Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Viertes Bändchen, 1838. X


1

Mir ist im Müßiggang ein Monat hingegangen,
Mit neuer Arbeit sei ein neuer angefangen.

September war ein Glanz an Himmel und Gefild;
Oktober stürme nun! dich macht die Arbeit mild.


2

Jahrpflanze, die du lebst und stirbst im Jahreskreise,
Sei dir ein mildes Jahr beschert zu Trank und Speise,

Ein langer lauer Lenz, ein linder langer Herbst,
Daß früherblüht du dich auslebend spät entfärbst.


3

Einst wird die Poesie zur Kinderkrankheit werden,
Und nur Filosofie erwachsen sich geberden.

Dann wird der Knab' abthun sein Lust- und Trauerspiel,
Mit Mannesernst dann gehn lusttrauerlos zum Ziel.

Dann wird die Menschheit sich zur höchsten Würd' erheben,
Du aber freue dich die Zeit nicht zu erleben.


4

In einem Irrthum seh' ich euch befangen alle,
Alsob nichts fest mehr steh' und alles ruhlos walle.

Wol unaufhaltsam geht voran das Weltgeschick,
Und etwas Neues bringt auch jeder Augenblick.

Doch was der eine bringt, das nimmt der andre wieder,
Wie eine Blas' im Strom aufsteigt und sinket nieder.

Ihr Blasen auf dem Strom des Tages, blähet euch!
Bläht euch und blas't nur auf die Backen mit Gekeuch!

Blas't, Blasen, bis ihr platzt, und macht einander Platz!
Denn noch von Blasen liegt im Strom ein ganzer Schatz.

Doch eine Muschel ruht, gefüllt mit Weh und Lust,
Und bildet wie ein Herz die Perl' in ihrer Brust;

In welchem das Gefühl von Erd' und Himmel schlägt,
In welchem Ewiges ist endlich-schön geprägt,

Dis Herz, wann es schon längst hat aufgehört zu schlagen,
Gibt einst, ihr gebt es nicht, ein Zeugniß diesen Tagen.

Ihr aber, lernt einmal, ihr Leute der Bewegung,
Daß ewig niemals ist des Augenblicks Aufregung.


5

Willst du geheiliget, vergöttert seyn in Schriften,
So mußt du neue Lehr' und neuen Glauben stiften.

Doch Ehre völlig rein ist solchem nicht verliehn;
Weil ihn sein Anhang lobt, schelten die Gegner ihn.

Doch der, nach welchem Schul' und Sekte sich nicht nennt,
Mag hoffen daß zuletzt ihn jede anerkennt.


6

In einem Stücke sind mit euch wir einverstanden:
Daß es nicht bleiben soll bei dem was ist vorhanden.

Zu einem Neuen solls, und einem Bessern gehn;
Gern rennen sehn wir euch, und bleiben auch nicht stehn.

Doch was den Weg betrifft, sind wir nicht eurer Meinung,
Daß durch Zerstörung er nur gehn soll und Verneinung.

Wir lieben nun einmal Erbauung und Bejahung,
Und halten Gutes werth, das Besserm dient zur Nahung.


7

Was einen Dichter macht? das hohe Selbstgefühl
Und fröliche Vertraun im bunten Weltgewühl.

O Freund, mir aber kam allbeides fast abhanden,
Nicht durch Unbilden, die ich reichlich selbst bestanden;

Was einem widerfuhr, der größer ist als ich,
Und ohne den ich selbst nicht wäre, kränket mich:

Daß Goethe werden darf mishandelt ungerochen,
Das hat mein Selbstgefühl und Weltvertraun gebrochen.


8

„Der Lorberkranz ist, wo er dir erscheint, ein Zeichen
Des Leidens mehr als Glücks.“ Laß dir zum Troste reichen,

Wenn es dich trösten kann, des alten Meisters Wort,
Und strebe, wenn du mußt, nur nach dem Kranze dort!

Ich möchte, wär' es auch in meine Hand gegeben,
Des eignen Kampfes nicht, o Freund, dich überheben.

Geh nur, wie ich sie gieng, mit Gott die Dornenbahn,
Wenn du zum Lohne willst die Dornenkron' empfahn.

Doch von dem Martyrthum laß dir noch eines sagen:
Nur Einer ward zum Heil der Welt ans Kreuz geschlagen;

Du aber, wenn man nun ans kritische dich schlägt,
Sieh zu, ob es der Welt, ob dir ein Heil es trägt!


9

Im fürstlichen Palast des Festes Schaugepränge,
Und auf dem Platz davor des Volkes Schaugedränge;

Bescheiden nehmen sie, und sind damit zufrieden,
Den Abfall von der Lust, der ihnen ist beschieden,

Den Glanz der Lichter, der durch Fenster bricht hervor,
Der Instrumente Klang, berauschend Aug' und Ohr:

Bescheiden, wie nur sonst die Gläubigen hienieden,
Die mit dem Abglanz sind der Seligkeit zufrieden;

Und viel bescheidner noch, weil diese wollen kommen
Zum Himmel, jene nicht beim Fest seyn aufgenommen.


10

Was wirkte groß und wirkt, kann in sich seyn nicht nichtig:
Solang es dis dir scheint, sahst du es noch nicht richtig.

Doch richtig siehst du nie, wo du dich selbst verblendest,
Und nichts erkennest du, wo du dich stolz abwendest.

Komm, Sohn, und laß uns unbefangen, ohne voran
Abzuurtheilen, auch urtheilen übern Koran.

Wol eine Zauberkraft muß seyn in dem, woran
Bezaubert eine Welt so hängt wie am Koran.

Laß näher treten uns und zusehn zauberfrei,
Ob es in Wahrheit nur ein böser Zauber sei.

Ob nicht in dieser Form auch eine Offenbarung
Des ewigen Geistes sei, für unsern Geist zur Nahrung.


11

Wenn wir erwägen Zeit und Ort, wo jeder steht,
So darf uns gelten auch Mohammed als Profet.

Für andre Statt und Zeit wär' er vielleicht ein schlechter,
Doch für die eigene war er gerad' ein rechter.

Du aber danke Gott, daß er an beßrem Ort
(Ehr's und verdirb es nicht!) dir gab ein beßres Wort.


12

Der Raum wird in der Welt nach Eisenbahnanlegung
In der Geschwindigkeit verschwinden der Bewegung.

Dann wird uns in der Welt die Zeit nur übrig bleiben,
Die durch Umtreiben dann im Raum wir auch vertreiben.

So laßt uns, über Zeit und Raum durch Dampf und Eisen
Erhoben, nun den Kreis der Ewigkeit durchkreisen.


13

Die Jugend und die Macht berauschen schon allein;
Ein jugendlicher Fürst vermeide nur den Wein.

Schwer ist Besonnenheit in jener beiden Mitte;
Wie erst, wenn ihnen sich der Rausch gesellt, der Dritte?


14

Ein edler König sprach: des Fürsten Schätze ruhen
In seiner Bürger, nicht in seinen eignen Truhen.

Er hat es so gemeint, der gröste Reichthum sei
Des Fürsten, dessen Volk ist reich und sorgenfrei.

Allein der Fürstensohn hat so es ausgelegt:
Mein von Rechtswegen ist, was jeder Kasten hegt.


15

Auch mir will oft das Haupt der Greisenwahn umdüstern,
Von alter beßrer Zeit und neuer schlechtren flüstern.

Doch gleich danieder schlägt den Wahn, und die Verachtung
Der Gegenwart zerstreut die doppelte Betrachtung:

Daß ich doch schlechter nicht geworden, als gewesen,
Ja besser als es war zu hoffen, bin genesen;

Und daß nun andre nicht sind schlechter als ich war,
Und können darum noch viel besser werden gar.


16

In Mekka, floh er nicht, sie hätten ihn gesteinigt;
Bald in Medina war die Schaar um ihn vereinigt:

Bewiesen hat so gut wie der von Nazaret
Mit seinem Beispiel der arabische Profet:

Daß der Profet nicht gilt in seiner Vaterstadt,
Noch der Poet in der, die ihn geboren hat.


17

Des Landes Grenz' ist nicht geschickt ein Fluß zu bilden,
Der immer abnimmt hier, dort zusetzt den Gefilden.

Es könnte seyn zuletzt dem einen Volk genommen
Das ganze Land, und ganz dem andern angeschwommen.

Doch wenn dasselbe Volk an beiden Ufern wohnt,
Trifft es kein Schaden hier, der dort nicht ist belohnt.

Wie wenn in einem Haus der Haushalt wird gerückt;
Hier wird ein Eckchen leer, ein andres dort geschmückt.


18

Ein alt baufällig Haus kann man durch Pfeiler stützen,
Durch Balkenwerk, das wird noch eine Zeitlang nützen.

Am Ende fällt es doch mit allen seinen Krücken,
Und diese helfen es zu Boden selber drücken.

Und desto größer wird der Trümmerfall dann seyn;
Doch Niemand reißt, was er mit Müh gebaut, gern ein.

Im Unbequemen hat man sichs gemacht bequem,
Und hält, solang man kann, ein unhaltbar System.


19

Die Zukunft steht verhüllt schon in der Gegenwart,
Wo sie der stumpfe Blick des Menschen nicht gewahrt.

Wir alle streben zwar zu heben ihren Flor,
Doch staunen werden wir, wann sie nun tritt hervor.

Sie hat, mein Ahnen spricht, ein ander Angesicht,
Als mancher glaubt, der nun für seinen Abgott ficht.

Sie lächelt und sie zürnt, wie ihrs euch nicht laßt träumen,
Ein Blick von ihr wird euch und euern Wahn wegräumen.

Das sei euch profezeit: sie gleicht in nichts der Zeit,
Am allerwenigsten doch der Vergangenheit.

O weh, betrogner Gast, der du der Göttin Glast
Mit solchem nebligen Gespenst verwechselt hast.

Du bist des Lohnes baar, da sie im Reich erschienen,
Weil du ihr dientest zwar, doch wolltest ihr nicht dienen.


20

Ihr Fürsten, die ihr euch der Erde Götter nennt,
Was seid ihr, wenn ihr nicht der Menschheit Würd' erkennt?

Ein blindes Ohngefähr, gleich rauher Stürme Wüthen.
Weh den in eure Hand gegebnen zarten Blüten!


21

Die Hölle Dante's hat mich weiland sehr empört,
Und nun gefällt mir die Mohammed's, unerhört!

Ist minder gräßlich ein Gebilde die als jene?
Nein, aber weiter ist hinaus gelegt die Scene.

Gewaltig heizt er sie, doch macht sie mir nicht heiß,
Weil ich sie nicht bestimmt für meinesgleichen weiß.

Zwar hat er grade für Ungläubige sie bestimmt,
Doch muß ein Gläubiger schon seyn, wer sie annimmt.


22

Wo nicht, wie Mosis Stab die andern Stäbe fraß,
Womit sich gegen ihn die Gaukelei vermaß,

Wo so nicht ein Profet jetzt auch die andern frißt,
Damit ihr, welchem ihr zu glauben habet, wißt;

So werdet ihr im Lerm erblinden und ertauben,
Daß ihr am Ende nichts und alles werdet glauben.


23

Wie zu vereinigen ist all der Sekten Heer?
Jeder Versuch dazu gibt eine neue mehr.

Wie wenn verschiedene Hundarten sich vermischen;
Die alten bleiben, und die neue wächst dazwischen.


24

Zwei Kampfparteien stehn im Feld der Gegenwart,
Gewaffnet jede mit besondrer Waffenart.

Wie heißen die Partein? und worum ist ihr Streit?
Die Zukunft heißen sie und die Vergangenheit.

Die kämpfet fürs Bestehn, und jene für das Werden;
Wer profezeit, wie es mit ihnen wird auf Erden?

In ihrem Namen ist der Ausgang profezeit:
Nie vor der Zukunft hält Stand die Vergangenheit.


25

Nichts Greuelvollres ist berichtet im Berichte
Der zwar von Greueln ganz erfüllten Weltgeschichte,

Als wenn ein fremdes Volk, an Glauben fremd' und Sitt',
Eroberisch ein unbekanntes Land betritt.

Der Sieger, sei er auch von Hausaus mild und gütig,
Doch die Besiegten würgt er schonungslos kaltblütig.

Warum? es machet wild ihn ein wildfremd Gefild,
Und nicht als seins erkennt er andrer Menschheit Bild.

In fremdgekleideten, fremdblickend fremdgefärbten,
Fremdredenden vernimmt er nichts vom Angeerbten.

Nicht die Bewegung fühlt er seiner Eingeweide,
Die jeder Bruder fühlt bei seines Bruders Leide.

Gottes Gepräge mit dem Stempel der Natur,
In seiner Schrift und Form hält er für echt sie nur.

Und fragt er sich, ob sie sein Schöpfer auch erschaffen,
Gibt ers nur zu im Grimm und sich zum Spott als Affen.

Wie Tiger nicht und Wolf bei Rehes Mord und Lamms
Gewissensbisse fühlt, weil sie sind andern Stamms.

Wie seit Jahrhunderten Mohammedaner hetzten
Harmlose Indier, die kaum sich widersetzten.

Die, wann sie erst im Kampf die Männer übermannten,
Wehrlose Städte drauf und Tempel niederbrannten;

Und wo ein Häuflein sich entzog durch scheue Flucht,
Auch diesem Wilde gab nicht Freistatt Wald und Schlucht:

Gehalten ward auf sie ein ordentliches Jagen,
Erlegtes Menschenwild gezählt mit Wohlbehagen.

Wer hat der wilden Jagd gesetzet Ziel und Fristen?
Gesegnet seien, die zuletzt es thaten, Christen;

Zuletzt es thaten, als sie besser sich besonnen,
Nachdem sie besser nicht, und schlechter fast begonnen.

Gesegnet seien sie, nicht weil sie Christen sind,
Doch Menschen, weniger für fremde Menschheit blind.

Gesegnet aber sei, die langsam langsam schreitet,
Bildung, doch durch die Welt sich weiter weiter breitet.

Die Bildung, die dazu will alle Sprachen lernen,
Und Völkersitte sehn in allen Länderfernen,

Damit die Menschheit einst, von einem Band umschlungen,
In allen Farben sich erkenn' und allen Zungen.


26

Mein Europäer, wenn du einen Weg dir bahnen
Zur Achtung willst und Anerkennung beim Brahmanen;

Mußt du von deinen Vorurteilen erst dich heilen,
Und Anstoß nehmen nicht an seinen Vorurteilen.

Nicht das ihm heil'ge Rind mußt du zur Malzeit schlachten,
Wenn er nicht soll ein Thier ein reißendes dich achten.

Nicht duften darf dein Mund von Rauschgetränkes Duft,
Damit nicht schon dein Hauch verunreint seine Luft.

Wird dann Unmäßigkeit vom Himmelstrich gerochen,
Von seinen Göttern glaubt er dir den Tod gesprochen.

Und du, jemehr dir all die Götter sind ein Spott,
Je weniger bekehrst du ihn zum einen Gott.


27

Leicht wäre christliche Religion zu gründen
Im Lande, wo sich frei darf jeder Gott verkünden;

Wo alle Herzen stehn und alle Tempel offen
Für jedes Gottgebild aus Erd- und Himmelstoffen.

Leicht wäre Christenthum in Indien auch zu stiften,
Wenn keine Christen nur es kämen zu vergiften.

Aus Glaubensbotenmund was wir mit Lust vernahmen
Ward uns verleidet als die Glaubensbrüder kamen;

Beschmutzt mit jedem Schmutz, unschuldig keiner Schuldung,
Eigen dem Eigennutz, ohne Geduld und Duldung.

Belehr uns besser doch, bevor wir uns bekehren,
Daß besser, als wir sind, euch machten eure Lehren!

Und gebt dem Heidenthum bei uns noch ein'ge Fristen,
Bis ihr bei euch bekehrt zum Christenthum die Christen.


28

Die Glaubenseiferer, gesendet aus dem Westen,
Um zu erschüttern hier uralte Glaubensvesten;

Gesegnet sei der Bau, der neue, den sie gründen,
Die Lehre, die sie auf den Straßen laut verkünden!

Nichts Neues sagen sie den eingeweihten Brahmen,
Die aus der Väter Mund ein Gleiches längst vernahmen;

Was jeder Vater sagt ins Ohr dem Sohne nur,
Wann diesem umgethan wird der Einweihung Schnur:

Mein Sohn, es ist ein Gott, ein einz'ger Gott allein,
Und alle Götter sind ein Bild nur und ein Schein.

Denselben einen Gott sollst du im Stillen ehren,
Doch das Geheimniß nie ans Licht des Tages kehren.

Des Volkes Aug' ist für das reine Licht nicht reif,
Und freut der Täuschung sich am bunten Farbenstreif.

Das ist das Licht, das wir im Innern allzeit hatten,
Das wirft nach außenhin die euch verhaßten Schatten.

Licht und Geheimnis wollt ihr kehren nun heraus;
Und geht nicht aus das Licht, geht das Geheimnis aus.


29

Die Mutter gibt zum Fest den lieben Kindern Gaben,
Und alle danken ihr, was sie empfangen haben.

Sie drängen sich mit Dank um sie, und sagen nichts
Dem Vater, der dabei steht ernsten Angesichts.

Den Vater wird es wol verdrießen, daß die Kinder
Nur auf die Mutter schaun, und nicht auf ihn? Nichts minder.

Ihn freut die kindische, die glückliche Beschränkung,
Und was die Mutter ehrt, gereicht ihm nicht zur Kränkung.

Ihn freut die glückliche, die kindische Beschränkung,
Die nach dem ersten Grund nicht fragt der Festbeschenkung,
Nicht nachdenkt, daß dazu, was unter ihrem Titel
Die Mutter gibt, ihr selbst der Vater gab die Mittel.

Wer sind die Kinder? wer die Mutter? und wer ist
Der Vater? rathe das, wenn du ein Rather bist.


30

Am Weihnachtabend sind die Kinder zu beneiden,
Daß ihnen Bäume sich in Gold und Zucker kleiden.

Sie glauben kindlich, was ihr kindisch Herz begehrt,
Das hab' unmittelbar das Himmelskind beschert.

Die Mutter ist dabei, der Vater auch im Spiel,
Sie ahnen es, allein es kümmert sie nicht viel.

Und in den Hintergrund tritt Vater und Mutter gerne,
Und läßt aus Kindermund die Ehr dem Himmelsterne.

Dem Himmelsterne, der das ganze Jahr beschert,
Doch als Bescherer wird an Einem Tag geehrt.

Ja, Kinder, glaubt euch nur beschenkt vom Himmelskind;
Glückselig, die wie ihr im Glauben Kinder sind!


31

Wikramaditia, Hindustans Oberkönig,
Dem sieben Könige, die mächtigsten sind fröhnig,

Nicht darauf ist er stolz, stolz ist er darauf bloß;
Daß sieben Dichter hat vereint sein Fürstenschloß.

An seiner Krone sind sie sieben Edelsteine,
Die dadurch ewig stralt mit unverwelktem Scheine.

In Trümmer hat die Zeit gelegt sein Königthum,
Allein sein Name steht mit Kalidasas Ruhm;

Des Kalidasa, der Sakuntala gedichtet,
Von der im Abendland nun auch der Ruf berichtet;

Im Abendlande, wo zu gleichem Preis und Lob,
Wie Indiens gröster Fürst, ein kleinster sich erhob:

Der soviel stralende Gestirn' um seinen Thron
Versammelt, daß auch er auf ewig stralt davon;

In dessen Fürsten-Pfleg' ein Fürst der Genien
Eleonoren schuf und Ifigenien:

Der Fürst verdiente, daß gerechnet, gleich der Äre
Wikramaditias, nach ihm auch eine wäre;

Der seine Stimme nicht ließ mit im Chor erschallen,
Doch still der Mittelpunkt war der Begeistrung allen;

Ihr Fürst nicht, sondern Freund (den Ruhm soll ihm entreißen
Kein andrer) stolz darauf, und würdig, es zu heißen.

War etwa Fürstenprunk und Eitelkeit der Hebel?
Dagegen zeugen laut die Briefe gnug an Knebel.

Seit ich die las, steht hier im Heiligthum der Brust
Ein Bild der Andacht mir, von Weimar Karl August.


32

Das stille Volk, das sonst im Früh- und Abendstral
Aus seinen Bergen zu den Menschen kam ins Thal,

Der stillen Feldarbeit zusah und half gewogen,
Hat sich zurück, wohin? man weiß es nicht, gezogen.

Warum? wovon ward hier das Huldenvolk verscheucht,
Von dem verlassen nun die Arbeit schwerer keucht?

Einmal von wachsender Treulosigkeit der Bösen,
Dann von zunehmenden Pochhammerwerkgetösen.

Ehr die Treulosigkeit ertrügen sie wol noch,
Doch hielten sie nicht aus das täubende Gepoch.

Es wird das stille Volk der Musen auch ausziehn,
Wär' ihnen nur ein Schlupf wie Zwergen auch verliehn!

Auch vor den Bösen wär' im Lande noch zu bleiben,
Doch vor Getösen nicht, die werden uns vertreiben,

Wann erst durchs ganze Land sich Eisenbahnen kreuzen,
Sich hörbar stundenweit Dampfwagen rasselnd schneuzen.

Dann wird die Himmelskunst mit Schmach am Boden liegen,
Wann wolkenhoch der Dampf der irdischen gestiegen.


33

Zuerst erschaffen sind die Zwerg' im öden Grauen
Der Schöpfung, um die Berg' und Grotten anzubauen.

Doch sie bedrängten Würm' und Drachen, und um diesen
Zu steuern, wurden dann im Sturm erschaffen Riesen.

Die Riesen schlugen mit dem Ger die Drachen todt,
Doch brachten sie vielmehr die Zwerge selbst in Noth.

Zum Schutz der Zwerge sind die Menschen dann erschaffen,
Die Zwerge schmiedeten geschwind den Helden Waffen.

Sie schmieden Waffen, die sie selbst nicht können brauchen,
Daß Menschenhelden sie ins Blut der Riesen tauchen.

Die Helden schlugen nun die Riesen todt, und blieben
Der Zwerge Freunde, bis sie endlich sie vertrieben.

Die Riesen starben und die Zwerge zogen aus,
Nun ist im Erdenrund der Mensch allein zuhaus.

Die Zwerge sind zu klein, die Riesen sind zu groß,
Das rechte Maß der Welt ist Menschengröße bloß.


34

In Persisch und Sanskrit, in Griechisch und Latein,
In Deutsch und Slavisch siehst du Eine Sprach' allein.

Wie weit die Gegensätz' auch auseinander wichen,
Du hast sie innerlich zur Einheit ausgeglichen.

Warum nicht auch, wie in den Sprachen offenbart,
Willst du das gleiche sehn in Denk- und Glaubensart?

Wieweit die Gegensätz' auch auseinander weichen,
Vermagst du nicht auch sie zur Einheit auszugleichen?

In Wahrheit noch nicht kund ward dir der Menschheit Grund,
Und Weisheit führest du und Lieb' umsonst im Mund.


35

Du kannst in der Natur nicht ein Gebilde streichen,
Und siehst Zusammenhang in allen ihren Reichen,

Vom Stein zur Pflanze, von der Pflanze bis zum Thier,
Und von dem Thier hinan, o stolzer Mensch, zu dir.

Du siehst das Höhere vom Niederen getragen;
Nimm dis, und jenem ziehst du weg die Unterlagen.

Warum denn irrt es dich, daß in des Geistes Reich
Vorstellungsweisen auch nicht sind an Höhe gleich?

Du selber hast dich noch zur höchsten nicht erhoben,
Wenn du nicht einsiehst, daß Gott auch die niedern loben.


36

Entweder ist mein Blick nur gegen euern stumpf,
Oder auch euer Ohr ist gegen meines dumpf.

Ich seh' ein Ganzes, wo ihr sehet manchen Bruch,
Und hör' Einklingendes, wo ihr hört Widerspruch.

Wenn mein die Täuschung ist, so gönn' ich euch die Wahrheit;
Ist aber mein das Licht, so kommt in meine Klarheit!


37

Nicht eine Stimme nur in dir warnt dich vorm Bösen,
Die du, wie leise, hörst trotz lautesten Getösen;

Dieselbe Stimme mahnt dich auch zum Guten an,
Die Zügel ist zugleich und Sporn auf deiner Bahn.

Nicht das Gesetz nur spricht in dir, das du gebrochen;
Dasselbe hat in dem, der nie es brach, gesprochen.

Du fühlst, das dis Gesetz Gott selber in dir sei;
Und daß du ihm gehorchst, das macht von ihm dich frei.

Wie ein gelehrig Roß nicht Zügel fühlt noch Sporn;
Das widerspenst'ge nur fühlt seines Meisters Zorn.


38

Die Strenge sagt, der Grund des Irrthums sei die Sünde;
Die Milde: daß die Sünd' auf Irrthum nur sich gründe.

Was nun von beiden auch Stamm oder Wurzel sei;
Bet' und arbeite, mach dein Land vom Giftbaum frei!


39

Nun dieses fehlte dir allein, um froh zu werden;
Nun hast du es, und bist nicht froher von Geberden.

Du siehst, daß dieses nicht das, was dir fehlte, war,
Das aber, was dir fehlt, dir nie wird ganz und gar.


40

Das Wissen ist ein Quell, der unversieglich quillt,
Den nie der Durst erschöpft, und der den Durst nie stillt.

Jemehr er Lust dir gab, jemehr du lüstern bist;
Ich weiß nicht, ob sein Lob dis oder Tadel ist.


41

Es gibt ein Jenseit, das herein ins Disseit reicht;
Kein Herz ist, das davon nicht ein Gefühl beschleicht.

Umschlungen hält es dich, umrungen und durchdrungen;
Du fühlst, es ist nicht dir, du selbst bist ihm entsprungen.

Du weißt nicht, was es ist, doch hörst du daß es spricht,
Lieb' ist es und nicht Haß, nicht Finster, sondern Licht.

Es ist das Wirkliche, das Wahrheit in dir wirkt,
Das Unerklärliche, des Klarheit dich umzirkt.

Du kannst den Mittelpunkt der Seele dir nicht rauben,
Und mußt dem innern Sinn, wie deinen äußern, glauben.

Siehst du dafür dich um nach Zeugnis der Erfahrung,
So nennst du, was damit einstimmet, Offenbarung.

Nichts wird dir offenbart, wo du nicht offen bist;
Und außen siehst du nichts, was dir nicht innen ist.

Das Äußre dient dir nur, dein Innres zu entfalten,
Dein Innres, weiter dann das Äußre zu gestalten.

Dann siehst du ausgemalt aus deinem Farbenschatze
Dein Jenseit leibhaft als Verklärung oder Fratze.


42

Ob Himmlische das Leid zu deinem Besten senden?
Zu deinem Besten sollst du wenigstens es wenden.

Zu deinem Besten hast du aber es gewandt,
Wenn du es dazu glaubst von Himmlischen gesandt.


43

Wo warest du? Ich schlief. So wird an dir sich strafen,
Was du verschlafen hast. Was hab' ich denn verschlafen?

Viel große Dichter, die indes verklungen sind,
Und Weise, die vom Urungrund verschlungen sind,

Weltneurungsblasen die lautlos zersprungen sind,
Und alte Größen, die verhöhnt von Jungen sind.

Bedauerst du es nicht? Ja wohl, ich armer Mann
Bedaure, daß ich nicht noch länger schlafen kann.


44

Was ist unwandelbar als Wahrheit ausgemacht?
Von Allem Nichts fürwahr, was Menschenwitz erdacht.

Die Wunder der Natur, die Thaten der Geschichte,
Erscheinen jeden Tag dem Geist in neuem Lichte.

Wie dort Erscheinungen und hier Eräugnisse,
So wechseln Meinungen und Überzeugnisse.

Glaubensbekenntnisse und Wissenschaftsgebäude,
Des ewig wandelnden Weltgeistes Spiel und Freude.

Du aber laß, was ihn erfreut, dich nicht betrüben!
Er spielt sein Spiel mit dir, um deine Kraft zu üben.

Wo ihn dein Ringen hat mit geist'ger Form gebunden,
Da hast du Wahrheit für den Augenblick gefunden.


45

Laß trösten dich, mein Sohn, für eines Augs Verlust!
Bewahre doppelt rein den Sinn in deiner Brust!

So wird der Himmel voll dir durch Ein Auge stralen,
Und sanft auf Seelengrund das Bild der Welt sich malen.

Das ist dir besser als wenn unversehrt vom Leide,
Von Leidenschaft getrübt, du hättest alle beide.


46

Als die Erscheinungen dir allererst erschienen,
Sahst du sie regellos, und kein Gesetz in ihnen.

Mit Freude wurdest du dann ein Gesetz gewahr,
Und unterordnen willst du ihm nun Alles gar.

Warum bedenkst du nicht?: da wo du hast entdeckt
Der Regeln eine, sind wol andre noch versteckt.


47

Im Allgemeinen wird der Geist mir schwindeldumpf,
Und vorm Besondern gar ist jeder Sinn mir stumpf.

Wo bleibt ein Spielraum mir, von hier und dort vertrieben?
Ein artig Grenzgebiet in Mitten ist geblieben,

Wo Allgemeines im Besondern Farben spielt,
Und ein Besonderes auf's Allgemeine zielt.


48

Triumf! das Leben siegt; Triumf! der Tod erliegt,
Ein Wolkenschatten, der vorbei der Sonne fliegt.

Wie hell aus Wolkenflor die Sonne bricht hervor,
So bricht aus Kummernacht mein Freudenlicht hervor.

Ich preise dich, mein Gott, und will dich ewig preisen,
Du ewiger Mittelpunkt in allen Lebenskreisen!

Im Raume stehst du nicht, Raum steht und Zeit in dir;
In allem was dich fühlt, stehst du, und stehst in mir.

Dich fühlt das Menschenherz, das stolze, nicht allein,
Dich fühlt das Thier, dich fühlt die Pflanze, fühlt der Stein.

Sie alle haben stumm ihr Loblied angestimmt,
Das du nicht überhörst, da es mein Ohr vernimmt.

Dich preisend kommen sie, und gehn dich preisend wieder;
Die Schöpfung wacht in dir und legt in dir sich nieder.

Ich bin in dir erwacht, und werd' in dir entschlafen;
Ich schweb' in dir, mein Meer, und ruh' in dir, mein Hafen.

Ich klage nicht, daß ich dahingehn werd' im Nu;
Ich jauchze daß ich bin, und ewig bleibest du.

Ich klage nicht, was ich durch frühen Tod verloren;
Ich jauchze, daß auch es zum Leben war geboren.

Ich freue mich, daß es des Lebens sich gefreut,
Und diese Freude mir im Herzen lebt noch heut.


49

Der Mensch ist nicht gemacht, zum Himmel aufzufliegen;
Die Flügel fehlen ihm, sich vogelgleich zu wiegen,

Und hätt' er Flügel auch, und fehlt' ihm nichts am Schwunge,
Kein Vogel würd' er doch mit seiner Menschenlunge.

Auf hohen Bergen schon geht ihm der Athem aus,
Behaglich ist er nur auf mittlern Höhn zuhaus.

Und füllt er seinen Ball mit Lüften oder Feuern,
Und lernt durchs Meer der Luft alswie durchs andre steuern;

Was hilfts ihm, wenn er auch nicht füllen zum Verbrauch
Der Luftfart kann mit Luft zum Athmen einen Schlauch?

Alswie ein Schiffer, eh er auf die bittern Bronnen
Hinaus sich wagt, zuvor mit süßen füllt die Tonnen,

Bis er sein Schifflein legt an einem Eiland an,
Wie jener an dem Rand des Mondes seinen Kahn!

Drum lieber lasset uns von fern des Mondes Nachen
Beschauen in der Nacht, wann wir gerade wachen,

Und wann wir schlafen, uns, gefittiget vom Traum,
Schwingen empor zu ihm und jedem höhern Raum.


50

Anschauung, wo sie fehlt, mag etwa Geist ersetzen;
Bei Geistes Mangel wird Anschauung nie dich letzen.

Doch nur wo Geist sich hält zusammen mit Anschauung,
Entsteht vor dir die Welt in glänzender Erbauung.


51

Sag': Ich bin Ich! Und wie du sagest, fühl' es auch:
In deinem kleinen Ich des großen Iches Hauch.

Sag': Ich bin Ich! und dich in den Gedanken senke:
Ich denke was ich bin, und bin das was ich denke.

Ich von mir selber kann nicht unterschieden seyn,
Mein Seyn vom Denken nicht, mein Denken nicht vom Seyn.

Ich unterscheide mich, nicht mich von mir zu trennen,
Ich unterscheide mich, als Eins mich zu erkennen.

Dann wenn du eingesenkt dich hast in den Gedanken,
Erheb dich auch daraus, und fleug ob allen Schranken.

Sag': Ich bin Ich! und wer wie ich sagt Ich bin Ich,
Ist Ich wie ich, von ihm wie unterscheid' ich mich?

Ich unterscheide mich, nicht mich von ihm zu trennen,
Ich unterscheide mich, als Eins uns zu erkennen.

So ist geschieden ungeschieden Ich vom Ich:
Alle zusammen Eins, und jedes Eins für sich.

Ein Ganzes in sich selbst das Gröste wie das Kleinste,
Und das Besonderste zugleich das Allgemeinste.

Gott ist das Große Ich, das selb sich seiend denkt,
Sein Selbst in jeglichen Gedanken so versenkt,

Daß der Gedanke, der geworden äußerlich,
Nur wieder zu sich kommt, wenn er sagt Ich bin Ich;

Wenn du dich selber denkst als ewigen Gedanken
Des ewig Denkenden, um ewig ihm zu danken.

Darum nur Ich bin Ich sag' ewig, o Brahman,
Weil ewig Ich bin Ich dir Brahma sagt voran.

Was sagt Bruwann Aham? Es saget: Sagend Ich
Und davon, o Brahman, gekürzt nennt Brahma sich.


52

Wer etwas weiß, der ist darum kein Weiser noch,
Ein Wisser ist er nur; was ist ein Weiser doch?

Der ist ein Weiser, wem sich Wesenheit gewiesen
In allen Weisen, voll Gewisheit, unbewiesen.

Der ist ein Weiser, wer der Weisheit hohen Geist
An seinem Wesen selbst in eigner Weise weis't.


53

Ich wußte nichts, da glaubt' ich etwas doch zu wissen;
Nun weiß ich etwas, und der Wahn ist mir entrissen.

Konnt' ich um solchen Preiß nicht sparen meinen Fleiß?
Das Wissen all weiß nichts, und nur der Glaube weiß.


54

Es gibt der Dinge viel, von denen, statt zu wissen,
Die Weisen irgendwas zu meinen sind beflissen:

Dem Meinen hänget zwar das Irren an gemeinlich,
Und was dir halbwahr scheint, das ist halbfalsch wahrscheinlich.

Doch ohn' ein hier und dort vorläufig Ausgedachtes,
Wär' endlich nirgendwo ein wirklich Ausgemachtes.

Darum entschließe dich zu Schlüssen kurz und gut,
Und zu Vermuthungen verliere nicht den Muth.

Seis nur ein mit Vernunft nicht Unvereinliches,
Wo noch ein Wahres fehlt, steh' ein Wahrscheinliches!

Du mußt nur immer fein bereit seyn und nicht säumen,
Sobald das Wahre kommt, den Platz ihm einzuräumen.


55

Ihr wollt doch überall etwas Apartes haben,
Unsterblichkeit sogar soll vorzugsweis euch laben.

Als denkenstarke bald und bald als glaubenfeste
Sprecht ihr sie an für euch, und sprecht sie ab dem Reste.

Gemeine Menschen sind mit Seelen nur begabt,
Thierseelen gleich, indes ihr Geister Geist nur habt.

Ich fürchte, dieser Geist des Dünkels sprengt die Flasche,
Verpufft, verdunstet so daß Nichts ihn wieder hasche;

Und weder droben wird zum Lohn euch noch hienieden
Unsterblichkeit dafür von Gott und Welt beschieden.


56

Es nutzt nicht daß du rein und klar wie Wasser seist,
Wenn dich dem Wasser gleich treibt ein unruhiger Geist.

Du must von keinem Sturm auch lassen dich aufwiegeln
Wenn du den Himmel willst in glatter Fläche spiegeln.

Das Wasser hat nicht Kraft dem Sturm zu widerstreben,
Du aber, wenn du willst, kanst ruhig seyn und eben.


57

Wie sich ein Hausherr freut zu sehn ein Kinderpaar
Des Daseyns froh und froh auch die Gesindeschaar;

Er freut sich, wenn sie treu ihr Tagwerk freudig thun,
Und mehr noch, wenn vergnügt sie vom gethanen ruhn:

Wie müßte sich erst freun ein Fürst, der ebenso,
Im weitern Kreise nur, säh' all die Seinen froh;

Wenn auch dem Landesherrn Gott wie dem Hausherrn gönnte,
Daß jeden Wunsch er so zufrieden stellen könnte!

Darum ist selig nur der höchste Herr im Himmel,
Weil er beseligen kann alles Weltgewimmel.


58

Zwei, die sich lieben, sind einander so unähnlich,
Daß der Verstand nicht weiß, was sie bewegt so sehnlich,

Und endlich meint, daß von Unähnlichkeit getrieben
Sie sey'n, einander zur Verähnlichung zu lieben.

Allein mit Künstlerblick, mit liebesfähigem Auge,
Sieh recht die beiden an, und ihre Seelen sauge;

So siehst du aus der Züg' Unähnlichkeiten steigen
Geistige Ähnlichkeit, wie Blütenduft sich zeigen;

Der, wenn Einbildungskraft ihn walten und entfalten
Sich läßt, die Beiden wird zu Einem umgestalten.

Wenn ich ein Maler wär', und hätt' ein Lieb ein feines,
Ich malt' uns ohne Zwang als zwei zugleich und eines.


59

Es ist ein schöner Traum, im Anfang der Natur
Sei alles Lebende gewesen harmlos nur.

Und mit der Geister erst, oder des Menschen Falle,
Hab' auch hervorgekehrt die Schöpfung Klau' und Kralle.

Erst friedlich wandelten Hirsch, Elefant und Stier,
Kamel und anderes unschuldiges Gethier.

Hervorgesprungen dann sei später Löw' und Tieger,
Wie aus der Menschheit Schooß der Mörder und der Krieger;

Die nun von Blut und Raub sich ihrer Brüder nähren,
Da jene sich mit Laub und Gras begnügt und Ähren.

Die goldne Zeit wird neu, wann seinen Fraß vergißt
Der Leu einmal und Heu alswie der Ochse frißt.

War eine Unschuld das, zu essen Pflanzenspeise?
Doch eine Unschuld war es nur vergleichungsweise.

Alsob nur Leben sei, wo Athem ist und Hauch!
Die Thiere nicht allein, die Pflanzen athmen auch.

Einst hatten desto mehr die armen aufzuschüsseln
Den uranfänglichen mit ungeheuern Rüsseln.

Und wo ein Lebendes noch hat der Nahrung Noth,
Da mit dem Leben ist gegeben auch der Tod.

Der Schmetterling allein, der fräß'gen Raup' entstammt,
Ißt Duft nur und beschämt die andern allesammt.

Ein Vorbild ist er drum des Menschen höherm Streben,
Wenn aus dem Raupenstand er einst sich wird erheben.

Inzwischen steht er hier, wie er vom Anfang stand,
Die Thiere beider Art zu recht- und linker Hand.

Die edlen Räuber hier, und dort die Pflanzenfresser;
Er thut es beiden gleich, und Niemand kann es besser.

Dazu sind ihm verliehn die beiderart'gen Zähne,
Die einen von dem Lamm, die andern der Hyäne.

Er kann, nach Zeit und Ort, mehr die, mehr jene brauchen,
Ins irdisch schwere sich mehr oder minder tauchen.

Unschuld'ger machet ihn unschuld'ge Pflanzenspeise,
Doch diese Unschuld auch ist nur vergleichungsweise.


60

Wenn jene haben Recht, die in des Lebens Mitte
Das Böse sehn, den Feind lauernd auf Tritt und Schritte;

Die Seele, Sträfling-gleich, geschmiedet an den Karren,
Und allzeit fertig zum Verbrecher oder Narren;

Im unglückseligen verhältnislosen Streite
Das lichte Pünktchen mit der breiten Schattenseite:

Wenn das die Weisen sind, so sind wir blöde Knaben,
Die wir am heitern Schein von außen Lust noch haben;

Daß wir nach Blumen gehn, von Krötengift bespritzt,
Und nach den Früchten sehn, vom innern Wurm beschmitzt.

Doch wenn wir haben Recht, wie Recht wir haben müßen,
Am Schönen uns zu freun, zu laben uns am Süßen;

So droht es unserem Genusse doch Verstörung,
Zu sehn stets jener dort unselige Bethörung.

Alswie ein Wachender ganz aus dem Sinn nicht schlagen
Die dummen Fratzen kann, die ihn im Traume plagen.

Und wie ein Denkender im Denken wird gestört,
Wenn er Wahnsinnige mit Ketten rasseln hört.

Doch wie gesund zum Trotz dem Kranken der Gesunde
Sich fühlt, so fühle dich mit Gott im Seelengrunde.

Arbeitsam, liebevoll, bescheiden und enthaltsam;
Nicht zügel-schrankenlos, in keinem Ding gewaltsam;

Vertrauend ihm, der dir den Himmelsfunken gab,
Daß unverfinstert du ihn tragest übers Grab;

So beut dem Nachtspuk Trotz in lichter Zuversicht,
Und fürchte als Gespenst dich selbst und andre nicht.


61

Der Welt Anschauungen, der Dinge Sinnabdrücke,
Sind schön daß sich damit das Haus der Seele schmücke.

Je künstlerischer sie anordnet und verklärt
Die Seele, je mehr Wonn' ihr Wohnhaus ihr gewährt.

Doch keins der Bilder dient zu gründlicher Erbauung
Wie das Altarbild nur geweihter Gottanschauung.

Jeweiter seinen Glanz ergießt dis Mittelbild,
Erfüllend immermehr das innere Gefild;

Jeweiter tritt zurück das zeitliche Gewühl,
Und geht beseligt auf in Ewigkeitsgefühl.

Gedächtniswissenschaft, Dichtkunsteinbildungskraft,
Sind vor der Seele Gottbewußtseyn kummerhaft.

In ihm wird ihr, die sich gefühlt nach außen endlich,
Ihr eigenst-innerstes Unsterbliches verständlich.


62

Du rüstest dich umsonst mit allgemeinen Sätzen,
Um ein Besondres draus mir folgernd anzuschwätzen.

Dir gieng der Vordersatz nur als unschuldig hin,
Weil ich die Tücke die sich barg nicht sah darin.

Nun ziehst du Waffen vor aus seinem holen Bauch,
Und brauchst sie gegen mich, ein schlechter Kriegsgebrauch.

Doch hilft dir darum nicht dein Leeres voller Tücke;
Den Frieden, den ich schloß, nehm' ich mit Fug zurücke.

Ich schlage nur zurück die wirkliche Gefahr,
Und frage gar nicht nach dem Grund der sie gebar.

Beweisen könntest du, ich müßt' es dir erlauben,
Der Tag sei Nacht; allein was zwingt mich es zu glauben?

Du folgerst aus dem Grund die Wahrheit deines Fundes,
Doch ich aus deinem Fund die Falschheit nur des Grundes.


63

Was jegliches Gemüt als klaren Kern enthält,
Daß Gott die Wurzel und der Schlüssel ist der Welt,

Versucht Philosophie vielnamig zu benennen,
Damit die Schulen nur sich an Merkzeichen kennen.

Unendliche Substanz, bestimmte Harmonie,
Realitäten-Inbegriff ersinnen sie;

Gewisheit des Gefühls, Bewußtseyns feste Grenzen,
Das Ich im Ich, Indifferenz der Differenzen;

Selbstwerdender Begriff, und wie von Frost zu Frost
Die Namengebung steigt, ist alles ohne Trost.

Es thut nicht noth daß du Sternwarten erst erbaust,
Wenn du im Seelengrund den klaren Himmel schaust.


64

Gewis ist was der Mund der heil'gen Lieder spricht,
Ob einstimmt fremde Kund' und ob sie widerspricht.

Gewis, allein für wen? für den allein der glaubt;
Denn durch Unglauben ist Gewisheit gleich geraubt.

So ist denn dir gewis, was in den Wedas steht,
Dem Moslem, was hervor ihm aus dem Koran geht,

Dem Christen aber nur, was seine Bibel sagt;
Nun seht, wie dreierlei Gewisheit ihr vertragt.

Gewis ist für den Geist Gewisses nichts zu stiften,
Wenn die Gewisheit ruht auf ungewissen Schriften.


65

Der Frühling grüßt die Erd' und macht die Hoffnung grün,
Der Liebe Rührung thaut, und meine Gräber blühn.

Das liebste was ich hab', ist Gottes Liebesgabe,
Ob ich es nun im Grab', ob ichs im Herzen habe.

Das beste was ich bin, wird immer Gottes bleiben,
Und nur mein Böses muß ich ganz mir selbst zuschreiben.

Versuch es nur und schreib es einem andern an,
Du fühlst in dir, dadurch ist dirs nicht ausgethan.

Wer nicht das Rechte weiß, gut ists wenn ers nur thut;
Doch wenn er recht es weiß, so ist es doppelt gut.

Wer Böses weiß und thuts, der thut viel Bösres noch;
Doch wer unwissend auch es thut, thut Böses doch.

Gott ist was Gutes ist an jedem guten Triebe,
Der Glanz am Mond, die Blüt' am Baum, in dir die Liebe.

In jedem Geiste, der nicht zagt fürs Licht zu kriegen,
Ist sichtbar Gottes Geist zur Welt herabgestiegen.

Wenn er im Kampf erliegt, kehrt er als Sieger heim,
Hier lassend den mit Blut gepflanzten Friedenskeim.

Den Geist mit der Natur sollst du zusammendichten,
Die Erd' in Himmelsglanz verklären, nicht vernichten.

Kehr auf die Sinnenwelt so deine Thätigkeit,
Daß nicht die Lust an ihr dich mit dir selbst entzweit.

An keinem niedern Stoff laß die Gedanken haften;
Der Sinn vom Gegenstand nimmt an die Eigenschaften.

Betrachte liebend Gott, willst du gottähnlich werden;
Denn das Gemüt nimmt an vom Liebsten die Geberden.

Doch willst du an der Welt unschuldig dich erbaun,
Mußt alles du in Gott und Gott in Allem schaun.

Und das ist gar nicht schwer; der höchsten Liebe Spur
Im Niedersten zu schaun, hab' Liebesaugen nur!

Die Liebe siehst du dann, wie dort im Reigen gehn
Der Stern', in Blumen so hier auf den Grüften stehn.


66

Du gehest ein in mich, und ich geh in dich ein;
Dich athm' ich ein und aus, ein Hauch von dir mein Seyn.

Ich höre dich in mir, und in dir fühl' ich mich,
Und Alles sieht mein Aug' in dir, in Allem dich.

Du bist das Licht von mir, ich bin von dir der Schatten;
Ich möcht' in dir zergehn, die Welt will's nicht gestatten.

Du bist das Licht in mir, und zehrest auf von innen
Den Schatten, daß er muß der Welt zum Trotz zerrinnen.

O zehr die Welt in mir nur auf mit deinem Glanz,
Die mir nur halb genügt, nur du genügst mir ganz.


67

Du fühlst, du bist aus Gott, doch hast du nicht vernommen,
Wie, wenn, warum, wozu du bist aus ihm gekommen.

Ob du von ihm verbannt, ob von ihm ausgesandt,
Ob ausgewandert bist, es ist dir unbekannt.

Bist du verbannt, so wird er die Verbannung wenden;
Bist du gesandt, so wird er wieder dich besenden.

Bist du gewandert, wird die Wanderlust vergehn,
Und deine Heimat wirst du freudig wiedersehn.


68

Wie Blüten aus dem Baum, wir Stralen aus der Sonne,
So tritt aus Gott hervor der Welten lichte Wonne.

Die Blüten fallen ab, die Stralen sind verglommen,
Und Niemand sieht, wie sie zurück zur Wurzel kommen.

Sie kommen ungesehn zur Wurzel doch zurück,
Und treten neu hervor, ein ew'ges Frühlingsglück.


69

Die Sonne stralet Glanz, der sie als Wolk' umschwebt,
In welche sie die Welt als Regenbogen webt.

Die Sonne spiegelt sich mit Lust im farbigen Bogen,
Sie hat ihn angeregt, sie hat ihn eingezogen.

Im Regenbogen bin auch ich von dir ein Glanz;
Denn Blumen jeder Art brauchst du zu deinem Kranz.

Die Blumen freuen sich, für dich sich zu verhauchen,
Die Tropfen zu versprühn, die Welten zu verrauchen.

Wenn sie verhauchen sich in dich, bist du ihr Hauch;
Und tauchen sie in dich, in dir doch sind sie auch.

Sie werden frei vom Rauch, wenn sie in dir verrauchen;
So laß in dich nur auch mich tauchen und verhauchen.


70

Was rühmst du dich, daß du nach Geld und Gut nicht trachtest,
Wenn du nicht minder doch nach Ruhm und Ehre schmachtest?

Zur vollen Seligkeit, o Seele, gieng nicht ein,
Wer etwas auf der Welt noch sucht als Gott allein.


71

An Kindern hab' ich oft bewundert, wie in Bildern
Sie gleich den Gegenstand erkennen, den sie schildern.

Ein nur gemaltes Pferd, ja gar ein nur in Strichen
Gezeichnetes, worin hats einem Pferd geglichen?

So Größ' als Umfang fehlt, so Leben als Bewegung;
Was ist im Bilde denn zu des Begriffs Anregung?

Der Geist muß innerlich voll seyn von solchen Bildern,
Die dann nach ihrer Kunst die Künstler außen schildern.

Und solche Bilder sind dem Kind schon eingeboren,
Sie werdem ihm nicht erst durch Bildung anerkoren.

Ganz sinnlich scheint das Kind, und ist schon geistig ganz,
Und die Entwicklung streift nur Hüllen ab vom Glanz.


72

Die Götter lieb' ich nicht, die uns die Sagen gaben,
Die bald zuviel ein Aug' und bald zuwenig haben.

Die Gottheit lieb' ich, die mich unsichtbar umfließt,
Ein ew'ger Liebesblick der Schöpfung Blüt' erschließt.

Die Gottheit lieb' ich, die allgegenwärtig waltet,
Gestaltenlos, der Welt Gestalten umgestaltet.

Und nimt sie selbst Gestalt, und es soll mir nicht graun,
So muß sie menschlich aus zwei Augen an mich schaun.


73

Die Götter nahen gern dem Menschenaufenthalt,
Und stellen uns sich dar in menschlicher Gestalt.

Doch können sie so ganz den Menschen niemals gleichen,
Daß nicht von Göttlichkeit an ihnen blieb' ein Zeichen.

Sie tragen eine Spur von göttlicher Natur,
Doch dem geweihten Aug' erkennbar ist sie nur.

Und wenn nicht sichtbar beim Erscheinen auch ihr Zeichen
Dem Auge ward, so wird es sichtbar beim Entweichen.

Und wer ihr Zeichen selbst nicht spürt mit dumpfem Sinne,
Wird doch die Götternäh' an einem Schauder inne.


74

Voll Götter ist die Welt, die alle sind zusammen
Ein Göttliches, daraus, darein zurück sie schwammen.

Und wem die Sinne sind von ihrer Gunst erschlossen,
Ist überall umweht von ihnen und umflossen.

Wer achtet ihren Wink, und auf ihr Zeichen merkt,
Fühlt sich auf jeder Bahn gefördert und gestärkt.

Und wer entgegen ihrem Willen seinen stemmt,
Fühlt sich in jedem Werk gehindert und gehemmt.


75

Was ist wahr oder falsch an innrer Offenbarung?
Es ist damit alswie mit äußerer Gewahrung.

Was deine Augen sehn, was deine Ohren hören,
Das glaubest du, daran wird dich kein Zweifel stören.

Und wozu dir versagt sind Augen oder Ohren,
Sei es für andre da, für dich ist es verloren.

So offenbart auch das der Geist dem Geiste nur,
Wofür empfänglich ist die geistige Natur.

Er glaubt daran und schwört, er hats gesehn, gehört;
Warum nun glaubest du, daß ihn ein Wahn bethört?

Gott hat nur anders ihn als dich es sehen lassen;
Weißt du, auf wieviel Art sich Gott läßt sehn und fassen?

Fass' ihn auf deine Art, fass' ihn auf deine recht!
So gut als solchen Herrn kann fassen solch ein Knecht.

Und dank' ihm, daß ins Aug' ihn jeder fassen darf,
Ob scharf ob blöd' es sei, was ist hier blöd' und scharf?

In wessen Auge sich ein Stral vom Herren spiegelt,
Der dient dem Herrn, sein Dienst ist ihm vom Herrn besiegelt.


76

Ich hab' ein schlichtes Buch gelesen, unverziert,
Unverschraubt, unverfälscht, unverfilosofirt.

Ansichten, Rücksichten, Absichten waren nicht,
Aus Umsicht aber ward Einsicht und Übersicht.

Man sah, der Sache war gesehen auf den Grund;
Des Kenners Kunde gab sich dem Unkenner kund.

Das ist Filosofie, doch andere als die
So hoch nun steckt ihr Ziel, daß sie's erreichet nie.

Filosofie, die man nicht fertig mit sich bringt,
Die aus der Forschung selbst dem Forscher erst entspringt.

Filosofie, die will nicht machen selbst die Sachen,
Fein zusieht ernst und still, wie sich die Sachen machen.


77

O wende dich an das, mein liebendes Gedicht,
Im Menschen, was vereint, an das, was trennet, nicht!

An das nicht, was nur trennt, und ewige Trennung stiftet,
Der beiden Welten Heil mit heiligem Gift vergiftet;

Was als das einzige Heil für hier des Staates Norm
Aufstellen und für dort will eines Glaubens Form;

Daß vor dem heiligen unheiligen Kriege Frieden
Und Glück zu finden sei nicht droben noch hienieden.

Von dieses Fiebers Frost, von dieses Fiebers Glut,
Erstarrt der Menschheit Herz, versiegt ihr Lebensblut.

In diesen Todesfrost blas' einen warmen Hauch,
Und einen klärenden in diesen dumpfen Rauch!

Das reine Menschliche im Menschen wend' hervor,
Der ewigen Sonne zu den Liebesfrühlingsflor!

Daß sich die Menschheit einst fühl' Eins, wie einst sie war,
Und wie sie noch sich fühlt in jedem jungen Paar.

Dis liebende Gefühl, aufs Leben ausgedehnt,
Und auf die Welt erstreckt, ist was der Geist ersehnt.

Hinweg, was zwängt und engt! herbei, was Bande sprengt,
Und nur mit Liebesband Geist und Natur umfängt!


78

Die Welt ist Gottes unausdenklicher Gedanke,
Und göttlich der Beruf zu denken ohne Schranke.

Nichts in der Welt, das nicht Gedankenstoff enthält,
Und kein Gedanke, der nicht mitbaut an der Welt.

Drum liebt mein Geist die Welt, weil er das Denken liebt,
Und sie ihm überall soviel zu denken giebt.


79

Unglücklich ist nicht, wer der Erde Glück verlor,
Und himmlisches dafür im Glauben sich erkor,

Unglücklich auch nicht, wer zufrieden sich behagt
An dieser Welt, und nicht nach einer andern fragt.

Unglücklich ist nur, wer die Lust sich sieht geraubt
Am Irdischen, und nicht an Überird'sches glaubt.


80

Die Ewigkeit umfaßt die Ewigkeit allein;
Was in dir Ew'ges denkt, das muß unsterblich seyn.

Unsterblichkeitsgefühl im Menschen war erwacht,
Sobald nur seinen Gott unsterblich er gedacht.

Mocht' er im Gegensatz zum Gott sich sterblich nennen,
Sein eignes Göttliches konnt' er vom Gott nicht trennen.

Doch als den Göttern er Gestalt und Leib gegeben,
Zu Menschen sie gemacht, die nur viel länger leben;

Da war Unsterblichkeitsgefühl ihm selbst entschwunden,
Mit körperlosem Gott erst wieder klar empfunden.


81

Was thut ihr denn alsob ihr neu die Welt gemacht,
Weltweise, wenn ihr neu ins Fachwerk sie gebracht?

Was ist, ist immer eins, eins auch was ihr erkennt,
Der ganze Unterschied ist daß ihrs anders nennt.


82

Unendlich ist zugleich und endlich jedes Ding;
Dort achtest du es groß, hier schätzest du's gering.

Das was du liebest, lern' als ewig fest zu halten,
Gewurzelt im Gemüt, um niemals zu veralten.

Doch was Unliebes dir macht Ärger und Verdruß,
Das wirf entschlossen in der ird'schen Dinge Fluß.

Dich tröst' es, daß im Fluß es wird vorübertreiben,
Im Meer der Ewigkeit wird deine Liebe bleiben.


83

Das Allgemeine schwebt dem Geist beständig vor,
Nur wie ein Bild verhüllt von des Besondern Flor.

Doch wenn der Geist einmal sich, durch den Flor zu dringen,
Gewöhnt hat, sieht er klar das All in allen Dingen.

Das ist die Ähnlichkeit, die Bild mit Bild verknüpft;
Fest hält die Dinge, wem der Faden nie entschlüpft.

Das was sie ähnlich macht, das macht sie auch verschieden;
Wer dis Geheimniß kennt, ist selig und zufrieden.


84

Nur eine Liebe giebts auf Erden ohne Leid,
Weil ohne Eifersucht, weil ohne Groll und Neid,

Und ohne Eigennutz; weil, wer sie liebt auf Erden,
Für seine Liebe nicht geliebt will wieder werden.

Welch eine Lieb' ist das? zu welchem Liebesgut?
Zu einem, das der Geiz nicht nehmen kann in Hut.

Zu einem, das nicht wird durch kleinste Theilung kleiner,
Das tausend in Besitz ganz haben, ganz wie einer.

Die Lieb' ist es zu Gott, die keinen aus will schließen,
Vielmehr sich vielfach in Mitliebenden genießen.

Das ist die Liebe, die noch nicht das Volk gewann,
Das einen eignen Gott zu seinem Hort ersann.

Die hat auch nicht der Mann, der den zum allgemeinen
Gewordnen Hort der Welt neu machen will zum seinen.

Die Liebe hat nur, wer mit Liebesandacht sieht
Jedweden Liebenden, der vorm Geliebten kniet.

Auf welcher auch er kniet der tausend Tempelstufen;
Ins Allerheiligste wird er mit Lieb' ihn rufen.

Nur lieblos wird er nicht ihn nöth'gen einzutreten,
Noch minder wehren ihm auch draußen anzubeten.


85

Vier Kräfte nenn' ich dir am Menschen, mangelhaft
Zu nennen sind die vier vor einer fünften Kraft.

Der Trieb im Menschen, wenn er einen Gegenstand
Ergreifen will, streckt er zuerst danach die Hand.

Und ist der Gegenstand der Hand nicht zu erlangen,
So ist anstatt der Hand der Fuß danach gegangen.

Wo auch das Flieh'nde dort will deinem Fuß entweichen,
Da mag es noch dein Wort, dein Rufen es erreichen.

Doch weiter als dein Wort, als deine Stimme, dringt
Dein Auge, das dir nah heran das fernste bringt.

In Fernen aber, die du mit des Blickes Schweifen
Nicht kannst ermessen, kannst du mit Gedanken greifen.

Drum übe Hand und Fuß, und Red'- und Sehekraft,
Vor allem übe doch dich in Denkwissenschaft.


86

In allen Zonen liegt die Menschheit auf den Knien
Vor einem Göttlichen, das sie empor soll ziehn.

Verachte keinen Brauch und keine Flehgeberde,
Womit ein armes Herz emporringt von der Erde.

Ein Kind mit Lächeln kämpft, ein andres mit Geschrei,
Daß von der Mutter Arm es aufgenommen sei.


87

In einer Wüste fließt ein Quell durch Gottes Kraft,
Der hat für Durstige des Wegs die Eigenschaft:

Wer im Vorübergehn nur schöpfet mit der Hand,
Der geht erquickt und kühl hinweg im Sonnenbrand.

Doch wer sich niederläßt am Quell und trinkend ruht,
Der trinkt sich durstig, und verdurstet an der Flut.

Ihr Pilger dieses Wegs, laßt es gesagt euch seyn!
Schöpft im Vorübergehn nur mit der Hand allein.


88

Den Menschen gnüget nie, was Menschen wissen können,
Kein Vorrecht wollen sie darin den Göttern gönnen.

Doch hat solch Wissen nie sie göttergleich gemacht,
Um ihren menschlichen Verstand nur oft gebracht.

Laß uns, was vor uns steht, gewahren und erfahren,
Und was darüber geht, auf dahinüber sparen.

Es ist ja gut daß uns bleib' etwas vorbehalten,
Das wir zu seiner Zeit mit neuer Lust entfalten.

Ich sage dir auch nicht, du sollst dich gar nicht schwingen
Hinan, hinüber nur mit Hals und Kopf nicht springen.

Es ist ein Unterschied, ob man hinüber blicke,
Ob man hinüberspring' und breche das Genicke.

Schwing dich empor und hol' herab von dort die Ahnung,
Die gnügt zur Mahnung dir, die gnüget dir zur Bahnung,

Zur Mahnung deines Wegs, daß du nicht sinkst in Ruh,
Zur Bahnung eines Stegs dem höhern Ziele zu.

Inzwischen, wenn du weißt, du bist im Weg zum Ziel,
Sieh rechts und links dich um! auf Reisen sieht man viel.

Die dumpf verrannten sinds, die nur im Auge haben
Das Ziel, und unbeschaut die schöne Welt durchtraben.

Kurzsichtige, die sich als gar fernsichtige preisen;
Denn nur aufs Ziel zu sehn, verdirbt die Lust am Reisen.


89

Du bist in Gottes Rathsversammlung nicht gesessen,
Als er den Plan der Welt nach seinem Maß gemessen;

Nun thust du doch als sei dir vorgelegt der Plan,
Und deinen Maßstab legst du unbekümmert an.

Nur zu! Es ist darauf der Großplan angelegt,
Daß jedes kleinste Maß paßt das man angelegt,

Daß jeder deutet sich die Welt in seinem Sinn,
Und jeder deutet recht; soviel ist Sinn darinn.


90

Wer immer auf der Hut, sich zu vertheidigen,
Nicht reizen darf den Feind und nicht beleidigen;

Der hat wohl schlimmen Stand und üblen Feldwachposten,
Wobei er wenig Ruh und süßen Schlaf wird kosten.

Er möchte wünschen, wenn er dürfte, kurze Dauer
Der Kampfentscheidung statt der langgespannten Lauer.

So ist des Menschen Stand genüber dem Geschick,
Vor dem er sicher ist nicht einen Augenblick.

Angreifen darf er nicht, und nicht zurück sich ziehn,
Nur stets gewärtig seyn, daß an der Feind greif' ihn.


91

Botaniker zugleich wer ist und Astronom,
Betrachtet wechselweis Erdflur und Himmelsdom.

Und eines würd' er oft beim andern gar versäumen,
Blühte zu gleicher Zeit sein Flor in beiden Räumen.

Doch ihm zum Glücke gehn die Stern' auf in der Nacht,
Und zu am Morgen, wann der Blumen Aug' erwacht.

Mir ist es nicht wie ihm geworden ganz so gut,
Da wol mein Doppelkram einander Eintrag thut:

Poetische Blumenles' und hohes Spekuliren,
Von einem muß ich mich zum andern hin verlieren.

Das eine würd' ich denn verlieren überm andern,
Wenn ich von diesem weit zu jenem müßte wandern.

Die Auskunft traf ich drum hier beides zu vereinen,
Wo Stern' und Blumen durch einander blühn im Kleinen.


92

Der Wahrheit treu zu seyn, die du in dir empfindest,
Das ist der Schwur, von dem du nie dich selbst entbindest.

Dem Irrthum feind zu seyn, das geht unmittelbar
Daraus hervor, und bringt sogleich dich in Gefahr.

Denn von dem Irrthum läßt sich diese Welt nicht scheiden;
Wer ihn nicht leiden will, dem muß sie selbst verleiden.

Die Wahrheit ist der Welt durchaus nicht aufzudringen,
Ein Irrthum ist nur durch den andern zu bezwingen.

Ein Äußerstes wird stets ein Äußerstes verdrängen,
Und immer wird das Volk an andern Götzen hängen.

Doch ärgern soll sich nicht an diesem Dienst der Götzen,
Wer sich im stillen kann an seinem Gott ergötzen.


93

Ob gut ob böse sei ein Geist, von dem du dich
Getrieben fühlest, weißt du nie so eigentlich.

Daß Großes, Schönes er, ja Gutes thun dich heißt,
Damit ists nicht gethan, das thut auch böser Geist;

Des Hochmuths böser Geist, des Scheins, der Heuchelei,
Der selbst sich bildet ein, daß er ein guter sei.

Nur wo der Geist dich treibt zu dulden und zu lieben,
Da hat dich ganz gewiß ein guter Geist getrieben.


94

Wenn du Vertrauen hast, gereicht es dir zum Heile,
Und sicher gehst du, wie der Tänzer auf dem Seile;

Und sicherer, weil du was besseres begannst,
Wobei mit besserm Recht du Gott vertrauen kannst.


95

Such' alles, was du machst, aufs beste nur zu machen;
Was aber, fragst du, ist die beste Art der Sachen?

Ist etwas gut genug, so laß es fein dabei,
Und frage nicht, ob es noch besser möglich sei.


96

Nie auf den Gegenstand wird ganz ein Urtheil passen,
Drum lieber allgemein mag ich Urtheile fassen,

Damit sich, was davon nicht zu dem Falle passe,
Der hier zu Grunde liegt, beziehn auf andre lasse;

Denn immer wahr wird seyn, was du als wahr erkannt,
Wenn du es auch villeicht auf Falsches angewandt.


97

Beim Hauch des Morgens und der Mitternächte Schauer
Fühlt' ich die Trauer, daß die Welt hat keine Dauer;

Daß wir am Anfang schon dem End' entgegen gehn,
Und doch am Ende noch beim Anfang immer stehn.

Bald haben wir's verwacht, bald haben wir's verträumt,
Nie säumend Tag und Nacht, das Glück ist stets versäumt.

Wie uns zuschauerhaft vorbeigeht schauerlich
Die Welt undauerhaft, ist wohl bedauerlich.

Wohl zu bedauern sind leichtsinnige Vertrauer,
Die hier ins Lustspiel gehn, und finden das der Trauer.

Und zwei nur sind beglückt, der den kein Trug berückt,
Und der dem es genügt, daß ihn ein Trug beglückt.


98

Mit Andacht lis, und dich wird jedes Buch erbauen;
Mit Andacht schau, und du wirst lauter Wunder schauen.

Mit Andacht sprich nur, und man hört dir zu andächtig;
Mit Andacht bist du stark, und ohn' Andacht ohnmächtig.


99

Statt dich zu zanken mit den eigenen Gedanken,
Ist dirs zuweilen gut mit fremden dich zu zanken.

Zwar kommt so wenig auch bei diesem Zank heraus
Im fremden, als bei dem in deinem eignen Haus.

Doch wenn mit fremden du dich recht herumgeschlagen,
Wirst du villeicht dich mit den eignen ehr vertragen.

Mit deinen eigenen Gedanken leb' in Frieden!
Denn, ist er nicht in dir, wo ist der Fried' hienieden?


100

Der Mensch soll alles, nur sich selber nicht, aufgeben;
Die Menschheit ist das Selbst, das soll im Menschen leben.

Aufgeben sollst du nur das Selbst das du nicht bist,
Nicht jenes das in dir die Menschheit selber ist.


101

Die Haltung fehlt; was hilfts ob ein Gehalt sich findet,
Der, hält er sich nicht fest an Haltung, haltlos schwindet!

Der Töne Füll' ist da, doch wenn der eine Ton
Nicht wird gehalten, ist der Einklang auch entflohn.

Des Tanzes Wirbel rauscht, der Takt wird nicht gehalten,
Und nicht zur Anmuth kann das Chaos sich entfalten.

Der rechte Weg wird falsch, wenn du nicht hältst die Richte;
Und wenn du es nicht hältst, wird das Gesetz zunichte.

Behalt und halte dis bei jeglichem Verhalten:
Die Haltung hält die Welt, such' Haltung zu erhalten!


102

Was du solang erhofft, wann es nun endlich kam,
Wie schnell ist es vorbei, und ewig bleibt der Gram,

Daß es nie wieder kommt, weil's da nun einmal war;
Doch sterbend läßt es dir ein Kind, das es gebar:

Ein neues Hoffen, das zu seiner Zeit gebiert
Ein neues wieder und sein Leben dran verliert.

Das sind die Hoffnungen, verloren wie geboren,
Durch die uns unvermerkt das Leben geht verloren.

Das sind die Hoffnungen, geboren wie verloren,
Durch die das Menschenherz ist immer neugeboren.


103

In Allahs Paradies, wie sein Profet verhieß,
Soll sproßen jede Frucht den Gläub'gen zum Ersprieß.

Doch in zwiefacher Art ist jede Frucht vorhanden,
Die eine, wie sie gern auf Erden hier sie fanden,

Die andere, wie sie auf Erden niemal sahn;
Mit beiden aber wird es also seyn gethan:

Die eine welche sie als langbekannte finden,
Läßt einen völlig unbekannten Schmack empfinden;

Die andre aber, die sie als ganz neu entdecken,
Wird ihnen ganz bekannt, nur etwas besser schmecken.

Das heißt: sie werden sich im Alten stets des Neuen
Und in dem Neuen dort des Alten ewig freuen.

Der Früchte denk' ich gern, so oft es mir behagt,
Am liebsten, wenn die Welt dergleichen mir versagt.

Wollt' auch bekannte Frucht nur immer Gott mir schenken,
An Allahs Paradies wollt' ich bei Gott nicht denken.

Der Datteln wollt' ich gern entbehren und der Pfirschen,
Hätt' ich das ganze Jahr nur Trauben oder Kirschen.


104

So oft du wieder treibst, was du einmal getrieben,
So oft du wieder schreibst, was du einmal geschrieben;

Scheint ein Verständnis erst der Sache dir erstanden,
Als hättest du sie gar vom Anfang nicht verstanden.

Verstehst du wirklich sie nun erst, und damals nicht?
Ich denke sie erscheint dir nur im neuen Licht.

Thu denn nicht Unrecht dem, was du gewesen bist,
Noch zuviel Ehre dem, was draus geworden ist!

Und mache dann von dir auf andre die Anwendung:
Steh auch das Licht, in dem sie sehn, nicht an für Blendung!


105

Leichtgläubigkeit ist nicht nur Mangel an Verstand,
Auch von Einbildungskraft ist sie ein Unterpfand.

Wer wenig faßt, wird schnell Unfaßliches verneinen;
Wer viel sich denken kann, dem wird viel möglich scheinen.


106

Zu seinem Ebenbild seit Gott den Menschen schuf,
Wie ungehorsam konnt er werden seinem Ruf?

Weil er war Gottes Kind, und werden sollt' ein Mann,
Ein freier Mann, der nur sich selbst gehorchen kann.

Darum den Willen hat sein Vater ihm gegeben,
Sich zu gehorchen und ihm selbst zu widerstreben;

Kraft dessen an sich selbst verzieren und unzieren
Er nun mag Gottes Bild, und nur nicht ganz verlieren;

Kraft dessen er auch mag das Bild herstellen klar,
Daß er durch sich nun sei, was er durch Gott nur war.


107

Wie wenig ist was die einander hier doch geben,
Die in des äußern Weltverkehrs Berührung leben;

Die sich erregen meist nur um sich zu verwirren,
Und sich begegnen um sich gegenseits zu irren;

Die selten oder nie einander weiter bringen
In großen Dingen, und sich streiten in geringen;

Wie wenig gegen das, was ein Gemüt durchbebt,
Das mit der Menschheit eins in höherm Chore lebt!

Die Menschheit stellt sich klar nur in der Ganzheit dar,
Und in der Einzelheit, doch niemals in der Schaar.

Und von der Einzelheit ist Ganzheit nicht verschieden;
Der Ganzheit Träger ist die Einzelheit hienieden.

Das ist das Selbst, das selbsuchtlos der Weise sucht,
Das Selbst, vor dem der Thor ist immer auf der Flucht.

Er flieht zum Lerm der Welt, sich selbst zu übertäuben,
Ins Leer sein leeres Selbstbewustseyn zu zerstäuben.

Du aber samml' in dir der Menschheit Blütenstaub,
Und gib die Blüte nicht dem Wind der Welt zum Raub.

Aufreg' ein Liebeshauch in dir den Blütenstaub,
Daß deine Blüte nicht unfruchtbar sei und taub.


108

Nun nachgerade bin ich dieses Daseyns satt,
Des engen, das den Geist solang umrungen hat.

Und mich begeben möcht' ich auf Entdeckungsreisen,
Doch in Welttheilen nicht, noch auch in Sternenkreisen.

Denn Weltentheile sind nur Theile dieser Welt,
Und auch nur Zeit und Raum umspannt das Sternenzelt.

In einer Welt, o Geist, worin die Zeit zum Nu,
Der Raum zum Punkte wird, zu kreisen lüstest du.

In Gottes Geisterwelt zu kreisen lüstest du,
In Gottes Geisterwelt zu reisen rüstest du.

Was ist die Rüstung denn dahin und Vorbereitung?
Erharren in Geduld Fahrwind und Segelspreitung.

Wo ist die Himmelsluft, vor deren Hauch erblüht
Das Segel, das gewelkt umflattert mein Gemüt?

Derselben harre du, und sammle kein Gewicht
Zur Reise, sammle dich! die Reis' entgeht dir nicht.

Ganz sammle nur, mein Geist, dich in Vergeistigung!
Die Reis' entgeht dir nicht, wann du bist Geist genung.


109

Schon öfter hab' ich dir in Räthseln vorgetragen
Antworten, die sich gibt die Seel' auf Zweifelsfragen,

Auf Fragen, die sie an sich selbst thut über sich:
Woher, woraus, wovon, wofür, wozu bin ich?

Wozu kam ich hieher? von welchem Trieb getrieben?
Und warum bin ich nicht dort wo ich war, geblieben?

Bin ich herabgesandt? bin ich herabgebannt?
Hab' ich, und weiß nicht mehr, mich frei herabgewandt?

Herabgeflogen wol? villeicht herabgestiegen?
Herabgefallen gar? am besten wäre Fliegen.

Wenn ich herab einst flog, werd' ich hinauf einst fliegen;
Wenn ich herunter fiel, wie lange soll ich liegen?

Das, Seelchen, sag' ich dir: du bist gewis geflogen,
Wenn als ein Vogel nicht, doch wie ein Pfeil vom Bogen.

Vernimm den Ernst von mir: Zwei Schwingen dienten dir,
Die eine Langeweil, die andre Neubegier.

Langweile war es müd' im ew'gen Chor zu schweben,
Neugierde fühlte Lust was andres zu erleben.

So trugen sie dich her, zu büßen ihre Lust,
Und immer fühlst du noch die beiden an der Brust.

Ihr Nagen in der Brust fühlst du mit Unbehagen,
Und wünschest daß sie dich nur immer weiter tragen.

Ich rathe dir, wann du kommst einmal heim zu ruhn,
Die beiden Schwingen ganz und gar dann abzuthun.

Doch, bleibt noch Trieb in dir, wird er sie wieder treiben,
Und wieder wirst du dort nicht lange können bleiben.

So fleug denn, weil du mußt! Ich aber, wenn Gefieder
Mir sproßte, flög' ich auf, und nie herunter wieder.

Denn, ob ich es zur Zier sag' oder Schande mir:
Mit Langeweile fehlt mir auch die Neubegier.

Ich bliebe fort und fort gar gern an einem Ort,
Solang es seyn soll, hier, und wann es seyn kann, dort.


110

Aus zwei Verneinungen wird eine Wortbejahung,
Aus zwei Entfernungen doch niemals eine Nahung,

Aus zwei Abneigungen nie eine Liebumfahung.

Aus zwei Bejahungen wird nie im Wort Verneinung,
Doch in der Sache wol; wenn bringen in Vereinung

Du willst zwei Meinungen, erhältst du keine Meinung.


111

Nicht von Unwissenheit genügt es frei zu sein;
Wer selbst sich hat befreit, will andre auch befrein.

Durch Mitbewustsein soll sich dein Bewustsein mehren;
Darum, was du gelernt, willst du alsbald auch lehren.


112

Nun ward es dir, wonach du Jahrlang dich gegrämt;
Es ward dir, und du bist, mehr als erfreut, beschämt.

Beschämt, zu sehn, wie du so kindisch hast verlangt
Nach Etwas, das nun ist so Nichts, da du's erlangt.


113

Zweifl' und verzweifle nicht an deines Gottes Huld;
Er gab dir manches Gut, vergab dir manche Schuld.

Und was er dir versagt, das war dir nicht zum Heil;
Einst wirst du's einsehn ganz, und siehst es schon zum Theil.


114

Mein Sehnen strebet vor, und strebet nicht zurück;
Nicht die Vergangenheit, die Zukunft ist mein Glück.

Mein Sehnen strebet vor und eilet mir voraus,
Es schwebet dort empor, und ist schon dort zuhaus.

Es ist schon dort zuhaus, wann ich ihm komme nach,
Dann zeigt es dort mir das, was hier es mir versprach.


115

Und meinest du daß dich die meisten hören werden,
Die ihres Weges gehn im Staube wie die Herden?

Der Hirte dieser Welt führt sie zu Lust und Leide,
Zur Schlachtbank führt er sie, zuvor zur Sinnenweide.

Laß ihrer blinden Lust sie nachgehn, der zu schwach
Sie sind zu widerstehn, und geh nicht ihnen nach.

Nach geh du jeder Spur, die nur das Auge spürt
Des Geistes, wo der Geist je Geistige geführt.

Auf, ehr am Boden wo die leise Spur erlischt,
Sei sie von deinem Tritt nacheifernd angefrischt.

Das wird zu Statten nicht nur dir, auch jenen kommen,
Die nach dir gleichen Wegs mit gleichem Sehnen kommen.


116

Beim Lichtanzünden sprich: Willkommen sei die Nacht,
Gesegnet der das Licht im Finstern hat gebracht!

Gott ist das Licht des Tags, der ohn' ihn kann nicht leuchten,
Und mit ihm wird die Nacht uns auch nicht finster deuchten.


117

Du bist der Nächte Licht und bist des Tages Schatten,
Laß mich verzagen nicht, und laß mich nicht ermatten!

O der du bist mein Licht und bist mein Schatten du,
Ich flüchte meinem Licht und meinem Schatten zu.

Der Mitternacht Ruhlicht, des Mittags Schattenruh,
Ich flüchte dir, du Licht, dir, du mein Schatten, zu.


118

Mensch, rühme dich nicht stolz, daß du ein Gut gewannst,
Weil du nicht weißt wiebald du es verlieren kannst.

Auch rühme dich nur nicht, daß du ein Wissen hast;
Wer's nicht zu brauchen weiß, dem ist es eine Last.

Wie leiblicher Besitz kann auch dein geistiger schwinden;
Dann, wenn du sonst nichts hast, wirst du dich arm empfinden.

Doch wenn du gut bist, das allein wird nie geraubt;
Des rühme dich nicht, doch freu dich! das ist erlaubt.


119

Was Menschen Vorsicht heißt, ist schlecht von Menschen denken;
Nie woll', o Vorsicht, mir die schlechte Vorsicht schenken!

Die Vorsicht blickt herab, du schau zu ihr empor!
Vorsichtig ohne sie, bist du ein blöder Thor.


120

O fühle dich, du fühlst, du bist von allen Seiten
Abhängig, wo du stehn magst, liegen oder schreiten.

Vom Stoß der äußern Welt von jeder Seit' abhängig,
Der Kraft des Elements zugängig, ja durchgängig.

Nicht einmal wie ein Erz dem Wasser undurchdringlich,
Nicht einmal wie ein Stein dem Feuer unbezwinglich.

Dich trinkt der Hauch der Luft, dich ißt der Wittrung Zahn,
Dich wandelt Tag und Nacht, und wandelt deine Bahn.

O fühle dich, und sprich, in deiner Engigkeit
Wie kommst du zum Gefühl der Unabhängigkeit?

Du fühlest, daß ein Hauch dich jenes Odems trägt,
Von dem im Gleichgewicht die Schöpfung ist gewägt;

Von dem im Gleichgewicht die Schöpfung ist gewägt,
So daß nach keiner Seit' um eine Schale schlägt.

Wie dich die Wage wägt, wo dich die Schale trägt,
Wohin dich Element ins Element verschlägt;

Sag ihnen: Was verschlägt es mir, wie ihr mich wägt?
Ich fühle mich ein Geist, mit Geist vom Geist geprägt.

Wer dis Gepräge trägt, der weiß daß man ihn wägt,
Prüft, läutert, umschmelzt, doch als unrecht nie verschlägt.


121

Was feindlich ist der Welt, das magst du feindlich hassen;
Was aber feindlich dir nur ist, ertrag gelassen.

Das ist das Gegentheil von dem was viele thun,
Die ihres mit dem Heil der Welt verwechseln nun.


122

Sprich, wie der Muselman im Unglück und im Glück
Spricht: Wir sind Gottes und kehren zu ihm zurück.

Was ihn erfreut, ergetzt, was ihn betrübt, verletzt,
Was ihn bedroht, erschreckt, verwundert und entsetzt;

Was ihn ergreift, entzückt, was ihn bethört, berückt,
Was ihn zum Himmel hebt und ihn zu Boden drückt;

Er sprach und spricht noch jetzt sein Bannwort, und zuletzt
Hat alles dieses Wort ins Gleichgewicht gesetzt.

Drum, wie mit Gleichmut er im Unglück und im Glück,
Sprich: Wir sind Gottes und kehren zu ihm zurück.


123

Singvögel sind es nicht, die lernen Wörter sprechen,
Es sind die schreienden, die Rede radebrechen,

Der Papagei, dem man vorhängt die Spiegelwand,
Die Elster, wenn man ihr gelöst der Zunge Band.

Doch die mit freier Kunst dichten die freien Strofen
Im dichten freien Wald, sind nicht Schulfilosofen.


124

Ich weiß wol einiges und weiß es ganz gewis,
Doch Niemand glaubt es mir, es ist ein Ärgernis.

Beweisen kann ichs nicht, mir hat sichs nur gewiesen,
Villeicht nach meiner Zeit wird es einmal bewiesen.


125

Surat Alforkan v. 34.

Und wenn ihr fragt, warum wir euch kein Ganzes geben?
Wir geben euch es so wie wirs empfangen eben.

Mir zur Erquickung gab in einzlen Augenblicken
Es Gott, und also mög' es einzeln euch erquicken.


b.
v. 35.

Auf alle Fragen die ich thun mag, hört ein Geist,
Der bald mich deutlicher bald dunkler unterweist.

Und auf die Fragen die nun ihr mögt thun hinwieder,
Antworten deutlicher und dunkler diese Lieder.

Und wenn die deutlichen Antworten euch erfreuten,
Freun dunkle mehr noch euch, wenn ihr sie wißt zu deuten.


126

Es ist ein alter Spruch: das beste Leichentuch
Ist Redlichkeit, sie würzt den Tod mit Wohlgeruch.

Es ist ein alter Spruch: wenn sie mit dir nun schreiten
Zu Grabe, werden sie verschieden dich begleiten.

Dein einer Freund, dein Gut, bleibt hinter dir im Haus;
Dein andrer Freund, dein Ruhm, fliegt in die Welt hinaus.

Dein dritter Freund, dein Freund, begleitet dich ans Grab,
Und kehret um, sobald er warf die Scholl' hinab.

Die Liebe schickt villeicht dir ein Paar Thränen nach,
Doch auf der großen Reis' ist dis Geleite schwach.

Ein gut Gewissen nur wird bei der Hand dich fassen,
Nur der Geleitsmann wird dich nimmermehr verlassen.

Und was du Gutes hast vorausgesandt mit Beten,
Tritt dir entgegen dort, und wird dich dort vertreten.


127

Flieh hier Leichtgläubigkeit, und dort die Zweifelsucht!
Doch von der einen schlimm zur andern ist die Flucht.

Und doch, wer irgend naht der ersten oder letzten,
Den sendet die zu der entgegen ihr gesetzten.

Kanst du den Mittelweg nicht treffen zwischen beiden,
So rath' ich diese mehr als jene dir zu meiden.

Denn die Leichtgläubigkeit steht an des Glaubens Thüren,
Der Zweifel aber kann nur zur Verzweiflung führen.


128

Gar viele Wege gehn zu Gott, auch deiner geht
Zu Gott, geh ihn getrost mit Preisen und Gebet.

Und laß dich nicht darin von denen irre machen,
Die andre Wege gehn, und mach nicht irr die Schwachen.

Wer mit auf meinem Weg will gehn, der sei willkommen;
Und geh' ich auch allein, doch geh' ich unbeklommen.


129

O fühle dich, mein Geist, von Geistern stets umgeben,
Von guten Geistern, die dich überall umschweben;

Von guten Geistern der Natur, die Rosenkronen
Dem Frühling weben und in Lilienzelten wohnen;

Von guten Geistern, die in Himmeln Sterne leiten,
Dem Morgenrothe vor und nach dem Spätroth schreiten;

Den guten Geistern, die der Menschen Sinne lenken
Und alle Seelen hie, die dein in Liebe denken;

Die du mit Lieb' hier sahst, die dort mit Lieb' hernieder
Nun sehn auf dich, und die du dort wirst sehen wieder.

Wo gute Geister so in Schaaren dich umfahen,
Darfst du nicht fürchten, daß zu nah die Bösen nahen,

Die Geister der Begier, die dumpf in Raum und Zeit
Befangnen, eitler Lust und eitler Traurigkeit.


130

Unbillig klagest du, zu wenig sei dir kund
Der Dinge dieser Welt geheimnisreicher Grund.

Die nächsten Gründe nur der Dinge siehst du nicht,
Den letzten höchsten Grund fühlst du mit Zuversicht.

Du fühlst, die Kette reicht von Gott zu dir hernieder,
Nur in der Mitte siehst du nicht die Mittelglieder.

Was brauchst du sie zu sehn? Du fühlst der Kette Zug,
An der dich durch die Welt Gott zieht, das ist genug.


131

Die Weisheit lehr' ich dich, die mich das Leben lehrte;
Denn Weisheit anderwerts gelernt ist nicht von Werthe.

Deswegen also wird von Werth und von Gewicht
Für dich besonders auch nicht seyn mein Unterricht.

Allein ich will dir auch nicht mein Gelerntes geben,
Dich lehren will ich nur, zu lernen selbst vom Leben.

Denn, ob das Leben wol ist aller Lehre voll,
Erst muß man lernen, wie von ihm man lernen soll.


132

Du thust, beglückter Freund, ein Büchlein leichter ab,
Sobald sich dir der Gründ' Unhaltbarkeit ergab.

Ich habe länger mich damit herumzuschlagen,
Weil mich die Meinungen mehr als die Gründe plagen.

Die Meinungen, ob auf ob ohne Grund sie stehn,
Ziehn oder stoßen mich, dem kann ich nicht entgehn.

Ich frage nicht, warum, nur was und wie man's meint,
Und wie dis Meinen dann mit meinem sich vereint.

Und dieser Meinungstreit ist schwerer mir zu schlichten,
Als siegreich dir ein Heer von Gründen zu vernichten.


133

Um Neujahr hattest du, wie mir dein Büchlein sagt,
Gedanken, die mich auch um jene Zeit geplagt;

Nur mit dem Unterschied: du hast daraus ersonnen
Ein Lehrgebäud' und ich nur Lieder draus gesponnen.

Nun aber find' ich, daß bei dir gar wirr und kraus
Das aussieht, was bei mir sich nimmt ganz menschlich aus.

Warum? Du hast umsonst gesucht Zusammenhang
Des Sinns, wo mir genügt des Tons Zusammenklang.


134

Wenn du dich lebenslang beschäftigest mit Wörtern,
Verachten dich mit Recht, die lieber Ding' erörtern.

Wenn du dich wenigstens beschäftigest mit Worten,
Aus welchen aufgebaut sind der Begriffe Pforten!

Doch wenn du wirklich dich beschäftigst mit dem Wort;
Es ist nichts höheres zu finden hier noch dort.


135

Mit Freuden greifest du nach allen neuen Bildern
Der Welt und der Natur, was sie auch mögen schildern,

Nicht, um mit Bilderkram dein Zimmer auszuschmücken,
Sondern um deinen Sinn mit ihnen auszudrücken.

Ob ein Gedanke nun vom Bild sei angeregt,
Ob in das Bild ein schon Gedachtes sich gelegt;

Laß nur das schöne Spiel der Kunst dich nicht verdrießen,
Dein eignes Innres dir in Bildern aufzuschließen!

Denn, wie dein Auge selbst sich sieht im Spiegel nur,
So dein Gemüt allein im Bilde der Natur.


136

Du kannst denselben Sinn in viele Bilder senken,
Und kannst im selben Bild gar viele Sinne denken.

Denn der Gedanke muß sich in viel Hüllen kleiden,
Daß er sich lerne von sich selber unterscheiden.

Und viel Gedanken sind in Einem Glanz erbrannt,
Wo die verschiedenen als Eines sich erkannt.


137

Dich irrt der ew'ge Krieg in Wasser, Luft und Erden,
Das Fressen der Geschöpf' und ihr Gefressenwerden.

Du fragst, ob keine Welt geschaffen konnte seyn,
Ganz Leben, ohne Tod? mein Sohn, ich denke, nein!

Ich frage: Fühlest du dich selbst nicht wohlgemacht?
Denk alles andre denn für dich hervorgebracht,

Um dich und alle, die du liebest, zu ernähren.
Nun aber: kann der Tod das Leben wol gebären?

Drum lebt und nähret sich, was dir soll Nahrung geben;
Du freue dich, wieviel' um deinetwillen leben!

Und was nicht deinem Leib, gibt Nahrung deinem Geist;
Du freu der Tafel dich, der reichen, die dich speist!


138

Du glaubst, was ich nicht glaub', und glaubst nicht, was ich glaube;
Erlaub mein Glauben mir, wie ich dir deins erlaube.

Wer noch nichts glaubt, ist leicht zum Glauben zu bekehren,
Wie die Gefäße leicht zu füllen sind, die leeren.

Doch dem, der etwas glaubt, fällt andres glauben schwer;
Gibt er es einmal auf, so glaubt er gar nichts mehr.


139

Das Jenseits kannst du in beliebigen Farben malen,
Die doch den Widerschein von deinem Innern stralen.

Wie dumm seid ihr, um nicht zu sagen: wie verrucht,
Die ihr, zu malen es, so krasse Farben sucht.


140

Dein höchstes Leben sei zu leben gottbewußt;
Darin ist zweierlei: gottwissend, gottgewußt:

Daß du dich wissest stets von Gott gewußt, gekannt,
Gemahnt, gestraft, geprüft, geliebt und Kind genannt.


141

Nicht triftig schienen mir von Gottes Güt' und Macht
Beweise nur aus Endursachen vorgebracht;

Warum ein Angesicht der Augen habe zwei,
Da alles doch zu sehn gnug eins der Sonne sei.

Schönheit und Ebenmaß ließ ich als Grund mir gnügen,
Sie aber wollten noch dazu den andern fügen,

Daß dieser edelste und himmelnächste Sinn
Sei doppelt angelegt dazu von Anbeginn,

Damit ein Auge doch, wann eines ward gekränkt,
Noch blieb', in welches nun die ganze Kraft sich senkt.

Des Grundes Richtigkeit vermocht' ich nicht zu fassen,
Nun aber will ich ihn und muß ihn gelten lassen,

Seitdem ein Auge, mir nicht minder lieb als meines,
An einem theuern Haupt zu Schaden kam, nur eines.

Nun dank' ich Gott, daß ihm noch eines blieb geschenkt,
Und bete, daß darein sei Doppelkraft gesenkt,

Gedoppelt Himmelslicht, gedoppelt Seelenlust,
Daß innen zum Gewinn werd' außen der Verlust.

Die Endursache mag im Dinge selbst nicht seyn,
Mit Recht trägt sie der Mensch zu seinem Trost hinein.


142

Das Leben ist zu kurz, um alles zu erlernen,
Was lernenswürdig ist im Nahen und im Fernen.

Allein die Ewigkeit ist lang genug dazu;
Der Aussicht freue dich, Geist, ewig lernest du.

Und ewig lernest du nicht aus, denn ewig streckt
Das Ew'ge weiter sich, das Ziel um Ziel dir steckt.

Nicht Ein Ziel, sondern eins ums andre zu gewinnen,
Beginne muthig nur das endlose Beginnen!

Lern' alles was du magst! nichts ist ganz unerheblich;
Auch das Vergebliche gelernt ist nicht vergeblich.

Du lerntest wenigstens die große Kunst daran,
Zu lernen. Alles lernt, wer erst das Lernen kan.


143

Wie oft nicht hab' ich schon, von dunklem Drang getrieben,
Das Gegentheil von dem, was ich gedacht, geschrieben.

Aus Ungeschicklichkeit? aus Falschheit? nicht doch! weil
Das Denken immer sucht sein eignes Gegentheil.


144

Du nimmst die Gründe nach einander einzeln vor,
Und freust dich wie so leicht jeder die Kraft verlor.

Doch wenn ihr ganzes Heer dir in geschlossnen Gliedern
Entgegenrückt, was kanst du ihrem Stoß erwidern?


145

Die Liebe, wie ein Kind, liebt art'ge Plauderei,
Doch eine weiß ich von der Kinderunart frei,

Zuneigung herzliche, die sich dir nicht zu zeigen
Braucht, um erkannt zu seyn, weil du verstehst ihr Schweigen.


146

Such' etwas Schönes dir nur immer aus vom Gang
Zu denken der Natur und Weltzusammenhang,

Was du ausdenken magst, es ist ein Traum allein;
Laß wenigstens den Traum sinnreich und trostreich seyn!


147

Wenn du verachten willst, was andre vor dir dachten;
Wie sollen, was du denkst, die nach dir denken, achten?

Ja, deinem Denken selbst kanst du kein Zutraun schenken,
Wenn du kein Zutraun hast zu andrer Denker Denken.


148

Zu eurer Finstrelei bekehret ihr mich nicht;
Ich weiß, die Schöpfung sei ein heitres Gotteslicht.

Dem Lichte ward gesellt ein Schatten zum Geleite,
Und ihr habt euch gestellt auf diese Schattenseite.

Nein, selbst von der Natur seid ihr die Schattenstelle;
Verzehrt euch selber nur, so geht sie auf in Helle.


149

Dein Geist kann nicht umhin, aus allem was gelungen
Zu sehn ihm ist, sofort zu ziehn Schlußfolgerungen,

Und sie auf alles Ungesehne zu erstrecken,
Um, wenn er dis dann sieht, den Fehlschluß zu entdecken.

Laß dich den Schluß zurück zu nehmen nicht verdrießen,
Um, was du neu gesehn, nun auch mit einzuschließen!

Nie falsch ist, was dein Geist sich bei den Dingen denkt;
Es gilt nur nicht, wie du wol meinst, uneingeschrenkt.


150

Die Größenlehre wol und Verskunst hat gleichläufig
Zeilen und Linien, doch die Natur nicht häufig.

Nicht nur wird ein zuweit getriebnes Gleichnis fehlen,
Mehr fehl gehn noch zu weit geführte Parallelen.


151

Ich sehe klar genug, was ich zu sehen brauche:
Die ganze Schöpfung lebt von Gottes Lebenshauche.

Wie sie den Hauch empfing, das ist von Nacht umhangen,
Wir aber preisen Gott, daß sie den Hauch empfangen.

Hauchen wir, ich und du, uns unserm Urhauch zu!
Zur Ruh der Seligkeit führt ew'ger Lieb' Unruh.


152

Um Misverständnisse, ihr Freunde, zu vermeiden,
Verständigt euch nur, wo sich eure Wege scheiden.

Soweit ihr einig denkt, sucht ganz euch zu verstehn;
Und wo die Grenz' angeht, da laßt einander gehn.


153

Der Mensch weiß mehr, als er von selber wissen könnte;
Wo hätt' er dieses her, wenn ihm nicht Gott es gönnte?

Bedenk' einmal nur recht, wie wenig durch Erfahrung
Sich läßt erfahren, und du glaubst an Offenbarung.


154

Du bist, mein Filosof, vollkommen überzeugt,
Daß jeder irrgeht, wer von deinem Pfad abbeugt.

Und deine Zuversicht schlägt das mitnichten nieder,
Daß jener, was von ihm du glaubst, von dir glaubt wieder.

Ich aber, ungewis, nach welchem Stern ich lenken
Mein armes Schifflein soll, muß eins von beiden denken:

Entweder daß ihr beid' irr seid auf eurer Fahrt,
Oder jeder von euch Recht hat auf seine Art.

Nun würd' es alle Lust am Wissen gar mir rauben,
Glaubt' ich das erste, drum laß mich das andre glauben.


155

Der Dichter wär' ein Gott, und zu beglückt sein Loß,
Der kleine Welten schafft, wie Gott schuf Welten groß;

Zu glücklich wär' er, wenn das was er schuf im Spiele,
Ihm auf die Dauer so, wie Gott sein Werk, gefiele.

Am Abend meint er zwar, daß wohlgemacht es sei,
Doch die Zufriedenheit ist über Nacht vorbei.

Dann wendet er sich ab dem, was er abgethan;
Gott aber sieht sein Werk mit neuer Lust stets an,

Und Neues schaffend, will er Altes nicht vergessen,
Nur seiner Liebesmacht Unmeßbarkeit ermessen.


156

Die Selbsthochachtung wird zur Selbstverachtung treiben,
Wie endlich Asche wird vom Feuer übrig bleiben.

Ein Göttliches, o Mensch, mußt du in dir erkennen,
Doch mußt du's nicht dein Selbst, du selbst mußt sein dich nennen.


157

Weltweisheit ist ein Wort, hat weder Sinn noch Kraft;
Der Weisheit höchster Hort ist Gotteswissenschaft.

Weltweisheit aber soll, damit sie Sinn erhält,
Die Weisheit Gottes nur im Spiegel schaun der Welt.


158

Die Lehre, wenn sie dir von Herzen widerstrebt,
Wenn du nur fühlest daß sie dem im Herzen lebt,

Der diese Lehre lehrt, mußt du sie gelten lassen,
Und suchen deinem Sinn sie irgend anzupassen.

Belebend überall ist der Begeistrung Hauch,
Und mag begeistern dich, wenn zu was anderm auch.


159

Du sagst, und weißt nicht was du sagst: Vielgötterei!
Alsob nicht überall ein Gott der Götter sei.

Ein Gott, der überall ist schweigend anerkannt,
Vorausgesetzt, wennauch mit Namen nicht benannt.

Ein Gott, der still geahnt ruht hinter den Tapeten,
Aus denen bunt hervor der Götterchor getreten.

Wie unabhängig auf der Bühne vorn erscheine
Der Chor, vom Hintergrund hervor lenkt ihn der Eine.

Befangen sei der Sinn von sinnlichen Gestalten,
Doch unbefangen fühlt der Geist des Geistes Walten.

Und selbst dem Geiste, der den höchsten Geist nur ehrt,
Erscheinen heilige Vermittler wünschenswerth;

Ob Göttliches herab ins Menschliche von oben
Entstiegen, oder dis zu jenem sich erhoben:

Es sei nur Göttliches und Menschliches vermittelt;
Nicht darauf kommt es an, wie es nun sei betitelt.


160

Von allen Dingen der Natur der Mensch ist eines,
Ein im unendlichen Großen unendlich kleines;

Ein Theilchen Gotteskraft, das eng sich fühlt umzirkt
Vom Ganzen dieser Kraft, die durch das Ganze wirkt;

Vielfältig eingeschränkt und tausendfach bedingt,
Von übermächtigen Einwirkungen umringt.

Allein nach Freiheit ringt er aus der Engigkeit,
Der allabhängige nach Unabhängigkeit.

Der Tropfen in dem Meer, gewärtig der Verschwimmung,
Macht unabweislichen Anspruch auf Selbstbestimmung;

Der Mensch, der nur was ihm von Gott bestimmt ist, nimmt,
Die Selbstbestimmung auch ist ihm von Gott bestimmt.


161

Ich wünsche, daß dein Glück sich jeden Tag erneue,
Daß eine gute That dich jede Stund' erfreue!

Und wenn nicht eine That, sodoch ein gutes Wort,
Das selbst unsterblich wirkt zu guten Thaten fort.

Und wenn kein Wort, doch ein Gedanke schön und wahr,
Der dir die Seele mach' und rings die Schöpfung klar.

Nichts anders kann erfreun den Menschen und erheben,
Wie diese Zeugnisse von eignem höherm Leben.

Und was das Glück von Lohn ihm zu von außen spült,
Erfreut ihn nur, wenn er sich dessen würdig fühlt.


162

Wenn alles Menschenthuns ist Wurzel Eigennutz,
Komm, laß uns reinigen die Wurzel von dem Schmutz!

Auf diesem Grunde laß uns stehn nur und erklären,
Wie jene Wurzel selbst das Höchste muß gebären.

Ein jedes Wesen eingepflanzt hat von Natur
Den Grundtrieb: wie es ist, sich zu erhalten nur.

Was dieser dunkle Trieb nun in der Thiere Zunft,
Das ist im Menschen selbst erleuchtete Vernunft.

So kann Vernunftmacht nie seyn mit Naturgewalten
Im Widerspruch; ihr Trieb ist auch, sich zu erhalten.

Wodurch sie sich erhält, ist Tugend, That und Kraft,
Davon das Widerspiel ist Schwäch' und Leidenschaft.

Nicht Leiden, sondern Thun, nicht Ohnmacht, sondern Stärke,
Das sind des menschlichen Naturtriebs Tugendwerke.

In diesem Streben nun, von innen frei durchgängig
Zu wirken, fühlt der Trieb sich außen rings abhängig.

Zur Nahrung kann er nie der Außenwelt entbehren,
Und ihrer Übermacht muß er sich stets erwehren.

In diesem Daseynskampf, mit Kraft, dazu verliehn,
Sucht er von außen her, was frommt, an sich zu ziehn.

Zwei Kräfte gleicher Art, zu gleichem Zweck verbunden,
Vermögen doppeltes, das haben sie empfunden.

Drum menschliche Vernunft, zu Menschenselbsterhaltung
Befand nichts nützlicher als Menschenbundgestaltung.

Sie unterordnen selbst dem Leibe sich zu Gliedern,
Nur um sich zu erhöhn, nicht um sich zu erniedern.

Und also ist der Mensch von der Natur getrieben,
Weil er sich selber liebt, den andern auch zu lieben.

Getrieben ist er, gut zu seyn, mild und gerecht,
Großmüthig selber sich zu opfern dem Geschlecht.

Dem Grundtrieb Eigennutz ist alles dies entsprossen,
Die dunkle Wurzel ist zum Himmel aufgeschossen.


163

Was ist Verneinung wol im Denken und im Wort?
Bejahung nur, die rückt von dem zu jenem fort.

Dies Weiterrücken selbst erscheinet dreierlei,
Doch leicht erkennest du: im Grund ist eins das drei.

Das Gehn wird zum Vergehn, das Schlagen zum Erschlagen;
Aufhebt sich jede Kraft, zu ihrem Ziel getragen.

Von dem du jetzo sagst: es ist, sagst du: es war,
Im nächsten Nu; das Seyn stellt sich als Nichtseyn dar.

Worauf du denkend siehst, das wird von dir empfunden
Als etwas; siehst du weg, zum Nichts ist es geschwunden.

Im Rücken also durch die Zeit und durch den Ort,
Und durch Gedanken, rückt zum Tod das Leben fort.

In dieser Rücksicht nur wird dir zum Nein das Ja
Nicht für sich selbst ists nicht, für dich nur ists nicht da.


164

Ob Gott verborgen dir erscheint in der Natur,
Ob außer, über ihr, ist eins im Grunde nur,

Ein Wortspiel-Formelkram, vergebens drum zu zanken,
Ein Krückennothbehelf gebrechlicher Gedanken.

Gott ist, was er will seyn, wo er will seyn und wie,
Anders in jedem Ding und jeder Fantasie.

Anders in jedem Nu, derselb' in Ewigkeit,
Die Vielheit ewig eins, die Einheit stets entzweit.

Ob du Weltschöpfer ihn, ob ihn Weltordnung nennest,
In ihm ist ungetrennt, was im Begriff du trennest.

Geordnet ist die Welt, du ordne dich ihr ein;
Das wird am Göttlichen dein rechter Antheil seyn.


165

Aus Einer Wurzel sprießt, aus Einer Quelle fließt,
Was weit ins Leben sich erschließt und sich ergießt.

Die Zweige wissen nicht, was unten sie verflicht,
Sie schwanken wohlgemuth und tauchen auf ins Licht.

Die Wellen merken kaum, was still sie hält im Zaum,
Sie schwanken auf und ab, und krönen sich mit Schaum.

Am Zaume hält sie doch und unterm goldnen Joch
Die Liebe, der nichts ist zu nieder noch zu hoch.

Ihr seid nicht klein, noch groß, Kinder aus meinem Schoß,
Seid nichts in euch, in mir seid ihr ein Etwas bloß.


166

Wie von der Sonne gehn viel Stralen erdenwerts,
So geht von Gott ein Stral in jedes Dinges Herz.

An diesem Strale hängt das Ding mit Gott zusammen,
Und jedes fühlet sich dadurch von Gott entstammen.

Von Ding zu Dinge geht seitwerts kein solcher Stral,
Nur viel verworrene Streiflichter alzumal.

An diesen Lichtern kanst du nie das Ding erkennen,
Die dunkle Scheidewand wird stets von ihm dich trennen.

An deinem Stral vielmehr mußt du zu Gott aufsteigen,
Und in das Ding hinab an seinem Stral dich neigen.

Dann siehest du das Ding, wie's ist, nicht wie es scheint,
Wenn du es siehest mit dir selbst in Gott vereint.


167

Die Wesen unter sich sind stets im Widerstreit,
Das Leben, eins in Gott, ist außer ihm entzweit.

In Gott sind wir geeint, und außer ihm geschieden;
Ohn' ihn ist ew'ger Krieg, und durch ihn ew'ger Frieden.


168

Verzeiht, was ich gefehlt, ich hab' es gut gemeint,
Daß ich euch nichts verhehlt, was meinem Geist erscheint.

Ihr mögt es anders sehn, im eignen Licht erwacht;
Ich freue mich, wenn ihr nur auf die Augen macht.


169

Sie sagen, werther Freund, du seist ein großer Heuchler;
Das weiß ich nicht, doch das: du bist ein loser Schmeichler.

Wie weit nun Heuchler sich und Schmeichler unterscheiden?
Zusammen reimen doch, wenn unrein auch, die beiden.


170

Woher nimmst du den Muth, von neuem vorzutragen,
Was längst schon besser ward gesagt in alten Tagen? —

Weil alles Alte neu und immer neu muß werden,
So trägt die Dichtung auch stets ihrer Zeit Geberden.

Verwandeln muß sie sich, beharren kann sie nimmer;
Nicht besser wird sie stets, zuweilen wird sie schlimmer.

Ein angestammtes Recht hat jedes Zeitgeschlecht,
Der Zeiten Weisheit sich zu machen mundgerecht.

Und jeder hat dies Recht für sich auch und sein Haus;
Und er macht es nicht schlecht, wenn er damit kommt aus.

Nur hat er nicht das Recht, es andern aufzudringen,
Sein eigen Hausgemächt auch auf den Markt zu bringen.

Bring' ich das Meine doch, so bild' ich wol mir ein,
Es sei für andre noch, und nicht für mich allein.


171

Ein König möcht' ich seyn, ein Herr der Morgenlande,
Der so zu geben als zu nehmen wär' im Stande.

Der keinen vor sich ließ' erscheinen ohne Gaben,
Und keinen von sich gehn, ohn' ihn beschenkt zu haben.

Wer sein Geschenk empfängt, den wird es nicht beschämen,
Und selber ohne Scham kann er Geschenk' annehmen;

Weil alles ihm gehört, was Menschen freut und frommt,
So einzig zu ihm geht, wie einzig von ihm kommt.

Des Gabentausches wie sollt' er sich scheun und schämen,
Da Götter Segen streun und Opferduft annehmen?

Ein solcher möcht' ich seyn, um ohne Scheu und Bangen
Geschenke selbst noch mehr zu geben als empfangen;

Daß Reichempfangenes nicht müßte mich erniedern
Durch das Gefühl, ich sei zu arm es zu erwiedern.


172

Der Markwart Persiens, als er zum Omar kam,
Wie staunt' er, als er nichts von Königspracht vernahm.

Von aller Pracht, die scheint den Fürsten zu gebühren,
War da beim Fürsten nichts der Gläubigen zu spüren.

Er klopft' an Omars Haus. „Grad' ist er ausgegangen.“
„„Wohin?““ Die Kunde war von Niemand zu erlangen.

Die Gassen geht er durch, und fragt, wo Omar sei,
Und überall wird ihm gesagt: Er ging vorbei.

Hier hat er das gemacht, hier hat er das befohlen;
Hier hat er was gebracht, hier kam er was zu holen.

Der Perser Markwart denkt in seinem stolzen Muth:
Was ist das für ein Fürst, der alles selber thut;

Was für ein Fürst, der sich bedienen selber muß,
Der ohne Leibwach' aus dem Hause geht zu Fuß;

Der überall gehört, und nirgends wird gefunden,
Und dessen Spuren so sind unterm Volk geschwunden? —

Zuletzt umfragend nun kommt er zum Bethaus hin;
Der Fürst der Gläubigen, so hört er, schläft darin.

Und schlafen sieht er ihn am Boden in der Ecke,
Und wundert sich, daß ihn kein goldner Himmel decke.

Was ist das für ein Fürst, spricht er in hehrem Muth,
Der ohne Menschenhut im Gotteshause ruht?

Doch Omar wachet auf, und zeigt in seinem Blicke
Das seiner Macht von Gott vertraute Weltgeschicke.


173

In allen Zonen hat geblüht und blüht noch jetzt
Ein Allgemeines, nur mit Örtlichem versetzt.

Die Menschen sind getheilt in Volks- und Glaubenszunft,
Doch ihr Gemeinsames ist menschliche Vernunft.

Je mehr vom Zwang der Zunft sich die Vernunft befreit,
Je weitres Feld gewinnt die reine Menschlichkeit.

Zwei Wege aber sind zur Freiheit, gut und böse,
Hier daß man Formen brech', und dort daß man sie löse.

Nicht die Verschiedenheit soll ausgestrichen seyn,
Doch des Verschiednen Streit soll ausgeglichen seyn.


174

Den Aberglauben auch, den ich durchaus nicht preise,
Ehr' ich als einer Zeit und Stufe Glaubensweise.

Wo er unschuldig galt, da will ich ihn nicht schelten;
In der Erkenntnis Licht kann er nunmehr nicht gelten.

Ein ahnungsreicher Traum aus unsrer Kindheit Nacht,
Dem Mann unbrauchbar, der zum Denken ist erwacht.

Der Vorzeit Märchenstyl, der Phantasie zum Spiel
Zu gönnen, doch für Geist und Herz kein würdig Ziel,

Scherzhafte Dichtungsart, die wol zum Scherz gefällt,
Doch lächerlich sich macht, wenn sie sich ernsthaft stellt.


175

Was ungelesen ich zu lassen mir erlaube?
Ein Büchlein, das mir will beweisen, was ich glaube.

Wie sollt' ich, was ich glaub', erst mir beweisen lassen?
Derweilen kann ich mich mit Nützlicherm befassen.

Ich denke, solches Buch ist nicht für mich geschrieben,
Es ist für andre, die bis jetzt unglaubig blieben.

Allein auch diese wird es nicht zum Glauben treiben;
Drum ohne Schaden konnt' es ungeschrieben bleiben.


176

Dein Streben sei, o Sohn, ein innres Gutes frei
Zu machen so, daß es ein äußres Schönes sei.

Warum soll gleißnerisch ein Schlechter sich bestreben,
Mit falschem Scheine sich des Guten zu umgeben,

Ein Guter aber sich im Gegentheil befleißen,
Zu scheinen schlechter als er ist, um nicht zu gleißen?

Durch besser Scheinen wird kein Schlechter besser werden,
Doch ungestraft kann sich kein Guter schlecht geberden.

Wenn du mit herbem Trotz dein Gutes eigensinnig
In dir verschließen kannst, so ist es nicht recht innig.

Denn, wäre voll sein Drang, so bräch' es aus der Hülle,
Wie aus der Knospe bricht der Rose Liebesfülle.

Die Knospe aber, die sich dumpf verstockt, und wagt
Nicht aufzugehn, ist wol im Kern vom Wurm genagt.

Drum wenn kein Wurm dich nagt des Hochmuths in der Brust,
So blüh auf unverzagt, dir und der Welt zur Lust!

Nur nichtig ist der Schein, doch wichtig die Erscheinung,
Vollkommen ist allein des Seyns und Scheins Vereinung.

Mach ein Gedicht aus dir, das dann nur ist gelungen,
Wenn aus dem Vollgehalt die Wohlgestalt entsprungen.


177

Es ist nicht immer noth, (der Meister hats gesprochen)
Daß Wahres werd' ein Leib, ein Leib mit Fleisch und Knochen.

Wenn geistig in der Luft es schwebt, genügt es schon,
Wie, Herzen stimmend, sanft und ernst, ein Glockenton.


178

Es ist ein wahres Wort: der Künstler wird geboren;
Doch jede Wahrheit wird Irrthum im Mund der Thoren.

Geboren wird mit ihm der Kunsttrieb, nicht die Kunst;
Die Bildung ist sein Werk, die Anlag' Himmelsgunst.

Geboren zur Vernunft, ist auch nicht gleich vernünftig
Der Mensch, doch wenn er fein dazu thut, wird ers künftig.


179

Befreie deinen Geist! Dies ist dein höchster Hort,
Doch wenn du ihn befreist, denk an des Meisters Wort,

Dies Wort: Verderblich ist, was deinen Geist befreit,
Und nicht zu gleicher Frist Selbstherrschaft dir verleiht.


180

Der alte Meister spricht: Die Schwäch' ist zu bedauern
Der Menschen, die der Welt Vergänglichkeit betrauern.

Sind wir doch dazu da, mit Kraft begabt hinlänglich,
Um das Vergängliche zu machen unvergänglich.


181

O Wunder, oft schon stand hart an des Abgrunds Rand
Ein Mensch, zum Sturz bereit, den er nicht vorempfand.

Ihm gegenüber steht das drohende Geschick,
Er wird es nicht gewahr mit unbefangnem Blick.

Was schließest du daraus? das arme Menschenkind
Sei gegen sein Geschick unmächtig, schwach und blind?

Wie oder schließest du, daß Gottes Gnad' ihm gönne
Die Blindheit, da kein Schaun Verhängnis wenden könne?

Ich schließe dies daraus: es müsse gar nicht rühren
Den Geist ein äußeres Geschick, sonst würd' ers spüren.

Ich schließe dies daraus: daß unabhängig frei
Von äußerem Geschick des Geistes Leben sei.


182

Du trugest, daß der Freund verreist war, ohne Klagen;
Nun er gestorben ist, scheint es dir nicht zu tragen.

So denke doch, er sei verreiset immerfort,
Und tröste wieder dich des Wiedersehns wie dort.

Und ist er nicht verreist? Zwar kommt er nie zurück,
Du aber kommst ihm nach, und findest ihn im Glück.


183

Gelegenheitsgedicht ist zu verachten nicht,
Das der Gelegenheit Bedeutung recht ausspricht.

Genügt es nur dem Tag, so ist es schon zu loben,
Doch für die Ewigkeit wird es nicht aufgehoben.

Nur wenn es Ewiges im Zeitlichen enthält,
Ist heut es für das Fest, und morgen für die Welt.


184

Der Bücher sind zu viel, um noch so viel zu gelten;
Denn wohlfeil ist die Meng', und theuer nur was selten.

Mit ihnen ists wie mit den Menschen selbst gethan;
Den, der mit vielen lebt, gehn wenig näher an.

Man sieht sie an, allein wer kann sie alle nennen,
Erkennen ihren Werth, wie sie vorüber rennen?

Ich leb' in kleiner Stadt, sie ist mir fast zu groß;
All seine Nachbarn liebt man auf dem Dorfe bloß.

Dort hat man keine Wahl, man braucht die ganze Zahl;
Hier stellt zumal die Qual sich ein mit Zahl und Wahl.

Ich aber ungequält hab' einen Freund gewählt,
Der mir die Bücher wählt, daß mich die Zahl nicht quält.


185

Den Nachbar halte werth, den Nachbar halt in Ehren!
Was ein beim Nachbar kehrt, kann auch bei dir einkehren.

Man wird nach deinem Werth nicht in der Fremde fragen;
Dem wird man glauben, was von dir die Nachbarn sagen.

Dein Bös' und Gutes kann die Ferne nicht berühren,
Dein Nachbar rechts und links wird dies und jenes spüren.

Mit seiner Nachbarschaft wer friedlich sich verträgt,
Kommt aus mit aller Welt; dies sei dir eingeprägt:

„Mit wem zwei Nachbarn hier beständig sind zufrieden,
Dem ist Vergebung dort all seiner Schuld beschieden.“


186

Zu guter Nachbarschaft gehört nicht das allein,
Nicht weh zu thun, auch dem, der weh that, zu verzeihn.

Ein böser Nachbar selbst mag nicht den guten plagen,
Ein guter aber wird den bösen selbst ertragen.


187

Sonst da mich jeder schalt, und keiner fast mich lobte,
Ich dachte Wunder welch ein Unglück ich erprobte.

Nun jeder fast mich lobt, und keiner mehr mich schilt;
Nicht wenig kostet mich, was mir so wenig gilt.

Denn wenn ich durfte sonst doch, die mich schalten, schelten,
So muß ich jetzo, die mich loben, lassen gelten.


188

Demütigung ist auch von Demut eine Art;
Du überbietest recht Hochfart mit Höherfart,

Wenn du (nur prüfe dich) nicht selbst dich willst erheben,
Dem Überhobnen nur heilsame Lehre geben.


189

Wer stolz auf Vorzüg' ist, fühlt irgend ein Gebrechen,
Und wer sich brüsten mag, ist sich bewußt der Schwächen.


190

Ein niedrer Sinn ist stolz im Glück, im Leid bescheiden;
Bescheiden ist im Glück ein edler, stolz im Leiden.


191

Vollendet wird hier nichts, nichts aber kann gelangen
Dort zur Vollendung, was nicht hier ward angefangen.


192

Die Pflanze hat das Jahr zum Leben das sie lebt,
Wo sie der Frühling weckt, der Winter sie begräbt.

Ihr Sproßen und ihr Blühn, Vergehn und Neuentstammen
Fällt mit des Jahres Kreis unwandelbar zusammen.

Jung ist sie, wenn die Welt ist jung, und alt, wenn alt,
Des Großen kleines Bild in wandelnder Gestalt.

Des Menschen Leben ist nicht solch ein Kreis geschlossen,
Mit dem Naturumlauf zusammen so geflossen.

Es lenzet, sommert zwar, es herbstet, wintert auch,
Nicht aber mit dem Jahr, nicht mit der Lüfte Hauch.

Es setzt sich davon unabhängig seine Grenzen,
Vermag, ob wintern mag die Schöpfung, noch zu lenzen.

Und legt es einmal sich zum Winterschlummer nieder,
So weckt kein Frühlingshauch auf dieser Welt es wieder.


193

Manch falsches Wissen auch sollt ihr bei mir nicht missen;
Warum? damit ihr seht: es kommt nicht an aufs Wissen.

Ein Irrthum irret nicht den wahren Drang des Strebens;
So sei mit Gott dies Buch, und so das eures Lebens.


194

Im Steigen ist die Zeit, auch wo sie scheint im Sinken;
Das Ziel, nach dem sie steigt, das hohe seh' ich winken.

Anhöhn und Tiefen sind abwechselnd auf der Bahn,
Doch jede Senkung ist Erhebung dort hinan:

Zum Ziel geht jeder Schritt, der vorwärts wird gethan.


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