Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Erstes Bändchen, 1836. IV


1

Wo schroff ein Vorgebirg ins Meer die Stirne schiebt,
Und am gehölten Fuß in Schaum die Brandung stiebt,

Hat seine Siedelei ein frommer Mann gebaut,
Wo seinen Horst zu baun der Adler nicht getraut.

Vom kahlen Baume, den der Fels mit Zittern trägt,
Sieht er dem Abgrund zu, der Todeswogen schlägt.

So oft er auf der Flut gewahrt ein schwankes Bret
Mit Menschenleben, hebt die Händ' er zum Gebet.

Und ehr nicht im Gebet läßt er die Hände sinken,
Bis fern das Schiff entflohn den Zacken und den Zinken.

Selbst hat er einst erprobt, das nun um andre tobt,
Das Meer des Sturms, da hat er dis Gelübd gelobt.

Nicht schirmen kann er euch, noch warnen vor den Riffen,
Doch beten, daß sie Gott euch gnädig lass' umschiffen.


2

Ich kam auf meiner Reis' im Karawanenpfade
Unsern dem Kaukasus an's kaspische Gestade;

Und lernt' auf Baku's Flur begreifen, wie die Guebern
Dort machte die Natur zu Feuerdienst-Urhebern.

Halb eine Meile von der Stadt ist eine Stelle,
Im naftareichen Land die reichste Nafta-Quelle.

Dort ist ein weiter Kreis, in dessen Mitt' ich sah
In ew'gen Flammen blüh'n das heil'ge Ateschgah.

Und von den Parsen legt' ein Führer mir es aus,
Daß Ateschgah bedeut' auf Persisch Feuerhaus.

Die heil'ge Flamm' entblüht der Erde gelb und blau,
Am Tag ein schöner Glanz, Nachts eine Wunderschau.

Ein Volk von Guebern hat im Kreis um diese Flammen
Sich angebaut und wohnt in stillem Fleiß beisammen.

Den Feuerehrern hat das Feuer zur Belohnung
Gegeben ohne Müh' die schönste Winterwohnung.

Aus Steinen leicht gefügt, ein Haus mit Dach und Wand
Steht jedem nach der Wahl, wo einen Platz er fand.

Sie dürfen sich bei'm Bau'n nicht um den Bauplatz streiten,
Der Kranz der Häuser wächst mit Lust nach allen Seiten.

Denn überall durchzieht die heil'ge Gluth die Erde,
Und machet jedes Haus von selbst zum Feuerherde.

Den untern Boden deckt von Lehm die feste Tenne,
Daß den Bewohner sie von seiner Gottheit trenne.

Doch Öffnungen sind da gelassen, wo erbeten
Des Elementes Kraft soll aus dem Boden treten.

Du steckest in die Spalt' ein lehmumgeb'nes Rohr,
Und leitest wie du willst den Feuergeist empor.

Und überall im Haus, wohin das Rohr du mündest,
Da leuchtet es, sobald du an den Dunststrom zündest.

Es ist ein schönes Licht und brauchst es nicht zu putzen,
Ohn' Aufwand kannst du es im Haus beliebig nutzen.

Leinweber sah ich so die ganze Nacht durch weben,
Nach Lust mit schwebenden Rohrleuchten rings umgeben.

Wer aber Kaffe will und wer will Speise kochen,
Aus andrer Öffnung kommt ein andrer Strom gebrochen.

Ein Feuerstrom, der, ohn' Holz oder Kohlenfeuer,
So gut als beides brennt, und lange nicht so theuer.

Das Feuer schürt sich selbst, und brennt, so lang du's willst,
Und still vergeht's, wenn du mit einem Wink es stillst.

Aus kleinster Öffnung bricht's mit gröster Kraft hervor,
Und wächst, vom Zwang befreit, zur höchsten Höh' empor.

Aus einer Mündung von zwei Zollen sah' ich's steigen
Drei Fuß zuerst, und sich zuletzt zu zwei Fuß neigen.

Und brauchest du's nicht mehr, so brauchet nur zu fächeln
Ein Fächer, und sogleich verschwindet es mit Lächeln.

In's unterird'sche Haus kehrt es zurück, sein Thor
Verschließest du, und still nun wohnt es wie zuvor.

Nur an der Wärme magst du dann sein Walten spüren;
Sie wohnen Winterlang daselbst bei offnen Thüren.

Das ist vom Feuergeist die eine der Gestalten;
In einer zweiten ist noch glänzender sein Walten.

Wie er im Hause ruht als brennbar Element,
So schweift er durch die Flur als Feuer, das nicht brennt.

Oft im September, wann des Herbstes warmer Regen
Die Abendluft erfrischt, dann ist der Geist zugegen.

Dann siehst du weit und breit, soweit die Blicke gehn,
Die Felder wie ein Meer in Flammenwogen stehn.

Oft rollt der Feuerstrom in ungeheuren Massen
Vom Berg herab in's Thal, das ihn nicht scheint zu fassen.

Dann im Oktober, wann der Mond erhellt die Nacht,
Das ganze Westgebirg von blauem Feuer lacht.

Doch wann die Nacht ist trüb, irrt wimmelndes Gefunkel
Buntflammig über's Feld, und das Gebirg ist dunkel.

Von solchem Feuer sah ich selber überhüllt
Das ganze Lager Nachts der Karawan' erfüllt;

Daß wilder Schreck ergriff Maulesel und Kamele
Und selber leise Furcht die doch bewußte Seele.

Wir wußten, daß ein Schein es wäre, doch es drang
Der Schein als Wirklichkeit sich auf, und macht' uns bang.

Wir sahen, daß die Glut kein trocknes Hälmchen sehrte,
Und am bethauten selbst den Tropfen Thau nicht zehrte.

Die Flammen schienen nur zu schweben auf den Spitzen,
Wo Blüten saßen sonst, und wieder sollten sitzen;

Alsob dis Flammenspiel des Herbstes, beiderlei,
Ein Sommernachspiel und ein Frühlingsvorspiel sei.

Wir schritten durch die Glut, die rings empor sich bauschte,
Um uns wie Überschwang von goldnen Ähren rauschte.

Selbst mitten in der Glut war Wärme nicht zu spüren;
So linde Feuer kann die Gottes Allmacht schüren.

Nicht Wärme fühlten wir, doch eine milde Glut,
Bewunderung der Macht, die lichte Wunder thut.

Das war vom Feuergeist die zweite der Gestalten,
Am schönsten aber soll die dritte sich entfalten:

Wann über'm Boden selbst nicht eine Flamme bleibt,
Sich jede drunten birgt, und im Verborgnen treibt;

Im Frühling brechen dann vom Boden in zahllosen
Verwandlungen hervor die Flammen selbst als Rosen.

Die Gegend heißt davon das Rosenparadies;
Und jeder, wer sie sah, sagt, daß sie recht so hieß.

Und jeder, wer sie sah, muß preisend anerkennen,
Wie hell zu Gottes Preis die Rosenfeuer brennen;

Gelbblaues Nafta sich in Wangenroth verklärt,
Und Schwefelbrodem selbst nun Rosenodem nährt.

Die Rose bracht' ich mit von dort, sie ist verblüht,
Doch die verglomm'ne schürt noch Andacht im Gemüth.


3

In einem Garten sind drei ungebetne Gäste;
Die Äpfel fressen sie und brechen noch die Äste.

Der Gärtner wehrlos ist gewachsen nicht den drein,
Doch klug besinnt er sich die Eintracht zu entzwein.

Mit Neigen naht er sich und grüßt: ich wüßte gern,
Wer sind, die des Besuchs mich würdigen, die Herrn?

Ich bin ein Mann vom Schwert. Ich bin des Rechts gelehrt.
Ich, sprach der dritte, bin ein Kaufmann ehrenwerth.

„Ein Schurke bist du wol, die beiden Herrn in Ehren,
Die mir die Ehre thun im Garten einzukehren.

Der eine mit dem Schwert, der andre mit der Feder,
Beschützen Eigenthum und Recht, gleichtapfer jeder.

Wenn sie für ihren Schutz von meinen Äpfeln speisen,
So wollen sie mir ganz besondre Gunst erweisen.

Du aber, hast du hier gehandelt und gekauft?
Bezahlt zum mindsten nicht; nun zahlst du mir's gehauft.“

Der Gärtner rüstig faßt den Krämer an im Nu,
Und wirft zu Boden ihn, die beiden sehen zu.

Sie sehn unschlüssig zu, wie er ihn tüchtig preßt,
In Weidenstricken ihn geknebelt liegen läßt.

Und als er ausgeschnauft, wandt' er sich zu den beiden:
„Nun laßt uns ferner Recht und Unrecht unterscheiden.

Der edle Kriegsmann ist gewohnt an Kriegesbeute;
Es freut mich, wenn er heut sich meiner Früchte freute.

Du aber, welchen Anspruch hast du oder Titel?
Schwebt hier ein Rechtstreit ob, daß du dich schlägst ins Mittel,

Und nimmst in Voraus dir die Sporteln und Gebühren?
Laß sehn, ob ich nicht selbst kann meinen Rechtstreit führen!“ —

Er packt ihn wacker an, dem zweiten ist gethan
Alswie dem ersten, und der dritte siehts mit an.

Dann kehrt er ausgeschnauft zum dritten sich zuletzt:
„Meinst du, ein Räuber sei dem Krieger gleich gesetzt?

Wenn du ein Krieger bist, ist hier denn Feindesland?
Nun, wenn du dieses meinst, so fühl' auch Feindeshand!“ —

Er greift ihn tapfer an, und thut ihm wie den beiden;
Die Nachbarn ruft er dann, den Handel zu entscheiden.

Und als die Schädiger den abgeschätzten Schaden
Gegütet, läßt er sie aus ihrer Haft in Gnaden. —

Du fragst vielleicht, warum, wenn auch der Rechtsgelehrte
Sich schlecht gewehrt, sich nicht der Kriegsmann besser wehrte?

Ihm lähmte Schwert und Hand das Unrecht wol allein,
Das man zu fühlen muß kein Rechtsgelehrter seyn.


4

Die grösten Fürsten all, die auf des Ruhmes Bahnen
Bei Hindu's wandelten und bei den Muselmanen,

Sie hatten einen Brauch, mit abgelegten Zeichen
Des Standes unter'm Volk vermummt umherzuschleichen,

Um zu erfahren, was sie sonst nicht leicht erfuhren,
Was man von ihnen denk' in Hütten und auf Fluren.

Doch hielten sie dabei streng ein Gesetz, den Leuten
Nie das Verborgene verborgen anzudeuten,

Noch minder, in des Zorns und Ungestüms Entwallen,
Der Roll', in der sie aufgetreten, zu entfallen;

Still, was Ersprießliches sie hörten, zu ermessen,
Und was Verdrießliches, als Fürsten zu vergessen.


5

Mein Prinz! die Schmeichler sind gefährlicher als Raben,
Die pflegen Todten nur die Augen auszugraben,

Indeß der Schmeichler sie dem Lebenden entwendet,
Und den scharfsichtigsten mit falschen Künsten blendet.

Wer in der Jugend so hat das Gesicht verloren,
Erlangts nie mehr, und bleibt als sei er blind geboren.


6

Zum König sendet ein Erobrer die Gesandten,
Die fordern zum Tribut ihn auf als Schutzverwandten.

Da wollt' er seine Pracht recht ihnen lassen scheinen,
Und zeigte sich geschmückt mit Perl' und Edelsteinen.

Entlassen wollt' er sie von seinem Glanz geblendet:
Trägt solchen Schmuck der Mann, der euch verwegen sendet?

Sie sprachen: Solchen nicht, doch andern, auch wohl theuer;
Die Augen sprühen ihm, wie Edelsteine, Feuer;

Und wenn am Tag der Schlacht ihm wird die Stirne heiß,
Umdiademet ihn mit Perlentropfen Schweiß.

Wer solchen Schmuck trägt, ihm fällt leicht der andre zu,
Abfallend einem, der zur Schau ihn trägt wie du.


7

Der edle König kam an seinem Siegestag
Zur prächt'gen Gruft, in der sein Widersacher lag.

Da sprachen sie: Es ist nach unsres Königs Siege
Nicht Recht, daß so geehrt sein ärgster Todfeind liege.

Ausgraben soll man ihn und nebenaus ihn legen.
Der König aber sprach: Es soll ihn Niemand regen.

Im Todfeind gegen uns war Tod und Feind verbunden;
Nun hat der Tod den Feind, den Tod der Feind gefunden.

Laßt ihn nur liegen so! Was könnt' ich bessers haben,
Als läge jeder Feind so prächtig mir begraben!


8

Das Volk ist glücklich, des Mannsalter ist durchdrungen
Von unveraltenden Jugenderinnerungen;

Das, immer werdend, nie Gewordenes verliert,
Und sich aus eignem Grund stets höher umgebiert.

Sowie der Einzelne sich auch nur kann verjüngen,
Wenn sein Bewußtseyn ruht auf seinen Selbstursprüngen;

Wenn er die Ordnung fühlt, in der durch jede Wendung
Der Stufen sich sein Gang gesteigert zur Vollendung;

Fühlt, daß zur Ordnung selbst gehörten Störungen,
Und die Besonnenheit wuchs aus Bethörungen.

Wie sich viel Knoten- durch ein Rohr zur Reife drängt,
Ein Strom sein Bette durch beschäumte Felsen sprengt.

Zum Himmelspiegel ist zuletzt der Strom geworden,
Und würz'gen Markes voll das Rohr an seinen Borden.


9

Den heil'gen Weda wenn du liesest in der Nacht
Beim Schein der Lampe, sei der Lampe Schein bewacht,

Daß er nicht düster brenn' und daß er irr nicht flirre,
Daß dir's nicht dunkel sei, und daß dein Sinn nicht irre.

Auch sei nach außen hin ein Schirm gestellt vors Licht,
Damit kein Lüftezug es stör' im Gleichgewicht,

Auch nächt'ge Fliegen nicht und nächt'ge Schmetterlinge,
Verlockt von deinem Licht, versengen ihre Schwinge.

Denn weil du denkest den, der Leben hat gegeben
Den Wesen allen, soll verlieren keins das Leben;

Und nie gereichen soll geweihter Flamme Schürung
Zu Ungeweihter Tod, zu Schwacher Irreführung.


10

Den heil'gen Weda willst du lesen mit Ersprießen?
So jeder Störung mußt den Zugang du verschließen:

An einem reinen Ort sollst du den Sitz aufschlagen,
Wo fromme Blumen blühn und stille Bäume ragen;

Wo klare Wasser gehn, doch die nicht wallend brausen,
Wo frische Lüfte wehn, doch die nicht stürmend sausen.

Kein greller Vogelschall, kein thierisches Gestöhne,
Kein lauter Widerhall, kein menschliches Getöne;

Solang du lesest, sei die Luft im Gleichgewicht;
Hör' auf zu lesen gleich, sobald der Donner spricht,

Sobald der Regen rauscht, sobald der Sturm sich regt,
Sobald das Licht, bei dem du wachst, der Wind bewegt.

Nur wo des Flämmchens unbewegte Spitze brennt,
Da ist der Andacht, der Vertiefung Element.

Vom feuchten Dochte kehrt der Lichtblick sich nach oben;
So fühlt sich das Gemüth dem Irdischen enthoben.

Doch wo Natur fürs Ohr laut Gottes Lob anstimmt,
Da schweigt der Geist der Schrift, den nur der Geist vernimmt.


11

Im heil'gen Weda hat sein Wort Gott offenbart;
Doch sein Verständnis nun, wo ist es aufbewahrt?

Im Weda selber, der, in sich verständlich klar,
Zureichend sich aus sich erkläret immerdar.

Wol so von Ursprung klar ist Gottes Wort entfaltet,
Allein die Sprach', in der es spricht, ist nun veraltet.

Du, um sie zu verstehn, mußt sie erst übertragen;
Und ob den rechten Sinn du trafst, wer kann dirs sagen?

So scheint das heil'ge Wort zu rechten Sinns Erbeutung
Zu fordern fort und fort ein heil'ges Amt der Deutung.

Wer aber kann und darf nun führen dieses Amt,
Daß irdisch nicht entweiht sei, was vom Himmel stammt?

Zu Richtern wirft sich auf der Schriftgelehrten Zunft;
Doch wir empfehlen dir Schiedsrichterin Vernunft.

Und wer unfähig mit Vernunft ist zu vernehmen,
Mag unvernünftiger Auslegung sich bequemen.


12

Die Welt ist wirklich; nur ein Wirkliches allein
Bringt Wirkliches hervor, Gott muß drum wirklich seyn.

Die Welt ist Leben; nur Lebendiges allein
Kann Leben wirken, drum muß Gott lebendig seyn.

Der Geist des Menschen denkt; nur Denkendes allein
Kann Denken schaffen, Gott muß also denkend seyn.

Des Menschen Wille will; nur Wollendes allein
Kann Willen wirken, Gott muß selber wollend seyn.

Darum im heiligen Sanskrit, wie dir bekannt,
Ist er Swaiambhu, der Selbwesende, genannt;

Der Unbedingte, der sein eignes Seyn bedingt,
Selbst durch Hervorbringung der Welt hervor sich bringt.


13

Zu Gott gelangst du nicht im Wachen noch im Traum;
Er ist im Weltraum nicht, noch im Gedankenraum.

Du kannst die Grenze nicht des Denkens überschreiten,
Doch stehend an der Grenz', hinüber sehn vom weiten.

Und wie dein Auge sieht, was du nicht kannst ergreifen,
So kann dein höhrer Sinn ins Undenkbare streifen.


14

Im Kampf ist Welt und Ich, und nur in Gott ist Frieden,
Weil Welt und Ich in Gott nicht weiter sind geschieden.

Den Acker friedigst du von außen ein vorm Wild,
Doch unbefriedet bleibt im Innern dein Gefild.

Nicht durch Befriedigung befriedigst du die Triebe;
Zufriedenheit gibt nur die Friedlichkeit der Liebe.

Ihr habet oft den Witz misbraucht zu Krieg und Hader;
Doch seht, es hat der Witz auch eine Friedensader.


15

Der Fried' ist sprachverwandt wol mit der Freiheit auch;
Aus Blut des Freiheitkampfs erblüht des Friedens Strauch.

Die Freiheit macht dich frei, o Mensch, von der Natur,
Doch von der ew'gen nicht, von deiner eignen nur.

Gar mit der Freiheit nicht ist die Natur in Streit,
Nur Du Entzweiter hast die Himmlischen entzweit.

Nur du Versöhnter kannst die Himmlischen versöhnen,
Wenn Freiheit und Natur du neu vermählst im Schönen.


16

Erst baut Natur den Leib, ein Haus mit Sinnenthoren,
Worin ein fremdes Kind, der Geist, dann wird geboren.

Er findet Hausgeräth und braucht es nach Gefallen,
Und wenn er dann das Haus verläßt, wird es zerfallen.

Doch die Baumeisterin baut immer Neues wieder,
Und lockt den Himmelsgast zur ird'schen Einkehr nieder.


17

O Quelle, wenn du hier bewässert hast den Garten,
Fließ nur dem nächsten zu, der durstig auch wird warten.

Weil übern Berg das Licht des Morgens uns gekommen,
Rühmt sich der stolze Berg, es sei von ihm entglommen.

Die Sonn' auch prahle nicht, daß sie die Welt erhelle;
Sie schöpfet auch ihr Licht nur aus verborgnem Quelle.

Der Lehrer, den du lernst, war eines Lehrers Lerner;
Du bist nur einen Grad vom ersten Lehrer ferner.

Nicht das gedeiht zumeist, was man gepflegt mit Fleiß;
Stets das Lebendigste wächst ohne daß mans weiß.

Drum wechselt Tag und Nacht, weil bald Nachtthaubefeuchtung
Das Leben nöthig hat, bald Morgensonnerleuchtung.

Drum, weil er in der Nacht vergaß die alten Lieder,
Singt sie mit neuer Lust der Vogel täglich wieder.

Erinnrung dämmert mir, daß ich schon einst so sang,
Und immer neu Gefühl liegt in dem alten Klang.


18

Die Blumen blühn so schön noch wie vor tausend Jahren,
Und wir sind schlechter nicht als unsre Väter waren.

Die Blumen blühen jetzt nicht schöner als vor Jahren,
Und wir sind weiser nicht als unsre Väter waren.

Denn wo nur Himmelstrich und Jahrzeit es erlaubt,
Blüht Geist in Glanz getaucht, Gemüth von Duft bestaubt.


19

Solang es in dir stürmt, so tröste dich: Du bist
Auch eine Speich' am Rad, das stets im Wirbel ist.

Und ward es still in dir, so magst du sanftgerührt
Zuschauer seyn des Spiels, das dir die Welt aufführt.

Wenn als Mitspieler selbst du Beifall nicht erhieltest;
Du spieltest nicht umsonst, wenn dir zur Lust du spieltest.


20

Schauspielerin Natur tritt auf in allen Rollen
Vorm Geist, die täuschen ihn und ihn ergetzen sollen.

Und wenn sie sich erkannt in jeder Maske sieht,
Tritt sie beschämt zurück, und alle Täuschung flieht.


21

Der heil'ge Weda wird verglichen mit dem Euter
Der Kuh, verglichen wird der Melker mit dem Deuter.

Man melkt heraus soviel man braucht, und das ist gut;
Doch zuviel Melken melkt statt Milch am Ende Blut.


22

Ein königlicher Spruch von Sonnenschein und Gnade
Ist aufbewahrt: Die zwei bestralen Erdenpfade.

Weich macht die Sonne Wachs, doch Lehmen hart und trocken;
Die Gnade bessert den, die jenen macht verstocken.


23

Von einem Höfling wird erzählt auf diesem Blatte,
Daß klüger als er selbst der Hund war, den er hatte.

Von diesem immer ward, so oft er mußte kommen
Zum Dienst ins Fürstenschloß, das Hündlein mitgenommen.

Stets lief das Hündlein nach, bis daß einmal es zauste
Im Schloß des Fürsten Hund, davor ihm künftig grauste.

Seit folgt' es seinem Herrn nicht weiter als zur Pforte,
Und wartete, bis er herauskam, an dem Orte.

Da sprach der Hofmann selbst: Mein Hund ist viel gescheiter,
Daß er zur Pforte geht des Schlosses und nicht weiter,

Weil drin einmal gezaust ihm wurden Fell und Glieder,
Da ich, so oft gezaust, hineingeh' immer wieder.


24

So sprach der kluge Narr zu einer schönen Frau,
Die im geschmückten Kleid am Fenster stand zur Schau:

Wenn du für deinen Mann hast angethan den Putz,
So geh vom Fenster weg! wozu bist du hier nutz?

Als daß wir von der Gass' aufkehren unsre Blicke,
Uns stoßen an den Stein und brechen das Genicke!


25

Es ist ein kleiner Fürst im Land, den groß ich preise,
Den, weil er nicht will laut gelobt seyn, lob' ich leise.

Er hat die Fürstlichkeit erkannt in ihrem Wesen,
Und will den Titelprunk nicht hören und nicht lesen.

Die Schranken hat er weggehoben zwischen sich
Und seinem Volk, daß frei ihm nahn darf männiglich.

Er will den Zugang nicht zu seinem Ohr vertheuert,
Und die Erlaubnis ihn zu bitten, unbesteuert.

Er will beweisen, daß ein Fürst noch mit Vertraun
Kann auf sein Volk, ein Volk auf seinen Fürsten schaun.

O mög' er den Beweis, der noth thut, glänzend führen,
In dieser Zeit, wo sich des Mistrauns Feuer schüren.

Ihr größern, schaut auf ihn, und nehmt von ihm ein Zeichen!
Wie müßt ihr wachsen noch, wenn ihr ihn wollt erreichen!


26

Er hat in seinem Land das Glückspiel untersagt,
Durch das noch Niemand hat ein ernstlich Glück erjagt.

Er weist das wankle Glück von seinem Land zurück,
Weil selbst er ohne Wank will machen dessen Glück.


27

O wie kurzsichtig ist die Weisheit der Geschichte,
Von der du glaubst daß sie gerecht die Todten richte.

Zu wandeln lieb' ich nicht in diesem Pantheon,
Wo, wie hier außen, nur gereiht ist Thron an Thron.

Alsob nichts Großes sei, das nicht auf Thronen säße,
Sich innrer Menschenwerth an äußerm Glanz nur mäße.

Geh doch die Reihe durch der Einzigen, der Großen!
Wieviel sind die man nicht vom Throne sollte stoßen?

Daß Großes sie gethan mit großer Macht und Kraft,
Macht das auf ewig sie für Menschen musterhaft?

Wo ist, wenn du auch das willst ziehen in Betrachtung,
Ein Fünkchen Menschenlieb', ein Körnchen Menschenachtung?


28

Ich liebe nicht, daß ihr des Himmels goldne Thronen
Mit Königsnamen auch besetzt wie Erdenzonen.

Die Mächt'gen machen sich auf Erden breit genug,
Den Himmel ihnen auch zu räumen ist nicht klug.

Laßt dort nur ungestört Chimären und Zentauern,
Unthier' und Ungeheur, einmal verewigt, dauern.

Und wenn ihr füllen wollt noch leer gebliebne Strecken,
Schreibt deren Namen drein, die dort die Stern' entdecken;

Daß es der Erde sei ein Zeichen jede Nacht,
Daß droben höher gilt die Weisheit als die Macht.


29

Sieh, wie unmächtig sind, die nun im Lande walten,
Die neuen Fürsten, wenn man sie vergleicht den alten.

Der Fürst trat staunend an des Riesenbaues Rand,
Wo er in alter Schrift geschrieben dieses fand:

„Ich baute, wer darf einzureißen sich getraun,
Der thu's, weil leichter doch Einreißen ist als Baun.“

Berechnen ließ der Fürst die Schreiber alle Posten,
Was ihm der Riesenbau möcht' einzureißen kosten.

Doch weil die Kosten weit die Einkünft' überstiegen,
Ließ er die Trümmer stehn, bis sie der Zeit erliegen.


30

Die beiden Palmen, die dort alternd stehn beisammen,
Sie danken nicht ihr Heil dem Grund aus dem sie stammen;

Sie danken es dem Hauch des Himmels, Poesie;
Sie stehn, weil einmal sprach ein Dichter scheidend hie:

Ihr beiden Palmen, gebt mir euern Abschiedsgruß,
Weil ich von allem, was mir lieb ist, scheiden muß.

Nie rastet das Geschick, zu scheiden und zu trennen
Auf Erden alle, die sich lieben und sich kennen.

Ihr aber bleibet ungeschieden mir, ihr beiden!
Doch wird das Unglück auch einst kommen, euch zu scheiden.

Der Dichter sprachs, und gieng den schweren Abschiedsgang,
Doch in den Lüften hier blieb seines Liedes Klang.

Es gieng von Ohr zu Ohr das Lied, von Mund zu Munde,
Und nie droht' Axt und Beil dem heil'gen Palmenbunde.

Da kam der König her auf seinem Siegeszug,
Die Palme stand im Weg dem Wagen, der ihn trug.

Des Beiles Schärfe war schon angelegt dem Fuß;
Der Fuhrmann aber sprach des Dichters Abschiedsgruß:

Ihr Palmen bleibet ungeschieden mir, ihr beiden!
Doch wird das Unglück auch schon kommen euch zu scheiden.

Das war der beiden Heil; der König rief: halt ein!
Ich will das Unglück, das sie scheiden soll, nicht seyn.

Dem Dichterworte mag zur Ehre sich bequemen
Mein Siegeswagen wol, den Umweg hier zu nehmen.

Ihr aber steht, bis euch Sturm oder Alter bricht!
Das mag das Unglück seyn, von dem der Dichter spricht.


31

Hoch im Gebirge quillt aus einem Felsenspalt
Von wunderbarer Kraft ein Wasser süß und kalt.

Es quillt das ganze Jahr an einem Tag allein,
Und jeder wird geheilt, wer dann sich stellet ein.

Mehr oder minder quillt das Wasser nach der Zahl
Der Heilbedürftigen, die da sind jedesmal.

Stets minder Pilger sinds, die das Gebirg erstiegen;
Und wenn einst keiner kommt, so wird der Quell versiegen.


32

Nordöstlich im Gebirg liegt eine feste Stadt,
Worin ein eignes Volk sich angesiedelt hat.

Die glauben, daß ein Heil zukünftig sei den Frommen,
Und hoffen jeden Tag, der Heiland werde kommen.

Beim ersten Morgenstral besteigen sie das Roß,
In vollem Waffenschmuck, und reiten aus dem Schloß.

Entgegen reiten sie dem Kommenden mit Prangen,
Alsob sie seines Nahns Eilboten schon empfangen,

Alsob auf heute sei die Ankunft angesagt.
Und wenn nun, ohne daß er kommt, die Sonne tagt,

So reiten sie zurück, mit Trauer in den Mienen,
Und Klag' im Mund: Er ist heut wieder nicht erschienen.


33

Mit meinem Meister gieng ich pilgern über Land,
Wir wählten einen Baum zur Rast im Mittagsbrand.

Ein wilder Tiger kam vom Wald daher im Lauf,
Besinnungslose Furcht trieb mich den Baum hinauf.

Ich sah von obenher, wie jener drunten saß,
Und seinen Grimm vor ihm das wilde Thier vergaß.

Es wedelte geschmiegt alswie ein Hündlein zahm,
Und wandelte zurück zum Wald, aus dem es kam.

Ich stieg beschämt herab, wir aber zogen weiter,
Ein Obdach suchten wir bei Nacht als müde Schreiter.

Da war's nach Mitternacht, als eine Mücke stach
Den Meister, daß er stöhnt', und ich verwundert sprach:

Ein Tigerrachen ließ dich gestern unverletzt,
Wie nun verwundet dich ein Mückenstachel jetzt?

Er aber sprach: Das Herz hat zwei verschiedne Stände;
O glücklich, wenn es stets in einem sich befände.

Am Tage gestern war mein Herz im bessern Stand,
Es stand in Gottes, nun steht es in meiner Hand.


34

Den Meister sah ich Nachts, von einer Kerze Schimmer
Hell angeleuchtet, gehn gedankentief durchs Zimmer.

Den Boden schien er mit der Sohle nicht zu rühren,
Gespräche leise, die ich nicht vernahm, zu führen.

Aufschlug er dann den Blick, und als er stehn mich sah,
Sprach er: Bist du da? und ich sagte: Meister, ja.

„Wie lange?“ Lange schon. Dann sprach er weiter nichts:
Ich aber bat: O gib mir einen Stral des Lichts!

Er sprach: Ich war bei Gott, er hat mich eingeladen:
Zu wählen eine mir von seinen Wundergnaden;

Zu schweben in der Luft, zu wandeln auf dem Meer,
Zu sehn unsichtbares, und solcher Gnaden mehr.

Ich aber wählte mir von allem diesen Nichts,
Und war zufrieden mit dem Glanz des Angesichts.

Der Meister schwieg; ich sprach: Warum nicht wähltest du,
Ihn zu erkennen selbst? Da rief er laut mir zu:

Schweig! Ihn erkennen dürft' ich wollen? Nein, nein, nein!
Ich will nicht, daß Ihn wer erkenn' als Er allein.


35

Du hast auf stein'ger Höh mit Müh gepflanzt den Garten,
Und noch mühsamer ist der Wässerung zu warten.

Ich wünschte dir dazu solch einen Quell verliehn,
Wie der von dem ich las, selbst sah ich niemals ihn;

Der so willfährig ist, wie alle Elemente
Dem Menschen wären, wenn er erst den Zauber kennte.

Der fließt aus einer Schlucht, doch fließt nur wenn man will;
Und wenn man es befiehlt, so steht er wieder still.

Wer von den Nachbarn nun will seinen Garten wässern,
Der geht zum Quell hin nicht mit Näpfen oder Fässern.

Er geht nur hin und ruft laut in die Felsenschlucht:
Ich brauche Wasser, Quell! und nimmt sogleich die Flucht.

Alsbald kommt auf den Fuß die Flut ihm nachgeflossen,
Und hat aufs Gartenland befruchtend sich ergossen.

Und wenn hinreichend nun scheint die Bewässerung,
So gehst du hin zur Schlucht und rufst: Es ist genung!

Und stampfest mit dem Fuß dreimal. Auf dieses Zeichen
Alsbald siehst du die Flut zurück zum Quelle weichen.

Er sammelt wieder die entsandten Wasserschlangen,
Und hält im Schooß sie bis auf weiteres gefangen.


36

Wol Hirten seid ihr all, und wisset, jeder werde
Mir geben Rechenschaft von sich und seiner Herde.

Du König bist ein Hirt, der Volksherd' angestammt,
Und gibst mir Rechenschaft von deinem Hirtenamt.

Du Richter bist ein Hirt des Rechtes in dem Lande,
Und gibst mir Rechenschaft von deinem Hirtenstande.

Du Priester bist ein Hirt in meines Stalles Hürde,
Und gibst mir Rechenschaft von deiner Hirtenwürde.

Du Lehrer bist ein Hirt in Zucht und Unterricht,
Und gibst mir Rechenschaft von deiner Hirtenpflicht.

Du Krieger bist ein Hirt, und wachst für Schutz und Ehre,
Du gibst mir Rechenschaft von deiner Hirtenwehre.

Du Bürger bist ein Hirt im anvertrauten Gut,
Und gibst mir Rechenschaft von deiner Hirtenhut.

Du Vater bist ein Hirt, für Weib und Kind erlesen,
Und gibst mir Rechenschaft von deinem Hirtenwesen.

Du Diener bist ein Hirt für deines Herren Habe,
Und gibst mir Rechenschaft von deinem Hirtenstabe.

Wol Hirten seid ihr all, und wisset, jeder werde
Mir geben Rechenschaft von sich und seiner Herde.


37

Wer hier die Nachbarn hat, die stets mit ihm zufrieden
Gewesen sind, dem ist ein Platz bei Gott beschieden.

Wer hier nicht Frieden kann mit seinen Nachbarn halten,
Den nimmt man dort nicht auf, wo ew'ge Frieden walten.

Wer Zwietracht zwischen dir und deinem Nachbar stiftet,
Hat zwischen euch den Brunn, den beid' ihr trinkt, vergiftet.

Wer dich nicht kränkt, ist drum kein guter Nachbar noch;
Der ist es, der, von dir gekränkt, es bleibet doch.

Die Überlieferung sagt: Wer sinnet aufs Verderben
Des Nachbars, dessen Haus läßt Gott den Nachbar erben.

Es heißt auch im Gebet: Bewahr' uns Gott in Gnaden
Vor Nachbars Aug' und Ohr an Thor und Fensterladen.

Er sieht dir durch die Wand bis in des Hauses Mitte,
Und aus- und eingehn sieht er deine Tritt' und Schritte.

Das Gute das er sieht, das macht das Herz ihm wund,
Und was er Böses sieht, macht er den Leuten kund.

Ein leider Nachbar ist ein Leid, dem du nie fliehst,
Das leider jeden Tag du durch dein Fenster siehst.

Was hilft es, magst du Kraut in deinem Garten baun,
Wenn dir der Nachbar wirft sein Unkraut übern Zaun.

Warum verkaufest du dein Haus? fragt man den Mann.
Weil ich den Nachbar nicht, sprach er, verkaufen kann.


38

Der Neid verzehrt sich selbst, sollt' er nichts andres können;
Die rechte Misgunst ist, sich selbst nichts Gutes gönnen.

Drei Neider sind in Streit, wer könn' am besten neiden,
Und ihre Streitigkeit sollt' also sich entscheiden.

Der eine sprach: Vernehmt, wie weit mein Neiden gehe:
Ich gönn' es keinem, daß im Traum ihm Gut's geschehe.

Der andre sprach: Du bist noch gar zu schwach ein Ritter;
Ich gönn' es keinem, daß ihm Gutes dank' ein Dritter.

Der dritte sprach: Ihr seid allbeide viel zu gut;
Ich gönn' es keinem, daß er selbst mir Gutes thut.


39

Ein Reicher sah den Dieb, der an der Hand verholen
Trug einen Edelstein, den jenem er gestohlen.

Abnehmen wollte er den Schatz ihm vor Gericht,
Da sah dem armen Dieb er erst ins Angesicht;

Und sprach mitleidig so, als hätt' er ihn gekränkt:
Nicht wahr? ich habe dir den Edelstein geschenkt! —

O Mensch, wo hättest du dein Leben hergenommen,
Wenn du es nicht geschenkt hättest von Gott bekommen?


40

Bedachtet ihr einmal, was die Unsterblichkeit,
Nach der ihr trachtet, ist, ihr Könige der Zeit!

Denkmale stiftet ihr, Bildwerke, Riesenmauern;
Die Nachwelt staunt sie an, und dankt nicht den Erbauern.

Und wenn man fraget nach dem Namen, wird man sagen:
Hoch kam zu Ehren Stein und Erz in dessen Tagen.

War auch so wohlgefugt des Landes Lust und Glück,
Wie Stein und Erz, so ganz aus einem Guß und Stück?

Er hat die Ewigkeit gesucht in Stein und Erzen,
Und nach dem Denkmal nicht gefragt in Menschenherzen.

So sei auf ewig denn der Namen eingeschrieben
In Stein und Erz, anstatt in Herzen welche lieben.


41

Der König von Lahor', in seines Reiches Mitte,
Hat aus Freigebigkeit erfunden eine Sitte.

An jedem Monat läßt er sich einmal aufwägen
Mit Münzen groß und klein von eigenen Geprägen.

In eine Wagschal' ist er als Gewicht gethan,
Und in die andre Geld, genau auf Unz' und Gran.

Wenn einfach gnädig nur, ists Silber, wenn er hold
Besonders seyn will, wird gemischt darunter Gold.

Und soviel als er wog, soviel theilt er gewogen
Den Armen aus, davon wird ihnen nichts entzogen.

Die Armen beten, daß ihr Fürst auf seine Wage,
Statt jeden Monat, doch sich setz' an jedem Tage.

Sie beten, daß ihr Fürst fett werde, dick und schwer,
Der leider magrer wird und leichter immermehr.

Bald wird ein Federchen des Fürsten Leib aufwiegen,
Dann werden weder Gold noch Silber Arme kriegen.


42

Wer ist ganz ein Tyrann? Nicht, wer hat unterjocht
Ein freies Volk mit Macht; er that was er vermocht.

Nicht, wer sich selber sagt: Weil es die Freiheit liebt,
Muß es mich hassen; doch ihm nicht die Freiheit gibt;

Er hofft, daß ein Verein von Streng' und Mild' erringe
Das Ziel zuletzt, daß aus Gewohnheit Lieb' entspringe.

Wer aber, wenn sich ihm der Nacken sklavisch beugt,
Und Unterwürfigkeit ihm Hand und Mund bezeugt,

Zu sagen wagt: Ich weiß, daß euch die Liebe fehle
Zu mir, und diese Lieb' ists die ich euch befehle;

Der ist ganz ein Tyrann, der nicht Gehorsam still
Sich läßt genügen, und befehlen Liebe will.


43

Zum Flaschenkürbisse sprach stolz ein Küchentopf:
Wie bist du gegen mich ein unerfahrner Tropf.

Mich formte Fleiß und Müh, dem Nutzen hier zu dienen;
Du bist, ich weiß nicht wie, alswie aus nichts erschienen.

Die Sonne wärmte dich, weil mich das Feuer hitzte;
Im Schatten ruhtest du, weil ich am Herde schwitzte.

Und jetzt bist du herein, sag an wozu, gekommen;
Was nützest du, nachdem man dich vom Zweig genommen?

Der Flaschenkürbis sprach: Was ists worauf du pochst?
Ich kühle das Getränk, wenn du die Speise kochst.

Voll kühlen Saftes wuchs ich einst, nun ist die Höle
Gefüllt mit frischer Flut, Wein, Honig, Milch und Öle.

Zwei von ungleichem Stamm, sind wir an gleicher Stäte
Desselben Haushalts nur verschiednes Hausgeräthe.

Du ein Gefäß der Glut, ich ein Gefäß der Huld,
Ist unser Schicksal doch weder Verdienst noch Schuld.


44

Den Rosenzweig benagt ein Lämmchen auf der Weide,
Es thuts nur sich zur Luft, es thuts nicht ihm zu Leide.

Dafür hat Rosendorn dem Lämmchen abgezwackt
Ein Flöckchen Wolle nur, es ward davon nicht nackt.

Das Flöckchen hielt der Dorn in scharfen Fingern fest;
Da kam die Nachtigall und wollte baun ihr Nest.

Sie sprach: Thu auf die Hand, und gib das Flöckchen mir,
Und ist mein Nest gebaut, sing' ich zum Danke dir.

Er gab, sie nahm und baut', und als sie nun gesungen,
Da ist am Rosendorn vor Luft die Ros' entsprungen.


45

Das Höchste, was der Mensch erstreben soll und kann,
Erstreben kann und soll es doch nicht jedermann.

Die große Masse läßt am Boden sich genügen,
Und staunt den Wen'gen nach auf ihren Himmelsflügen.

Wenn der Brahmane, der Nichts Lebendes versehrt,
Und selbst im Schädlichen den Odem Gottes ehrt,

Allein im Lande wohnt'; es wäre längst indessen
Von Thieren groß und klein, und er mit, aufgefressen.

Drum wurzelt neben ihm fleischessende Gemeinheit,
Und der Gemeinheit Blüt' ist des Brahmanen Reinheit.


46

Ein weiser Mann, der sich den Bart lang wachsen lassen,
Gefragt, warum ers that? sprach: Mich daran zu fassen,

Zu fühlen dran, daß ich kein Weib sei und kein Kind,
Und Dinge nicht zu thun, die nur für beide sind.


47

Ein rechter Lehrer ist, wer pilgernd alle Stäten
Von Gangas Quellenmund hat bis ans Meer betreten;

An jedem heil'gen Strom, der in die Ganga mündet,
Hat im Gebet gekniet, und sich im Bad entsündet;

Und dann zur Einsamkeit den Duft zurückgebracht
Von Gottes Gnadenfüll' und seiner Schöpfung Pracht.

Und in der Einsamkeit das helle Bild entfaltet
Von Gottes Herrlichkeit, die durch die Schöpfung waltet.

Auf seines Mundes Wort mag wohl ein Schüler lauschen,
Vereinigt hört' er dort die heil'gen Ströme rauschen.


48

Ein Tröpfchen, das zurück blieb in der Opferschale;
Ein Körnchen Reißes unverzehrt beim Opfermale;

Ein Stäubchen Aschen, aufbewahrt vom Opferfeuer;
Die welke Blume, die gedient zur Opfersteuer:

Mit hoher Andacht nimm, mit tiefer Ehrfurcht du
Dergleichen, was dir gibt dein Lehrer, dein Guru.

Nicht unter schätze du's, nein über den Geschenken,
Die ein Verliebter nimmt zu Liebesangedenken;

In welchen Liebe glaubt das Höchste zu erbeuten,
Durch das nicht was sie sind, durch das was sie bedeuten.


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