Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Viertes Bändchen, 1838. XI


1

Gar manches sagt nicht rein brahman'sches der Brahman;
Sei es rein menschlich nur, so nehmen wir es an.

Doch dieses, was aus gar zu fremden Augen schaut,
Hat ein europischer Bekannter ihm vertraut.


2

Erbauen läßt sich nicht, so daß sie steht und hält,
Aus epikurischen Atomen eine Welt.

Aus Sonnenstäubchen ist die Sonne nicht entstanden;
Die Stäubchen sind nur, weil die Sonne scheint, vorhanden.

Viel ehr gefallen mir Leibnitzische Monaden,
Die eine Urmonad' unsichtbar hält am Faden;

Ein Sphärenwirbel von beseelten Einzelheiten,
Wie aus Bruchstücken hier sich will ein Lied bereiten.


3

In der Neujahrsnacht fuhr ich durch verschneite Flur,
Vom Jahreswechsel war im Schnee da keine Spur.

Die zwölfte Stunde nur schlug meine Taschenuhr,
Doch rings blieb theilnahmlos die schweigende Natur.

Die Zeitabschnitte sind vom Menschen nur erdacht,
Ununterbrochen geht die Weltuhr Tag und Nacht.

Jahrstunden rufet Lerch' und Schwalb' und Kukuk aus,
Und Perpendikelgang ist Sturm und Wogenbraus.

Der Sommer macht dem Herbst, der Winter Platz dem Lenze,
Doch nirgends abgesteckt ist sichtbar eine Grenze.

Der Zeiten Wagen rollt gleich über Au'n und Haiden,
Ohn' Anstoß über Jahr' auch und Jahrhundertscheiden.

So rollet mein Gesang mit mir die Welt entlang,
Den Zeitenwechsel durch, mit immer gleichem Klang.

Von Lebensstation zu Station begleitend,
Der Himmelssonne gleich, durch alle Zeichen schreitend.


4

Der Millionen, die nun auf der Erde wohnen,
Und aller schon zuvor gegangnen Millionen,

Wie viele sind es, die nachließen eine Spur?
Viel Tausende sind im Verhältnis wenig nur.

Die allermeisten sind verschollen ohne Namen,
Auch denen ungekannt, die hart nach ihnen kamen.

Und jene Wenigen, die nicht sind namenlos,
Sie leben auch im Buch und dem Gelehrten blos.

Von tausend einer nur lebt in des Volkes Munde;
Und diesem auch was hilft die undankbare Kunde?

Gewohnheit nennet ihn, kein Wunsch doch kennet ihn;
Schad' um die Todtenruh, von der man trennet ihn.


5

Der Tod ein Schauder und Entsetzen der Natur,
Dem Anblick fürchterlich, hold dem Gedanken nur.

Süß ist Gestorbensein, und bitter nicht ist Sterben,
Doch Sterbensehen ist der Lebenslust Verderben.

Und um wie höher steht schon auf der Stufenleiter
Ein Leben, um so mehr sind widerlich die Scheiter.

Der Stein, lebendigtodt, ist drum sich immer gleich,
Ihn macht der Tod nicht kalt, ihn macht der Tod nicht bleich.

Die Blum' auch welket zwar, vom Stengel abgepflückt,
Doch ist die welke noch mit Farb' und Duft geschmückt.

Und jene Blüthe, die an keinem Stiel darf rasten,
Der Schmetterling ist schön noch in des Sammlers Kasten.

Der Vogel, dem das Herz nicht unter'm Flaum mehr klopft,
Und steif den Fittig hängt, ist artig ausgestopft.

Die größern Thiere, die nächst an den Menschen reichen,
Sind widerwärtiger, je größer ihre Leichen.

Doch nur den Menschen, weil er ist des Lebens Krone,
Macht völlig schauderhaft das Leben, das entfloh'ne.

Darum verhüllte, den der Freunde Dolch erstach,
Sein Haupt vor'm Himmelsaug', eh' ihm das Auge brach.

Wie auf Naturgeheiß die Thier' auch, wenn sie siechen
Am letzten Weh, in Schlüft' und Höhlen sich verkriechen.

Und ein mit Schönheitsinn begabtes Volk bedeckt
Den Sarg mit Blumen, daß sein Anblick minder schreckt,

Nachahmend der Natur, die, überall erfüllt
Von Gräbern, jedes Grab in Blumenteppich hüllt.


6

Dem Lichte, daß es brenn', ist nöthig Fett und Docht;
Fehlt ihm von beiden eins, so hat es nichts vermocht.

Und beide müssen rein auch aufgehn miteinander,
Daß seines Elements froh sei der Salamander.

Wo Docht zu kurz ist, da erstirbt im Fett der Klumpen;
Und wo das Fett ausgeht, verlodert schnell der Stumpen.

Die Schwindsucht ist es hier, und dort die Wassersucht,
Des Mißverhältnisses mißliche Doppelfrucht.

Erfreulich leuchtet da allein des Lebens Licht,
Wo Geist und Körper ist im rechten Gleichgewicht.


7

Das Bischen Dichterruhm, die späte Spätherbstaster,
Wär' ein unnützes Kraut und unwirksames Pflaster,

Wenn eine eigne Kraft nicht selber wohnte bei
Der Poesie, zu sein des Herzens Arzenei.

In großer Trübsal hab' ich dies Hausmitt'l erprobt,
Und wenig kümmert mich, ob es ein Kritler lobt.


8

Groß ist die Ähnlichkeit von Seel' und Schmetterling.
Doch die Verschiedenheit von beiden nicht gering.

Die Puppenmaske zeigt ein Todtenangesicht,
Aus dessen Ernst ein Strahl von höherm Leben bricht;

Das ist das Gold, wovon die Chrysalide trägt
Den Namen, darin ist Verklärung vorgeprägt;

Nur daß der Schmetterling noch in dem Sarge liegt,
Indeß vom Kerker frei die Psyche drüber fliegt.

Die Psyche, die, wie sie sich unsichtbar gestaltet
Im Leben, so im Tod unsichtbar sich entfaltet.

Der Schmetterling erhebt sein himmlisches Gefieder,
Senkt nieder es, und heckt am Boden Raupen wieder.

Ich aber hoffe, wenn mein Schmetterling sich hebt,
Daß ewig erdenfrei er durch die Himmel schwebt.

Denn keine Blume blüht hienieden, die aus Lüften
Mich locken könnte gleich dem Schmetterling mit Düften.


9

Der Postbot' in ein Haus mit zweien Briefen rennt,
Versiegelten, davon er nicht den Inhalt kennt.

Er merkt auch nicht darauf, ob außen in den Siegeln
Sich die Verschiedenheit des Inhalts möge spiegeln.

Der eine freudenroth gesiegelt meldet Lust,
Der andre trauerschwarz verkündiget Verlust.

Der Bote gibt sie ab, nimmt dafür in Empfang
Den Lohn, und setzet fort gleichgültig seinen Gang.

Er fragt nicht, wie sie nun sich werden hier vertragen,
Die ja verträglich auch im Postfelleisen lagen.

So bringt das Schicksal oft zusammen Lust und Schmerz,
Und fragt nicht, wie sie sich vertragen um ein Herz.


10

Erhebe dich, mein Herz, mit Wogenschlag, und gleiche
Dem Meere, das bei sich nicht leidet eine Leiche.

Es wirft die Leichen aus; so du mit heil'gem Braus
Erhebe dich und wirf fort allen Todesgraus.

Wie Föbos Eiland, wo kein Todter ward begraben,
So soll in dir der Tod auch keine Stätte haben.

Und war's ein theuerstes, was todt ist das ist ab;
Im Himmel fliegt der Geist, der Moder liegt im Grab.

Du sei die Grube nicht, worin Verwesung liegt;
Sei du der Himmel, drin der reine Geist sich wiegt.


11

Ich dachte nun erst warm im Alter dich zu pflegen,
Und muß statt aller Pfleg' ins kalte Grab dich legen.

Die Zinsen dacht' ich erst der Schuld dir abzutragen
Der Sohnesdankbarkeit, statt dich ins Grab zu tragen.

Gott nimmt den Willen für die That; nicht mir beschieden
War's, dir zu schaffen Ruh; er schuf dir Ruh und Frieden.


12

Oft zu verspotten scheint das Schicksal unsern Plan,
Doch wir verspotten es, es ist uns unterthan.

Mit Liebe dacht' ich dein an einem stillen Abend,
Den Lebensabend malt' ich dir so still und labend.

Du solltest leben, bis ich meinen Sohn vermählte,
Und ein Urenkel noch ein Mährchen dir erzählte.

Das sollte trösten dich für jeglichen Verlust,
Und blüh'n seh'n solltest du noch einmal deine Lust.

Am selben Abende, mir ungeahnet, fern,
Bist du gegangen, abgerufen von dem Herrn.

Ward von dem Schlage so der Lebensbaum vernichtet?
So wenig nichtig ist, was Liebe je gedichtet.

In einem Augenblick hab' ich ein langes Leben
Mit dir gelebt, und kann der Gruft dich ruhig geben.


13

Die Mutter hast du mir, den Vater noch vorab,
Die Schwester zwischenein, geleitet all' zu Grab.

Den allen warest du nicht Arzt allein des Leibes,
Ein Seelentrost und Freund; das sei auch mir und bleib' es.

Nenn' ich dich Äskulap? ich nenne rüstig heiter
Dich Hermes mit dem Stab, den Seelenheimgeleiter.

Du legest ja nicht auf, erhebest nur den Zoll,
Und hilfst gewissenhaft sterben, was sterben soll.

Ihr Ärzte seid einmal verordnet uns zu Mördern;
Heil denen, die geschickt und freundlich uns befördern.


14

Weil ich kein Weltkind bin, nicht habe Weltverstand,
Der rechte Sinn mir fehlt für Weltbetrieb und Tand;

Scheint jeder auf der Welt berufen mit Behagen
Von Weltgut lästigem mir etwas abzujagen.

Doch fühlt kein Freund sich aufgelegt, von unbequemen
Geschäften weltlichen mir auch was abzunehmen.


15

Soviel hab' ich gelernt: ich darf auf gar nichts zählen;
Worauf ich zählte, das gerade wird mir fehlen.

Gezähltes wird nicht mehr, gezähltes Gut wird minder;
Ja Wolf und Löwe frißt gezählte Schaf' und Rinder.

Gezähltes wird nicht mehr; je mehr der Geiz'ge zählt
Wie viel er hat, je mehr meint er, daß ihm noch fehlt.

Drum zähle nicht, die Gott gezählet hat, die Zahl
Der Haare deines Haupts; wer sie erst zählt, wird kahl.

Zähl' deine Freuden nicht! es möchte dir hienieden
Bedünken, wenige nur seien dir beschieden.

Doch deine Leiden, wenn du sie willst zahllos meinen,
Zähle sie nur, damit sie dir gering erscheinen.

Wie manchmal mit Bedacht die Rechnung wird gemacht,
Die Rechnung ist am End' ohne den Wirth gemacht.

Die Summe willst du ziehn, und machst schon deinen Strich,
Da macht das Schicksal durch die Rechnung einen Strich.

Mit goldnen Gülden glaubst du dich bezahlt, die blechnen
Erkennest du zu spät, die Pfennige bei'm Rechnen.


16

Kein Schaden kann dich je betreffen in der Nacht,
Den nicht zu Nutzen sich gemeine Habgier macht.

Wo sie nur eine Leich' erwittern in dem Hause,
Da sammeln alsogleich die Raben sich zum Schmause.

Erleichtern wollen sie dir recht die Weltentschlagung;
Doch den Brahmanen ziemt gemäßigte Entsagung:

Nur die Begierden, nicht die Kleider auszuziehn,
Weil ich noch nicht gereift zum nackten Büßer bin.


17

Du mußt zuviel nur von den Freunden nicht verlangen,
Sie mögen gerne Dank für Weniges erlangen.

Nicht helfen wollen sie, doch wollen sie dir rathen;
Lohn' ihnen Gott, was sie um Gotteswillen thaten.


18

Es ist ein wahres Wort: Wer glaubt, der wird betrogen;
Wer aber Keinem glaubt, hat sich noch mehr entzogen.

Wenn Niemand ihn betrügt, wenn Niemand ihn beraubt;
Wie elend, wer sich stets beraubt betrogen glaubt!


19

Wie schwer entschlägst du dich, ein gleiches andern an
Zu thun, wie andere dir selber angethan.

Wen man von oben drückt, der drückt nach unten weiter,
Und Unterdrückung wird dadurch auf Erden breiter.

Wer in der Jugend sich durch Mühsal mußte schlagen,
Den rührts im Alter nicht, wenn sich die Jungen plagen.

Und wen Gleichgültigkeit gekränkt und Unbeachtung,
Zieht fremdes Schicksal nicht in herzliche Betrachtung.

Das alles ist gewiß natürlich, doch das Heil
Der Menschheit forderte das grade Gegentheil.


20

Ungleich gestellt sind Glück und Unglück in dem einen,
Daß einen Gipfel jen's wohl hat, doch dieses keinen.

So glücklich kannst du schon geworden seyn, daß nun
Ein Zuwachs kein Gewicht kann in die Wage thun.

Doch so unglücklich nie, daß nicht die Schale schwerer
Noch werden kann, wodurch? vernimm's von deinem Lehrer:

Dadurch, daß, wenn du schon verlorest jedes Gut,
Du obendrein verlierst Fassung und Lebensmuth.


21

Ja, ja, du ließest gern dir jede Noth abnehmen
Des Lebens, wollte sich dazu ein Freund bequemen.

Sag an, ob jede Lust des Lebens auch? mitnichten.
Nun, wenn du hier nicht willst, mußt du auch dort verzichten.

Des Lebens Lust und Noth nimmt keiner keinem ab,
Sie trägt ein jeder selbst und legt sie ab am Grab.


22

Auch in der bösen Zeit ist Gutes nicht verschwunden,
Bei den Verfolgten wird es wenigstens gefunden.

Die Zeit ist aber gut, wo herrschend sich bezeugt
Das Gute, und verzagt sich ihm das Böse beugt.


23

Die hier am lautesten erschollen und erklungen,
Wo sind die Namen hin? verschollen und verklungen!

Wo sind, die sich so voll erschlossen und erblüht,
Die Knospen unsres Ruhms? verschlossen und verblüht.

Wo, die so freudenhell erglommen und erstrahlt,
Die Sonnen unsrer Lust? Verglommen und verstrahlt.

Wohin ist alles das, worüber und worbei
Wir waren stolz und froh? vorüber und vorbei.


24

Nein, nein! weil alles schlimm dir ist bisher ergangen,
Vor'm allerschlimmsten darfst du nur nicht auch noch bangen.

Vielmehr das Schlimmre wird einmal genug nun seyn,
Wie auf die Regenzeit folgt endlich Sonnenschein.


25

Vergeblich alles, was du für die Welt gebildet,
Hat es dich selber nicht geschmeidigt und entwildet.

Erst muß dich das Gefühl der eignen Bildung laben,
Dann mag es dich erfreu'n, die Welt geschmückt zu haben.


26

Wie unerträglich dir die leeren Tage waren,
Die vollen hast du nun zur Übergnüg' erfahren.

O nie beklage mehr dich über Tage leer,
Sei froh, wenn, wie von Lust, sie sind von Plage leer.


27

Nicht der ist glücklich, den ein Unglück nie geschlagen;
Wer weiß, wann es ihn trifft, wie er es wird ertragen.

Nur der ist glücklich, der mit Fassung eines trug,
Und noch manch andres ist zu wagen stark genug.

Denn mancher Sturmwind tobt, der unser Schifflein probt,
Und wenn die Prüfung wir bestehn, sei Gott gelobt.


28

Das Sprichwort auch ist wahr: wer sitzet in dem Röhricht
Und keine Pfeife da sich schneidet, der ist thöricht.

Und wer die günstige Gelegenheit verdämmert,
Der ist es, der das kaltgewordne Eisen hämmert.


29

Die Heerde weidet und der Hirte weidet sie;
Wie eins ist Heerd' und Hirt, wer unterscheidet sie?

Er blickt, alsob er sie mit seinen Augen weide,
Und daß sie weiden, das ist seine Augenweide.

Die stille Hürde dort steht am bekannten Ort,
Da ist des Hirten Herd, und seiner Horden Hort.

Dann wird er scheren sie im Sommer, wenn sie wollen;
Und ihm bescheren sie die überflüss'gen Wollen.

Wie eines Wehr und Werth dem andern so gewährt,
O wenn ihr, Herr und Heer, wie Hirt und Heerde wärt!


30

Den Ausspruch hat zuerst ein starr Gesetz gethan:
Gleiches um Gleiches, Aug' um Auge, Zahn um Zahn.

Ein milderes Gesetz der Liebe sprach dagegen:
Liebt euren Feind und gebt dem, der euch flucht, den Segen.

Doch weil fast über's Maaß der Menschheit dieses geht,
Hielt so die Mitte der arabische Prophet:

Vergeltet, wie man euch vergolten, aber treiben
Darüber sollt ihr's nicht, darunter dürft ihr bleiben.

Vergeltet! aber wenn ihr wollt euch vom Vergelt
Enthalten, besser ist's für den, der sich enthält.


31

Was willst du mit der Welt? Du kannst sie nicht durchmessen,
Und in dein enges Herz sie nicht zusammenpressen.

Du lösest sie nicht auf, der Räthsel sind zu viele,
Noch lenkest ihren Lauf, sie rennt nach eignem Ziele.

Wohlauf, so viel du kannst, mit Lieb' und Geist zu fassen,
Und was du nicht begreifst, dahin gestellt zu lassen.

Wie Krämer ihre Waar', auch deine sollst du tauschen,
Versenden Liebesgrüß', und der Erwidrung lauschen.

Ich sende diesen Gruß, und sage nicht, wohin?
Doch wissen möcht' ich, ob ich dort willkommen bin.


32

Das Eine, das du liebst, wird dir vom Tod entzogen,
Und um das Andre hat die Ferne dich betrogen.

Ein Drittes lebt, und ist dir nah, und doch getrennt;
Das ist die Trennung, die ein Herz am meisten brennt.


33

Die Sterne mögen dir aus Winternächten blinken,
Und Blumen einen Gruß von Sommerhügeln winken.

So bleibt dir liebend nah von unten und von oben,
Was dir der Tod in Erd' und Himmel aufgehoben.

Doch wenn ein Lebender den Gruß mir schuldig bleibt;
Schämt er sich nicht vor dem, was Blum' und Strom mir schreibt?


34

Ich unterhalte mich so oft in meinen Liedern
Mit Freunden, die darauf so wenig mir erwiedern.

Als ob nicht jedes Lied, dem keinen Namen bei
Ich schrieb, an jeden, dem's gefällt, gerichtet sei.

Doch mit dem Dank darauf will keiner sich befassen,
Das bleibt dem Kritiker, wie billig, überlassen;

Der wie ein Sekretär schreibt in des Gönners Namen,
Daß deine Opfer zur Behörde richtig kamen.


35

Gott theilet, wie er will, die Güter aus hienieden;
Fragst du, warum er dem hat mehr als dem beschieden?

Wenn du nur wenig hast, ein andrer hat noch minder;
Du bist bei weitem nicht das ärmste seiner Kinder.

Doch seiner Kinder auch das ärmste fühlt sich reich,
Das Gottes Kind ist, dies Gefühl macht alles gleich.

Du möchtest theilen mit den Reichen wohl auf Erden
Die Fülle, nicht auch mit den Armen die Beschwerden?

Wenn Alles aber gleich getheilet Allen würde,
Leicht käm' auf dich von Gut noch minder, mehr noch Bürde.

Drum laß, wie's ist getheilt, und nimm an Lust und Leid
Der Brüder Antheil ohn' Hartherzigkeit und Neid.

Den Reichen laß sein Gut, wenn er's allein will tragen,
Und tragen hilf so viel du kannst des Armen Plagen.


36

Gott leitet, wen er will, und lässet irre gehn,
Und selbst für seinen Weg muß jeder Rede stehn.

Was also bleibt dir, als um Leitung ihn zu bitten:
Herr, überlaß mich nicht den eignen irren Tritten!

Ja wohl! mein Rath allein kann irre gehn, nicht deiner;
Drum soll dein Rath allein an mir ergehn, nicht meiner.


37

Nie sicher ist, wer um mit falschen Listen springt,
Daß nicht der Boden gähnt und ihn hinunterschlingt.

Denn überall Verrath muß der Verräther scheuen,
Auftreten mit Vertrau'n kann nur der Fuß des Treuen.


38

Seht, wann die Sonn' aufsteht, bis wann sie untergeht,
Wie sich von Berg und Baum umher der Schatten dreht.

Weil ihre Starrheit nicht will Niederfall gestatten,
Anbetend werfen sie zur Erde doch den Schatten.

Wenn nicht wie Berg und Baum ihr starr seid, werfet nieder,
Wie ihren Schatten sie, anbetend, eure Glieder!


39

Laß deinen Arm nicht schlapp am Leibe niederhangen,
Und laß ihn auch zu weit aus in die Luft nicht langen.

Denn nichts erlangen wird, wer nicht den Arm ausstreckt,
Und der verrenket ihn, wer ihn zu weit ausreckt.


40

O geh nicht stolz einher auf Erden! denn nicht birst
Der Boden, wo du trittst, wie stark du treten wirst;

Und zu der Berge Haupt wird dein's empor nicht reichen.
Bei Gott und Menschen sind verhaßt des Hochmuths Zeichen.


41

Wir haben, spricht der Herr, der Erde Schmuck bereitet,
Damit daran geprüft sei, wer durch's Leben schreitet.

Wer nach dem Schmucke hascht und sich darin verfängt,
Gelangt zum Himmel nicht, weil er am Ird'schen hängt.

Doch wer mit Füßen tritt den Schmuck und ihn verachtet,
Hat höhern Sinn, nur daß er zu gewaltsam trachtet.

Wer mit dem Schmuck sich schmückt, und, wie er Blumen pflückt,
Sein Ziel hält unverrückt, nur der ist ganz beglückt.

O freue dich, daß, wo du gehst, an deinen Pfaden
Die kühlen Schatten stehn, die dich zur Ruh einladen.

Erquick' und stärke dich, doch nicht in träger Rast
Vergiß des Weges, den du noch zu machen hast.


42

Die Welt ist öd' und leer, und grenzenlos der Raum,
Wo nicht die Liebe wohnt mit einem Himmelstraum, —

Wo nicht die Liebe wohnt, von der, zu der du gehst,
Um deren Mittelpunkt du dich im Geiste drehst.

Drum denke, wo du gehst, damit nicht öd' erscheine
Die Welt, daß eine Lieb' auch dort wohnt, irgend eine, —

Daß irgend einer dort träumt seinen Liebestraum;
Den gönn' ihm, träume mit, und voll sei dir der Raum.


43

Was ist zu wissen werth, was ist nicht werth zu wissen?
Des Wissenswürdigsten hätt' ich mich gern beflissen.

Gleichwerth ist alles wohl zu wissen, wäre nur
Das Leben lang genug, zu gehn auf jeder Spur.

Darum verlier' nicht Zeit zu fragen, was nun frommt
Zu lernen, sondern lern', was in den Wurf dir kommt.

Am besten aber, was gleich frisch ist, zu verbrauchen;
Denn was du lang' aufsparst, wird über Nacht verrauchen.


44

In einem bist du mit dir uneins fort und fort,
Daß bald die Sache mehr dir gilt und bald das Wort.

Bald scheint das Wort dir leer, die Sache nur vorhanden,
Und bald die Sache todt, das Wort allein verstanden.

Und nur wo Poesie ihr schönes Bild des Scheins
Dir vorhält, fühlest du, wie Wort und Sach' ist eins.

So, wort- und sachgelehrt, ein Dichtersprachgelehrter,
Sei du vielfach gelehrt, und nicht ein Fachgelehrter.


45

Gemeinverständlich sei ein Buch, das zur Erbauung
Das Volk hat in der Hand, zu täglicher Beschauung.

Doch etwas darf darin und soll seyn unverständlich,
Damit die Andacht sich daran erbau' unendlich.

Denn ein Verständliches ist endlich auszubeuten,
Ein Unverständliches unendlich umzudeuten.


46

Wie oft verirrtest du, wie oft verirrst du noch,
Und kommst zu einem Ziel mit allem Irren doch.

Nicht sei entschuldiget dein Irregehn, gepriesen
Sei einzig Gottes Macht, die dich zurecht gewiesen.


47

Leicht ist's, mit der Natur im Einklang dich empfinden,
Wenn sie im wonn'gen Schooß dich wiegt mit weichen Winden.

Doch anders, wenn sie an dich haucht mit eis'gem Sturm,
Und schauernd du vor ihr dich krümmest wie ein Wurm.

Dann fühlest du, daß sie das Leben nicht allein,
Der Tod auch ist, und ihr gleichgültig Herz und Stein.

Dann danke Gott, der dich nicht gab in ihre Macht,
Und nimm dich künftig auch vor ihrer Huld in Acht.


48

Was hält den Vogel, der in Lüften schwebt, am Band,
Daß er zur Erde nicht herabfällt? Gottes Hand.

Dieselbe Gottes Hand hält auch am Band dein Leben,
An welchem Abgrund auch es der Gefahr mag schweben.

Mach', wie der Vogel, des Vertrauens Fittig fest!
Vom Irrflug trägt er dich noch heut' in's sichre Nest.


49

Der Finke, der am Weg ein trocknes Körnlein hascht,
Hat Kirschen wohl im Lenz, Trauben im Herbst genascht.

Er nimmt es wie es kommt, bleibt frisch an Leib und Seele,
Nur singt er nicht, und blaß ward ihm das Roth der Kehle.

Einst singt er wieder, und sein blasser Hals wird roth,
Wann wieder Kirsch' und Traub' ihm gibt sein täglich Brod.

Auf, schwinge dich, mein Geist, aus diesen Kummerschranken,
Wie mit den Flügeln er, mit muthigen Gedanken.


50

Das weiße Grabtuch, das der Schnee auf's Grün gedeckt,
Lockert im Lebenstrieb, darunter still erweckt.

Und also schwellen mir im Herzen neue Keime,
Und also quellen mir aus Schmerzen neue Reime.

Das Herz will hoffnungsvoll versuchen noch ein Jahr,
Ob es ihm besser sei, als das vergangne war.

Das hat am längsten Tag und um die längste Nacht
Ein Unglück, jedes ohn' ein gleiches, mir gebracht.

Nun bringe dieses mir in lang- und kurzen Tagen,
Wenn nicht besondre Lust, doch Ruhe sonder Plagen.


51

Wer in dem Winter stirbt, warum sollt' er nicht sterben,
Wo alle Blätter von des Frostes Hauch verderben?

Und wer im Sommer stirbt, wo alle Blumen blühn,
Wie wär' er todt? sein Grab macht Lebenshoffnung grün.

Drum wer im Sommer dir und wer im Winter starb,
Natur hat einen Trost, Heil dem, der ihn erwarb.


52

Wieder ein Strebender, der hohes wol und vieles
Erstrebte, ging dahin, und unerreichten Zieles;

Und hat, indem er es verfehlt, erreicht das Ziel,
Wie jeder, der mitspielt dies Weltlusttrauerspiel.


53

Ja such' in deines Volks Ruhmtempel nur zu prangen,
Wo lebend nicht hinein, im Tod doch, zu gelangen.

Daß, wann viel Namen, die nun klingen, sind verklungen,
Noch deiner sei genannt von später Enkel Zungen.

Nicht wecken wird dich das, noch stören deine Ruh,
Doch Trost und Lohn dir seyn: Noch ruhend wirkest du.

Im Tode wirkst du, was du nicht gekonnt im Leben,
Zu sittigen die Welt und Herzen zu erheben.


54

Schön ist es überall, ein Stellvertreter seyn,
Zu gelten für die Welt, und nicht für sich allein.

Die vielen gehn dahin, vom Drang des Tags getrieben,
Und wo sie gingen, ist nicht ihre Spur geblieben.

Stehn bleiben wenige, das Zeugniß nachzutragen
Vom Streben ihrer Zeit, wann andre Zeiten tagen.

Das sind die Geister auf der Menschheit höchsten Stufen,
Bei deren Namen sind die Zeiten aufgerufen.

Doch wie ein weit Gebirg am Horizonte sinkt,
Und endlich sichtbar nur der höchste Gipfel blinkt;

Die vielen Gipfel, die im Ferneduft verschwammen,
Sind gleichsam unsichtbar im Einen nun beisammen;

So von den Geistern auch wird Einem aufgetragen,
Im Namen aller, die hinuntergehn, zu ragen;

Und alles sammelt sich, was groß nur ist und schön,
Um die am Horizont geblieb'nen Menschheitshöhn.


55

Nun hab' ich erst gelernt, daß ich bin Staub und Erden,
Da ich, die mich gebar, sah Staub und Erde werden.

Da hat das greifliche Gefühl mich erst durchdrungen,
Daß ich nichts anders bin, als woraus ich entsprungen.


56

Wie eine lange Nacht die Feldwacht auf dem Posten
Ausharret mit Geduld, bis roth es wird im Osten;

So vierzehn Tage hab' ich harrend hingebracht,
Die alle waren mir nur eine lange Nacht.

Nun ist, ich danke Gott, auch diese Nacht vorüber,
Doch reicht ihr Schatten weit noch in den Tag herüber.

Ach daß gemenget sind, wem sollen wir es klagen,
So lange Nächte zu so kurzen Lebenstagen!


57

Ein Freund, um irdischen Gewinnstes Opferung
Erkauft, ein solcher Kauf ist wohlfeil, scheint's, genung.

Doch was man wohlfeil kauft, ist, sagt das Sprichwort, theuer;
Was ist ein Freund, den feil muß machen Gab' und Steuer?

Drum fein auf deinem Recht besteh', und sei nicht bang;
Ein Freund, den das verdrießt, der ist nicht von Belang.


58

Wohl ist's ein süß Gefühl, etwas gethan zu haben,
Doch schon auch etwas nur gelitten, mag dich laben;

Wenn du auch weiter nichts vollbracht, nur hast erfahren,
Was deine Fasern auszuhalten fähig waren.


59

Dich rührt auch gar nichts an von all' den Herrlichkeiten,
Um welche rühmen sich Weltkinder oder streiten.

So wenig aber sie dich rühren, rührest du
Sie wieder, ihr gehört einander gar nicht zu.

Die unverstandne Welt durchirrst du unverstanden,
Und bleibest stets allein, wo gleich und gleich sich fanden.

Woran sie ihren Theil von Lebensfreude haben,
Das ist dir abgethan, gestorben und begraben.

Und was vor'm Auge dir steht als ein ernstes Ziel,
Gilt ihnen Eitelkeit und müßig Thorenspiel.

Drum laß sie gehn des Wegs, und aus dem Weg geh' ihnen;
Warum zum Ärgerniß wollt ihr einander dienen?


60

In meiner Einsamkeit da kann ich ohne Schaden,
Wen ich am liebsten will, bei mir zu Gaste laden, —

Nicht unverträgliche Gesellschaft so gemischt,
Wie streitende Gericht' auf einmal aufgetischt, —

Nicht so unleidlicher Gesichter Schofel, Pafel,
Womit die Eßlust mir benimmt die Gastwirthstafel, —

Nicht Hof- und Staatslivreen, der Uniform Unformen,
Von meinem Ideal enorm abnorme Normen; —

Die Weisen alter Zeit, die mir vom Ruhm genannten,
Und die in Ländern weit geahnten, unbekannten;

Und alle Lieben mir und Abgeschiedenen;
Wie labt das Mienenspiel mich der Zufriedenen!

Die Unterhaltung kreis't, die nicht in Pausen stockt,
Wie ew'ger Frühlingshauch aus Blüthen Blüthen lockt.

Sie reden nicht, was heut' der Tag zu reden beut,
Sie reden, was das Herz der Ewigkeit erfreut,

Nicht Spekulation und Aktien-Eisenbahn,
Feuerversicherung, Stadtschuldentilgungsplan.

Hoch über Qualm und Koth, irdischem Drang und Noth,
Am Himmel geht ein Weg durch Morgenabendroth.

Und wann ich zugelauscht, und mit darein getauscht
Ein Wörtchen, schweig' ich satt von Duft und wohlberauscht.

Und wie ich winke, gehn beiseit die frommen Schäfchen,
Und geben gerne Raum mir für ein Mittagschläfchen.


61

Wie alt ist Gottes Welt? Die Rechnung magst du sparen;
Ihr Lebensalter zählt sich nicht nach tausend Jahren.

Wenn Gott ist ewig, muß die Welt auch ewig seyn;
Denn Gott ist unser Licht, und Welten dessen Schein.

Kein Licht kann seyn, ohn' auch mit Schein sich zu umzirken,
Und kein Werkmeister, ohn' ein Meisterwerk zu wirken.

Warum muß aber hier sich Gutem Böses gatten?
Weil, wenn der Schein vom Licht sich trennt, er wird zum Schatten.

Darum, wenn Gottes Glanz, nicht Schatten seyn willst du,
So wende nicht dem Licht dich ab, dir selber zu.

Dein schönstes Streben sei, dem Lichte zuzuwenden
Dich und die Welt, so daß euch nicht die Strahlen blenden.


62

Mag doch aus Neubegier und Lust am Wechsel reisen
Die Jugend, treu bleibt gern das Alter seinen Kreisen.

Nach fernem Schönen laß dich locken nicht das Sehnen;
Zieh es im Geist heran, und schmücke deine Scenen.

Dann aber, wann dich nah ein Unerträgliches
Umdrängen will, ein wüst und trüb Alltägliches;

Dann, eh' den hellen Sinn der Trübsinn dir umgraut,
Der Wahnsinn, auf und fort, soweit der Himmel blaut!

Und schaue dich nach dem nicht um, dem du entrennst,
Du möchtest sonst dir nach beschwören das Gespenst.

Nicht stille steh, bis du bist weit genug davon,
Dann steh, und athme nur, und fühle dich entflohn.

Blick um! wie hinter dir in blau Gedüft die Berge
Sich hüllen, so verhüllt die Ferne Grüft' und Särge.

Und kehrst du wieder ein, so ist der Dunstkreis rein,
Und über'm Moder wird das Gras gewachsen seyn.


63

Jüngst rührte zwischen Schlaf und Wachen mich ein Schimmer,
Ich sah die Meinigen im kerzenhellen Zimmer.

Sie trieben ihr Geschäft und trieben ihre Spiele,
Mich freut' es, wie so froh sie waren und so viele.

Doch nebenaus von dem Getriebe war ein Nischchen
Gewölbet in der Wand, darin gestellt ein Tischchen.

Bei dämmerlichem Schein dort saßen zwo Gestalten,
Die Jugendliche schlank mit vorgebückter Alten.

Die schienen ihr Gespräch und ihr Geschäft zu treiben
Für sich, doch theilnahmlos umher auch nicht zu bleiben.

Ich kannte sie gar wol, es war die schlichte Güte
Der alten Mutter und der Schwester Jugendblüte.

Auch wundert' ich mich nicht, wie sie hieher gekommen,
Die nacheinander Beid' ein Grab hatt' aufgenommen.

So habt ihr nun gemacht die vorgehabte Reise,
Und seid, wo ihr gewollt, in meinem Lebenskreise.

Dort sitzen sie und sehn still in den Kreis herein,
Aus welchem Niemand sie gewahrt als ich allein.

Nicht Miene machen sie noch Regung, herzuschreiten,
Zufrieden, mit dem Blick von dort uns zu begleiten.

Schutzgeistern ähnlich, die uns ungesehn umwalten,
Und Bildern an der Wand, die ihren Platz behalten.

So lächeln sie herein, begnügt und unbeklommen,
Froh, im Familienkreis zu seyn mitaufgenommen.


64

Johannis 1835.

Frühzeitig wardst du in die Schule dieses Lebens
Gesandt, und durchgemacht hast du sie nicht vergebens.

Jung, jede Prüfung hast du rühmlich so bestanden,
Daß sie dich würdig bald zum Weiterrücken fanden.

Erhebung ohne Stolz, Ergebung ohne Beugniß:
Der Schul' entlassen bist du mit dem besten Zeugniß.

Du hast viel später als wir selbst den Gang begonnen,
Und unerwartet uns den Vorsprung abgewonnen.

Du hast die Höh' erreicht, nach der dich's früh getrieben;
Wir sind hier unten auf der Schulbank sitzen blieben.

Ein Zeichen, daß wir noch genug gelernt nicht haben,
Für jene Klass', in die sie dir den Zutritt gaben.


65

Neujahr 1836.

Und nur durch Eines hast du dich als Kind verrathen,
Daß du dem Mütterlein nicht konntest lang' entrathen.

Ein halbes Jahr ist's nur, daß du bist hingegangen,
Und schon hast du sie nachgezogen mit Verlangen.

Wie oder hat sie ihr Verlangen nachgezogen?
Entgegen sind sich zwei Verlangen nur geflogen.

Die deine Mutter war, war sie doch meine auch;
Wie haben wir getheilt mit so ungleichem Brauch?

Dein Theil ist dort mit ihr zu lachen im Vereine,
Und mein's hier, daß getrennt ich von euch beiden weine.

Ich bin wol alt genug, der Mutter zu entwöhnen,
Du jung und schön, um dort mit Palmen sie zu krönen.

Doch bitt' ich, daß du mir den Schaden dadurch büßest,
Daß du den Vater auch und Bruder schön mir grüßest.

Denn Vater, Bruder auch, sie gingen dir voraus,
Und wenig fehlt, so hast du dort dein ganzes Haus.


66

Der Mutter.

Wol gönnen darf ich's dir, daß du vor mir gegangen,
Nicht diesen Schmerz von mir, den ich von dir, empfangen;

Daß du mich bleiben sah'st, und ich dich sah verscheiden;
Denn seh'n Geliebter Tod ist mehr als eigne Leiden.


67

Gott, der dir manches Leid im langen Leben gab,
Und endlich Ausruh dir von allen gab im Grab,

Hab' ich gebeten oft, dich nur zu überheben
Des einen, daß du mich auch müssest überleben.

Mit Gott nun hab' ich dir die Augen zugethan,
So daß ich, ohne dich zu kränken, sterben kann.


68

O weg von deiner Stirn die Gramumdüsterung,
Von deiner Seel' hinweg die Wahnumflüsterung.

Was wölkst du dich so zu? Wo bist du und wozu?
Du bist auf rechtem Weg, geh' deinem Weg froh zu!


69

Was du noch nicht erschwangst, das kannst du noch erschwingen;
Und was du schon errangst, laß dir nie mehr entringen.

Von solchem Ehrgeiz wo sich läßt ein Schüler treiben,
Der wird der erste bald geworden seyn und bleiben.


70

Das Opferfeuer brennt, das nie erlöschen darf,
Und wir sind's alle, die man drein als Brennstoff warf.

Der eine, Weihrauchduft, hinlodernd, leicht und heiter,
Und andre schwerere, der Kohle Nahrung, Scheiter.

Befeuchtet von dem Gischt des grünen Reisigs zischt
Der Brand, der nicht erlischt, vom Windzug angefrischt.

Die Flamme läuft im Nu von einem andern zu;
Und wenn ich bin zur Ruh', kommst an die Reihe du.

Laßt uns, wie man uns ruft, verlodern in die Luft,
Zum Himmel Opferduft, und Aschen in die Gruft.

Aus todter Asche stammt, was lebend wieder flammt.
Und Gottes Wolkenzelt ist weben Rauches Amt.


71

Wenn du für dich allein und deinen Frieden sorgtest;
Wozu daß von der Welt du noch die Flitter borgtest?

Du hättest andres nun und bess'res nicht zu thun
Als abzuthun die Welt und still in Gott zu ruhn.

Allein dein Streben ist nicht für dein enges Zelt,
Dein Streben ist zugleich für Gottes weite Welt.

Dein heilig Streben sei, das Sinnliche zum Schönen
Zu läutern, um Geschöpf und Schöpfung zu versöhnen.

Lös' auf den Widerspruch, gleich' aus den Zahlenbruch,
O Geist der Lieb', und wandl' in Segen nun den Fluch.

In Zukunfts Furchen wird der Ernte Segen sprossen,
Und in das Heil der Welt ist meins miteingeschlossen.


72

Sprich es nicht aus, noch mit Gedanken denk' es aus,
Was dir die Seele füllt mit dunkler Ahnung Graus.

Genug, daß Todesschreck dem Sinn entgegentritt,
Wenn auch die Phantasie ihn nicht zum Voraus litt.

Den furchtbar'n Augenblick ertrag, und sei nicht schwach;
Nicht bilde dir ihn vor, noch bilde dir ihn nach.

Der Wirbel faßt das Schiff, es geht villeicht in Scheiter,
Doch, kommt es glücklich durch, so schwimmt es ruhig weiter.


73

Wohl mag es dir Verdruß erwecken oder Bangen,
Wenn Irrthum so sich gibt für Wahrheit unbefangen.

Denn wie erkennst du, daß dich lauter Wahrheit säugt,
Wenn auch der Irrthum von sich selbst ist überzeugt?

Gewiß wird euern Streit einmal die Zeit entscheiden;
Allein zu jener Zeit, wo seid ihr dann, ihr Beiden?

Doch wenn die Wahrheit dir mehr gilt, als Recht zu haben,
So tröste dich und stirb! denn sie wird nicht begraben.


74

Nicht minder als verstehn, will man verstanden seyn;
Wie selten aber ist von beiden der Verein!

Doch können zwei sich schon vertragen, die sich fanden,
Wenn von dem einen nur der andre wird verstanden.

Der eine fühlt sich klug, den andern zu verstehn;
Dem andern ist's genug, verstanden sich zu sehn.


75

Die Welt ohn' Arbeit wär' ein Freudenaufenthalt,
Und mit der Arbeit ist sie eine Strafanstalt.

Wie mit dem Paradies die Freiheit ward verloren,
So wird sie wieder mit dem Paradies geboren.

Wann selbst die Element' erst dienstbar sich bequemen,
Dem freien Menschen ganz die Arbeit abzunehmen,

Dann ist, daß sie dem Wink des Zauberstabes dienen,
Der Menschengeist nur noch der Lenker der Maschinen.

Drum ringt nur muthig loszulöthen eure Fessel,
Um aufzuklimmen zum verlornen Herrschaftsessel;

Wenn erst der Arbeit ihr zum eignen Heil entbehren
Lernt, und zu Lenkern taugt aus Sklaven der Galeeren.


76

Welch eine Sprach' ist schön? Welch eine Sprach' ist reich?
Verschieden an Getön, im Sinn sind alle gleich.

Nicht dies' und jene Sprach' entzückt, erfreuet mich;
Was mich erfreut, entzückt, das ist die Sprach' an sich:

Daß eine Sprach' es gibt, die, was du fühlst und denkest,
Dir deutlich macht, jemehr du dich in sie versenkest;

Daß eine Sprach' es gibt, kraft deren du verkündest
Der Welt geheimen Sinn, so weit du sie ergründest:

Drum ist die schönste Sprach' und beste, die du nennst
Die Muttersprache, weil du sie am besten kennst.


77

In bessern Zeiten war die Poesie im Frieden
Mit Prosa, weil Gebiet war von Gebiet geschieden.

Mit Kunst und Weisheit wollt' in ihren eignen Grenzen
Sich jede ründen, und mit eigner Schönheit glänzen.

Ohn' etwas von dem Gut der Nachbarin genommen
Zu haben, jede hielt auf ihr's und war vollkommen.

Was hat sie nun bethört, den Haushalt so verstört,
Daß keine recht mehr weiß, was recht ihr angehört?

Anmaßend haben sie begonnen auszuschweifen,
Und jede will in's Reich der andern übergreifen.

Daraus entstanden ist Grenzstreitigkeit und Irrung,
Und draußen überhand und drinnen nimmt Verwirrung.

Was eignes keine mehr will keiner mehr erlauben;
Wie eine was erwarb, wird ihr's die andre rauben.

Daraus entblühn nun hie trostlose Zwitter, wie
Poetische Prosa und prosaische Poesie.

Und der sie rügt, mein Ton, bist du nicht auch ein Zwitter?
Aus zweien nicht gemischt, einst du die zwei als dritter.


78

Wie kommt es, da du doch gern hörst das Wasser rauschen,
Die Lüfte flüstern und die Zweige Grüße tauschen;

Wie kommt es, da du gern die unverstandnen Lieder
Des Vogels hörst, daß dir ist dieses Lied zuwider?

Ist kein Verstand darin, betracht' als Klang es nur,
Und nimm es eben auch als Stimme der Natur. —

Gern hör' ich die Natur in allen Stimmen reden,
Und fühle jeden Ton, versteh' ich auch nicht jeden.

Doch das ist eine Pein, was klingt wie Vögelein,
Flut, Luft und Zweig, und will doch Menschensprache seyn.


79

Das Allgemeine zum Besondern zu gestalten,
Zum Allgemeinen auch Besondres zu entfalten;

Das ist die Kunst, dein Ich weltgültig auszuprägen,
Und den Gehalt der Welt dir richtig zuzuwägen.


80

Wenn du ergreifen kannst des Augenblickes Stimmung,
Die Woge des Gefühls anhalten in der Schwimmung,

Und über alles was dich regt und übermannt,
Das zauberkräftige Wort aussprechen das es bannt;

Dann magst du frohbewußt den Augenblick entlassen,
Beglückt, in Schmerz und Lust dich selber zu erfassen.


81

Bewiesen hat ein Freund von Geisterseherei,
Daß jeder Dichter auch ein Geisterseher sei.

Für einen Dichter hab' ich mich bisher gehalten,
Und wohl hab' ich geseh'n auch geistige Gestalten.

Doch Geister, was die Herrn mit ihren Geistern meinen,
Nie sah ich einen Geist, und will auch nie seh'n einen.

Entweder bin ich denn kein Dichter, seh' ich ein,
Oder ein Dichter muß kein Geisterseher seyn.


82

Umsonst ereiferst du dich gegen etwas heftig,
Das todt für dich, doch für die Welt ist zauberkräftig.

Ein Wirkliches ist da, das Wirkungen verkünden,
Nicht läugnen magst du es, nur suchen zu ergründen.

Ob es ein weißer nun, ob schwarzer Zauber sei,
Begreifen mußt du ihn, so bist du zauberfrei.


83

Sieh, wie der Schieferstift auf Schiefertafeln geht,
Sodaß die graue Schrift auf schwarzem Grunde steht;

Die Tafel und der Stift, sind sie nicht gleichentstammt?
Doch wie ist ihr Beruf verschieden und ihr Amt!

Doch wirken beide, wie sie gleichem Grund entstammen,
Verschieden wirkend, auch zu gleichem Werk zusammen.

Und in der Schrift ist Stift und Tafel nicht zu scheiden;
Das Lamm ist wie die Trift, und eins ist Thun und Leiden.

Du trag, ob du der Stift, ob magst die Tafel seyn,
Das Deine bei zur Schrift, daß sie sei schön und fein.


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