
Leb wohl, auf Wiedersehn! Wir sehn uns nimmermehr.

Ein Fischer horcht' erstaunt, der beide wollte fangen;
Und über'm Staunen sind sie diesmal ihm entgangen.


56

Wer viele Bücher hat, und keines recht gelesen,
Ist wie ein Geiziger mit seinem Schatz gewesen.

Er nutzet nicht sein Gut und vorenthälts der Welt;
Denn nur im Umlauf nützt die Weisheit und das Geld.

Wie mancher könnte sich vom Abfall dessen mästen,
Was solch ein Magrer hat in Geld- und Bücherkästen.

Doch Weisheit statt vom Buch kann man vom Leben kaufen,
Und Lebensweisheit gar vermißt nicht Goldes Haufen.


57

Die heil'ge Lampe brennt in deines Busens Räumen,
Sie ist dir angesteckt zum Wachen, nicht zum Träumen.

Zum Wachen über'm Buch, zum Wachen im Gesang,
Zum Wachen selbst im Traum, in sel'gen Glücks Umfang.


58

Das Rohr im Winde seufzt aus Sehnsucht nach dem Schönen,
Daß es als Flöte mög' am Mund des Menschen tönen.

So seufzet die Natur in jeder Frühlingsblüte,
Daß sie vom Menschen mög' empfangen ihr Gemüte.

Die schönste Landschaft seufzt, alsob ihr etwas fehle,
Daß der beseelte Blick der Liebe sie beseele.


59

Der Künstler, wenn ein Werk er hat gemacht für alle,
Befragt Verschiedene, wie jedem es gefalle.

Es kann nicht jedem gleich gefallen, doch zufrieden
Ist es, wenn es gefällt Verschiedenen verschieden.


60

Wer etwas Gutes schafft, der halt' es nur fürs Beste,
Daß er sich ganz darin bestärke und befeste.

Er mag, was Gutes sonst, was Bessres sei, vergessen,
Und das aufs beste thun, was ihm ist angemessen.

Doch gut ists auch, daß ers erkenn' als mangelhaft,
Einseitig, und beschränkt nach seiner Eigenschaft.

Nicht schelten wird er dann den andern, der ihn schilt,
Weil das nicht gelten kann der Welt, was dir nur gilt.


61

Du lässest billig dir dein eignes Gut gefallen,
Doch nicht ruhmredig mußt du es anpreisen allen.

So lob' im Stillen dir dein Weib auch, das ist gut,
Nicht andern! es ist auch ein Stück von deinem Gut.

Ein Hauptstück deines Guts, dein höchstes Gut mit Recht;
Des freue dich als Mann, und bet's nicht an als Knecht!


62

Wenn du das Ziel nur kennst, und bist auf rechten Wegen,
Gleichviel ists wie du rennst den Weg dem Ziel entgegen.

Du magst zu Fuße gehn, du magst auch reiten, fahren,
Dein Ziel nur mußt du sehn, und deines Weges wahren.

Nur vorwerts, nie zurück! kein müßiges Bedenken!
Das Einzle muß das Glück, Gott muß das Ganze lenken.

Schmal ist der rechte Weg, doch ist er nicht so schmal,
Daß rechts und links zu gehn dir bliebe nicht die Wahl.

Auch eben ist der Weg, doch ist er nicht so eben,
Daß fortzukommen du den Fuß nicht müßest heben.

Drum geh rechts oder links, wie's in den Sinn dir kommt,
Und hebe so den Fuß im Takte wie es frommt.

Im Wege magst du dich nach einer Blume bücken,
Nicht biegen aus dem Weg, um Blumen nur zu pflücken.

Stets eilen mußt du dich, doch nie dich übereilen,
Nie weilen ohne Noth, doch gern wo's Noth thut, weilen.

Nie rückwerts, wie gesagt, nur vorwerts mußt du gehn,
Und denken; doch erlaubt ist dir ein Rückwertssehn.

Zum Vorwertskommen selbst mag das die Kraft dir stärken,
Wie weit du vorwerts schon gekommen bist, zu merken.

So schreitest du von Schritt zu Schritt mit fester Ferse,
Alswie ein Dichter rückt vom Verse fort zum Verse.

Der auch nicht säumen darf im steten Vorwertsdrang;
Und im Bewußtseyn geht, ein Gott lenk' ihm den Gang.


63

Wer mit Besonnenheit vereint Begeisterung,
Kommt sicher schnell und weit, und hält das Maß im Schwung,

Wenn so der Geist dich treibt, daß er dir niemals raube
Besinnung, aber nie Besinnen dir erlaube.


64

Was uranfänglich ist, das ist auch unanfänglich,
Und unanfängliches nothwendig unvergänglich.

Was irgend wo und wann hat selber angefangen,
Kann nicht der Anfang seyn, und muß ein End' erlangen.

Der Anfang nur allein kann nie zu Ende gehn,
Weil er aus Nichts entstand, Nichts ohn' ihn kann entstehn.

Worin die Welt entsteht, besteht, und untergeht,
Und neu entsteht, ist das, was in sich selber steht;

Was in sich selber kreist, und Alles kreisen macht,
Sich selbst bewegend, Allbewegung hat gebracht.

Und ein Bewegtes, das als Hebel der Bewegung
In sich den Anfang fühlt, ist selbst Uranfangsregung.

Drum wenn du fühlst in dir ein Uranfängliches,
In dem Gefühl hast du dein Unvergängliches.


65

Ein hohes Räthsel ists, wie alle sind berufen
Zum Höchsten, keiner doch ersteiget alle Stufen;

Wie mancher auch vorlieb mit einer untern nimmt,
Und unbescheiden den wol nennt, der höher klimmt.

Doch weislich hats gefügt, der höher sitzt als alle,
Daß jeder, wo er steht und stehn kann, sich gefalle;

Daß jeder gleich entfernt von sich das Höchste sieht,
Und es in seiner Weis' heran, herunter, zieht.

Und wen hinan es zieht, der zieht ihm nach, und sieht,
Je höher hin er folgt, je höher hin es flieht.

Hoch hebe deinen Geist zum Ew'gen ein Verlangen,
Doch fühle dich mit Lust von Endlichkeit umfangen.

Alles ist gar zu viel, und gar zu wenig Nichts;
Die Malerei bedarf der Schatten und des Lichts.


66

Das irdische an dir, Geschöpf, sind deine Glieder,
Vom Himmel hast du, sollst du haben dein Gefieder.

Dein Vorbild sei, o Mensch, so lang du Raupe bist,
Der Schmetterling, der ganz Flügel geworden ist.

Die edle Pflanze hat ein Baum sich ausgegliedert,
Und oben schwebt das Blatt im Sonnenschein gefiedert.

Sei von des Himmels Thau, der Pflanze gleich, begossen,
Daß wie an ihr das Blatt, an dir die Flügel sprossen!

Ums Haupt der Schönheit wallt dem Laube gleich die Locke,
Das Himmelslüfte sie zum Spiel herniederlocke.

Und wenn dich selbst es lockt zu spielen mit dem Duft
Der Locken, spiele fein mit ihm wie Himmelsluft.

Der Lock' ermangelt ein behaarter Thieretroß;
Bemähnt ist edel nur der Leu und stolz das Roß.

Den Vögeln aber sind die Flügel angeboren,
Die Vögel haben sie behalten, wir verloren.

Daß du sie hattest, mahnt geflügelt dich der Traum,
Beschwingten Göttern gleich dich flügelnd übern Raum.

Nicht ehr behalten dort dich Götter zum Genossen,
Aus innrer Göttlichkeit bis dir die Flügel sprossen;

Bis — also kreist in sich mein Lied — ins Morgenroth
Entschwebt der Schmetterling, dem Eins ist Lieb' und Tod.


67

An jedem Morgen hält der sel'gen Götter Chor
Die Umfahrt um die Welt aus offnem Himmelsthor.

Und die verhüllte nur, die Gottheit bleibt zurück,
Am Herde ruhend, wie der Hausfrau stilles Glück.

Die Geister aber, die vom Stamm der Götter wohnen
Auf Erden, fahren auch empor aus allen Zonen.

Den Göttern folgen sie nacheifernd Roß und Mann,
Doch haben Götter nicht und Menschen gleich Gespann.

Ganz göttlich sind die Ross' auch die die Götter tragen,
Gemischter Art sind die am Menschenseelenwagen.

Das eine zieht hinauf, das andre zieht hinab,
Daß schwer der Lenker sie erhält in gleichem Trab.

Mit Mühe geht es schon die ebnern Himmelsbahnen,
Doch an der Steile stockt das Roß von schlechten Ahnen.

Und wen der Zuruf nicht reißt eines Gotts empor,
Bleibt auf der Hälft' und folgt nicht ganz dem sel'gen Chor.

Die Götter fahren hin am Rand von Raum und Zeit,
Und blicken froh hinaus in die Unendlichkeit.

Dort wo das Ew'ge steht, das Wahre, Gute, Schöne,
An dessen Anblick sich erquicken Göttersöhne.

Und wem's der Geister glückt zu folgen Götterspur,
Der sieht dasselb' entzückt, doch sieht er halb es nur.

Dem einen, wenn ers sieht, so schwindeln ihm die Sinnen,
Den andern trägt zu schnell der Rosse Braus von hinnen.

Dem dritten bäumen sich die Rosse so und sträuben,
Daß er das Wahre nicht gewahret vor Betäuben.

Was aber jeder dort der Geister hat gesehn,
Das tragen sie mit fort, wann sie zur Erde gehn.

Dem wahren Seyn, das sie geschaut in jenen Räumen,
Sinnen sie unten nach, und scheinen euch zu träumen;

Euch andern, die zum Licht empor nicht mochtet dringen,
Weil euern Rossen nicht gewachsen so die Schwingen.

Ihr habt indessen euch, vom Steigen angeregt
Der Götter auch, doch nur im niedern Kreis bewegt;

Wo ein Getümmel ward, ein lärmendes Gedränge,
Ein sinnverwirrendes verwirrtes Schaugepränge;

Wo jeder andres sucht, und alle gleiches Ziel
Im unaufhörlichen Weltwettlaufrennespiel.

Wo jeder jedem vor sich drängt auf engen Pfaden,
Nimmt mancher bald am Roß und bald am Wagen Schaden.

Und stellen sie dann ein, und haben nicht das Seyn
Gefunden, scheinen sie zufrieden mit dem Schein.


68

Ich sprach am Abend, als ich meinen Stock begoß:
Sag' an, warum sich heut nicht diese Blüt' erschloß?

Geröthet hat ihr Mund der Sonne Kuß empfangen,
Ihr Busen schwoll; warum ist sie nicht aufgegangen?

Da wiegte sanft der Stock sein Haupt im Abendwinde,
Und sprach: Ich hab' es selbst gerathen meinem Kinde.

Sie wäre heut nur unvollkommen aufgeblüht,
Denn viele schloß ich auf, und meine Kraft ist müd.

Wir wollen sammeln ihr im Schlummer frischen Duft,
Und morgen würzen soll ihr Hauch die Morgenluft.

So sprach der Strauch; ich gieng und hielt in mir zum Glück
Ein halberschlossnes Lied auf morgen auch zurück.


69

Das Ewige, das ganz genoßen Göttersöhne,
Ward Menschen dreigetheilt das Wahre, Gute, Schöne.

Denn käm' es ungetheilt, des Menschen schwache Sinnen
Riss' überwältigend das Ew'ge ganz von hinnen.

Drum hat es sich getheilt, nur in verschiedner Weise
Den Sinn zum Ewigen vorzubereiten leise.

Das Wahre wird gewahrt vom geist'gen Sinn, dem Sinnen;
Das Gute wohnt verhüllt dem Sinn des Guten innen.

Nur zu erscheinen hat das Schöne sich getraut
Dem äußern Sinne selbst, das Schöne wird geschaut.

Die beiden wollten auch durchs dritte sichtbar werden,
Zum Schönen sprachen sie mit flehenden Geberden:

Versprich uns, nie zu gehn ins Menschenaug' allein,
Ohn' uns in Geist und Herz zu führen mit hinein.

Sonst wird der blöde Geist das Wahre kaum gewahr,
Und nicht dem Herzen wird das Gute göttlich klar.

Du sollst das Wahre ihm bewähren, ja gewähren,
Das Gute sollst du ihm verklären, ja verklären.

Und dir, o Schönes, ist der Vorzug mit geschenkt,
Daß er als Gutes selbst dich fühlt, als Wahres denkt.

Nur wenn wir so in ihm ergänzend uns vereinen,
Wird ganz das Ewige im Endlichen erscheinen.


70

Dem Weisheitdurstenden hat nie so recht von Grund
Den Durst gestillt ein Buch, wie eines Lehrers Mund.

Lebendig ist der Trieb nur des gesprochnen Wortes,
Und das beschriebne Blatt vom Baum ist ein verdorrtes.

Selbst jenes Wort, das Erd' erschuf und Himmel dort,
War ein gesprochenes, nicht ein geschriebnes Wort.

Und dem gesprochnen Wort verblieb der Lehrberuf,
Zu schaffen immerfort, wie es zuerst erschuf.

Und selber Gottes Schrift in Schrift und in Natur,
Wird immer neu belebt durch Schriftauslegung nur.

Geschriebnes Wort, dem Buch vertraut, ist halb verlassen
Vom Geist, und halb nur kann der Menschengeist es fassen.

Es geht von Hand zu Hand, es kommt von Land zu Land,
Und findet, wie sichs trifft, Verstand und Misverstand.

Gesprochnes gehet durch erwählter Hörer Runde,
Und immer neu belebt geht es von Mund zu Munde.

Doch bildet es sich um, je weiter um es geht,
Verwandelt sich und schwankt, nur das geschriebne steht.

Ja, hätte nicht die Schrift den Zauberkreis gezogen,
Viel Gold der Vorzeit wär' im Wind wie Spreu verflogen.

Nicht minder drum dem Mund lerndurst'ger Menschenkinder
Als Spracherfinder sei geehrt der Schrifterfinder.

Wer ists? Gott, dessen Stift an Erd- und Himmelstrift
Geschrieben seinen Ruhm in Blum- und Sternenschrift.

Auf Tafeln von Lazur und auf smaragdner Flur,
Wie im Rubin der Brust, lies seine Namen nur.


71

Der Vorzeit Sprache sei dir heil'ge Hieroglyphe,
Die du bewahren mußt stumm in des Busens Tiefe.

Sie lebet nicht im Ohr, sie schwebet nicht vom Munde;
Sie dringt vom Grab hervor, und klingt im Herzensgrunde.

Die Jünger mühen sich mit nicht'ger Eitelkeit
Zu haschen einen Klang, den längst verweht die Zeit.

Sie suchen ihren Mund recht närrisch zu verrenken,
Um mit erzwungnem Laut Buchstaben zu beschenken.

Sie denken, so den Geist des Lebens einzusenken
Dem Buchstab, den sie sich als einen todten denken.

Was werden sie mit der Beschwörungskunst erreichen,
Wenn zu Scheinleben sie erwecken Wörterleichen?

Das geist'ge Bild entsetzt sich vor der Körperfratze,
Und selbst erkennt sich nicht die Sprach' in dem Geschwatze.

Du danks dem Geiste, der, weil eben mußt' entweichen
Der Stimme Klang, sich selbst befestigt hat im Zeichen.

Den Vätern dank' es, die vernehmlich ihren Söhnen
Sich über Zeit und Raum kund thun, doch nicht in Tönen.

Wie einst die Töne selbst in ihrem Sinn erklungen,
Das bild' in deinem Sinn, nicht mit dem Spiel der Zungen.

Den Kindern laß das Spiel, du höre mit dem Geist,
Und wisse, daß du nur durch Geist den Geist befreist.

Der Urwelt Sprache thut dir kund mit Geisterhauch
Nicht nur den innern Sinn, den innern Wohllaut auch.


72

Gleichgültig findet mich der Lenz zum erstenmal,
Alsob ich älter sei als Wald und Berg und Thal.

Da Wald und Berg und Thal, die alten, sich erneun,
Wie sollte sich nicht neu das alte Herz auch freun?

Ein halb Jahrhundert lang freut' ich mich Jahr um Jahr,
Und wardst du nun so alt in diesem einz'gen gar?

Nein! sondern weil ein Bild des Frühlings in mir steht,
Vor welchem das zu Nichts, das draußen steht, vergeht.


73

Wenn eingetroffen ist ein unverhofftes Hoffen;
Eh er beglückt sich fühlt, fühlt sich der Geist betroffen;

Wie, wer vom Schlaf erwacht, sich fühlet erst betäubt,
Dann der Aurikel gleich von frischem Duft bestäubt;

Und wie die Blume selbst, wann Regen kommt, erschrickt
Vor der Erquickung, eh sie still sich fühlt erquickt.


74

Gewohnheit ist so stark, daß selber die Natur
Zu thun scheint, was sie thut, oft aus Gewohnheit nur;

Daß die gewohnte Zeit dich hungrig scheint zu machen,
Und durstig, schläfrig auch, und selbst vom Schlaf erwachen.

Wenn zu gewohnter Zeit sich Hunger eingefunden
Und Durst, und Schläfrigkeit, zählst du villeicht die Stunden.

Wer aber zählte sie, wann ich im Schlummer lag,
Erwach' und höre den gewohnten Glockenschlag?

Drum ist Gewohnheit nicht ein Äußerliches nur,
Wie unser Sprichwort spricht: die andere Natur.

Mach von der einen Joch dich durch die andre frei,
Nicht mache, daß sie selbst ein zweites Joch dir sei.


75

Im Weg begegnen sich die Bien' und die Ameise,
Die singend in der Luft, und die am Boden leise.

Sie haben keine Zeit einander zu begrüßen,
Sie treibt der rege Fleiß auf Flügeln fort und Füßen.

Fort treibt sie reger Fleiß auf Flügeln und auf Füßen,
Zu büßen ihre Lust am bittern Werk und süßen.

Die Bien' am süßen Werk, die Ameis' an dem bittern,
Zu riechen Honigduft und Weihrauchkorn zu wittern.

Die Äms' am bittern Werk, die Bien' an ihrem süßen,
Arbeiten stets mit Lust, die Arbeitslust zu büßen.

Und fürchteten die Zeit zur Arbeit einzubüßen,
Nähmen sie sich die Zeit einander zu begrüßen.

Sie tummeln sich vorbei, und werden nicht gewahr,
Wie gleich und ungleich sie zusammen sind ein Paar.

Die Imm' ist im Geschäft beständig immer kräftig,
Die Äms' in Ämsigkeit nach Kräften stets geschäftig.

Den Vorrath schaffen sie nicht aus selbeignem Rath,
Sie wirken für ein Volk, und leben einem Staat.

Das Volk der Bienen wählt sich eine Königinn,
Ameisen hält zusamm nur der gemeine Sinn.

Darum im Bienenschloß auch wohnen faule Dronen,
Da im Ameisenhaus allein Arbeiter wohnen.

Darum die Bien' ihr Nest im Wipfel sucht geflügelt,
Und sich Ameisenbau vom Boden aufwerts hügelt.

Im weiten Weg der Luft geht Bienenschwarm nicht irr,
Noch, Ameis', in der Kluft dein wimmelndes Gewirr.

Doch Bienen sind gewohnt zu ruhn auf höchsten Spitzen
Der Pflanzen, weil am Stamm hinauf Ameisen sitzen.

Die Biene weidet sich an lichter Blüte Blitzen,
Die Ameis' an dem Harz, das zähe Rinden schwitzen.

Zart weiß den Nektarkelch ein Bienenmund zu schlitzen,
Scharf ein Ameisenzahn die spröde Haut zu ritzen.

Die Biene wehret sich mit scharfen Stachels Witzen,
Und die Ameise mit des gift'gen Saftes Spritzen.

Und aus der Biene Fleiß wird solch ein süßer Most,
Aus der Ameise Schweiß solch eine bittre Kost.

Verschiedentlich geschöpft ist aus demselben Born
Honig kristallisirt, geronnen Weihrauchkorn.

Und endlich kommen die verschiednen auch zusammen,
Wie Alles Lebende, in Götteropferflammen;

Wo Bienennektar träuft aus goldnem Spendgeschirre,
Und um die Glut gehäuft verdampft Ameisen-Mirre.

Die Mirre schwimmt empor, der Nektar rinnt herab,
Alswie die Biene selbst am Ende geht ins Grab,

Und wie die Ameis' auch vom Erdwall, den sie hügelt,
Wann sie zum Tod ist reif, steigt in die Luft geflügelt.


76

Der kluge Jäger sprach zu seinem treuen Hunde:
Du fange mir, was du erlaufen kannst am Grunde.

Nur eines fang mir nicht, wenn du's auch könntest fangen,
Den Falken, der an mir will auch mit Treue hangen.

Denn aus der Luft, in die du dich nicht auf kannst schwingen,
Da dient der Falke mir den Fang herabzubringen.

Der kluge Jäger sprach zum treuen Falken dann:
Hol aus den Lüften mir, was du vermagst, mein Mann.

Nur eines sollst du dort nicht holen, kühner Steiger,
Den Reiger, deinen Feind; mein Freund ist auch der Reiger.

Denn aus der Flut, in die du nicht hinab kannst dringen,
Da dient der Reiger mir den Fang heraufzubringen.

Der kluge Jäger sprach sodann zum treuen Reiher:
Du hole was du kannst mir aus dem vollen Weiher.

Nur eines hüte dich zu holen, einen Fisch,
Den goldnen, der nicht ist bestimmt für unsern Tisch.

Er ist bestimmt, zum Grund des Meers hinab zu dringen,
Und eine Perle draus mir jeden Tag zu bringen.

Die Perlen reih' ich all' an eine feine Schnur,
Bis voll ein Halsband wird, und wenig fehlet nur.

Das Halsband dann bekommt, wer mein getreuster Schalk
Wird von euch dreien seyn, Hund, Reiher oder Falk.


77

Der Erde dankt man nicht den Schatz, den man gegraben,
Dem Reichen nicht, was wir ihm abgewonnen haben.

Man dankt auch nicht dem Meer die Perlensaat am Strand,
Noch der Freigebigkeit die Gab' aus ihrer Hand.

Dort wird sich mit der Müh und Schwierigkeit entschuldigen
Der Undank, leichter hier selbst mit der Huld des Huldigen.

Dort rechnet zum Verdienst er sichs, daß dirs nicht roste;
Hier gilt ihm wenig, was er sieht daß nichts dir koste.

Drum rechne nie auf Dank, du magst nun deine Gaben
Dem Meere gleich verstreun, der Erde gleich vergraben.

Doch freue dich, zu sehn, daß sich der Finder freut,
Du habest aufgespart nun oder ausgestreut.


78

Vernimm, der ewigen Natur vier Elemente,
Wie in dir selbst sie sind als vier Temperamente.

Das erste Element, die Luft, lind-ungelind,
Bald sanfter Hauch in dir, bald ungestümer Wind.

Das zweite Element, das Wasser, ist geboren
Bald flüssiger Kristall in dir, bald Eis gefroren.

Das dritte Element, das Licht und Feuer heißt,
Ist ebenso in dir Licht- oder Feuergeist.

Das vierte Element, der andern Grund, die Erde,
Will daß sie Schwerkraft bald in dir, bald Trägheit werde.

Wie die vier Element' in sich zwiefaltig sind,
So sind sie auch in dir zwiespaltig, Menschenkind.

Und wie der viere keins in der Natur vorhanden
Allein ist, ohne daß die drei sich ihm verbanden;

So deine innren Lüft' und Fluten, Erd' und Flammen,
Sind Lebensmischung nur, wo alle sind beisammen.

Die Wesen aber, die Ein Element in freister
Bewegung haben, sind elementarische Geister.

Luftgeister wie die Luft ein Wallen nur und Weben,
Flutgeister wie die Flut ein Schwanken und ein Schweben.

Glutgeister wie die Glut ein Leuchten oder Sprühn,
Erdgeister wie die Erd' ein Starren oder Blühn.

Doch du, o Mensch, bist kein elementarisch Wesen,
Bist, oder kannst doch seyn, vom Sturm zur Ruh genesen.

Du bists, sind erst in dir die vier in rechter Mischung,
Dann wechselwirkend stets einander zur Erfrischung.

Daß keines ohn' und durch das andre nehme Schaden,
Liegt halb, o Mensch, an dir, und halb an Gottes Gnaden.

Die große Hälfte ist des Himmels, dein die kleine;
Er thut das Ganze, doch du thust dazu das deine.

Sei heiter wie die Luft, wie Feuer ohne Scheu,
Wie Wasser still und tief, wie Erde fest und treu.

Wo Elemente so geeint sind und geviert,
Solch ein Temperament ist wirklich temperiert.


79

Das weiße Licht ist leicht, das dunkle Schwarz ist schwer;
In Schwer' und Leichte wiegt sich alles Wesenheer;

Wie zwischen Weiß und Schwarz schwankt alle Schaar der Farben,
Die so Geburt als Tod von beiden stets erwarben.

Das Licht ist Leben nicht allein, auch Todeshauch,
Die Nacht nicht Tod allein, ist Lebensmutter auch.

Der Vater ist das Licht, der stets erzeugt die Farben,
Der Todesengel dann, von dessen Kuß sie starben.

Die Mutter ist die Nacht, die stets gebirt die Farben,
Und dann ist sie das Grab, in der sie Ruh erwarben.

Was von der Mutter kam, kehrt in der Mutter Schoß,
Weil, was den Ursprung nahm vom Vater, zu ihm floß.


80

Zweideutig ist, o Mensch, vernimm auch diese Lehre,
Dein Wesen, wie der Sinn von Leichtigkeit und Schwere.

Denn wo das Schwere sich macht gelten als das Wichtige,
Erscheint das Leichte nur dagegen als das Nichtige.

Doch ist das Leichte dann das Himmelstrebende,
So ist das Schwere das am Boden klebende.

Wo Schwerkraft fehlt, da ists ein Leichtes aufwertsfliegen,
Doch schwer ists ohne sie im Gleichgewicht sich wiegen.

Doch wo die Schnellkraft fehlt, der Schwung der Leidenschaft,
Da ist zum Guten nicht, noch auch zum Bösen Kraft.

Das Gute selber ist schwer anfangs, leicht zuletzt,
Seit Götter Schwierigkeit der Tugend vorgesetzt.

Wer sich das Leichte wählt, erreicht es leicht villeicht,
Doch schwerlich neidet ihn, wer Schweres schwer erreicht.

Wol leichter fertig ist nichts als Leichtfertigkeit,
Doch schwer ist leichter Muth in Widerwärtigkeit.

Dir gebe Gott, daß nie dein Leichtes werde flüchtig,
Und daß ein Schweres stets gehaltig sei und tüchtig.

Wer weder scheinen will schwerfällig noch leichtsinnig,
Der zeige sich zugleich gefällig und herzinnig.


81

Wer alles Gute liebt, wo er's nur aufgetrieben,
Darf auch das Gute, das er an sich selbst fand, lieben;

Wie einem Kinderfreund, dem lieb die fremden sind,
Erlaubt ist, daß ihm lieb auch sei sein eignes Kind.

Doch wie ein Vater streng das Kind zieht, das er liebt,
Und wie sein gutes Korn ein Hauswirth fleißig siebt;

Nicht minder lieb ist ihm das Kindlein, das er züchtigt,
Nicht minder werth das Korn, wenn er die Spreu verflüchtigt:

So liebe Gutes nur an dir, um es zu bessern,
Und laß den schlechten Wein den schlechten Schenkwirth wässern.


82

Stets löblich ist es, sich mit andern zu vergleichen,
Mag es zum Vortheil, mags zum Nachtheil dir gereichen.

Wo du den Vorzug hast, nie tracht' ihn zu verlieren;
Und sieh was dir noch fehlt, um dich damit zu zieren.

Doch wie du deinen hast, hat seinen Vorzug jeder;
Mit eigner schmücke dich, und nicht mit fremder Feder.


83

Der Liebe Blick ist gut, bös ist der Blick des Neides,
Der Liebe Blick thut wohl, der Blick des Neids thut Leides.

Der Blick des Neides reißt das Haus des Nachbarn ein,
Der Blick der Liebe fällt hinein wie Sonnenschein.

Der Blick des Neides zehrt wie Sommerglut die Bronnen,
Der Blick der Liebe schwellt das Herz wie Frühlingswonnen.

Dem Blick der Liebe blickt entgegen Lieb' aus allen,
Des Neides Wohlthun ist aufs eigne Herz gefallen.

Der Blick des Neides sieht zu seiner eignen Pein
Nur alles fremde groß und alles eigne klein.

Der Blick der Liebe sieht gern alle gut und reich;
Denn nur die Liebe macht dem Eignen Fremdes gleich.


84

Versammelt sah ich jüngst in sommerlicher Stille
Graspferdchen und Cicad', ein Heimchen und die Grille.

Mir schienen alle vier sehr ähnlich, doch nicht gleich,
Und jedes rühmte sich der Lust in seinem Reich.

Graspferdchen, daß es frei könn' über Gräser springen,
Cicade, daß sie hoch vom Baume könne singen.

Das Heimchen, daß daheim es sei am trauten Herde,
Und Grille, daß geheim sie wohn' im Spalt der Erde.

Ich sprach: O daß, wie die in Gras und Laubeskronen,
Im Haus und Feld, vergnügt so Menschen könnten wohnen!

Dann dacht' ich, daß sie sind so friedlicher Geberde,
Macht, daß sie einzeln sind, nicht eine ganze Herde.

Graspferd, Cicade, Grill' und Heimchen, ohne Harm
Jedwedes, dichtgedrängt sind sie ein Heuschreckschwarm.


85

Gott, der den Frieden gibt Friedfert'gen zum Geleit,
In jedem Sinne geb' er dir Harmlosigkeit.

Harmlosigkeit im Ohr hört überall Musik,
Und Schönes überall sieht ein harmloser Blick.

Harmlosigkeit im Mund macht niemals Herzen wund,
Und ein harmloses Herz ist selbst im Weh gesund.

Der Mann ist harmlos, der macht andern keinen Harm,
Und selber sich nicht härmt, er sei reich oder arm.


86

Dem Storch ward lang das Bein, um durch den Sumpf zu waten;
Die es zum Schwimmen braucht, der Gans ists kurz gerathen.

Sie braucht das Ruder, um die Fläche zu durchgleiten,
Die Stelze nicht, um wo sie schwimmen kann, zu schreiten.

Verschiednes Werkzeug wohnt Verschiednen dazu bei,
Daß manichfaches Spiel im einen Spielraum sei.


87

Weißt, wie der alte Pfau lehrt fliegen seine Jungen?
Wie er dem Vater auch sich selbst einst nachgeschwungen.

Am Tage schreitet er mit Lust im grünen Raum,
Am Abend wählt er sich zur Rast den höchsten Baum.

Und weil den Jungen kann so hoher Flug nicht glücken,
So trägt er einzeln sie hinauf auf seinem Rücken.

Da ruhn sie nun die Nacht, bis sie der Morgen weckt,
Da fliegt der Alte weg, die Jungen sehns erschreckt.

Er wandelt unten froh im Grünen hin und wieder;
Er trug sie nur hinauf, und holt sie nicht hernieder.

Er blicket nur hinauf, um sie herab zu locken,
Da wagen sie den Flug, und sind vor Lust erschrocken,

Zu fühlen, daß im Wind von selbst die Federn wallen,
Und daß sie halb schon sind geflogen, halb gefallen.


88

Die dumme Fabel sagt, des Pfauen stolz Gefieder,
Sieht er auf seinen Fuß, sink' ihm vor Scham danieder.

Wer aber hat das Rad des Pfauen je gesehn,
Und auf den Fuß gemerkt, worauf es mochte stehn?

Wenn die Bewundrung nun er sieht sein Rad betrachten
Und übersehn den Fuß, sollt' er ihn selbst beachten?

Die Sonne, die mit Lust vom Farbenbild betrogen,
Sich sieht im Pfauenrad alswie im Regenbogen,

Merkt nicht, daß hier im Koth der schöne Vogel geht,
Wie dort auf Erdengrund der Himmelsbogen steht.


89

Viel sind der Tugenden, doch jede ist die ganze,
Wenn ächt, so wie ein Bild vom Frühling jede Pflanze.

Wo eine Blume blüht, da muß der Frühling seyn,
Und wo der Frühling ist, da blüht bald groß und klein.

So gleich einander all und jede so verschieden,
So wohnen Blumen-gleich die Tugenden in Frieden.

Sie wohnen in der Brust, wie Blumen auf der Flur,
Und eine Himmelslust ist solch ein Anblick nur.


90

Nicht unter Gleichen ist die Freundschaft, noch Ungleichen,
Nur zwischen Ähnlichen, die sich Verschiednes reichen.

Wer etwas geben soll, muß eine Füll' an Gaben,
Und wer empfangen will, muß einen Mangel haben.

Und eines Mangel muß des andern Fülle seyn,
Sonst ist es nicht ein Tausch, nur einer Täuschung Schein,

Wenn du nicht geben kannst, was ich empfangen kann;
Das Wasser nimmt kein Öl, und auch kein Feuer an.

Doch hast du geist'ges Öl, und du hast geist'ge Flammen,
So traget ins Gefäß der Freundschaft sie zusammen.

Der Glutdocht wird im Öl, das Öl am Glutdocht brennen,
Und hell im Lampenschein zwei Geister sich erkennen.


91

Ein Geist, der schöpferisch den meinen angehaucht,
In dessen Glanz ich mich mit Sehnsucht eingetaucht;

Ich habe doch von ihm nichts als die Form genommen,
Und aller Stoff ist mir von andern hergekommen.

Die Welt ist lauter Stoff; du nimmst von denen eben
Den Stoff, nimmst sie als Stoff, die sonst nichts können geben.

Und nur dem Geiste selbst, der dir das Höchste gab,
Das geistige Gepräg, nimmst du nichts Ird'sches ab.

So hat die Sonnenblum' ihr Himmelsbild in Augen,
Und läßt die Wurzel rings im Boden Nahrung saugen.


92

Was ragen himmelan die kalten dort und stolzen
Bergriesen, denen nie ist Schnee und Eis geschmolzen?

Die Sonn' im Aufgang scheint sich über sie zu wälzen,
Doch kann ihr Lebenstral den Todesfrost nicht schmelzen.

Und nur wo tiefer dringt herab ins niedre Thal,
Weckt Erdenlebenslust der Himmelslebenstral.

Was ists? wär' etwa kalt die Sonn' in ihrer Nähe,
Und schiene wärmer dem, der sie vom weiten sähe?

Nein, sondern ob der Welt so hoch ist Sonnenmacht,
Daß keinen Unterschied die Spanne höher macht.

Die stolzen haben sich der Erden überhoben,
Und kamen näher nicht darum dem Himmel droben.

Die Himmelssonne nun, zu der Bescheidnen Trost,
Gibt diesen Lebenswärm' und jenen Todesfrost.


93

Es geht ein schmaler Weg hin zwischen Strom und Klippe,
Ein Wandrer mittendurch geht mit verlechzter Lippe.

Den Durst zu löschen, könnt' er hier am Strome nippen,
Und an den Beeren dort, die wachsen auf den Klippen.

Doch doppelte Gefahr droht her von Strom und Klippe,
Und lieber weiter geht er mit verlechzter Lippe.

Denn unten lauscht im Schilf des Stroms ein Krokodill,
Und oben im Gebüsch der Klipp' ein Tieger still.

Und wenn der Wandrer still und schnell nicht geht die Bahn,
So fällt hier Krokodill und dort ihn Tieger an.

Er denkt: wär' ich der Hund, der gleiche Sorge fühlt
Mit gleichem Durst, und ihn am Strom im Laufen kühlt.

Wär' ich das Vögelein, das auf der Klippe nascht,
Ohn' Ängste, daß nach ihm der große Würger hascht.

Wär ich der Gott des Orts! den Wanderern zum Segen
Führt' ich das Krokodill dem Tieger selbst entgegen;

Daß aneinander selbst sie stumpften ihren Zahn,
Und sicher künftig gieng' ein Wandrer diese Bahn.


94

Dem stärkern Feind entgeht der schwache mit der Hilfe
Des schwachen, wie der Frosch dem Krokodill im Schilfe.

Wenn der Verschlinger droht im Strom dem armen Frosche,
Nimmt der ein breites Schilf geschwind in seine Gosche.

Das quere Schilfrohr geht nicht in den weiten Rachen,
Und ungefärdet läßt das Ungethüm den schwachen.

Nun sitzt der Quaker dort und klagt sein Leid im Schilfe,
Daß man in solchem Strom hat nöthig solche Hilfe.

Gelungen ists, ich bin dem Schlinger nun entsprungen,
Doch so dem Schlingen nah ist schlimmer als verschlungen.


95

So nebneinander gehn durchs Leben Menschen hin
Daß keiner weiß noch fragt, wie ich gesinnt ihm bin.

Wol mancher ist dein Feind, und will es nur nicht zeigen,
Wol mancher auch dein Freund, und will es nur verschweigen.

Verschweigen möchten sie die Feindschaft, die sie hegen;
Doch auch die Freundlichkeit verschweigt ihr mir weswegen?


96

Ihr habt euch nun einmal verliebt ins Häßliche,
Und zur Bewunderung braucht ihr das Gräßliche.

Ich aber will mit Gott das Schöne lieb behalten,
Und siegreich seinen Glanz auch noch der Welt entfalten.


97

Wie gegen Morgen, wann die Nacht die Macht verlor,
Allmählich dünner um die Sinne wird der Flor

Des Schlummers, der dir hat die Außenwelt verhängt,
Daß sie nun ein zu dir sich durch die Ritzen drängt;

Und heller hinterm Flor schon das Bewußtseyn dämmert
Von dem was gegen Ohr und Auge dumpf dir hämmert;

Des Wachens Bildertanz dem Traumgestaltenchor
Sich mischt, bis dieser ganz in jenem sich verlor:

So gegen's Ende, wann die Macht verliert das Leben,
Und sich der Schleier will von einem Jenseits heben,

Tritt in dies Traumgewirr, das schon verworrner kreist,
Von höhrem Wachen auch ein halbverhüllter Geist;

Daß mit dem Seelenaug' und mit dem Herzensohr
Du siehest, hörst, was du nicht hörtest, sahst zuvor.

Dann überhöre nicht die leisen Ahnungen,
Von reinerm Ton und Licht die fernen Mahnungen;

Von einem Licht, das sich mit diesem nicht verträgt,
Von einem Hauch, wodurch sich dieser Rauch zerschlägt;

Von Morgenluft, die macht den Duft der Nacht zerrinnen,
Vom Gruß, daß nun Verdruß muß und Genuß vonhinnen.

Dann träum noch aus geschwind den Traum, der dich ergetzt,
Froh, daß er so gelind sich um ins Wachen setzt.


98

Blick her, o Welt, was soll von dir die Nachwelt denken,
Wenn deine Maler ihr von dir dies Zerrbild schenken?

In jedem Zuge Streit und Unzufriedenheit,
Krampf, Spannung, Unnatur und Übertriebenheit!

Und willst du Beifall wol dafür den Pfuschern schenken,
Die die Geberden dir verzerren und verrenken?

Dir selbst gefallen gar in den entstellten Mienen,
Und werden gleich dem Bild, in dem du dir erschienen?

Blick her, o Welt, ich will ein schönres Bild dir zeigen,
Und bist du selbst es nicht, so mach' es dir zu eigen.

Sieh, daß du heiter seyn, daß du auch lächeln kannst!
Und habe lieb das Bild, bis du dich lieb gewannst.

Wir wollen dieses Bild von dir der Nachwelt schenken,
Und in Vergessenheit die Schreckzerrbilder senken.

Wir wollen dieses Bild von dir der Nachwelt schenken,
Daß ohne Schaudern sie mög' ihrer Ahnfrau denken.


99

Was wirklich satt dich macht, das wirst du niemals satt,
Wie Brot, das immer Reiz für neuen Hunger hat.

Dagegen die Gewürz' und alle leckern Sachen,
Die wirst du satt so bald, weil sie nie satt dich machen.


100

Jemehr du aus ihm nimmst, je größer wird der Graben;
Freigebigkeit, das ist ein Bild von deinen Gaben.

Dem edlen Sinn ist kein geringes Bild zu klein,
Er macht es sich zurecht, und legt sich selbst hinein.

Sei du der Schöpfbrunn, der gern allen Nachbarn borgt,
Und vor Erschöpfung ist am wenigsten besorgt.

Er hat stets frische Füll', erhält man ihn im Zug;
Wo nicht, so überzieht ihn Schimmel bald genug.

Sei du das Licht im Haus, vom Scheffel unverdeckt,
Das glänzt, wenn an ihm wird ein andres angesteckt.

Es geht davon nicht aus, und seinen Widerschein
Sieht es im Nachbarhaus, kein Stern glänzt gern allein.

Wir alle sind nur Stern' in einer Erdennacht,
Gehn aus wie Lampen gern, wann unser Tag erwacht.


101

Der Angler sitzt am Strom und angelt ohne Zahl
Was er erangeln kann von Fischen breit und schmal.

Er angelt sie heraus und zittert nicht einmal,
Wenn er sie zappeln sieht am Land im Sonnenstral.

Da zittert in der Hand die Ruth' ihm doch einmal,
Weil angebissen hat am Fang ein Zitteraal.

Er ruft: du willst umsonst das Handwerk mir verbittern,
O Zitterer, du mußt heraus trotz allem Zittern.

Das Sprichwort sagt: Es hilft kein Zittern vor dem Frost,
Und dir, o Zittrer, hilft kein Zittern vor dem Rost.


102

In Lüften schwebt die Lerch' und über ihr der Aar,
Nicht ahnt die Sängerinn die schweigende Gefahr.

Nicht ihr droht die Gefahr, der frühwach aufgeschwungnen,
Sie droht den unten tief vom Schlummer noch umschlungnen,

Den jetzt vom Lerchenschall erst aufgesungenen,
Dann von der Adlerkrall' im Nu bezwungenen.


103

Entraffe dich dem Schlaf, er wirket nichts als Träume,
Du bist berufen wach zu wirken durch die Räume.

Der große König, der den Orient bezwungen,
Hielt schlummernd mit der Hand die Kugel stets umschlungen.

Die Erde selbst, um die das Kriegspiel er gespielt,
Stellt jene Kugel vor, die in der Hand er hielt.

Und drunten unter Hand und Kugel stand ein Becken,
Das, wenn die Kugel fiel, mit Klang ihn mußte wecken.

Sie fällt, der Erzklang weckt, der König wacht und sieht
Erschrocken, wie im Traum die Welt der Hand entflieht.


104

Zween Brüder waren einst, der groß und jener klein,
Der eine war zu grob, der andre war zu fein.

Und zwischen beiden stand ein dritter in der Mitte,
Der wie ein Fremdling war zu sehn an Wuchs und Sitte.

Ein Wagenmacher hieß all dieser dreie Vater,
Sie alle seine Kunst zu lehren alles that er.

Und mit des Himmels Gunst, da keine Müh er spart,
Lernen sie all die Kunst, jeder nach seiner Art.

Der große grobe macht den Wagen groß und grob;
Wenn er nur tüchtig ist, verdient er auch sein Lob.

Der Wagen ist nicht schön, doch derb und fest, ihn soll
Zugochsenvorspann ziehn der schwersten Garben voll.

Der kleine feine macht den Wagen klein und fein,
Zur Arbeit taugt er nicht, zum Spielwerk nur allein.

Die Arbeit ist so fein, daß sie nicht ganz erschien
Dem bloßen Aug', ihn soll ein Joch von Mücken ziehn.

Schon fertig sind die zwei, noch ist zurück der dritte,
Er steht in ihrer Mitt' und hielte gern die Mitte.

Das Beste von den zwein nimmt er zusammen bloß,
Er macht den Wagen fein und macht den Wagen groß.

Vollendet ist die Kunst, und auf dem Wagen sann
Er stehend, was davor sich zieme zum Gespann.

Da kamen aus der Luft herunter Flügelpferde,
Und ziehn den Wagen an zum Himmel von der Erde.


105

Der Bauer hat ein Hun und eine Kuh dazu;
Die Schuldigkeit will thun doch weder Hun noch Kuh.

Er hofft, ihm soll ein Ei vom Hun ein Mahl bereiten,
Und von der Kuh dabei die Milch den Trunk bestreiten.

Er hofft, es soll ein Ei ein Küchlein auch gebären,
Und daß die Kuh ihm sei bereit ein Kalb zu nähren.

Es fressen ihm die zwei umsonst nur Korn und Kräuter;
Das Hun frißt selbst sein Ei, die Kuh trinkt selbst ihr Euter.

O schlimme Eigenschaft, sich selbst nur zu beachten,
Weder Nachkommenschaft noch Haushalt zu betrachten!

Was kann im Haus der Bund von Hun und Kuh dir taugen,
Die ihre Eier und ihr Euter selbst aussaugen?

Drum sollst du in das Haus so Kuh als Henne schlachten,
Und neue kaufen aus dem Geld, das sie dir brachten.


106

Oft geh' ich durch die Flur, mein Auge still zu weiden,
Alswie ein Hirt sein Lamm auf überblümten Heiden.

Dann frag' ich mich, was ich die Blumen sonst gefragt,
Und sage mir, was sonst die Blumen mir gesagt.

Von der ich einen Gruß empfangen hab' im Winde,
Ihr Blumen saget mir, wo ich die Liebe finde.

Geh suche nur! sie ist wie Kindes Festbescherung
Von Mutter auf der Flur versteckt in Blumumwehrung.

Neugierig schaut' ich da in alle Blumenwiegen,
Und glaubte sie wie Thau in jedem Kelche liegen.

Und da wo ich sie fand, da stellten sich im Kreise
Die Blumenchöre auf, mit mir zu beten leise.

Die Blumen frag' ich nun: wo ist sie hingekommen?
Und leise sagen sie: den Strom hinabgeschwommen.

So schwimme nur den Strom auch du, o Thrän', hinab,
Und wo du treibst ans Land, dort ist der Liebe Grab.

Dort melde mich der Lieb' und sage: Bald wird kommen
Die müde Sehnsucht auch, und sei hier aufgenommen.

Und wo die Sehnsucht ruht, da stellet euch im Kreise,
Ihr Blumenchöre, auf, und betet ob ihr leise.


107

Du sagst, dir sei zu weit die dreißigstünd'ge Reise,
Und drehest jeden Tag dich stundenlang im Kreise.

Die Stunde dehnest du, alswie ein müß'ger Reiter,
Vom Haus zurück zum Haus, und rückst dabei nicht weiter.

Setz' einen Monat lang zusammen nur die Stunden
In grader Linie zum Ziel, so ists gefunden.

Mit solchem Kunststück kommt die Schnecke selbst zum Zwecke,
Und ohne solches auch das Rennthier nicht vom Flecke.


108

Die Leier immer hängt gestimmt in meiner Klause,
Und wartet, welch ein Sturm durch ihre Saiten brause.

Bald ists des Himmels Sturm, der die Akkorde greift,
Und bald des Dichters Geist, der sie im Fluge streift.

Wenn du, o Sturm der Nacht, aufspielest, hör' ich zu;
Und bist du müd', und ich will spielen, höre du!

Geheimnisse der Nacht hast du mir vorgesungen,
Nun hör' ein Lied aus Menschenbusensdämmerungen.


109

Wer mit geschickter Hand die heilge Schrift abschreibt,
Kein Zweifel ist daß er ein fromm Geschäft betreibt.

Denn an der Abschrift kann ein Frommer sich erbaun,
Sich freuen Gottes Wort so klar vor sich zu schaun.

Doch wenn der Schreiber selbst nichts weiter thut wan schreiben,
So wird, was andern frommt, ihm selbst unfruchtbar bleiben.

Und also, wenn du machst dein eignes Seyn und Leben
Zu einem schönen Buch, um es der Welt zu geben;

Wenn es auch alle Welt mit Lust und Andacht schaut,
Was nützt es dir, wenn es dich selber nicht erbaut?


<<< Inhalt home >>>