Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Viertes Bändchen, 1838. IX


1

Die Sonne steigt, mit Gott! und golden ist der Osten;
Sie tritt ihr Tagwerk an, und ich an meinen Posten.

Sie will der Welt herauf neu führen einen Tag;
Und Schönes bring' ich euch, so viel ich noch vermag.

O bring es schnell, mein Geist! der Tag ist kurz gemessen,
Herbst ist nun, doch so klar, daß ich mich freue dessen.

Kahl ist der Rosenstrauch, die Rosen sind vergessen,
Doch sanft im Frühglanz wankt der Wipfel der Zipressen.


2

Wenn nur für fremde Lust dein Wirken ist bestrebt,
Kein Frohgefühl die Brust dabei dir selbst erhebt,

Auch du nicht deine Lust am Thun der andern hast,
So ist dir, was du thust und sie thun, eine Last.

Komm, und mit Heiterkeit den Drang des Lebens würze!
Nicht über Hals und Kopf dumpf in den Wirbel stürze!

Es steht bei dir, daß aus der Welt Mühseligkeit
In jedem Augenblick dir aufblüh' Seligkeit.


3

Am Ende, wann du nun dich an der Welt genung
Gefreut hast, freuet dich noch die Erinnerung;

Noch die Erinnerung, wie du dich sonst gefreut,
Wann das die Welt dir bot, was sie noch immer beut;

Wie du dich sonst gefreut, wann sich der Kranz erneut
Des Frühlings, wie sich heut sein voller Glanz erneut.

Freut dich nicht mehr der Kranz? Noch immer! doch nur ganz,
Wenn du dazu denkst, wie dich sonst gefreut der Glanz.


4

Ein nachgesprochenes Gebet kann etwa nützen,
Als Zaubersegen, dich mit Wunderkraft beschützen.

Ein nachgebetet Wort der Lehre nützet nicht,
Wenn in dir selbst den vorgesprochnen nichts entspricht.

Der eingepflanzte Stab mag wohl die Pflanze tragen,
Die Pflanze doch muß, um zu wurzeln, Wurzel schlagen.


5

Kein Kampf und keine Noth, kein Leiden, keine Fahr,
Die zu bestehn du hast, wird bleiben unfruchtbar,

Wenn sie dir andre Frucht und Ausbeut' auch nicht gaben,
Als die Beruhigung, bestanden sie zu haben.


6

Wenn du im Schmerz, den du empfindest, schon die Ruh
Empfändest die ihm folgt, nicht Schmerz empfändest du.

Doch kannst du nicht im Schmerz die Ruh schon mitempfinden;
Sonst würde hier der Schmerz und dort die Ruhe schwinden.


7

Am größten ist alsdann des Fleißigen Behagen,
Wenn er des Tags zuvor hat doppelt eingetragen.

Er freut sich daß er heut nun dürfte müßig seyn,
Und in der Freude trägt er wieder doppelt ein.


8

Das Gähnen, das, mein Sohn, beim Lernen dich beschleicht,
Ein Zeichen ist es, daß Aufmerksamkeit entweicht.

Es zu verbeißen hilft auch gar nicht mit den Zähnen,
Wenn du nicht innerlich bezwingen kannst das Gähnen.

Bei aufgesperrtem Mund ist selbst das Ohr geschlossen
Das äußre, mehr noch ist das innre dann verdrossen.

Noch einmal denn versuch' in muthiger Ermannung,
Ob du erhalten kannst den Geist in rechter Spannung;

Wo nicht, so lassen wir es lieber heute ruhn:
Denn besser ist, als schlecht, die Arbeit gar nicht thun.


9

Verschweig ein Glück, verbirg ein Unglück, das du hast!
Im Glück und Unglück sind die Menschen nur zur Last.

Noch schlimmer als im Glück der gift'ge Blick des Neiders,
Im Unglück ist das Wort das frost'ge des Mitleiders.


10

Kaum hast du dich gefreut fehlloser Jugendblüthe
Des schönsten, theuersten, mit dankbarem Gemüthe;

So haucht ein Unheil, und der Lustglanz ist vorbei,
Alsob gefallen drein ein böser Mehlthau sei.

Darf man sich loben nichts, aus Furcht es zu berufen?
An nichts sich freuen, was zur Freude Götter schufen?

Nein, danke Gott, daß dir nicht lastet aufs Genick
Feindselige Göttermacht und neidisches Geschick.

Nein, danke Gott, der dir die Freude gönnen wollte
Am Schönen eben noch als es verblühen sollte.

Nicht deine Freude hat den Schaden angebahnt,
Du freutest dich nur so, vom droh'nden vorgemahnt.


11

Das rechte Maß, wie man den Lehrling vorwerts treibt,
So daß er doch dabei in rechten Schranken bleibt,

Ist, einen Fortschritt, den er that, ihn lassen merken,
Um zu dem weitern, den er thun soll, ihn zu stärken,

Nicht daß er glaube, schon ein Großes sei gethan,
Doch fühle, daß er thun das Gröste soll und kan;

Dazwischen unvermerkt, ihn nicht im Weiterschreiten
Zu stören, aus dem Weg zu räumen Schwierigkeiten,

Doch ihm zu gönnen auch dabei von Zeit zu Zeit
Das lohnende Gefühl besiegter Schwierigkeit.


12

Nur ein Gedanken ists, an welchen du gewöhnen
Dich mußt, um dein Geschick im Geiste zu versöhnen.

Und an wie mangerlei Gedanken hast du dich
Nicht schon gewöhnt! man denkt zuletzt in Alles sich.

Das Unverhoffteste, wenn es getreten ein,
Sieht endlich aus als könnt' es gar nicht anders seyn.

Und wenn gleichgültig uns durch die Gewohnheit werden
Am Ende Freuden selbst, warum nicht auch Beschwerden?


13

So hilflos zu der Welt wird nie ein Thier geboren
Alswie der Mensch, der sich so hoch fühlt auserkoren.

Warum? Es hat Natur dadurch uns sagen wollen,
Daß wir uns selber und einander helfen sollen.

Die Mutter hilft zuerst dem Kind, der Vater dann;
Dann hilft es ihnen, und sich selber hilft der Mann.


14

Mein Sohn, erwarte nicht, daß dich die Leute warnen
Vor Bösem, eh davon du lässest dich umgarnen.

Sie werden zusehn bis um dich es schlug zusammen,
Um zu beklagen dann dich oder zu verdammen,

Und sich zu freuen, daß sie besser sind als du,
Wo nicht, doch glücklicher; drum sieh beizeiten zu,

Mein Sohn, die Welt kann dich nur führen in Gefahren;
Dich hüten mußt du selbst, und Gott muß dich bewahren.

Mein Sohn, ich lehre dich, was ich an mir erfuhr:
Die Welt nimmt Theil mit Lust an unserm Schaden nur.


15

Soll tragen mit Geduld dein Lehrling Lernbeschwerden,
So mußt du Lehrer selbst nicht ungeduldig werden.

Denn Schweres hat zu thun der Lehrling wie der Lehrer,
Das leichter durch Geduld, durch Ungeduld wird schwerer.


16

Du fragst, ob du zum Heil der Welt und Wissenschaft,
An, was dir widersteht, sollst wenden deine Kraft?,

Weil überzeugt du seist, es sei nun an der Zeit,
Und doch daran zu gehn kein andrer sei bereit.

Mein Sohn, was irgend an der Zeit ist, das wird kommen;
Der Welt und Wissenschaft mag gar Verschiednes frommen.

Drum rath' ich dir, nur was dir selber taugt, zu treiben;
Weil vielen vieles taugt, wird keines unterbleiben.

So wird am sichersten zum Weltheil beigetragen,
Und keinem braucht die Welt besonders Dank zu sagen.

Ein jeder baue nur mit Lust sein eignes Zelt;
Durch Gottes Segen wird daraus ein Bau der Welt.


17

Nur eine Waffe gab jedwedem Thier Natur,
Nicht allen alle, dir, o Mensch, gar keine nur.

Sie gab auch eine Kunst nur einem, und nicht allen
Jedwede, wieder dir ist keine zugefallen.

Warum? wär' eine Waff' und Kunst dir angeboren,
So wäre der Gebrauch der andern dir verloren.

Doch brauchen solltest du so alle Künst' als Waffen,
Dir selber schaffend, was dir nicht ist anerschaffen.


18

Das Leben ist ein solch unschätzbar Gut, mein Kind,
Weil alle Güter mit darin begriffen sind.

Denn Theil an allen hat, wer Theil am Leben nimmt,
Ob ihm ein größrer Theil, ein kleinrer sei bestimmt.

Des Ganzen Mitgefühl ist ganz im kleinsten Theil,
Und dein besondres Glück das allgemeine Heil,

Zu fühlen rings um dich, stets aus sich selbst erneut,
Ein Leben tausendfach, das sich des Lebens freut.

Wer dieses lebhaft fühlt in jedem Augenblick,
Dankt für sein Leben Gott und segnet sein Geschick.


19

Hat die Unendlichkeit nicht Räume ungeheuer?
Doch überall ist Raum gespart, als sei er theuer.

Der Drang des Lebens, wenn er sich wär' überlassen,
Selbst die Unendlichkeit vermöcht' ihn nicht zu fassen.

Drum ist des Lebens Füll' ins Engeste gezwängt,
Weil überall ihr Trieb ins Weitere sie drängt.

Zur Raumersparung hat Baumeisterin Natur
Das Bienenvolk gelehrt sechseckig bauen nur,

Daß Zell' an Zelle paßt und aller Zellen Enge
Zur Noth bequem nur faßt die arbeitselige Menge.

Verkrüppelt zwitterhaft sind drin die fleiß'gen Horden,
Von denen jeder frei sonst wär' ein Weisel worden.

So würd' ein Bauer, wenn ihn nicht von allen Seiten
Die Nachbarn zwängten, sich als Patriarch ausbreiten.

Mit rascher Fruchtbarkeit hat er ein Land besetzt,
Bis die Bevölkerung sich selber Schranken setzt.

Alswie im dichten Wald von tausend Saamenkörnern
Nur eines sich empor arbeitet aus den Dörnern;

Doch wird er ausgehaun, mag eine Tanne streun
Die Saamen weit umher, und bald den Wald erneun.

Der Baum des Lebens ist von Saamen ganz erfüllt,
Und überall ein Trieb im andern eingehüllt.

Die Knospe wartet nur auf Platz hervorzudringen,
Sobald die alte weicht, wird gleich die neu' entspringen.

Wie an der Eidechs', ob du Fuß ihr oder Hand
Abhiebest, Hand und Fuß am selben Ort entstand;

Alsob die Glieder schon verborgen fertig lauern,
Und können nur nicht vor, so lang' die alten dauern.

So überquillend ist auch Menschenfähigkeit;
Gib Spielraum ihr, sie tritt hervor zu rechter Zeit.

Drum füge dich der Zeit, erfülle deinen Platz,
Und räum' ihn auch getrost, es fehlt nicht an Ersatz.


20

Dem der für Unglück hält, was ihn als solches grüßt,
Wird bitter so die Welt, daß nichts sie wieder süßt.

Du must, wenn du ihm willst den herben Stachel brechen,
Durchaus das Unglück nicht für eine Macht ansprechen.

Ei Unglück, besser sollst du als das Glück nicht seyn;
Wenn es ein Schein nur ist, bist du auch nur ein Schein.


21

Ein Irrthum abgethan ficht dich nicht weiter an,
Du geh'st an ihm vorbei ohn' Anstoß deine Bahn.

Und Wunder nimmt dichs fast, wie man in vorigen Tagen
Sich mit so schwachem Feind ernsthaft herumgeschlagen.

Doch hätten sie gescherzt, so wär' er nicht besiegt;
Gut scherzen hast du nun, da er zu Boden liegt.


22

Wie manchen priesest du, was er nicht war, beglückt,
Weil er mit falschem Schein den innern Fehl geschmückt.

Ob einer wirklich sei zu preisen, zu beklagen,
Sagt er sich selber nur, dir braucht ers nicht zu sagen.

Ich aber sag' es dir, wie du mich immerhin
Bedauerst, wiß daß ich beneidenswerth noch bin.


23

Wer einem Freunde klagt, erleichtert sich das Herz,
Und wer vor Gott ihn sagt, versöhnet seinen Schmerz.

Doch wer mit sanftem Laut ihn dem Gesang vertraut,
Ist auch davon zugleich getröstet und erbaut.

O wunderbares Bild, o Kraft des Seelenlichts!
Du siehest Herbes mild im Spiegel des Gedichts.

Und wie sich in dem Schein erblickt die Schreckerscheinung,
Wird selber sie zu Stein, die dir gedroht Versteinung.


24

Des Geistes Flitterstaat, mein Sohn, ist Neubegierde,
Allein die Wißbegier ist seine wahre Zierde.

Die Neubegier ist aufs Besondre gleich beflissen,
Die Wißbegierde will erst das Gemeinste wissen.

Die Neubegierde spielt, die Wißbegierde zielt;
Die Wißbegierde schaut, die Neubegierde schielt.

Des Strebens Unterschied, haupt- oder nebensächlich,
Macht gründlich Wißbegier und Neugier oberflächlich.


25

Zwei Einverstandene haben sich nichts zu sagen;
Die Antwort wissen sie zum voraus eh' sie fragen.

Wo aber zweie sich in keinem Punkt verstehn,
Wird die Verständigung in leeren Streit ausgehn.

Was also fordert und ermöglicht Menschenwort?
Halb Misverständnis, halb Verständnis, hier und dort.

26

Das Angenehme thut, wenns keine Frucht auch trug,
Durch augenblicklichen Genuß uns schon genug.

Unangenehmem, dem wir können nicht entrinnen,
Wollen wir wenigstens Belehrung abgewinnen.


27

Deiner Bedürfnisse Befriedigung gereicht
Dir zum Genusse wol, doch zur Beschwer auch leicht.

Gebietrisch fordern sie einmal-Gewohntes immer:
Gib oder weigre nun! was ist von beidem schlimmer?


28

Wo Überlieferung ununterbrochen waltet,
Wird an der Bildung Stamm leicht Blatt aus Blatt entfaltet.

Der Schüler nimmt getreu von seinem Lehrer an,
Was der von seinem, der von seinem hat empfahn.

So bis zum letzten läuft der Funken durch die Kette,
Alsob unmittelbar er ihn vom ersten hätte.

Ist nun der gliedernde Zusammenhang gesprengt,
Weiß keiner mehr, von wem, was und wie ers empfängt.

Zu seinen Lehrern hat ein Schüler dieser Zeit
Die ganze Gegenwart und die Vergangenheit.


29

Den alten Malerspruch erkoren hab' auch ich
Zum Wahlspruch für mein Buch: Kein Tag ohn' einen Strich.

So lass' ich ohne Strich nun keinen Tag verstreichen,
Sei mangmal es auch nur ein Strich um auszustreichen.


30

Auswendig lernen sei, mein Sohn, dir eine Pflicht;
Versäume nur dabei inwendig lernen nicht.

Auswendig ist gelernt, was dir vom Munde fließt,
Inwendig, was im Sinn lebendig sich erschließt.


31

Wenn an einander wir, o Freund, nicht öfter dächten
Als schrieben, zweifelt' ich an unsrer Liebe Mächten.

Ich aber zweifle nicht, ich weiß mit Zuversicht:
Du gibst mir, wie ich dir, tagtäglichen Bericht.

Und ich empfang' ihn auch, wie du empfängst den meinen;
Wir unterreden uns, wenn wir zu schweigen scheinen.

Du weißt ja, wie ich war, drum weißt du, wie ich bin;
Und wie ich kannte dich, kenn' ich dich immerhin.

Doch wenn man ohne Schrift das Innre kann gewahren,
Von Zeit zu Zeit will man was Äußres auch erfahren.

Denn unsre Freundschaft ist Gefühl ins Ferne zwar,
Jedoch kein Ferngesicht, wovor uns Gott bewahr!

Drum geb' ich Nachricht dir, daß du mir Nachricht gebest,
Nicht, ob du mich noch liebst, nur, ob du auch noch lebest.

Ich leb' und freue mich noch jeder guten Stunde,
Und von der bösen nehm' ich lieber keine Kunde.

Noch minder gäb ich dir davon die Kunde gern,
Nah bliebe dir nur, was derweil mir schon ist fern.

Wie sollt' ich Dauer dem verleihn auf diesem Blatt,
Was in der Wirklichkeit zum Glück nicht Dauer hat!


32

Schon wieder hat der Baum der Hoffnung fehlgetragen,
Und abermal das Reis des Wunsches fehlgeschlagen.

Was ist zu thun? geschwind, bevor der Tag vergeht,
Schlag auf das Tagebuch, worin soviel schon steht.

Trag ein den Fehlertrag, er fehle nicht darin;
Und schlag dir dann das Fehlgeschlagne aus dem Sinn.


33

Der Kämpe wappne sich, eh er zum Kampfe geht;
Es ist zu spät, wann er in Feindes Mitten steht.

So mit Grundsätzen magst du wappnen dich und schirmen
Vor Leidenschaften, eh sie selber dich bestürmen.

Oft leider wird auch so, was du bei kaltem Blut
Dir nahmest vor als Schild, zerschmelzen in der Glut.


34

Vier Zeichen lehr' ich dich, sie sind wol lernenswerth,
Wer dich liebt, oder scheut, verachtet oder ehrt.

Dich fürchtet, wer von dir schlimm hinterm Rücken spricht,
Und dich verachtet, wer dich lobt ins Angesicht.

Dich ehrt, wer dich, wo du's verdienst, zu tadeln wagt,
Und liebt, wer lieber Gut- als Böses von dir sagt.


35

Lern zweierlei, mein Sohn, zu thun nach Ort und Zeiten:
Stoff beizuschaffen und den Stoff zu verarbeiten.

Bald wird das eine, bald das andre mehr gelingen,
Doch beide suche stets ins Gleichgewicht zu bringen.

Das rechte ist, wenn eins so gleich dem andern läuft,
Daß fort die Arbeit geht, indeß der Stoff sich häuft.


36

Dich wundert, daß gesinnt ein jeder anders ist?
Da du, der eine, selbst gesinnt stets anders bist.

Nicht so viel Sinne nur, als Köpfe, sind gefunden,
Da jedes Kopfes Sinn sich ändert alle Stunden.


37

Erwäg' an jeder Frucht, was dient zu deinem Male?
Von einer ists der Kern, von anderer die Schale.

Verständig ist, wer das genießet, was ihm taugt,
Den markigen Kern aufknackt, das saftige Fleisch ansaugt.

Ein Thor, wer dieses Fleisch und jenes Mark wegschmeißt,
Dafür hier harten Stein, dort herbe Rinde beißt.


38

Im eignen Hause kann man leichter ohne Licht
Zurecht sich finden, doch im fremden geht es nicht.

Da wo du blindlings dich zurecht zu finden weißt,
Das ist ein Zeichen daß du recht zu Hause seist.


39

Ein Feld ist das Gemüth, und du bist sein Besteller;
Baust du es gut, so wächst darauf das Gute schneller.

Doch nicht wächst Nichts darauf, weil du es nicht gebaut;
Das Unkraut stellt von selbst sich ein, wo fehlt das Kraut.

Und auszuraufen auch das Unkraut, hilft dir nimmer,
Denn seine Wurzeln doch läßt es im Boden immer.

Und willst du es im Grund entwurzeln ganz und gar,
Zu untergraben mit das Kraut läufst du Gefahr.

Was also bleibt zu thun? das Unkraut niederhalten,
Daß oben finde Raum das Kraut, sich zu entfalten.

Und hat das Kraut sein Netz dicht übers Feld gestrickt,
Darunter ist zuletzt das Unkraut selbst erstickt.


40

Ein Kindchen, das zuerst auf seinen Füßchen steht,
Erst zagend einen Schritt, dann wagend einen geht,

Wie hat es mich gefreut, wie hat es mich gerührt,
Und die Vorstellungen mir weit hinaus geführt,

In seine Zukunft, wann der Mann die Kraft gewann,
Die geistig stehn und gehn auf eignen Füßen kann.


41

Laß gelten, lieber Sohn, was irgend gelten mag,
Für diesen jüngsten, wenn nicht bis zum jüngsten Tag!

Laß andre gelten, und dich lassen andre gelten;
Das ist viel besser als einander niederschelten.

Will dir nicht alles auch, was gilt, gleich gültig scheinen;
Sieh's recht nur an! was gilts? dir wirds gleichgültig scheinen.

Gleichgültigkeit derart ist göttlicher Natur;
Gleichgültig nicht allein glaubt Götter Epikur;

Gleichgültig glaub' ich selbst auch Gott in diesem Sinn,
Daß ich ihm gültig gleich wie alle Wesen bin.


42

Viel wichtiger als was du hast gelernt, mein Sohn,
Ist was du hast gethan, und mehr hast du davon.

Was du gelernet, mußt du fürchten zu vergessen;
Was du gethan, von selbst erinnerst du dich dessen.

Es mag dich nun erfreun, es mag dich nun gereun,
Von selber wird sich die Erinnrung dir erneun.

Einmal geschrieben, ists nicht wieder auszustreichen,
Und in des Lebens Buch steht es als ewiges Zeichen.

Drum was du schreibest, denk, ob du es immer sehn
Vor Augen möchtest, nie es wünschen ungeschehn.

Einmal geschrieben, ists nicht wieder umzuschreiben;
Und streichest du's auch aus, so wird der Strich doch bleiben.

Und kratzest du es aus, so bleibet doch der Kratz,
Und Neues läßt sich nie rein schreiben an dem Platz.


43

Thust du dir was zu gut, so ist dir wohl zu Muth,
Doch besser thust du, was auch wohl den andern thut.

Das Leben ist nur dem an steten Wonnen reich,
Der frohbewußt es sich und andern lebt zugleich.


44

Der Mond am Himmel ist der Sonne beigegeben,
Damit sie beid' ein Bild vorhalten unserm Leben.

Der Mond bedeutet, daß im Wechsel alles treibt;
Die Sonne deutet, was im Wechsel gleich sich bleibt.

Am Monde tröste dich bei Glückes Unbestand,
Und um Beständigkeit blick auf zum Sonnenrand.

Nimm ab und zu an Lust, dem Mond gleich, in Geduld;
Und wie die Sonne sei unwandelbar voll Huld.


45

Nur selten oder nie begegnen auf der Fahrt
Hienieden zweie sich von gleicher Sinnesart.

Was jenem wichtig scheint, hält dieser für entbehrlich,
Und was der wichtig nennt, ist jenem nur beschwerlich.

Daher ein Lehrender und Lernender sich nie
Im Grunde ganz verstehn, doch lehren, lernen sie.

Was aber wird von dem gelehrt, von dem gelernt?
Ein Mittleres, was sich von keinem weit entfernt?

Nein, Eignes gibt man nur, nur Eignes wird genommen;
Die Anbequemung mag von keiner Seite frommen.

Der Lehrer, der sich anbequemt, wirkt schwach und flach;
Der Schüler, der es thut, spricht Unverstandnes nach.

Der Lehrer strebe nur sich selber zu entfalten,
Der Schüler lerne nur sein Eignes zu gestalten.

Wenn jeder so sich nur bestärkt in seinem Sinn,
So bleibt für beide Theil' Erregung der Gewinn.

Durch Lehren lernen wir; das Sprichwort bleib' in Ehren,
Doch wahr ists auch, daß wir durch Lernen selbst uns lehren.


46

Wen unerwartet Glück mit Unmaß überschüttet,
Gefördert wird dadurch sein Heil nicht, nur zerrüttet;

Wie überströmt mit Öl, statt mäßig angefrischt,
An ihrer Lebensfüll' oft eine Lamp' erlischt.


47

Hier geb' ich dir, mein Sohn, Glück möge sie dir schlagen,
Die dein Großvater einst, dein Vater dann getragen,

Die Uhr, nun trag du sie, und möge sie dein eigen
Noch schönre Stunden dir als deinen Vätern zeigen!

Ob ernstbeschäftigte, ob heiter aufgeräumte,
Sie zeige dir nur nie die Stunde, die versäumte!

Denn niemals, ob die Uhr du stellen magst zurück,
Kehrt die versäumte Zeit und ein verträumtes Glück.

Ein Bild des Lebens ists, was dir dein Vater gab:
Das Leben wie die Uhr läuft unaufhaltsam ab.

Die abgelaufne Uhr läßt wieder auf sich ziehn;
Für die des Lebens ist kein Schlüssel uns verliehn.


48

Wenn dir ein Schritt entschlüpft ist ein unebener,
So sorge daß auch der sei kein vergebener.

Nachsichtiger mach' er dich für Unebenheiten
In fremden Haus- und Stadt- und Weltbegebenheiten.

Denn lerne, weil die Welt ist so uneben nun,
Vorsichtiger den Schritt ein andermal zu thun.

So bleibt der Fehltritt dir in jeder Hinsicht werth,
Weil er so Vorsicht hat als Nachsicht dich gelehrt.


49

Den Krüppel schilt man nicht, daß er nicht wandeln kann;
Und auch ein Krüppel ist der haltungslose Mann.

Wer nun kann heißen gehn den Krüppel und den Lahmen,
Der fordre Haltung auch von dem in Gottes Namen.

Wer aber das nicht kann, der möge sich bedenken,
Ob er dem armen Mann nicht muße Nachsicht schenken.


50

Du hast ein gleich Gefühl nicht immer deiner Kräfte,
Doch schaffen mußt du, was einmal ist dein Geschäfte.

Wenn du bei deinem Werk nicht fühlst die frische Lust,
Doch denke darum nicht, daß du nichts rechtes thust.

Vertrau dem guten Geist auch in der schlechten Stunde,
Der, ohne daß du's weißt, doch ist mit dir im Bunde.


51

Statt vieler gebe Gott dir Einen Freund, getreuen,
In jeder Lage dich, und sich mit dir, zu freuen;

Der dein Gefährte sei zu Fahrt und zu Gefahr,
Und dein Geselle, wo du siedelst, immerdar;

Dann aber dein Genoß in jeglichem Genuß,
Und niemals sei der Troß der Welt dir zum Verdruß.


52

Am Tag des Glückes wird ein kühner Sprung dir glücken,
Am Tag des Unglücks stürzt ein Fehltritt von der Brücken.

Drum meide jeder Frist den Fehltritt! denn du bist
Nie sicher, ob dein Unglücks- oder Glückstag ist.

Am Unglückstage wirst du desto sichrer wallen,
Und auch am Glückstag macht Vorsichtigkeit nicht fallen.


53

Warum verehrst du den? Weil ihn soviel verehren.
Das Beispiel ists wodurch einander Thoren lehren.

Hier ehrt dich einer erst, und dort ein andrer dann,
Und endlich bist du ein verehrungswürdiger Mann.

Warum? weiß keiner zwar, doch jeder glaubt gewis,
Der andre wiss' es schon, und ihm genüge dis.


54

O schäme dich, zurück von einem Wandelgang
Zu kommen durch den Wald, die Frühlingsflur entlang,

Und nicht in deiner Brust ein Lied mit dir zu bringen,
Mag es nun oder nicht hervor nach außen klingen.

Das schönste Lied ist ja nicht das man druckt und schreibt,
Vielmehr das wie die Perl' in seiner Muschel bleibt.


55

Du freuest dich, mein Sohn, daß du in diesem Orden,
In dem du stehst, nunmehr der erste bist geworden.

Den Ehrgeiz lob' ich zwar, doch sein Bereich ist klein,
Denn hier der erste nicht noch letzte sollst du seyn.

Zu höherm Orden soll dein Ehrgeiz dich befiedern,
Des letzter höher steht als du der erst' im niedern.


56

Du thust, da du dir sollst die Unart abgewöhnen,
Als sollte dir entgehn das Schönste von dem Schönen.

Wie schön sie dünke dir, doch gib die Unart mir,
Und zum Ersatze geb' ich meine Liebe dir.

Bist du's zufrieden? Gut! geschlossen ist der Kauf,
Die Unart ist nun mein, du hast die Liebe drauf.

Der Handel freut mich sehr; mög' er dich auch erfreun!
Bedenke dieses nur, und nie wird es dich reun:

Einst nähme doch die Welt die Unart nach Gebühr
Dir ab und gäbe nichts als ihren Spott dafür.


57

Nimm es dem Freunde nur nicht übel, der ergrimmt
Ein Freundeswort ein gutgemeintes übel nimmt.

Bedauer' ihn! gewis ist übel ihm zu Muth,
Recht übel, weil so gar nichts Gutes gut ihm thut.


58

Der Übersetzung Kunst, die höchste, dahin geht,
Zu übersetzen recht, was man nicht recht versteht.

Mit allem Lernen ist es ebenso bestellt;
Denn was man ganz versteht, ist wenig auf der Welt.

Drum lerne zeitig nur zu lernen, wo du gehst,
Auch manches was du halb und auch nicht halb verstehst.


59

In was du bildend dich wirst ganzer Seele tauchen,
Das kannst du fetzenweis am wenigsten verbrauchen.

Was im Vorübergehn den Geist berührt und streift,
Das ists wovon zum Schmuck er dis und das ergreift.

Nicht wo du Einzelnes aufzählst das du gewannst,
Das meiste lernst du da, wo du's nicht zählen kannst.


60

Du bist, mein Jüngling, nun in den Erobrungsjahren,
Wo man erwerben will, und noch nicht muß bewahren.

Erwirb soviel du kannst, wend' an was du gewannst,
Und freue dich, daß du stets weitern Kreis umspannst.

Dann aber, um nicht ins Unendliche zu fließen,
Wirst du genöthigt seyn dich endlich abzuschließen;

Dann glücklich, wenn du aus dem Weitern, das zerscheitert,
Den heitern Geist gewannst, der Enges dir erweitert.


61

Nicht Neugier rath' ich dir, die giert nur nach dem Neuen,
Doch Neulust, die sich wohl des Neuen mag erfreuen.

Ohn' immer Neues kann die Neugier nicht erhalten
Ihr Leben, Neulust lebt vergnügt auch bei dem Alten.


62

Was giebt es hier, um was des Volks Gedräng sich häuft?
Frag's oder warte bis es wieder sich verläuft.

Doch wenn du's dann erfährst, hast du vielleicht erfahren,
Daß du dein Fragen und dein Warten konntest sparen.

Drum lieber geh mit mir vorüber dem Geschrei,
Und denk im Stillen, was es wol gewesen sei?

Wir können mangerlei Anlässe dem Geschrei
Erdenken, keinen doch, der viel zu gut nicht sei.


63

Freigebig bist du nicht, wenn du, was du nicht brauchest,
Gleichgültig gibst, und nicht zuvor in Lieb' es tauchest.

Selbst brauchen könntest du's, doch brauchst du so es eben
Am besten, wenn du es dem, der es braucht, gegeben.


64

Auf einen müden Tag wie labt die stille Nacht,
Wenn auch geendet nur du hast und nicht vollbracht.

Vollbracht ist doch, was dir der Tag gebracht von Mühe,
Und in der Nacht noch ruht, was bringen wird die Frühe.


65

Villeicht, doch nur villeicht vollkommener vollendet
Wär' eines, hättest du darauf mehr Zeit verwendet.

Doch kümmre dich nur nicht! was etwa diesem fehlt,
Ersetzt ein andres, das dein Fleiß inzwischen wählt.

Der Dinge sind soviel zu thun in dieser Welt,
Daß gar zuviel versäumt, wer lang beim einen hält.

Rath' ich dir Sudelei drum und Eilfertigkeit?
Nein, aber Eilfahrt! denn mit Eilfahrt fährt die Zeit.

Eilfertiger als je die Eilfuhr mit den Gästen,
Fährt meine Wolkenpost stets zwischen Ost und Westen.


66

Begriffen hast du, doch damit ists nicht gethan;
Nun lern' es auch, dann erst gehört es ganz dir an.

Es ist ein Unterschied, begriffen und gelernt;
Beim ersten Schritt ist man noch weit vom Ziel entfernt.

Doch, ist auf rechter Bahn der erste Schritt gethan,
So kommt das Ziel von selbst, halt nur den Schritt nicht an!

Das recht begriffene ist leicht zu lernen nun;
Doch lernen mußt du es, sonst kannst du es nicht thun.


67

Du mußt nach oben schaun, zu sehn, wie viel noch Stufen
Des Bessern übrig sind, wozu du bist berufen.

Du mußt nach unten schaun, um auch zu sehn zufrieden,
Wieviel dir Bessres schon als Andern ist beschieden.


68

Ich rathe dir, wenn eng ist deines Gartens Raum,
Zuerst zu pflanzen drin fruchttragend einen Baum;

Dann aber, wenn noch Raum daneben ist, daneben
Zu pflanzen einen Baum, der auch mag Schatten geben.

Sei nur zufrieden, wenn der eine dir den Schatten,
Der andre gibt die Frucht, so wirst du nie ermatten.

Doch dann bist du beglückt, wenn dir den engen Raum
Des Herzens füllet ein Zugleich-Frucht-Schatten-Baum.


69

Du schöpf' aus deinem Brunn und laß auch andre schöpfen!
Ihr schöpfet ihn nicht aus mit Eimern, Kannen, Töpfen.

Doch miß nicht seine Tief', und laß auch andre nicht
Ihn messen, weil dadurch ihm die Quellader bricht.

Dein gottgegebnes Gut sei, dein mit Lust beseßnes,
Ein dem Bedürfnis angemeßnes, ungemeßnes.


70

Wen man gern anerkennt, der wird gern anerkennen;
Wem man das Seine gönnt, mag Andern Ihres gönnen.

Wenn ihr dagegen mir mein Recht nicht wollt zugeben,
So leugn' ich eures ab, und streit' euch ab das Leben. —

Von diesem Sinne bin ich selber zwar entfernt,
Doch ihn begreifen hab' ich leider wohl gelernt.


71

Die Hand, die dich begabt, sieh an, nicht nur die Gaben;
Mehr als Erworbnes gilt wie wir's erworben haben.

Wenn gute Götter dir geschenkt und Geister hold
Staub oder dürres Laub, wird dir's im Busen Gold.

Und von Unholden wenn mit Silber oder Golde
Du dich bereichert glaubst, wird's in der Hand zu Molde.


72

Man schlägt die Kinder nicht mit schon gebrauchten Besen,
Aus frischen Zweigen muß man dazu Ruthen lesen.

Denn nicht aufs Ohngefähr geübt wird Kinderzucht,
Das Werkzeug sei dazu mit Sorgfalt ausgesucht.

Vom Kinde, das sie schlug, soll sie den Namen tragen,
Und mit der Ruthe sollst du dann kein Thier mehr schlagen.


73

Drück manchmal zu ein Aug'! es ist nicht schwer, der Flor
Der Wimper hängt daran, zieh ihn nur leise vor!

Doch lerne schließen auch, was schwerer ist, das Ohr!
Von innen schließ es! denn kein Schloß ist außen vor.

Laß dich die Übung in der Kunst nur nicht verdrießen,
Zu rechter Zeit das Aug' als wie das Ohr zu schließen;

Sonst hast du keine Ruh, weil, wie die Leute sprechen,
All wissen Kopfweh macht, all hören Ohrenstechen.


74

Wie übel ihr vergleicht! des Einen Wirklichkeit,
Des Andern Ideal, die Kluft ist freilich weit.

Den Wuchs nicht wie er ist, doch sollt' und könnte seyn,
Bringt ihr in Anschlag hier, Auswüchse dort allein.

Die Todtenaschen dort, und hier die Lebensflammen;
Da könnt ihr freilich leicht hier preisen, dort verdammen.

Laßt sehn, ob nicht die Glut sich auch in Asche legt,
Und ob die Asche nicht noch einen Funken hegt!


75

Ich lehre dich, mein Sohn! Nie übe das, was über
Das Maß ist! Überall vom Übel ist das Über.

Ich überliefr' es dir, wie's mir ist übermacht:
Nicht gut ist Überfluß, nicht gut ist Übermacht.

Denn hast du's überdacht, wie oft die Übermacht
Und Überpracht der Welt vergangen über Nacht?

Und wie den Überfluß Übergenuß verschlingt,
Und wie der Überdruß aus Überfluß entspringt?

Wie Drang zu Überdrang, Schwung wird zu Überschwang,
Und schnell zum Bösen ist des Besten Übergang?

Leicht stumpf wird überfein, leicht thöricht überklug,
Weil stets ein Gegentheil ins andre überschlug.

Schön sei nicht überschön, und hold nicht überhold!
Denn Übergoldung ist im Werth nicht über Gold.

Um wirklich gut zu sein, sei selbst nicht übergut;
Und wenn der Muth ist dein, werd' er nicht Übermuth.

Denn jeder Trieb verdirbt, wann er wird übertrieben:
Auch überschätzen sollst du nichts noch überlieben.

Bei Überlegung nur darfst du was über-legen;
Denn Überlegenheit entspringt aus Überlegen.

Die Überlegung doch ist unnütz auch, worüber?
Mein Söhnchen, über das, was einmal ist vorüber.


76

Zwei Bettler liefen rechts und links am Reisewagen,
Und ein Almosen wollt' ich ihnen nicht versagen.

Dem einen warf ichs zu im schnellen Vorwertseilen,
Und rief: Ihr beiden theilt! Es war genug zum Theilen.

Der aber nahm es ganz, dem's zugefallen war,
Und leer vondannen gieng der andre ganz und gar.

Der hat mir wol geflucht, und jener mich gesegnet;
So ist mir denn geschehn, was oft dem Glück begegnet,

Das seine Gaben auch uns Bettlern im Enteilen
Zuwirft, und denkt daß wir als Brüder sollen theilen.

Zureichen würden auch getheilt die Gaben allen;
Doch ganz steckt jeder ein, was ihm ist zugefallen.


77

Dein Gegner hat gemach ein schönes Ziel erreicht,
Doch höher liegt, das du erreichen wirst vielleicht.

Schön ist es, fertig seyn schnell ohne viel Beschwerden;
Doch auch ein schönes Glück ists, niemals fertig werden.


78

Wenn dir ein weises Wort zu denken und zu schreiben
Sich darbot heute, laß es nicht bis morgen bleiben.

Noch minder aber wenn Gelegenheit zu thun
Du hast ein gutes Werk, laß es auf morgen ruhn.

Ein unterdrücktes Wort kommt wieder neugeboren,
Die unterlassne That doch ist und bleibt verloren.

Und geht verloren auch ein Wort, so ists nicht viel;
Denn nur die That ist Ernst, und der Gedank' ein Spiel.

Du aber, wenn dir Zeit und Ort und Kraft nicht bleiben
Den Ernst zu thun, magst du mit Ernst dein Spielwerk treiben.


79

O wiege dich nicht ein in träumenden Gefühlen,
Fehlhoffend Sturm und Brand mit goldnem Duft zu kühlen.

Gerade wo den Feind du wähnest überwunden,
Im innersten Gemüth wirst du von ihm gebunden.

Denn heimlich mit der Lust im Bund ist die Empfindung,
Im Kampfe mit der Welt nur ist Weltüberwindung.

Drum leb' aus dir hinaus, und steig in dich nur nieder
Um auszuruhn und neu hinaus zu leben wieder.

Wie selbst den Athem Gott dir dazu hat verliehn,
Ihn auszuathmen auch, nicht nur ihn einzuziehn;

So wechselweise mag in sich der Geist sich senken,
Um desto rüstiger sich auf die Welt zu lenken.

Nur wenn er glücklich sich erhält in dieser Schwebe,
Geht unbestrickt er durch ein doppelt Irrgewebe.


80

Verzage nicht, o Herz! die Lust entspringt aus Trauer;
Dem Sonnenaufgang geht voraus ein Morgenschauer.

In diesem Schauer wird, was gestern blühte, sterben:
Was heute soll erblühn, wird davon Kraft erwerben.

Verzage nicht, wenn ab die welke Hoffnung fiel;
Die neue schon erhebt sich jung auf frischem Stiel.


81

Du bist zu schwach, der Welt Ungleichheit auszugleichen,
Nicht machen kannst du rings die Armen all zu Reichen.

Nicht jeden Thoren kannst du zu 'nem Weisen machen,
Zum Guten jeden Wicht, zum Helden jeden Schwachen;

Nicht decken jede Blöß' und jeden Fehl verhüllen,
Nicht stillen jeden Durst und jeden Wunsch erfüllen.

Doch laß soweit du kannst nur deine Liebe reichen,
Nach allen Seiten, Ungleichheiten auszugleichen;

Und in dir selber dann gleich' aus den großen Rest,
Fest im Vertraun auf Gott, auf dem die Welt steht fest.


82

Du kanst, wenn etwa dir ein Großes ist gelungen,
Die angestrengte Kraft ein Hohes hat erschwungen,

Dir nicht deswegen nun nachgeben auszuruhn,
Dir nachsehn gar dafür was Schlechteres zu thun.

Dir auf legt jede Pflichterfüllung neues Joch,
Zu leisten immer das, und immer mehr nur noch.

Nicht eigenmächtig kanst du dir den Freibrief schreiben,
O Gottes Knecht, du mußt in deiner Knechtschaft bleiben.


83

Gewinnen kan man nichts, ohn etwas zu verlieren;
Man kan sich nicht zumal mit jedem Vorzug zieren.

Wer fest das eine hält, dem ist das andr' entgangen;
Und gar nichts fangen wird, wer da will alles fangen.


84

Laß nur ein Stäubchen Mehl beim Fegen im Mehlkasten,
Im Beutel ein Stück Geld auch beim Ausgeben rasten.

Wo noch ein Rest ist, stellt die Fülle bald sich her;
Doch völlig ausgeleert, das füllt sich nimmermehr.


85

Es ist ein Glück ganz unverhofft dir zugefallen;
Nun der zufriedenste wirst du wol seyn von allen.

Doch nein, es hat in dir den Wunsch nur aufgeregt,
Den Saamen der Begier dir in die Brust gelegt.

Du hältst das Glück nur für ein Glückverheißungszeichen,
Weil soviel sei erreicht, sei alles zu erreichen.

Gib acht, daß übernacht es dir nicht komm' abhanden,
Weil unser Zeichen du hast schmählich misverstanden.


86

Man sagt: ein säugend Kind, wonach zuerst es streckt
Die Händchen, daran wird sein künft'ger Sinn entdeckt.

Drum Gutes, Schönes, soll man nur dem Kind vorhalten,
Um schlechte Neigungen in ihm nicht zu entfalten.


87

Die Maske, die ein Thor zu eitlem Putz erkor,
Nimmt zur Bequemlichkeit und Lust ein Weiser vor,

Der sie nur leicht vorhält, solang es ihm gefällt,
Und fallen läßt, sobald sie ihm beschwerlich fällt.


88

Wenn du gefällst der Welt, wird dir die Welt gefallen;
Doch wer sich selbst gefällt, das ist ein Glück vor allen:

Sich zu gefallen, nicht wie sich ein Thor gefällt,
Ein Eitler, der allein sich dünkt die ganze Welt.

Der schwache Wahn geht wie ein Glas vom Stoß entzwei,
Und merkt, indem er bricht, daß außer ihm was sei.

Doch du gefalle dir, weil dir die Welt gefällt,
Weil du die Welt in dir und dich fühlst in der Welt.


89

Vergleiche dich nur oft nach unten und nach oben,
Daß du demütig hier und dort dich fühlst erhoben;

Demütig, wenn du fühlst, den Schwächsten gleichest du,
Erhoben, weil du strebst mit Höchsten Höchstem zu.


90

Wenn dir ein Glück will nahn, o nenne nicht das Glück
Bei seinem Namen! scheu vor'm Namen weicht's zurück.

Und droht ein Unglück dir, so nenn' es nicht beim Namen,
Sonst siehst du zwei, die auf des Einen Namen kamen.

So übel ists bestellt, mein Sohn, um diese Welt,
Daß Böses bei dir zieht, was Gutes ab dir hält.

Doch dich nicht lehren will ich dieses, o mein Sohn;
Ich selber lernt' es nur, du lerne nichts davon!

Ich wünsche, daß du nie so eingeschüchtert werdest,
Frei immer, wie es dir ums Herz ist, dich geberdest.

91

Wer aus dem Hause geht bei früher Morgenhelle
Zu wichtigem Geschäft, und stößt sich an die Schwelle,

Verachten soll er nicht die Warnung, sondern lenken
Zurück, um noch einmal den Ausgang zu bedenken.

Wenn du hast recht bedacht, schlag das Bedenken nieder,
Geh aus und stoße dich an keinen Anstoß wieder.

Nur dazu sind gesandt den Menschen üble Zeichen,
Daß sie davor zurück von üblen Pfaden weichen;

Und günstige dazu, daß sie den guten Mut
Dir stärken, wenn der Weg, auf dem du gehst, ist gut.

Mit Vogelfluge winkt und mahnt mit Vogelstimmen
Selbst die Natur dich an zum Guten, ab vom Schlimmen.


92

Weltklugheit räth dir an: verachte keinen Mann!
Du weißt nicht, wie er dir noch nützen, schaden kann.

Die Liebe gibt dir ein: lieb' alles groß und klein!
Der höchsten Liebe werth wirst du dadurch allein.

O sieh, den Streit der Welt versöhnt ein Gotteshauch!
Wer Himmelsliebe hat, der hat Weltklugheit auch.


93

Am schönen Tage nimmst du dir die Reise vor;
Denn an dem häßlichen mag reisen nur ein Thor.

Allein das Wechseln ist dem Wetter unerläßlich;
Dein Reisetag, weil schön dein Rüsttag war, wird häßlich.


94

Du stehst am Strand, und siehst noch ringen mit den Wogen
Sie, die ein gleicher Trieb nach diesem Strand gezogen.

Erinnre dich, wie du einst selber deine Hand
Getreckt aus Wogenkampf nach denen hoch am Strand;

Und wie es dich verdroß, wenn jene dich verließen,
Und, um allein zu stehn, dich in die Fluten stießen.

Entgegen strecke der gestreckten deine Hand;
Am Strande neben dir ist noch für viele Stand.

Der ausgestreckten streck' entgegen deine; siehe
Nur zu, daß keine selbst vom Strand dich niederziehe!

Nein, diese Vorsicht laß der Vorsicht Hand ob dir!
Du stehst durch sie und fällst, und fällst niemals aus ihr.


95

Der Rasen, gestern dürr, versengt von Sonnenglut,
Wie ward er heute grün, besprengt von Regenflut!

Der Regen konnte nicht verdorrtes Gras erfrischen,
Dürr ist es noch, es wuchs nur junges Grün dazwischen.


96

Dein ist nicht, was du hast; das was du thuest, ist
Mehr dein; am meisten dein scheint, was du selber bist.

Doch bist du, was du bist, am wenigsten durch dich;
Was, dich zu rühmen, bleibt dir eignes also? sprich!


97

Ein Grund der Bildung ist dir an- und eingeboren,
Zu dem du nichts gewannst, von dem du nichts verloren;

Den aus- und durch- und umzubilden du versucht,
Und deines Anbaus Fleiß vermehrt des Grundes Frucht.

Ausgehest du von ihm und kehrst zu ihm zurück;
Und dis erkennen ist dein höchstes letztes Glück.


98

Wir alle sind getäuscht von einer Zauberbinde,
Die wähnen, daß die Lieb' auf Erden Göttlich's finde.

Was lachst du über den, der minder schön's erkor?
Die Binde schwebet ihm nur etwas dichter vor.


99

Die gute That befreit, die böse That bestrickt;
Weit fühlt sein Herz, wer die, und eng, wer die beschickt.

Ein jedes Band, in das du noch dich fühlst geschlagen,
Hast du gewirkt, und mußt es zu entwirken wagen.

Hier ist des Wirkens Zeit, drum wirk' und sei befreit!
Wer frei von hinnen geht, der ists in Ewigkeit.


100

Und sähest du auch Tod und Weh im Leben nie,
Es ist in deiner Sprach', in deiner Fantasie.

Du siehst es innerlich, und hörst es geistig immer;
Den Schatten übertüncht kein Luft- und Lebensschimmer.

Gewohnheit dumpfe nur macht dich vom Schreckbild frei,
Du hörest es und siehst, und denkest nichts dabei.


101

Sei wie die Biene nur zu keiner Stunde müßig!
Sie sammelt Wachs, wann noch der Honig nicht ist flüssig.

Doch wann der süße Duft im Sonnenbrande raucht,
Sofreut sie sich daß sie nicht Wachs zu sammeln braucht.


102

Du fühlst, durch Irrthum nur kannst du zum Ziele kommen;
Doch nur ein Thor hat sich zu irren vorgenommen.

Du fühlst, erheben kannst du dich, wo du gefallen;
Doch nur ein Toller wird dem Fall entgegen wallen.

Mit Mängeln kommt man zwar, doch nicht durch sie zum Ziel,
Nicht weil man fiel und irrt', obgleich man irrt' und fiel.


103

Ein Bruchstück immer ist des einzlen Mannes Wissen,
Das er als Ganzes darzustellen ist beflissen;

Zu loben, wenn er es von innen will ergänzen,
Zu tadeln, wenn mit Schein der Ganzheit überglänzen.

In diesem Fall ist doch, wer lehren will und soll,
Eh alle Fächer noch des Wissens er weiß voll.

Er darf dem Lernenden nicht zeigen seine Lücken,
Mit mehr und minder Kunst muß er denn schlagen Brücken,

Daß alles scheine nur zusammen fein zu hangen,
Vom einen End der Welt zum andern zu gelangen.

Der arme Mann muß sich mit fremden Federn schmücken,
Weil er kein Lehrgedicht darf geben in Bruchstücken.


104

O seliges Gefühl, zu fühlen daß du lebest,
Empfangest Leben von der Welt und Leben gebest;

Ein Glied des Leibs zu seyn, der tausendfach sich gliedert,
Wo Herrschen nicht erhöht und Dienen nicht erniedert.

Denn alles ist Gefäß, das immer feiner seigert,
Wodurch sich Nahrungssaft zum Nervengeiste steigert.

Die Stell', an die du bist gestellt, bestelle du,
O Werkzeug im Gewerk des Lebens wirke zu!

Und fühle, daß du nicht entäußernd dich verlierst,
Daß du die Welt aus dir, dich aus der Welt gebierst.

Du ziehest sie in dich, um sie dir anzugleichen,
Und gehst in sie um aufzudrücken ihr dein Zeichen.

Ein Pünktchen und zugleich ein Mittelpunkt, ein Ich;
So unterordne dir und unterordne dich!


105

Geldhunger nicht allein hat nie gestopft den Mund,
Der Ruhmdurst noch vielmehr hat immer trocknen Schlund.

Er schlinget Strom auf Strom, und fühlt sich nicht geletzt;
Das Tröpflein brennet ihn, das fremde Gaumen netzt.


106

Aus Saadi's Reisesprüchen.

Geh auf die Reise, Freund! Der dir das Reisen preist,
Der hat es auch erprobt, der Saadi war gereist.

Nicht Eine Rose gibts, nicht Einen grünen Baum;
Voll Bäume steht die Welt, voll Rosen blüht der Raum.

Was willst du wie ein Huhn im Hofe Körner klauben,
Wenn du dich schwingen kannst frei in die Luft wie Tauben?

Die Schnecke reist bequem, sie reist mit ihrem Haus,
Dafür sieht sie nicht viel, und kommt nicht weit hinaus.

Gefährten such' ich mir, die etwas mit mir wagen,
Nicht einen Reisefreund, des Bündel ich soll tragen.

Der Seele Kraft besteht im Trachten und Betrachten;
Betrachten sollst du viel, doch nicht nach allem trachten.

Durcheilst du alles schnell, so wirst du vieles sehn;
Das Eine siehst du recht, bleibst du beim Einen stehn.

Ein kluger Wandersmann ruht aus am Scheidewege;
Da ruh' ich nicht umsonst, indes ich überlege.

Viel besser aber ists auf gut Glück irre gehn,
Als bis zum Untergang der Sonn' am Scheidweg stehn.

Ich habe viel geirrt, ich hab' auch viel getroffen
Beim Irren, was nicht war auf gradem Weg zu hoffen.

Ich sehs, daß ich gefehlt; was hilft, daß es mich reute?
Das Gestern fraß der Fehl, soll fressen Reu das Heute?

Mach' es sogut du kannst; und hast du's schlecht gemacht,
So preis' in Demuth Gott, der Alles recht gemacht.


107

Auf Reisen willst du gehn? was willst du sehn auf Reisen?
Laß dir die Lust vergehn, die Lust zu gehn auf Reisen!

Die Welt ist immer jung, du bist geworden alt,
Das merkst du weniger am alten Aufenthalt.

Das sagt im fremden Raum dir jeder frische Baum:
Dein Lenz ist abgeblüht, und ausgeträumt dein Traum.

Drum rath' ich dir, wenn Rath du willst annehmen: Reise,
Nicht gradaus wie der Wind, nur wie die Sonn im Kreise!

Heb in Gedanken dich zu ihr empor, und schau
Herab: die Erd' ist grün, soweit der Himmel blau.


108

a.

Von Überzeugungen ein fester Grund gelegt
Muß erst seyn, der den Bau der ganzen Bildung trägt.

Auf schwebendem Gerüst mag dann der Zweifel schwanken
Beim Höherbaun, es wird davon der Grund nicht wanken.


b.

Wer selber zweifelt, kann nicht fremde Zweifel heben,
Und Überzeugung nur kann Überzeugung geben.

Wenn du der Lehre nicht willst allen Nachdruck rauben,
Must du zum wenigsten solang du lehrst dran glauben.


c.

Das Roß am Wagen merkt des Fuhrmanns Unbestand,
Reißt widerspenstig ihm das Lenkseil aus der Hand.

Und sicher wird der Zucht dein Zögling sich entziehn,
Zuchtmeister, meisterst du mit Sicherheit nicht ihn.


109

Komm nur, du bist ein Knecht, und sei ein fleißig treuer!
Bestell den Acker, streu die Saat und füll die Scheuer.

Du thust es durch den Herrn, du thust es für den Herrn,
Und dieses sei dein Lohn, daß du es thuest gern.


110

Die Locken, die du jung dir von der Stirn mußt streichen,
Im Alter siehest du von selbst zurück sie weichen.

Der Sitz des Denkens dort, verhangen sonst vom Schleier,
Die Stirne zeiget nun sich offener und freier,

Der Wald gelichtet, der die Aussicht einst verschattet:
Das Alter nimmt dir nichts, was es dir nicht erstattet.


111

Was ist das Licht, das hold des Daseyns Nacht erheitert?
Der Athem, der die Brust zum Himmel dir erweitert?

Die Freude, die dich gut und weise macht, vollkommen;
Ihr Gegentheil allein macht eng und dumpf, beklommen.

Solang du Freude fühlst, fühlst du dich in Zunahme,
Und in Abnahme nur, wenn du erliegst dem Grame.

Wem noch in Zunahm' ist das Leben, der ist jung;
Und so ist alterlos der Freude Jugendschwung.

Die ew'ge Jugend laß vom Kummer dir nicht rauben;
Du mußt mit Freudigkeit nur an dich selber glauben.


112

Der Seele Saiten, wann sie dir am feinsten sind
Gestimmt, o hüte sie vorm allerkleinsten Wind!

Denn auch ein solcher kann verstimmen dann die Saiten,
Der ohne Eindruck sonst darüber würde gleiten.

Wenn der Begeisterung Erwachen schauernd spürt
Der Geist, fühlt unsanft er von Ird'schem sich berührt;

So daß der Andacht Glut oft, nebenaus vom Zug
Der Luft gewendet, wild in Zornesflamm' ausschlug.

Nicht nur dem Altar ist sein Opfer dann entzogen,
Du selber fühlest um die Stille dich betrogen.


113

Wer sich als Menschen fühlt, und tief in sich empfindet,
Daß mit der Menschheit ihn die Menschlichkeit verbindet,

Der wird nicht wollen, wird nicht können auch, die Leiden
Und Freuden des Geschlechts von seinen eignen scheiden.

Wes irgend einer vom Geschlecht sich freut' und litt,
Mitfreuen wird es ihn, und leiden wird ers mit.

Doch Freud' ist Geistesthat, zur Freud' ist er berufen;
Ein Thor nur glaubt, daß ihn zum Leiden Götter schufen.

Vernunft will freie That; wer ihre Stimme hört,
Räumt freudig weg, was ihm Freiheit und Freude stört,

Räumt weg die Leidenschaft, und mit ihr seine Leiden;
Wird er nun auch darum den Anblick fremder meiden?

Ja, wenn er, dumpf genug, nicht fühlt, was er nicht sieht,
Auch der Vorstellung mit dem Anblick sich entzieht.

Viel lieber kämpfen wird er mit des Geistes Waffen,
Vom Leiden frei wie sich auch andere zu schaffen.

Hat er in sich bekriegt das Leid und es besiegt,
Daß überwunden es zum Fuß der Freude liegt;

So wird er ihren Krieg auch andern helfen kriegen,
Daß sie, von seinem Sieg gestärkt, sich selbst besiegen.

Nicht weil er fühlt, daß ers in sich allein vollbracht,
Wird er die schwächeren verlassen in der Schlacht.

Wes er sich selb schämt, wird er sich für sie nicht schämen,
Mit Freuden wird er Theil an fremden Leiden nehmen:

Ob er den Gipfel auch der Göttlichkeit erstiegen,
Wo Erdendunstgewölk' in Ätherduft verfliegen;

Um wie vielmehr wenn er sich sagen muß, er sei
Noch selbst von Leiden nicht und Leidenschaften frei.


114

Der schlimmste Neider ist, der das sich läßt verdrießen,
Wenn, was er nicht mehr kann, nun andere genießen.

Kann einen hungrigen der satte wol beneiden,
Und möchte lieber selbst noch einmal Hunger leiden?

Begierde — schlimm genung, daß sie Befriedigung
Begehrte, da sie war am Leben frisch und jung;

Nun sie gestorben ist, so sei sie auch begraben!
Wir freun uns, daß wir Ruh, die Unruh andre haben.


115

Ein tugendhafter Mann denkt nie, weil es vergebens
Zu denken ist, des Tods, er denkt allein des Lebens.

Des Todes nie, weil nie der Tod ihm schaden kann;
Des Lebens nur, weil nur im Leben wirkt der Mann.

So denkt ein Tapfrer nicht, weil er zuvor bedacht
Ihn ein für allemal, des Todes in der Schlacht.

Und also in der Schlacht des Lebens, die wir kämpfen,
Laß nie des Todes Furcht die Rüstigkeit dir dämpfen.

Und wenn des dunklen du gedenken sollst, so thu
Es so wie wer gedenkt am heißen Tag der Ruh;

Den der Gedanke stärkt, daß er die Nacht soll ruhn,
Und früh erwachen, neu gestärkt sein Werk zu thun.


116

Was dir mit Einem Mund bewundernd alle preisen,
Woran sich dir nichts will Bewundernswerthes weisen;

Es muß doch etwas seyn daran, wonach sie rennen,
Du aber raste nicht dasselbe zu erkennen;

Nicht, um es selber nun in gleichem Schein zu sehn,
Nur die Bewundrung als vernünftig einzusehn.


117

Was gibt Behäglichkeit dir in des Lebens Kreisen?
Weise Verträglichkeit mit Thoren und mit Weisen;

Friede mit aller Welt, mit dir Zufriedenheit,
In gottbeseligter Weltabgeschiedenheit.


118

Wer hat es nicht erlebt, daß etwas tief ihn kränkt,
Und sich den Augenblick sein Haupt in Unmut senkt?

Doch oft nach einem Tag, oft schon nach einer Stunde,
Belächelst du den Schmerz, und fühlst nicht mehr die Wunde.

Darum, zur Stunde wo dich etwas kränkt, o denke
Der nächsten Stunde gleich, damit dichs gar nicht kränke.

Doch leichter ist gesagt dergleichen als gethan;
Die Gegenwart rührt hart, die Zukunft leiser an.

Da wo der Stoß dich trifft, wird ihn der Sinn empfinden,
Doch die Erschüttrung hilft der Geist dir überwinden.


119

Nichts sonderliches wird er lernen, der verstehn
Will alles was er lernt, und auf den Grund ihm sehn.

Nur wenig fördert dich ein leicht Bezwingliches,
Den Blick der Forschung schärft nur Undurchdringliches.

Dem Räthselhaften, das vielsinnig ist zu deuten,
Wirst du mit Sinnigkeit den tiefsten Sinn entbeuten.


120

Unser Gedächtniß ist wie eines Wirthes Zimmer,
Das doch, wie weit es sei, beschränkt von Raum ist immer.

Von Gästen gehn darein nicht zuviel auf einmal,
Und von Vorstellungen nur immer eine Zahl.

Doch nach einander gehn der Gäste viele drein,
Und alle schreiben auch wol ihre Namen ein.

Die in das Fremdenbuch, die auf die Fensterscheiben,
Das sind Erinnrungen die von den Gästen bleiben.

Erneun kann sich der Wirth die Züge nach Belieben,
Wenn zu-unleserlich nicht einer hat geschrieben.

Doch mancher lief auch durch auf flüchtigem Besuch,
Der weder an die Wand sich einschrieb noch ins Buch.

Das ist was du gelernt und schnell vergessen hast,
Nicht im Gedächtniß hat verewigt sich der Gast.


121

Von keinem fühlst du mehr als einem dich beschwert,
Der an dem Leben nur des Lebens Formen ehrt.

Mit seiner Förmlichkeit tritt er in deine Kreise,
Und nichts drin geht ihm recht, weil nicht auf seine Weise.

Die mangelhafte Form verdecket ihm den Sinn;
Und endlich glaubst du selbst, es sei kein Takt darin.

Weis' ihn aus deinem Kreis und laß ihn weiter wallen,
Der nur an deinem Seyn dir stört dein Wohlgefallen.


122

In einem Irrthum bist du immer noch befangen,
Alsob es gelte hier was eignes zu erlangen,

Alsob es gelte durch Anstreben, Kämpfen, Ringen,
Zu einem höhern Werth mit Macht empor zu dringen.

Bescheide dich! hier ist nichts höhers zu verlangen,
Als am Gemeinsamen Gemeinschaft zu erlangen,

An dem, was klein und groß den Menschen ist gemein,
Ein Mensch zu seyn, das ist nicht groß und ist nicht klein.

Nicht, weil du klommest, bist du auf zu höherm Grade,
Gestiegen bist du nur empor auf steilerm Pfade.

Beglückt ist, der empor auf leichterem gekommen,
Der oben ist und selbst nicht weiß, daß er geklommen.


123

Ich weiß es nicht, ob so sich allgemein verhält
Das menschliche Gemüt, wie meines ist bestellt,

Das in der Freude schon das Ende fühlt der Lust,
Und in der Trauer sich des Trostes ist bewust;

Sodaß im Gegensatz von ungewisser Dauer
Verschwimmen alswie Licht und Schatten Lust und Trauer.


124

Weißt du, was Liebe sei? Daß eine dir gefallen,
Ists nicht, auch das nicht, daß sie dir gefiel vor allen.

Doch andere zu sehn, und schöner sie zu finden,
Geistreicher auch, und doch nicht Lust noch Neid empfinden,

Und fühlen, daß es nur zur Einen hin dich zieht;
Die Lieb' ist das, die fühlt, nicht denket oder sieht.


125

Die bessre Seel' ist nicht, die nur hat bessre Kräfte,
Wie von Geburt ein Leib vorm andern bessre Säfte.

Die bessre Seel' ist, die von den auf ihrer Flur
Gewachsnen Kräften mehr gebraucht die bessern nur;

Die mehr die bessern und sie besser braucht zum Siegen,
Daß ihnen, nochso stark, die schlechteren erliegen:

Wie von zwei Ringern, zwei gleichstarken, der danieder
Den andern ringt, der am geschicktsten braucht die Glieder.


126

Erkennest du, wohin auf oder niederstrebt
Der Zeitgang, gib nur nach, o Herz, das widerstrebt!

Kein Widerstreben hilft; du mußt dich ihm bequemen,
Wo nicht, mit deinem Thun vom Schauplatz Abschied nehmen.

In jeder Jahreszeit kommt andres an die Reihe;
Begehre nicht, daß man nur Wetter dir verleihe!

Wenn du im Wetter, das nun kommt, nicht blühen kannst,
So freue dich daß du schon deine Frucht gewannst.

Das worin du erstickst, ist andern Lebensluft;
Der Zukunft Odem weht aus des Vergangnen Gruft.

Was also bleibet dir? theilnehmende Betrachtung,
Dem Werden zuzusehn ohn' Ärger und Verachtung.

Glückselig ein Gemüth, in dessen Heiligthumen
Jedwede Jahreszeit hervorbringt Himmelsblumen.


127

Nur auf die Lebensfahrt nicht viel Gepäck-Geschleppe!
Denn über manchen Berg geht sie und manche Steppe.

Nicht von Spielwaaren sei ein Wagen mitgefahren,
Genug zu schaffen macht ein Wagen Essenswaaren.

Auch von Andenken sei nicht mitgeführt ein Kasten,
Die Bilder gnügen dir, die schon im Hirne rasten,

Und im Schreibtäfelchen besonders eingeschrieben
Ein Abschiedsliebesgruß nur von besonders lieben.


128

Ich denke, daß auch dich zu Zeiten noch verwirret,
Was in der Jugend mich so manichfach geirret;

Wenn den Aussprüchen ich der Weisen aller Zeiten
Gieng gläubig nach und mich von ihnen gern ließ leiten;

Da stellt' ich jeden mir als einen Leitstern vor,
Und jede Perle nahm ich freudig in mein Ohr.

Wenn meine Sprüche nun, die goldnen, ich verglich,
Mit Staunen nahm ich wahr: sie widersprachen sich.

Und weil ich konnte nun nicht alle mehr zusammen
Annehmen, hatt' ich Lust sie alle zu verdammen.

Denn welchen hätt' ich Recht dem andern vorzuziehn,
Da mir an seinem Platz jeder der rechte schien?

Bis mir die Einsicht kam, daß alle Weisheit bringt
Bedingte Wahrheit nur, nicht Wahrheit unbedingt;

Daß alles, was ist wahr in eigener Verbindung,
Und wie hervor es gieng aus eigener Empfindung,

Falsch wird, sobald man der Verbindung es entzieht,
Und mit veränderter Empfindung es besieht.

Seitdem ließ ich gestellt, und so magst dus auch lassen,
Jedes an seinem Ort, und sah ein jedes passen,

Dankbar den Weisen all' für ihre Weisheitsspendung,
Und vorbehaltend mir die eigne Nutzanwendung.

Ich räume gleiches Recht dir ein auf dieses Buch;
So widerspricht sich nicht der Sprüche Widerspruch.


129

Ich preise laut die Stadt, die nicht zwar mich geboren,
Und doch zum Bürger hat in Ehren mich erkoren,

Nicht weil ich irgend mich verdient gemacht um sie
Durch etwas anders als durch meine Poesie.

Durch meine Poesie war mirs zuvor gelungen,
Daß in derselben Stadt ich mir ein Weib errungen.

Die Himmelspoesie hat eine ird'sche Kraft,
Die zu Hauswirthschaft mir verhalf und Bürgerschaft.


130

Den höchsten Menschensinn, das Augenlicht zu missen,
Gefangen wohnend in beständ'gen Finsternissen,

Ist doch, Erfahrung spricht, das höchste Unglück nicht,
Weil inneres ersetzt das äußerliche Licht.

Der blindgewordene sieht in Erinnerungen,
Der blindgeborene wird doch vom Licht durchdrungen;

Dolmetschen kannst du ihm den Stral, der ihn berührt,
Daß der ein geistig Bild der Welt in ihm aufführt.

Im Worte wird ihm kund die Weisheit aller Weisen,
Er kann mit Dichtermund die Wunder Gottes preisen.

Doch diesen andern Sinn zu missen, den im Ohr,
Entbehrend ewigen Weltharmonieenchor;

Verlust, der schwerer schien, ersetzen kann auch ihn
Theilnahme doch der anschaubaren Harmonien.

Des Menschen Auge spricht dir und des Frühlings Trift,
Die Sprache spricht dir selbst in ihrem Bild, der Schrift.

Dem taubgebornen auch, und darum stumm geboren,
Ist alle Fähigkeit der Bildung nicht verloren.

Zum handeln kannst du ihn, zum denken auch erziehn;
Gewiß zum Dichter nur erziehst du niemals ihn.

Wer aber blind und taub zugleich ist uranfänglich,
Der höhern Menschheit scheint er Menschen unempfänglich.

Gott, der ihn so gemacht, empfänglich wird er machen
Ihn aus der Doppelnacht hier oder dort erwachen.

Wer blind und taub nur ward, kann fort das Feuer schüren
Im Innern, mag man auch nach außen es nicht spüren,

Der Muschel gleich im Schlamm, Licht saugen mit Begier,
Das zu viel schönrer Perl' in ihm wird als in ihr.

So sah ich einen Greis, an Aug' und Ohr verwittert,
Von Lustentzückungen im Frühlingshain durchzittert.

Der Blüten Duftgeruch, der Abendlüfte Wehn,
Macht ihm den Mund voll Preis, das Aug' in Thränen stehn.

Er sog, was er nicht sah, und roch, was er nicht hörte,
Und fühlte Vollgenuß und Andacht ungestörte.

So schön ist Gottes Welt, daß auch ein leises Flüstern
Von ihr der Blindheit kann und Taubheit Nacht entdüstern.


131

Was man nicht ändern kann, soll man nicht ändern wollen;
Gott hat es so gefügt, wie wirs ertragen sollen.

Den starren Dingen nicht allein bequeme dich,
Den Menschen auch, wenn sie sind unverbesserlich.


132

Mit Staunen seh' ich, daß ihr zwei Gesichter macht,
Ein grollendes und eins das nur gezwungen lacht.

Wer schuldig, frag' ich nicht, und wer unschuldig sei;
Zwei Liebende, entzweit, sind schuldig alle zwei.

Hab' ich in gleichem Fall nicht auch gemacht Gesichter?
Deswegen bin ich nur ein gültigerer Richter.

Mein Richterspruch ist, daß ihr diesmal euch versöhnt,
Und die Gesichter euch in Zukunft abgewöhnt.


133

Den Einzelheiten mußt du nie soviel erlauben,
Den sichern Grundbegriff des Ganzen dir zu rauben.

Im Ganzen nimm die Welt, die groß' und jede kleine,
Im Ganzen das Gemüt des Freundes, wie das deine.

Sowie du Launen hast, so hat die Welt sie auch,
Und auch die Freundschaft schürt kein Feuer ohne Rauch.

Weh dir, wenn dich verstimmt, was auftaucht und verschwimmt,
Und das Gefühl von dem, was dableibt, dir benimmt.

Du fühlst die heilge Glut, halt ihr den Rauch zu gut,
Werd' über Freund und Welt und dich nicht ungemut!

Du kannst durch Liebeskraft einmal die Beiden klären,
Daß sie ein andermal dir gleichen Dienst gewähren.

Die Welt ist gut, der Freund ist gut, und gut bist du;
Und wenn ihr böse scheint, gib es dem Schein nicht zu.


134

In diesem Spiel des Glücks, in welchem keiner kann
Gewinnen, ohne daß verlor ein Gegenmann;

In diesem Spiel des Glücks, in dem auch keiner kann
Verlieren, ohne was ein Gegenmann gewann;

In diesem Spiel des Glücks verliert an ruh'gen Sinnen
Der Spieler, ob er mag verlieren, ob gewinnen;

Und Lust gewinnt allein, wer als Zuschauer steht,
Und siehet daß im Grund hier nichts verloren geht;

Daß eines Lebens Tod des andern ist Belebung,
Und jedes Sinken hier wird dort zu einer Hebung;

Daß dieses Schwanken selbst sich hält im Gleichgewicht:
Wer sich im Ganzen fühlt, der hängt am Einzlen nicht.

Und will das Glück dich selbst in seine Wirbel ziehn,
Laß nur die ruhige Betrachtung nicht entfliehn:

Daß nur, was du verlierst, ein andrer hat einstweilen,
Und das was du gewannst, du kannst mit andern theilen.

Unglücklich ist nur, wer sein Glück mit keinem theilt,
Und vor dem Unglück bangt, noch ehr es ihn ereilt.


135

Du bist zu sehr geneigt, andre nach dir zu richten,
Jedwedem dein Gefühl im Busen anzudichten.

Danach benennest du den einen hochbeglückt,
Und einen andern tief in Noth hinabgedrückt.

Du setzest nur voraus, daß sie in ihren Lagen
Sich fühlen müßten so wie du sie würdest tragen.

Bedenke: jeder lebt in seinem Element,
Ob dumpf ob licht es sei, wie wer kein andres kennt.

Ihr Leben fühlen sie in angemessner Lage
Nicht als besondre Lust, noch als besondre Plage.

In dem Gefühle sollst du sie durch deins nicht stören,
Und nicht das deinige durch Träumerei bethören.


136

Das Schlimme läßt nicht gut sich machen, aber immer
Erträglich durch Vernunft, und durch Unweisheit schlimmer.

Der Weis' ist, wer, so gut es gieng, zurecht sich machte
Die Lag', in die er sich, in die das Glück ihn brachte.

Bracht' ihn das Glück hinein, so bring' er sich heraus;
Und bracht' er selber sich hinein, so halt' er aus.


137

Wenn sich ein Lehrer müht, um etwas dir begreiflich
Zu machen durch Beweis, erwägst du alles reiflich;

Auf der Gedankenfart suchst du ihm nachzuschiffen,
Und endlich glaubest du, du habest es begriffen.

Hast du die Sache dann begriffen? Nur die Art
Hast du begriffen, wie der Lehrer sie gewahrt;

Bis dir begreiflich wird, daß, um sie zu gewahren
Auf deine Art, du selbst ganz anders mußt verfahren.


138

Weißt du, was jedem frommt? Laß, was ihn mag ergötzen,
Dem Kind sein Steckenpferd, dem Pöbel seine Götzen.

Der Götz' ist auch ein Gott, der Stecken auch ein Roß;
Er will nicht Wesenheit, Schein will der Thorentroß.


139

Halt ein Paar Freund' im Haus, das Wissen und den Glauben,
Und laß von keinem dir des andern Freundschaft rauben.

Vom einen sei genährt dein Geist und aufgeklärt,
Vom andern dir in Noth und Zweifel Trost gewährt.


140

O überheb dich nicht wie jener Pharisäer,
Als stehe Gottes Huld dir, als dem Sünder, näher!

Wenn er dich besser schuf, hast du nicht dich erschaffen;
Und kämpfst du besser dich, so gibt er dir die Waffen.


141

Wo in Behaglichkeit sich darf die Seele wiegen,
Verliert der Geist den Trieb zur Heimat aufzufliegen.

Was dich zum Himmel spornt, darüber willst du klagen?
Nimm an mit Dank auch gottgesandtes Unbehagen!


142

Die Lust der Welt ist durch das Christenthum verdorben;
Wir alle sind am Kreuz, an dem Er hieng, gestorben.

Und soll die Lust der Welt nie wieder sich gebären?
Ja, der sie überwand, der wird sie auch verklären.

Neu wird die Rose blühn am Ziel der Dornenbahn.
Erfüllt das Christenthum! so ist es abgethan.

Einsetzen werden dann das Fleisch in seine Rechte
Des Geistes Freie, nicht, wie jetzt, der Sünde Knechte.


143

Wir sind in einem Streit, der nicht zu schlichten ist,
Der neu erwacht, wann er geschlummert eine Frist.

Die Wunde, bricht sie auf, ist schlimmer als gewesen;
Dem Tode sind wir nah, und glaubten uns genesen.

Sie eitert innen, wenn sie außen scheint geheilt,
Die Wunde, die uns tief ins Mark des Lebens theilt,

An der, o Vaterland, du krankest lang genug,
Die nicht des Feindes Schwert, die dir der Glaube schlug.

Laßt endlich, um den Streit ums Wahre zu versöhnen,
O laßt zum Guten uns vereinigen im Schönen!

Ein friedliches Gebiet ist groß genug verliehn;
Laßt aus dem streitigen dahin zurück uns ziehn!

Nicht was in Kirch' und Staat heillos die Menschheit spaltet,
Wir lehren Menschliches, vom Göttlichen durchwaltet,

Damit zum Himmlischen das Ird'sche sei entfaltet.


144

Ihr geht, und glaubet euch vollkommen Herr im Haus,
Von eures christlichen Bewußtseyns Thatsach' aus.

Ursprünglich glaubet ihr von Gott und von Natur
Euch eingepflanzt, was ihr habt von der Mutter nur.

Mit eurer Amme Milch habt ihr es eingesogen,
Mit ihrem Wiegensang ist es euch angeflogen,

Und mit dem Gängelband ward es euch angezogen.

Nicht sag' ich, daß ihr dem euch sollt und könnt entziehn;
Ein Maßstab sei es euch, gebraucht mit Maßen ihn!

Und legt ihn nicht an dem, dem andrer ist verliehn.

Gott, der in Händen hält das Richtmaß für die Welt,
Hat jedem das ihm Angemeßne zugestellt.


145

Der schöpferische Geist fühlt sich nicht in der Welt
Befriedigt, wo er nicht sich schöpferisch verhält.

Arbeiten muß er drum entweder alle Frist,
Weil Arbeit eine Art von Schöpfung immer ist;

Wo nicht, so träumen wird er, denken oder dichten,
Schöpfungen aus sich selbst vorrufen und vernichten.

Doch nur ein Zeitvertreib ist dieses und ein Spiel,
Ein Wirken höhrer Art ist sein gestecktes Ziel,

Wo nicht die Wirklichkeit einengend mich umringt,
Geschaffenheitsgefühl die Schöpferkraft bedingt.

Willst du der Schöpfer seyn? Nein, aber dem Verein
Der Schöpfungsgeister mitbeseligt mich anreihn.

Wo ist der Weg dazu? In Demut hin zu wallen,
Bis aus der Prüfung dich ruft Gottes Wohlgefallen.

Im Kleinen wirke recht und bilde treu das Schöne,
Damit an Höheres sich sanft der Trieb gewöhne.


146

Wenn du von Seel' und Leib dich fühlst im Gleichgewicht,
Und um dich siehst die Welt im reinen Sonnenlicht;

Dann hörst du einen Ruf, der aus dem Innern tönt:
Der Zwiespalt von Natur und Geist ist ausgesöhnt.

Doch nur ein Augenblick! er ist nicht fest zu halten.
O halt ihn fest, und lern' ihn ewig zu entfalten!

Bald hat die Sonnenruh der Schöpfung aufgehört,
Und in dir selber fühlst du wieder dich verstört.

Du aber halt es fest: im Himmel und auf Erden,
Und in dir selber soll einst ew'ger Sonnschein werden.


147

Dem Kinde magst du schwer den Mond am Himmel zeigen,
Es ist als könne nicht sein Blick die Höh' ersteigen.

Den Vater selber, der herab vom Fenster schaut,
Entdeckt es nicht, wiewol es kennt der Stimme Laut.

Vom Anfang ist der Blick der Erde zugekehrt,
Und wird nur nach und nach emporzuschaun gelehrt.


148

Wer lehrt der jungen Schwalb' im Nest die Fliege kennen,
Nach deren Raub sie soll beschwingt die Luft durchrennen?

Die Mutter bringt dem Kind die Beute, die sie haschte,
Und es sieht nicht, was es vom Mutterschnabel naschte.

Die Schwalbe kann nicht so zum Futter ihre Brut
Anführen, wie die Henn' im Hünerhofe thut.

Sie muß dem Trieb vertraun, und lässet ihn gewähren,
Der einst ihr flückes Kind wird treiben sich zu nähren.


149

Des Kindes Unart scheint dir artig im Beginn;
Du nennst es sinnig, und am End' ists Eigensinn.

Du kennst im zarten Keim das Unkraut nicht vom Kraut,
Dann raufst du's zornig aus, warum hast du's gebaut?


150

Mit Kindern brauchst du nicht dich kindisch zu geberden;
Wie sollen sie, wenn du ein Kind bist, Männer werden?

Alswie der Mann das Kind, liebt auch das Kind den Mann;
Nur der erziehts wer es zu sich heraufziehn kann.


151

Ich saß am Busch und sah hervor ein Häslein schlupfen,
Das fieng im Abendschein sein Gräslein an zu rupfen.

Die Löffel reckt' es hoch, und schob die Augen gläsern
Umher, sobald ein Hauch sich regte in den Gräsern.

Mich ward es nicht gewahr, und sah nicht die Gefahr,
Nicht weil ich ihm verdeckt, nur weil ich reglos war.

Da dacht' ich: o Natur, was dachte dein Verstand,
Als deiner Schöpferhand sich dies Geschöpf entwand?

Begabt mit jedem Sinn, mit jedem blind und taub,
Vorm Feinde rasch zur Flucht, doch stets des Feindes Raub.

Es lockt der Abendschein aus dumpfem Wald hervor,
Mit Zittern gras't's und blickt vom Futter nicht empor.

Ich blick' empor zu Gott und dank' ihm diese Gabe,
Daß ich nicht wie das Thier vorm Tod zu zittern habe.


152

Du wünschtest wol ein Stück der Erde dein zu nennen;
Von deinem liebsten Wunsch, o Herz, mußt du dich trennen.

Er war ein irdischer! und von der Erde gab
Zum dauernden Besitz dein Loß dir nur ein Grab.


153

Im schönsten Herbst, wo klar so Mond als Sonne war,
Klar über Sonn' und Mond sah ich ein Sternenpaar

Von Bruderjünglingen, die, wenn sie Fürstensöhne
Nicht wären, edel doch ich nennt' an Güt' und Schöne.

Den Vater preis' ich nicht um seinen Fürstenhut,
Als Vater preis' ich ihn der Söhne schön und gut.

Ich will euch profezein, euch aber bitt' ich fein
Es so zu machen, daß die Profezie treff' ein:

Ihr werdet würdig seyn des Ranges, weil, entfernt
Vom Fürstlichen, ihr erst habt Menschliches gelernt.


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