Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Zweites Bändchen, 1837. V


1

Mannhafte Poesie ist was ich hier, o Sohn,
Dir bringe, denn du hast die knabenhafte schon.

Mannhafte Poesie, die Grundsatz und Gedanken
Führt gegen Fantasie und Traumwerk in die Schranken:

Das Kindermärchen aus der Vorzeit Ammenstuben,
Von Sängern, Königen, Rittern und Reutersbuben;

Vorüber tanzte dir der bunte Spuk, worüber
Du einst dich freutest, freu dich nun, das ist vorüber.

Nicht stehen bleiben sollst du mir beim Knabenhaften;
Wer werden will ein Mann, darf nicht am Knaben haften.


2

Zum Festtisch soll man Aufgewärmtes nicht auftischen,
Mit frischer Speise soll man frische Gäst' erfrischen.

Doch aufgewärmt ist nicht, was von der Vorzeit Tisch
Uns zukam; immer bleibt die Paradisfrucht frisch.


3

Des Bechers schönster Platz ist in des Trinkers Hand,
Und nur ein schönrer noch an seiner Lippen Rand.

O wäre so mein Buch ein Becher jede Stunde,
Bald in des Freundes Hand und bald in seinem Munde.


4

Der Menschheit Größtes möcht' ich euch im Spiegel zeigen,
Und ihr Geringstes auch im Bilde nicht verschweigen.

Denn manche werden durch des Großen Vorbild frei,
Und manche trösten sich, daß schön auch Kleines sei.


5

Ein anspruchvolles Buch will im Zusammenhang
Gelesen seyn, und macht euch schwer den langen Gang.

Dis anspruchlose macht die kurzen Gäng' euch leicht;
Denn wo ihr stillstehn wollt, habt ihr ein Ziel erreicht.


6

Ein Bruchstück, welches auf sein Ganzes sich besinnt,
Ergänzung immer sucht, und nimmer sie gewinnt:

So findet sich der Mensch, wie er wird sein bewußt;
Und an den Menschen knüpft den Menschen diese Lust.

Ein Ganzes werden nie Bruchstücke groß und klein;
Ergänzung findet doch die Welt in Gott allein.


7

Es ist ein altes Wort, die Seele sei ein Licht,
Das alles um sich her erleuchtet, sich nur nicht.

Von seinem Glanze wird die Schöpfung dir erschlossen,
Allein des Lichtes Kern bleibt deinem Blick verschlossen.

Als wie die Sonne rings mit tausend Stralen sieht,
Wenn ihren Anblick selbst dir ein Gewölk entzieht.

Zwar vor der Sonne wird der Wolkenflor zerrinnen;
Und wird vorm Geiste so die Nacht auch gehn vonhinnen?

Vonhinnen gehet sie, du schaust das Licht der Wonne,
Und siehst, geblendet, nichts, als sähst du in die Sonne.


8

Das Glück des Mannes kann nicht Etwas seyn, o Sohn,
Wo einer wenig hat und einer viel davon.

Das Glück muß etwas seyn wie Luft und Licht und Leben,
Das allen allgemein, ist allen gleich gegeben.

Nicht Reichthum kann es seyn und Macht und solche Gaben,
Wovon den einen fehlt soviel die andern haben.

Nicht Weisheit kann es seyn und Kunst, zu deren Stufen
Die wen'gen kommen, die besonders sind berufen.

Nur gut seyn ohne Groll ist höchstes Gut des Manns,
Weil gut seyn jeder soll, und wer es will, der kanns.


9

Wenn du nur die Natur, wenn du nur die Geschichte
Befragtest, was dir die und die von Gott berichte;

In manigfacher Kräft' und ew'gen Streits Urkunden,
Viel Götter hättest du, nicht Einen Gott, gefunden;

Und wenn nicht mehrere, doch statt des Einen Zwei,
Wovon der eine gut, der andre böse sei.

In dir nur findest du, nicht in der Welt Getöse,
Daß Einer nur ist gut, und nichts durch ihn das Böse.


10

„Dir scheinet heute dis, und jenes scheint dir morgen;
Das Wahre, wie es scheint, bleibt immer dir verborgen.“

O nein, bald seh' ich den, bald seh' ich jenen Glanz;
Das vielgetheilte Licht wird nur im Wechsel ganz.


11

Von so viel Lehrern scheint mir jeder Recht zu haben;
Als Manne geht es mir, wie es mir gieng als Knaben.

Dort war ich Schal' und Kern zu sondern nicht im Stande,
Nun unterscheid' ich gern die Wahrheit vom Gewande.


12

Gar mancher hätte Recht, wenn man ihn recht verstände;
Und man verständ' ihn, wenn das rechte Wort er fände.

Wir aber wollen, statt beim Wort ihn streng zu fassen,
Nachsehn, was Gutes sich dabei mag denken lassen.


13

Oft dient ein Irrthum nur den andern wegzuräumen;
Wir sehn der Wahrheit Spur, wo mag sie selber säumen?

Ein neues Vorurteil muß uns von alten heilen;
Wer aber macht uns heil von neuen Vorurteilen?


14

Ein Doppelbündelein hat jeder Mann empfangen,
Das er halb vorn herab und halb läßt hinten hangen.

Die Fehler trägt er vorn, die seinen Nächsten schmücken,
Doch seine eigenen sind schwer auf seinem Rücken.

So sieht er immer die der andern, seine nie,
Allein es gleicht sich aus: die andern sehen sie.


15

Hast du den Wunsch erreicht, daß er nicht mehr entweicht,
O jauchze nicht! ein Weh lauscht hinter ihm vielleicht.

Denn siehst du? sticht der Dorn des Knaben Finger nicht
Gerad im Augenblick, wo er die Rose bricht?


16

Gleich einer Herberg' ist die Welt, in der am Abend
Ein Reiter kehret ein, am Morgen weiter trabend.

Gleich einer Blume ist die Luft der Welt, die frühe
Erblühet, und nicht ahnt, daß sie vor Nacht verblühe.


17

Was diese Welt dir giebt, was diese Welt dir nahm;
Macht dir das eine Lust, macht dir das andre Gram?

Was sie dir gab, davon mußt du einst Rechnung legen;
Was sie dir nimmt, dein Lohn dafür ist Gottes Segen.


18

Dem Manne steht es an, zu thun soviel er kann;
Was zuthun mag das Glück, das liegt nicht an dem Mann.

Wenn er das Glück besiegt, wird seinem Muth gehuldigt;
Und wenn er unterliegt, so ist er wohl entschuldigt.


19

Ein Glück, das plötzlich kam, wird plötzlich wieder gehn;
Das langsamer gereift, wird länger es bestehn?

Nein! ohne Dauer ist hier jede Blüt' im Garten,
Und unverwelklich blüht nur das, was wir erwarten.

Laß jedes Glück verblühn, wenn dir nur eines bleibt,
Die Hoffnung, die am Zweig stets neue Knospen treibt.


20

Der Zweifel treibt dich an, der Zweifel macht dich stocken,
Er dient zu hemmen dich, und vorwärts dich zu locken.

Der vorwärts treibende nie ruhende ist gut,
Schlimm ist der stockende verstockte Zweifelmut.

Daß etwas Gutes sei und Schönes zu erstreben,
Dem Guten wird darob kein Zweifel sich erheben.

Daß etwas Gutes schon erstrebt und Schönes sei,
Dem Besten wohnt darob der größte Zweifel bei.

Zu immer höhern Höhn giebt dir der Zweifel Schwung,
Doch in den Abgrund stürzt dich die Verzweifelung.


21

Was unterscheidet Kunst von Wissenschaft? Das Können;
Dem muß den Vorrang doch das stolze Wissen gönnen.

Wohl weiß die Wissenschaft, wie etwas sollte seyn,
Doch machen kann sie's nicht, das kannst du, Kunst, allein.


22

Wag' es wenn du's vermagst, von beiden Lebenssfären
Die hier für Schein, die dort für Wahrheit zu erklären!

Und sieh die Wirklichkeit für einen Schatten an,
Der dort vom fernen Licht sich streckt zu dir heran!

Dagegen laß nur auch dem andern seinen Glauben,
Der diese Wirklichkeit sich nicht will lassen rauben,

Und selbst das Ewige für einen Schatten hält,
Der von dem Sinnlichen hinaus ins Leere fällt.

Du kannst den Schatten hier nicht leugnen, der dich neckt,
Und er dort jenen nicht, der ihm ein Grauen weckt.

Ihr theilet beide gleich die Welt in Licht und Schatten,
Und tauscht die Namen nur, wer will's euch nicht gestatten?


23

Der Mond rollt um die Erd', und um die Sonne sie,
Und die um höhere Sonn', und um noch höhere die!

Und immer weiter so, und immer weiter nur?
In der Unendlichkeit verliert der Geist die Spur.

Unendlich sei die Kraft, unendlich sei das Leben,
Doch nicht unendlich sei der Raum deswegen eben.

Was wär' Unendlichkeit die äußerliche so?
Der innerlichen nur des Geistes bin ich froh.

Jenseit der Körperwelt muß eine Lichtwelt stehn,
Aus der sie niedersank, in die sie auf will gehn.

Die Sonnen leuchten nicht von ihrem eignen Lichte,
Sie leuchten von dem Licht auf Gottes Angesichte.

Licht ist das geistige Kleid, das diese Welt umfließt,
Das sich an jedes Glied des großen Leibes schließt.

Dis geistige Netz, gewebt aus Gottes Liebesblicken,
Will immer brünstiger die Körperwelt umstricken.

Und jedes Glied schließt an ein höheres sich an,
Durch dessen Zug es will gezogen seyn hinan.

Zu Sonnen werden, die sich stark im Licht verklären,
Von deren Ausfluß dann die schwächeren sich nähren.

Doch wie sie nach dem Saum des Lichtes ewig greifen,
Zu Sonnen werden auch die letzten endlich reifen.

Und was auf ihnen ist, reift durch der Sonnen Kraft,
Die Welt wird durch und durch mehr und mehr sonnenhaft.

O Geist, mit diesem Thau mußt du dich auch befeuchten,
Wenn du in diesem Bau mit willst als Sonne leuchten.


24

„Der Welt Grundübel“ nennt den leeren Raum ein Weiser;
Und widersprechen wird kein Bettler und kein Kaiser.

Des Beutels leerer Raum, der leere Raum des Magens,
Ist jedes Übels Grund und jedes Unbehagens.

Ob leer kein Weltraum sei vom Glanze der Gestirne,
Ist mehr als einer doch in mehr als einem Hirne.

Manch leeren Raum hat auch manch übervolles Buch,
Wie diesen hier, den füllt vom leeren Raum der Spruch.


25

Die Körperwelt bedarf des Lichtes, um Gestalten
In immer reicherer Entwicklung zu entfalten.

Die Geister, die im Stoff gefangen, werden frei,
Nur wo der freieste trägt zur Befreiung bei.

Das Licht hinwieder auch bedarf der Körperwelt,
Weil Manigfaltigkeit es nur durch sie erhält.

Denn es ist einfach eins und strebt zu scheinen vieles,
Das ist der Zweck des mit der Welt getriebnen Spieles.

Zu sieben Farben wirds an jedem Wolkensaum,
Und tausendfache Blüt' und Frucht an jedem Baum.

Es freut sich seines Spiels, und ihm zum Spiel zu dienen
Freut sich die Welt, und wir freun billig uns mit ihnen.

26

„Was machst du an der Welt? sie ist bereits gemacht.“
Um deine Freiheit hat dich dieser Spruch gebracht.

Ja, fertig wenn die Welt gemacht wär' und vollendet,
Verloren wär' an ihr dein Ringen und verschwendet.

Doch sie ist nicht gemacht, du sollst sie helfen machen,
Und dazu hat die Kraft dir Gott verliehn, dem schwachen.

Nicht fertig ist die Welt, sie ist im ew'gen Werden,
Und ihre Freiheit kann die deine nicht gefärden.

Mit todtem Räderwerk greift sie in dich nicht ein;
Du bist ein Lebenstrieb in ihr, groß oder klein.

Sie strebt nach ihrem Ziel mit aller Geister Ringen,
Und nur wenn auch dein Geist ihr hilft, wird sie's erringen:

Sie setzt dir Schwierigkeit entgegen zwar und Schranken;
Doch, räumt dein Geist sie weg, so wird sie dir es danken.


27

Ich, der Gefangne, der mit seinen Ketten spielt,
Der blinde Schütze, der nach hohem Ziele zielt;

Der, Geistern anverwandt, ans Thier gebundene,
Sich selber suchend, stets sich selbst entschwundene;

Der nicht weiß, was er ist, war oder werde seyn:
Was wär' ich denn, wenn ich nichts wär' als ich allein?

Ich bin auch du, weil du das bist, was in mir ist;
Ich bin mehr als ich bin, weil du mein Alles bist.


28

Ob eine Wahrheit ist in dieser falschen Welt,
Ich weiß nicht; minder noch, wo sie versteckt sich hält.

Daß eine Wahrheit war, schließ' ich aus ihrem Namen,
Denn war und Wahrheit scheint ersproßt aus gleichem Samen.

Doch wenn sie einmal war, wird sie dort ewig seyn,
Wo alles ist was war, dort geht sie aus und ein.

Dort werd' ich einst sie sehn in eigenster Gestalt:
Jetzt scheint ihr Licht von dort herab durch Wolkenspalt.

Sie ist die Sonne, die nicht selbst zur Erde kommt,
Doch ist in ihrem Schein, was uns zum Leben frommt.

Wie ist der Wahrheit Schein genannt? Wahrscheinlichkeit,
Damit behelfen wir uns vorderhand zur Zeit.


29

Dein Amt, Gebildeter, und deine Aufgab' ist,
Aussprechen was du fühlst, darstellen was du bist.

Denn Alles in der Welt ringt sich zu stellen dar,
Und spricht sich unklar aus, du aber sollst es klar.

Aufklären sollst du uns dis Dunkel, und erklären,
Wie schön die Dinge, wenn wir klar sie sähen, wären.


30

Die Sinne lügen nicht, schwach aber sind die Sinne;
Wir werden nicht durch sie des Dinges Innres inne.

Wir sehn vom Äußern auch die eine nur der Seiten,
Und die undeutlich selbst, wenn wir sie sehn vom weiten.

Bei weitem sehen wir dem Ding nicht alles an,
Doch alles, was daran wir sehn, ist wirklich dran.

31

Am Dinge zweifeln kannst du, was und ob es sei;
An deinem Ich fällt dir gewis kein Zweifel bei.

Dis ist der Ausgangspunkt: sei deiner nur gewis!
Zu allem Wissen kommst du so ohn Hindernis.


32

Das Ding ist außer dir, weil du von dir es trennst,
Doch ist es auch in dir, weil du's in dir erkennst.

Gedoppelt also ist das Ding und zwiegestaltig,
Im Widerspruch mit sich erscheint es dir zwiespaltig.

Doch durch den Widerspruch hebt es sich auf mitnichten;
Es fordert dich nur auf den Widerspruch zu schlichten.

Du magst das innre Ding ein Bild des äußern nennen,
Oder das äußre für das innere Bild erkennen.

Ein Spiegel bist du nicht allein der Welt, sie ist
Ein Spiegel auch, darin du selbst dich schauend bist.


33

Dort wo das Wissen mit dem Seyn zusammenfällt,
In dem Bewußtseyn ist der Mittelpunkt der Welt.

Nur im Bewußtseyn was du findest, ist gefunden,
Wo sich ein Äußeres dem Inneren verbunden.

Nur im Bewußtseyn wenn dir Gott ist aufgegangen,
Hast du ihn wirklich, und gestillt ist dein Verlangen.

Du hast ihn nicht gedacht, er ward dir nicht gegeben,
Er lebt in dir, und macht dich und die Welt dir leben.


34

Ich bin der Geistersonn' ein ausgesandter Stral,
Und solcher Stralen sind unzählbar eine Zahl.

Wir sind der Sonne Glanz zusammen alzumal,
Doch ist ein eigen Licht für sich ein jeder Stral.

O Wunder, Eine Sonn' ist Alles alzumal,
Und ganz die große Sonn' in jedem kleinsten Stral.


35

Ich seh' auf dieser Stuf', auf der ich bin gestellt,
Nichts, wenn mein Blick sich hebt, viel, wenn er abwerts fällt.

Tief seh' ich unter mir, und tiefer stets hinunter,
Ein reges Lebensheer, ein Wimmeln ewig munter.

Doch wenn ich blick' empor, so seh' ich nichts als Licht;
Reicht, die hinunter reicht, die Leiter aufwerts nicht?

Wol reicht sie auch hinauf, wol werden zwischen mir
Viel höhre Wesen stehn und, Höchstes, zwischen dir.

Allein ich seh' sie nicht, von deinem Licht geblendet,
Das seine Kraft mir nur zum Niederblicken sendet.

In tausend Bildern seh' ich hier dein Bild gewoben,
Das tröstet mich, daß ich dich selbst nicht sehn kann droben.

36

Gott ist von keinem Raum, von keiner Zeit umzirkt,
Denn Gott ist da und dann, wo er und wann er wirkt.

Und Gott wirkt überall, und Gott wirkt immerfort;
Immer ist seine Zeit, und Überall sein Ort.

Er ist der Mittelpunkt, der Umkreis ist Er auch,
Weltend' und Anfang ist sein Wechselauseinhauch.


37

Wol der Gedanke bringt die ganze Welt hervor,
Der, welchen Gott gedacht, nicht den du denkst, o Thor.

Du denkst sie, ohne daß darum entsteht die Welt,
Und ohne daß, wenn du sie wegdenkst, sie wegfällt.

Aus Geist entstand die Welt, und gehet auf in Geist,
Geist ist der Grund, aus dem, in den zurück sie kreist.

Der Geist ein Ätherduft hat sich in sich gedichtet,
Und Sternennebel hat zu Sonnen sich gelichtet.

Der Nebel hat in Luft und Wasser sich zersetzt,
Und Schlamm ward Erd' und Stein, und Pflanz' und Thier zuletzt,

Und menschliche Gestalt, in der der Menschengeist
Durch Gottes Hauch erwacht, und Ihn, den Urgeist, preist.


38

Was ist die Schönheit, Herz? das Spiegelbild der Liebe.
Die Liebe fühlte Schmerz, daß ungeliebt sie bliebe.

Die Thräne, die ihr quoll, mußt' ihr zum Spiegel dienen;
Sie kannte selbst sich nicht, wie sie sich drin erschienen.

Sie rief: O schön! Und Schön heißt seitdem dieses Bild,
Das aus dem feuchten Grund des Liebespiegels quillt.

Der Spiegel und das Bild darin ist uns geblieben;
Und wer die Schönheit sieht, der muß die Schönheit lieben.


39

Das Schöne stammet her vom Schonen, es ist zart,
Und will behandelt seyn wie Blumen edler Art;

Wie Blumen vor dem Frost und rauher Stürme Drohen
Will es geschonet seyn, verschont von allem Rohen.


40

Was du verstehest, reizt dich wenig; was du nicht
Verstehst, spricht dich nicht an; was willst du vom Gedicht?

Du willst mit Recht, es sei verständlich-unverständlich,
Vollendet an Gestalt, doch an Gehalt unendlich.

41

Die Abendröthe kam, und sah zum Tod ermattet
Das Leben, Schlummer half, und sanft ward es bestattet.

Die Nacht im Trauerflor, die dunkle Klagefrau,
Gieng hinterdrein, und weint' aus Sternen kalten Thau.

Doch Morgenröthe kam heran mit glühnden Wangen,
Und rief: Wo ist mein Kind? ich glüh' es zu umfangen.

Gestorben! rief die Nacht mit letztem Thränenguß.
Da weckt' es rasch vom Schlaf der Morgenröthe Kuß.
Die holde Mutter sprach: O dürft' ich bei dir bleiben!
Doch schon die Sonne flammt, von dir mich zu vertreiben.

Leb' wohl! auch diesen Tag und jeden mußt du sterben,
Doch neues Leben stets von meinem Hauch erwerben.


42

Die Erde steht nie still auf ihrer Sonnenreise,
Du kannst nicht stille stehn in deinem Sterbekreise.

Du fernest dich von Gott, sobald du ihm nicht nahst,
Und fühlest deine Schuld, Herz, wann du Winter hast.


43

Was hat dich, Geist, vermocht aus Gott hervorzuwallen?
Er hat dich nicht verbannt, du bist nicht abgefallen.

Die Liebe nur hat dich, die Liebe dich vertrieben,
Er wollte, daß er dich, daß du ihn könntest lieben.

Wärst du nicht außer ihm, wie könntst du suchen ihn?
Wär' er nicht außer dir, wie könnt' er an dich ziehn?


44

Warum oft glücklich statt des Guten sei der Böse?
Die Frage fragest du, und willst, daß ich sie löse.

Den Knoten lös' ich nicht, ich hau' ihn so entzwei:
Daß nie der Böse statt des Guten glücklich sei.

Er ist beglückt, wenn er ein Glück weiß zu verdienen,
Das einem Bessern nicht des Dienstes werth geschienen.

Er ist anstelliger, arbeitsamer vielleicht,
Und billig wird der Lohn dem Fleißigen gereicht.

Es ist der Erde Lohn, der mit ihm wird begraben;
Der Gute nur wird den des Himmels ewig haben.


45

Du sagst: „die Tugend darbt, indem das Laster prasset.“
Hast du der Tugend Werth so niedrig aufgefasset?

Ist Überfluß ihr Lohn? der Lohn ist überflüssig.
Die Tugend aber darbt mit Recht, wenn sie ist müßig.

Den Lohn der Arbeit, Brot, verdient der Bösewicht,
Wenn er die Meerflut pflügt, wenn er das Feld umbricht.

Willst du ihn, frommer Mann, verdienen, reg dich frisch!
Wo nicht, so nimm fürlieb mit Duft vom Göttertisch.

46

Der Weise sollte seyn ein König, und zum Lohne
Der Weisheit tragen sollt' er auf dem Haupt die Krone.

Doch soviel Weise giebts, wir hoffen's, in den Landen,
Daß Königstellen gnug dazu nicht sind vorhanden.

Auch Schade wär' es um den Weisen, wenn ein Kaiser
Er oder König würd', und bliebe nicht ein Weiser.

Doch sollt' ein König nur allein der Weise seyn,
Der's auch als König blieb, das Königthum gieng' ein.


47

Zusammen traten einst Gewalt und Macht und Stärke,
Gemeinschaftliche Hand anlegend einem Werke.

Mit Waffen die Gewalt, die Stärke mit dem Arm
Gerüstet, und die Macht mit einem Dienerschwarm.

Doch wäre nicht hinzu getreten auch die Kraft,
Wär' ihr gesammtes Werk geblieben stümperhaft.

Nur wenig richten aus Gewalt und Macht und Stärke,
O König, wo die Kraft des Geistes fehlt, das merke.

Denn göttlich ist die Kraft, und weltlich jene drei;
Was kann die Erde thun, steht nicht der Himmel bei!


48

Unköniglicher doch ist keine Eigenschaft
Als Misgunst, durch sie wird ein König bettelhaft.

Ein Bettler nur misgönnt dem andern ein Stück Brot,
Weil seinem Sack entgeht, was jenem dar sich bot.

Ein König aber braucht nichts einem zu misgönnen,
Weil er nicht selber braucht, was andre brauchen können.

Dem König stehet an und ziemet Gunst vor allen,
Und seine Ungunst mußt du lassen dir gefallen.

Doch seine Misgunst ist ein Dämon schadenfroh,
Der selber ihm misgönnt, zu werden gnadenfroh.


49

Die Untern bilden sich nach ihrer Obern Bilde,
Zu Dumpfheit oder Sinn, zu Herbheit oder Milde.

Die Weisen haben dis zur unbedingten Huldigung
Der Fürsten nicht gesagt, noch zu des Volks Entschuldigung.

Denn schlecht nicht müssen seyn, die schlechtes Muster haben,
Doch doppelt sündigen, die böses Beispiel gaben.


50

Ein Führer kräftigt sich am Anblick seiner Treuen,
Wie ihre Kräfte sich an seinem Blick erneuen.

Sie geben ihm Vertraun, und er gibt ihnen Muth,
Sein Gut gibt er für sie, und sie für ihn ihr Blut.

Er fühlt in seinem Arm von tausenden die Macht,
Und tausend Sinn' hat er auf einen Sinn gebracht.

Wo also Herr und Heer sich fühlet als ein Mann,
Kein Wunder ist es wenn der Wunder wirken kann.

Aus lockerm Staube wird ein Erdwall aufgeschüttet;
Sonst wehte weg ein Wind, was jetzt kein Sturm zerrüttet;

So fest und stark ist, was der Eintracht Kitt verküttet.

51

Wenn Du die Deinen führst, bist du ihr Fürst zu nennen;
Führst du zum Guten an, wer wird zum Schlechten rennen?

Selbstherrscher ist, wer sich beherrscht, sein eigner Obrer,
Und wer sich Herzen hat erobert, ein Erobrer.


52

Die leichtste Kunst für dich ist, Fürst, geliebt zu werden;
Nur liebreich brauchst du dich, nur menschlich zu geberden.

Viel schwerer fällt es euch, daß ihr verhaßt euch macht;
Und doch in dieser Kunst habt ihrs so weit gebracht.


53

Ein schlimmes Treiben ists, bei dem es nicht kann bleiben,
Wenn keiner bleiben will bei dem was er soll treiben;

Wenn jeder treiben will das was der andre treibt,
Nicht Schafe treiben will, weil jener Böcke treibt;

Nicht Mörtel reiben will, weil jener Farben reibt,
Nicht Zahlen schreiben will, weil jener Verse schreibt;

Nur höher treiben will, was jeder höher treibt,
Nicht unten bleiben will, wenn einer oben bleibt.

Ein schlimmes Treiben ists, bei dem es nicht kann bleiben;
Kein Bleiben ist im Land, wo sie es also treiben.


54

Ein Schlechtes ist, wenn kommt das Gute, leicht verdrungen;
Ein Leidliches nur wird vom Bessern schwer bezwungen.

Denn Welt und Leben macht nicht Ansprüch' unbescheiden;
Solang es leidlich ist, wie sollten wirs nicht leiden?


55

Das Mittelmäßige nur ist des Guten Feind,
Das Schlechte nicht, weil Schlecht und Gut sich nie vereint.

Das Schlechte läßt sich nie dem Guten ähnlich drechseln,
Sie sehn sich gar nicht gleich und sind nicht zu verwechseln.

Das Mittelmäßige dagegen, weil es zwischen
Gutem und Schlechtem liegt, droht beides zu vermischen.

56

Ein alter Weiser sprach: Den Mann mag's auch erbauen,
Mit rechtem Sinne sich im Spiegel zu beschauen.

Sieht er sein Antlitz schön, so denk' er, etwas fehle,
Wo nicht ein schöner Geist die schöne Form beseele.

Und wo Unlieblichkeit er sieht in seinen Zügen,
So hüt' er sich, hinzu unholden Sinn zu fügen.


57

Aus vier Grundstoffen ist gemischt die Körperwelt,
Die als Grundstimmungen dein Innres auch enthält.

Der Zorn ist eine Glut, dem heißen Feuer gleich,
Die Traurigkeit wie Flut des Wassers feucht und weich.

Die Lust ist wie die Luft, leicht, licht und wandelreich,
Die Furcht wie Erdengruft, schwer, dumpf und todtenbleich.

Laß deines Zornes Glut nie werden wilde Wuth;
Sie sei ein steter Muth im Kampf fürs höchste Gut.

Den Glutmuth dämpfe dir die Traurigkeit zur Demuth;
Schwimm, und verschwimm nur nicht, in Sehnsucht und in Wehmuth;

Im Weh' ist eine Wonn', und in der Lust ein Leid;
Die reinste Lebenslust ist Liebe ohne Neid.

Aus Furcht kommt Neid und Geiz und aller Selbstsucht Pein;
In deinem Herzen sei nur Gottesfurcht allein.


58

Das Wasser strebt hinab, das Feuer strebt hinauf,
Und zwischen beiden hat die Luft den stäten Lauf.

Die Erde aber ruht, geht weder auf noch nieder.
Das sind des Weltgebäus nothwendige vier Glieder.

Dieselben sind in dir; dein Wasser kommt von oben,
Und zu der Höhe hat dein Feuer sich erhoben.

Frei schwebet deine Luft, der Weltvermittlung Odem,
Und unerschütterlich ruht deiner Erde Bodem.


59

Die Erd' im Schwesterchor kann wohl mit ihrem Loße
Zufrieden seyn, und du sei's auch in ihrem Schoße!

Gemessen ist ihr Theil nach gutem Mittelmaße,
Sie wandelt, sich zum Heil, die goldne Mittelstraße;

Der Sonne nicht so fern, um wie Saturn zu frieren,
Noch wie Merkur so nah, um drin sich zu verlieren.

Du siehst am besten auch des Königs Angesicht,
Nicht ganz und gar entfernt, doch alzu nahe nicht.

Und wenn sie mit Gefolg wie Jupiter nicht schreitet,
So geht sie auch wie Mars nicht völlig unbegleitet.

Ihr einer treuer Mond genügt ihr zum Begleiter,
Und dir genügt ein Freund, du brauchest keinen weiter.


60

Sieh, wie in einem Wort die Zukunft du vereinst
Mit der Vergangenheit, in voreinst und dereinst.

Einmal gewesen ists, und einmal wird es seyn,
Das Glück, das niemals ist, es ist doch zweimal dein.

61

Ein Reich des Friedens ist, der Unschuld einst gewesen,
Und wieder wird vom Weh die Menschheit einst genesen.

Fern in der Zukunft steht und in Vergangenheit
Das Heil, und tröstet uns im Unheil dieser Zeit.

Gewis, es war einmal, und wird auch einmal werden,
Nur fragen läßt sich, ob im Himmel, ob auf Erden?

Dort gnügt' es selber mir zu meinem eignen Frommen,
Allein ich wünscht' es hier für die so nach mir kommen.


62

Das Sehn hat man umsonst, wenn nicht das Sprichwort lügt;
Verlust ist beim Besitz: wohl, dem das Sehn genügt!

Doch sagt ein andres Wort! Vom Sehn wird man nicht satt;
Wohl dem, der vieles sieht, und etwas eignes hat!


63

In jeder neuen Lag' ist freilich etwas schlimmer
Als in der alten, doch auch etwas besser immer.

Soll dir die neue Lag' erträglich seyn, so schlag
Das Beßre richtig an, das Schlimmre still ertrag.


64

Sind wir zum Lebensmahl berufen, um zu fasten?
O nein! da wäre schlimm bei unserm Wirthe gasten.

Zum Fasten lud uns nicht der Herr zu seinem Feste,
Er freut sich, daß des Mahls sich freuen seine Gäste.

Fürlieb nur nehmen sollt ihr, nicht euch übernehmen,
Verträglich jeder auch dem Nachbar sich bequemen,

Mit sinnigem Gespräch des Wirthes Tafel würzen,
Und wenn ihr satt seid, euch zum Abzug dankbar schürzen.


65

O Seele, glaub es nicht, was jene Denker sagen,
Beim Denken müße man sich des Gefühls entschlagen.

Gefühl ein Hindernis sei auf des Denkers Spur,
Und selbst das Schöne steh' im Licht dem Wahren nur.

Streng sei vom reinen Thun des Geistes auszuschließen
Der Sinn; alsob so Sinn und Geist sich trennen ließen!

Ich weiß nicht was sie so rein denkend vorgebracht,
Ich aber habe stets gefühlt, was ich gedacht.

66

Kind, lerne was du kannst, und frage nicht, wozu
Einst das Gelernte dient, für jetzo lerne du.

Das ist der Vorzug den die Jugend hat im Lernen,
Daß ihr das Was steht nah, und das Wozu im Fernen.

Dem Alter nachundnach muß dieser Muth verrauchen,
Zu lernen ohne Zweck, wozu es sei zu brauchen.


67

Wievieles Wasser fließt in einem Strom zusammen,
Und Holz wievielerlei geht auf in gleichen Flammen!

Wer zählt die Geister, die in einem Geist verschwammen?
Das Riesenkindlein saugt sich groß an vielen Ammen.

Aus welchem Welttheil die und jene Blumen stammen,
In einem Garten stehn sie alle schön beisammen.


68

Zwei Sonnenstrale, von der Sonne ausgegangen,
Vergaßen unterwegs, vonwannen sie entsprangen.

Und hätten sie es nicht vergessen, wären sie
Zur Sonne heimgekehrt, gelangt zur Erde nie.

Zur Welt gelangten sie, und wirkten da geschäftig,
Sonnenvergessen zwar, wirkten sie sonnenkräftig.

Da kamen sie sich nah in ihrem Wirkungskreise;
Wer bist du und woher? befragten sie sich leise.

Ich weiß es nicht, allein du scheinst ein Fremdling mir;
So bin ich einer auch, ich fühls, ich gleiche dir.

Und sind wir Fremdlinge, wo ist die Heimat nun?
Dahin zusammen laß uns doch die Reise thun. —

Der Sonn' Erinnrung gieng in beiden Stralen auf,
Und freudig Hand in Hand nahmen sie heim den Lauf,

Sich denkend unterwegs, daß jeder das gefunden
Im Blick des andern, was ihm selber war geschwunden.

Wie sollten sie vereint zur Sonne nicht gelangen,
Die hier dem einen schon im andern aufgegangen?


69

Du klagest, daß die Welt so unvollkommen ist,
Und fragst, warum? Weil du so unvollkommen bist.

Wenn du vollkommen wärst, wär auch die Welt vollkommen,
Die Unvollkommenheit wär ihr von dir genommen.

Sie will Vollkommenheit nur mit dir selbst empfahn,
Und du bist noch so weit zurück auf dieser Bahn.

Dank' ihr daß sie mit dir will halten gleichen Schritt,
Und spute dich, daß sie auch vorwerts kommt damit!


70

Den Körper mit dem Stein, das Leben mit der Pflanze,
Die Seele mit dem Thier theilst du, o Mensch, fürs Ganze.

Vor Pflanze, Thier und Stein hast du voraus den Geist,
Daß du ein Ganzes selbst, nicht nur fürs Ganze seist.

71

O glaube nicht, daß du nicht seiest mitgezählt;
Die Weltzahl ist nicht voll, wenn deine Ziffer fehlt.

Die große Rechnung zwar ist ohne dich gemacht,
Allein du selber bist in Rechnung mit gebracht.

Ja mitgerechnet ist auf dich in alle Weise;
Dein kleiner Ring greift ein in jene größern Kreise.

Zum Guten Schönen will vom Mangelhaften Bösen
Die Welt erlöst seyn, und du sollst sie miterlösen.

Vom Bösen mache dich, vom Mangelhaften frei;
Zur Güt' und Schöne so der Welten trägst du bei.


72

Daß unerreichbar hoch das Vorbild alles Guten
Und Schönen ob dir steht, das sollte dich entmuthen?

Ermuthen sollt' es dich, ihm ewig nachzustreben;
Es steht so hoch, um dich stets höher zu erheben.


73

Daß heilige der Zweck die Mittel, wird bestritten,
Wir aber müßen nur Scheinheiligkeit verbitten.

Der gute Zweck macht gut die Mittel, recht verstanden,
Weil wir nie guten Zweck durch schlechte Mittel fanden.


74

Der Geist des Menschen fühlt sich völlig zweierlei,
Abhängig ganz und gar, und unabhängig frei.

Abhängig, insofern er Gott im Auge hält,
Und unabhängig, wo er vor sich hat die Welt.

Vorm Vater unfrei fühlt sich so ein Sohn vom Haus,
Selbständig aber wohl, sobald er tritt hinaus.


75

Sechs Wörtchen nehmen mich in Anspruch jeden Tag:
Ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag.

Ich soll, ist das Gesetz, von Gott ins Herz geschrieben,
Das Ziel, nach welchem ich bin von mir selbst getrieben.

Ich muß, das ist die Schrank', in welcher mich die Welt
Von einer, die Natur von andrer Seite hält.

Ich kann, das ist das Maß der mir verliehnen Kraft,
Der That, der Fertigkeit, der Kunst und Wissenschaft.

Ich will, die höchste Kron' ist dieses, die mich schmückt,
Der Freiheit Siegel, das mein Geist sich aufgedrückt.

Ich darf, das ist zugleich die Inschrift bei dem Siegel,
Beim aufgethanen Thor der Freiheit auch ein Riegel.

Ich mag, das endlich ist, was zwischen allen schwimmt,
Ein Unbestimmtes, das der Augenblick bestimmt.

Ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag,
Die sechse nehmen mich in Anspruch jeden Tag.

Nur wenn du stets mich lehrst, weiß ich, was jeden Tag
Ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag.

76

Bei seinem Vater hat das Kind nicht lernen wollen,
Und in die Schule schickt' er es mit Liebesgrollen.

Da schnarchte streng es an der Lehrer, der es lehrte,
Daß zu des Vaters Lehr' es bald zurück begehrte.

In seine Lehre nahm der Vater es zurück,
Und nun gewitzigt lernt es fleißig und mit Glück.


77

Ihr sagt, den Glanz des Lichts zu höhen dient der Schatten;
Und für die Körperwelt will ich euch das gestatten.

Doch für die Geisterwelt was soll des Bösen Schatten,
Der nie dem reinen Licht des Guten sich kann gatten?

Ohnmächtig scheint die Kraft des Lichtes zu ermatten,
Das nicht in seinen Glanz auflösen kann die Schatten.

Wie aber könnten sich ins Licht auflösen Schatten,
Nachdem sie selber sich verstockt dagegen hatten?

Wer löst den Widerspruch? Ein Ausweg kommt zu Statten:
Licht wird er nicht, es wird in sich zunicht der Schatten.

In Selbverzehrung wird des Bösen Grimm ersatten;
Rein bleibt des Guten Licht, wo blieb des Bösen Schatten?


78

Begreif, o Sohn, der Mensch ist eine kleine Welt,
Enthaltend alles was die große nur enthält.

Doch wie am Spiegelbild sich Rechts und Links umkehren,
So gilt für Mensch und Welt Verschiedenheit der Lehren.

Wenn Freundschaft Einheit ist, wenn Feindschaft ist Entzweiung,
So hilft die Feindschaft erst dem Leben zur Befreiung.

Sie bricht, daß Vieles sei, das starre Eins entzwei;
Verschieden ist was lebt, der Tod ist einerlei.

Du laß im Reich der Welt die hehre Zwietracht walten,
Und lern' in deinem Zelt ihr Gegenbild entfalten.

Laß aus der Kräfte Kampf des Lebens Fülle sprießen,
Um Frieden still mit dir und Gott und Welt zu schließen.


79

Beglückt der Weise, der ein kluges Weib gefunden,
Die den genügenden Beruf darin empfunden,

Mit Sinnigkeit das Haupt des Sinnenden zu kränzen,
Den himmlisch strebenden auch irdisch zu ergänzen,

Der Sorge vorzustehn des Hauses und der Zeit,
Daß seine Sorge sei nur Welt und Ewigkeit.


80

Verstand ist vom Verstehn, Vernunft ist vom Vernehmen;
Die beiden brauchen sich nicht ihres Stamms zu schämen.

Verstanden haben zwar ist mehr als blos vernommen,
Ein unverstandenes Vernommnes kann nicht frommen.

Doch kann der Mensch verstehn nur was er recht vernahm,
Was ihm von außen her, was ihm von oben kam.

81

Unendlich fühlest du dich in dir selbst, doch endlich
Nach außen hin, und bist dir selber unverständlich.

Versteh! Unendliches und Endlichs, das dir scheint
So unvereinbar, ist durch Eines doch vereint.

Du bist ein werdendes, nicht ein gewordnes Ich,
Und alles Werden ist im Widerspruch mit sich.

Unendliches, das wird, muß endlich sich geberden,
Und Endlichs will, indem es wird, unendlich werden.


82

Wenn du das Höhere vom Niedern völlig trennst,
Nur jenes wahres Seyn, dis nicht'ge Täuschung nennst,

So wird, emporgerückt, dir jenes fern erblassen,
Und dis, herabgedrückt, dir scheinen gottverlassen:

Du wirst, was dich umgibt, als zu gering verachten,
Als unerreichbar doch das, was dir fehlt, betrachten.

Dann macht die Wirklichkeit, wie du sie mögest schelten,
Ihr Recht auf dein Gefühl nur um so derber gelten;

Und jenes Ideal, wie hoch du's mögest preisen,
Wird als ein Schattenbild unwirksam sich erweisen.

So wird das eine dir durchs andere zunichte,
Und deinem Bilde fehlts am Schatten wie am Lichte.

Drum rath' ich dir, so ganz die zwei nicht zu entzwein;
Ersprießlich ist dir nur von beiden der Verein.

Du siehst, wie jeder Baum zum Sprießen haben muß
Den Wipfel frei im Raum, im Boden fest den Fuß.

Was du im Himmel schaust, das bring zur Erd' heran;
Und was im Grund du baust, laß streben himmelan.

Du magst an einer Frucht wol Kern und Schale trennen,
Doch jeder mußt du Kern und Schale zuerkennen.

Heil dir, wenn sich der Kern dir zum Genusse beut!
Doch ists kein Schade, wenn dich auch die Schal' erfreut.


83

Den körperlosen Geist mit schönem Körperschein
Bekleiden, ist von Kunst die eine Seit' allein.

Die andre Seite ist, den Leib zu Geist verklären,
Das Bild das sinnliche zum Sinnbild umgebären.

Beim halben Dichter läßt sich eins vom andern scheiden;
Ein ganzer ist, wer ungetrennt vereint die beiden.


84

Das Gold der Menschheit wird beständig umgeprägt,
Fürst aber ist, wer Geld auf seinen Namen schlägt,

Im Reich des Geistes auch, nur daß er nicht so scharf,
Wie jeder weltliche, Falschmünzer strafen darf.


85

Das Böse hat nicht Macht, die Welt zu Grund zu richten,
Denn nichtig ists in sich, und kann nur sich vernichten.

Doch seine Wirkung kann es mittelbar erstrecken,
Der bösen Seuche gleich, Gesundes anzustecken.

Mittheilen kann sein Gift den Hang der Selbstzerstörung;
Kein Weiser halte sich gesichert vor Bethörung.

Hier ist die Leidenschaft, die selbst ihr Leiden schafft,
Und dort der Zweifel, der hin zur Verzweiflung rafft.

Das ist die Doppelform der Selbstzerstörungswuth;
Dagegen ist gering, was Welt und Zeit dir thut.

86

Trägt jeder doch genug! soll er nun helfen tragen
Den andern auch, und sich mit ihrer Plage plagen?

Selbst hilfst du ihnen nicht, wenn du dich plagst mit ihnen,
Allein mit beßrer Hülf' und leichtrer kanst du dienen:

Zeig' ihnen an dir selbst, daß nichts die Plage sei,
Daß, wenn sie wollen, sie davon wie du sind frei.


87

Warum das große Ich der Menschheit sich gespalten
In viele kleine, die uns auseinander halten?

Daß auseinander sie uns halten, statt zusammen,
Ist Schuld der Einzelnen, die aus dem Einen stammen;

Daß sie in Einzelheit die Einheit nicht behüten,
Wie einen Blütenbaum ausmachen alle Blüten:

So sollten, ohne daß sie ineinander schwammen,
Die Eine Glut beseelt, auch ineinander stammen;

Ein Baum der Weltvernunft, verzweigt in seine Ranken,
Sich denkend Eines Geists einträchtige Gedanken;

Wo jeder göttliche Gedanke wär' ein Glanz
Für sich, doch erst ein Licht zusammen alle ganz.

Annäherung dazu ist jedes Geistes Macht,
Der alles denket nach, was andre vorgedacht,

Der selber denket vor, was nach ihm fort sich denkt,
In jede Denkform sich, und jed' in sich versenkt.

Vorahnend löst sein Geist der Geister Widerspruch,
Wie Frühling Wald und Feld in Einen Wohlgeruch.


88

Wenn du ans Göttliche stets halten willst dein Streben,
Wie kanns davor bestehn? du mußt es ganz aufgeben.

Doch, ist vom Göttlichen dein Streben abgekehrt,
So hats gar alle Kraft verloren, allen Werth.

In einer Mitte nur von fern und nah gewannst
Du einen Standpunkt, wo du etwas willst und kannst.

So hat dich Gott gestellt, und läßt dich wirken gerne
Dein Werk, und wirkt durch dich, dir nah zugleich und ferne.

Sowie ein Wandelstern die Kraft der Sonne braucht,
Der er sich nicht entzieht, und nicht hinein sich taucht.


89

Wenn dich der Unmuth plagt in deiner Einsamkeit,
Trag unter Menschen ihn, und sei davon befreit.

Du siehst, sie sind vergnügt; warum willst du dich grämen?
O Schande, wenn sie dich an Lebensmuth beschämen.

Sie leiden und sind still, laß dirs zur Lehre dienen;
Und klagen sie wie du, so tröste dich mit ihnen.

Nicht nur von Starken fühlt der Schwache sich gestärkt,
Er selber fühlt sich stark, wo er noch schwächre merkt.


90

Du sagst, nothwendig hat das Beste Gott gemacht,
Nicht besser konnte seyn die Welt hervorgebracht.

Denn dem Allmächtigen, Allgütigen, Allweisen,
Geziemt das Beste nur aus des Denkbaren Kreisen.

Nicht einmal willst du ihm, dem Allerfreisten, gönnen
Die Freiheit, daß ers auch hab' anders machen können!

Ich aber sage dir, was mir ein Dichter sagte,
Den ich um den Verhalt des höchsten Dichters fragte.

Er sprach: die Laien hält ein Vorurteil gebunden,
Wenn ein vollkommnes Werk sie haben vorgefunden,

Zu meinen, daß es gar nicht anders könne seyn,
Und sich am ganzen Bau nicht rücken lass' ein Stein.

Am Bau, dem fertigen, ist freilich nichts zu rücken,
Doch zur Verfertigung gab es gar viele Brücken.

Und jeder Dichter weiß, wie gut ihm so die Sachen
Gelungen, daß er sie auch anders konnte machen.

Und macht' er anders sie, ihr stimmtet wieder bei,
Daß dis das Best', und gar kein andres möglich sei.

Gott der nach seiner Wahl hier macht' ein Bestes so,
Ein andres Bestes macht er irgend anderswo.

91

Der Maler in der Nacht sehnt sich dem Tage zu,
Denn was er malen soll, läßt ihm nicht Rast noch Ruh.

Er kann es in der Nacht bei Kerzenschein nicht malen,
Denn sein Gebilde soll von Lebensfarben stralen.

Laß ihm den Tag aufgehn, und einen hellen Tag!
Weil er am trüben auch nichts helles malen mag.


92

Mein Goldschmidt, in Geduld mußt du die Zeit erwarten;
Die Knappen laß im Berg erst machen ihre Fahrten.

Im Hüttendampfe laß Pochjungen wacker pochen,
Und im Hochofen rein das Erz aus Schlacken kochen.

Hier gilt die derbe Faust statt feiner Fingerspitze,
Und vorarbeiten muß Handwerkerfleiß dem Witze.

Wo ihr Beruf erlischt, beginnet deine Sendung;
Sie liefern dir den Stoff, du gibst ihm die Vollendung.


93

Wenn es nicht weiter geht, gelobt sei Gottes Macht!
Manch besserer als du hats nicht soweit gebracht.

Und wenn es weiter noch soll gehn, in Gottes Namen!
Solang ich vorwerts soll, läßt er mich nicht erlahmen.


94

Mich freuts am Abend nicht, daß mir manch Lied entsprungen;
Mich freuts nur, wenn ich weiß, daß keines mir mislungen.

Was thuts, wenn keins entsprang? doch wenn nur eins mislang,
Mit diesem muß ich dann mich plagen tagelang.

Ich kann ihm nicht entziehn das Leben, ihm verliehn;
Das misgeborne Kind, ich muß es doch erziehn.


95

Am Schönen fehlt es nicht, fürs Schöne nicht am Sinn
Warum wird nie der Welt das Schöne zum Gewinn?

Das Schöne, wie der Sinn dafür, ist so zerstreut,
Daß selten eines sich des andern recht erfreut.

96

Sie sagen dir, nichts sei wie Eigenlob zu hassen:
Uns sollst du loben, und von uns dich loben lassen!

Doch wenn du sie nun lobst, daß sie dich wieder loben,
Und sie dich preisen, um von dir zu seyn erhoben;

Ist dieser Eigenruhm, weil er umständlicher
Geworden ist, darum ein minder schändlicher?

Ihr habet nur das Amt einander zugeschoben,
Einer den andern, statt jeder sich selbst, zu loben.


97

Das Übel ist bestrebt sich selbst zu überwinden,
Denn nur das Übel lehrt den Menschen Künst' erfinden;

Das aber ist der Zweck von Kunst und Wissenschaft,
Dem Übel in der Welt zu brechen Spitz' und Kraft;

Aus der Nothwendigkeit und des Naturzwangs Ketten
Den Menschen ins Gebiet der Freiheit hinzuretten.

Durch Kunst und Wissenschaft ist er soweit entronnen,
Hat durch sie der Natur soviel schon abgewonnen;

Durch Übung mehr und mehr wird er derselben Meister,
Bis endlich wird sein Geist beherrschen ihre Geister.


98

Das zu entwickeln, was Gott in den Keim gelegt,
Ist des Erziehers Amt; wohl, wenn ers recht erwägt!

Du kanst mit deinem Geist auf einen Geist einfließen,
Um, wie den Pflanzenkeim die Sonn', ihn aufzuschließen.

Das Licht entwickelt zwar nur was im Keime lag,
Doch ohne Licht wärs nicht gekommen an den Tag.

So kanst du auch ins Herz, was drin nicht liegt, nicht legen,
Doch jenachdem du es anregest, wird sichs regen.

Nur ist ein wirklicher, der unentwickelt blieb,
Bei weitem vorzuziehn falschangeregtem Trieb.

Denn Unentwickeltes kann später sich entfalten,
Doch Falschentwickeltes steht fest in Misgestalten.


99

Zum Unbedingten, das nicht hier ist bei den Dingen,
Ringt, o bedingter Geist, dein unbedingtes Ringen,

Denn von den Dingen weist dich ein bedingtes fort
Zum andern, und zuletzt zum Unbedingten dort.

Im Unbedingten dort, in welchem die Bedingung
Alles Bedingten ruht, ist deiner Ruh Erringung;

Im Unbedingten, das, indem es sich bedingt,
Die Dinge und hervor dich selbst, Bedingter, bringt.

Das Unbedingte hat sich selbst hervorgebracht,
Bedingter Geist, in dir, indem du's hast gedacht.


100

Das ist nicht Weisheit, die nur sich für Weisheit hält,
Und sich in fremder Blöß' Entdeckung wohlgefällt.

Einseitig ist und war die Weisheit aller Weisen;
Du wirst Allseitigkeit nicht als dein Vorrecht preisen.

Jedweder Mensch ist doch nur eine von den Seiten
Der Menschheit, welche sich ergänzen und bestreiten.

Auch eine bist du nur; daß du dich still ergänzest
Mit andern, nützt dir mehr, als daß du streitend glänzest.

101

Des armen Menschen Glück ist meistens ein Vermeiden
Des Unglücks, seine Lust Abwesenheit der Leiden.

Verderben droht, und weicht, frei hebt er seine Brust,
Das nennt er dann sein Glück, das nennt er seine Lust.


102

Hat doch jede Geburt des Lebens ihre Wehn!
Sie sind zu überstehn, weil sie vorübergehn.

O wäre jedes Glück mit Schmerzen nur geboren,
Nicht einst mit schmerzlichern Gefühlen auch verloren!


103

Auch dieses biet' ich dir, o Herr, zum Opfer an,
Was, wenn dus forderst, ich ja nicht verweigern kan.

Allein verschweigen kann ichs weder mir noch dir:
Nimm die Willfährigkeit, und spar das Opfer mir!


104

Laß über dich ergehn, was du nicht kanst abhalten,
Des Zeitensturmes Wehn, der Schicksalsmächte Walten.

Sie haben dir herbei gewehet mancherlei,
Und wehen es hinweg, alsob nicht dein es sei.

Sie haben selber dich geblasen her, von wannen?
Und rasten nicht bis sie dich hauchten auch von dannen.

Von deines Lebens Laub ist Blatt auf Blatt entzittert,
Und endlich ist der Stamm der morsche selbst zersplittert.


105

Dich trägt Erinnerung zu deiner Kindheit Schwelle,
Den vollen lauten Strom zurück zur stillen Quelle.

Dort aber angelangt, begehrst du weiter nur
Zu dringen, und verlierst im Dunkel bald die Spur.

Und nur die Sternenschrift im Dunkeln kanst du lesen:
Du warest eh du warst, und bleibst wann du gewesen.

Alswie aus einem Traum erwachtest du, geboren,
Und fandest eine Welt, wie eine du verloren.

Du sahest sie vor dir sich wechselnd umgestalten,
Und lerntest deine Kraft im Kampf mit ihr entfalten.

Sovieles kam und gieng; laß alles gehn und schwinden!
Du wirst dich anders stets, und stets denselben finden.

106

Ich finde dich, wo ich, o Höchster, hin mich wende;
Am Anfang find' ich dich, und finde dich am Ende.

Dem Anfang geh' ich nach, in dir verliert er sich;
Dem Abschluß späh' ich nach, aus dir gebiert er sich.

Du bist der Anfang, der sich aus sich selbst vollendet,
Das Ende, das zurück sich in den Anfang wendet.

Und in der Mitte bist du selber das was ist;
Und ich bin ich, weil du in mir die Mitte bist.


107

Du bist der Widerspruch, den Widersprüche loben,
Und jeder Widerspruch ist in dir aufgehoben.

Die Widersprüch', in die sich die Vernunft verstrickt,
Zergehn, und sie zergeht, wo dich der Geist erblickt.

Die Welt ist nicht in dir, und du bist nicht in ihr;
Nur du bist in der Welt, die Welt ist nur in dir.


108

Ein herrliches Gefühl ist es, in sich empfinden,
Wie Lichter tauchen auf, und dunkle Wolken schwinden;

Obauch der Lichter Glanz nicht mag zu sehn gestatten,
Und von den Wolken noch geblieben sind die Schatten:

Du kniest am Heiligthum der halbenthüllten Wahrheit,
Und siehst vertrauenvoll entgegen voller Klarheit.


109

Ohn' einen höchsten Gott und ohn' ein künft'ges Leben,
Sagst du, sei kein Gesetz der Sittlichkeit gegeben.

Doch die Geschichte sagt, daß, in die Brust geprägt,
Das sittliche Gesetz sich selber hält und trägt.

Wer dort es eingeprägt, kann freilich Gott nur seyn,
Und für dis Leben nicht ists eingeprägt allein.

Doch kann vergessen seyn, wozu er es gegeben,
Vergessen, der es gab, und das Gesetz doch leben.

So sind von Gott bedacht, auch die ihn nicht erkennen,
Und ehren seine Macht, auch wenn sie's anders nennen.


110

Nicht darum sollst du dich verbunden halten, Kind,
Zu Handlungen, weil sie von Gott geboten sind.

Vielmehr als göttliches Gebot sei das empfunden
Von dir, wozu du dich fühlst innerlich verbunden.

Was ist der Unterschied? dort mußt du andern glauben,
Hier glaube nur dir selbst, und nichts kann dich dir rauben.

111

Thu recht und schreibe dir nicht als Verdienst es an,
Denn deine Schuldigkeit allein hast du gethan.

Thu's gern! und wenn dir das nicht zum Verdienst gereicht,
Gereicht dirs doch zur Lust, daß dir die Pflicht ward leicht.


112

Heil, wenn das Gute du aus freiem Triebe thust,
Und das Gesetz erfüllst, weil es ist deine Lust.

Dann fühlest du allein nicht des Gesetzes Zwang,
Wenn du's verwandelt hast in deines Herzens Drang.


113

Mein wandelbares Ich, das ist und wird und war,
Ergreift im Dein'gen sich, das ist unwandelbar.

Denn du bist, der du warst, und bist, der seyn wirst, du!
Es strömt aus deinem Seyn mein Seyn dem deinen zu.

Ich hätt' in jeder Nacht mich, der ich war, verloren,
Und wär' an jedem Tag, als der nicht war, geboren,

Hätt' ich mich nicht, daß ich derselbe bin, begriffen,
Weil ich in dir, der ist, bin ewig inbegriffen.


114

Du fragst, was ist die Zeit? und was die Ewigkeit?
Wo hebt sich Ew'ges an, und hebet auf die Zeit?

Die Zeit, sobald du sie aufhebst, ist aufgehoben,
Wo dich das Ewige zu sich erhebt nach oben.

Die Zeit ist nicht, es ist allein die Ewigkeit,
Die Ewigkeit allein ist ewig in der Zeit.

Sie ist das in der Zeit sich stets gebärende,
Als wahre Gegenwart die Zeit durchwährende.

Wo die Vergangenheit und Zukunft ist geschwunden
In Gegenwart, da hast du Ewigkeit empfunden.

Wo du Vergangenheit und Zukunft hast empfunden
Als Gegenwart, da ist die Ewigkeit gefunden.


115

Wo schließet sich der Raum, und stehet still die Zeit?
Wo endet hier und dort sich die Unendlichkeit?

Dort endet sie in Gott, hier endet sie in dir;
Der Schein Unendlichkeit steht zwischen dort und hier.

Den Schein, der zwischen dir und Gott steht, räume fort,
Und einfällt Raum und Zeit, dein hier ist ewig dort.

116

Was ich geworden bin, bin ich durch dich geworden;
Du ordnest um dich her nach Wahl der Geister Orden.

Den einen ziehst du vor, und stellest den zurück,
Und dieser auch entbehrt nicht sein bescheidnes Glück.

Der, welchen du erhöhst, wird von der Welt erhoben,
Und der am tiefsten steht, kann dich den Höchsten loben.

Den einen führest du des Kampfes rauhe Bahn,
Den andern hebest du auf Flügeln leicht hinan.

Nicht soll sich der des Kampfs, noch der des Fluges brüsten;
Du mußtest den mit Kraft, und den mit Schwingen rüsten.

Und keiner brüsten soll vor keinem sich der beiden;
Bewundern will ich den, und diesen nicht beneiden.

Ich seh gleichhoch gestellt sie auf verschiednen Höhn;
Erhaben ist der Kampf, und Götterglück ist schön.

Preis dem, der seine Kraft, dem, der sein Glück erkennt,
Und sie nicht sein, sie dein, dankbar erkennend, nennt.


117

Gott, der Luftwassererdundfeuergeister schuf,
Gab jedem eignen Sinn und eigenen Beruf.

Den Menschen schuf er nicht aus Fluten noch aus Flammen,
Aus Lufthauch noch aus Staub, aus alle dem zusammen.

Du kanst bald diesem Geist, und jenem bald verfallen,
Doch Aller Einheit sollst du seyn, nicht eins von allen.


118

Zunft und Vernunft, mein Sohn, sind leider zweierlei,
Doch unsre Aufgab' ist, zu einigen die Zwei.

Mein Sohn, in keiner Zunft ist die Vernunft zwar zünftig,
Doch seyn soll die Vernunft in jeder Zunft vernünftig.


119

Abhängig von der Welt mußt du dich nicht betrachten,
Doch auch nicht gegen deins das Recht der Welt verachten.

Nicht du lebst und die Welt ist todt, nicht lebt die Welt
Und du bist todt; ihr seid zwei Leben gleichgestellt.

Magst du dich nun als Mann, sie sich als Weib verhalten;
Mag weiblich dein Gemüth, der Weltgeist männlich walten:

Es sei nun, daß in dir die Welt sich eingebar,
Es sei, daß du in ihr dich selber stellest dar;

So wirst du hier als Mann ins Weltgetriebe greifen,
Und dort in stiller Brust der Welt Geheimnis reifen.

Drum soll einander Held und Dichter nicht beneiden,
Denn nur verschieden ist die Welt verklärt in Beiden.


120

Vom Thurme wird erzählt, den einst die Menschen bauten,
Als sie auf eigne mehr dan Gottes Kraft vertrauten;

Wie Gott, aufdaß er sie im kühnen Bauwerk irrte,
Die Sprachen wunderbar der Bauenden verwirrte;

Sodaß nach manchem Streit sie endlich räthlich fanden,
Auseinander zu gehn, weil sie sich nicht verstanden:

Da griff zu guter Letz jeder nach seinem Sack,
Und alle zogen sie nun ab mit Sack und Pack;

Davon, wie vielfach nun gesprochen und geschrieben
Die Sprachen seien, ist in jeder Sack geblieben:

Denn jeder hat, so groß ist Eigennutzes Macht,
Als alles er vergaß, an seinen Sack gedacht;

Und keiner hat seitdem in seines Lebens Plack
Vergessen den vom Thurm mit heim gebrachten Sack.

121

Wie wenig wissen doch die Menschen sich zu sagen
Des sagenswerthen, die sich in Gesellschaft plagen.

Alsob erträglicher dadurch die Langeweile
Dem einen sei, daß er sie mit den andern theile.

Wo Ungelehrte unerträglich thun gelehrt,
Da thun Gelehrte nun gar kläglich ungelehrt.

Nur selten im Gespräch entwischt ein guter Spruch,
Weil jeder, was er weiß, spart lieber für ein Buch.


122

Du bist nur halb, o Mensch, wie dich hervorgebracht
Hat die Natur, und halb, wie du dich selbst gemacht.

Sie hat den festen Grund gelegt, an den du rühren
Nicht darfst, dir aber bleibt der Bau drauf auszuführen.

Bei jenem kanst du nichts, bei diesem alles thun,
Und dieses ist genug, um träge nie zu ruhn.

Nie ruhe, bis du gut das was du schlecht gemacht
An dir, und was du falsch gemacht, hast recht gemacht.

Dazu ists nie zu früh, dazu ists nie zu spät;
Denn stets im Werden, bist du nie geworden stät.


123

Oft hab' ich umgestimmt die Saiten meines Psalters
Im Wechsel meiner Zeit und meines Lebensalters.

Nun tönen sie voll Ernst, und wer da will, entscheid' es,
Ob Alter oder Zeit dran schuld sei, oder beides.

Die Zeit ist ernst sogar der jugendlichen Schaar,
Wie mehr noch einem, dem mit ihr gebleicht das Haar.


124

Wer Anmuth, Freundlichkeit, Gefälligkeit und Milde
Nicht braucht in seinem Haus, doch draußen führt im Schilde,

Mit diesen Tugenden ist er nicht reich bedacht,
Weil er zum Feierkleid und Festtagschmuck sie macht.

Er sucht nur vor der Welt mit seinem Flitterputze
Zu glänzen, und daheim geht er in seinem Schmutze.


125

Wer gar nicht scherzen kann, der ist ein armer Mann,
Und nur noch ärmer ist, wer nichts wan scherzen kann.

Schwach ist ein Ernst, der stets vorm Scherz ist auf der Hut,
Und schwächer noch ein Scherz, der nicht auf Ernste ruht.

126

Die Eitelkeit der Welt erkennen, ist nicht schwer,
Denn die Erkenntnis drängt von allen Seiten her.

Doch nur die bessere Erkenntnis macht dich frei:
Daß in der eitlen Welt dein Seyn nicht eitel sei.

Die Eitelkeit der Welt mußt du an dir erfahren,
Um deine höhere Bestimmung zu gewahren.

Nie, wie du gnügsam seist, thut dir die Welt genug,
Bis von ihr nahm dein Geist zum Himmel seinen Flug.

Dann wirst du gern der Welt die Eitelkeit vergeben,
Die dir ein Strebepunkt geworden zum Erheben.


127

Ist da die Welt für mich? bin ich da für die Welt?
Für Beute hielt ich sie, die mich für Beute hält.

Als ich zu meinem Raub zu machen sie gedachte,
Erkannt' ich, daß sie mich zu ihrem Raube machte.

Rückgeben kann ich nicht, was ich von ihr genommen,
Und nicht rückfordern, was sie hat von mir bekommen.

Ihr vorenthalt' ich nichts, die nichts mir vorenthält;
Die Welt ist da für mich, ich bin da für die Welt.


128

Die Jugend war mir trüb umwölkt durch meine Schuld,
Und daß mein Alter nun hell ward, ist Gottes Huld.

Wie dürft' ich gegen dich mit meinen Gaben prahlen?
Nie kann ich meine Schuld, nie deine Huld bezahlen.


129

Der Himmel ist so voll von Sternen nah und fern,
Von allen welcher wol ist meines Glückes Stern?

Ich wünschte, daß einmal ich meinen Glückstern sähe,
Und daß kein Unglückstern auch stünd' in seiner Nähe.

Nun, ist es mir versagt, den guten zu entdecken,
So ist mirs auch erspart, vorm bösen zu erschrecken.


130

Den einen siehst du nie, doch steht er dir zur Seiten,
Den andern siehst du stets, der immer steht vom weiten.

Was steht am fernsten dir? dein Wunsch in der Erfüllung:
Und was am nächsten, Mensch? dein Tod in der Verhüllung.

131

Die Seele vom Genuß, o Freund, ist dessen Kürze;
Die Furcht des Todes ist des Lebens scharfe Würze.

Ein Thor klagt überm Schmaus, daß er zu früh sei aus;
Ein Weiser ißt sich satt, und geht vergnügt nach Haus.


132

Kein Kranker läßt vom Arzt das Leben sich absprechen,
Kein Dichter über sich den Stab vom Richter brechen.

Ein jeder hat ein Recht zu leben wie er kann,
Zu stümpern wie er mag ein Recht auch jedermann.


133

Von Freunden sagt man dir, die mit dem Glücke kämen,
Mit ihm verweileten, und mit ihm Abschied nähmen.

Die falschen heißen sie, dagegen in der Noth
Der wahre kommt, der dir Hülf' oder Trost doch bot.

Glaub nur den Weisen, was sie tadeln oder loben,
Doch mögest du an dir die Weisheit nie erproben.

Nie brauchen mögest du den leidigen getreuen,
Stets mit den falschen dich, den fröhlichen, dich freuen.


134

Die Welt versprach dir nichts, mach' ihrs nicht zum Verbrechen,
Du mußt dir selber nicht zuviel von ihr versprechen.

Warum belügst du dich, sie habe dich belogen?
An ihr betrogst du dich, sie hat dich nicht betrogen.


135

Das Gute mußt du hin, wo's angewandt ist, wenden;
Wo sie ist wohlgethan, mußt du die Wohlthat spenden.

Denn mancher schlechte hat so einen schlechten Magen,
Was wohl dem Guten thut, das kann er nicht vertragen.

136

Was, Dichter, suchst du? Ruhm? „Wen reizt die Seifenblase?“
Reichthümer? „Hätt' ich auch Lust am gefärbten Glase?“

Mitwirkung in der Zeit? „Ich bin nicht deren Sohn.“
Der Geister Bildung? „Sie sind überbildet schon.“

Was also suchest du? dir selber zu genügen?
„Mich mit dem Schein, als thu' ich etwas, zu betrügen.“


137

Du ruhest weichgepfühlt am Ufer strombespült,
Dich schläfert ein die Flut, die leis dich unterwühlt.

Dich schaukelt Sommerluft, umgaukelt Blütenduft,
Und losgerissen trägt dein Bette dich zur Gruft.

Sollt' ich erwecken dich, um zu erschrecken dich?
Schwimm hin, und sanft im Traum die Flut soll decken dich.


138

Erwirb ein Gut, daß du es einem Erben lassest,
Und einen Namen, der ihn schmückt, wann du erblassest.

Wie wenig, was ein Mensch von dieser Welt genießt,
Wenn seine Spanne Zeit die Zukunft nicht umschließt.

Genießen wird dein Kind, was du nicht hast genossen;
In diesem Traume sind die Augen sanft geschlossen.


139

Du klagest: Was ich dort dem Mann hab' angetragen,
Er hats nicht zugesagt, und hats nicht abgeschlagen.

Und fragest: Soll ich nun damit zufrieden seyn?
Frag' ich noch einmal, daß er Ja sag' oder Nein?

Ja, wenn das harte Wort du ohne Herzverdruß
Kanst hören, mach ihm den, daß er es sagen muß.


140

Wie wirst du beide los, die dich zudringlich plagen?
Sag jedem: schon hab' ichs dem andern abgeschlagen;

Und wenn ichs dir gewährt', er würd' es übel nehmen.
So werden alle zwei zum Abzug sich bequemen.

141

Wer ist beglückt? wers wähnt. Wer unbeglückt? wers glaubt.
Vom Glauben wird die Welt geschenkt dir und geraubt.

Wenn er den Starken lähmt, und wenn er stärkt den Schwachen,
Wird er zum König den, zum Bettler jenen machen.

Die Erde dienet ihm, und ist ihm unzulänglich.
Denn ihm allein ist nicht der Himmel unzugänglich.

Er tritt mit Zuversicht vor Gottes Angesicht,
Und weiß gewis, daß er bestehn wird im Gericht.


142

Wenn gelten zwischen zwein die Freundschaft soll und taugen,
Im Bunde müßen seyn die beiden wie zwei Augen.

Wohin das eine zielt, dahin das andre spielt,
Und selber schielen wird dis mit, wenn jenes schielt.


143

Wär' es mit einem dir mislungen oder zweien,
Du könntest sagen, daß sie schuld am Zwiespalt seien.

Da es mit mehreren, mit allen dir mislingt,
Wie kannst du zweifeln, daß die Schuld aus dir entspringt?


144

Wer vom gebahnten Weg im Unverstand abirrt,
Und sich im Waldgeheg des Eigensinns verwirrt,

Dann klagt, daß überal sich Schwierigkeiten finden,
Und niemand weg sie räumt, der ist wol gleich dem Blinden,

Der von dem Sehenden sich nicht will lassen leiten,
Und lieber auf gut Glück und seine Fahr hinschreiten,

Bald tritt in einen Dorn, bald stößt an einen Stein,
Bald in den Graben fällt, bald stolpert über'n Rain,

Hier rennt an einen Baum, dort wider eine Mauer,
Den Pflanzer hier verwünscht, und flucht dort dem Erbauer,

Und klagt, die Welt sei schief und jeder Weg verbaut,
Da er nur zwischendurch den graden Weg nicht schaut.


145

Lern' ohne Klagen, Herz, ein brennend Weh ertragen;
Der Kerze brennt der Kopf, doch hörst du nicht sie klagen.

Aus reinem Stoff gemischt, still brennt sie bis sie lischt;
Rein ist nicht Wachs und Docht, wenn sie im Brennen zischt.

146

Mein Sohn, wenn du gelangst zum Umgang schöner Frauen,
Mit Andacht lerne sie, mit Ehrerbietung schauen.

Leichtfertigkeit verübt am Heiligsten Verrath;
Denk an die Mutter, Sohn, die dich geboren hat.

Zu solcher Würde ist ein jedes Weib berufen;
Willst, kanst du, darfst du sie hinführen zu den Stufen?


147

Mein Sohn, gesteh ichs dir, daß ich vergessen habe
Gar manches nun als Greis, was ich gelernt als Knabe.

Nicht zur Entschuldigung gereicht dir das indessen;
Erst lernen mußt du's auch, eh du es darfst vergessen.


148

Wie durch Gewöhnung lernt das Aug' im Dunkeln sehn,
So lernt man Dunkles, durch Vertiefung drein, verstehn.

Des Geistes Augen gehn dir auf, und wunderbar,
Was nie schien einzusehn, scheint dir nun völlig klar.


149

Wer gerne thätig ist, hat immer was zu thun;
Kind, sage nie: Ich bin nun fertig und will ruhn.

Mit dem Nothwendigen wenn du schon fertig bist,
Doch bleibt dir etwas noch zu thun das nützlich ist.


150

Zu seinen Söhnen sprach ein König: Seid beflissen
Zu lernen jede Kunst und alle Art von Wissen.

Wenn ihr vielleicht es braucht, so ists ein Kapital;
Und wenn ihrs nicht bedürft, ein Schmuck ists allemal.

151

Wie trefflich ist gesagt das Wort des alten Weisen:
Mein Sohn, die Zunge ist von Fleisch, das Schwert von Eisen.

Laß deine Zunge nie das Amt des Schwertes führen;
Zweischneidig, spitz und scharf, das will ihr nicht gebühren.


152

Du bleibst in deiner Klaus' und gehst nicht aus dem Haus,
So blicke manchmal doch zum Fenster nur hinaus.

Und wenn zu deiner Würd' auch das sich nicht will schicken,
So laß die Welt zu dir manchmal durchs Fenster blicken.

Dein Fenster liegt so hoch, nichts Niedres schaut herein,
Am Tage nur die Sonn', und Nachts der Sterne Schein.

Was nicht die Sonne sieht, das werden Sterne sehn;
Und theilen sie dirs mit, so wird dir nichts entgehn.


153

Sei du die Traube nicht, o Herz, die unterm Laube
Sich birgt, damit der Dieb im Garten sie nicht raube.

Gefunden freilich hat sie unterm Laub kein Dieb,
Doch auch kein Sonnenstral, daher sie sauer blieb.


154

Wenn du die Nacht durchschläfst, bedarfst du keines Lichts,
Doch wenn du wachen mußt, ist nöthiger dir nichts.

Es ist ein Herzensfreund, der in Weltkümmernissen
Dich tröstet; möchtest du dis Licht im Dunkel missen?


155

Warum ich euch soviel Sinnbildliches berichte?
Weil Klein-Alltägliches nur so wird zum Gedichte.

Als Sinnbild muß man es für etwas Größres fassen;
Ein Großes an sich selbst darf man wie's ist nur lassen.

156

Dem müden Wandersmann ist doch die Nacht willkommen,
Die den bestaubten Stab ihm aus der Hand genommen.

Und wenn das Leben nun ist eine Wanderreise,
Was freuet Lebende der Tod nicht gleicherweise?

Den Wandrer freut die Nacht, nur wenn er ist am Ziel,
Auf halbem Wege nicht wenn sie ihn überfiel.

Die meisten fürchten sich darum vorm Tod vielleicht,
Weil sie des Lebens Ziel noch haben nicht erreicht.


157

An Schönes, Wahres hat uns oft ein Traum gemahnt,
Was nicht in seinem Schatz der wache Geist geahnt.

Doch Falsches, Hässliches auch hat er angedeutet,
Was im Gemüthe längst wir glaubten ausgereutet.


158

Der du erschufst die Welt, ohn' ihrer zu bedürfen,
Erschaffen hast du sie nach deiner Lieb' Entwürfen,

Nach deiner Weisheit Plan, dem Zwecke deiner Macht;
Und kein Nachdenken denkt, was du hast vorgedacht.

Vorbringen kann kein Wort, was deins hervorgebracht.

Doch hast du die Vernunft geschaffen, dich zu denken,
Den Geist, nach dir den Flug, Unsichtbarer, zu lenken,

Der Sehnsucht Ström', o Meer, in dich sich zu versenken:

Den wir am Anfang, den wir sehn am Ende stehn,
Von dem wir kommen und zu dem wir alle gehn.

Woher ich kam, wohin ich gehe, weiß ich nicht,
Nur dis, von Gott zu Gott, ist meine Zuversicht.


159

Zur Unvergänglichkeit fühlt sich der Mensch berufen,
Und so vergänglich doch ist alles was wir schufen;

Und alles, was wir sind, ist ebenso vergänglich,
Doch in uns das Gefühl des Ew'gen unverdränglich.

Was ich gestrebt, vollbracht, empfunden und gedacht,
So ewig wie ich selbst ist es von Gott gemacht.

Mein Leben ist ein Schiff den Strom hinab getrieben,
Dahinter keine Spur im Wasser ist geblieben.

Wer nach mir gleitet, weiß nicht wer voran ihm glitt;
Wer nach mir schreitet, fragt nicht wer voran ihm schritt.

Wer nach mir streitet, ahnt nicht, daß ich vor ihm stritt;
Wer nach mir leidet, fühlt nicht, was ich vor ihm litt.

Wie seines Lebens Strauch erschüttert mancher Hauch,
Ist doch ihm unbewußt darunter meiner auch.


160

Dir zeigt dis Sinnbild an den falschen Trost der Welt:
Ein Krokodil, das man für einen Rachen hält.

Im Strome schwimmt ein Mann, und fürchtet zu ertrinken,
Doch dem Versinken nah, sieht er die Rettung winken.

Er rudert angestrengt nach dem vermeinten Rachen,
Das Krokodil empfängt ihn dort mit offnem Rachen.

161

Je stand in einem Buch dis Gleichnis, lieber Sohn:
Die Welt ist wie ein Wald, dein Thun ist wie ein Ton.

Wie in den Wald du rufst, so ruft er dir zurück,
Und also selber schufst du in der Welt dein Glück.

Wenn in den Wald du schiltst, wirst du heraus gescholten;
Und wie du uns vergiltst, wird wieder dir vergolten.


162

Ein Schiff vor Anker, doch die Segel aufgespannt;
Mein Sohn, dis Sinnbild ist der Widersinn genannt.

Nicht Widersinn, mein Sohn, du darfst es Unsinn nennen:
Fest unten wurzeln und in Lüften weiter rennen.

Wenn nicht das Segel reißt, so reißt das Ankerseil;
Und stets gefährdet ist so oder so das Heil.


163

Das Schöpfrad schöpft sich matt, und Athem schöpft es kaum;
Sieh, seine Schöpfung ist die Grüne rings im Raum.

Auf seine Schöpfung wird das Schöpfrad stolz und eitel,
Als Schöpfer fühlt es sich und hebet hoch die Scheitel.

Doch, trank die Saat sich satt, zieht man das Schöpfrad nieder;
Im Staube liegt sein Haupt, im Schmutze seine Glieder.


164

Das Messer, wenn es auch ist oben noch so scharf,
Hat unten einen Stiel, wo man's anfassen darf.

Das alte Sprichwort sagt: Wie scharf das Messer sei,
Es schneidet niemals doch den eignen Stiel entzwei.


165

Mein Sohn, der innre Werth macht nicht die Dinge gelten;
Wohlfeil ist, was in Meng', und theuer ist, was selten.

Im Goldland geben sie Goldketten ihren Hunden,
Die Männer tragen Schmuck von Eisen umgebunden.

166

Bleib in der Mittelhöh mit deinen Wünschen stehn,
Und laß zu hoch hinaus die Hoffnungen nicht gehn.

Gar schön ists wenn du mehr erlangst als du gehofft;
Unangenehm betraf das Gegentheil dich oft.


167

Geh, suche Menschen auf, um dich als Mensch zu fühlen
In andern, ohne trüb' im Busen dir zu wühlen.

Such einen Glücklichen, wenn du es selbst nicht bist;
Sei glücklich daß du siehst, daß es ein andrer ist.

Such auf Unglückliche, wenn du es wähnst zu seyn,
Und es dich trösten mag, daß du's nicht bist allein.

Such einen auf, den du verstehst, der dich versteht;
Wo nicht, wenn's nur zum Ohr, wenn nicht zum Herzen, geht.

Verstören wird ihn um so minder, was du klagst,
Und dich erleichterts wenn du dein Anliegen sagst.


168

Ein Sprichwort sagt, darauf magst du dein Glücke bauen:
Dem Feinde soll man selbst zur Flucht die Brücke bauen.

Im Feld des Krieges zwar ist manches auch dawider;
Laß heut den Feind entfliehn, so kommt er morgen wieder.

Hingegen unbedingt gilts in des Lebens Krieg:
Verfolge nicht zu weit den Feind und deinen Sieg.


169

Die gute Absicht macht das Böse niemals gut,
Denn gute Absicht hat gar nie, wer Böses thut.

Das Gute aber was du thust, wo nicht dabei
Die gute Absicht ist, sag' ich, daß bös' es sei.

Doch etwas, weder gut noch böse, was vollbracht
In guter Absicht wird, das hat sie gut gemacht.


170

Die Lieb' ist vielerlei: es liebt das Allgemeine
Sich selber, Gott mit sich im ew'gen Lustvereine.

Das Allgemeine dann liebt das Besondre auch,
Die ganze Welt durchdringt von Gott ein Liebeshauch.

Und das Besondre liebt das Allgemeine dann,
Das ist soviel ein Mensch, o Gott, dich lieben kann.

Nur das Besondre kann ganz das Besondre lieben,
Die Liebe zu dir selbst hat mich zur Welt getrieben.

Ich bin ein Blumenstaub und will auf Blumen stieben.

171

Geh mit dem Knecht nicht um, wähl' ihn zum Freunde nicht,
Der frei nicht, wie du ihm, dir schaun darf ins Gesicht.

Schlimm ist Vertraulichkeit da wo Vertrauen fehlt,
Und man verachtet, den man zum Vertrauten wählt.


172

Wenn Seuche herrscht und selbst die Luft ist Krankheitszunder,
Bleibt davon einer unergriffen, ists ein Wunder.

Ein solches Wunder ists, wenn in der Zeit, befleckt
Von soviel Bösem, bleibt ein Herz unangesteckt.


173

Wenn in Geschichten wir von Noth und Jammer lesen,
So tröstet dieses uns: dis alles ist gewesen.

Die Herzen ruhen längst, die das erlitten haben,
Und ihre Sünden sind mit ihnen auch begraben.

Doch ihre Lieb' und Treu, ihr Glauben und ihr Muth,
Sind die auch hin wie Schaum geschwommen auf der Flut?

Mitnichten, diese sind am Leben uns geblieben,
Denn wozu würde wol Geschichte sonst geschrieben?


174

Der Mensch, dem Engel halb und halb dem Thier zu eigen,
Kann sich zu diesem bald und bald zu jenem neigen.

Strebt er dem Engel nach, wird er noch höher fliegen,
Und strebt er nach dem Thier, sogar noch tiefer liegen.


175

Hier auf der Tafel, Sohn, liegt manche Pomeranze,
Und eine gleicht davon der anderen an Glanze.

Nicht täusche dich der Glanz! es hat des Himmels Gunst
Erschaffen einige, doch andere die Kunst.

Gewachsen, wenn du willst, magst du sie alle nennen,
Doch ein'ge sind von Wachs, woran wirst du's erkennen?

Sie haben nebst Gestalt und Farb' auch den Geruch,
Nur der Geschmack allein fehlt ihnen beim Versuch.

Doch auch von denen, die am Baum gewachsen sind,
Sind süß die wenigsten, die meisten herb, o Kind,

Und bitter einige; doch laß dich nicht verdrießen
Das Bißchen Bitterkeit, auch sie sind zu genießen.

Und halt in Ehren auch die wächsernen Gestalten!
Sie werden, ohne Saft, sich desto länger halten.

176

Von allen Tugenden ist Scham genannt mit Recht
Die Mutter, keine hat so blühend ein Geschlecht.

Die Tugendmutter, Sohn, sie ehre, wie du ehrst
Die eigne Mutter, der du nie den Rücken kehrst.

Solange du sie hast vor Augen, lieber Sohn,
Bist du unwürdigen Versuchungen entflohn.


177

Verlier, o Jüngling, nur Geduld und Hoffnung nicht;
Richt' auf die Welt Vertraun, auf Gott die Zuversicht,

An dich die Forderung zu kämpfen als ein Mann,
Und freue dich am Kampf, wenn dir der Sieg entrann.

Wenn er dir oft entrann, wird er nicht stets entrinnen;
Nur wer noch nichts gewann, hat alles zu gewinnen.

Mir selber ist, was mir gelang, gar spät gelungen,
Doch mehr nun freut mich, daß ich rang, als was errungen.

Ich wünsche nicht, daß sie so gar lang hin dich halten,
Doch gut ists, daß sie Zeit dir gönnen zum Entfalten.


178

Was ist der Weg, mein Sohn, an dem du noch nicht bist,
Der gleich dem vor'gen lang, und doch viel kürzer ist?

Das ist der Weg den Berg hinab, den ich nun schreite,
Viel langsamer kam ich herauf die andre Seite.

Dort war ich rüstiger, doch ward der Weg mir länger,
Hier wird er kürzer mir, dem doch schon müden Gänger.


179

Wol ist das Gegentheil von der Gelegenheit
Das Alter, denn es kommt zur ungelegnen Zeit.

Gelegenheit ist kahl von hinten, vorn behaart,
Davon das Gegentheil ist meist des Alters Art.

Gelegenheit ist uns entflohn mit schnellem Schritt,
Das Alter aber geht gemach und nimmt uns mit.


180

Das Bild der Ewigkeit, die Schlange die im Reif
Sich krümmt, und mit dem Kopf sich beißet in den Schweif,

Mich wunderts, wie sie nicht erkrankt und stirbt, verwundet
Vom gift'gen Biß, von dem nichts auf der Welt gesundet.

Sie stirbt in Wahrheit auch in jedem Nu davon,
Doch ist in jedem Nu auch neu geboren schon.

181

Das Leben magst du wohl vergleichen einem Feste,
Doch nicht zur Freude sind geladen alle Gäste.

Gar manchen, scheint es, lud man nur, um die Beschwerde
Zu übertragen, daß die Lust den andern werde.

Den Esel lud man einst zu einem Hochzeitschmause,
Weil es zu tragen Holz und Wasser gab im Hause.

Der Esel dachte stolz, geladen bin ich auch.
Ja wohl, beladen mit dem Tragref und dem Schlauch.


182

Der preise sein Geschick, wer irgend hat zu klagen;
Erleichtert fühle sich, wer Schweres hat zu tragen.

Denn alle sind wir hier zu Zins und Zoll verpflichtet
Dem Unglück; glücklich ist, wer ihn schon hat entrichtet.


183

Ein altes Sprichwort sagt: Es hängt sich an den Frevel
Die Strafe so geschwind, wie Feuer an den Schwefel.

Der Schwefel brennt, sobald ihm kommt ein Flämmchen nahe,
Und Frevel zittert stets, daß er den Lohn empfahe.


184

Wenn Weisheit thöricht wird, sucht sie den Stein der Weisen,
Die Arzenei, die gleich für jedes Weh zu preisen,

Die allgemeine Sprach' und einen ew'gen Frieden,
Und alles was nie war, und nie wird seyn hienieden.

Das Allgemeine ist beim Ew'gen ewig dort,
Hier beim Vergänglichen ist des Gemeinen Ort.

Das Unbedingte ist, wo keine Dinge sind,
Von welchen ist dein Witz bedingt, o Menschenkind;

Ein Gutes, Schönes steht, Ein Wahres dort gewis;
Doch macht kein Sternenschein zum Tag die Finsternis.

Kein Gutes hier ist gut, kein Schönes schön für alle,
Gewisses selbst gewis nur im gewissen Falle.


185

Daß in der Mitte sei die Wahrheit, ist wol wahr,
Und, daß beim Äußersten zu irren sei Gefahr.

Doch nicht wird Wahrheit durch zwei Äußerste, verbunden,
Noch durch Vermeidung auch der Äußersten gefunden.

Denn nichts ergeben sie, wenn man sie nur verneint,
Und selbst aufheben sie sich, äußerlich vereint.

Nur wo lebendig zwei sich einen, um das dritte
Zu zeugen, findet sich die Wahrheit in der Mitte.

186

Der Welt soll man vertraun, auf sie nicht sich verlassen;
Hab' auf dich selbst Vertraun, wo andre dich verlassen.

Und wo dein Selbstvertraun wie das auf Menschen bricht,
Da hab' auf Gott Vertraun, nur er verläßt dich nicht.


187

Der Salamander sprach zu einem Schmetterlinge,
Als er am Feuer ihn versengen sah die Schwinge:

Wie bist du doch gewebt aus gar so leichten Stoffen!
Mich hat in dieser Glut kein Unfall noch betroffen.

Mein Blut macht um mich her die glühen Kohlen kühl,
Und recht behaglich ist mirs auf dem Rosenpfühl.

Du rührest nur daran und gehest auf in Flammen;
Wie kommt dein Ungemach und mein Gemach zusammen?

Kann Tod und Leben so von gleicher Weide stammen?

Da sprach der Schmetterling zum Salamander sterbend:
So ist, was den erquickt, dem anderen verderbend.

Vielleicht beneidet wer dich um dein zähes Leben,
Die Liebe aber liebt das ihre aufzugeben. —

Mein Herz, vergleichest du die beiden mit einander,
Du ziehst den Schmetterling wol vor dem Salamander.


188

Rechne nicht auf die Welt und ihren Freudenzoll;
Sie gibt es tropfenweis und nimmt den Becher voll.

In Groschen streckt sie vor, und will zum Zins den Thaler,
Kein Stündchen Stundung auch gibt sie dem säum'gen Zahler.


189

Du steuerst, Steuermann, dein Schiff nach einem Sterne,
Der dir die Richtung zeigt, und deutet in die Ferne.

Die Richtung, wo du kommst zum Ziele, zeigt der Stern,
Er selbst ist nicht das Ziel, und bleibt dir ewig fern.


190

Im Sonnenschein des Glücks ist Schwachen Stolz erlaubt;
Der Kürbis wuchs der Eich' im Sommer übers Haupt.

Der Winter kam und hat die Eiche kahl geschoren,
Doch immer blieb sie frisch, der Kürbis ist erfroren.

191

Was schlichtet, Herz, den Streit, der dich mit dir entzweit?
Die Gottesfurcht, die dich von aller Furcht befreit;

Von aller Furcht der Welt und weltlicher Geschicke,
Von aller Furcht vor dir, dem quälendsten der Stricke.

Verstören kann dich nichts, wenn du dich nicht verstörst,
Und frei nur fühlst du dich, wenn du dem Herrn gehörst.

Wie schön ists einen Herrn statt vieler Herrn zu haben,
Der seine Diener kann mit Herrlichkeit begaben.


192

Das Unglück in der Welt such', als du kanst, zu lindern,
Soweit umher du reichst, zu mildern und zu mindern.

Warum? schon weil es dich im eignen Glück wird hindern.

Doch reichest du nicht weit mit deinem schwachen Trost;
Vom Mund drei Spannen stirbt dein warmer Hauch im Frost.

Was bleibt dir da zum Trost, als daß, was Unglück scheint,
Von dem, der Aller Glück will, anders ist gemeint;

Und wer die Gabe nur, wie sie gemeint ist, nimmt,
Den fördert sie dazu, wozu sie war bestimmt.

Nicht heben kann dein Blick den schwarzen Trauerschleier,
Darunter sähst du sonst das weiße Kleid der Feier.


193

Der Armen Anblick ist ein stummer Vorwurf dir,
O Reicher, frage dich: Wer gab den Vorzug mir?

Der dir den Vorzug hat gegeben vor den Armen,
Gab er nicht auch für sie dir in die Seel' Erbarmen?

Und sind sie dankbarer für ihre Blöße gar,
Als du für deine Pracht, wie bist du undankbar!

Und wenn an freudigem Vertraun sie dich beschämen,
So braucht zur Strafe dir Gott nicht den Schatz zu nehmen.

Er lasse dir den Schatz, damit du wie die Schlange,
Die schätzehütende, dich kümmerst zag und bange,

Daß es die Armuth seh' und nicht solch Glück verlange.


194

Ein alter Weiser lehrt, daß Tugend vielerlei,
Doch stets ein Mittleres von zweien Äußern sei;

Im Wesen selber eins, doch von verschiednen Namen,
Wie viele Schößlinge aus einer Wurzel kamen.

Gerechtigkeit, entfernt von Zu- und Gegenneigung,
Von Vorlieb' und Mislieb', Abgunst und Gunstbezeigung.

Leutseligkeit, entfernt von Schmeichelei und Trutz,
Wie Wohlanständigkeit von Flitterpracht und Schmutz.

Mannhaftigkeit, entfernt von Trotzigkeit und Zagnis,
Und Tapferkeit, von Furcht und übermüth'gem Wagnis.

Freigebigkeit, gleichfern von Geiz und von Verschwendung;
Besonnenheit, so fern von Arglist als Verblendung.

Der Glaube, gleich entfernt von Un- und Überglauben,
Der nichts dir dringet auf, und nichts sich lässet rauben.

Die Nüchternheit, entfernt von Schlemmerei und Fasten;
Die Rührigkeit, entfernt von Übereil' und Rasten.

Demuth, gleichweit von Stolz und Niederträchtigkeit,
Wie Leibeswohlgestalt von Fett und Schmächtigkeit.

Das Mittelmaß ist gut dem Alter wie der Jugend,
Nur Mittelmäßigkeit allein ist keine Tugend.

Im Mittelmaß vereint sich zweier Äußern Kraft,
Doch Mittelmäßigkeit ist beider untheilhaft.


195

Was einmal ist geschehn, das laß auf sich beruhn,
Versäume nicht, auch das, was du noch kannst, zu thun.

Ergib dich nur in das, was du nicht ändern kannst,
So fühlst du, daß du gleich zu Anderm Kraft gewannst.

196

Man sagt, die Trägheit ward vom Unverstand gefreit,
Und ihrer Eh entsproß Armuth und Dürftigkeit.

Die Eltern legten nur die Hände in den Schooß,
Doch ohne Unterhalt wurden die Kinder groß.

Die waren undankbar, und trieben aus dem Haus
Die Eltern, und das Paar zog in die Welt hinaus.

Da war es wunderbar, sie ließen doch die Kinder
Zu Haus, und fanden nun sie da und dort nicht minder.

Voll Schrecken flohen sie und wollten sich verstecken,
Doch stets bedrohen sie die Kinder aus den Ecken.


197

Vertrau auf Gottes Schutz! Wer könnte sonst dich schützen?
Und stütze dich auf ihn! Auf wen willst du dich stützen!

Der Welt Bosheit gereicht zum Besten Gottes Kindern,
Und fördern werden dich selbst Feinde die dich hindern.


198

Mein Kind, du bist schon lang der Mutter aus der Wiegen,
Nun hilf dir selbst; wie du dir bettest, wirst du liegen.

Mein Kind, du bist schon lang der Mutter aus der Wiegen,
Die Flügel wuchsen dir, gebrauche sie zum Fliegen.

Mein Kind. du bist schon lang der Mutter aus der Wiegen;
Der kommt nicht auf den Berg, wer nicht hinauf gestiegen.

Mein Kind, du bist schon lang der Mutter aus der Wiegen;
Greif an die Schwierigkeit, so wirst du sie besiegen.


199

Laß kommen, was da mag, ohn' es zuvor zu klagen!
Zum Klagen ist die Zeit wann wir das Weh ertragen.

Hier ist noch trockner Grund, wir ziehen Schuh und Strumpf
Nicht ehr zum Waten aus als bis wir sind am Sumpf.


200

Durch Schaden wird man klug. Du gehst auf Heiles Pfaden,
Wenn statt durch eignen klug du wirst durch fremden Schaden.

Beispiele stehn vor dir, nimm Warnung an von ihnen,
Daß du nie mögest selbst zum Warnungsbeispiel dienen.

201

Ein Bild von Großmuth ist der Löw' und Tapferkeit,
Es ist ihm angestammt der Ruhm aus alter Zeit.

Zwar sagen Männer, die auf Länderkunde reisen,
Allbeides sei an ihm nicht unbedingt zu preisen.

Allein wir glaubens nicht, und glauben sonst doch gern,
Was zur Verkleinerung gereichet großen Herrn.

Von königlichem Muth wo würde denn gefunden
Ein Vorbild, wenn es wär' am Löwen auch verschwunden!


202

Ein Sinnbild des Vereins der Schale mit dem Kerne
Ist die Vereinigung des Lichts und der Laterne.

Wer die Laterne trägt, und hat kein Licht darinn,
Davon hat weder er noch irgendwer Gewinn.

Wer offen trägt sein Licht, von keinem Schirm umwacht,
Hat unverlässiges Geleit bei wind'ger Nacht.

Nur wem das Licht zugleich und die Latern' ist eigen,
Sieht selber seinen Weg, und kann ihn andern zeigen.


203

Dein wahrer Freund ist nicht, wer dir den Spiegel hält
Der Schmeichelei, worin dein Bild dir selbst gefällt.

Dein wahrer Freund ist, wer dich sehn läßt deine Flecken,
Und sie dir tilgen hilft, eh Feinde sie entdecken.


204

Wie selten ahnt ein Freund, was dein Gemüth bekriegt;
Ihm steht von weitem, was dir nächst am Herzen liegt.

Auch zwischen Freunden gibts unmittheilbare Sachen,
Die jeder mit sich selbst und Gott hat abzumachen.


205

Es ist ein alter Spruch: Reiß ein dein altes Haus,
So findest du den Schatz, und baust ein neues draus.

Was ist damit gemeint? die ernstliche Belehrung:
Bekehrung gründliche, verkehrten Sinns Umkehrung.

An alt baufälligem Gebäude hilft kein Flicken,
Zum morschen Balken wird kein derber Stein sich schicken.

Du magst hier einen Klaff, dort einen Sprung verkleben,
Stets wird ob deinem Haupt der Einsturz drohend schweben.

Drum faß ein stark Vertraun, laß dir vorm Schutt nicht graun,
Und bau von Grund-auf neu, was nicht ist umzubaun.

Der aber ist beglückt, wer stets, zur rechten Zeit
Nachhelfend, hielt sein Haus im Stand der Baulichkeit.

206

Wer viele Diener hat, hat viele zu bedienen;
Denn alle dienen ihm nur weil er dienet ihnen.

Bedienen muß er sie mit Unterhalt und Lohn;
Hält das sie nicht im Dienst, so laufen sie davon.

Sie dienen mit dem Leib, ihr Geist ist sorgenfrei,
Sie lassen ihrem Herrn der Sorgen Sklaverei.


207

Wozu ein großes Haus? es nützt nicht voll noch leer.
Zu einem großen Haus gehört ein großes Heer.

Zu einem großen Heer gehört ein reicher Sold,
Zum reichen Sold gehört ein eigner Schacht von Gold.

Zum Schacht von Gold gehört viel Müh wol, ihn zu graben;
Drum will ich auf der Welt ein kleines Haus nur haben.

Das größte Haus ist eng, das kleinste Haus ist weit,
Wenn dort ist ein Gedräng und hier Zufriedenheit.


208

Das Sprichwort sagt: Wenn sich der Fuchs in seinem Bau
Verschanzet, und verschließt die Pforten recht genau,

Und davor steht der Löw' und droht mit grimmem Streich,
So ist der Schwache drin dem Starken draußen gleich.


209

Wenn einer hat genug, soll er nach mehr nicht streben;
Allein das schwere ist genug zu haben eben.

Nie hat genug ein Mann an dem was er gewann,
So lang er denkt, daß er noch mehr gewinnen kann.

Kaum die Betrachtung hemmt sein thörichtes Beginnen,
Daß, wer viel hat, mehr kann verlieren als gewinnen.


210

Ein schlimmer Tischfreund ist Begierde, die nicht satt
Von Kleinem wird, und nicht genug am Grösten hat.

Ihr Schlund verschlingt, was sie vom Mund dir weggerissen,
Und schmecken läßt sie dir in Ruhe keinen Bissen.

211

Oft war ich so gebeugt, wenn alles mir geglückt,
Und so erhoben oft, wenn alles mich gedrückt.

Aus etwas anderm als Gelingen und Mislingen
Der Außendinge muß mein Wohl und Weh entspringen.


212

Der Kranke, wenn er klagt um bittern Schmack im Munde,
Nicht süße Arzenei gibt ihm der Arzt zur Stunde;

Er gibt ihm bittre, nicht damit ihm bitter bleibe
Der Mund, nein, Bitterkeit die Bitterkeit vertreibe.

Der Kranke, wenn er ihm vertraut, genest vom Grunde,
Und schmeckt die Süße der Gesundheit neu im Munde.


213

Die Weisen lehren dich, so schwierig als Entsagung
Des Wünschenswerthen sei des Widrigen Ertragung.

Ich aber darf es dir wol im Vertrauen sagen:
In dem Sinn hab' ich nie entsagt und nie ertragen.

Was ich gegeben hin, was ich auf mich genommen,
Ich kann nicht sagen, schwer sei es mir angekommen.


214

Der Meister hat gesagt: Es ständen unsre Sachen
Viel besser, könnte man nur alles zweimal machen.

Im Kleinen magst du das am Einzelnen probieren,
Im Großen geht es nicht, du wirst die Zeit verlieren.

Was hilft im Einzelnen des Zweimalmachens Qual?
Das ganze Leben doch man lebt es nur einmal.


215

Der Mensch dem Leibe nach wohnt in verschiednen Zonen,
Und nach dem Geist in gar verschiednen Regionen.

Nicht ist von Nordens Eis bis Südens Sonnenbrand
Verschiedner abgestuft das äußre Vaterland,

Als von der nüchternsten Betrachtung bis zum Schwung
Der höchsten Andacht ist die innre Steigerung.

Nicht wohnen kann ein Mensch zugleich in allen Zonen,
Doch wechselweis der Geist in allen Regionen.

216

Gezogen ist ein Kreis, lang eh du tritst darein,
Worin der Tummelplatz soll deiner Kräfte seyn.

Erweitern kanst du selbst ihn weder noch verengern,
Nicht deine Bahn darin verkürzen noch verlängern.

Zufrieden kanst du seyn bei jedem Schritt darinn,
Daß, statt nach deiner Wahl, es geht nach Gottes Sinn.


217

Verstand ist zweierlei: der ein' ist angeboren,
Dein Wiegeneingebind und Mahlschatz unverloren.

Erst zu erwerben ist der andre, zu ersparen,
Der mit den Jahren wächst durch Lernen und Erfahren.

Der zwei Verstände kann ein Mann entbehren keinen,
Und erst ein ganzer wirds, wo beide sich vereinen.


218

Zwei Gleiche können nicht im gleichen Felde gelten;
Doch Anspruch machen zwei aufs völlig gleiche selten.

Meist hat doch jeder Mann sein eignes Feld, und kann
Dem Nebenmanne wohl das gönnen nebenan.


219

Dich ehr' ich, wenn du nie verwechselt Zweck und Mittel;
Doch Anspruch hast du dann auf höchsten Ehrentitel,

Wenn, was als eigner Zweck genügend wär' erschienen,
Als Mittel sich erweist dem höhern Zweck zu dienen.


220

Seh' ich in seiner Hülfsbedürftigkeit ein Kind,
So fühl' ich, wie vor Gott wir alle Kinder sind.

Wie hälfest du dir, Herz, wollt' er nicht dein des armen
Sich ebenso, wie du dich deines Kinds, erbarmen!

221

Wenn Gutes dir gelang, warum willst du dich scheun,
Weil es nicht dir entsprang, dich dessen doch zu freun?

Da du so oft bereun mußt, was du schlecht gemacht,
Soll dich nicht einmal freun auch was du recht vollbracht?


222

Das Unkraut, ausgerauft, wächst eben immer wieder,
Und immer kämpfen mußt du neu das Böse nieder.

Wie du mußt jeden Tag neu waschen deine Glieder,
So die Gedanken auch an jedem Tage wieder.


223

Ein Weiser, einst gefragt, wozu sei nutz das Leben
Auf Erden?, sprach: um sich zum Himmel zu erheben.

Zum Himmel wollen hier sich alle lebenden
Erheben, alle wie verschieden strebenden.

Zum Himmel heben will der eine sich durch Ruhm,
Der andere durch Macht und höchstes Herscherthum;

Ein dritter durch Genuß der Güter dieser Erde,
Ein vierter durch die Flucht vor Mühsal und Beschwerde;

Ein andrer wiederum durch Duldmuth und Ertragung,
Und endlich einer durch Gebet und Weltentsagung.

Der Weise sieht die buntgetheilten Lebenskreise,
Und freut sich, daß soviel mit ihm auf gleicher Reise

Verschiedne Wege gehn, er läßt sie gehn auf ihren,
Und sorget im Gedräng nicht seinen zu verlieren.


224

„Du, der du einst geklagt, dich fühlend unbefriedigt,
Nun klagest du nicht mehr, und bist du nun befriedigt?“

Befriedigt bin ich nicht, doch geb' ich mich zufrieden,
Daß nicht Befriedigung zu finden sei hienieden.


225

In Unentschiedenheit und Zweifelmuth beklommner!
Einst wirst du glücklicher, einst wirst du seyn vollkommner.

Einst wirst du wissender, einst besser als du bist;
Weil jeder das nur wird, was er schon strebend ist.

Dein fremdes Streben reicht weit über dich hinaus
Wo du dich selbst erreichst, da bist du erst zu Haus.

226

Die helle Gotteswelt, wie steht sie voll Gebilde
Schönleuchtender, wie hell voll Blumen ein Gefilde.

Und was du selber thust, und was du selber bist,
O fühle wie's voll Lust Blum' unter Blumen ist.

So blühe dich nur aus, so dufte nur und lebe;
Und pflückt man dich zum Straus, vor Blumentod nicht bebe!


227

Du meine Mutter nicht, doch, Erde, meine Amme,
Von deren Milch genährt blüht meine Geistesflamme!

Du hast zur Freude mir dich immer bunt geschmückt,
Und unter Blumen mich am Busen festgedrückt.

In deinem Bande lernt' ich stehn und gehn, mich wiegen
Im Traum der Lust, und nun lernt' ich dir zu entfliegen.

Leb wohl! vom Segen sei des Himmels überthaut,
Der zur Erziehung mich solang dir anvertraut.

Dort nach dem weiten Haus des Vaters geht mein Lauf,
Die Mutter such' ich dort, die unbekannte, auf,

Die hohe, die sich mir im Traum nicht hat verhehlt,
Und Ammenmärchen hast du mir von ihr erzählt.


228

Was ist des Geistes Leib? Der Körper ist es nicht,
Der, aufgebaut aus Staub, in Staub zusammenbricht.

Das ist des Geistes Leib: die Form, die er sich baut,
In der mit Geistesblick ein Geist den andern schaut.

Das ist der Leib, der jetzt die grobe Körperhülle
Durchschimmernd, wann sie fällt, vortritt in klarer Fülle.

In diesem Leib sehn wir uns dort, laßt uns vertrauen:
Der Geist hat seinen Leib, um, selbst geschaut, zu schauen.


229

In Andacht stehn wir fest, o Erd', auf dir, und preisen
Die Elemente, die in dir und um dich kreisen;

Die Flut, die dich umschließt, die Glut, die dich durchfließt,
Die Luft, die um dich weit sich wie ein Mantel gießt.

So überschwänglich sind die drei und wunderbar,
Daß sich jedwedes stellt als ein Weltanfang dar;

Sodaß die Weisen, die zuerst Weltursprung dachten,
Zum Ersten diese dis und jene jenes machten.

Aus Wasser ließen die hervor die Schöpfung tauchen,
Und die aus Feuerglanz, und die aus Ätherhauchen.

In Eintracht fassen wir die streitenden zusammen,
Und sehn die Welt erblühn aus Lüften, Fluten, Flammen.

Wer könnt' am Weltgeweb recht sondern alle Fäden,
Dreifach zusammen wol geschlungen fänd' er jeden.

Doch wir zerpflücken nicht den Teppich der Natur,
Und freun uns der aus Drei gewebten Buntheit nur.


230

Der Punkt ist eins für sich, zwei Punkte sind der Strich,
Drei Striche Flächenraum, vier Flächen körperlich.

Sobald die Vierzahl ist, eins zwei drei vier, vorhanden,
Ist aus dem Punkt, dem Nichts, die Körperwelt entstanden.

Und aus eins zwei drei vier muß alle Zahl bestehn,
Denn wer vier drei zwei eins zusammenzählt, hat zehn.

231

Der Zahlen Grenz' ist zehn, die Grenze für die Todten
Und Lebenden besteht in Gottes zehn Geboten.

Zehn Finger hast du drum, o Kind, um ohne Fehlen An deiner Hand die zehn Gebote herzuzählen.


232

Die Dinge, spielen sie mit dir, spielst du mit ihnen?
Zur Irrung gegenseits nur scheint ihr euch zu dienen.

In diesem Augenblick will dieses wahr dir scheinen,
Im andern Augenblick willst du's als falsch verneinen.

Was ist von beiden nun? ist beides wohl zugleich?
Ist nacheinander es, ein Werden wechselreich?

Allbeides ist in dir, von einem Nu getrennt.
Was ist nun das in dir, das so und so es nennt?

Das ist dein Wechselndes, das Wechsel bringt den Dingen;
Wo ist ein Stehendes, um sie zum Stehn zu bringen?

Dis Stehende kann seyn das Ewige allein,
Vor dem die Wahrheit steht und niederfällt der Schein.

Zieh alles Irdische vor dieses Gottgericht!
Wahr ist, was mit ihm stimmt, und falsch was widerspricht.


233

Daß in denselben Fluß du kannst nicht zweimal steigen,
Weil jeden Augenblick ihm andre Flut ist eigen,

Und daß du selber auch, dir selber nicht getreuer,
Bist jeden Augenblick ein anderer und neuer;

Der Weise, der dis sprach, du meinest wol, daß schwach
Er war und wandelbar, beweglich wie der Bach?

Vielmehr unwandelbar war er, und blieb dabei,
Beharrlich, steif und stät, daß Alles unstät sei.

Selbst unbeweglich, ließ er alles sich bewegen,
Und dachte nicht daran sich selbst zu widerlegen.


234

Ein Lehrer lehrt dich, daß es keine Wahrheit gebe,
Und geb' es eine, sie doch unerkennbar schwebe,

Und wenn erkennbar, sei sie doch nicht mitzutheilen.
Was kann den Lehrling vom dreifachen Zweifel heilen?

Des Lehrers Lehre selbst, die er als wahr ausspricht;
Denn, seiner Lehre nach, ist sie auch Wahrheit nicht.

Nun wenn nicht dis, so ist das Gegentheil denn wahr,
Daß eine Wahrheit sei, erkenn- und mittheilbar.


235

Daß gar kein Wissbares, daß nichts unwissbar sei,
Ist einerlei im Sinn, im Ausdruck zweierlei.

Im Ausdruck theilten sich, im Endzweck einverstanden,
Scheinweise, die im Kampf mit wahren Weisen standen.

Scheinweise wissen, auf in gleichen Schein zu lösen
Wahrheit und Unterschied des Guten und des Bösen.

Doch Weise wissen fest den Unterschied zu halten,
Die Wahrheit im Geweb des Irrthums zu entfalten:

Daß etwas nicht gewußt, etwas gewußt kann werden,
Und dis ist noth uns just, und jenes nicht, auf Erden.

236

Wie unvollkommene Vorstellungen von Sfären
Des Himmels und der Welt kannst du im Geiste nähren,

Und doch vollkommen fest in deiner Sfäre seyn;
So wenig fließet auf das Thun das Wissen ein.

Wer recht thut in der Welt, hat rechten Weltverstand,
Ob er auch nicht die kunstgerechten Formeln fand.

Der Ausdruck fehlt ihm nur, doch nicht der Einsicht Kern;
Und wer entbehrt nicht um den Kern die Schale gern?


237

Das Gute kommt von dir, das Böse von der Welt
Zum Theil, zum Theil von mir, mit dem es steht und fällt.

Das Böse von der Welt das werd' ich leichter dämpfen,
Das Böse von mir selbst hilf mir du selbst bekämpfen!


238

Die Fehler, die zu tief dir waren angeprägt,
Sie plagen dich noch lang, wann du sie abgelegt.

Zum Vorschein kommen sie an deinen Kindern wieder,
Und durch Erziehung kämpfst du sie noch einmal nieder.


239

Die Weltbetrachtungsart und Überzeugungsweise,
Die sich gebildet hat ein Volk in seinem Kreise,

Erschüttert muß sie seyn und innerlich gestört,
Sobald ein Volk allein nicht mehr sich angehört;

Sobald es auch nur hört von fremden Sitten sagen
Und Meinungen, die nicht mit seinen sich vertragen:

Zuerst erwehrt es sich andringender Gefahren
Dadurch, daß es mit Stolz die Fremden nennt Barbaren.

Doch halten kann nicht lang des stolzen Wahns Umschildung,
Und die Einbildung schmilzt mit fortgeschrittner Bildung.

Dann droht ein andrer Wahn mit näherer Gefahr:
Daß in der Menschenwelt nichts sei unwandelbar.

Das eine gelte hier, das andre gelte dort,
Und an sich Geltendes sei drum an keinem Ort.

Kein an sich Geltendes des Guten, Schönen, Rechten;
Das ist der Kampf, den nun die Bildung durch muß fechten.

Ihn helfe fechten, wer zuerst ihn angeregt,
Weltweisheit, die die Welt vor Augen uns gelegt:

Sie zeig' uns, daß die Form des Guten mancherlei,
Doch stets an einem Ort nur eins das Rechte sei.

Der Bildung Gipfel sei, an Fremden anerkennen
Das Fremde, doch sich selbst nicht von sich selber trennen.


240

Noch jede Zeit hat umgeformt nach ihrem Brauch
Die Weisheit alter Zeit, und so thun wir es auch.

Wir nehmen sie nur an, wie wir sie brauchen können,
Und fügen muß sie sich, wo wir den Platz ihr gönnen.

Nimmt sie sich minder aus im Haus, als einst im Zelte,
Doch ist es besser, daß sie so, als gar nicht, gelte.

241

Gar manche glauben, sprach ein Weiser wohlbeflissen,
Nicht minder ihrem Wahn, als andre ihrem Wissen.

Das eben ist der Wahn, der was zu wissen meint,
Da wahres Wissen sich unwissend immer scheint.

Drum wächst das Wissen, das nie gnug zu wissen glaubt,
Des Fortschritts aber hat der Wahn sich selbst beraubt.


242

Vom Glauben gehst du aus, und kehrst zurück zum Glauben;
Der Zweifel steht am Weg, die Ruhe dir zu rauben.

Gehst du ihm aus dem Weg? er ist auf allen Wegen,
In anderer Gestalt tritt er dir dort entgegen.

Drum flieh nicht vor dem Feind, und such' ihn auch nicht auf;
Wo er dir aufstößt, räum' ihn fort aus deinem Lauf!

Bekämpfen mußt du ihn, du mußt ihn überwinden,
Willst du durch sein Gebiet den Weg zur Wahrheit finden.

Du zweifelst nicht, weil du geworden weiser bist;
Du zweifelst, weil noch reif nicht deine Weisheit ist.

Der Zweifel ist die Hüll', in der die Frucht soll reifen,
Und die gereifte Frucht wird ihre Hüll' abstreifen.


243

Die Zukunft habet ihr, ihr habt das Vaterland,
Ihr habt der Jugend Herz, Erzieher, in der Hand.

Was ihr dem lockern Grund einpflanzt, wird Wurzel schlagen;
Was ihr dem zarten Zweig einimpft, wird Früchte tragen.

Bedenkt, daß sie zum Heil der Welt das werden sollen,
Was wir geworden nicht, und haben werden wollen.


244

Mein Kind, o könnt' ich dich, da du nun auf die Schwellen
Des Lebens eintritst, gleich ans Ziel im Geiste stellen;

Damit du, was gethan am Schluß einst deiner Bahn
Du möchtest, thätest jetzt, indem du sie tritst an.

Mein Kind, auf diesem Weg bin ich vor dir gegangen;
Was hilfts, vor Dornen dich zu warnen und vor Schlangen?

Mein Kind, mit deinem Gang heb' ich neu meine Schwingen;
Was selbst mir nicht gelang, das möge dir gelingen.

Was selbst ich nicht errang, das mögest du erringen;
Was unvollbracht ich ließ, Gott lass' es dich vollbringen.

Mein Kind, ich zittre beim Gedanken schon, daß fallen
Du könnest, und allein muß ich dich lassen wallen;

Allein, in Gottes Hut, allein mit deinem Muth;
Schreit und bedenk, daß man zurück den Schritt nie thut.


245

Zum Himmel blick' empor, er ist voll heller Kerzen;

Kind, freudig habe Gott vor Augen und im Herzen.

In jedem Augenblick sollst du ihm angehören,
Das will er, doch dich nicht in deiner Freude stören.

Er will nicht, daß du sollst in stetem Bangen schweben,
Denn er ist nicht der Tod, er ist das ew'ge Leben.

Verschließest du dich ihm, so dringt er doch herein,
Und macht mit seinem Blitz zunicht den falschen Schein.

Doch nimmst du selbst ihn ein, wird er mit Lust dich nähren,
Und nicht dein Irdisches vernichten, nur verklären.

Entweichen kannst du nicht, er wird dich überschleichen;
Vergleichen mußt du dich, die Hand zum Bund ihm reichen.

Mit ihm im Kampfe, bist du nie mit dir im Frieden!
Im Frieden sei mit ihm, so ist der Kampf geschieden.

246

Kind, lerne zweierlei, so wirst du nicht verderben;
Zum ersten lerne was, um etwas zu erwerben.

Zum andern lerne das, was Niemand dich kann lehren:
Gern das, was du nicht kannst erwerben, zu entbehren.


247

Noch sorgen andere, mein Kind, für dich und wachen;
Bald es für dich zu thun mußt du dich fertig machen.

Und bist du für dich selbst von Sorgen einst geborgen,
Für andre hast du dann zu wachen und zu sorgen.

Der Mensch wird niemals frei von dieser Sorgenwacht,
Die er bald anderen, und bald sich selber macht.


248

Der größre Bruder soll die kleinern überwachen,
Und diese sollen ihn zu ihrem Vorbild machen.

So tritt er halb und halb schon an des Vaters Statt,
Die ihnen er vielleicht einst zu vertreten hat.


249

So mancher klagt, und sagt, daß ihn die Welt verkennt;
Doch kann er sagen wol, daß er sich selber kennt?

Kennst du dich nicht, woran erkennst du mein Verkennen?
Wer nicht verkannt will seyn, muß erst sich selbst erkennen.


250

Wer seine Schwächen kennt, wird fremde nicht beschreien,
Und wo er Nachsicht selbst bedarf, auch gern verzeihen.

Doch wird er überlaut auch Glänzendes nicht loben,
Weil menschliches Verdienst er kennt aus eignen Proben.

Gleich von Bewunderern entfernet wie von Spöttern,
Wird er sowenig, als verdammen, auch vergöttern.

251

Das Tonspiel kennen muß, wer's brauchen will zum Spiele;
Und so die Menschen wer sie leiten will zum Ziele.

Denn Niemand will allein und kann zum Ziele schreiten,
Wo nicht zum gleichen Ziel der andern viele schreiten.

Und ist das Ziel nur gut, so ist nichts einzuwenden,
Wenn du zu deinem Ziel weißt andre fein zu wenden.

Denn leider ohne Ziel gehn in der Irre viel,
Die es dir danken, wenn du ihnen zeigst ein Ziel.


252

Kein Vorbereiten hilft, das Rechte recht zu thun,
Denn anders dachtest du, und anders thust du nun.

Ein andrer fühlst du dich im Thun, als du dich dachtest,
Und findest andres vor, als du in Rechnung brachtest.

Drum ist kein Rath, als dich im Ganzen recht zu fassen,
Und dann das Seinige dem Augenblick zu lassen.


253

Ist in dir etwas noch, das du dich schämst zu zeigen,
Zu deiner Ehre was du andern mußt verschweigen?

Was hilft es dir, wenn du's dem Blick der Welt entziehst,
Da wider Willen doch du es vor Augen siehst?

Das wirf aus dir heraus, wenn du dir willst ersparen
Des Anblicks Unlust sammt der Müh es zu verwahren.


254

Den innern Widerspruch im Menschen zu erklären,
Verneinten manche, daß in ihm zwo Seelen wären,

Und ihn zum Guten die, zum Bösen jene triebe,
Er aber unterthan bald der bald jener bliebe.

Und andre nahmen an, daß ihn zu beiden Seiten
Zween Engel, einer bös' und einer gut, begleiten,

Die hier ins rechte Ohr ihm flüstern, dort ins linke,
Hier, daß er sich erheb', und dort, daß er versinke.

Zwo Seelen sollst du nicht, noch auch zween Engel glauben;
Die Freiheit würdest du, die eigne Kraft dir rauben.

Der Widerspruch ist da, woher ist er gekommen?
Aus dem Verschiedenen, woraus dich Gott genommen.

Genommen hat er, daß du beider Einheit seist,
Von Erde deinen Leib, von Himmel deinen Geist.

Der Leib von Erde kann nur Irdisches begehren,
Der Geist vom Himmel nur zum Himmlischen sich kehren.

So hat er dich gemischt, daß du dich selbst bekriegest,
Mit deinem Höheren dein Niederes besiegest,

Ein Bild der Schöpfung selbst, die er nur dazu schuf,
Daß dienstbar Leibliches sei geistigem Beruf.


255

Wer selber sich beherrscht, beherrschet auch die Welt,
Weil stets das Äußere des Innern Spiegel hält.

Wer sich beherrscht, den kann beherrschen außenher
Kein Herrscher, denn allein im Äußern herrschet der.

Bedingen kann er dich mit Macht und dich umringen,
Eindringen kann er nicht und in dir dich bezwingen.

Antasten kann er nicht dein eignes Herrscherthum,
Du aber gönnest gern ihm seinen Herrscherruhm;

Wie du dem Blitze gönnst, dem Sturmwind seine Flügel:
Im Zügel halte dich! Gott hält die Welt im Zügel.

256

Der Mensch kann was er will, wenn er will was er kann;
Ist wohl ein guter Spruch, doch gnügt er nicht dem Mann.

Der Mensch kann was er will, wenn er will was er soll;
In diesem ist das Maß der Mannestugend voll.

Das ist der Zauberbann, womit du alles stillst:
Wolle nur was du sollst, so kanst du was du willst.


257

Ein gutes Werkzeug braucht zur Arbeit ein Arbeiter,
Und gute Waffen auch zum Waffenstreit ein Streiter.

Du Streiter Gottes und Arbeiter, merk's, o Geist,
Daß deines eignen Leibs du nicht unachtsam seist.

Das ist dein Arbeitszeug, das ist dein Streitgewaffen;
Das halte wohl in Stand, zu streiten und zu schaffen!

O wie du dich bethörst, wenn du den Leib zerstörst,
Der dir so angehört, wie du Gott angehörst.

Wie du Gott angehörst, gehört dein Leib dir an,
Und ohne deinen Leib bist du kein Gottesmann.


258

Sei mäßig im Genuß, nicht bloß gewürzter Speisen,
Geistiger Würzen auch in Büchern deiner Weisen.

Mit Speisen wirst du nur den Magen überladen,
Doch fremdes Denken kann dem eignen Denken schaden.

Drum, wie du issest nur soviel du kanst verdauen,
So lis auch mehr nicht als du brauchst dich zu erbauen.


259

In der Literatur unendlichem Gedränge
Lehr' ich ein Mittel dich, zu kürzen deine Gänge.

Sieh darauf jeden Mann, den du begegnest, an,
Was er nach seiner Art, und was nicht leisten kann.

Hast du ihn so geschätzt im Ganzen, laß ihn machen
Im Einzlen was er will, und mache deine Sachen.


260

Ein Bücherkatalog fiel heut in meine Hand,
Schwer wie ein Riese wog der starke dicke Band.

O weh, Literatur wie breit bist du geworden,
Wenn das die Titel nur sind deiner Bücherhorden.

Wer kann die Titel bloß, wer erst die Bücher lesen?
Der Zeiten Glück war groß, als du noch klein gewesen.

Doch wir, die Wächterschaar bei dem geschwollnen Drachen,
Arbeiten immerdar ihn dicker noch zu machen.

261

Es wird mit Recht gesagt Markt der Literatur;
Denn sie vergleichet sich mit einem Markte nur.

Wie auf dem Markte stehn zum Kaufe Waaren feil,
Und jeder nach Bedarf nimmt davon einen Theil:

Der eine wählt sich dis, der andre das vom Haufen,
Doch keinem fällt es ein, den ganzen Markt zu kaufen:

So auch wer könnte jetzt sich noch einfallen lassen,
Sich mit Literatur der ganzen zu befassen?

Der greift sich hier ein Stück, der eines dort heraus,
Nach eigenem Geschmack und zum Verbrauch im Haus.

Der Zufall waltet, wo am Urteil es gebricht,
Und im Gewühl ist ganz unmöglich Übersicht.

Unmerklich unter'm Glanz der ausgestellten Güter
Wird an den Mann gebracht auch mancher Ladenhüter.

Heut hat den Zulauf der, den andere beneiden,
Die morgen am Verfall sich seines Krames weiden.

Es bietet kurzen Ruhm mit ungewissem Brode
Der überfüllte Markt mit wechselhafter Mode.


262

Sie sagen mir, ich glaubs, allein ich fühl' es nicht,
Daß nun mein Haupt ein Kranz von Dichterlaub umflicht.

Was hilft, den andre sehn, der Kranz, den ich nicht fühle,
Nicht fühle, daß er mir die heißen Schläfe kühle!


263

Und locket wieder dich das Gaukelspiel der Welt,
Was sie dir vorhält stets, und stets dir vorenthält!

O nimm in deine Brust nicht diesen harten Stein;
Zwei Herzen können nicht in Einem Busen seyn.

Er drückt das Herz dir ab, das sich daran will laben;
O habe du das Herz, dein Herz für dich zu haben!

In dir bist du gesund, und fühlst in ihr dich krank;
Gib, was du hast, der Welt, und nimm nicht ihren Dank!


264

In meiner Wohnung bin ich wohnlich eingewohnt,
Mit Ungewohnetem will ich da seyn verschont.

Das Ungewöhnliche zu sehen geh' ich aus,
Doch zum Gewöhnlichen kehr' ich mit Lust nach Haus.

Gewohnheit, aber nur die üble, ist zu schelten,
Gewöhnung bessere muß für das beste gelten.

Denn Gutes, zur Natur geworden, haftet nur,
Gewohnheit aber wird zur anderen Natur.


265

Gefragt ein Weiser: denkst du nie ans Vaterland?
Doch, sprach er, stets! und wies zum Himmel mit der Hand.

Des Weisen Vaterland ist all des Himmels Weite,
Und, überwölbt davon, der Menschheit ganze Breite.

Hat er beim Weiteren das Engere vergessen?
Vergisset er doch auch beim Denken nicht das Essen!

Doch mäßig isset er, und so ermisset er
Klein Kleines, Großes nicht darob vergisset er.

266

Du bist beglückt, wenn dir gegeben ist, zusammen
Mit vielen wirkend, dich mit ihnen zu entflammen.

Doch wenn du stehst allein, so laß dich's nicht verdrießen,
Statt Menschen mußt du nur der Menschheit dich erschließen.

Aus jeder Raumesweit', aus allen Zeitenfernen,
Grüßt den der Menschheit Geist, der von ihm weiß zu lernen.

Gedanken steigen aus vermorschter Büchergruft,
Und andre schwimmen in der Luft wie Blütenduft.

Noch kein gedachter je gieng Denkenden verloren,
Und ungeahnet wird kein neuer auch geboren.

Drum trösten magst du dich, wenn aufgieng dir ein Licht,
Theilst du's auch keinem mit, der Welt entgeht es nicht.

Sie streiten, wer zuerst dis habe vorgebracht;
Der Geist der Menschheit hats gemeinschaftlich erdacht.


267

In seinem eignen Kreis wer läßt sich gerne stören?
Jedweder hat ein Recht sich selbst anzugehören.

Und also hast auch du dein Recht, zurückzuweisen,
Wer irgend oder was dich stört in deinen Kreisen.

Doch nur wie sich's gehört, fein still und unentpört!
Sonst hat nicht Fremdes dich, du hast dich selbst verstört.

Gib lieber etwas preis, und zieh zurück dich leise
In einen innern Kreis aus einem äußerm Kreise;

Wie ein Befehliger, der Vestung Außenwerke
Aufgebend, sich verläßt auf seines Hauptwerks Stärke:

Die äußern Linien mußt du zu weit nicht dehnen,
Sonst zu vertheidigen hast du zuviel an denen.


268

Wer nur beschäftigt ist, daß er sich selber bilde,
Beschämen mag ihn wol die arbeitsame Gilde,

Die nur beschäftigt ist zu bilden für die Welt,
Und jeden Tag dafür den baaren Lohn erhält.

Ja schäme dich, die Hand zu legen in den Schoß;
Der Lohn, den du dir selbst dafür gibst, ist nicht groß.

Und wie du vom Versteck der Abgeschiedenheit
Hervortritst, schmilzt der Traum der Selbzufriedenheit.

Was hilfts daß du dir sagst, du bildest dich der Welt?
Die doch als Musterbild dich nie vor Augen hält.


269

Nie stille steht die Zeit, der Augenblick entschwebt,
Und den du nicht benutzt, den hast du nicht gelebt.

Und du auch stehst nie still, der gleiche bist du nimmer,
Und wer nicht besser wird, ist schon geworden schlimmer.

Wer einen Tag der Welt nicht nutzt, hat ihr geschadet,
Weil er versäumt, wozu ihn Gott mit Kraft begnadet.


270

Mein Sohn, wenn du dich hast vergangen, büß' es gleich;
Denn des Vergehens harrt früh oder spät der Streich.

Wie aber büßest du's? Dadurch, daß du bereuest,
Und dich des sicheren Gefühls der Beßrung freuest.

Mein Sohn, sei überzeugt, es gibt noch Herzenskünder,
Und Gott allein nicht sieht ins Innre jedem Sünder.

Ins Innre siehet auch dir jeder, dem getrübt
Des Geistes Sehkraft selbst nicht ist, noch ungeübt.

Und welchem Blicke du begegnest, mußt du bangen,
Daß er von Gott die Kraft, dich zu durchschaun, empfangen.

An deiner Stirne steht's, dort wird er es entdecken;
Wegwischen kannst du's nicht, du kannst es nicht verstecken.

Drum wenn dort Böses steht geschrieben, schreibe du
In leserlicher Schrift die Beßrung auch dazu.

Nicht ungeschrieben zwar wird, was ist ausgestrichen,
Doch für den Rechnerblick die Rechnung ausgeglichen.

Mein Sohn, nicht darin such' hier Gottes Strafgericht,
Daß jedem Sünder man die Strafe sichtbar spricht;

Darin, daß keiner hier gesündigt und verbrochen,
Der nicht sich selber hat sein Strafurteil gesprochen.

Straf' ist ihm das Gefühl, daß er strafwürdig sei,
Und mehr noch Strafe dis, daß er von Straf' ist frei.

Denn denken muß er, wenn sie hier ihn nicht ereilt,
Entgegen eil' er ihr dort wo sie ewig weilt.

Und dis Geschwür, das er doch pochen fühlt und kochen,
Noch besser wär' es aufgebrochen, aufgestochen.

Ja besser wär' es dir, du heiltest hier dich aus,
Und kämest dort gesund in deines Vaters Haus.

271

Vor allen Thieren, die dem Menschen ähnlich scheinen,
Hat dis der Mensch voraus, zu lächeln und zu weinen.

Durch Lächeln suchet er und Weinen übers Thier
Hinüber, o Natur, den Weg zurück zu dir.

Denn deine Blume auch, sie lächelt und sie weint,
Wenn sie dein Thau benetzt, wenn sie dein Licht bescheint.

Dein Weinen das Gewölk, dein Lächeln ist die Sonne,
Dein Lächelweinen ist wie unsres Wehmuthswonne.

Du, weil wir weinen, weinst: wir lächeln, weil du lachst;
Wir machen vor und nach dir alles, wie du's machst.


272

So lange du noch kanst erröthen und erblassen,
Bist du von menschlichen Gefühlen nicht verlassen.

Nie mögen menschliche Gefühle dir entweichen
Soweit, daß du nicht kanst erröthen und erbleichen!

Erbleichen macht dich Furcht, erröthen macht dich Scham,
Furcht die vorm Bösen kommt, und Scham die nach ihm kam.

Nur wenn du diese Furcht und Scham in dir zu tödten
Vermagst, wirst du nicht mehr erblassen und erröthen.

Wer nicht das Böse kennt, erblaßt, erröthet nicht,
Das Thier am Boden hier, der Siddha dort im Licht.

Vom Thiere fern, kanst du nicht an den Siddha reichen,
Deswegen Furcht und Scham dich wechselnd überschleichen.

Du kanst dem Thiere nicht, noch auch dem Siddha gleichen,
Dagegen wechselt dein Erröthen mit Erbleichen.

O fürchte dich nur nicht, noch schäme dich der Zeichen
Der Menschlichkeit im Schamerröthen, Furchterbleichen!

Doch wenn zur rechten Zeit vorm Bösen stets dir kam
Die Furcht, so kommt dir nach zur Unzeit nie die Scham.

Vorm letzten Bösen dann, dem Tod, wirst du erblassen
Furchtlos, und drüben sei Schamröthe dir erlassen.


273

Nicht leicht ein Schönes wird, ein Gutes seyn, wovon
Ich nicht gesagt ein Wort, gesungen einen Ton.

Drum kann ich wohlgemuth gehn durch die Einsamkeiten,
Wo solche Chöre mich von Genien begleiten.

Aufsprosset sanft und mild mir hier und dort ein Bild,
Und schmückt mit Frühlingstraum das winternde Gefild.


274

Was du erlangen kanst, das stillt nicht dein Verlangen;
Was dein Verlangen stillt, das kanst du nicht erlangen.

Viel niedre Güter hat dein Hochsinn aufgegeben,
Aufgeben aber kanst du nicht dein höchstes Streben.

Vertrau! umsonst ist nicht in dich gelegt der Trieb;
Erschließen wird sich dort, was hier verschlossen blieb.

Dann wirst du sehen, wann du schaust was du geahnt;
Dis Ahnen hat den Weg zu jenem Schaun gebahnt.


275

Gott, also hat gesagt ein hoher Glaubenslehrer,
Gott selber wächst in dir, o glaubiger Verehrer.

Er wächst nicht in sich selbst, da ist er stets vollkommen,
Der zur Vollkommenheit nur auch in dir soll kommen.

Und wächst er nicht in dir, jemehr du ihn begreifst,
Jemehr in deiner Brust du sein Geheimnis reifst?

Wenn dich ein mäßiges Verständniß gestern freute,
So freuet höhere Verständigung dich heute.

Noch tiefre Einsicht geht dir morgen auf villeicht,
Und immer wächst der Glanz, der nie die Spitz' erreicht.

Und sollt' es Gott nicht freun, sowie es dich erfreut,
In dir sich zu erneun, indem er dich erneut?

Beschaut ein Lehrer doch in seines Schülers Brust
Stets reiner ausgeprägt sein eignes Bild mit Lust.

Nicht minder schauet Gott im Spiegel von Kristallen,
Wozu dein Herz er schuf, sich selbst mit Wohlgefallen.

O Herz, das zum Behuf des Spiegels Er erschuf,
Wie weit bist du entfernt zu gnügen dem Beruf!

276

Es gibt noch Glückliche, wenn du auch keiner bist;
Die Freud' ist auf der Welt, wenn sie auch dein nicht ist.

Doch diese Freud' ist dein, daß viele freun sich können,
Und diese Freud' allein wird Niemand dir misgönnen.


277

Je länger du's gehabt, je länger willst du's haben,
Und ein Geliebtes wird dir stets zu früh begraben.

Du bildetest dir ein, es sei auf ewig dein,
Und solltest Gott, der dir's solang ließ, dankbar seyn.


278

Beim höchsten Streben ist nothwendig höchste Wage;
Den Sieg begleitet stets Gefahr der Niederlage.

Im Weg zum Guten kanst du in des Bösen Krallen,
Und auf der Wahrheit Weg in jeden Irrthum fallen.


279

Gekommen in die Nacht der Welt ist Gottes Licht;
Wir sind daran erwacht, und schlummern fürder nicht.

Wir schlummern fürder nicht den Weltbetäubungschlummer,
Wir blicken, wach im Licht, aufs Nachtgraun ohne Kummer.

Wo ist der Nächte Graun? es ist vom Licht bezwungen;
Wir blicken mit Vertraun ins Licht, vom Licht durchdrungen.

Daß wir durchdrungen sind vom Lichte, dem wir dienen,
Wir zeigens dem Gesind der Nacht in unsern Mienen.

In hellen Mienen macht sich kund die Kraft des Herrn,
Und wer nicht in der Nacht kann leuchten, ist kein Stern.


280

Gar manche Schale muß von deinem Ich sich lösen,
Zufällig Irdisches, und mancher Rost des Bösen.

Doch während immermehr dein Ich sich also reinigt,
Wird immer mehr mit ihm des Neuen auch vereinigt.

Du strebest Tag für Tag durch Lernen wie durch Lehren,
Durch Denken wie durch Thun, den Kern des Ichs zu mehren.

Der Edelstein bedarf viel Mittel, sich zu schleifen;
Viel Nahrungsmittel braucht der Saamen, um zu reifen.

Wer kann zuletzt mit Lust im fert'gen Ich beruhn?
Wer nichts hinzuthut, was er wieder weg muß thun.

281

Warum vertragen sich verschiedne Menschen selten?
Weil jeder gelten will, und keinen lassen gelten.

Und doch verschieden ist nur darum Mann von Mann,
Daß jeder, jedem unbeschadet, gelten kann.

In der Verschiedenheit der Stellung und der Meinung
Ist wol der Spaltung Grund, doch der auch der Vereinung.


282

Die Unzufriedenheit mit deinem Thun, die Reue,
Hilft dazu, daß sich nicht das falsche Thun erneue.

Allein zum rechten Thun hilft sie dir wenig nur:
Die Reue reutet aus, doch wer bestellt die Flur?

Um deines Herzen Flur gedeihlich zu bestellen,
Muß Selbstvertraun, genährt von Gottvertraun, dich schwellen.


283

Daß in der Einsamkeit dir nicht der Reiz gebräche
Der Unterhaltung, hältst du mit dir Selbstgespräche.

Du hast den Vortheil, dis Gespräch allein zu leiten,
Und lässest, was du gern nicht hörest, leicht beiseiten.

Einseitig ist darum doch nicht die Unterhaltung,
Es ist in dir ein Keim unendlicher Entfaltung.

Viel Unterredner sind in dir, du mußt nur jeden,
Von dem du lernen willst, nicht hindern auszureden.


284

Steht denn so gar nichts fest in dir, daß du geschwinde
Die Überzeugung beugst nach jedem neuen Winde?

Es steht wol etwas fest gewurzelt wie der Baum;
Die Zweige beugen sich, die Wurzel merkt es kaum.


285

Von deiner Eitelkeit was kann dich, Dichter, heilen?
Und wollte dich die Welt vereinigt aburteilen;

Berufst du gegen sie nur auf die Nachwelt dich,
Und hörst von der dich nie verurteilt sicherlich.

286

Unruhig ist die Welt, unruhig ist das Herz,
Und eins das andre setzt in Unruh allerwerts.

Im Himmel nur ist Ruh, im Himmel nur ist Frieden;
O fänd' ich Ruh, von mir und von der Welt geschieden!

Komm, Gottesruh, den Sturm mir aus der Brust zu hauchen!
Laß mich den Krieg der Welt in deinen Frieden tauchen.


287

Du mußt die Grübelei'n der Forschung nicht verachten;
Das ist dein Glück, daß sie dir nie zu schaffen machten.

Doch gibt es andere, die anders aus nicht kommen;
Die Plag', ihr einz'ger Trost, sei ihnen nicht genommen.


288

Ob die Erklärungen der Sache falsch auch wären,
Soviel erklären sie, sie sei doch zu erklären.

Und ob als falsche noch viel andre müßen schwinden,
Sie sind der Weg zuletzt die wahre doch zu finden.


289

Einfacher Haushalt ist im Staate zu empfehlen;
Den sollst du, wie im Haus, auch im Gemüte wählen.

Ob enger sei der Leib, ob weiter sei der Bogen,
Geschlossen sei er nur, so fest als rein gezogen.

Was Fremdes tritt herein, anweis' ihm seine Stelle,
Und was nur stören kann, abweis' es von der Schwelle.

Ein Manigfaltiges, ein Vielgestaltiges,
Zusammen sei's gefaßt durch ein Gewaltiges,

Durch ein Gewaltiges, das in der Mitte steht
Als Sonn', um die sich ein Planetenwirbel dreht.

Den Mittelpunkt des Lichts, den Mittelpunkt der Ruh,
Der Zieh- und Schwerkraft, hast, mußt haben in dir du.

Verdunkle nur ihn nicht und bring ihn nicht ins Schwanken
Durch thörichte Begier und eitele Gedanken.

Du gibst den Dingen Werth, und mußt dich selbst verklagen,
Wenn du, was du entbehrt, zu hoch hast angeschlagen.

Mit Vielem hält man Haus, mit Wen'gem kommt man aus;
Der schont den Magen, wem genügt ein Ohrenschmaus.

Nimm nur, was dir sich beut, und thu was du vermagst,
So lebst du ohne daß du dich noch andre plagst.


290

Wenn Gott in dir nur ist, so wird in Höhn und Gründen
Der Schöpfung überall sein Wirken dir sich künden.

Dis ist, und dieses nur, die Hülfe der Natur:
Sie lehret dich nicht Gott, doch zeigt dir seine Spur.

Das wesentliche Licht muß in dir seyn dein eigen,
Wenn sich sein Abglanz soll in tausend Spiegeln zeigen.

Der Schlüssel der Natur muß dir in Händen ruhn,
Um ihre ewigen Schatzkammern aufzuthun.

Wie aber ist nun Gott in dich hineingekommen?
Hast du ihn auf- und an-? hat er dich eingenommen?

Du hast ihn nicht erdacht, noch selbst hervorgebracht;
Schlief er villeicht in dir, und wäre nur erwacht?

Du bist die Wiege, die er selber sich erkoren;
Nicht du gebarest ihn, er hat sich dir geboren.

Er hat, um einzuziehn, die Pforten dir verliehn,
Und auch dazu die Macht, selbst auszuschließen ihn.

Er steht und klopfet an, und wenn du aufgethan,
So hast du auch dazu von ihm die Kraft empfahn.

291

Du bist schon, weil ich bin; denn also fühl' ich mich,
Daß ich durch mich nichts bin, und alles bin durch dich.

Der du zum lebenden Beweise dir mich schufest;
Dich zu beweisen, ist, wozu du mich berufest:

Dich zu beweisen durch mich selbst mir und der Welt,
Die den Beweis von dir nicht kennt, den sie enthält.


292

Ein heller Morgen bringt dir einen guten Tag;
Was ist nun, das dir hell den Morgen machen mag?

Ein froher Abend wirkt wie Zauber durch die Nacht;
Und sei der Morgen trüb, doch bist du hell erwacht.

Was aber konnte dir den frohen Abend bringen?
Daß du am Tage sahst dein Treiben dir gelingen.

Auf hellen Morgen weist das wiederum zurück;
So aus sich selbst im Kreis entfaltet sich das Glück.

Laß es, einmal im Schwung, in Stocken nicht gerathen!
Stets Saamen trägt die Saat, und stets der Saame Saaten.


293

Den Forscher freuts daß er den Vorrath nie verliert,
Weil jeder Aufschluß ihm Aufgaben neu gebiert.

Hier von der Wurzel dort zum Apfel kamst du kaum;
Er hat ein Dutzend Kern', und jeder wird ein Baum.


294

Ein Kind, das läuft vorm Jahr, geschiht ihm sonst kein Schade,
Kriegt krumme Beine doch, die nie mehr werden grade.

Mein Sohn, erst lerne stehn, eh du versuchst zu gehn;
Wer sicher gehn will, muß durchaus erst sicher stehn.


295

In Schulen plagte man uns mit der Steigerung
Von Möglich-, Wirklich- und Nothwendigkeit genung.

Von Möglich ging man aus, zu Wirklich schritt man weiter,
Und legte endlich ans Nothwendige die Leiter.

Gering sei Möglichkeit, und Wirklichkeit vornehmer,
Nothwendigkeit noch mehr, und desto unbequemer.

Doch Möglichkeit ist leicht, Nothwendigkeit so schwer;
Ist Leichtes unten wol, und Schweres obenher?

Drum kehren wir es um, das erste sei das dritte,
Doch zwischen beiden bleibt dem zweiten stets die Mitte.

Die Wirklichkeit, die sich nicht senken darf noch heben,
Bleibt zwischen Möglich- und Nothwendigkeit im Schweben.

Nothwendigkeit ist ganz nothwendig Sklaverei,
Halbfrei ist Wirklichkeit, nur Möglichkeit ganz frei.

Nothwendig ist der Grund, und Wirklich steht darauf,
Darüber aber nimmt das Mögliche den Lauf.

Laßt aus Nothwendigkeit zur Wirklichkeit uns schreiten,
Aufschweben dann befreit ins Reich der Möglichkeiten.

296

Sprachkunde, lieber Sohn, ist Grundlag' allem Wissen;
Derselben sei zuerst und sei zuletzt beflissen!

Einleitung nicht allein und eine Vorbereitung
Zur Wissenschaft ist sie, und Mittel zur Bestreitung;

Vorübung nicht der Kraft, um sie geschickt zu machen,
Durch Ringen mit dem Wort, zum Kampfe mit den Sachen:

Sie ist die Sache selbst im weitsten Wissenskreise,
Der Aufschluß über Geist und Menschendenkungsweise.

In jeder räumlichen und zeitlichen Entfernung
Den Menschen zu verstehn, dient seiner Sprach' Erlernung.

Nur Sprachenkunde führt zur Weltverständigung;
Drum sinne spät und früh auf Sprachenbändigung!


297

Mit jeder Sprache mehr, die du erlernst, befreist
Du einen bisdaher in dir gebundnen Geist,

Der jetzo thätig wird mit eigner Denkverbindung,
Dir aufschließt unbekannt gewesne Weltempfindung,

Empfindung, wie ein Volk sich in der Welt empfunden;
Nun diese Menschheitsform hast du in dir gefunden.

Ein alter Dichter, der nur dreier Sprachen Gaben
Besessen, rühmte sich, der Seelen drei zu haben.

Und wirklich hätt' in sich nur alle Menschengeister
Der Geist vereint, der recht wär' aller Sprachen Meister.


298

Du freust dich, wenn du lernst, und freust dich, wenn du spielest,
Wie mehr noch wenn zugleich allbeides du erzielest.

Dann freuest du dich stets, wenn dir zu jeder Frist
Ein Spiel dein Lernen und dein Spiel ein Lernen ist.


299

Die Wissenschaft verlangt ein heiteres Gemüte,
Der innern Güte froh bewußt und Gottes Güte.

Ein Herz, dem untergieng die Klarheit in der Trübung,
Das heilt nicht Wissenschaft, das heilt allein Bußübung.


300

Wer sich in sich vertieft, kann nicht die Welt regieren;
Und wer sich hin ihr gibt, der wird sich selbst verlieren.

Dich hinzugeben ihr, und wieder dich zurück
Von ihr zu nehmen, das allein ist Lust und Glück.

Des Geistes Athem soll wie der des Mundes seyn:
Du sendest warm ihn aus, und ziehest frisch ihn ein.

301

Die Kunst ist um den Stamm des Lebens nur die Ranke,
Die ihn umringelt, daß er blühnden Schmuck ihr danke.

Mit reichlichem Geweb laß sie den Stamm umstricken,
Doch so nicht, daß der Stamm müß' unterm Schmuck ersticken.


302

Nur eine schöne Kunst ist nützlich in der That,
Haushaltungskunst im Haus, im Leben und im Staat,

Haushaltungskunst, die so der Künste Schaugepränge
Verwendet, daß kein Spiel den ernsten Zweck bedränge.


303

Wenn mit Gefälligkeit du einen willst verbinden,
Laß ihn zusehr dabei dein Ansehn nicht empfinden.

Du mußt ihm für die Gunst erniedrigende Bitt'
Ersparen, oder er hält sich des Dankes quitt.


304

Vermeiden sollen sich, die nicht zusammenpassen;
Wahl der Gesellschaft ist jedwedem freigelassen.

Zu wen'gen passen, ist ein nicht geringes Leiden,
Denn schwer ist mit der Welt Berührung zu vermeiden.

Doch ganz unglücklich ist, wer allen Umgang haßt,
Und, auf sich selbst beschränkt, auch zu sich selbst nicht paßt.


305

Ein Buch, gelesenes, bringt dir die Welt ins Haus,
Und ein geschriebnes bringt dich in die Welt hinaus.

Gefall' es wohl dem Glück, und mög' es dir gelingen,
Dir immer schön die Welt, dich schön der Welt zu bringen.

306

Aufmerksamkeit, mein Sohn, ist was ich dir empfehle:
Bei dem, wobei du bist, zu seyn mit ganzer Seele.

Wenn du an andres denkst, als was dein Lehrer spricht,
So hörst du dis nur halb, und in dir haftets nicht.

Du aber brauchst zum Glück an andres nicht zu denken,
Und kanst Aufmerksamkeit mir ungetheilte schenken.

Das ist der Vorzug, den der Knabe hat vorm Mann,
Der eignen Denkens sich nicht mehr entschlagen kann.

Er hat bei allem, was er hört, soviel zu denken,
Daß er kein voll Gehör kann dem Gehörten schenken.


307

Das Gähnen, lieber Sohn, es ist zwar unwillkürlich,
Doch abgewöhnen mußt du dir's als ungebürlich.

Ich habe nie gesehn, daß, wenn du auf den Zähnen
Was Gutes hast zu kann, dir kam dabei ein Gähnen.

Auch würde dir dadurch des Kauens Kraft entrissen,
Und fallen möchte dir aus offnem Mund der Bissen.

Beim Lernen aber ist das Gähnen gleich erweckt;
Ich sehe, daß es dir nicht wie das Essen schmeckt.

Wenn gähnend sich der Mund aufthut, schließt sich das Ohr
So daß es ungehört des Lehrers Wort verlor.

Wenn gähnend sich der Mund aufthut, gehn zu die Augen,
Daß sie des Buches Schrift nicht aufzufassen taugen.

Des Lernens Süßigkeit hast du noch nicht empfunden,
Sonst wäre dir die Lust zu gähnen ganz verschwunden.

Das Wissen, wiß o Sohn, ist auch ein guter Bissen,
Dem Seelengaumen wird durchs Gähnen er entrissen.

Drum wenn beim Lernen dir ein Gähnen kommt, so hemm' es,
Entschlossen mit dem Schloß der Zähne niederklemm' es!

So hat es dir vorerst den Bissen nicht genommen,
Und endlich wird ihm selbst die Lust vergehn zu kommen.


308

Du sollst mir auch dein Ohr vor böser Rede sparen
Nicht minder als davor die Zunge selbst bewahren.

Denn auch das Hören schon von böser Red', o Sohn,
Theilt einem Herzen mit die Stimmung und den Ton.


309

Muth ist die beste Kraft, zu allem Guten nöthig,
Und willig sollst du seyn dazu mit Lust erbötig.

Der Muth ist also gut, und besser noch Gutwillig;
Wie wird aus beiden denn das böse Wort Muthwillig?

Du lernst daraus, o Kind, viel Gutes wird zuletzt
Ein Böses, wenn man es verkehrt zusammensetzt.

Ein muth'ger Will' ist gut, noch besser will'ger Muth,
Doch Willmuth und Muthwill' ist eine böse Brut.


310

Wol dient ein freier Mann in mehr als einem Feld,
Er dient dem Freund, dem Haus, der Stadt, dem Staat, der We__

Die Dienste mancherlei weiß er, die sich verschlingen,
In weit- und engerm Kreis, in Einklang auch zu bringen.

Es tritt der fernste Dienst dem nächsten nicht zu nah,
Noch auch vor ihm zurück, zur Stell' ist jeder da.

Beglückt, wenn jeder Dienst fand, unter der Benennung
Verdienst, verdienten Lohn, verdiente Anerkennung.

Wenn er die nicht erdient, hab' er sie nur verdient;
Zum Lohn dient dis Gefühl, und macht den frei, der dient.

311

Wer wird von Sorgen frei? kein Mensch in keiner Lage;
Wie glücklich deine sei, doch bleibt: wielang? die Frage.

Und wer in sich nicht, fühlt in andern sich gedrückt;
Denn wer ist glücklich, sieht er andre unbeglückt?


312

Wenn du im Glücke schwimmst, das Unglück nur vernimmst
Von außen, ists nicht fein daß du den Ton anstimmst

Von Glückes Nichtigkeit, Unglücks Unwichtigkeit;
Dein thatlos guter Rath ist ohne Richtigkeit.

Nur was du selbst vermagst zu tragen, zu entbehren,
Kanst du mit ein'gem Recht an andre auch begehren.

Und selber da mußt du den Schwachen Nachsicht gönnen,
Wenn sie, was leicht dir wird, so leicht nicht nehmen können.


313

Man sagt wol, ein Ersatz, ein zeit'ger Lückenbüßer,
Nicht jeder Forderung genügen soll' und müß' er.

Doch wenn er wirklichem Bedürfnis nicht genügt,
Ists besser daß man nicht den Wunsch mit ihm betrügt.

Denn das Bedürfnis würkt, solang die Lück' ist offen;
Ist sie zum Schein gefüllt, bleibt Bessrung nicht zu hoffen.


314

Die Kunst veredelt, was sie mit der Hand berührt,
Darum der höchste Rang ihr im Verkehr gebührt.

Sie findet Holz und Stein, und braucht den Zauberstab,
Der ihnen Lebensschein und Geistesformen gab.

Was ungebildetes ihr in die Hand gekommen,
Wie es hindurch gieng, hat es Bildung angenommen.

Und auch das Handwerk hat in allen seinen Gilden
Dis mit der Kunst gemein, den rohen Stoff zu bilden.

Der Handel aber, der von Hand und Handeln trägt
Den Namen, hat dem Stoff kein Zeichen aufgeprägt.

Gleichgültig handelt er mit Allem; sein Behandeln,
Statt zu veredeln, will es nur in Geld verwandeln.

Nicht edler wird die Waar', indem sie durch die Hand
Des Kaufmanns geht und wird geführt von Land zu Land.

Doch wird sie theuerer nach Maß, Gewicht und Elle,
Indem er überall sie bringt zur rechten Stelle.

Dis lern von ihm, ohn' ihn zu loben noch zu schelten:
Mach' alles, was du hast, am rechten Orte gelten.


315

Man sagt: Im Großen sei, gewollt zu haben, gnug.
Glaubs nicht! Unmäßiges zu wollen, ist nicht klug.

Entschuld'gen magst du dich, daß dir die Kraft gebrach;
Die Schuld bleibt immer dein: was langtest du danach?

316

Nicht für die Menschheit nur und für den Geist der Welten,
Du mußt auch für dich selbst Geschichte lassen gelten.

Denn Gleiches ist in dir, wie in der Welt die streitet,
Ein Streben, das durch Kampf beständig vorwerts schreitet.

Und wie die Geister, die der Zeiten Teppich weben,
Stets neues wirkend, doch des Alten Bild aufheben,

Und nie vergessen, wann sie sich zu höhern Stufen
Erhoben, was mit Fleiß sie auf der niedern schufen;

So du auch, wenn du scheinst neuschaffend zu zerstören
Geschaffnes, fühlst es doch dir ewig angehören.

Nur als du drinnen warst, war drin dein Thun befangen
Nun erst herausgelangt, siehst du es unbefangen.

Du siehst, daß mit im Strom zählt jede Einzelwelle,
Und auch das Gröste gönnt dem Kleinsten seine Stelle.

Nicht missen möchtest du auch das was du verfehltest,
Wenn es dir half dazu, daß du ein Beßres wähltest.


317

Sonst hat ein hoher Wahn, ein Glaube mich gehoben:
Ich müße leben, weil ich viel noch müß' erproben;

Ich müße leben, weil ich viel noch müße schaffen;
Nun will der hohe Wahn, der Glaube, mir erschlaffen.

Ich fühle, daß geprobt, geschaffen ist genug;
Und unterbleiben kann, was übrig ist, mit Fug.

Nun kann, statt der, die brach, mich nur die Stütze halten
Gott, der gewaltet hat solang, mag ferner walten!


318

Was sucht der Geist? das was als Widerspruch betiteln
Die Sinne, suchet er ergänzend zu ermitteln.

Des Menschen Höchstes ist des Streitenden Verbindung,
Mit der Erkenntnis Frucht die Blüte der Empfindung.

Als hohes Vorbild sei der Baum dir eingeprägt,
Der hier im Garten Frucht zugleich und Blüte trägt.


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