Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Drittes Bändchen, 1837. VIII


1

Ich glaube nicht, daß ich viel eignes neues lehre,
Noch durch mein Scherflein Witz den Schatz der Weisheit mehre.

Doch denk' ich von der Müh mir zweierlei Gewinn;
Einmal, daß ich nun selbst an Einsicht weiter bin;

Sodann, daß doch dadurch an manchen Mann wird kommen
Manches, wovon er sonst gar hätte nichts vernommen.

Und auch der dritte Grund scheint werth nicht des Gelächters:
Daß, wer dis Büchlein list, derweil doch list kein schlechters.


2

Vom niedern Hügel sah ich auf mein Heimatsthal,
Und alles lag vor mir verklärt im Sonnenstral.

Ich sah das Einzelste mit Liebesblick, das kleinste,
Und jeder Unterschied ward mir vertraut, der feinste.

Ich sah mich satt daran, viel liebe lange Stunden;
Dann stieg ich höher an, als jene Lust geschwunden.

Ich stieg auf einen Berg, der sich vor mir erhoben;
Und wieder auf mein Thal schau' ich herab von oben.

Es ist dasselbe noch, und ist ein andres doch,
Ich seh es ganz, und seh dazu viel andres noch

Nun laben will ich mich am neuen Blick mit Schweigen,
Und eine Stufe dann vielleicht noch höher steigen.


3

Weltweisheit lehr' ich dich, nicht Weisheit dieser Welt,
Doch Weisheit, die zu gut nicht für die Welt sich hält;

Weltweisheit, die die Welt in allen Lebensweisen
Dir zur Belehrung will, zur Unterhaltung weisen;

Weltweisheit, die nicht sich beweisen will der Welt,
Noch in Beweisen vor der Welt sich wohlgefällt;

Weltweisheit, in der Welt Wegweiserdienst erweisend,
Mild unterweisend hier, dort streng, wo's gilt, verweisend.


4

Welt auszusprechen, welch ein Stück der Welt es sei,
Tief oder hoch, groß oder klein, ist einerlei

Dem dichtrischen Beruf; es ist zu seinem Glück
Die ganze große Welt in jedem kleinen Stück.


5

Die Welt hat solche Schätz' im Innern aufgethan,
Daß sie der Dichtkunst Form nun nicht mehr fassen kan;

Wie sonst die Dichtkunst wol, was ist und war, umfaßte,
Als noch ihr Maß mit dem der Welt zusammen paßte.

Doch nun begnügt sie sich, was sie nicht auszubeuten
Vermag, mit flücht'gem Schlag der Wunschruth' anzudeuten.

Wenn auch den Vollgehalt die Form nicht in sich hält,
Doch im Bewußtseyn ruht die Fülle dieser Welt.


6

In schöne Leiblichkeit Gedanken eingebären,
Und in Gedankenduft ein leibliches verklären,

Ist beides Poesie nach zwei verschiednen Seiten;
Der mag auf dieser Bahn, und der auf jener schreiten.

Das Höchste doch gelingt, Vollkommenstes entspringt,
Wo ganz, ursprünglich eins, sich beides rein durchdringt.


7

In einer Höle hochgewölbt und tiefgegraben
Sind träge Wohner, die dort feste Sitze haben.

Wie angefesselt sind sie an dem Sitz von Stein,
Und sitzen auswerts nicht gewendet, sondern ein.

In ihrem Rücken ist von oben eine Kluft
Gesprengt, durch welche dringt des Himmels Licht und Luft.

Vor ihrem Angesicht der Höle finstre Wand
Dient ihrem Augenmerk zum einz'gen Gegenstand.

Sie halten zugewandt den Rücken jenem Licht,
Und nur auf diese Wand gewendet ihr Gesicht.

Was werden sie da sehn? die Schatten, die entstehn
Der Dinge, die vorbei in ihrem Rücken gehn;

Die Schatten, welche wirft der Sonne Glanz vom Rücken,
Um auch mit einem Bild das dunkle Haus zu schmücken.

Die Leute drinnen sehn die Dinge nicht, und halten
Das Schattenbild davon für wirkliche Gestalten.

Sie freuen mäßig sich am bunten Schattenspiel,
Und wissen doch davon den Grund nicht noch das Ziel.

Nun aber ist ein Geist zu einem hergekommen,
Der hat die Fesseln ihm, die Trägheit abgenommen.

Geblieben sind geschnürt die andern unberührt,
Ihn aber hat der Geist befreiet und entführt.

Sein Angesicht zum Licht wandt' er mit schneller Wendung,
Da traf sein Angesicht vom Licht zuerst die Blendung.

Doch aufwerts zog er ihn die hehre schwere Kluft,
Und ihm entgegen kam zur Stärkung Himmelsluft.

Und als er draußen war, erstaunt' er nicht geringe,
Daß er nun offenbar statt Schatten sah die Dinge.

Sein Auge war noch schwach für die Gewalt des Schönen,
Er mußte nach und nach sich an den Glanz gewöhnen.

Er sah der Sonne Bild zuerst im Spiegelteich;
Sie war noch nicht sie selbst, doch schon sich selber gleich.

Dann aber konnt' er ihr ins Auge blicken frei,
Beseligt, daß ihr Blick in seinem Auge sei.

Nun aber durchs Geschick ist er zurückgekommen
Zur Höl', und hat den Sitz dort wieder eingenommen.

Dort sitzen noch, die sich am Schattenbild erbaun,
Denselben wollt' er nun, was er geschaut, vertraun.

Viel Mühe gab er sich, in Bildern zu erklären,
Daß dis die Bilder nur, und nicht die Dinge wären.

Doch sie verstanden's nicht, und glaubten's nicht, und lachten,
Und fuhren ruhig fort die Schatten zu betrachten.


8

Nach Gottes Wesenheit ist gar nicht dein Beruf
Zu forschen; forsche du nach Wesen die er schuf.

Den Unerschaffnen kanst, Geschaffner, du nicht denken,
Doch mit der Schöpfung Glanz im Schöpfer dich versenken.


9

Die Mücke, wenn sie dächt' und spräch', o Mensch, wie du;
Dem Höchsten legte sie wol ihre Flügel zu:

„Wie sollte seinem Bild mein Schöpfer mir nicht gleichen?
Dem, was er schuf, wird er nicht an Vollendung weichen.

Drum mückenähnlich, nur vollkommner wird er seyn;
Wie wär' er Gott, wenn er nicht hätte Flügelein?“


10

Zur Gotterkentnis sind die Thiere nicht erschaffen,
Du unterscheidest dich durch sie, o Mensch, vom Affen.

Ohne sie stehst du nicht mit ihm auf gleichen Stufen,
Sondern auf niederern, weil höhern zuberufen.

Denn Trank und Speis' und Schlaf und sinnliche Begier,
Die völlig ihm genügt, genügt nie völlig dir.

Du hältst ein Höheres dir im Bewußtsein vor,
Und bist nicht du, wo du nicht ewig ringst empor.


11

Wie könnte Denken denn und Seyn verschieden seyn?
Was in dir denket, ist; dein Denken ist dein Seyn.

Seyn, das nicht Denken ist, hat nur sich selbst verloren,
Und wird im Denken erst zu sich zurück geboren.

Das ist, der die Natur verklären soll, der Geist;
Dein Leben ist, daß du in ihm lebendig seist.


12

Sie narren dich herum, um dir in Räthselworten
Zu sagen, was du längst gehört an andern Orten.

Wo es verständlich klang, beachtetest du's nie,
Das Unverstandne nun nennst du Philosophie.


13

Der Erde kann der Mensch, an der er hangt, entbehren
Noch eher als des Zugs zum Himmel sich erwehren.

Die Pflanze selber könnt' ehr in den Lüften schweben
Mit ihren Wurzeln, als den Trieb nach Licht aufgeben.

Um aber zu gedeihn, muß sie im Boden stehn,
Und nach der Sonne Schein sich mit dem Wipfel drehn.


14

Von Zeit und Raum ist viel zu hören und zu lesen,
Als seien beide gleich, und stets zugleich gewesen.

Doch eher ist die Zeit gewesen als der Raum,
Wie Wachsthum eher war als der gewachsne Baum.

Entstanden war die Zeit sobald als Geister dachten,
Der Raum erst als sich breit darinnen Körper machten.

Und mit den Körpern wird der Raum zusammenfallen,
Doch mit den Geistern erst die Zeit in Gott entwallen.


15

Du bist kein Tropfe der im Ozean verschwimmt,
Du fühlest dich als Geist auf ewig selbst bestimmt.

Vom höchsten Geiste fühlst du dich nicht zur Verschwimmung
Im höchsten Geist bestimmt, sondern zur Selbstbestimmung.


16

Du mußt dein dunkles Selbst zum hellen Selbst erweitern;
Nur die Verschlossenheit ist in Gefahr zu scheitern.

Dem Ich, dem Schifflein, steht Nicht-Ich, die Klipp' entgegen,
Und der Nothwendigkeit ist Freiheit unterlegen.

Doch schließ in Gott dich auf, und fühl' dich unbezwinglich,
Vom Alldurchdringenden durchdrungen undurchdringlich.

Das Nicht-Ich war dein Feind; nun sieh, Nichts ist als Ich!
Worin denn fürchtetest du zu verlieren dich!


17

Ich will auch meinen Leib zurück vom Staube fodern;
Denn nicht ein Stäubchen des, was mein ist, soll vermodern.

Was ich als ein Gewand hab' abgelegt im Grabe,
Anzieh' ichs wieder, wann ich ausgeschlafen habe.

Es wird das alte Kleid, und doch ein neues seyn;
Die Mutter in der Nacht wusch es dem Kinde rein.


18

Der Zweifel, ob der Mensch das Höchste denken kann,
Verschwindet, wenn du recht dein Denken siehest an.

Wer denkt in deinem Geist? der höchste Geist allein.
Wer zweifelt, ob er selbst sich denkbar möchte seyn?

In den Gedanken mußt du die Gedanken senken:
Nur weil Gott in dir denkt, vermagst du Gott zu denken.


19

Nicht ist das Seyn zuerst und wird nachher gedacht,
Vielmehr vom Denken erst wird Seyn hervorgebracht.

Des Denkens Vorrang vor dem Seyn ist darin kund:
Des Schöpfers Denken ist der Schöpfung innrer Grund.

Gott denkt sich selbst, und ist; er denkt, so ist die Welt,
Und sein Gedank' ist das, was sie im Seyn erhält.

Gott denkt sich selbst, und ist; du denkst dich selbst und bist,
Bist ewig wie Gott selbst, weil er dein Denken ist.

Wie könnte je dein Seyn im Denken untergehn,
Da es das ist woraus muß ewig Seyn entstehn?

Wer sagt, daß sich der Quell in seinem Strom verliert,
Da ewig er vielmehr aus sich den Strom gebiert?


20

Der Tod ist jedenfalls ein wicht'ger Augenblick;
Und wie man stirbt, daran hängt etwas vom Geschick.

Gelingt doch jeder Schritt, den man im Leben schreitet,
Je minder oder mehr man ist dazu bereitet.

So wird beim letzten auch es nicht gleichgültig seyn,
Mit welcher Fassung man hier austritt und dort ein.

Gewis ist förderlich und wünschenswerth Besinnung
Hier zur Beendigung und drüben zur Beginnung.


21

Was sagt Bewußtseyn aus? es sagt Bewußt und Seyn;
Von Seyn und Wissen ist es also der Verein.

Von beider welchem ward nun welches angenommen?
Ist Wissen hin zum Seyn, zum Wissen Seyn gekommen?

Das Wissen steht zuerst, es steht das Seyn zuletzt,
Das Wissen also ist dem Seyn vorausgesetzt.

Jawohl ist meinem Seyn vorausgesetzt ein Wissen,
Ein Wissen, welchem nie mein Seyn kann seyn entrissen.

Ich bin von Gott gewußt, und bin dadurch allein;
Mein Selbstbewußtseyn ist, von Gott gewußt zu seyn.

Ich war nicht mein bewußt, und war nicht dein bewußt,
O Gott, und war es doch, denn du warst mein bewußt.

Bewußtseyn aber weiß nicht um sich selbst allein,
Es weiß auch um die Welt, das wird es gleich entzwein.

Doch die Versöhnung ist dem Streit schon eingewoben,
Da ich die Welt und mich in Gott weiß aufgehoben.

Nicht aufgehoben, wie sich Ja und Nein aufhebt;
Emporgehoben, wie zur Sonn' ein Adler schwebt.

Im Gottbewußtseyn geht nicht mein Bewußtseyn aus;
Eingeht es wie ein Kind in seines Vaters Haus.


22

Du denkest fort und fort, dein Denken ist ein Schaffen,
Und deine Denkkraft hat zu fürchten kein Erschlaffen.

Was du einmal gedacht, das kanst du nie vergessen;
Was du geschaffen, stets erinnerst du dich dessen.

Indem du meiner dich erinnerst, hast du mich
Im Innern ewig, und im Innern hab' ich dich.

Vergiß mich, Welt! ich weiß, daß Er sich mein erinnert;
Und sterb' ich außen dir, leb' ich in ihm verinnert.


23

Weil nicht ein großer Fürst im weiten Länderbann
In alles Einzelne sich mischen soll und kann;

So meinest du, daß Gott auch nur das Allgemeine
Der Welt geordnet hab', und walte nicht ins Kleine.
Doch macht ja wohl ein Fürst auch durch sein Land die Fahrt,
Eingreifend hier und dort mit eigner Gegenwart.

Und wär' Allgegenwart, wie Gott, auch ihm verliehn,
So braucht' er nicht die Fahrt, und alles führ' um ihn.

Allgegenwärtig ist Gott in den Welten nicht
Sowohl als sie vielmehr es sind in seinem Licht.

Er selber ist darum das Gröste Allgemeinste,
Weil in ihm alles ist das Einzelste, das Kleinste.


24

Die Erde hat ein Recht, sich selber anzusehn
Als Mittelpunkt, um den sich alle Himmel drehn.

Unschuldig übte sie dis Recht seit alten Zeiten,
Und die Aufklärung auch soll es ihr nicht bestreiten.

Zur Einsicht kam sie zwar, daß sie nur sei ein Theil
Vom Ganzen, und auf sie nicht eingeschränkt das Heil.

Fürs Ganze lässet sie den Geist des Ganzen sorgen,
Begnügt, daß sie sich fühlt an ihrem Theil geborgen.

Sie fühlet fest sich stehn, und sieht den Himmel drehn;
Was kann vereintem Sehn und Fühlen widerstehn?

Die Sonne scheint für sie am Tag, und in der Nacht
Schmückt ihr das Himmelbett der Sterne goldne Pracht.

Der Geist steigt wie das Licht zu ihr im Traume nieder,
Und ihr Gedanke steigt empor und ihre Lieder.

Es ist der Augenschein, kein Schein, was ihr erschienen;
Sie dienet Gott, und weiß, daß ihr die Himmel dienen.

Und dienen sie ihr nicht? Es hängt in diesem Tanze
Am Ganzen wol das Glied, doch auch am Glied das Ganze.

O wunderbarer Bau, o Herr des Baus und Meister!
Dein Grundstein bist du selbst, Grundpfeiler deiner Geister.

Du bist der Architekt, du bist der Architrab,
Der König, der sich selbst den Königsbau aufgab.

So groß, vollkommen, schön ist dein Palast, die Welt,
Daß jeder Winkel sich für deinen Thronsaal hält.


25

Zu jeder Stund' ist dir, was du bedarfst gereicht;
Ergreif es nur, daß es nicht ungenutzt entweicht.

Erkenne immermehr allsehender Vorsicht Walten
In dem, was Blödere für blinden Zufall halten.


26

Der Meister, als er war gestorben, ist erschienen
Dem Jünger in der Nacht mit sonnenhellen Mienen.

Meister, wie stralest du! von wannen ist dein Licht?
Er sprach: von wannen als von Gottes Angesicht! —

Und hast du und wodurch den Zutritt dort erlangt?
Er sprach: dadurch weil ich nach andrem nicht verlangt.

Ich ward von Glanz zu Glanz die Himmel durch geführt,
Vorüber aber gieng ich allem ungerührt.

Ich ward gefragt: Was hat vor allem dir gefallen?
Ich aber sagte: Nichts gefällt mir von dem allen.

Da rief der Herr: So führt ihn nur zu mir herein!
Er sei bei mir, weil er will nirgend anders seyn.

Und hätte draußen dir genügt ein ander Licht,
So hätt' ich dir's verliehn, und zu mir kamst du nicht.


27

Sobald dem Menschen wir die Freiheit zugestehn,
Scheints um die göttliche Allwissenheit geschehn.

Denn wenn die Gottheit weiß, wohin mein Thun sich lenkt,
So bin ich ja zu thun gezwungen, wie sie denkt.

Der alte Meister sprach: das sei nur als ein Zeichen
Euch angeführt, wie weit des Menschen Kräfte reichen,

Und daß sein schwacher Witz sich lasse nicht verführen,
An unbegreifliche Geheimnisse zu rühren.


28

Der alte Meister sprach: Laß kürzlich dir entfalten,
Woran im Forschen du, im Wirken dich sollst halten.

Ein Unzugängliches gibt es in der Natur,
Und ein Zugängliches; die unterscheide nur!

Wer nicht zu scheiden weiß, der quält sich lebenslänglich
Am Unzugänglichen, und macht es nie zugänglich.

Doch wer es weiß, wird ans Zugängliche sich halten,
Und frei auf festem Grund nach allen Seiten walten.

Ja selbst auf diesem Weg, dem unverfänglichen,
Wird er von ferne nahn dem Unzugänglichen;


29

Vier Dinge sind zugleich unendlich weit und schmal,
Unendlich groß und klein: Zeit, Raum, Bewegung, Zahl.

Du kanst die gröste Zahl vergrößern immer doch,
Du kanst die kleinste Zahl verkleinern immer noch.

So kanst du jeden Raum erweitern und verengern,
So kanst du jede Zeit verkürzen und verlängern.

Und so verlangsamen kanst du und vergeschwindern
Jede Bewegung auch, vermehren und vermindern.

So haben diese vier, Zahl, Raum, Bewegung, Zeit,
Nach beiden Seiten hin zwiefach Unendlichkeit.

Und wie sie wechselnd sich verbinden und bedingen,
Siehst du unendliche Verhältnisse entspringen.

Doch unerschütterlich auf den vier Pfeilern steht
Der Mathematik Bau in kalter Majestät.

Dieselbe Grundlag' hält und trägt den Bau der Welt;
Wo aber ist der Geist, der selbst sie trägt und hält?


30

Wie oft geschieht's, daß ich ein Dunkles mir erkläre
Durch etwas andres, das an sich noch dunkler wäre.

Doch weil der Forschung Blick ruht auf der dunklen Stelle,
Erscheint im Gegensatz ihm jede andre helle.

Gelang' ich dorthin nun, so ist das Räthsel dort,
Das Unerklärliche rückt mit der Forschung fort.

Und unversehns mach' ich dis neue Dunkel klar
Durch jenes alte, das erst zu erklären war.

Es scheint, kein Ausgang ist aus diesem Zauberkreise,
Sobald der Geist sich will einlassen auf Beweise.


31

Gott ist ein Denkender, sonst wär ich über ihn,
Ich aber denke, daß ich unter ihm nur bin.

Gott ist ein Wollender, sonst hätt' ich mehr als er,
Mein Wollen aber kommt von seinem Wollen her.

Mit deinem Denken sei, mit deinem Wollen still
Vor seinem, liebes Herz! er denkt in dir und will.


32

Wenn du ein bergiges Gelände steigst empor;
Als steigest du hinab, kommt dirs zuweilen vor.

Denn bis von einer Höh zur andern wird gestiegen,
Gehts über Senkungen, die zwischen beiden liegen.

Und eh nicht, als erreicht der andre Gipfel ist,
Erkennest du, daß du gestiegen wirklich bist.

Die Aussicht, schon zuvor gewonnen, dann geschwunden,
Hat wieder nun, und zwar erweitert, sich gefunden.

Doch auch zur Niederung wo du dich schienst zu neigen,
In Wahrheit warst du dort begriffen schon im Steigen,

Nur niedrer im Bezug auf das woher du kamest,
Höher an sich, weil du den Weg zur Höhe nahmest.

Es ist naturgemäß der Weg, o geh ihn nur!
Selbst keinen andern ist gegangen die Natur,

Als sie mit Bildnertrieb und schöpferischem Witze
Durchs Reich der Formen klomm von Spitz' empor zu Spitze.

Sie konnte nicht umhin, in ihrem Vorwertsstreben
Sich hier zu senken, um dort wieder sich zu heben.

Sie hatte sich vom Gras mit windgeknicktem Halme
Emporgehoben schon zum stolzen Schaft der Palme.

Dann hat sie sich bequemt und sich herabgelassen,
Mit Bildungen von Kraut und Strauch sich zu befassen.

Sie dacht' an Palmen nicht zurück beim niedern Strauch,
Sie dachte vorwerts an der Rose Liebeshauch.

Und als sie hingelangt zum Götterbild der Rose,
Stieg sie von ihm hinab, und schuf den Wurm im Moose.

Der Rose dachte sie beim Würmlein auch nicht mehr;
Sie dacht', indem es lebt', ein ganzes Lebensheer.

Ein großer Rückschritt schien von dort zu hier gethan,
Der gröste Vorschritt war die Senkung ihrer Bahn.

Und als hinauf, hinab, die Ordnungen von Thier
Zu Thier hindurch, sie kam zu Löwe, Roß und Stier;

Da sann sie deren Herrn und ihren zu erschaffen,
Und schuf zur Menschenvorbereitung erst den Affen.

Das war der tiefste Fall, den sie zuletzt gethan,
Um sich zum höchsten Schwung zu heben himmelan.

Drum tröst' ein Künstler sich, wenn ihm ein Bild mislingt,
Ist er sich nur bewußt, daß er zum Höchsten ringt.


33

Der große Astronom sprach: Alle Himmelsflur
Hab' ich durchforscht und nicht entdeckt von Gott die Spur.

Hat er nicht recht gesagt? Bei Mond- und Sonnenflecken,
Im Sternennebel dort, ist Gott nicht zu entdecken.

Des Sehrohrs Scharfblick sieht den Unsichtbaren nicht,
Den nicht berechnen kann Zahl, Größe, Maß, Gewicht.

Wer Gott will finden dort, der muß ihn mit sich bringen;
Nur wenn er ist in dir, siehst du ihn in den Dingen.


34

Was unterscheidet dich, o Mensch, von Thier und Pflanze?
Daß du für dich auch bist, nicht blos wie sie fürs Ganze.

Fürs Ganze bist auch du, wie Thier und Pflanze sind,
Doch bist du's nicht wie sie, du selbstbewust, sie blind.

Sie sind fürs Ganze nur, weil sie nur sind für sich;
Weil du für's Ganze bist, sind sie und es für dich.

Fürs Ganze bist du ganz, wenn ganz für dich du bist,
Erkennend, daß durch dich das Ganze ganz nur ist.


35

Der Mensch kann nie so ganz ins Sinnliche versinken,
Der Geist treibt ihn empor stets Geistesluft zu trinken.

Doch hat er seine Lung' erfrischt an Himmelshauchen,
Treibt es ihn bald genung zurück in Schlamm zu tauchen.

So in sein Leben theilt sich der getheilte Trieb;
Nicht Vogel und nicht Fisch, was ist er? ein Amfib;

Das nicht ganz Fisch mehr ist, dem stummen Abgrund eigen,
Doch auch noch nicht ganz Thier, ans feste Land zu steigen;

Das jetzo sich erhebt, und schöpft zu leben Luft,
Dann wieder sich begräbt in feuchten Moderduft.

Im innerlichen Streit mit sich befangen ewig,
Die ganze Lebenszeit bleibt es hindurch beidlebig.

Wird auch die Menschheit so in alle Ewigkeit
Hier bleiben unerlöst von der Beidlebigkeit?

Wird nie ihr bessrer Geist sie ihren niedren Wiegen
Entraffen, um mit ihr von Höh zu Höh zu fliegen?

Soll immer nur der Geist allein, als wie der Schwan,
Geschieden von dem Leib, sich schwingen himmelan?


36

Was unterscheidet dich, o Mensch, von der Natur?
Du bist ein Werdender, sie ist geworden nur.

Sie ist geworden, was sie werden sollt' und kann;
Du aber bist ein Kind, das werden soll ein Mann.

Darum an der Natur ist alles schön und groß,
Vollkommen, reich und stark, du schwach, nackt, arm und bloß.

Doch ist die Kraft in dir, stark, reich und groß zu werden;
Und daß die Kraft du fühlst, seh' ich an den Geberden.

Und dis Gefühl der Kraft soll man dir nicht zerbrechen;
Dir soll wenn es erschlafft, der Himmel Muth einsprechen.

Du kanst nicht sinken, wenn du dich erheben willst,
Wenn du am Niedern nicht dein Hochverlangen stillst.

Gewonnen ist das Ziel, wenn du den Muth gewannst,
Daß du schon jetzt bist viel, und mehr stets werden kannst.


37

Wenn sein Gottähnliches du willst dem Menschen zeigen,
So darfst du ihm auch nicht sein Thierisches verschweigen.

Gefährlich ist es, ihn bewundern sich zu lassen;
Gefährlich auch, ihn nur zu zwingen, sich zu hassen.

Auffordern mußt du ihn, sich selber zu bekriegen,
Um durch sein Besseres sein Schlechteres zu besiegen.


38

Das Böse ist nicht aus der Welt hinauszulügen,
Und das Bewustseyn läßt sich nicht um es betrügen.

Erklären läßt es auch sich nicht im Bild als Schatten,
Der nur zu besserm Glanz dem Lichten kommt zu Statten.

Es ist zu wenig Tag, und zuviel Schattenschlag,
Als daß der Schönheitsinn sich dran erfreuen mag.

Und von den glänzenden Partieen nicht beschwichtigt
Wird der Beschauer, der die schadhaften besichtigt.

Das Bild ist offenbar nicht in dem rechten Stand,
Wie es gekommen ist aus seines Meisters Hand.

Wir kommen überein hierinnen, und entzwein
Uns darin nur, wie dem mag abzuhelfen seyn;

Wer übernehmen soll und kann beim Bild das Amt,
Es herzustellen so, wie es vom Meister stammt.


39

Nur wer ein König war, kann den Verlust empfinden,
Daß er ein Reich verlor, und kann's nicht wieder finden.

Und so empfindet wol der Mensch, daß er verlor
Die Herrschaft der Natur, die er besaß zuvor.

Wodurch ließ er den Stab der Herrschaft sich entwinden?
Und was soll er nun thun um wieder ihn zu finden!


40

Ein Weiser, um mit Kraft den Vorzug zu beweisen
Des Menschen vor dem Thier, wollt' auch sein Alter preisen.

Von Thieren soll der Mensch das höchste Alter haben;
Denn Fabel nur ist was man sagt von Hirsch und Raben.

Doch macht dir nun ein Thier den Vorzug streitig kaum,
So thut es jeder Fels, so thut es mancher Baum.

Drum etwas anders muß dein Menschenvoraus seyn,
Den dir alswie das Thier auch einräumt Pflanz' und Stein:

Daß du in jedem Nu, in Gott und Welt und dir
Mehr lebst als lebenslang Fels oder Baum und Thier.


41

Was nennst du groß und klein? du nennest größer, was
Ist über, kleiner wol, was unter deinem Maß.

Selbst gegen Kleineres kommst du dir größer vor,
Und gegen Großes klein, so schwankest du o Rohr.

Bist du das Maß der Welt? hast du an dir das Maß?
Sprich, ist an deinem Leib, in deinem Geiste das?

Nicht klein nenn' oder groß, was groß ist oder klein
Nach deinem Leibe bloß, nach deinem Sinn allein.

Groß ist kein Sonnenball, und klein kein Sonnenstäubchen;
Groß ist der Schöpfung Baum, doch klein daran kein Läubchen.

Nur der Gedank' ist groß, daß nichts so groß, so klein,
Als der Gedanken ist, der alles ist allein.


42

O Mensch, sieh hier das Nichts, aus welchem du entsprungen,
Dort die Unendlichkeit, in die du bist verschlungen.

Das Nichts hier, dort das All, und in der Mitte du,
Du schwankst in jedem Nu von diesem jenem zu.

Du streifest hier ans Nichts, und schweifest dort ins All,
Ergreifest keines doch im Steigen noch im Fall.

Wielange führest du mit Wolkenbildern Streit?
Das Nichts ist nichts, und nichts ist die Unendlichkeit.

Gott ist wo Nichts dir scheint, Gott ist wo dir erscheinet
Unendlichkeit, in ihm ist Nichts und Nichts verneinet.

Du bist vor jedem Nichts gerettet, Ihm vereint;
Nichts ist nur, was ohn' Ihn Etwas zu seyn vermeint.


43

Was ist der kleine Mensch in der Unendlichkeit!
So eng ist sein Begriff, ihr Umfang ist so weit.

Mit Schrecken siehst du dich in einen Kreis gestellt,
Der rücksichtlos auf dich, den ew'gen Umschwung hält.

Ein Kreis, des Mittelpunkt, wenn er ist irgendwo,
Nur überall ist, und sein Umkreis nirgendwo.

Wenn dieser Mittelpunkt denn allerorten ist,
So ist er ja, o Mensch, am Ort auch wo du bist.

Du stellest kühn dich hin als Mittelpunkt der Welt,
Und siehst wie sie um dich den ew'gen Umschwung hält.

So klar ist ihr Gesetz, daß du's erkennen kannst,
Und durch die Einsicht selbst am Weltplan Theil gewannst.

Wie du es siehst durchs Rohr, so kreist der Sfären Chor,
Als zeichnetest du selbst ihm seine Tänze vor.

Nur kannst du das Gesetz nicht ändern zum Vergnügen,
Mußt ins gegebene erkannte schön dich fügen.

O Mensch, dis ist dein Loß, dich in Selbständigkeit
Zu fügen frei und groß der Weltnothwendigkeit.


44

Dich irret in der Welt die Vielgestaltigkeit,
Einfält'ger, dir misfällt die Manigfaltigkeit:

Daß nicht an jedem Ort gilt, was an einem gilt,
Und daß die eine Zeit lobt, was die andre schilt;

So ist es, wie der Spruch des Meisters ausgesprochen:
Es wird hier Widerspruch von Widerspruch gebrochen.

Dich aber möcht' ich nicht zum Gärtner meinem Garten,
Da du nicht zugestehst den Blumen ihre Arten.

Doch stellte gar dich Gott in seinem Garten an,
Wie würde nicht zu Spott sein Plan vor deinem Plan!
Wie würde nicht genutzt die Scheer', und weggeputzt
Unnützer Putz, und fein gleichförmig zugestutzt;

In Unergetzlichkeit würd' alles eingeschnürt,
Soweit Gesetzlichkeit du hättest eingeführt.


45

Wer Gott nicht fühlt in sich und allen Lebenskreisen,
Dem werdet ihr ihn nicht beweisen mit Beweisen.

Wer überall ihn sieht, was wollt ihr dem ihn zeigen?
Drum wollt mit euern Gottbeweisen endlich schweigen!

Wollt ihr mir auch vielleicht beweisen, daß ich bin?
Ich glaubt' es schwerlich euch, glaubt' ichs nicht meinem Sinn.


46

Ist unsrer Handlungen Beweggrund, wie sie sagen,
Glückseligkeit allein, wie sind wir zu beklagen!

Denn die Glückseligkeit, wo ist sie zu erfragen?
Wo ist sie zu erspähn? wo ist sie zu erjagen?

Diese Glückseligkeit, die jeder will erreichen,
Je näher er ihr kommt, scheint weiter zu entweichen.

Diese Glückseligkeit, die jeder wünscht und sucht,
Ist einem Schatten gleich beständig auf der Flucht.

Bald scheint der Schatten rechts, bald links an uns zu streifen,
Nun vor, nun hinter uns, und nirgend zu ergreifen.

Diese Glückseligkeit, ein Trugbild manigfalt,
Lockt jeden anderen in anderer Gestalt.

Der sieht sie an für dis, und der fürs Gegentheil;
Der nennt Verderben das, was jener nennt sein Heil.

Darum kann nimmermehr dis Wechsellaunenspiel,
Diese Glückseligkeit, seyn unser Zweck und Ziel.

Wir wissen dieses nur, daß hier uns etwas fehlt;
Wo es uns werden soll, und wie, ist uns verhelt.

Wo ist es? hier im Raum ist es nicht aufzuspüren;
Und über'n Raum hinaus, wie soll ein Weg uns führen?

Wir können aus der Welt und uns hinaus nicht treten;
Wann, Himmelsgast, tritst du bei uns ein, längsterbeten.

Längst harr' ich deiner hier in Abgeschiedenheit;
Das Glück ist nicht bei mir, doch die Zufriedenheit.

Glückseligkeit zerpflück', und jedem gib ein Stück,
Die Seligkeit gib mir, und dem, wer will, das Glück!


47

Ein Mensch seyn ohne Gott, was ist das für ein Seyn!
Ein beßres hat das Thier, die Pflanze, ja der Stein.

Denn Stein und Pflanz' und Thier, die zwar um Gott nicht wissen,
Er aber weiß um sie, sie sind ihm nicht entrissen.

Sie sind nicht los von Gott, gottlos bist du allein,
Mensch, der du fühlst mit ihm, und leugnest, den Verein.


48

Sturm der Vernichtung, sprich, wohin denn mich verschlagen,
Wohin denn willst du mich, wo Gott nicht wäre, tragen?

Von Gott ist alles Seyn umschlungen und umrungen,
Und ich bin sein, nicht mein, ich bin von ihm durchdrungen.

Wohin ich sehe, seh' ich Gottes Schooß mir offen,
Der nur dem Zweifel ist verschlossen, nicht dem Hoffen.

Verschlossen ist er nur dem ihm verschlossnen Sinn;
Drum ist er offen mir, weil ich ihm offen bin.


49

Woher ich kam, wohin ich gehe, weiß ich nicht;
Doch dis: von Gott zu Gott! ist meine Zuversicht.

Warum ich jetzo bin, und andre sonst gewesen;
Warum mir dieser Platz, kein andrer, ist erlesen?

Ich blühe wie die Blum', und wachse wie der Baum,
In meiner Jahreszeit, in meinem Gartenraum.

Im großen Garten ist kein abgelegnes Beet,
Das nicht zu seiner Zeit von Lenzluft ist durchweht.

Kein abgelegnes Beet, das nicht erblüht in Wonne
An seines Gärtners Blick, sein Blick ist Mond und Sonne.

Ich fühle Sommerlust, und fühle Winterschauer,
Und einen Schauder, daß ich bin von kurzer Dauer,

Doch eine Ahnung, daß ich ewig bin von Stamme,
Und daß nicht sich verzehrt, die mich verzehrt, die Flamme.

Es ist ein niedrer Trieb in mir und höhres Streben,
Dem soll ich folgen und mich jenem nicht ergeben.

Zur reinsten Blüte will ich meine Lust entfalten,
Und meine Schmerzen selbst zu Wonnen umgestalten.

Ich steh' in Gottes Hand, und ruh' in Gottes Schooß;
Vor ihm fühl' ich mich klein, in ihm fühl' ich mich groß.


50

Arabisch heißet Dien Religion von Dienen,
Denn nicht zum Herrschen ist sie auf der Welt erschienen.

Religion, solang sie dienstbar ist auf Erden,
Der Menschheit dienet sie zum Trost in den Beschwerden.

Da ist sie Gottesdienst ohn' äußern Prunk und Braus;
Sobald sie herrschend wird, wird eitler Weltdienst draus.


51

So sprach ich, als ich jüngst gieng durch die Flur am Abend —
Sie war für Aug' und Ohr und jeden Sinn so labend;

Ich aber dachte, was der Filosofen gröster
Von der Natur gedacht, für mich ein leid'ger Tröster:

Daß ein mislungener Versuch mit viel Beschwerden
Sie des Begriffes sei, sich äußerlich zu werden. —

So sprach ich: O wieviel des Schönen doch entsprang
Für mich aus dem Versuch, der dem Begriff mislang.

Und wäre dem Begriff nun der Versuch gelungen,
Welch eine Herrlichkeit wär' erst daraus entsprungen!

Welch höhere Natur, worin von all den Chören,
Die meinen Sinn zerstreun, den Geist nichts würde stören!

Welch höhere Natur, worin von all den Chören,
Die meinen Sinn erfreun, ich sehn nichts würd' und hören!

Ich, dem Begriff zum Spott, will hören, sehn und singen,
Und danken, daß ihm Gott ließ den Versuch mislingen.


52

Unleidlicher ist nichts, geeigneter zu Krämpfen,
Als zwei Systeme, die als solche sich bekämpfen.

Dis klappert hier, das dort, mit eigner Formeln Knarren,
Und wer dazwischen steht und hört es, wird zum Narren.

Zwei Instrumenten gleich, in zwei verschiednen Tönen
Gestimmt, wo eines will das andre niederdröhnen.

Jedwedes wär', allein gehört, villeicht erfreulich;
Ihr Durcheinanderschrei'n ist ganz und gar abscheulich.


53

Nicht darum soll es sich bei deinem Willen handeln,
Ihn zu verbessern, Mensch, vielmehr ihn zu verwandeln;

Denn unverbesserlich, unheilbar sei der Schade,
Umwandlung möglich nur durchs Wunderwerk der Gnade.

Allein der höchste Streit, der über die Natur
Des Willens wird geführt, scheint mir ein Wortstreit nur.

Umwandeln mögt ihr ihn, verwandeln ganz und gar,
Zu einem andern doch nicht machen als er war.

Verwandeltet ihr mich, daß ich nicht mehr wär' ich,
So hättet ihr, ich weiß nicht wen, geheilt, nicht mich.

Doch einen guten Kern müßt ihr dem Willen gönnen;
Denn schlecht im Kerne, würd' er gut nie werden können.

Am kahlen Sünderkopf müßt ihr ein Löckchen lassen,
Daran der Finger ihn der Gnadenzucht kann fassen.

Ein Aschenfünkchen muß doch seyn im Aschenhaufen,
Sonst bläst das Feuer an kein Schnauben und kein Schnaufen.

Ein gleich Bedürfnis wird verschiedentlich gefühlt,
Daß etwas sei hinweg gewaschen und gespült,

Ein Schmutz hinweggefegt, ein Rost hinweggescheuert,
Damit im eignen Glanz der Spiegel sei erneuert.

Daß sich der Spiegel selbst nicht klären kann, ist klar;
Daß ihm nur Gott den Dienst gewähren kann, ist wahr.

Daß Gott sich spiegle, mußt du ihm den Spiegel leihen,
Von Selbstbespieglung fern und von Vorspiegeleien.

Die Hauptsach' aber ist, daß rein der Spiegel sei;
Das Übrige, mein Sohn, ist Spiegelfechterei.


54

Was ist Zusammenhang der Rede, den du lobst,
Und dessen Zauberkraft du tief an dir erprobst?

Zusammen scheinen dir zu hangen die Gedanken,
Und drum die Sachen auch, die stets so unstät schwanken.

Die Frage drängt sich auf, und wird zurückgedrängt,
Ob nur der Denker so zusammen sie gehängt?

Zusammenhang der Ding' ist wirklich ihm erschienen,
Und seine Rede zeigt dir diesen Schein an ihnen.

Am ganzen Netze willst du keine Masche missen;
Denn eine fehlt, so ist der schöne Schein zerrissen.


55

Die Wahrheit ist durchaus ein mittleres Gebiet,
Das nicht nach hier und dort unendlich hin sich zieht.

Ihr nachgehn kanst du meist gar wenig Schritte nur,
Und ausgehn siehst du schon in Irrthum ihre Spur.

Wahrheiten hängen nicht zusammen wie Korallen,
Die man kann an der Schnur herzählen nach Gefallen.

Oft ist das Wahre gar vom Falschen nicht zu scheiden,
Wie Fäden eines Zeugs, halb wollen und halb seiden.

Von Wahrheit einen Kern schließt jeder Irrthum ein,
Und jede Wahrheit kann des Irrthums Saame seyn.

Vor allem hüte dich vor strengen Folgerungen,
Denn folgerichtig ist meist närrischstes entsprungen.

Wahrheit, die du zuweit verfolgen willst und jagen,
Ist, eh du dichs versiehst, in Irrthum umgeschlagen.

Viel lieber mag, anstatt die Jagd zu übertreiben,
Ein ungewisses Wild im Grenzwald überbleiben.

Der Schütze läßt, was flieht, fliehn an der Grenz', und zieht
Mit seiner Beute sich zurück auf sein Gebiet.


56

Bedenke, wenn der Stolz des Denkens dich bethört,
Welch eine Kleinigkeit dein Denken, Denker, stört.

Ein Bißchen Weh im Kopf, ein Bißchen Weh im Magen,
Im Fuß, der doch nichts scheint zum Denken beizutragen.

Nicht irren kann dich nur der Feldschlacht heisres Klirren,
Verwirren kann dich schon der Mücke leisres Schwirren.

Und hättest du wie Gott nun eine Welt gedacht,
So hätte sie, o Spott, ein Mücklein umgebracht.

Drum ist es gut, daß du nur denkest schon Gedachtes,
Und im Gedanken nur nachmachst von Gott Gemachtes.


57

Du wähnst, o Weiser, dich vom alten Wahn entkettet,
Wirklich zur Wirklichkeit des Denkens hingerettet.

Du sprichst, „Ich setze nichts voraus mehr gegenwärtig,
„Eben so wenig nehm' ich etwas an als fertig.

„Ich sehe zu, was ist unmittelbar gegeben,
„Wie es entwickelnd sich vermittelt.“ — Das ists eben!

Wo ist unmittelbar gegebnes denn zu Haus?
Was du vermitteln willst, das setzest du voraus.


58

Du hast den Geistern der Geschicht' ihr Recht gethan,
Wenn du sie alle nimmst als Fortschritt' auf der Bahn,

Die wahre Seit' erkennst an den Einseitigkeiten,
Und gleichst in Einsicht aus der Ansicht Streitigkeiten.

Dein Irrthum ist allein, daß du zur Offenbarheit
Auf deinem Standpunkt glaubst gelangt die ganze Wahrheit.

Doch dir geschiht dein Recht, wie ihnen ihrs geschehn,
Wenn wir die Wahrheit auch in deinem Irrthum sehn.


59

Der Ähnlichkeiten Spur zu folgen hast du Freiheit,
Verwechseln darfst du nur sie nicht mit Einerleiheit.

Das Ding, das du begreifst, ist freilich im Begriff,
Doch der Begriff ist nicht des Dinges Inbegriff.

Wer sieht nicht, daß sein Bild im Spiegel ähnlich sei
Ihm selber? doch ist es mit ihm drum einerlei?

Ob ich der Spiegel sei der Welt, ob sie der meine,
Wir bleiben immer Zwei, worin sich zeigt das Eine.


60

Du denkest, was du denkst, das müße drum so seyn;
Doch denke: denkest du denn auf der Welt allein?

Viel andre denken auch, viel andres denken sie,
Doch anders wird das Seyn durch anders denken nie.

Es läßt sich so und so von unserm Denken fassen,
Bleibt was es ist, und sieht dem Spiele zu gelassen.


61

Verzweifelst du, der Welt zu schaun ins innre Wesen,
So schau umher auf ihr, wie viele sind gewesen,

Wie viele werden seyn, wie viele sind um dich,
Die ihren Stand zur Welt, den Stand der Welt zu sich

Begreifen, und mit ihr wohl wissen auszukommen,
Doch haben nie die Höhn des Weltbegriffs erklommen.

Drum müßen andere Erkenntnisquellen fließen,
Die dir kein Schlüssel braucht des Grübelns aufzuschließen.

Aus diesen schöpfe, so, daß Vorwitz nie sie stopft;
Aus Felsen springt ein Quell, wo nur der Glaub' anklopft.


62

Wenn nur auf Eine Art sich Gott hätt' offenbart,
Zu offenbar hätt' ihn des Menschen Geist gewahrt.

Doch nun verhüllen ihn viel Offenbarungen,
Und unvollkommen sind die Gottgewahrungen.

Der Glaubensweisen Streit zeigt seine Herrlichkeit,
Denn Er ist Eins, um den sich unser Wahn entzweit.


63

Ein jeder Glaube hält sich für den einzig wahren,
Und seine Kraft kann er auch so nur offenbaren.

Der einzig wahre nur ist er an seinem Ort,
Nicht minder aber wahr sind andre hier und dort.

Was hat denn nun ein Mensch vom Glaubenswort zu halten?
Das seinige für wahr an seinem Ort zu halten.

Sohn, halt an deinem Ort an deinem Glaubenswort,
Und laß am ihrigen die andern halten dort!


64

Der Esel ist bekannt, der hungernd stehen bliebe,
Weil zu zwei Bündeln Heu ihn gleicher Hunger triebe.

Bekannt ist auch, daß er nicht wirklich stehn wird bleiben,
Weil von zwei Treibenden muß eines stärker treiben.

Und bleibt er gleichwol stehn, so ists aus Eselei;
Der Zweifel wohnt ihm selbst, doch nicht der Sache bei.

Ein Esel ist wer nicht kommt zum Entschluß deswegen,
Weil Für und Wider er nicht kann aufs Loth abwägen.


65

Die Liebe Gottes kann so werden übertrieben,
Daß sie für Sünd' es hält den Menschen auch zu lieben;

Als würde Gott um das, was ihm gebührt, betrogen,
Der Antheil, den du weihst dem Menschen, ihm entzogen.

So ists, den Menschen wenn du liebst als Kreatur;
Lieb' ihn als ewigen Gedanken Gottes nur!

Du liebest Gott nicht ganz, wenn du ihn liebst allein,
Wenn nicht auch alles, was er liebet, groß und klein.


66

Gesetze der Natur willst du, o Mensch, entdecken;
Du solltest dir das Ziel etwas bestimmter stecken.

Nicht das, wie sich verhält an und für sich die Welt,
Entdecken sollst du, wie sie sich zu dir verhält.

Wozu Gott immer sonst die Dinge mögen dienen,
Du weißt nicht was sie sind, nur was du hast an ihnen.


67

Wenn du für dein Verdienst erwartest reichen Lohn;
Such dich um Stadt und Land verdient zu machen, Sohn!

Denn Wohlthat einzelnen, wie schön sie sei, erwiesen,
Bescheiden bleibt sie still von einzelnen gepriesen.

Nur voll Beseligung ein göttlich Hochgefühl
Ist, ringsum danken sehn ein lautes Volksgefühl,

Ins Antlitz keinem schaun der Kinder, Mütter, Väter,
Ohn' in der Brust sich selbst zu fühlen ihr Wohlthäter.

Dagegen kommt nicht auf, wie groß es sei und echt,
Sonst ein Verdienst um Welt und menschliches Geschlecht,

Das geistig-fein und zart, von unsichtbarer Art,
Entbehret auf dem Markt lebend'ger Gegenwart.


68

Es war ein Königsschloß, darauf war eine Uhr,
Die wies dem Könige die eine Stunde nur,

Die eine Stund', in der sein Vorfahr einst erblich,
Dieselbe zeigte ihm der Zeiger, der nie wich.

Und weißt du, wann er sich erst von der Stelle rührte?
Wann er den nahen Tod des neuen Königs spürte.

Dann gieng er kurze Frist, und wieder in den Frieden
Sank er zurück, sobald der König auch verschieden.

Du fragest: Könige, mit solcher Uhr begabt,
Die also ihren Tod vor Augen stets gehabt,

Vor allen sind sie weis' und mäßig wol gewesen?
Man sollte meinen, ja! Doch hab' ichs nicht gelesen.


69

Mein Sohn, das Ehrgefühl ist eine Umgestaltung
Vom allgemeinen Trieb des Lebens, Selbsterhaltung.

Wir fühlen unser Seyn gesteigert und gemehrt,
Indem wir anerkannt uns sehen und geehrt,

Und mögen billig bis von uns erworbne Leben
Vertheidigen sogut wie das uns Gott gegeben.


70

Die Stimmenmehrheit nur entscheidet jeden Streit,
Doch ehr entscheiden sollt' ihn Stimmenminderheit.

Denn gelten sollten mehr die Weisen als die Thoren,
Und stets zur Minderheit sind jene auserkoren.


71

Sein eigen nennt der Mensch ein Gut uneigentlich;
Daß Gutes ist von Gott, gesteht er schweigentlich.

Du sollst, was deiner Art, was deinem Sinn kann eignen,
Wo dir's auf deiner Fahrt begegnet, dir aneignen.

Der Eigner dieser Welt das ist ein Geist, der eignet
Sich dauernd alles zu, was flüchtig sich ereignet.

Das Eigenthum ist nur ein äußerlich Geleit,
Dein rechtes Eigenthum ist Eigenthümlichkeit.

Auf diese Eigenblum' halt ohne Eigenruhm,
Und laß dir rauben nie dein eigenst Eigenthum.

Gleichfern von Eigensucht alswie von Eigenflucht,
In Eigenzucht gedeiht des Herzens Eigenfrucht.

Dis sei mein eigner Sinn, zu seyn ohn' Eigensinn;
Mein eigen bin ich nur, wenn ich dein eigen bin.

Ich bin in Lust und Schmerz liebeigen und leibeigen
Dir, welchem stets mein Herz blieb eigen und bleib' eigen!


72

So sprach zum Könige, der mit den Leuten grollte,
Die sich nicht besserten, und sich nicht bessern wollte,

Sein Narr Geheimerath, als ihn der König fragte,
Woher der Unmuth sei, der ihn heut sichtlich plagte?

Er sprach: Daher ist er, daß ich der Magd mit Aschen
Und Wasser heut befahl die Treppe rein zu waschen.

Da wusch sie ungeschickt von unten statt von oben,
Und schelten mußt' ich sie, wo ich sie wollte loben.

Denn von der obern floß zur untern Stufe nieder
Der Unrath, und beschmutzt ward das Gewaschne wieder.

Ich hab' es ihr gesagt: Umsonst ist was du putzest,
Wenn mit dem Obern du das Untre stets beschmutzest.

Ich sagt' es nochmals ihr, mein Wort war ohne Nutzen:
Von unten kanst du nicht die Treppe gründlich putzen.

Ich sag' es abermals: Wenn sich der Glanz erneuern
Der ganzen Treppe soll, fang oben an zu scheuern!


73

So sprach zum Adlichen, der mit den Ahnen prahlte,
Der Bürgerliche, der mit seinem Werthe zahlte:

Wenn du Vorrechte hast, so sei derselben werth;
Steck' ein die Zung' und zieh fürs Vaterland das Schwert.

Wenn deine Väter all gut waren, sei nicht schlechter;
Und sind sie ungerecht gewesen, sei gerechter.

Wenn Raub villeicht und Blut klebt am ererbten Gut,
So mache durch Gebrauch das schlechterworbne gut.

Hab' ich nicht Ahnen auch? nur sind sie ungenannt;
Von deinen mancher wär' auch besser ungekannt.

Die deinen konnten dir Erworbnes nur vererben;
Die meinen ließen Lust und Kraft mir, zu erwerben.


74

So sang ein armer Mann, des einz'ger Reichthum lag
An seinem Bienenstand und seinem Taubenschlag:

Sie haben all ihr Gut verzäunet und verschanzt,
Und was sie pflanzen drin, ist nicht für mich gepflanzt.

Ich darf und mag auch nicht durchbrechen ihren Zaun,
Und nüchtern ist die Lust, von außen drein zu schaun.

Doch wenn ich selbst sie nicht beraube, so berauben
Nun meine Bienen sie für mich, und meine Tauben.

Die Tauben hier und dort aufpickend Körnersaat,
Die Bienen fort und fort eintragend Mundvorrath.

Die Tauben füttern mir ihr Junges aus dem Kropf,
Die Bienen füllen mir mit Fleiß den Honigtopf.

Wenn man vom Acker auch mir scheuchen will die Tauben,
So muß man freien Flug den Bienen doch erlauben.

Und wenn uns dann im Haus entgeht der fette Braten,
So werden wir doch nie der Süßigkeit entrathen.


75

Der König auf der Pirsch' hat einen Hirsch erjagt;
Mit Zittern steht der Hirsch, der um sein Leben zagt.

Der blickt den König an, und beugt vor ihm die Glieder,
Selbst eine Thräne rann von seinem Auge nieder.

Der König will gerührt dem Thier das Leben schenken,
Und stiftet, wies gebührt, davon ein Angedenken.

Man legt ums Hirschgeweih ein Reiflein Gold, da war
Dem Königsnamen bei geschrieben Tag und Jahr.

Der Hirsch enteilt mit Dank, und heim der König kehrt;
Bald wird der König krank, der Hirsch lebt unversehrt.

Der König stirbt, ihm folgt ein Sohn, und dem ein Sohn;
Der jagt im selben Wald, wo einst der Hirsch entflohn.

Da stellt der Hirsch sich dar, den Nacken altersteif,
Doch um die Stirne war noch hell der goldne Reif.

Verwundert schauet ihn der junge König an,
Bis dort ihm klar erschien der Ruhm von seinem Ahn.

Und als man Jahr und Tag zusammenzählte, war
Von damals der Betrag bis heute hundert Jahr.

Die hundert Jahre froh hat in dem Wald gewohnt
Ein Lebendes, weil so ein König es geschont.

Groß ist des Königs Glück, der, wenn man ihn begräbt,
Ein Denkmal läßt zurück, das hundert Jahre lebt.


76

Ein Fürst ließ seinem Sohn verfertigen ein Schild,
Vier Felder von Azur, in jedem Feld ein Bild.

Und jedem Sinnbild war ein Sinnspruch beigegeben,
Doch rings ums Ganze stand: Nach diesem sollst du leben.

Im ersten Felde war ein Hirsch von Gold, dazu
Die Schrift von Diamant: die Götter fürchte du.

Im andern Feld ein Storch von Silber, und dazu
Die Inschrift von Rubin: die Eltern ehre du.

Im dritten Feld, von Erz die Schildkröt', und dazu
Die Schrift von Karneol: dein Haus bestelle du.

Im letzten Feld, von Stahl ein Delfin, und dazu
Die Schrift von Perlensaat: den Freunden diene du.

Warum ist Götterfurcht vom Hirsch gemeint? Er zittert
Im Walde, wenn ob ihm der Himmel hochgewittert.

Wodurch ist Elternlieb' im Storch erklärt? Der junge
Trägt die gealterten mit seiner Flügel Schwunge.

Wie zeigt die Schildkröt' Hausbestellung an? Sie trägt
Fest auf dem Rücken eins, das ihr kein Stein zerschlägt.

Womit thut Freundesdienst der Delfin kund? Er kündet
Den Sturm, und bleibt im Sturm den Schiffenden verbündet.

Es ist ihm nicht genug, daß er gewarnet hätte;
Er müht sich auch, daß er umsonst gewarnte rette.


77

Die ihr, und zwar mit Recht, eur altes Recht umwacht,
Den Neurer schreckt ihr: laß! denn so hats Gott gemacht.

Der Neurer, wenn er dis bestreiten will, ist dumm;
Wenn er gescheit ist, kehrt er keck die Waffen um.

Ja, Gott hat es gemacht, denn er macht alle Sachen;
Drum, weil ers so gemacht, kann ers auch anders machen.

Ein Werkzeug seiner Hand ist auch der Andersmacher,
Ein Werkzeug stark und neu, an alter statt und schwacher.


78

Sohn, aufrecht sei dein Gang, und all dein Thun aufrichtig!
Aufrechter Gang ist für den Menschen nicht unwichtig.

Er ist, von Gott gewährt, die erste hehrste Gunst,
Und ist, vom Kind gelernt, die erste schwerste Kunst;

Die, und die eng mit ihr verbundne Kunst der Rede,
Begründet und bedingt der andern Künste jede.

Hoch halte sie, o Sohn, und mach Gebrauch davon;
Steh aufrecht, wo du stehst, nah oder fern dem Thron.

Vorm höchsten Throne selbst halt aufrecht die Gedanken;
Wen Gottes Gnade hält, den lässet sie nicht wanken.

Steh wie ein frommer Knecht vor deinem Herrn aufrecht,
Gegürtet, winkbereit, zur Arbeit, zum Gefecht.

So geh, aufrechtes Haupts, ohn' Hochmuth auf der Erde;
Aufrichtig sei dein Sinn, dein Wort und die Geberde.

Halt aufrecht, wie dich selbst, das Recht, wo du vermagst;
Richt auf Erliegende, und dich, so du erlagst.

Die Sterne winken dir, zu ihnen aufzurichten
Den Blick, und deinen Gang nach ihrem Lauf zu richten.


79

Dem Menschen ist ein Recht gegeben auf die Sachen,
Von Gott hat ers zu Lehn, wer kanns ihm streitig machen?

Wenn von den Menschen wär' ein einziger am Leben,
Die ganze Erde wär' in seine Hand gegeben.

So wie im Anbeginn, wir glauben's, einer war,
In dem sich ungetheilt die Menschheit stellte dar.

Doch als zum Manne nun das Weib hinzugekommen,
Ward diesem wohl ein Theil, der jenem ward genommen?

Mitnichten; weil das Paar in Zweiheit Eines war,
War zur Entzweiung im Besitz auch nicht Gefahr.

Und also, wo noch zwei in Liebe werden Eines,
Ist ihr Besitzrecht an die Welt ein allgemeines.

Denn ganz in jedem Paar stellt sich die Menschheit dar,
Von allwievielen schon die Welt besessen war.

Bescheiden ziehen sie auch ihr beschieden Loß,
Und sei es klein, so mach' es Lieb' und Treue groß.

Doch als zum Vater dort hinzu die Söhne kamen,
Besaß das Oberhaupt mit in der Glieder Namen.

Sie waren im Besitz von selbst mit eingeschlossen;
Wie hätten nicht auch, was der Baum hat, seine Sprossen?

Doch als die Glieder drauf sich los vom Haupte rissen,
Da wollte jedes, was ihm eigen wäre, wissen.

Da sprach ihr Vater: Geht nun in die Welt hinaus,
Und bauet, wie und wo ihr möget, Feld und Haus.

Die Welt ist weit genug, um drin euch auszuweichen,
Euch auszubreiten ohn' einander zu erreichen.

Es wird am Gegenstand nicht fehlen eurer Hand,
Und jeder habe, was er zu ergreifen fand.

Demselben drück' er auf das Zeichen des Besitzes,
Das Zeichen seiner Kraft, das Zeichen seines Witzes.

Doch welcher Sache schon ihr eures Bruders Zeichen
Seht aufgedrückt, davon sollt ihr zurücke weichen.

Doch wann die Zweige nun zu Stämmen sind geworden,
Und ihr das Land erfüllt mit Herden und mit Horden;

Dann wird der Hader bald im Kleinen, bald im Großen
Erwachsen da, wo ihr zusammen werdet stoßen,

Wenn ihr entfremdet nicht mehr eure Zeichen kennt,
Und, statt was euch verband, nur fühlet was euch trennt.

Dann wird Volk gegen Volk zum Schutze sich verbünden,
Und einzle Ganze sich im großen Ganzen ründen.

Natürlich steht zuerst als Mittelpunkt im Kreise
Der Ältste, der zugleich der beste scheint und weise.

Ob einer dann den Platz dem andern streitig mache,
Doch immer dienen wird dem stärkeren der schwache.

Der starke dienet auch dem schwächeren zum Schutze;
Doch Kunst und Geist dient bald zur Wohlfahrt, bald zum Putze.

Den Muth zu dienen, der da Demuth heißet, lernt,
Hochmüth'ge, die ihr euch vom Vaterhaus entfernt.

Zum Vaterhaus führt euch der Geist der Demuth wieder,
Wenn menschlich ihr euch fühlt des Leibs der Menschheit Glieder.


80

Wolfeiler kanst du nicht den Fordernden abspeisen,
Als ihm, daß er schon was er fordert hat, beweisen.

In Ruh genießest du den Überfluß der Gaben,
Wenn du uns glauben machst, daß wir die Fülle haben. —

„Was fechten Niedere der Höhern Vorrecht an?
Sein eigen Vorrecht hat auch der gemeine Mann.

„Hat nicht der Bettelmann den Vorzug vor dem Reichen?
Er nimmt Almosen an, und dieser muß es reichen.

„Du hast, was er dir gab, den Reichen hat die Habe;
Es geht kein Herrscherstab vor deinem Bettelstabe.

„Dir stihlt, weil er ist leer, kein Dieb den Bettelsack;
Leicht trag ihn, und entbehr den schweren Sorgenpack.

„Schwer hält dem ird'schen Sinn des Irdischen Entschlagung;
Leicht fällt der Hauptgewinn des Lebens dir, Entsagung.“ —

Ein lust'ger Bettler mag so trösten seinen Sohn,
Doch in des Reichen Mund klingt dieser Trost wie Hohn.


81

Die Sünd' ist innerlich; und innerlich für sich
Seyn wollen, eben das ist Sünde wesentlich.

Die Sünde kann gar aus dem Innern nicht heraus,
Und wie heraus sie tritt, wird Anderes daraus.

Daraus wird eine That, die in die Reihe trat
Der andern Thaten, die dort tragen gute Saat.

In Gottes Acker ist von Nutzen auch der Mist;
Pfui aber über dich, wenn du nichts bessers bist.


82

Was richtet das Gesetz am menschlichen Beginnen?
Was davon außen ist, oder was davon innen?

Ein Äußeres allein ist leerer Schein, der flieht;
Ein Inneres allein, nur Gott ist der es sieht.

Das richtet das Gesetz, wo beides ist vereint,
Ein Inneres, soweit im Äußern es erscheint;

Kein völlig Inneres, das außen sich verhelt,
Noch ein bloß Äußeres, wobei ein Innres fehlt.


83

Ein eisernes Gesetz hat gleiche Strafe, Tod,
Verschiedensten Vergehn, groß oder klein, gedroht.

Ein mildres aber raubt ihm seine Kraft, und glaubt,
Auch gegen Tödtung selbst sei Tödtung unerlaubt.

Von beiden welch's hat Recht? hat Recht villeicht das dritte,
Das zwischen beiden hält der Unterscheidung Mitte?

Recht haben beide. Tod verdienen all, die sündigen;
Doch wer ist sündlos gnug, es ihnen anzukündigen?


84

Wennauch von Rache nicht das Recht ist so benannt,
Doch von der Seite sind die Wurzeln anverwandt.

Tritst du aus deines Rechts in meines Rechtes Kreis,
So ist mein Widerstand des Übertretens Preis.

Doch, thatst du Unrecht mir, darf ich dir's wieder thun?
Dann thust du's wieder mir, und wo wird's endlich ruhn?

Die Rach' ist schrankenlos, das Recht ist nur in Schranken;
Darum beschränke dich in Wort, Werk und Gedanken.

Beschränke dich, damit du seiest unbeschränkt,
Und kränk nicht innen dich, wenn man dich außen kränkt.

Dein ist dein Recht, doch dein ist nicht Gericht und Rache;
Ein allgemeines Recht vertritt die Einzelsache.

Weißt du dein Thun gerecht, und andres ungerecht,
So laß die Rache dem, der nichts läßt ungerächt.


85

Wer ist freigebig? Wer, dis sagt das Wort, gibt frei,
Frei, ohne daß er selbst dazu gezwungen sei,

Gezwungen weder durch Gewalt, noch Rücksicht auch,
Die gleichgewaltig ist, auf Ruhm, Stand oder Brauch.

Freigebig ist, dem Wort wohnt dieser Sinn auch bei,
Wer den Unfreien gibt, den Schuldverbundnen, frei.

Freigebig ist, wer frei dir gibt, daß, wie du magst,
Du hinnimmst, was er gibt, Dank oder nicht ihm sagst.

Freigebig, wer als Mann, als freier, kund sich gibt
Durch Geben, weil er kann hingeben, was er liebt.

Denn Sklav' ist seines Guts, wers nicht hingeben kann;
Frei fühlt sich vom Besitz nur der freigeb'ge Mann.


86

Wie wunderbarer Trieb Ameisenmillionen
Beseelt, die einen Bau, den alle baun, bewohnen,

In Ordnung ohne Bruch, in Eintracht ohne Störung,
Ohn' Obrigkeit und Spruch, ohn' Aufruhr und Empörung;

Als regte ganz den Staat gemeinschaftlicher Rath,
Da ganz nur ihn bewegt gemeinschaftliche That.

Mensch, hinter der Natur wie stehst du weit zurück!
Wann wirst du aus dir selbst entfalten solch ein Glück?

Wann wie ein höherer Naturgeist dich durchdringt
Die göttliche Vernunft, und Göttliches vollbringt;

Daß, wie Ameisen jetzt, einst Menschenmillionen,
Von gleichem Trieb beseelt, beisammen also wohnen,

In Ordnung ohne Bruch, in Eintracht ohne Störung,
Ohn' Obrigkeit und Spruch, ohn' Aufruhr noch Empörung.


87

Es ist ein altes Wort, ich will es dir entfalten:
In einem Zweifelsfall ists gut sich zu enthalten.

Mein Sohn, es gilt dis Wort, ich will es dir erklären,
In einer Sfäre nicht, es gilt in allen Sfären.

Es gilt im Rechtsgebiet: Wo zwischen Mein und Dein
Ein Zweifel waltet ob, sag barsch nicht: es ist mein!

Es gilt im Sittlichen: Wo zwischen bös' und gut
Die That ist zweifelhaft, thut wohl, wer nicht sie thut.

Es gilt im Handel auch und Wandel: Ist Gewinn
Und Schaden zweifelhaft, so leg den Handel hin.

Es gilt im Waffenspiel: Wo zweifelhaft der Sieg
Dem klugen Feldherrn scheint, vermeidet er den Krieg.

Es gilt im Wandern auch: Wo dir durch ein Geheg
Der Weg unsicher scheint, bleib auf dem sichern Weg.

Es gilt im Wissen auch: Wo das kann seyn und dis,
Sag nicht: das ist, dis nicht! sag: es ist ungewis.

So hab' ich dir erklärt dis Wort, um dir zu zähmen
Den ungestümen Sinn, doch nicht den Muth zu lähmen.

Solang ein Zweifel ist, laß dich von ihm bedingen,
Doch daß er nicht mehr sei, versuch' ihn zu bezwingen.

Verzweifle nicht an dir vor jedem Zweifelsfall;
Wenn du mit Muth ihm stehst, siehst du des Zweifels Fall.

Gib dich gefangen nie in träger Zweifel Haft!
In jedem Zweifelsfall räth Gott unzweifelhaft.


88

Dem Ganzen offenbar gereicht es nicht zum Heil,
Wenn es begünstiget vor andern einen Theil;

Doch auch dem Theile wird es nicht zum Heil gereichen,
Der sich begünstigt sieht vor allen seines gleichen:

Der unbegünstigte wird zwar am Mangel sterben,
Doch der begünstigte vor Überfluß verderben.


89

Den Menschen wenn der Mensch im Menschen stets erkennte,
So manche Schranke nicht von Menschen Menschen trennte;

Es würde weniger Mensch gegen Menschen stehn,
Es würde sich kein Mensch am Menschlichen vergehn.

Was wüthet hoch vom Thron herab ein Wütherich?
Er sieht die Menschen tief gleich Thieren unter sich.

Was gilt dem Muselman für einen Hund der Christ?
Er sieht es ihm nicht an, daß er sein Bruder ist.

Was macht den Weißen hart dem Schwarzen gegenüber?
Der Menschheit Züge sind auf dessen Antlitz trüber.

Der Arme, Niedre, haßt den Höheren, den Reichen,
Weil er so wenig selbst sich fühlt als dessen gleichen.

Und wer sich jedes Rechts von andern sieht beraubt,
Hält jedes Unrecht auch sich gegen sie erlaubt.

Ihr Menschenwächter, drum, wenn ihr wollt ruhig schlafen,
Abhelfen müßt ihr dem, was ihr nur wollt bestrafen.

Macht, daß ein Mensch sich könn' und müß' als Menschen fühlen,
So wird er nicht den Grund der Menschheit unterwühlen.


90

Der Streit von Göttlichkeit und Menschheit ist geschlichtet,
Denn nur vom Gleichen kann das Gleiche seyn gerichtet.

Denn nur vom Gleichen kann das Gleiche seyn erkannt;
Doch die Ausgleichung ist verschieden zubenannt.

Der Hochmuth sagt: Zu Gott hat sich der Mensch erhoben;
Die Demuth: Niederstieg zum Menschen Gott von oben.


91

Was heißt dich, wie dich selbst, jedweden Menschen achten?
Das Menschenangesicht! Du darfst es nur betrachten.

Du siehst dein eigen Bild, und hast dich selbst entehrt,
Wenn du die Achtung, die es fordert, ihm verwehrt.

Aus jedem Angesicht blickt menschliche Vernumft,
Das Gotteslicht, wieauch getrübt, gedämpft, verdumft.

Wenn du es nicht erkennst, so liegt die Schuld an dir;
Du siehst das Thier nur, weil du selbst nur siehst als Thier.

Des Thieres Seyn ist Kampf, des Menschen Geist ist Frieden;
Sind wir erst Menschen ganz, so ist der Kampf geschieden.


92

Wer keinen Willen hat, kann überhaupt nichts wollen,
Auch also dieses nicht, daß wir ihn achten sollen.

Du achtest in dem Kind, das keinen Willen hat,
Den künftigen, den du erziehst mit Zucht und Rath.

Im Wahnsinn achtest du und im Verbrechen was?
Den Willen, der sich dort vergaß, hier sich vermaß.

Für den, der sich vergaß, hast du die Pflicht zu denken,
Und den, der sich vermaß, rechtmäßig zu beschränken.

Dem Kranken unterlegst du deine Willensweise,
Und wehrest, die er will, ihm die verbotne Speise.

Die Schwachen sind mit Recht dem Starken unterthan,
Der das für sie, was sie nicht können, wollen kan.


93

Ein jeder hat sein Recht, um sich in sich zu ründen;
Doch was die Einzlen trennt, das soll sie auch verbünden.

Denn nur auf den Beding ist dein, was dein du nennst,
Wenn du hinwider auch als mein das Mein' erkennst.

Doch nimmst du Meines mir, ists nicht genug, daß du
Es wiedergibst, du mußt verlieren Deins dazu.

Das ist die Strafe, die du selbst dir zuerkannt;
Dein eignes Thun hat sich auf dich zurück gewandt.

Das ganze Recht ist dis, daß du dem andren nicht
Das thust, was du nicht willst, daß dir von ihm geschicht.

In diesem seid ihr gleich, und frei, wenn ihr verständig
Des Rechtes Unterschied erkennet als nothwendig.


94

Der Mensch im Weltverkehr lebt nur für sich allein,
Und erst davon getrennt, im menschlichen Verein.

Durch Leib, Besitz, Beruf, beschränkt und abgeschieden,
Wo fände da der Geist, der schrankenlose, Frieden?

Nicht im Gedankentausch, der nur verworren ist,
Nicht in der Liebe Rausch, der währt so kurze Frist.

Nur in der Einsamkeit spinnt er ein Traumgewebe,
Daß in der Menschheit er, in ihm die Menschheit lebe.

Zur Wahrheit aber wird nur dort das Traumgespinnst,
Wo du den Sondrungen der Körperwelt entrinnst;

Wo alle Geister eins im höchsten Geiste sind:
Dort freut sich des Vereins die Menschheit, Gottes Kind.


95

Der erste König ist es durch Gewalt geworden,
Und um zu siegen fehlt' ihm nicht der Muth zu morden.

Auf Blut gegründet, ließ er sterbend seinem Blut
Die Herrschaft und die Lust dazu, doch nicht den Muth.

Zuletzt ist sie herab gelangt an einen weichen,
Der sehn kein rothes Blut kann ohne zu erbleichen.

Er scheut sich in der Hand ein bloßes Schwert zu tragen,
Aus Furcht deswegen kann er keine Ritter schlagen.

Sie aber schlagen sich für ihn nicht minder kühn,
Bereit ihr Herzblut für den Blutscheu'n zu versprühn.

So ob der Wirklichkeit ist siegreich der Gedanken,
Der Unumschränkte setzt dem Schrankenlosen Schranken.


96

Es wirkt Gerechtigkeit, es wirkt die Lieb' ein Band;
Wie wirken beide schön verbunden Hand in Hand!

Warum Gerechtigkeit, warum trägt Liebe Binden
Ums Aug'? um für der Welt Ungleichheit zu erblinden.

Was die Gerechtigkeit hält äußerlich im Bund,
Hält nur, weil innerlich die Liebe legt den Grund.

Zwar was Gerechtigkeit verbindet, ist verbindlich,
Doch nur Verbindlichkeit der Lieb' unüberwindlich.

Wenn nicht Gerechtigkeit mit Liebe sich verbände,
Wer wäre so gerecht, der im Gericht bestände?

Nur wo Gerechtigkeit und Liebe sind verbündet,
Ist Menschenschuld gesühnt, und ird'scher Sinn entsündet.


97

Warum ist Redlichkeit von Rede so benannt?
Weil aus der Rede nur das Innre wird erkannt.

Die Redlichkeit besteht darin, daß einerlei
Mit seiner Äußerung dein Innerliches sei.

Die Redlichkeit besteht nicht in Wohlredenheit,
In Überredungskunst, Ausred' und Redestreit.

Die Redlichkeit besteht darin: Ein Wort, ein Mann;
Weil man den Redlichen beim Worte halten kann.

Darin bestehet sie, daß sich dein Herz beredet
Mit seiner Pflicht, und thut das was dein Mund geredet.


98

Der Mensch ist, wie er sagt, ein Bürger zweier Welten,
Doch kann er nicht zugleich und ganz in jeder gelten.

In keiner ist er sonst von beiden recht zu Haus,
Und zwischen beiden schwebt er wie die Fledermaus.

Solang die Bürgerschaft ist hier in voller Kraft,
Ist deine dortige nur eine Anwartschaft.

Du mußt die wirkliche hier wirklich dir erwirken,
Jedoch dabei nichts thun, dort jene zu verwirken.

So thust du deine Pflicht gleichzeitig und gleichseitig,
Und keine Bürgerschaft macht dich der andern streitig.


99

Wenn du Gerechtigkeit nicht in des Menschen Brust
Gewurzelt anerkennst, wie Unrecht du dir thust!

Du bist von stärkeren umgeben als du bist,
Die schaden könnten dir, wenn wollten, jede Frist.

Nichts gibt dir Sicherheit, als aus dir selbst zu wissen,
Daß Unrecht dir zu thun sie hindert ihr Gewissen.


100

Wol gibt es zwischen Recht und Unrecht scharfe Gränzen,
Doch deinen Scharfsinn laß nicht in der Schärfe glänzen.

Gewis bestimmter als dis zweifelhaft Gebiet
Ist zwischen Acker hier und dort der Unterschied.

Doch hält der Ackersmann von hier und der von dort
Ein wenig seinen Pflug zurück vom äußern Ort;

Daß lieber ungebaut ein Streifchen zwischenliege,
Als daß sich Pflug und Pflug begegnen dort zum Kriege.

So halt den Fuß zurück von der Versuchung Rand,
Und setz' im Zweifelsfall in Ruhstand deine Hand.


101

Ob einmal siegen wird das Gute auf der Welt
Oder das Böse ihm die Wag' auf ewig hält;

Der alte Streit ist nicht geschlichtet, nicht zu schlichten,
Doch irren kann er dich in deinem Thun mitnichten.

Du hast zu handeln so, daß Gutes möge siegen,
Und dich zu trösten, wo du's siehest unterliegen.


102

Des Menschen ganzes Glück besteht in zweierlei,
Daß ihm gewis und ungewis die Zukunft sei.

Das ist ihm ungewis, wo er wird seyn und wie,
Gewis, daß er wird seyn, derselbe dort und hie.

Die Ungewisheit macht ihn froh der Gegenwart,
Und die Gewisheit gibt ihm Kraft zur Weiterfahrt.

Wer möchte leben, wär' ihm nicht sein Tod verborgen?
Und wer könnt' heute seyn, wenn er nichts wäre morgen?


103

Ein Kind, fällt's auf den Kopf, steht wieder auf sogleich,
Nicht weil sein Hirn so hart, nur weil es ist so weich,

So weich, um einem Druck sich schadlos zu bequemen,
Und gleichsam eine Form beliebig anzunehmen.

Ein Alter, dessen Hirn sich nicht mehr so kann schmiegen,
Wo er den Kopf aufschlägt, bleibt er bewußtlos liegen.

Drum braucht der Mann auch nicht alswie ein Kind zu fallen;
Denn laufen lernt das Kind, der Mann bedächtig wallen.


104

Schließ aus der ewigen Vollkommenheit der Welt
Auf die Vollkommenheit des, der sie so erhält.

Weil er vollkommen ist, ist all sein Thun vollkommen;
Von dem Vollkommnen kann nichts kommen unvollkommen.

Zwar unvollkommen fühlst du dich, o Mensch, auf Erden;
Doch auch den Trieb in dir vollkommner stets zu werden.

Er selber kann dich auch nicht lassen unvollkommen;
Vollkommen will er dich, und all dein Thun vollkommen.

Vollkommen wirst du seyn, weil er vollkommen ist;
Vollkommen ist er nur, wenn du vollkommen bist.


105

Hat doch des Kindes Fuß das Gehn gelernt durch Fallen,
Und seine Zunge auch das Reden nur durch Lallen.

Ich selber falle noch, wenn ich will zu dir gehn,
O Herr, ich lalle noch, soll ich dir Rede stehn!

Ich bin vor dir ein Kind, und weiß, an Einsicht blind,
Nur dis aus mir, wie lieb mir meine Kinder sind.

Die Kinder wissen nicht, wie sie der Vater liebt;
Das weiß nur der, dem selbst der Vater Kinder giebt.

Sie selber wissen nicht, wie lieb mir sei ihr Lallen,
Und daß nicht um die Welt ich eines ließe fallen.


106

Nachahmung ist was sich zuerst im Kinde regt,
Was ihm die schwache Hand, den zarten Mund bewegt.

Es trägt die Puppe, wie es selbst die Mutter trug,
Und schlägt auf das Klavier, weil es der Bruder schlug.

Es nimmt das Buch, woraus der Vater betend las;
Was es handfaltend summt, auch ein Gebet ist das.

Du kanst nicht besser streun in ihm des Guten Samen,
Als wenn du Gutes stets ihm vorthust, nachzuahmen.


107

Wenn du willst nach dem Rath von jedem Thoren fragen,
Wirst du wie jener Mann zuletzt den Esel tragen;

(Die Fabel ist bekannt) der wandernd seinen Sohn
Erst auf den Esel lud, der war beladen schon.

Der erste, der es sah, sprach: O verkehrte Sitten!
Der Vater geht zu Fuß, das Söhnchen ist beritten.

Da setzt der Vater sich, dem Esel dünkt es schwer,
Anstatt des Sohnes auf, der Sohn läuft nebenher.

Ein andrer, der es sah, sprach: Welcher Thorenritt!
Der Vater reitet fort und nimmt den Sohn nicht mit.

Der Vater nimmt geschwind den Sohn zu sich hinauf,
Und mit der Doppellast der Esel stockt im Lauf.

Der dritte, der es sah, sprach: Welche Barbarei!
Das Thier erliegt, wenn ihr nicht absteigt alle zwei.

Der Vater steigt zugleich mit seinem Sohn hernieder;
Der träge Esel rührt nicht flinker drum die Glieder.

Der vierte, der es sah, sprach: Viel geschwinder kämet
Ihr fort, wenn ihr die Last dem armen Thier abnähmet.

Der Vater mit dem Sohn nimmt auf sich das Gepäck,
Und das entladne Thier will gar nicht mehr vom Fleck.

Da sprach der fünfte, der es sah, der war ein Gauch:
Tragt ihr des Esels Last, tragt doch den Esel auch!

Den Esel packten Sohn und Vater hier und da,
Und trugen ihn ins Dorf, es war zum Glücke nah.


108

Was ist es, daß du sagst: es hat mich dieses heut,
Und gestern jenes mich, und neulich das gefreut!

Wie du dich, armes Herz, mit deinen Freuden quälst,
Wenn du die einzelnen zusammenrechnend zählst!

Die Freude kennst du nicht, wenn du nur Freuden kennest;
Dir fehlt das ganze Licht, wenn du's in Stralen trennest.

Aus all den Freudchen flichst du keinen Freudenkranz;
Denn eh das eine blüht, verwelkt des andern Glanz.

Dir frommt auf kurze Rast nicht mancher Freudengast,
Wenn du nicht Freudendaur im Hause wohnen hast.


109

Zu Gottes Angesicht wie steigt sichs schwer empor!
Denn sieben Himmel sind, und jeder hat ein Thor.

Und ist durchs eine Thor gegeben frei der Lauf,
So thun deswegen sich noch nicht die andern auf.

Was gültig ist als Paß, durch dieses Thor zu kommen,
Wird nicht gleich ebenso bei jenem angenommen.

Vielmehr wird Reineres von Thor zu Thor begehrt,
Daß Reinstes droben sei von Gottes Blick verklärt.

Die Engel, die aufs Werk des Menschen merken, tragen
Heut eins von ihm empor zum ersten Thor, und sagen:

Thorhüter, laß uns ein! dis Werk ist schön und rein;
Zu Gottes Angesicht soll es getragen seyn.

Der Hüter aber spricht: Wie? ist es fleckenfrei?
O nein, das ist es nicht, es ist voll Heuchelei.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's mit sich fort die Engel voll Verzagen,
Um morgen anderes zum andern Thor zu tragen.

Doch dort der Hüter spricht: Wie? ist es ohne Schmutz?
O nein, das ist es nicht, es ist voll Eigennutz.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's mit sich fort die Engel voll Verzagen,
Um morgen anderes zum dritten Thor zu tragen.

Der dritte Hüter spricht: Hat es die rechte Zier?
O nein, die hat es nicht, es ist aus Ruhmbegier.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's wieder fort die Engel mit Verzagen,
Um morgen anderes zum vierten Thor zu tragen.

Der vierte Hüter spricht: Ist dieses wirklich gut?
O nein, es ist nicht Pflicht, es ist nur Trieb im Blut.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's wieder fort die Engel mit Verzagen,
Um morgen anderes zum fünften Thor zu tragen.

Der fünfte Hüter spricht: Ist dieses fromm und treu?
Ists aus Gesetzfurcht nicht, und nicht aus Menschenscheu?

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's wieder fort die Engel mit Verzagen,
Um morgen anderes zum sechsten Thor zu tragen.

Und dort der Hüter spricht: Ist dis vollkommen schon?
Um Menschenlohn ists nicht, doch ists um Gotteslohn.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen das auch fort die Engel voll Verzagen,
Um morgen eines noch zum letzten Thor zu tragen.

Und dort der Hüter spricht: Vollkommen ist es nicht
Doch ists gethan aus Lust an Gottes Angesicht.

Zu Gottes Angesicht mögt ihr empor denn steigen;
Doch wissen Engel nicht, ob Er es wolle zeigen.


110

Ein Beter hat erzählt: Lang betet' ich, und nickte
Vor Andacht endlich ein, als ich den Traum erblickte:

Ein Engel stand vor mir, und hielt in seiner Hand
Ein Blatt, wo jegliches Gebet geschrieben stand;

Ein jegliches, wie ich's der Reihe nach gesprochen;
Nur eine Zeile war in Mitten abgebrochen.

Da weint' ich, daß mir die verloren sollte seyn;
Warum nicht trugest du dis mit dem andern ein?

Er sprach: Im Beten warst du bis hieher gekommen,
Als beim Vorübergehn der Nachbar dich vernommen.

Du wurdest auch gewahr, daß er vorüber käme,
Und sprachest lauter gar, damit er es vernähme.

Die Stelle des Gebets stahl deines Nachbars Ohr;
Nur was ein Mensch nicht hört, schreib' ich und trag's empor.

111

Vier Königstöchter sind auf einem rings von Wogen
Umspülten Lenzeiland von einer Fee erzogen.

Und morgen sollen sie zurück zur Heimath ziehn,
Weil ihnen aller Schmuck der Bildung ist verliehn.

Da sprach die Fee: Ich bin mit jeder wohl zufrieden,
Doch einer muß zuletzt der Vorzug seyn beschieden.

Nun geht zur Ruh, und wann euch weckt des Morgens Glanz,
Ist einer unter euch beschert ein Perlenkranz.

Dieselbe findet ihn am Grund des Körbchens liegen;
Den soll die Finderin bewahren hold verschwiegen. —

Da blickten alle vier einander lächelnd an,
Und jede dachte: die wird wol den Preis empfahn.

Nicht eine dachte, daß sie selber siegen sollte,
Nur, wie sie sich des Siegs der andern freuen wollte.

So träumten sie die Nacht bis zu des Morgens Glanz,
Und an des Körbchens Grund fand jede einen Kranz.

Erröthend ließen sie den Kranz im Körbchen liegen,
Und jede hätte gern sich selbst den Fund verschwiegen.

Doch als der Abschied kam, verrieth die holde Scham
Von jeder jeder wohl, was jede mit sich nahm.

Sie brauchten sich es nicht zu fragen noch zu sagen,
Und fühlten sich beglückt all' einen Kranz zu tragen.


112

Mit Stolz genießen wir, was wir mit Kampf erwarben;
Die Wunden sind geheilt, es schmücken uns die Narben.

Doch einen Stachel läßt der Kampf zurück im Herzen;
Bei bösem Wetter wird die Ehrennarbe schmerzen.


113

Das ist mein Wunsch, daß gut und glücklich mögen werden,
Und all mit ihnen ich, die Menschen all auf Erden.

Und wenn ich selbst nicht viel zum allgemeinen Heil
Beitragen kann, so trag' ich bei mit Lust mein Theil.

Die aber nichts dazu bei wollen, können tragen,
Verklagen kann ich sie darum nicht, doch beklagen.

Wer sieht auf andrem Weg als ich das Heil gelegen,
Der geh' ihn nur! es geht dahin auf vielen Wegen.

Das Streben für die That nimmt Gott vom Menschen an;
Wir haben viel gewollt, zuletzt hat er's gethan.


114

Sei dankbar für das Glück, das dir der Herr bestimmt
Und gib es gern zurück, wenn er es wieder nimmt.

Es ist kein Gut so groß, er hat noch größres eben,
Und nimmt dir eines bloß um andres dir zu geben.


115

O Herz, in Lust und Schmerz so trotzig als verzagt,
Du bist ein Jäger, Herz, und bist zugleich gejagt.

Du jagest nach der Zeit, die flüchtig dir entweicht,
Und fliehst die Ewigkeit, die sicher dich erreicht.


116

O Seele, sündigst du, und denkst, Gott sieht dich nicht;
Wie ist die Blindheit groß, wie klein der Einsicht Licht!

Und sündigst du und weißt, daß es sein Blick vernahm,
Wie ist die Frechheit groß, wie klein ist deine Scham?


117

O Gärtner, der du hier den Baum im Garten ziehst,
Mit stolzer Schöpferlust auf deine Schöpfung siehst!

In Wahrheit hast du doch den Samen nicht gemacht,
Und hast auch nicht daraus den Baum hervorgebracht.

Doch dein ist das Verdienst, daß du den Samen streutest,
Und groß den Baum zu ziehn, nicht Müh noch Sorgfalt scheutest.


118

Obstbäume sind genug, o Kinder, hier im Garten;
Ihr müßt beim ersten Baum die Reife nur erwarten.

Die Bäume lösen sich von Wochen ab zu Wochen,
Daß neugereifte Frucht in jeder sei gebrochen.

Und kaum an einem Baum habt ihr euch satt gepflückt,
Als schon der folgende für euch die Tafel schmückt.

Doch wenn beim ersten ihr zu früh beginnt den Schmaus,
Seid ihr dann überall der rechten Zeit voraus.

Euch wird von einem Baum Begier zum andern treiben,
Und keinem wird die Zeit, die Frucht zu reifen, bleiben.

Ihr habt das ganze Jahr zu essen herbe Frucht,
Weil von dem ersten Baum ihr habt zu früh versucht.


119

Ein Büßer, der im Wald bei strenger Buße büßte,
Mit süßen Früchten nie den herben Gaumen süßte,

Der trocknen Lippe nie erlaubte kühles Naß,
Nur laues Wasser trank, nur welke Wurzeln aß;

Ward einst gefragt, warum er sich so gar kasteie,
Und ob zum Seelenheil die Pein nothwendig seie?

Er sprach: Es ist allein für meine Seele nicht,
Ich halte so zugleich die Welt im Gleichgewicht.

Soviele sind die nur nach süßen Früchten rennen,
Soviele die allein nach kühler Labe brennen,

Soviele die wie Gift das Herbe weichlich fliehn,
Daß auch das Gegentheil einmal nothwendig schien.

So übernahm ich denn, was nicht durft' unterbleiben,
Und übertreibe hier, weil sie dort übertreiben.


120

Was knistert neben mir und stört mein einsam Denken,
Vom Sinnen ab den Sinn aufs Sinnliche zu lenken?

Ist es die Schlange wol, die sich im Grase rührt,
Die Schlange die zuerst den Menschen hat verführt?

Doch als ich um mich sah, war es ein grasend Lamm,
Und ruhig dacht' ich fort, gelehnt an meinen Stamm.


121

In Waldeseinsamkeit, von Wurzeln und von Wasser
Sich nährend, lebt ein Mann, und heißt ein Menschenhasser.

Den fragt' ein Wandrer einst: Was trieb dich an zu hassen
Die Menschen, und warum hast du die Welt verlassen?

Da sprach er: Nicht aus Haß verlassen hab' ich sie,
Aus Liebe that ich es, und will dir sagen, wie.

In meinem Herzen wohnt ein innres Freudenlicht,
Doch ist kein Schein davon auf meinem Angesicht.

Die Menschen, die das Licht nicht sahn in meinem Herzen,
Der Ernst im Angesicht war Störung ihren Scherzen.

Unglückweissagend war der Ausdruck meiner Mienen,
Wie Trauerboten, die beim Freudenfest erschienen.

Und um die Weltlichkeit nicht dort in ihrem Glück
Zu hindern, zog ich mich mit meinem hier zurück.

Ich fühle mir genug das Licht in meiner Brust,
Und wünsche daß der Welt genüg' auch ihre Lust.


122

Bei einem Lehrer ist von Schülern eine Gilde,
Die unterweiset er in Gottesfurcht und Milde.

Er weist zu Gottesfurcht und Milde nur sie an,
Doch einer eilt voraus den andern auf der Bahn.

Am allerjüngsten hat der Meister Wohlgefallen,
Weil er ihn sieht im Geist voran den andern wallen.

Die andern aber, die voran im Alter gehn,
Sie fragen sich, warum ihr Meister vorzieht den?

Warum uns ältern ihn, den jüngsten, ziehst du vor?
Er sprach: Ich sag' es euch, doch thut mir dis zuvor:

Von diesen Vögelein (er nahm sie aus dem Neste)
Nehmt jeder eins zur Hand, und geht damit aufs beste

Hinaus an einen Ort, da wo euch sieht kein Blick;
Erwürgt die Vögel dort, und bringt sie her zurück. —

Sie gehn, und bringen dann die todten ohne Beben,
Als sollt', ein Wundermann, der Meister sie beleben.

Der jüngste aber bringt sein Vögelein lebendig;
Was würgtest du es nicht? Er sprach darauf verständig:

Weil ich den Ort nicht fand, o Meister, welchen du
Mich suchen hießest, da kein Blick mir sähe zu.

Ein Blick sieht überall, er sieht aufs Leben nieder,
Wie meins, des Vögeleins; drum bring' ichs lebend wieder. —

Der Meister sah sich um, die Schüler waren stumm;
Den jüngsten zog er vor, nun wußten sie, warum. —

Die todten Vögelein setzt' er zurück ins Nest,
Ums lebende herum, und drückte sanft sie fest.

Vom Wunderhauch der Huld sind sie lebendig worden;
Beleben kann der Herr, doch soll der Mensch nicht morden.


123

Der Wandrer im Gebirg verlor die rechten Steige,
Und blickt umsonst umher, wer ihm dieselben zeige.

Doch ein Einsiedler sitzt vertieft dort in Gebeten,
Und fragend nach dem Weg, kommt er zu ihm getreten.

Da hebt der fromme Mann, und spricht dazu kein Wort,
Den Finger himmelan, und betet schweigend fort.

Es spricht der Wandersmann: Ich weiß, daß durch Gebet
Und Weltentsagung dort der Weg zum Himmel geht.

Doch jetzo möcht' ich den zum nächsten Dorfe wissen;
Wenn du die Kunde hast, so laß mich sie nicht missen.

Da wiegt der fromme Mann, und spricht dazu kein Wort,
Das Haupt verneinend ernst. Der Wanderer geht fort,

Und denkt: Was könnt' es wol dem frommen Manne schaden,
Wenn er bewandert wär' auch in der Erde Pfaden?

Am Himmel würd' es dort ihm keinen Eintrag thun,
Zeigt' er den Weg mir hier; den zeige Gott mir nun!


124

In seiner Klause saß der Klausner und vergaß
Das Irdische, dieweil er Himmlisches ermaß.

Da gieng ein schönes Weib vorm offnen Eingang hin,
Aus ihrem Auge schlug ein Blitz in seinen Sinn.

Er fühlte von dem Schlag des Funken sich durchzuckt,
Und schon hat er den Fuß zur Schwell' hinaus geruckt.

Doch auf dem halben Weg zur Welt ist er zum Glück
Vom Geist zurückgemahnt, und zieht den Fuß zurück.

Er will ihn ziehn, und kann ihn nicht zurückziehn wieder,
Und auf der Schwelle selbst läßt sich der Klausner nieder.

Es sitzt der Oberleib zur Klaus' hinein gelehnt,
Doch auf der Schwelle bleibt der Fuß heraus gedehnt.

Seit Jahren muß der Fuß heraus zur Schwelle hangen,
Und alle sahn ihn so, die dort vorbeigegangen. —

Halt deinen Fuß zurück von Weltlust, laß nicht ihn
Voreilen, weil's so schwer ist ihn zurückzuziehn.


125

Sei wahr zu jeder Zeit, wahr in der Gegenwart,
Für die Vergangenheit, und auf die künft'ge Fahrt.

Wahr in der Gegenwart, so wie du bist, dich zeigend;
Wahr für Vergangenheit, Gethanes nicht verschweigend;

In Zukunft wahr, bereit, was du versprichst, zu halten;
So bist du wahrhaft wahr in allen Zeitgestalten.


126

Dis Wort hat der Profet gesagt den Muselmanen;
Laß dir gesagt es seyn, o Schüler des Brahmanen:

Nicht jeder log, wer dir die Wahrheit vorenthielt;
Er hat villeicht dadurch dein wahres Wohl bezielt.

Entzweiter Freunde Zwist hat er dadurch geschlichtet,
Daß er nicht jedem gleich, was jeder sprach, berichtet;

Wenn er, einander sie zu machen wohlgeneigt,
Die gute Rede sagt, das böse Wort verschweigt.

Er will das Herz mit Fleiß dir machen kühl, nicht heiß;
Gott sagt dir auch zum Glück nicht alles, was er weiß.


127

Von einem Wandersmann wird nur das Land beschaut,
Vom Landbewohner wird's dagegen angebaut.

Wo du auf Erden wallst als Pilger voll Beschauung,
Dient's zur Erbauung dir, doch ihr nicht zur Bebauung.


281

Daß mit Unthätigkeit ist Überdruß verbunden,
Und nur in Thätigkeit die Ruhe wird empfunden;

Dis, was ein Grämlicher hält für der Menschheit Fluch,
Erklärt ein Heiterer für weisen Götterspruch.

Wenn jener sagt: es ist der alten Sünd' Ererbnis,
Daß unbefriedigt sich der Mensch fühlt in Verderbnis;

Sagt dieser ihm darauf: es ist des Himmels Fügung,
Daß ihm zum Wohl der Welt nur Arbeit gibt Vergnügung.


129

Zur Arbeit ist der Mensch so von Natur bestimmt,
Daß er selbst Arbeit zum Vergnügen unternimmt.

Was kann am Spiele dich, was an der Jagd dich reizen?
Nach Groschen wirst du nicht und nicht nach Hasen geizen.

Du nähmest sie nicht an, wer sie dir schenken wollte:
Es ist der Arbeit Schein, der dich betrügen sollte.

Denn deine Kraft muß sich stets auf ein Äußres lenken,
Und nie beruhigts dich, in Ruh dich zu versenken.

Ja selbst die Ruh, die du entathmet schöpfst im Nu,
Spornt dich der Thätigkeit mit neuem Athem zu.

Und willst du auf dir selbst nur ausruhn augenblicklich,
Gleich wirst du selbst dich abarbeiten unerquicklich.

Wie eine Mühle sich zermalmet und zerrüttet,
Wenn man dem leeren Gang nicht neues Korn aufschüttet.


130

Des Lebens Sorge läßt dir wenig Zeit zu denken
An dich, und deinen Sinn aufs Ewige zu lenken.

Lang sorgst du, sorgenlos zu haben eine Stunde;
Dann wird, der Sorgen los, zu lang dir die Sekunde.

Du gehst auf Zeitvertreib, auf Unterhaltung aus,
Und statt der Sammlung suchst du der Zerstreuung Braus.

Du findest wol nach Wunsch dein Innres nicht bestellt,
Und wünschest lieber nicht zu sehn was dir misfällt.

Du siehst ein weites Leer, und weißt es nicht zu füllen,
Und willst mit holem Schein der Luft es überhüllen.

Vertreibe denn die Zeit, bis dich die Zeit vertreibt;
Zerstreue dich, bis nichts an dir zu sammeln bleibt;

Bis wieder sammelt einst des Lebens Herr und Meister
Deine in alle Welt zerstreuten Lebensgeister.

Er wird nicht schwerer auch sie bringen zum Vereine
Als unsere zu Staub zerstreuten Todtenbeine.


131

Selbliebe liebte gern sich selber ungestört,
Und ist von allem, was darin sie stört, empört.

Sie möchte seyn, um nur recht lieben sich zu können,
Recht liebenswürdig, und sich jeden Vorzug gönnen.

Entdecken muß sie da mit Schrecken manchen Flecken;
Was bleibt ihr denn, als ihn verdecken und verstecken?

Verstecken vor der Welt, daß schön der Welt sie scheine;
Verdecken vor sich selbst, daß sie es selber meine.

Doch meinen kann sie's nie recht ungestört und still,
Und meint stets, daß die Welt nicht recht es meinen will.

Straft ihr die Heuchlerinn? sie straft die Heuchelei;
Sie selbst nur weiß, wie schwer die hole Maske sei.


132

Warum die Wahrheit wird so schwer an Mann gebracht?
Weil sie den Menschen vor sich selbst zu Schanden macht.

Die Selbsucht, die dir schließt vor unserm Rath das Ohr,
Verschließt auch selbst den Mund des Rathes uns zuvor.

Wenn du zu spenden hast und zu verweigern Gnaden,
Wie sollten wir, um dir zu nützen, selbst uns schaden?

Wir werden wenigstens die Bitterkeit der Sachen
Durch möglichst süßes Wort dir halb erträglich machen.

Nur wenn von dir nichts ist zu fürchten noch zu hoffen,
Erwarte, daß du hörst die Wahrheit frei und offen.

Drum ist am weitesten von ihr ein Fürst entfernt,
Da leicht ein Bettler sie auch wider Willen lernt.


133

In jedem Zustand ist ein Haben und ein Missen,
Und das Gemisste bist zu haben du beflissen.

Darum bei jedem Glück ist noch ein Wunsch zurück,
Der eben ist davon ein zubehörig Stück.

Und wie ein Zustand in den andern übergeht,
Siehst du, daß aus dem Wunsch ein neuer Wunsch entsteht.

Denn jeder Wunsch, erlangt, ist nicht mehr wünschenswerth;
Doch Glück ist auch, daß man stets neu ein Glück begehrt,


134

Es wird gesagt, es sei des bösen Herzens Zeichen,
Wenn du die Menschen liebst mit Thieren zu vergleichen.

Auch ist es so, wenn du mit Fleiß herunterziehst
Den Menschen, und in ihm des Thieres Züge siehst.

Doch anders ist es, ja es ist kein andrer Rath,
Wo wirklich in Gestalt des Thiers der Mensch auftrat,

Es sei der Einzelne, es sei ein ganz Geschlecht,
An dem verloren scheint der Menschheit ew'ges Recht;

Da ist kein andrer Rath, als, liebes Herz, zu sagen:
Hier will der Menschengeist einmal Thiermaske tragen.

Unwürdig ist das Spiel, daß er die Maske nahm;
Und wenn er sich besinnt, legt er sie ab mit Scham.

Der Maske Anblick schon ist zur Genüge häßlich;
Als wirkliches Gesicht betrachtet, wär' es gräßlich.


135

Wenn Thiere von dem Tod wüßten soviel wie ihr,
Zur Speise würd' euch auf der Welt kein fettes Thier.

So sprach einst der Profet. Weil sie vom Tod nichts wissen,
Drum werden Thiere fett, und ihnen schmeckt der Bissen.

Und fett nur werden auch gleich Thieren mit Behagen
Die Menschen, die den Tod sich aus dem Sinne schlagen.


136

Du findest im Besitz Genüge nimmermehr;
Denn es begehrt dein Herz entweder immer mehr,

Oder, hast du genug, so fürchtest du Verlust;
Und dort ist so wie hier der Stachel in der Brust.


137

Du siehst, es wankt dein Kind, und, statt ihm beizuspringen,
Siehst du mit Angst ihm zu, wie es ihm wird gelingen.

Wird es im Gleichgewicht sich halten, wird es fallen?
Darüber lässest du die Zeit der Hülf' entwallen.

Die Roll' ist ungeschickt, die du dabei gespielt;
Gefallen wär' es, wenn es nicht sein Engel hielt.

Doch tröste dich, wer weiß du hättest, wohlbeflissen
Eingreifend, es villeicht erst hin zum Sturz gerissen.

Es fiel nicht, danke Gott. Fiel es, so machtest du
Vorwürfe dir mit Recht; nun ist kein Grund dazu.


138

Das Kind weiß nicht, warum man etwas ihm verbeut.
Warum gehorcht es? weil der Vater Straf' andreut?

Es kennt die Straf' auch nicht, doch kennt es schon die Furcht,
Weiß nicht warum, doch weiß gar wohl, wenn es gehorcht.


139

Ein Mann zu werden, ist des Kindes Stolz; ein Mann
Bedauert wol, daß er kein Kind mehr werden kann.

Wollt' er ein Kind seyn, um sich kindisch zu geberden?
O nein, als Kind möcht' er zu anderm Manne werden.

Ein Vater ist beglückt, daß er ein andrer Mann,
Als er geworden ist, im Kinde werden kann.

Mit aller Einsicht, die Erfahrung ihm verliehn,
Streb' er sich selbst im Kind zum Manne zu erziehn.


140

Nur die Beschränktheit wird an dem, den sie will ehren,
Die Fehler leugnen und für Tugenden erklären.

Des Mannes Größ' ist mir, nicht daß er fehlerfrei,
Doch über Fehler, die er hat, erhaben sei.


141

Oft bringt nur in Gefahr vor der Gefahr die Warnung,
Und was dich retten soll, gereicht dir zur Umgarnung.

Ich warne dich; wovor? ich muß den Feind dir nennen;
Und darin schon besteht das Übel, es zu kennen.


142

Ein Bilderbüchelchen hat heut mich unterhalten
Voll doppelgültiger zweideutiger Gestalten.

Ein Bild, grad' angesehn, glich einem schönen Schatze,
Dann auf den Kopf gestellt, ward es zu einer Fratze.

Hier war ein Jud' im Bart, was dort ein Eber ward,
Ein alter Kahlkopf hier, dort eine Jungfrau zart.

Hier schien ein Eselskopf, was dort ein Weiser schien;
Und so war jedem Schein sein Gegenschein verliehn.

Ich dachte: Wem's gefällt, der kann die ganze Welt
Betrachten wie dis Buch, auf Fuß und Kopf gestellt.

Wie manches ist darin zu schelten und zu loben,
Jenach man es beschaut von unten oder oben.


143

Ein eigner Zauber liegt im langgewohnten Alten,
Doch auch im Neuen ist ein eigner Reiz enthalten.

Du lässest bald von dem, dich bald von dem verführen,
Wie etwas dort dein Herz, hier deinen Sinn mag rühren.

Die Welt in Zwiespalt hängt halb ab von Vorurtheilen,
Halb Neuerungen nach, nicht hier noch dort zu heilen.

Wer zwischen Neu und Alt sich in der Mitte hält
An das was gilt wie galt, vermittelt erst die Welt.


144

Behalte, was ich hier dir nicht will vorenthalten,
Vier Lehren, die nicht sind in jedem Ohr enthalten.

Dir geben einen Halt, im Leben einen Stab,
Der Worte vier: Halt ein! Halt aus! Halt an! Halt ab!

Halt ein den Zorn, die Gier, und jede Leidenschaft;
Halt aus, was dich betrifft, mit starker Seelenkraft.

Halt an zum Guten wen und wo du Macht gewannst;
Halt ab vom Bösen wen, von Übel was du kannst.

Behalt und halte dis, und ordne dein Verhalten
Danach; so wirst du dich und wirst die Welt erhalten.


145

Die wahre Tugend ist nicht alle Tugend üben,
Sonst wird der eine Glanz sich durch den andern trüben.

Die wahre Tugend ist, daß jeder jede Frist
Das tüchtig thut, wozu er taugt und tüchtig ist.


146

Nicht Schritte soll man thun, die nur zum Ziele führen,
Der alte Meister sprach's, vielmehr will sichs gebühren,

Daß jeder Schritt für sich ein Ziel, und nebenbei
Ein Fortschritt auf dem Weg zu höherm Ziele sei.

Das gilt, wie von der Kunst, vom Leben gleicherweise,
Vorzüglich und zunächst doch gilt es von der Reise.

Wenn du als Reiseziel betrachtest jeden Schritt,
Wird dir der Weg ein Spiel, und kommst vom Fleck damit.


147

Das Märchen von dem Schatz, den dort der Mann verhieß
Drei Söhnen, welchen er den Weinberg hinterließ,

Vom Schatze, welchen sie im Weinberg sollten graben,
Worauf sie umgewühlt den ganzen Weinberg haben,

Der, so im Grund erneut, dreifältig Früchte trug,
Daß alle drei am Schatz auf einmal hatten gnug;

Das Märchen setzt voraus versäumten Weinbergsgrund,
Dem solche Heilung so gewaltsam war gesund.

Doch hätt' ihn nach Gebühr der Mann gebaut im Leben,
Ein Fleiß'ger Fleißigen ihn sterbend übergeben;

Die Söhne braucht' er nicht zu täuschen noch zu plagen,
Der Weinberg ohne Zwang hätt' einen Schatz getragen.


148

Ein vielerfahrner Fuchs, der alle Weg' und Stege
Wohl ausgegangen hatt' in seinem Waldgehege,

Hat den von Jägerkunst gestellten Trug getroffen,
Die Falle zugedeckt, und nur die Lockspeis' offen.

Die Lockung kannt' er wohl, ihn konnte sie nicht locken;
Warum denn gieng er nicht vorüber ohne Stocken?

Er dachte: würde doch der unsichtbare Grund
Des Sichtbarn auch durch mich dem Unerfahrnen kund!

Vorsichtig zog er von der Falle weg die Reiser,
Bis sie am Tage lag; dann gieng er wie ein Weiser,

Zufrieden nicht allein dem Schaden zu entweichen,
Davor behütet auch zu haben seinesgleichen.

Nie soll ein weiser Mann auf seinem Weg versäumen,
Versuchung, wo er kann, für Thoren wegzuräumen.


149

Der alte Meister sprach: (bedankt sei der Erzähler!)
Man muß ins Alter nicht mitnehmen Jugendfehler;

Denn eigne Mängel bringt mit sich das Alter schon,
Die nur mit Anstand trägt, wer jenen ist entflohn.


150

Dem Süß entgegen sind gestellt Herb, Bitter, Sauer,
Drei Nachwehn einer Lust; o Schmerz, o Leid, o Trauer!

Dem Gut entgegen steht Bös', Übel, Schlimm und Schlecht,
Vier Schäden einem Heil; o Mensch, verstehst du's recht?


151

Willst du dem Irrenden klar seinen Irrthum machen,
So sieh, von welcher Seit' er angesehn die Sachen.

Räum' ein, die Sache sei von dieser Seite wahr,
Und mach' ihm nebenbei die andern Seiten klar.


152

Der Mensch ist nicht so schlimm als seine Thaten zeigen,
Denn seine Thaten sind zum kleinsten Theil ihm eigen.

Nimmst du die Zuthat weg von Zufall, Unverstand,
Nachlässigkeit; was bleibt als That der freien Hand?

Nichts Böses überhaupt thut er villeicht aus Trieb
Zum Bösen, sondern weil zu thun nichts andres blieb.

Laßt ihn das Gute thun, gebt ihm zum Guten Raum;
Und Böses dann zu thun fällt ihm nicht ein im Traum.


153

Geliebt zu seyn, mein Sohn, ohn' auch zugleich geachtet,
Nach diesem hab' ich nie getrachtet noch geschmachtet,

Wie's manche Leute dieser Zeit, nicht Männer, giebt,
Die nicht geachtet nicht geliebt sind, doch beliebt.


154

Weil' an den Gräbern nur, und pflanze Rosenhecken!
So denkst du an den Tod, und er wird dich nicht schrecken. —

Wenn dir ein lieber Freund hinweg gestorben ist,
Denk: eine Tagereis' ist dieses Lebens Frist.

Nun, dein Gefährte gieng ein Streckchen nur voraus,
Und um so früher ist er angelangt zu Haus.

Was klagest du, daß ihn die Herberg' aufgenommen?
Geh nur des Wegs getrost! Bald bist du nachgekommen.


155

O Menschengeist, du bist zu Gottes Thron gerufen;
Doch welches Wegs du kommst, das ändert dort die Stufen.

Kommst du von deinem Grab, so bist du aufgenommen;
Doch kommst du aus der Welt, so bist du erst willkommen.

Drum warte nicht durchs Grab den Weg zum Herren ab,
Und aus dem Leben nimm zu ihm den Pilgerstab.


156

Wer über Gräber geht, und denket nicht an sich,
Und spricht nicht ein Gebet, thut doppelt freventlich.

Er hat vergessen, daß im Herrn die Todten leben,
Und hat vergessen, daß er selbst soll sterben eben.


157

Unsterblichkeit ist nicht der Zukunft aufgespart,
Unsterblichkeit ist im Gefühl der Gegenwart.

Du wärst nicht, der du bist, in diesem Nu der Zeit,
Wenn du derselbige nicht wärst in Ewigkeit.

Sobald du denken willst, du wärest nicht mehr einst,
So fühlst du, daß du dich insoweit selbst verneinst.

Verneine nur dis Nein! dazu hast du empfahen
Des Geistes Kraft allein, dich ewig zu bejahen.


158

Der Tod, der die Geburt ist in ein höhres Leben,
Ist auch wie jegliche Geburt mit Weh umgeben.

Alswie ein Kindlein tritt in diese Welt mit Klagen,
Aus dieser so die Seel' in jene mit Verzagen.

Wie schwer das Kindlein sich entwand dem Mutterschooß,
So ringt die Seele sich aus diesem Leibe los.

Doch wie das Kindlein nun, gewöhnt der neuen Lust,
Nichtmehr zurück zum Schooß sich sehnet von der Brust;

So wird die Seele bald, von höherm Licht umfangen,
Zum dunkeln Aufenthalt nicht mehr zurück verlangen.


159

Du bist gegangen und wir gehn dir alle nach;
Du giengst zur Ruh und wir sind noch ein Weilchen wach.

Vielmehr wir schlafen noch, du bist vom Traum erwacht;
O Leben, Spreu und Wind, o schwerer Traum der Nacht!

Was ists, das weiter wir hier zu besorgen haben,
Als eins das andere anständig zu begraben!


160

Beklagen sollt' ich dich? ich kann dich nur beneiden,
Denn nicht jedwedem wird gegeben so zu scheiden,

Wie du geschieden bist, mit Gott und Welt in Frieden,
So ohne Schmerz und Weh von Weh und Schmerz geschieden.

Des Himmels Ruh verklärt dein Todtenangesicht;
Und wäre sie gewährt dem sel'gen Geiste nicht?

Es wird mir still zu Muth, ins Antlitz dir zu sehn,
Und herzlich wünsch' ich, mög' auch mir einst so geschehn.


161

Vom Todten saget man: er ist zu Gott gegangen;
Alsob zum Ewigen könnt' Endliches gelangen!

Alsob könnt' Endliches vom Ew'gen ferne seyn!
Was ist, das ist, wo auch es ist, in Gott allein.

Du hast in Gott gelebt, und bist in Gott geschieden,
Und bist geblieben, wo du warst, in Gottes Frieden.

Das ist die Seligkeit, zu der nicht wird gelangen
Die Seele dort, in der sie hier nicht angefangen.

Das ist die Seligkeit, die dort sich wird entfalten
In jeder Seele, die sie hier im Keim enthalten.

Wie unentwickelt auch, wie eingewickelt sei
Der Himmelskeim, der Hauch des Himmels macht ihn frei.

Die Fülle tritt hervor, die Hülle muß verwesen,
Und gleich im Wandel bleibt die Wesenheit der Wesen.


162

Soll ich den nahen Tod dem Todesnahen zeigen?
Soll ich dem Sterbenden von seinem Sterben schweigen? —

Vor Augen hatt' er stets in diesem jenes Leben,
Gewaltsam brauchst du nicht den Vorhang ihm zu heben.

Doch würd' er auch dem Tod mit unbefangnem Blick
Ins Antlitz schaun, wie sonst manch anderem Geschick.

Ob du den Tod ihm magst verdecken, ob entdecken,
Gefärden wirst du dort ihn nicht, hier nicht erschrecken.

Doch ists ein wicht'ger Schritt, von hier hinübertreten
Ins unbekannte dort, bei dem es ziemt zu beten.

Du bet', und frage nicht, ob er auch bete mit;
Bete für dich und ihn, wie er hinüber tritt.


163

Neuseß, Herbst 1836.
Mein Lieblingsaufenthalt, noch einmal recht zum Schluß
Lachst du mich freundlich an, eh ich dich lassen muß.

Gern thatest du es ehr, das Wetter litt es nicht,
Doch lächeln hilft dir nun Herbstabendpurpurlicht.

Ja lächeln helfe dir der Himmel und die Erde!
Wer weiß, ob ich so schön noch einmal sehn dich werde.

Ists doch als wüßtest du's, daß nun sich muß entscheiden,
Ob ich dich künftig noch besuchen soll, ob meiden.

So schmückst du dich gefallbegierig meinen Blicken,
Und von Gewohntem läßt sich gern mein Herz bestricken.

Wo blühte mir ein Glück, wie das dein Schooß mir trug?
Beschränkt, mir aussichtreich, klein, eng, mir groß genug;

Ansprechend anspruchlos, lieb, weil vorlieb ich nehme,
Behaglich und bequem, weil ich mich still bequeme:

Freu dich! noch manchen Herbst sollst du mich wieder sehn,
Und Lieder, diesen gleich, auf deiner Flur entstehn.


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